Ausflug nach Basel (3)

Schön ist es, durch die Gassen zu schlendern …

… auch abseits der Touristenströme.

In einer Seitenstraße entdecken wir im Hof des Staatsarchivs einen Pavillon, der einen Teil der Austellung „Magnet Basel“ zeigt: Es geht um Zuwanderung aus den verschiedensten Gründen.

Migration betrifft immer Einzelschicksale, jeder Einzelne hat das Recht, daß man ihm hilft, wenn er hilfsbedürftig ist.

Sehr gut gemacht, die Ausstellung – ein Licht der Aufklärung in einer dämonischen Umgebung (womit ich nicht nur die Figuren an der Wand meine, sondern den gesamteuropäischen Umgang mit dem Flüchtslingsthema).

Hügelig ist es hier ein bißchen, was den Vorteil hat, daß man sich kaum verlaufen kann: Wenn man nicht mehr weiß, wo man ist, geht man einfach bergab und landet immer …

… am Rhein. In Basel darf man etwas tun, wozu in Köln dringend abgeraten wird:

Man darf im Fluß schwimmen. In Köln ertrinken jedes Jahr immer wieder Leute, die die Strömungen unterschätzen. In Basel fließt der Fluß noch langsamer, er ist auch nicht ganz so breit, und es fahren viel weniger Schiffe.

Sehr viele Baseler nutzen das. Diese wasserdichten Säcke mit Fischaufdruck, die man hier (auf einem Foto meiner Begleiterin) in blau und orange sieht, kann man in  jedem Supermarkt kaufen.

An einer der oberen Brücken werden Klamotten und Handtuch im Sack verstaut, dann schwimmt man los oder läßt sich einfach treiben. Weiter unten klettert man wieder hinaus – die Stadt hat sogar ein paar Duschen installieren lassen.

Daß man auf der rechten Rheinseite sehr viel besser sitzen kann als auf der linken, weil die Sonne da viel länger hinscheint, weiß man hier schon lange.

Deshalb gibt es hier nicht nur Hotels …

… sondern auch viele Restaurants und Kneipen, die mit ihren Außenterrassen locken. Allerdings ist abends viel los, da kann es schon mal passieren, das eine Bestellung vergessen wird.

Trotz der günstigen Lage scheinen sich auch neu erbaute Häuser an ein Höhenkonzept zu halten – nur ein Gebäude sticht unangenehm heraus: Es ist der Roche-Turm. Ein zweiter, der noch höher werden soll, ist im Bau. Soweit ich weiß, ist das nichtmal in der Bürgerschaft kritisch diskutiert worden, vermutlich, weil man genau weiß: Was diese Pharma-Riesen wollen, das bekommen sie auch, sie brauchen ja nur mit Abwanderung zu drohen.

Ich weiß jetzt sogar, warum Basel ein solches Zentrum für Pharma- und Chemiefirmen ist: Es hat zu tun mit – Eitelkeit. Seit Ende des 16. Jahrhunderts war es modern, die Kleidung zu festlichen Gelegenheiten mit Bändern, sogenannten Posamenten, zu schmücken. Basel entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem Zentrum der Seidenbandweberei. Die Bändelherren, also die Unternehmer, die mit den Posamenten handelten, ließen die Ware im Baseler Umkreis herstellen: Sie stellten den Bauern riesige Webstühle in die Wohnstuben und ließen sie für sich arbeiten, ohne viel dafür zu bezahlen. Die Bauern wurden zu Posamentern. Der Vorteil für sie war, daß sie nicht mehr von den Unbilden des Wetters abhängig waren, sondern eine dauerhafte Einnahmequelle hatten, und wenn die ganze Familie mithalf, konnte man vielleicht etwas mehr erwirtschaften, als man für das tägliche Leben brauchte. Freilich waren sie nun von den Launen der Unternehmer abhängig …

