Urlaubszeit …

… ist Reisezeit, auch für mich. Für zwei Wochen bin ich nun unterwegs, erst wandern im Schwarzwald, dann noch ein paar Tage in Basel. Wünscht mir gutes Wetter – kein Regen und nicht zu heiß. Bis bald!

PS: Meine Sonnencreme hat zufällig eine Anti-Aging-Funktion, wundert euch also nicht, wenn ich jünger zurückkomme.

Ausflug nach Münster

Seit drei Wochen habe ich nun schon eine Magenschleimhautentzündung, das heißt: Haferschleim, ungewürztes gekochtes Gemüse und Zwieback, dazu Kräutertee – ich kann’s nicht mehr sehen. Trotz dieser Einschränkung waren wir am letzten Wochenende in Münster, um uns die stadtweite Ausstellung „Skulptur Projekte“ anzusehen – gar nicht so einfach, etwas zu essen zu bekommen, das ohne Fett und Milchprodukte angerichtet wurde. Von der Ausstellung werde ich in den nächsten Tagen ein wenig zeigen und erzählen, aber zuerst …

… ein Bild vom Picassoplatz in Münster. Nicht sehr anheimelnd, und die Steine so scheckig und planlos gepflastert … könnte man denken. Weit gefehlt, vom Weltall aus gesehen sieht es so aus:

Bild: Google Maps

Berliner Eindrücke (2)

Zeit im Fluß: Im Europa-Center an der Tauentzienstr. ist eine große Wasseruhr zu besichtigen. Durch kommunizierende Röhren fließt gefärbtes Wasser erst nach und nach in die 30 kleinen Kugeln auf der rechten Seite, die sich nach 60 Minuten in eine der zwölf großen Kugeln links ergießen – ergießen ist vielleicht nicht das richtige Wort, irgendwie wird das Wasser da hingeleitet. Preisfrage: Wie lange dauert es, bis eine kleine Kugel gefüllt ist?

Das Europa-Center ist ein Einkaufszentrum – über 70 Läden, Restaurants und Cafés – ohne jede Aufenthaltsqualität, also schnell raus hier.

Schon wieder Zeit. „Alles verzeiht am Ende die eine Macht, die Macht der Zeit“ – steht da gar nicht. „… verzehrt …“, verziehen wird gar nichts, sondern gefressen, oder wie?

Und was kommt dabei raus, hinten? Nicht nichts, das geht ja gar nicht, also was? Ich glaube, der Spruch ist Quatsch: Die Zeit hat keine Macht und verzehrt gar nichts und scheidet auch nichts aus, sie vergeht einfach. Daß wir älter werden und auch vergehen, dafür kann die Zeit nichts – ich fühle mich jedenfalls nicht von ihr beherrscht, im Gegenteil, wir gehen Hand in Hand.

Gestern und heute in der Architektur (von der Gedächtniskirche wird man wahrscheinlich noch in ein paar hundert Jahren reden, der Neubau wird vermutlich in nicht allzuferner Zeit wieder abgerissen): Zwei Kathedralen, eine für den staatlich geförderten Obskurantismus, eine für die staatlich geförderte ökonomische Ungleichheit.

Hier ist Anis Amri mit einem Laster auf den Weihnachtmarkt gebrettert, der Idiot. In Nordrhein-Westfalen versuchen besonders CDU und FDP, politisches Kapital aus dem Attentat zu schlagen – schließlich sind bald Wahlen – indem sie behaupten, der SPD-Innenminister sei dafür verantwortlich. Widerwärtig, abstoßend.

Was ist das für en häßliches Ungetüm? Ein Brunnen, ich finde, man sieht, daß er aus dem Osten kommt, er entspricht einer ganz typischen Ostästhetik, deren Eigenschaften man mal besonders untersuchen sollte.

Dahinten ist er, vor dem Kaufhof auf dem Alexanderplatz, der auch nur sehr wenig Aufenthaltsqualität hat.

Für eine Thüringer im Stehen reicht es wahrscheinlich immer. Das letzte Mal, als ich so einen „Grillrunner“ fotografiert habe, kostete die Wurst noch 1 Euro.

Das Kaufhaus mit dem sinnigen Namen Alexa schmückt sich mit einer ansprechenden Wanddeko, die an die Kunst der russischen Avantgarde erinnert – vielleicht etwas viel Anbiederung, denn das Kaufhaus ist erst ein paar Jahre alt und völlig überflüssig.

