Ausflug nach Leipzig (6)

Im Nachhinein habe ich mich gefragt, warum mir das „Museum der bildenden Künste Leipzig“ (MdbK) vor unserem Besuch im Stadtbild nicht aufgefallen ist. Die Antwort ist einfach: Das Museum scheint im Innenhof eines Gebäudeblocks errichtet zu sein, so daß man es von fern nicht sehen kann. Und wenn man direkt davor steht, ist es zu nah, als daß man die Größe des Gebäudes ermessen könnte. „… scheint im Innenhof …“, den Ausdruck habe ich bewußt gewählt, denn tatsächlich ist es genau anders herum: Als der Bau 2004 fertig gestellt war, stand er völlig frei, erst anschließend hat man die angrenzenden Gebäuderiegel so eng an das Museum gebaut, daß der Eindruck eines Innenhofs entsteht. Hier ist eine Luftaufnahme von 2006, hier eine, wie es heute aussieht.

Von außen ein langweiliger, schmuckloser, fensterloser Quader, entpuppt er sich von innen als ein großartiges Gebäude: Die Außenhaut ist aus Glas (oder einem anderen transparenten Material). Im Folgenden ein paar unkommentierte architektonische Eindrücke:

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Besonders stolz ist man natürlich, wenn man „Söhne“ der Stadt präsentieren kann: Der Maler und Bildhauer Max Klinger, der deutsche Vertreter des „Symbolismus“, ist in Leipzig geboren und wird entsprechend gewürdigt.

Symbolismus ist eine Kunstströmung des späten 19. Jahrhunderts. Anders, als andere Ismen der Kunstgeschichte (Impressionismus, Kubismus usw.), erkennt man den Symbolismus nicht an der stilistischen Ausführung, sondern an der inhaltlichen Aussage. Stilistisch unterschiedliche Künstlergruppen (z.B. Nabis, Präraffaeliten, Jugendstil) und Künstler (Gaugin, Edvard Munch, sogar der Surrealist Max Ernst u.a.) werden ihm zugerechnet. Der Symbolismus ist – ähnlich wie die Romantik – eine Reaktion auf die Aufklärung: Naturalismus und Realismus lehnte man ab, wichtig und richtig waren stattdessen folgende Themen: Gefühle, (Alb-)Traum, Tod, Religion, Naturmystik, Tod und Eros in Verbindung zueinander, Phantasie, also alles, was pure Rationalität in Frage zu stellen scheint.

Was ist jetzt an Klingers Beethovenskulptur symbolistisch? Der Komponist sitzt auf einem Thron, umgeben von Puttiköpfen (=Engel) und einem Adler, dem deutschen Wappentier: Das Genie, eine herausragende, göttliche Gestalt, deren Fähigkeiten man sich nicht nur nicht erklären, sondern nur bewundern kann, und die darüber hinaus ein Beispiel germanischer-genialer Möglichkeiten repräsentiert – so kann man das lesen. Thomas Mann setzt noch eins drauf zur Mythenbildung: Der kleine, schwache Mensch, der durch die Überwindung von Schwäche und Leid zu einem Helden wird – und was tut? „… sich inbrünstig concentrierend, die Fäuste ballt“. Meine Herren, ich bin schwer beeindruckt! Und dann? Windet sich der Komponist unter Schmerzen, die Wehen setzen ein, pressen pressen, atmen nicht vergessen – und da ploppt es aus ihm heraus, hurra, Freude schöner Götterfunken: Es ist ein Mädchen, die Neunte!

Ein Rationalist würde sagen: Beethoven war ein Mensch wie jeder andere, der gegessen, gepupst und geschlafen hat wie wir alle, und darüber hinaus das Privileg hatte, seinen Lebensunterhalt mit seinen Neigungen und Talenten bestreiten zu können, und der gekonnt Musik komponiert hat.

Ah! – freudig überrascht, das habe ich nicht erwartet: Vermutlich das bekannteste Bild des (deutschen) Symbolismus weltweit hängt hier in Leipzig, besser gesagt, ein Version davon:

„Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin, ein Zeitgenosse Klingers. Es gab fünf Versionen, eine ist verbrannt. Diese ist die fünfte.

Der Symbolismus ist normalerweise nicht lustig. Aber man kann nicht behaupten, daß seine Maler durchgängig keinen Humor hatten: Ausschnitt aus dem Bild „Der Tod am Wasser“ (ca. 1880) von Max Klinger.

Wir schlendern weiter, es gibt viel zu sehen, alle Kunstepochen sind abgedeckt – viel zu viel für einen einmaligen Besuch.

Dahinten lockt Licht:

Pappfiguren, die in Seilen hängen: Das Werk heißt „Auswildern“ und ist von Sighard Gille. Glücklicherweise gibt es eine Erklärung dazu: „Das allgemein verbindliche WIR verschwand nach dem Mauerfall. Jeder mußte sich fortan auf seine eigenen Kräfte besinnen. 1990 thematisierte Sighard Gille dieses Ereigniss und deren individuelle Ausprägungen mit einer vielfigurigen Installation aus lebensgroßen und an Tauen kletternden Figuren aus Pappmasché. Er installierte sie damals für eine Ausstellung in der Mittelhalle der HGB Leipzig. Nicht jeder hat es geschafft, die Seile emporzuklettern; manche scheitern und kehren um, manche konnten den Boden nicht verlassen, andere wiederum verharren an der Position, die sie erreicht haben.“ So einfach kann eine Interpretation sein.

Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553), von dem es hier einige Werke gibt, gilt als einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Renaissance – für mich schon immer unverständlich, denn verglichen mit seinem Zeitgenossen Albrecht Dürer hatte er eindeutig zeichnerische Defizite. Bei den Herrschenden seiner Zeit war er sehr beliebt, und auch heutige Museen sind stolze Besitzer seiner Werke. Er hatte nicht nur eine gutgehende Werkstatt, sondern war auch Weinhändler, Apotheker, Buch- und Papierhändler und Verleger.

Großartig! „Verdammnis“ von Balthasar Permoser (1651-1732), ein Bildhauer des Barock, aus einem Marmorblock gehauen. Der Gesichtsausdruck erinnert mich an ein anderes Kunstwerk, an Papst Innozenz X. von Francis Bacon, ein Maler Mitte des 20. Jh.

Ups – Fütterungszeit? Bitte, nach Ihnen (ehrt das Alter!)

Der Raum war eigentlich gesperrt, die Stehtische trugen schon ihre Hussen und warteten auf geladene Gäste. Die Museumsangestellte war wirklich freundlich, wir durften schnell ein paar Fotos machen (zum Bild: Links steht ein Spiegel an der Wand, in den ich hineinfotografiert habe). Dem T-Rex läuft eine rote Flüssigkeit aus dem Maul in einen Eimer hinein.

Man traut sich was in diesem Museum: Pop Art und Biedermeier bunt gemischt. Warum nicht, nur so entstehen neue Zusammenhänge (oder sie bleiben aus, aber auch das ist ja eine Erkenntnis).

Es wäre ein Wunder, wenn man keins seiner Bilder hier finden würde: Neo Rauch, der bekannteste Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ – so werden die Künstler bezeichnet, die in der „Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig“ (HGB) studiert und nach der Wende internationalen Erfolg hatten. Ich finde seine Bilder etwas befremdlich, auf mich wirken sie oft kühl und bedrohlich, und da andere Bilder fast nie eine solche Wirkung auf mich haben, fühle ich mich gleichzeitig zu ihnen hingezogen (neulich habe ich mal den Ausdruck „lynchesk“ gelesen, bezogen auf den Filmemacher David Lynch, der fällt mir hier ein … aber das jetzt zu erklären würde zu weit führen).

Arno Rink (1940-2017), Vertreter der alten „Leipziger Schule“ aus den 70er und 80er Jahren und Professor/Rektor an der erwähnten Hochschule: Ich kannte ihn (also seine Arbeiten) bisher noch nicht und bin begeistert. Die Sonderausstellung behandelt sein Werk. Oben: Ein düsteres Selbstbildnis von 2002.

Extra leicht schräg fotografiert, damit man die Größe erkennt: „Canto libre“ von 1977. Sozialistischer Realismus sieht anders aus – das nur zu dem Vorurteil, in der DDR sei jegliche Kunst staatlich reglementiert gewesen (vielleicht hat man es versucht, aber offensichtlich erfolglos).

Ein Selbstbildnis. Daneben steht ein Text: „… Rink war der einzige Rektor einer Kunsthochschule auf dem Staatsgebiet der ehemaligen DDR, der nach der Wende in seinem Amt bestätigt wurde, während viele seiner Mitarbeiter und Kollegen um ihre Entlassung fürchten mussten. Darüber hinaus war er verantwortlich für sämtliche Reformprozesse der HGB, die einschneidende, mit persönlichen Schicksalen verbundene Konsequenzen hatten. Zur Abstimmung wurde er immer wieder zu Gesprächen nach Dresden gerufen, die verhörartig abliefen und von Arno Rink als traumatisch empfunden wurden. Jedes Porträt der Werkreihe „Ministerprotokolle“ steht für ein solches Gespräch und ist Ausdruck seiner Seelenqualen.“

Wer stellt da die Frage, das Museum selbst? Kann ich mit einem klaren Ja beantworten, würde ich in der Nähe wohnen, wäre ich ganz sicher öfter hier.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (5)

Ich mache einfach da weiter, wo ich letzten September aufgehört habe. Den vorhergehenden Eintrag findet ihr hier. (Zur Vergrößerung der Bilder: Rechter Mausklick aufs Foto, dann „Grafik anzeigen“ anklicken.)

Leipzig ist eine Bücherstadt: Es gibt beneidenswert viele Antiquariate. In Köln haben die meisten in den letzten Jahren nach und nach geschlossen.