… die es sich in der Stadt gut gehen ließen, in Saus und Braus lebten und sich riesige Villen errichteten, wovon natürlich die ganze Stadt profitierte. Mit Beginn der Industrialsierung hatten viele Bauern leider erneut das Nachsehen: In der Stadt wurden Fabriken errichtet, die Webstühle wurden nun mit Dampf betrieben, und den übrig gebliebenen Heimposamentern – immer noch sehr viele – konnte man neue Bedingungen diktieren. Eine weitere Optimierung der Herstellung von Seidenbändern war die Erzeugung von künstlichen Farbstoffen. Nach der Erfindung des Farbstoffs Fuchsin (dem heutigen Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden schnell mehrere Chemiefirmen, die auch nach weiteren künstlichen Farbstoffen forschten. Als sich um 1900 die Mode änderte und niemand mehr Seidenbänder haben wollte, brach die Seidenbandweberei in sich zusammen – in einem Prozeß von mehreren Jahren, aber unumkehrbar. Übrig blieben aber die Chemieunternehmen, die zunehmend auch Abfallprodukte ihrer Forschungen vermarkteten: Medizin – gegen Rheuma, gegen Kopfschmerzen, was der Mensch halt so braucht. Inzwischen haben allein die beiden größten Pharmaunternehmen, Novartis und Roche, einen Jahresumsatz von über 100 Milliarden Dollar.

„Die meisten Blöden in Berlin sind derart ausgelaugt, daß sie nichts mehr hergeben“, liest mir meine Begleiterin aus der Frühstückszeitung vor. Das leuchtet mir unmittelbar ein, aber ich wundere mich doch darüber, daß eine Schweizer Tageszeitung so unverblümt über unsere Regierung urteilt. Tut sie gar nicht – meine Begleiterin hat sich nur verlesen:

Nächstes Mal gehen wir ins Museum.

Fortsetzung folgt.

 

Ausflug nach Basel (2)

Kunst überall, ob wie hier als Fassadenrelief …

… oder als eine der vielen Skulpturen, wie diese von Valery Heussler mit dem Titel „Der Auftrag / Brot teilen“, die vom Lotteriefond finanziert wurde.

Vielfach künstlerisch gestaltet sind auch die ca. 200 öffentlichen Brunnen, die über die Stadt verteilt sind. Von drei Ausnahmen abgesehen, führen sie alle Trinkwasser. Was erstmal sehr großzügig klingt, wirkt nach dem zweiten Nachdenken allerdings wie ein überflüssiger Luxus: Das Wasser wird also erst zu Trinkwasser aufbereitet, bevor es die Brunnen speist, um dann zum allergrößten Teil wieder als Brauchwasser im Klärwerk zu verschwinden – um erneut zu Trinkwasser aufbereitet zu werden.

Der weltgrößte Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé setzt jährlich übrigens Milliarden Euro damit um, daß er z.B. in Pakistan und Maine (USA) das Grundwasser absaugt, in Plastikflaschen abfüllt und verkauft – ohne selbst mehr als einen lächerlich geringen Preis dafür zu bezahlen, und ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen. Wer möchte, kann sich hier den sehenswerten Film „Bottled life“ aus dem Jahr 2012 über die Machenschaften von Nestlé anschauen, er dauert ca. anderthalb Stunden.

Viele Brunnen sind mit dem Baseler Wappentier, einem  Basilisken, geschmückt …

… ein typischer Basiliskenbrunnen sieht allerdings so aus. Ein Basilisk ist ein Mischwesen aus Hahn und Schlange, dem man lieber nicht begegnen möchte: Durch seinen Atem oder durch seine Berührung stirbt alles Lebendige augenblicklich, und kreuzt sich der eigene Blick mit seinem, versteinert man sofort, genauso wie durch einen Blick der Medusa. Und genau wie diese besiegt man auch einen Basilisken, indem man ihm einen Spiegel vorhält. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit hat man wirklich an solche Wesen geglaubt. Im Jahr 1474 wurde in Basel ein Hahn angeklagt, ihm wurde vorgeworfen, ein Ei gelegt zu haben, und da auf diese Weise Basilisken erzeugt werden, wie jedermann weiß, fürchtete man das Schlimmste. Der Hahn hatte offenbar eine schlechte Verteidigung, jedenfalls wurde er zum Tode durch Erwürgen verurteilt, das Ei wurde vorsorglich verbrannt.
Es soll aber auch passiert sein, daß jemand so dreist war, einem reichen adligen Raritätensammler ein einfaches Hühnerei für viel Geld als Basiliskenei zu verkaufen – als Sammelstücke waren die hochbegehrt.