„Von dieser Stelle aus rief Karl Liebknecht am 1. Mai 1916 zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg und für den Frieden auf“ – wofür er erst im Gefängnis landete und zusammen mit Rosa Luxemburg 1919 von Freicorps-Offizieren ermordet wurde. In der DDR wollte man ihm ein Denkmal errichten, doch über den Sockel hinaus ist man nicht gekommen, zumal er bald im Grenzbereich zu West-Berlin stand, am Potsdamer Platz.

Da steht er nun, umgeben von Zeugnissen des Kapitals.

Übrigens, der Schriftsteller Honoré de Balzac soll täglich 50 Tassen Kaffee getrunken haben – kein Wunder, daß er nicht älter als 51 geworden ist.

Gute Aussichten: Die Sonne scheint!

Fortsetzung folgt!

Berliner Eindrücke (1)

Die Berliner Verkehrbetriebe (BVG) duzen und lieben mich immer noch, jetzt schon seit einem Jahr. Es fällt mir schwer, diese Gefühle zu erwidern: Daß in Berlin keine Karnevalisten sind, ist genau der Grund, weshalb wir überhaupt hier sind, aber das ist kein Verdienst oder Gefallen der BVG. Als Liebesbeweis taugt das nicht viel. Wie wäre es mit einer Einladung zum Candle-light-Dinner? Freifahrtscheine? Was ist, wenn ich mal gerade kein Kleingeld habe, schwarz fahre und dabei erwischt werde? Schwamm drüber, nicht so schlimm, kann ja jedem mal passieren … in einer Liebesbeziehung sollte das möglich sein. Aber nichts da: Wo das Geld anfängt, da hört für die BVG die Liebe auf, her mit den 60 Ocken! Ich befürchte, die BVG sind (keine Heirats-, aber) Beziehungsschwindler.

Keine Karnevalisten also. Getrunken wird hier aber anscheinend trotzdem, und zwar nicht wenig, in den Redaktionsräumen der B.Z.

Dauerregen an den ersten beiden Tagen – gut, macht nichts, wir lassen es ruhig angehen und stöbern ein bißchen im Kulturkaufhaus Dussmann, wo man schon wieder umgebaut hat (die CDs stehen nun dort, wo vorher die Bücher standen, und umgekehrt, keine Ahnung, warum, es erscheint so sinnlos) …

… und ergattern einen Tisch im hauseigenen Café mit dem hängenden Garten.

Wenn es nicht so ungemütlich wäre, würden wir betimmt aussteigen, um noch einen Blick in die traditionsreiche Kreuzberger Buchhandlung „Kisch & Co.“ zu werfen, solange es sie noch gibt: Der Pachtvertrag ist abgelaufen, und die neuen Mieten sind so hoch, daß die Betreiber sie nicht mehr aufbringen können.

Das „Schweinesystem Kapitalismus“ und mit ihm die üblen Auswirkungen der Gentrifizierung sind hier in vollem Lauf (das halten weder Ochs noch Esel auf):

Das türkisfarbene Gebäude am anderen, sehr ruhigen Ende der Reichenberger Str. ist neu. Da finden nicht etwa einige der vielen Wohnungssuchenden ein neues Zuhause für angemessene Mieten, nein, das komplette Haus besteht aus Ferienwohnungen, nur im Erdgeschoß ist ein Restaurant mit gehobenen Preisen. Dem Besitzer des angrenzenden Gebäudes rotieren in Erwartung einer zahlungskräftigen Klientel die Eurozeichen in den Augen: Er hat die Miete für die französische Bäckerei „Filou“, die es hier schon seit 15 Jahren gibt, so stark erhöht, daß es einem Rauswurf gleichkommt – so eine dusselige Bäckerei, das bringt doch keine Kohle, da muß eine Bar rein oder sowas!  Die Aufregung im Kiez ist groß, zumal das nur zwei Beispiele sind für einen Trend – die Leute haben ganz einfach Angst, bezahlbaren Wohnraum zu verlieren. An der Demonstration, die an dem Samstag veranstaltet wurde, haben unerwartet 2.500 Leute teilgenommen.

Fortsetzung folgt.

Urlaub in Würzburg (2)

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Fast ein Drittel der 125.000 Einwohner Würzburgs sind Studenten, von denen viele Mitglieder von Studentenverbindungen sind, die Stadt gilt als eine Hochburg von Burschenschaften, von denen ca. die Hälfte schlagende Verbindungen sind, d.h., ihre Mitglieder versuchen, sich mit Säbeln gegenseitig Schmisse ins Gesicht zu schneiden, die dann mit Stolz getragen werden. Tja, es gibt idiotische Rituale, die nie eingehen.