Vielleichts liegt’s an der Buchmesse: Die Leipziger Buchmesse gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert, sie überflügelte bald die ältere Frankfurter Buchmesse an Größe und an Bedeutung (die Frankfurter hatten schwer unter der Gegenreformation zu leiden: Lesen klärt die Leute auf, und das war noch nie im Sinne des katholischen Klerus). Erst nach dem 2. WK kehrte sich das Verhältnis um. Trotz (oder wegen?) einer stark reglementierten Bücher-Politik während der DDR-Zeit verlor die Leipziger Buchmesse nicht ihre Bedeutung, und heute ist sie mit ihren zahlreichen Veranstaltungen ein Publikumsmagnet.

Die vielen Passagen in der Stadt haben mit der Entwicklung Leipzigs als Messestadt zu tun: Mustermessen, wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit 1895 (übrigens eine Leipziger Erfindung), in den Jahrhunderten vorher mußten die Hersteller ihre Waren, die sie das Jahr über hergestellt hatten, sämtlich mit zur Messe schleppen. Da das Messehaus schnell voll war, wurden die Waren in den Gassen der Innenstadt ausgestellt und waren somit natürlich Wind und Wetter ausgesetzt. Also fing man an, die Gassen zu überdachen – voilà, Passagen entstehen. In Leipzig gibt es sie in allen Formen, als einfachen Durchgang …

… als mittelprächtige Geschäftspassage …

… und als aufpolierten Ort für Luxusgüter: Die berühmte Mädlerpassage …

… für Leute mit gehobenen und relativ sinnfreien Ansprüchen.

Das Café Mephisto heißt so, weil sich im Untergeschoß der Passage das aus Goethes Faust bekannte Restaurant „Auerbachs Keller“ befindet, da liegt es nahe, sich touristisch als Ersatz anzubieten („Auerbachs Keller war uns zu teuer, aber wir haben im Mephisto einen Kaffee getrunken“. Haben wir gar nicht, aber so könnte es in vielen Erzählungen lauten). Und vielleicht schmeckt es da ja auch ganz gut.

Und da steht er, zusammen mit seinem Opfer Dr. Faust, und versucht, ihm eine Handtasche für das Gretchen anzudrehen.

Kann man sagen, daß Kaufhäuser Weiterentwicklungen von Passagen sind? Im Kaufhaus Ebert, als das dieses Gebäude 1904 errichtet wurde, stapelte man die Waren auch, aber man legte Wert darauf, zu versichern, daß es keinesfalls Ramschware war, denn die anvisierte Kundschaft waren nicht etwa die Massen, sondern die neue Gesellschaftsschicht, die es im 19. Jahrhundert zu Wohlstand gebracht hatte, das Bürgertum. Und diesem Umstand ist es vielleicht geschuldet, daß man auf den Prunk des Barock und gleichzeitig auf die Modernität des Jugendstils in der Architektur des Gebäudes nicht verzichten wollte. Seltsame Mischung. Seit der Wende hat die Commerzbank hier eine Filiale.

Die beiden Figuren links und rechts der Eingangstür sind Allegorien zweier Todsünden: Superbia (Hochmut, Stolz, Eitelkeit) und Luxuria (Wollust, Ausschweifung, Genußsucht) – auf den ersten Blick eine seltsame Einladung für einen Konsumtempel. Ich vermute, das ist dem Protestantismus geschuldet – es ist eine Warnung: Bitte sehr, hier ist viel Geld im Umlauf, das wollen wir nicht verhindern, aber wundert euch nicht, wenn ihr dafür in der Hölle landet (erinnert mich an die Warnungen auf Zigarettenschachteln). Tja, so sind sie, die Evangelen. Für die Commerzbank sind die Allegorien natürlich gar kein Problem, die Banker von heute verstehen solche Figuren nicht als Warnung, sondern als Aufforderung.
Die Vergoldung ist übrigens eine Auflage des Denkmalamtes Mitte der 90er Jahre.

In Leipzig mag man offenbar die Vermischung ganz unterschiedlicher architektonischer Stile. Was ist das für ein schwarzer Bau da im Hintergrund?

Ein neues Universitätsgebäude, erst 2018 fertig geworden (das scheint ein Trend zu sein – die neue Universitätsbibliothek in Freiburg ist auch so ein schwarzes Ungetüm). Hinter dem Kirchenfenster befindet sich die Aula, die auch für kirchliche Zwecke genutzt werden kann. Ganz früher stand hier tatsächlich mal eine Kirche, die im 2. WK zerstört wurde. Die DDR setzte ein Verwaltungsgebäude an die Stelle, das nun dem Neubau weichen mußte. Die Nicolaikirche ist keine fünf Minuten entfernt, aber kann ja sein, daß mal ein Kirchenraumengpaß entsteht …

Der Innenhof. Ich zähle fünf verschiedene Architekturstile, aber den Studierenden ist es gleich. Wenn die Bäume mal groß sind, ist es bestimmt ganz gemütlich.

Zur  Universitätsbibliothek sind es ein paar Minuten mit dem Fahrrad, denn sie liegt im sogenannten Musikerviertel, das so heißt, weil die Straßen nach Komponisten benannt sind.

Ah – das lobe ich mir: Herrschaftsarchitektur, demokratisiert.