Weshalb nun aber Basel sich ausgerechnet ein solches Ungeheuer als Wappentier erwählte, ist vermutlich der Namensähnlichkeit zu verdanken.

Und den Tod fürchtet man hier schon lange nicht mehr, jedenfalls nicht mehr, als woanders auch – ein Gerippe als Türsteher zum Naturkundemueum.

Ganz wunderbar sitzt man hier unter den Kastanien gleich neben dem Basler Münster, als sei er als Biergarten eigens dafür geschaffen – ist er aber nicht: Der Platz ist ist umgeben von Getränke- und Freßbuden, die aber alle geschlossen sind, nichtmal einen Saft bekommt man hier.

Für ein paar Wochen werden Open-Air-Filme gezeigt, und nur während der Zeit ist der ganze Platz, auch der unter den Kastanien, bestuhlt. Und zu trinken bekommt man nur während der Vorstellung. Kaum zu glauben, so blöd ist das!

Das Münster von der rechten Rheinseite aus gesehen, genannt Klein-Basel.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Basel (1)

Im Anschluß an unsere Schwarzwaldwanderung waren wir ein paar Tage in Basel in der Schweiz – genauer gesagt: In der Altstadt von Basel, denn die Stadt ist viel größer als die Orte, an denen wir Touristen uns aufhielten. Die Stadt ist quirlig – außerhalb der Altstadt ist man nicht weit entfernt von einem Verkehrsinfarkt, und in der Altstadt gibt es zwar viele autofreie Straßen, aber die Straßenbahnen fahren hier fast im Minutentakt, so daß man manchmal Mühe hat, auf die andere Seite zu kommen.

Shoppingmeilen wie überall …

… mit ortstypischen Läden.

Ein Bild, das man immer wieder sieht: Hauptsächlich junge Leute, die die in den gutbestückten „To-go“-Abteilungen der Supermärkte gekauften Speisen auf der Straße essen, wahrscheinlich, weil sie sich einen Café-Besuch nicht leisten können. Die Schweiz ist (nach den Bermudas) das zweitteuerste Land der Erde. Wir aßen in einem Restaurant nichts Besonderes, Cordon bleu mit Fritten, und mußten umgerechnet 31,50 Euro zahlen – pro Person! Und da waren die Getränke noch nicht dabei.

Basel ist eine Stadt der bildenden Kunst: Es gibt nicht nur unzählige Museen, überall im Stadtgebiet trifft man auf Kunstwerke, verspielt und poppig wie oben …

… oder schwer und bedeutungsvoll wie diese Stahlplatten von Richard Serra …

… die in den Abendstunden leider als Pissoir mißbraucht werden, was man auch am Tag deutlich riechen kann.

Gleich nebenan befindet sich der „Fasnachtsbrunnen“ von Jean Tinguely, ein Künstler, der in der Stadt aufgewachsen ist. Einst ein Bürgerschreck, ist er heute ihr ganzer Stolz, dem man sogar ein eigenes Museum eingerichtet hat – ich werde noch davon erzählen. Die „Basler Fasnacht“ ist übrigens die größte Karnevalsfeier der Schweiz – ich vermute, wegen der geographischen Zugehörigkeit zum Bereich der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Interessant finde ich, daß der Rosenmontag in Basel immer auf den Aschermittwoch im Deutschen Karneval folgt – die ganze Besauf  Feierei ist hier um eine Woche verschoben, die Gelegenheit für unermüdliche Karnevalisten, die Zeit um drei Tage zu verlängern. Das kam so: Die normale Fastenzeit zwischen Karneval und Ostern beträgt 40 Tage, zuzüglich der Sonntage, an denen ordentlich geschmaust werden kann – das wußte ich bisher gar nicht, tricky Katholen: In der Woche wird ordentlich Biberfleisch gegessen, da Biber, wie jeder weiß, Fische sind, schließlich leben sie im Wasser, und am Sonntag kann man dann reuelos all die anderen Leckerein essen. In der Schweiz ist man offensichtlich etwas strenger: Das ist doch keine richtige Fastenzeit, wird man sich gesagt haben, wenn wir alle sieben Tage schlemmen können, folglich hat man die Sonntage abgezogen –  was dann natürlich die Fastenzeit insgesamt verkürzt, logisch, also fällt die Fastnacht eine Woche nach hinten. Hm. Wieso kommt mir das jetzt auch wieder wie ein Trick vor?

