Ausflug nach Leipzig (4)

Bitte sehr: Leipziger Räbchen. Eierkuchen mit Pflaumen und Marzipan, Vanille-Zimt-Soße und Sahne. Sehr lecker, aber nicht billig, gibt es im …

… Café Kandler. Kann ich empfehlen.

Leipzig teilt das Schicksal vieler Großstädte in Deutschland: Im 2. WK zum großen Teil zerstört (hier zu 50 Prozent), und den Rest erledigten Architekten und Stadtplaner. Gut, das letzte ist übertrieben, es gibt überall schöne Ecken, aber meist haben die Stadtplaner die großflächigen Zerstörungen dafür genutzt, die Städte autogerecht zu gestalten. Die Leipziger Innenstadt (ein wirklich nur sehr kleiner Teil der Stadt) ist weitgehend autofrei. Vorm Rathaus ist ein großer Platz, an dessen Ränder es viele Geschäfte und Gastronomie gibt, und der selbst auch für Wochenmärkte dient. Insgesamt macht die Innenstadt einen sehr lebendigen Eindruck, weil die Mischung stimmt: Natürlich viele Touristen, aber auch ganz normale Einwohner und Studierende bevölkern sie Straßen, als Tourist hat man zu keiner Sekunde das Gefühl, man sei in einem Museumsstadtteil (ganz anders als beispielsweise in der Altstadt innerhalb der Innenstadt von Köln). Oben die Fassade des Rathauses – ist ein Fake, eine Plane, hinter der gerade gewerkelt wird, die aber, so versicherte man uns, genauso aussehen soll wie das Original.

An Architektur findet man alles, was die Architekturgeschichte hergibt, vieles ist nach der Einverleibung der DDR restauriert worden. Viele Gründerzeitbauten (um 1900), die inzwischen vielfach zu den auch hier begehrten renovierten Altbauwohnungen aufgewertet wurden. Die Stadt wächst – inzwischen sind es ungefähr 700.000 Einwohner, mit steigender Tendenz – und damit auch die Mieten, dennoch beträgt die durchschnittliche Miete ein Drittel von der in München. Noch. Links ist das eine Ende des Barfußgäßchens …

… hier das andere. Sieht doch ganz gemütlich aus.

In der Gasse ist es allerdings recht eng, ein Restaurant reiht sich ans nächste, der Platz ist optimal (im Sinne der Betreiber) ausgenutzt.

Ein paar Gehminuten entfernt sieht es so aus: DDR-Tristesse. Hier kommt auf kleinem Raum wirklich alles zusammen.

Das Café Riquet, ein Jugenstilgebäude von 1909. Die Firma besteht schon seit 1745, sie produziert und vertreibt Kakao, Schokoladen, Pralinen und Bonbons, außerdem handelt sie mit Tee und Orientwaren – daher die Elefanten. Wir waren nicht drin, bei über 25 Grad wollten wir draußen sitzen, aber für den nächsten Besuch ist es vorgemerkt.

Wenn man vom Rathausmarkt kommt, sieht das Gebäude so aus: Nach links merkwürdig abgeschnitten. Ich habe recherchiert und folgendes Foto gefunden:

Quelle Originalbild: Deutsche Fotothek

Da, wo der Zeitreisentourist vorm Tor steht, war das Haus „Deutrichs Hof“ direkt am Riquet-Haus angebaut. Oder umgekehrt, denn „Deutrichs Hof“ ist sehr viel älter. Das Gebäude wurde im 2. WK weitgehend zerstört, später hat man es ganz abgerissen. Völlig unverständlich, daß sich an dem Ort heute immer noch nur ein Parkplatz befindet. (Wenn bei euch auch Zeitreisentouristen auftauchen, das muß euch nicht beunruhigen: Zeitreisentouristen reisen immer mit ungefähr einer zehntel Sekunde Verspätung, als die tatsächliche Zeit abläuft, deshalb sieht man sie normalerweise nicht (verständlich, würden sie doch die jeweiligen Zeitgenossen sehr verwirren) – nur in Fotos mit Langzeitbelichtung, wie es früher üblich war, flackern sie manchmal auf. Da es ja heutzutage noch gar keine Zeitreisen gibt, müssen sie aus der Zukunft kommen. Obwohl – der Typ mit dem roten Schirm kommt mir bekannt vor …).

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (3)

Als Johann Sebastian Bach 1750 starb, war er 27 Jahre lang als Thomaskantor in Leipzig beschäftigt gewesen und hatte über tausend Werke komponiert. Als Thomaskantor war er zuständig für die Musik. Nicht nur wurde von ihm erwartet, daß er zu jedem Sonn- und Feiertag ein neues Werk aufführte, er mußte sich auch darum kümmern, daß die Musiker und der 93-köpfige Thomanerknabenchor die Stücke einübten. Nach seinem Tod vergaß man ihn schnell: Der Thomaskantor ist tot – es lebe der neue Thomaskantor, in dessen Arbeitsbeschreibung stand, daß er nun seinerseits neue Werke zu liefern hatte. Daß man Bachs Musik nicht mehr spielte, war nicht etwa eine Mißachtung seiner Kunst, es war einfach nicht üblich, Musik von früher aufzuführen. Außerdem galten schon zu seinen Lebzeiten seine Kompositionen als altmodisch, die Leute wollten lieber elegantere Musik hören, melodiöser und eingängiger als die strenge Kontrapunktik des Barock.