Ausgerechnet hier war der Hebel meiner Kamera verstellt, so daß meine Fotos alle unscharf sind. Vielen Dank an meine Begleiterin, die mir mit den letzten drei Bildern ausgeholfen hat.

Im Musikerviertel gibt es noch viele Altbauten, aber auch sowas – muß nicht schlecht sein, darin zu wohnen, wenn der Schallschutz ausreichend ist. Von hier aus ist es nicht weit zur …

… langen Karl-Liebknecht-Str., an der es sogar noch unrenovierte Häuser der Gründerzeit gibt. Aber das ist nur eine Frage der Zeit, die Stadt wächst an Einwohnern, und das ist die beste Voraussetzung für Gentrifizierung.

Es ist eine angesagte Gegend: Viele Kneipen, Cafés, Imbisse und Restaurants zeugen von viel Leben, jedenfalls abends. Tagsüber ist nicht viel los.

Ob es hier Broiler gibt? (- das einzige DDR-Gericht, das ich kenne).

 

Der Künstler heißt Michael Fischer, aber da es diesen Namen gibt wie Sand am Meer (ein Freund von mir heißt zufällig auch so), nennt er sich Michael Fischer-Art. Ein weiteres Werk findet man …

… in der Innenstadt. Man könnte meinen, der Künstler käme aus der Graffiti-Szene, das ist aber wohl nicht der Fall.

„Wir sind das Volk!“ – heute leider von den Rechten mißbraucht, ist dieser Satz die Parole zur friedlichen Revolution 1989.

Die Nicolaikirche. Schon 1982 fanden hier regelmäßig öffentliche Friedensgebete statt, denen 1989 die Montagsdemonstrationen folgten.

Innen ist die romanisch/gotische Kirche unerwartet hell (was nicht nur daran liegt, daß wir tagsüber drinnen waren): Der Innenraum wurde Ende des 18. Jahrhundert nach der damaligen Mode klassizistisch ausgestaltet. Sowas würde man heute nicht mehr machen, aber ich finde es ganz gut gelungen.

Besonders auffällig: Die Palmenkapitelle auf den Säulen – habe ich sonst noch nirgendwo gesehen.

In den 90ern hat man eine Replik einer Säule auf den Kirchplatz gestellt, als Denkmal für die Zeit, als man die Aktionen aus der Kirche hinaus in die Stadt getragen hat.

Eine interessante, lebendige Stadt – wir müssen nochmal wiederkommen.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (4)

Bitte sehr: Leipziger Räbchen. Eierkuchen mit Pflaumen und Marzipan, Vanille-Zimt-Soße und Sahne. Sehr lecker, aber nicht billig, gibt es im …

… Café Kandler. Kann ich empfehlen.

Leipzig teilt das Schicksal vieler Großstädte in Deutschland: Im 2. WK zum großen Teil zerstört (hier zu 50 Prozent), und den Rest erledigten Architekten und Stadtplaner. Gut, das letzte ist übertrieben, es gibt überall schöne Ecken, aber meist haben die Stadtplaner die großflächigen Zerstörungen dafür genutzt, die Städte autogerecht zu gestalten. Die Leipziger Innenstadt (ein wirklich nur sehr kleiner Teil der Stadt) ist weitgehend autofrei. Vorm Rathaus ist ein großer Platz, an dessen Ränder es viele Geschäfte und Gastronomie gibt, und der selbst auch für Wochenmärkte dient. Insgesamt macht die Innenstadt einen sehr lebendigen Eindruck, weil die Mischung stimmt: Natürlich viele Touristen, aber auch ganz normale Einwohner und Studierende bevölkern sie Straßen, als Tourist hat man zu keiner Sekunde das Gefühl, man sei in einem Museumsstadtteil (ganz anders als beispielsweise in der Altstadt innerhalb der Innenstadt von Köln). Oben die Fassade des Rathauses – ist ein Fake, eine Plane, hinter der gerade gewerkelt wird, die aber, so versicherte man uns, genauso aussehen soll wie das Original.

An Architektur findet man alles, was die Architekturgeschichte hergibt, vieles ist nach der Einverleibung der DDR restauriert worden. Viele Gründerzeitbauten (um 1900), die inzwischen vielfach zu den auch hier begehrten renovierten Altbauwohnungen aufgewertet wurden. Die Stadt wächst – inzwischen sind es ungefähr 700.000 Einwohner, mit steigender Tendenz – und damit auch die Mieten, dennoch beträgt die durchschnittliche Miete ein Drittel von der in München. Noch. Links ist das eine Ende des Barfußgäßchens …

… hier das andere. Sieht doch ganz gemütlich aus.

In der Gasse ist es allerdings recht eng, ein Restaurant reiht sich ans nächste, der Platz ist optimal (im Sinne der Betreiber) ausgenutzt.

Ein paar Gehminuten entfernt sieht es so aus: DDR-Tristesse. Hier kommt auf kleinem Raum wirklich alles zusammen.