Rathausplatz mit Markt …

… an dessen Rand man Schweizer Schokolade kaufen kann …

… wenn man es sich leisten kann: Umgerechnet 90 Euro für eine Schachtel Pralinen.

Im Innenhof des Rathauses …

… fehlt auch die Darstellung des Jüngsten Gerichts nicht: Rechts ziehen interessante Horrorwesen die Sünder in die Unterwelt, links geht’s gesittet, aber ein wenig langweilig, nach oben …

… wo dieser Herr sitzt und richtet, ihm ist aber noch kein Licht aufgegangen, wie das eigentlich mit der an anderer Stelle gepredigten Feindesliebe zu vereinbaren ist.

Egal, die Schweizer nehmen es nicht so genau, wie man auch an dieser Figurengruppe sehen kann. Frage: Welche Figur wird mit einem Schwert und einer Waage dargestellt? Richtig, Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit. Aber muß die Figur nicht auch eine Augenbinde tragen? Und wieso hat diese eine Krone auf dem Kopf?  Das kam so:

Während der Reformation wurde die Stadt 1529 protestantisch, und mit der Marienverehrung wollte die neue Religion nichts mehr zu tun haben, also entsorgte man alle Marienstatuen, wo es nur ging. Aber was sollte mit der Maria oben über dem Rathaustor passieren? Das sieht doch nicht aus, da muß dann was anderes hin – das wird nicht billig. Irgendein findiger Kopf hatte dann offenbar die Idee mit dem Schwert und der Waage, schon war das Problem gelöst. Und Augenbinde und Krone? – wer wird denn da so kleinlich sein.

Fortsetzung folgt!

 

„Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral“ (Bertrand Russell)

„Ich möchte […] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist […] Dank der modernen Technik brauchte heute Freizeit und Muße, in gewissen Grenzen, nicht mehr das Vorrecht kleiner bevorzugter Gesellschaftsklassen zu sein, könnte vielmehr mit Recht gleichmäßig allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommen. Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral, und in der neuzeitlichen Welt bedarf es keiner Sklaverei mehr […]

Der Krieg hat zwingend bewiesen, dass sich moderne Völker durch wissenschaftlich organisierte Produktion auf der Basis eines geringen Teils der tatsächlichen Arbeitskapazität der neuzeitlichen Welt angemessen versorgen lassen. Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Statt dessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? Weil Arbeit Ehrensache und Pflicht ist und der Mensch nicht gemäß dem Wert dessen, was er produziert hat, bezahlt werden soll, sondern entsprechend seiner tugendhaften Tüchtigkeit, die in rastlosem Fleiß ihren Ausdruck findet […]

Der Gedanke, dass die Unbemittelten eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. Als vorwitzige Wichtigtuer darauf hinwiesen, dass das doch eigentlich eine recht lange Arbeitszeit sei, wurde ihnen erklärt, die Arbeit hindere die Erwachsenen daran, sich zu betrinken, und die Kinder, Unfug zu treiben […] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: »Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!« So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet […]

Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten, würde jeder Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können, und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären. Junge Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf sich aufmerksam zu machen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, dass sie die monumentalen Werke schaffen können, für die sie heute, wenn sie endlich so weit gekommen sind, gar keinen Sinn und keine Kraft mehr haben. Menschen, die sich als Fachleute für eine besondere wirtschafts- oder staatspolitische Phase interessieren, werden ihre Ideen entwickeln können, ohne dabei im luftleeren akademischen Raum zu schweben, was der Arbeit der Volkswirtschaftler an den Universitäten so häufig einen wirklichkeitsfremden Anstrich gibt. Die Ärzte werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischem Gebiet vertraut zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit routinemäßigen Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und die sich in der Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben.

Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung. Man wird genug arbeiten, um die Muße genießen zu können, und doch nicht bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Wenn die Menschen nicht mehr müde in ihre Freizeit hineingehen, dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung verlangen […] Die normalen Männer und Frauen werden, da sie die Möglichkeit haben, ein glückliches Leben zu führen, gütiger und toleranter und anderen gegenüber weniger misstrauisch sein.