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Gesoffen wird bei diesen Veranstaltungen wahrscheinlich auch wie seit eh und je, aber man bleibt unter sich. Hier ist (noch) nicht viel los …

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… am nächsten Tag um so mehr: Ein Weinfest, getrunken wird natürlich der berühmte Frankenwein.

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Da man für den Rest des Jahres nicht auf das Getränk verzichten will – einen guten Grund, das Glas zu heben, gibt es immer – ist es inzwischen Brauch, sich auf der steinernen Brücke gegen Abend ein, zwei Schoppen zu genehmigen. Der „Abend“ beginnt bereits am frühen Nachmittag, der Wein kommt aus einer Zapfanlage – eine Goldgrube für die beiden Weinstuben.

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Wir haben es auch ausprobiert, aber wirklich abends – nicht übel, eine angenehme Stimmung.

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Wer keinen Wein mag, kann auch Seelen kaufen, im Angebot. Es soll ja immer wieder Leute geben, die ihre Seele verkaufen, in der Politik häufig anzutreffen – hier gibt’s billig Nachschub. Tatsächlich sind hier Bioeiskugeln gemeint. Merkwürdig, aber lecker.

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Eine „living doll“ zählt die mageren Einkünfte, ich befürchte, es wird nicht reichen, weder für Seelen noch für Wein.

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Etwas weiter stomabwärts, beim „Alter Kranen“ (ist klar, wieso das so heißt, oder?), sitzen die Studenten gern, so erzählt man uns, trinken Bier aus Flaschen und …

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… verputzen wagenradgroße Pizzas, die man oberhalb der Promenade in einem weitläufigen Biergarten kaufen kann.

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Wer seine Ruhe haben will, findet hier einen Platz: Die Altstadt ist von einem Grüngürtel umgeben, da, wo früher die Stadtmauer stand, hat man nach der Schleifung Parks angelegt, allerdings, ähnlich wie in Köln, in unterschiedlicher Breite und sehr oft von Ausfallstraßen durchbrochen, so daß kein sehr einheitlicher Eindruck entsteht (das schönste Beispiel eines solchen Grüngürtel habe ich in Krakau gesehen).

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Aber trotzdem schön. An einer Stelle gibt es mehrere Stelen, mit denen die Stadt ihren Stolz auf die vielen Nobelpreisträger ausdrückt, 14 an der Zahl, die hier an der Universität gelehrt haben.

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Wilhelm Conrad Röntgen war 1901 der erste von ihnen, der den Nobelpreis bekommen hat. Das Zitat braucht einen nicht zu wundern, wenn man weiß, daß Röntgen nie einen Schulabschluß gemacht hat – daß er später in Zürich studieren konnte, verdankte er den dortigen Zulassungsbestimmungen: Er bestand eine Aufnahmeprüfung.

Fortsetzung folgt.

Urlaub in Würzburg (1)

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Nach unserer Wanderung auf dem Goldsteig verbrachten wir zur Erholung noch ein paar Tage in der schönen Stadt Würzburg. Vorn im Bild sieht man gleich den Grund, weshalb sich hier Menschen angesiedelt haben: Es gab eine Furt, d.h. eine flache Stelle, durch die man den Main relativ bequem überqueren konnte. Die Stadt ist zwar bereits über 1.700 Jahre alt …

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… was man von der Bebauung aber nicht behaupten kann: Würzburg gehörte zu einer der über 100.000-Einwohner-Städte, die von den Engländern im 2. WK zu fast 90% zerstört wurden (als Antwort auf die Bombadierung englischer Städte durch Nazi-Deutschland).

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Aber man hat sich Mühe gegeben beim Wiederaufbau, der Verlauf vieler Altstadtgassen und -straßen ist gleich geblieben, und neben einigen Bürgerhäusern wurden besonders die prunkvollen Kirchen und andere architektonisch bedeutsame Herrschaftsgebäude originalgetreu rekonstruiert.

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Wenn man durch die Gassen läuft und sich an jeder Ecke eine der vielen Kirchen zeigt …

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… kommt es einem merkwürdig vor, wenn man plötzlich solche Schaufenster sieht.

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Man wird schier erschlagen von Katholizismus …

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… ein Eindruck, der während unseres Aufenthalts vermutlich dadurch verstärkt wird, da gerade das Kiliani-Fest stattfindet: Ständig gibt es Umzüge mit unzähligen Blaskapellen, die so dicht nacheinander aufmarschieren, daß sich eine kakophonische Musikmischung ergibt, die so absurd ist, daß es schon wieder Spaß macht, zuzuhören. Wenn dann noch sämtliche Kirchen zugleich ihre Glocken läuten, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr – ein Erlebnis, das ich so auch noch nicht hatte.