Das Café Riquet, ein Jugenstilgebäude von 1909. Die Firma besteht schon seit 1745, sie produziert und vertreibt Kakao, Schokoladen, Pralinen und Bonbons, außerdem handelt sie mit Tee und Orientwaren – daher die Elefanten. Wir waren nicht drin, bei über 25 Grad wollten wir draußen sitzen, aber für den nächsten Besuch ist es vorgemerkt.

Wenn man vom Rathausmarkt kommt, sieht das Gebäude so aus: Nach links merkwürdig abgeschnitten. Ich habe recherchiert und folgendes Foto gefunden:

Quelle Originalbild: Deutsche Fotothek

Da, wo der Zeitreisentourist vorm Tor steht, war das Haus „Deutrichs Hof“ direkt am Riquet-Haus angebaut. Oder umgekehrt, denn „Deutrichs Hof“ ist sehr viel älter. Das Gebäude wurde im 2. WK weitgehend zerstört, später hat man es ganz abgerissen. Völlig unverständlich, daß sich an dem Ort heute immer noch nur ein Parkplatz befindet. (Wenn bei euch auch Zeitreisentouristen auftauchen, das muß euch nicht beunruhigen: Zeitreisentouristen reisen immer mit ungefähr einer zehntel Sekunde Verspätung, als die tatsächliche Zeit abläuft, deshalb sieht man sie normalerweise nicht (verständlich, würden sie doch die jeweiligen Zeitgenossen sehr verwirren) – nur in Fotos mit Langzeitbelichtung, wie es früher üblich war, flackern sie manchmal auf. Da es ja heutzutage noch gar keine Zeitreisen gibt, müssen sie aus der Zukunft kommen. Obwohl – der Typ mit dem roten Schirm kommt mir bekannt vor …).

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (3)

Als Johann Sebastian Bach 1750 starb, war er 27 Jahre lang als Thomaskantor in Leipzig beschäftigt gewesen und hatte über tausend Werke komponiert. Als Thomaskantor war er zuständig für die Musik. Nicht nur wurde von ihm erwartet, daß er zu jedem Sonn- und Feiertag ein neues Werk aufführte, er mußte sich auch darum kümmern, daß die Musiker und der 93-köpfige Thomanerknabenchor die Stücke einübten. Nach seinem Tod vergaß man ihn schnell: Der Thomaskantor ist tot – es lebe der neue Thomaskantor, in dessen Arbeitsbeschreibung stand, daß er nun seinerseits neue Werke zu liefern hatte. Daß man Bachs Musik nicht mehr spielte, war nicht etwa eine Mißachtung seiner Kunst, es war einfach nicht üblich, Musik von früher aufzuführen. Außerdem galten schon zu seinen Lebzeiten seine Kompositionen als altmodisch, die Leute wollten lieber elegantere Musik hören, melodiöser und eingängiger als die strenge Kontrapunktik des Barock.

Folgende Legende habe ich mal gehört: Ungefähr 70 Jahre nach Bachs Tod entdeckte der Koch des Haushalts des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, daß der Fisch, den er auf dem Markt gekauft hatte, in beschriebenem Notenpapier eingewickelt war. Er zeigt das seinem Hausherren, und der erkannte sofort die Qualität der Kompositionen, was schließlich zu einer Wiederaufführung der Matthäuspassion im Jahre 1829 führte – und anschließend zu einer Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert. Schöne Geschichte, aber vermutlich stimmt sie nicht – so ganz war Bach nie vergessen, seine Schüler hielten die Tradition wach, und seine Klavierwerke wurden als Übungsstücke für Musikschüler benutzt. Aber unstrittig ist, daß es hauptsächlich Mendelssohn Bartholdy zu verdanken ist, daß Bachs Musik in die Konzertsäle und Kirchen zurückkehrte.

Gegenüber der Thomaskirche gibt es ein Bach-Museum, man kann durch die Räume wandeln, in denen Bach – nicht gelebt hat, denn da man keinen Grund sah, von einem verstorbenen Thomaskantor irgendwas aufzubewahren, steht auch sein Wohnhaus nicht mehr. Aber zufällig hat das Haus seines Nachbarn alle Unbillen der Geschichte überstanden, weshalb man kurzerhand das Museum hier unterbrachte. Man betont gern, daß Bach und sein Nachbar sich gut verstanden haben, also – hey, was soll’s, so groß wird der Unterschied zwischen den beiden Häusern nicht gewesen sein. Und außerdem war er hier ja mal tatsächlich zu Besuch. Vermutlich. Im Museum gibt es wenig Museales zu sehen …

… hier eine alte Orgel, da eine alte Truhe, die im Besitz der Familie Bach gewesen sein soll, und das war es auch schon, keine Zahnbürste, kein original Taktstock des Meisters, worauf ich allerdings auch gut verzichten kann. Das Erbe Bachs ist glücklicherweise immateriell, und das hat man im Museum auch erkannt: Sein Leben wird nachvollzogen in Schautafeln und Diagrammen, das ist durchaus interessant, darüber hinaus sind in fast allen Räumen Klangbeispiele seiner Musik hörbar, man kann viele Knöpfe drücken und damit Lautsprecher aktivieren oder sich Kopfhörer aufsetzen. Der Besuch lohnt sich, wenn man die Musik mag.