Die Lust am Kriegführen wird aussterben, teils aus diesem Grunde und teils, weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde. Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es statt dessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?“

Bertrand Russell: Lob des Müßiggangs. Zitiert nach: Wolfgang Schneider: Die Enzyklopädie der Faulheit. Frankfurt/Main, 2004. S. 93-95

 

Wanderung auf dem Westweg (6): Haldenhof – Kandern – Weil am Rhein

P8206163

Der letzte Berg, den wir besteigen, oder besser: erwandern müssen, der Blauen, mit einem Fernmeldeturm auf der Spitze.

P8206169

Noch einmal geht es durch viel Wald, und wenn die Baumzweige eine Lücke lassen, sieht man oft solche Gleiter – sie sind so nah, daß man sich fast mit ihnen unterhalten könnte.

P8206176

Fast geschafft – die letzten paar hundert Meter sind sehr anstrengend. Und nun auch noch den Turm hinauf, muß das wirklich sein?

P8206182

Ja, es muß. Man sieht ja sonst nix vor lauter Bäumen. Dahinten, das Haus … ich nehme Witterung auf …

P8206196

… tadaa! – das nennt man Gipfelglück, oder? Kaffee und Kuchen vom Feinsten. Im Hintergrund sieht man das Rheintal – so langsam erreichen wir die südliche Grenze des Schwarzwalds.

P8206209

An ein paar ruinösen Burgen kommen wir noch vorbei. An der Burgruine Röttgen (ohne Bild) will man doch tatsächlich Eintrittsgeld von uns haben – Frechheit, für ein Gebäude in dem Zustand! Modernes Raubrittertum – ohne uns.

P8206231

Über den Mohrensattelweg, von dem wir nicht wissen, wie er zu seinem Namen gekommen ist, erreichen wir unser Etappenziel …

P8206234

… Kandern, das etwas größer zu sein scheint.

P8216257

„Der Blumenplatz gilt als eine der schönsten klassizistischen Platzanlagen Süddeutschlands,“ steht in unserm Wanderführer. Hm. Vielleicht, wenn man die Autos wegfährt? Und noch ein bißchen mehr Sonnenschein?

P8216256

Bitteschön, eine andere Perspektive hilft auch. Aber die Autos stören trotzdem.

P8216271

Am nächsten Tag geht es noch ein wenig durch Wald, aber dann wird es schnell ländlich.

P8216290

Die Region heißt Markgräflerland. Viel Wein und Obst wird hier angebaut.

P8216275

Ein Relikt aus alter Zeit, als Autos noch Charakter hatten. Dreckschleudern waren sie freilich auch schon damals. Unterwegs kamen wir mit einem Motorradfahrer ins Gespräch, der uns erzählte, wie froh er sei, zu einer Zeit gelebt zu haben, als man noch mit einem Benzinfahrzeug fahren konnte – die E-Mobilität sei das Ende einer Epoche. Ich hoffe nur, er hat recht, hinsichtlich des Endes.

P8216273

Landgasthof Bahnhöfli – die Schweiz ist nicht mehr weit.

P8216279

In den kleinen, fast menschenleeren Dörfern stehen Buden zur vertrauensvollen Selbstbedienung. Ich schlage zu und kaufe zwei Gläser handgemachte Marmelade.

P8216332

Lörrach, die größte Stadt der Gegend. Wer diesen Weg nachwandert, sollte meinen Rat beherzigen: Geht direkt hinunter in die Stadt, zum Bahnhof, und fahrt den Rest mit der S-Bahn.

P8216321

Weitläufig führt der Wanderweg um die Stadt herum, unter Autobahnen, über verkehrsreiche Straßen und öde Vororte …

P8216325

… bei sengender Hitze unter freiem Himmel schier endlose Wege einen Hügel hinauf. Erschöpfender, als die Kraxelei im Schwarzwald.

P8216338

Aber auch das schaffen wir, und da ist schon die Grenze zur Schweiz – ein verrosteter Schlagbaum. So einfach ist der Grenzwechsel – Mist, ausgerechnet heute haben wir unsere illegalen Drogen nicht dabei.

P8216346

Nach einem weiteren Grenzübertritt erreichen wir unser Ziel Weil am Rhein – 140 Kilometer sind geschafft! Der Stadt tue ich einen Gefallen, wenn ich kein weiteres Wort über sie verliere. Aber zum Übernachten ist es okay, und am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus nach Basel.