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Hier ist er: St. Kilian mit seinen beiden Begleitern, erschaffen von Tilman Riemenschneider (von dem später noch die Rede sein wird) …

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… und hier sind ihre Köpfe, die als Reliquien verehrt werden und zum Kilianifest ein bißchen durch die Stadt getragen und im Dom angebetet werden dürfen. Kilian war ein Bischof aus Schottland, der hier im 7. Jahrhundert mit seinen Begleitern missionierte. Die Legende erzählt, er habe den bereits getauften Herzog dazu überreden wollen, sich wieder von seiner Ehefrau zu trennen, da diese die Witwe seines Bruders war. Ja – und? – möchte man da fragen: In der damaligen Zeit galt das nach katholischer Lehre als Blutschande, keine Ahnung, was man sich da vorstellte. Als ihr Mann auf Reisen war, ließ Gailana, die Ehefrau, die drei Geistlichen ermorden und ihre Leichen im Hof neben dem Dom verscharren – abgereist, hieß es offiziell. Historisch betrachtet ist die ganze Geschichte höchst fragwürdig, man weiß nicht mal sicher, ob es einen Bischof Kilian überhaupt gegeben hat, aber egal, solche Legenden beleben die Wirtschaft und festigen die Macht der katholischen Fürsten, da will man nicht so genau nachfragen (mit den Gebeinen der Heiligen drei Könige in Köln und der Windel Jesu in Aachen verhält es sich ja auch nicht anders).

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Maulaffen waren im Mittelalter tönerne, kopfförmige Kienspanhalter: Im „Maul“ steckte ein Stück Holz, der Kienspan, den man angzündet als Leuchtmittel vor sich her tragen konnte. „Maulaffen feilhalten“ bezeichnet noch heute jemanden, der mit dümmlichem Gesichtsausdruck (und evt. offenem Mund) nutzlos in der Gegend herumsteht. Um 1900 soll es einen Bäcker in Würzburg gegeben haben, der oft genau so geguckt hat, weshalb freche Studenten ihn „Maulaffenbäck“ nannten – und nach dem wiederum ist nun die Weinstube benannt.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Goldsteig: 8. Etappe

Würden wir an die Stelle zurückgehen, an der wir am Vortag den Wanderweg verlassen haben, müßten wir heute 37 km laufen – das ist eindeutig zuviel, das können wir inzwischen sehr gut beurteilen. Unsere netten Wirtsleute bringen uns mit dem Auto an einen etwas weiteren Einstiegspunkt. Zum ersten Mal dauerhafter Regen, aber nicht schlimm, gegen Mittag hört er auf.

Muß langweilig sein, alle paar hundert Meter die Wanderwegzeichen an Bäume zu pinseln, da will der Maler auch mal ein bißchen Spaß haben.

Das ist mal eine gute Idee: In der Tonne stehen ein paar Flaschen Wasser und Limonade, das Geld legt man einfach in ein Kästchen.

Gasthaus Kraus dagegen will uns vom rechten Weg abbringen – nichts da, wir gehen nach rechts, ist ja doch wieder Ruhetag.

In Döfering schaut ein Eisbär traurig aus dem Fenster – hier ist einfach zu wenig los, als daß es sich lohnen würde, einen Laden zu betreiben, egal, wofür, da fast alle Bewohner motorisiert sind und zum Diskounter in die nächst größere Stadt fahren.