Und aus dem Fenster hat man einen schönen Blick. Da unten gehen wir gleich Kaffeetrinken.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (2)

Am Tag unserer Ankunft spielte am späten Nachmittag das Bläserquintett des Gewandhausorchesters ein Willkommenskonzert nur für uns. Das nenn ich Service. Wir hatten nichts dagegen, daß auch ein paar andere Leute zuhören, im Gegenteil: Die Kammermusikinstrumente waren eigentlich zu leise, auch wurde kein Bach gespielt, sondern Mozart, Danzi und anderes Seichtes, und als wir unser Bier ausgetrunken hatten, war uns ein wenig langweilig. Durch die vielen Zuhörer fiel es nicht weiter auf, daß wir uns verdrückten …

… um uns die Thomaskirche anzusehen: Ein großartiges Netzgewölbe. Die Orgel ist allerdings nicht mehr die, an der Bach gesessen hat.

Merkwürdigerweise stehen die ersten Bänke längs zum Chor – sowas habe ich noch nie gesehen, die Kirchenbesucher sitzen sich gegenüber. Das erinnert mich an ein Sartre-Stück, das ich mal in einem kleinen Theater besucht habe, da war die Bühne in der Mitte, und die Zuschauer in zwei großen Blöcken links und rechts mußten die Blicke von gegenüber aushalten – geschickt gemacht, denn die Quintessenz des Stücks war: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Hier liegt er nun, bzw. seine Gebeine, der größte Komponist, den die Welt je gesehen hat, Johann Sebastian Bach (1685-1750). Obwohl, ganz sicher ist man sich da nicht, es bestehen sogar erhebliche Zweifel: Bach wurde erst normal auf einem Friedhof begraben. Nachdem man ca. 100 Jahre später seine Bedeutung erkannt hatte und 1894 ein Umbau des Friedhofs und der angrenzenden Johanniskirche anstand, exhumierte man die Knochen, die da lagen, und ein Gutachter (ein Anatom) bestimmte, welche von Bach sein sollten, um sie in der Kirche unter dem Altar zu deponieren. Nach der Zerstörung der Kirche im 2. WK wurden sie schließlich 1950 zum 200. Todestag des Komponisten in der Thomaskirche beigesetzt. Ich finde, man sollte das nicht weiter untersuchen. Die Ehrung und Verehrung zählt, darauf kommt es an.

In diese Damen habe ich mich fast ein bißchen verguckt – selten, daß eine Frau so forschend, neugierig und selbstbewußt aus einem alten Bild dem Betrachter direkt in die Augen sieht. Der Ausschnitt stammt aus …

… einem merkwürdigen Bild, das relativ unbeachtet an einem Pfeiler der Kirche hängt: Drei Männer, jede Menge Nonnen und Kinder? Was soll das? Wenn ein Kunsthistoriker nicht weiter weiß, sucht er nach einem ähnlichen Bild, das eventuell besser dokumentiert ist, vergleicht und versucht, Schlüsse daraus zu ziehen. Der Fachmann nennt das „vergleichendes Sehen“.  Das habe ich gemacht, herausgekommen ist folgendes:

Höchstwahrscheinlich sind die drei Männer vermögende und hochangesehene evangelische Bürger der Stadt Leipzig – keine Adligen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie verwandt wären und unter einem Dach lebten. Um ihr Seelenheil und das ihrer Familie besorgt, haben sie eine große Summe Geld zum Aufbau oder zur Renovierung der Kirche gespendet. Die Frauen sind keine Nonnen, sondern die Frauen des Hausstands, die (hier wird es wirklich ganz vage) nicht alle so fromm und unterwürfig sind, wie die Herren es gern hätten. Ich vermute, das Bild ist in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert entstanden.

Geholfen hat mir ein Bild, das ich zufällig am nächsten Tag im „Museum der bildenden Künste“ sah:

Es ist von Lucas Cranach d.J. aus dem Jahr 1557. Es ist nicht nur ein typisches Stifterbild, wie es häufig vorkommt, also Christus am Kreuz als Hauptthema, im Hintergrund Szenen aus seinem Leben und vorn unten, bedeutungsperspektivisch verkleinert, der Stifter des Werkes und seine Familie, nein, es ist auch ein antikatholisches Triumphbild.

Hinter den Köpfen des Stifters und seines mutmaßlichen Schwiegersohnes sieht man, wie Jesus dem Teufel den letzten Stich verpaßt – der Teufel trägt eine Papstkrone, aus seinem aufgeschlitztem Bauch quellen katholische Würdenträger heraus (ich sehe da einen gewissen Humor, aber das liegt vermutlich an mir).