Fortsetzung folgt.

Wanderung auf dem Westweg (5): Notschrei – Haldenhof

P8195994

Ausnahmsweise mache ich hier mal Werbung: Im „Vitalhotel Grüner Baum“ in Muggenbrunn kann man ausgezeichnet logieren: Große ruhige Zimmer mit Zimmerbar, ein gutes Restaurant und durchweg nette Angestellte, und vor der Tür ist direkt eine Bushaltestelle, von wo aus wir uns zurück zum Wanderweg bringen lassen. Hier könnte man gut eine Woche verbringen und Ausflüge in die Natur oder kleine Städte machen. Eine Besonderheit hat das Hotel: Es gehört zum „VHC – Verband Christlicher Hotels“. Ich hatte keine Ahnung, das es sowas gibt. Der Verband hat sich schon 1895 in der Schweiz gegründet, man wollte besonders wandernden Handwerksburschen und alleinreisenden Frauen eine Unterkunft ohne Glücksspiele, Saufereien und Parties bis in den frühen Morgen bieten. Heute ist das zwar sowieso nicht mehr die Regel, aber den Verband gibt es immer noch, 63 Hotels sind allein in Deutschland Mitglieder. Man braucht sich keine Sorgen zu machen, man wird nicht missioniert, und die Minibar ist auch mit Alkoholika gut bestückt.

Allein, auf dem Tisch im Restaurant findet man neben der Speisekarte ein kleines Büchlein mit Gesprächstipps für Tischgemeinschaften. Das kann man ja immer wieder beobachten: Paare oder Familien sitzen am Tisch, das Essen braucht natürlich etwas in der Zubereitung, und ein peinliches Schweigen entsteht, man hat sich einfach nichts zu sagen. Und genau hier springt das Buch ein und gibt Anregungen: „Was ich nicht oft genug sagen kann, aber wofür ich dir so dankbar bin, ist …“, „Was mich heute/diese Woche frustriert, traurig gemacht, geärgert oder mir Angst gemacht hat …“, oder auch ganz einfach: „Was wünscht du dir von mir?“, „Wie siehst du mich momentan?“ Ob im Hotel ein Paar- und Familientherapeut zur Verfügung steht, der notfalls schlichtend einspringen kann, weiß ich allerdings nicht.

Wenn man alleine ist, kann man sich auch unterhalten, und zwar mit Gott – das hat den Vorteil, daß man sich nicht in Pobleme verstrickt, die die Qualität der Speisen vergessen lassen, da keiner widerspricht. Was ich aber noch toller finde: Man kann ihn anrufen und eine Nachricht hinterlassen, ob auf dem Anrufbeantworter oder bei einem Engel, steht da nicht, aber angeblich ruft er zurück. Einen solchen Service gibt es in profanen Hotels nicht. So ein Anruf will aber gut vorbereitet sein, was stellt man Gott für Fragen, wenn man mal die Gelegenheit hat? Hätte man ein Treffen mit der Kanzlerin, würde man sich ja auch nicht übers Wetter unterhalten. Also, ganz sicher sollte man sich nicht nach den 6 Richtigen der nächsten Lottoziehung erkundigen, dann legt der sofort wieder auf. Es muß schon irgendwas Wichtiges sein: „Wieso wünschen sich alle Anwärterinnen bei Schönheitswettbewerben den Weltfrieden, während die wirklich wichtigen Herrscher der Welt das Wort nichtmal in den Mund nehmen?“ Ich weiß die Antwort schon: „Schönheitswettbewerbe? Wo?“ Oder ich frage ihn folgendes, mal was Aktuelles: „Wie konntest du Hurrikane Irma und den Klimawandel zulassen?“ Eigentlich kann ich mir auch hier denken, was er antwortet: „Damit habe ich nichts zu tun, das liegt allein in eurer Verantwortung, seht zu, wie ihr damit klarkommt – toitoitoi!“ Ich glaube, ich laß das mit dem Anruf. Am Ende ist das noch so eine sauteure 0900-Nummer, und ich bin hinterher kein Stück schlauer.

P8196017

Genug geplaudert, wir müssen los. In der Nacht hat es geregnet, aber in dem Moment, in dem wir die Türschwelle übeschreiten, hört es auf. Man muß auch mal Glück haben (auf die Landschaftsfotos klicken, dann werden sie größer).