Ich habe euch ganz bewußt keine Kircheninnenfotos gezeigt, aber hier will ich eine Ausnahme machen: Der Altar ist ungewöhnlich. Der gefolterte Namensgeber der Sekte hängt ausnahmsweise mal nicht bildbeherrschend tot am Kreuz, sondern nur ganz klein im unteren Drittel. Der modern wirkende Rahmen wird ausgefüllt von drei Heiligen: St. Sebastian links, rechts St. Florian, und in der Mitte der Heilige Ägidius, der auch der Namensgeber der Kirche ist. Man erkennt sie an ihren jeweiligen Attributen: Sebastian steht meistens an einem Pfahl und wird von Pfeilen durchbohrt – ironischerweise haben ihn sich Schützengilden zum Schutzpatron gewählt, etwa, weil er ein so dankbares Ziel war? Auch die Bürstenmacher haben ihn gewählt: Wenn man die Augen zusammenkneift, könnte man doch glatt meinen, der mit Pfeilen gespickte Körper sieht aus wie eine Bürste (kein Scherz!). Sebastian war schon immer ein sehr beliebter Heiliger, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei den Künstlern: Da man früher natürlich keine nackten Personen malen durfte, es sei denn, sie waren Heilige (oder, seit der Renaissance, Figuren der griechischen Mythologie), war Sebastian eine wunderbare Gelegenheit, sich in Aktmalerei zu üben. Das ging sogar so weit, daß es Bilder gibt, wo er ohne seine Attribute, die Pfeile, an einem Pfahl steht – die Maler behaupteten einfach, das sei unmittelbar vor dem Martyrium. Und tatsächlich, wenn man einige Bilder mit Sebastian gesehen hat, erkennt man ihn immer wieder, ob mit Pfeilen oder ohne, es ist diese nackte, leicht aufreizende Haltung, mit der er am Pfahl steht, oft einen Arm oder beide nach oben gereckt. Und dieses Aufreizende, so wird behauptet, sei auch der Grund, weshalb die (männlichen?) Homesexuellen ihn sich zum Schutzpatron gewählt hätten. Das sei eine übelmeinende Unterstellung, sagen andere aus der Szene, er sei deshalb ihr Schutzpatron, weil er auch der Helfer gegen die Pest ist, und deren Name sei heutzutage nunmal Aids.

St. Florian erkennt man an dem brennenden Haus zu seinen Füßen und der Wasserschale, die er darüber ausgießt – angeblich soll er als Kind mal bei einem Brand Alarm geschlagen haben. Bekannt ist er für einen Spruch, der als St.-Florians-Prinzip bekannt geworden ist: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!“ – ein Prinzip, das z.B. in der europäischen Flüchtlingspolitik topaktuell ist.

Ah – endlich mal ein paar Einwohner.

Solche Wegweiser waren glücklicherweise selten: Wir sollen über eine Wiese gehen, Richtung Baum – man hat die freie Auswahl.

Da könnte man jemanden fragen, aber wir halten uns lieber fern – aus nachvollziehbaren Gründen.

Da hinten, der Hügelzug, ist schon die Tschechische Republik.
Satte Farben …

… zur Abwechslung auch mal mit Dramafilter.

Auf den letzten Kilometern, herum um Waldmünchen nach Herzogau, das oben auf einem Hügel liegt, verschwinden die Wegmarkierungen, oder wir sehen sie einfach nicht, ein kleines verzichtbares Abenteuer zum Schluß. Also machen wir kurzen Prozeß und gehen die Straße hoch, die gerade saniert wird.

Geschafft! Über 180 km liegen hinter uns.

Und zum Abschluß noch mal eine ganz ausgezeichnete Herberge: Landhotel Gruber, wer mal in Herzogau übernachten muß, ist hier bestens aufgehoben. Hier habe ich übrigens zum ersten Mal auf dieser Reise jemanden bayerischen Dialekt sprechen hören, ein Tourist am Nebentisch sagte: “ Naa, goa kaa aa“ – auf die Frage, ob er vielleicht Rührei möchte, oder ein Frühstücksei.

Fazit: Der Goldsteig ist ein landschaftlich sehr schöner Wanderweg, abwechslungsreich und nicht zu schwer. Trotzdem sollte man natürlich gut zu Fuß sein. 34 Grad im Schatten läßt einen manchmal verzweifeln, wenn man über Felder und Wiesen läuft, aber dafür kann die Gegend ja nichts. Die Leute sind überwiegend freundlich, wenn auch unverbindlich – ich würde es gar nicht anders haben wollen. Kulinarisch gesehen – na ja, wenn man auf Schnitzel steht … In einer Anzeige in unserem Wanderführer steht: „Emotionen erleben. Natur begreifen. Den Gaumen bauchpinseln.“ Blogfreund Trithemius, dem ich das neulich in einem Kommentar erzählte, meinte dazu: Man müsse vorsichtig sein, ein gebauchpinselter Gaumen könne Brechreiz auslösen, und das ist nur zu wahr bei solchen Hauptkomponenten. Aber: Wer nicht allein wandert (was ich übrigens nie tun würde), sollte darauf achten, in guter und lustiger Begleitung zu sein, dann spielen so kleine Einschränkungen kaum eine Rolle. Und was das betrifft, kann ich mich wirklich glücklich schätzen.

Fortsetzung folgt.

PS: Die Fortsetzung muß etwas warten, Sonntag fahre ich schon wieder in Urlaub, eine Woche Rügen. Bis bald!