Die Frauen, deren Aufzug auch in diesem Bild an Nonnen denken läßt, sind ganz sicher keine – die Kragen sind ornamentiert, wie es sich für einen Nonne nicht schickte, und überhaupt, die Anwesenheit von Nonnen würden hier gar keinen Sinn machen, da der Stifter ja für seine ganze Familie ein Seelenheilverbesserung wünscht. Daraus schließe ich, daß in einem sittsamen, frommen evangelischen Haus die Frauen sich relativ schmucklos zu kleiden hatten.

Das Bild in der Kirche ist also wahrscheinlich auch ein Spenderbild – die Anordnung der Figuren ist ja die selbe wie hier. Allerdings fehlt dort das gespendete Werk, daher meine Annahme, daß die Spende der Kirche selbst galt. Daß es sich um Leipziger Bürger handelt, sieht man an dem Wappen rechts: Der Löwe ist das Wappentier der Stadt.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (1)

„Wo bleiben die Einträge“, mahnt meine Begleiterin, wir seien schon seit fünf Wochen zurück aus dem Urlaub. Aber 2.000 Fotos, die müssen erstmal in die richtige Reihenfolge gebracht werden, bevor ich sie zeigen kann. Und da die Leser bestimmt nicht alle sehen wollen, muß ich auch ein paar aussortieren, sogar so viele, daß die Leser nicht entnervt aufgeben. Papperlapapp, sagt meine Begleiterin, wer wegklickt, hat seine Gründe, egal, wieviele Fotos gezeigt werden. Hm – da hat sie recht. Ich fang einfach mal an, mit dem Bahnhof, der zwischen 1902 und 1915 geplant und gebaut wurde.

Ein Kopfbahnhof hat den Vorteil, daß er weniger Platz braucht als ein Durchgangsbahnhof, und daher weiter in die Stadt hinein gebaut werden kann. Wenn zur Ausfahrt der Züge erstmal die gleichen Gleise benutzt werden können wie zur Einfahrt, hat man einige Bahntrassen gespart, die sonst städtischen Grund belegen würden. Da hat der Stadtrat doch eine weise Entscheidung getroffen.

Darüber hinaus gab es politische Gründe, deren Folgen man noch heute am Gebäude ablesen kann: Eine schöne, große, protzige Bahnhofshalle. Verrückterweise gibt es davon noch eine zweite, in den gleichen Ausmaßen, beide verbunden durch eine große Querhalle (die heute ein mehrstöckiges Einkaufszentrum beherbergt). Das kam so: Nachdem die Eisenbahn erfunden worden war, erkannten viele Leute, daß man damit viel Geld machen kann, und so entstanden viele private Eisenbahngesellschaften, die miteinander konkurrierten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es allein in Leipzig fünf Fernbahnhöfe. Nach dem üblichen Verdrängungswettbewerb blieben noch zwei Eisenbahngesellschaften übrig, die „Preußische Staatseisenbahn“ und die „Königlich Sächsische Staatseisenbahn“, und da die beiden sich spinnefeind waren und Vernunft als ein Phänomen betrachtet wurde, das irgendwelche Spinner in gelehrten Büchern diskutierten, bestand jede auf eine eigene repräsentative Eingangshalle: In Stein „gemeißelte“ Unvernunft und Geldverschwendung aus nationalistischem Dünkel. Die gleiche Geisteshaltung, die zum 1. Weltkrieg führte – und heutzutage eine Renaissance erfährt, wenn man nach Osteuropa und über den Atlantik blickt.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Basel (6)

Das Museum Tinguely wurde 1996 eröffnet. Es ist ein Geschenk der Pharmafirma Roche zu ihrem eigenen 100-jährigen Jubiläum an die Stadt – und natürlich auch ein Unterbringungsort für die Kunstwerke, die die Firma bis dahin gesammelt hatte. Das kennen wir ja auch schon von anderen Mäzenen: Die Damen und Herren Multimillionäre und -milliardäre finden Kurzweil im Sammeln von Kunst, und da für sie kein Preis zu hoch ist, schaffen sie sich eine meist sehenswerte Bilder- und Skulpturenkollektion an, für deren Unterbringung und Ausstellung dann die Öffentliche Hand aufkommen muß. Letzteres hier nicht: Auch der Betrieb des Museums wird komplett von Roche finanziert. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Roche ein paar Etagen unter dem Museum, also tief in der Erde, eine Wasseraufbereitungsanlage erbaut hat, wo das Wasser gereinigt wird, das die Firma dem Rhein für eigene Produktionszwecke entnimmt.

Zum Zeitpunkt der Eröffnung war der Schweizer Künstler Jean Tinguely (1925-1991) schon fünf Jahre tot, aber er hatte es noch miterlebt, daß man ihm und seiner Kunst zu Ehren dieses Haus errichten wollte. Das war durchaus keine Selbstverständlichkeit: In seinen frühen Künstlertagen war Tinguely das, was man einen Bürgerschreck nannte (ich weiß gar nicht, ob der Ausdruck heute noch gebräuchlich ist).