P8196016

Die Luft ist angenehm kühl und klar – herrlich, durch die Wolken zu laufen.

P8196038

Langsam schiebt sich die Sonne durch.

P8196077

Der Aufstieg auf den Berg Belchen ist steil und nicht ungefährlich – wer nicht ganz schwindelfrei ist, sollte die Augen beim Gehen immer schön auf dem Weg lassen. Uns kommt eine ältere Frau – sie hatte die 70 wohl bereits überschritten – mit ihrem (wie ich vermute) Sohn ca. Anfang 40 entgegen. Schnaufend bleibe ich stehen, um sie vorbeizulassen, als die Frau 3 Meter von mir entfernt auch stehen bleibt und anfängt, umständlich in ihrer Tasche zu nesteln. Ich frage freundlich: „Wollen Sie stehenbleiben, oder gehen Sie weiter?“, damit wir uns nicht ins Gehege kommen. Die Frau lacht, und während sie ausgiebig in ihr hervorgekramtes Taschentuch schneuzt, sagt sie: „Meine Nase bestimmt, was ich tue“, steckt das Tuch wieder weg und hüpft mit einem lauten „Hopsassa“ an uns vorbei. Ihr Sohn grinst und sagt etwas verlegen: „Da wird ein Spiel gespielt, dessen Regeln wir nicht kennen.“ Aber ich kenne sie recht gut, diese Regeln, ich hatte auch so eine Mutter, die mehr oder weniger durchschaubar in allen möglichen Situationen eine Bühne bereitete, auf der die anderen dann ihre Großartigkeit bewundern konnten.

P8196102

Wir sind noch „jung“ und haben es nicht nötig, anderen unsere Großartigkeit zu zeigen – wir sind es einfach und fühlen uns so, denn, bitteschön, wir hätten auch mit einer Gondel fahren können.

P8196107

Oben auf dem Belchen gibt es wieder ein Ausflugslokal, aber wir lassen es rechts liegen. Wo geht’s lang?

P8196130

Da hinunter. Noch ein letzter Blick zurück:

P8196115

Jemand im roten Anorack tut mir den Gefallen und hält still.

P8196135

Durch den Wald den Berg hinab …

P8196153

… erreichen wir nach ein paar Stunden unser Hotel.

Fortsetzung folgt.

Wanderung auf dem Westweg (4): Hinterzarten – Notschrei – Muggenbrunn

 

Es ist heiß, schon am frühen Morgen, die Sonne brennt – und ausgerechnet heute müssen wir auf den höchsten Berg des Schwarzwalds und – außerhalb der Alpen – Deutschlands, den Feldberg. Ich denke an den Aufstieg der ersten Etappe und mache mir ein bißchen Sorgen.

Völlig umsonst – wir laufen durch den Wald und lösen quatschend ein paar Weltprobleme, da stehen wir plötzlich an der Baumgrenze und haben unser Ziel schon erreicht.

Die Bergspitze ist gar nicht spitz, sondern flach und sehr langgezogen, man könnte ohne weiteres ein paar Fußballfelder anlegen. Und weil es auch breite Wege gibt, trifft man auf nicht wenige Moutainbiker …

… für die es eine besondere Herausforderung wäre, die schmalen Wanderwege hinunterzubrettern. Glücklicherweise ist das verboten. Als ich so ein Schild das erste Mal sah, kam es mir völlig surreal vor – was kommt als nächstes, ein Zebrastreifen? Parken verboten? Aber es ist wohl wirklich notwendig.

Die Steaks von morgen stehen mitten auf dem Weg herum – wir machen einen weiten Bogen, denn es sterben mehr Leute durch Kühe als durch Weiße Haie, habe ich mal gelesen.

Beim Abstieg versperrt uns diese Hütte den Weg. Da will man durch die Natur gehen, und dann dieser Zivilisationsschnickschnack!

Da wir nicht als Sonderlinge dastehen wollen, lassen wir uns schweren Herzens auf die Spielregeln ein, die hier offenbar herrschen. Frollein, bitte noch’n Kirschwasser!

Aber mal im Ernst: Was man in den Ausflugslokalen als Schwarzwälder Kirschtorte bekommt, schmeckt nicht soo schlecht, ist aber meistens nicht selbstgemacht, sondern mutmaßlich industriell hergestellt. Es fehlt tatsächlich an Kirschwasser, und ein paar mehr Früchte könnten auch drin sein. Wer wissen will, wie gute Schwarzwälder Kirschtorte schmecken sollte, muß hier hingehen (meine Begleiterin und ich können uns den Ortsnamen nicht merken, deshalb sprechen wir immer mal wieder – sehnsüchtig – von Tortenhausen).

Und was ist das?! Ich sag’s euch: Das ist die „längste Baumliege“ der Welt, wahlweise auch die „längste Sitzbank“ der Welt, steht auf einem Schild. Meine Begleiterin unkt, sie könne sich schon denken, wie ich mich im Blog darüber lustig mache. Aber ich sag nix dazu. „Dieses Projekt würde gefördert … mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg, der Lotterie Glücksspirale und der Europäischen Union“, steht noch auf dem Schild. Erklär das mal einem Griechen.

Schräg gegenüber steht ein Kreuz, und man merkt sofort: Da fehlt doch was. Bei den Katholen gibt es kein Kreuz ohne Figur, und die Bohrlöcher für die Halterung sind ja auch deutlich zu sehen.

Unten klebt ein Zettel dran, schwer zu entziffern: „… liebe Gäste und Ureinwohner … bin momentan im … Urlaub! Komme aber garantiert zurück!“ Ach was! Das habe ich nicht gewußt. Ich bin zwar kein Christ, aber Mitgefühl und Barmherzigkeit sind mir nicht fremd, ich fand es schon immer abscheulich, daß Folteropfer so permanent zur Schau gestellt werden. Und jetzt machen sie also Urlaub, diese Leidensfiguren. Ich gönne es ihnen von Herzen. Ob sie sich irgendwo treffen, in kleinen Gruppen, und sich erzählen, was sie so erlebt haben das Jahr über? „Also mein Pfarrer, das hältst du nicht aus, …“ usw., mal richtig den Frust von der Seele reden. Wo die wohl hinfahren, Mallorca? In die USA garantiert nicht, die lassen solchen Aufrührer nicht herein im Moment: Verkaufsstände umschmeißen vorm Tempel und kapitalismuskritische Reden schwingen („eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in den Himmel kommt“), das ist bei denen aktenkundig.

Da gabelt sich der Weg, und es ist kein Wanderzeichen zu sehen. Macht aber nichts, auf dem oberen Schild, das nach links zeigt, steht Notschrei – und genau da ist unser heutiges Etappenziel.

Notschrei ist nicht nur der Name eines Gebirgspasses, sondern auch eine historische Begebenheit: Anfang des 19. Jahrhunderts machte die Industrialisierung auch in dieser Gegend Fortschritte. Südlich des Gebirgszuges, in Todtnau, entstanden Fabriken, deren Erzeugnisse (Bürsten, Papier, Zucker und Textilien) Absatzmärkte suchten. Der beste Handelsplatz in der Nähe war Freiburg im Breisgau – allerdings nördlich des Gebirgszuges. Um da hinzugelangen, mußte man 500 Höhenmeter überwinden, was nur umständlich mit Saumpferden und Handkarren zu bewältigen war. Das Großherzogtum Baden hatte überhaupt kein Interesse daran, Geld für einen aufwendigen Straßenbau herzugeben, und ignorierte lange, über 30 Jahre, sämtliche Anträge der Bewohner und Fabrikanten. Erst im Jahr 1847 – der Hunger und die Arbeitslosigkeit waren groß geworden in Todtnau und Umgebung, die Einwohner drohten, sich in großer Zahl der Badischen Revolution anzuschließen – hatte man ein Einsehen, zumal jemand ausrechnete, daß der Holzschlag in dem Gebiet ordentliche Gewinne abwerfen würde. In allerletzter Not – daher der Name – wurde in  den folgenden Jahren also der Gebirgspaß eingerichtet, die revolutionären Kräfte hatten dagegen stark an Einfluß verloren – „erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, wie Bert Brecht solche Entwicklungen zusammenfaßte.

Wir müssen noch ein paar Kilometer nach unten laufen, unser Hotel ist in Muggenbrunn, ein Dorf an der historisch bedeutsamen Strecke.

Fortsetzung folgt.