So hat er z.B. vorm Mailänder Dom eine große verhüllte Skulptur errichten lassen, die sich nach der Enthüllung als erigierter Penis samt Hoden zu erkennen gab (Foto links; die Testikel sind mit vergoldeten Plastikfrüchten behängt – Details können ja manchmal wichtig sein). Als ob das nicht schon reichte, ließ der Künstler die Skulptur noch während der Veranstaltung von innen abbrennen (Foto rechts), ohne vorher die Feuerwehr oder andere offiziellen Stellen darüber informiert zu haben. Der ganze Spaß kostete 12.000 Dollar (damals noch um einiges mehr wert als heute), die aus der eigenen Tasche und von Sponsoren und Freunden aufgebracht wurden.
Die Phase der sich selbst vernichtenden Werke nahm um 1960 allerdings nur eine kurze Spanne im Leben des Künstlers ein – diese (von Ad Petersen dokumentierte) Aktion von 1970 mit dem Titel „La Vittoria“ (Der Sieg) war im späteren Werk eher eine Ausnahme.

Zusammen mit anderen Künstlern gründete Tinguely 1960 die Gruppe „Nouveau Réalisme“ (Neuer Realismus), sozusagen als Gegenbewegung zum den Kunstmarkt beherrschenden „Abstrakten Expressionismus“. Sie wollten wieder Gegenständliches schaffen, aber nicht in der Art traditioneller Bildhauerei. Sie sahen sich eher als Erneuerer und Fortführer der Kunst von Marcel Duchamp mit seinen „ready mades“ und der Dadaisten in den 10er und 20er Jahren. Der Künstler César z.B. presste Autowracks zu neuen Skulpturen zusammen, Arman goß den Inhalt von Abfalltonnen und Papierkörben in gläserne Rahmen, Daniel Spoerri klebte alle Gegenstände, die nach einer Feier oder einem Essen auf dem Tisch verblieben waren (also sämtliches Geschirr, aber auch Flaschen, Brotreste, Servietten und Zigarettenstummel), fest und hängte die Tischplatten an die Wand (=Fallenbilder).
Man verfaßte Manifeste und organisierte gemeinsame Ausstellungen.

Tinguely sammelte Schrott, schweißte und schraubte die Teile zusammen und brachte sie mit kleinen Elektromotoren in Bewegung. So ist im Museum fast jedes Werk mit einem Trittknopf versehen, wenn man ihn aktiviert, bewegt sich was – sehr hübsch, ein großer Spaß, nicht nur für Kinder. Allerdings muß man etwas Geduld mitbringen: Die Kunstwerke sind natürlich sehr verschleiß- und daher wartungsanfällig. Um ihre Funktionsfähigkeit (bis zur nächsten Wartung) zu erhalten, müssen nach einer jeweiligen Aktivierung durch die Besucher erst sieben Minuten vergehen, bevor der Mechanismus erneut in Gang gesetzt werden kann.

Bei den Beispielen oben und unten werden sogar automatisch gezeichnete Kunstwerke erzeugt.

Spätestens in den 70ern war Tinguely nicht nur weltweit, sondern sogar in der etwas gemächlichen Schweiz anerkannt als der bedeutendste Schöpfer kinetischer Kunst, und so wurde er auch auf der Baseler Kunstmesse gehandelt. Ein Galerist erzählte später, daß es manchmal sehr nervig gewesen sei, wenn man einem Kunden feinsinnig von der Qualität eines impressionistischen Gemäldes überzeugen wollte und dann plötzlich am übernächsten Stand eine von Tinguelys Maschinen loslärmte.

In einem dunklen Raum mit unheimlichen Schattenwürfen rattern einige Werke mit Teilen von Tierskleletten bedrückend vor sich hin. Diese Ansammlung von Maschinen heißt „Mengele-Totentanz“. In Tinguelys Nachbarschaft war in einer gewaltigen Feuersbrunst ein Bauernhof komplett abgebrannt, auch die Tiere waren nicht mehr zu retten. Mit Erlaubnis des Besitzers durfte Tinguely sich ein paar Tage später auf dem Grundstück umsehen. Es stank noch immer nach verbranntem Fleisch (wie er später erzählte), während er die Überbleibsel der Maschinen und Tiere einsammelte. Unter anderem fand er eine Herstellungsplakette der Firma Mengele: Der Vater und die Brüder des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele hatten Landmaschinen produziert. Totentanz erinnert an eine aus Basel bekannte mittelalterliche Darstellungsform des Todes: Skelette scheinen die zu Tode Bestimmten anzutanzen (hier sieht man eine Kopie).

Die größte, sogar begehbare Maschine (ihr werdet gleich im Film noch mehr davon sehen). Tinguely hatte sie für eine spezielle Ausstellung gebaut und geplant, daß die Besucher über sie in das nächste Stockwerk gelangen, aber das wurde aus Sicherheitsgründen nicht gestattet.

Genug geredet: Man muß die Bewegungen sehen und hören, deswegen habe ich einen kleinen Film für euch zusammengestellt. Die ersten Szenen sind vom Fasnachtsbrunnen mitten in der Stadt (die Figuren stammen von Schrottresten des abgerissenen Theaters, das an der Stelle vorher stand), die anderen aus dem Museum. Viel Spaß!

Ende.