Folgende Legende habe ich mal gehört: Ungefähr 70 Jahre nach Bachs Tod entdeckte der Koch des Haushalts des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, daß der Fisch, den er auf dem Markt gekauft hatte, in beschriebenem Notenpapier eingewickelt war. Er zeigt das seinem Hausherren, und der erkannte sofort die Qualität der Kompositionen, was schließlich zu einer Wiederaufführung der Matthäuspassion im Jahre 1829 führte – und anschließend zu einer Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert. Schöne Geschichte, aber vermutlich stimmt sie nicht – so ganz war Bach nie vergessen, seine Schüler hielten die Tradition wach, und seine Klavierwerke wurden als Übungsstücke für Musikschüler benutzt. Aber unstrittig ist, daß es hauptsächlich Mendelssohn Bartholdy zu verdanken ist, daß Bachs Musik in die Konzertsäle und Kirchen zurückkehrte.

Gegenüber der Thomaskirche gibt es ein Bach-Museum, man kann durch die Räume wandeln, in denen Bach – nicht gelebt hat, denn da man keinen Grund sah, von einem verstorbenen Thomaskantor irgendwas aufzubewahren, steht auch sein Wohnhaus nicht mehr. Aber zufällig hat das Haus seines Nachbarn alle Unbillen der Geschichte überstanden, weshalb man kurzerhand das Museum hier unterbrachte. Man betont gern, daß Bach und sein Nachbar sich gut verstanden haben, also – hey, was soll’s, so groß wird der Unterschied zwischen den beiden Häusern nicht gewesen sein. Und außerdem war er hier ja mal tatsächlich zu Besuch. Vermutlich. Im Museum gibt es wenig Museales zu sehen …

… hier eine alte Orgel, da eine alte Truhe, die im Besitz der Familie Bach gewesen sein soll, und das war es auch schon, keine Zahnbürste, kein original Taktstock des Meisters, worauf ich allerdings auch gut verzichten kann. Das Erbe Bachs ist glücklicherweise immateriell, und das hat man im Museum auch erkannt: Sein Leben wird nachvollzogen in Schautafeln und Diagrammen, das ist durchaus interessant, darüber hinaus sind in fast allen Räumen Klangbeispiele seiner Musik hörbar, man kann viele Knöpfe drücken und damit Lautsprecher aktivieren oder sich Kopfhörer aufsetzen. Der Besuch lohnt sich, wenn man die Musik mag.

Und aus dem Fenster hat man einen schönen Blick. Da unten gehen wir gleich Kaffeetrinken.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (2)

Am Tag unserer Ankunft spielte am späten Nachmittag das Bläserquintett des Gewandhausorchesters ein Willkommenskonzert nur für uns. Das nenn ich Service. Wir hatten nichts dagegen, daß auch ein paar andere Leute zuhören, im Gegenteil: Die Kammermusikinstrumente waren eigentlich zu leise, auch wurde kein Bach gespielt, sondern Mozart, Danzi und anderes Seichtes, und als wir unser Bier ausgetrunken hatten, war uns ein wenig langweilig. Durch die vielen Zuhörer fiel es nicht weiter auf, daß wir uns verdrückten …

… um uns die Thomaskirche anzusehen: Ein großartiges Netzgewölbe. Die Orgel ist allerdings nicht mehr die, an der Bach gesessen hat.

Merkwürdigerweise stehen die ersten Bänke längs zum Chor – sowas habe ich noch nie gesehen, die Kirchenbesucher sitzen sich gegenüber. Das erinnert mich an ein Sartre-Stück, das ich mal in einem kleinen Theater besucht habe, da war die Bühne in der Mitte, und die Zuschauer in zwei großen Blöcken links und rechts mußten die Blicke von gegenüber aushalten – geschickt gemacht, denn die Quintessenz des Stücks war: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Hier liegt er nun, bzw. seine Gebeine, der größte Komponist, den die Welt je gesehen hat, Johann Sebastian Bach (1685-1750). Obwohl, ganz sicher ist man sich da nicht, es bestehen sogar erhebliche Zweifel: Bach wurde erst normal auf einem Friedhof begraben. Nachdem man ca. 100 Jahre später seine Bedeutung erkannt hatte und 1894 ein Umbau des Friedhofs und der angrenzenden Johanniskirche anstand, exhumierte man die Knochen, die da lagen, und ein Gutachter (ein Anatom) bestimmte, welche von Bach sein sollten, um sie in der Kirche unter dem Altar zu deponieren. Nach der Zerstörung der Kirche im 2. WK wurden sie schließlich 1950 zum 200. Todestag des Komponisten in der Thomaskirche beigesetzt. Ich finde, man sollte das nicht weiter untersuchen. Die Ehrung und Verehrung zählt, darauf kommt es an.

In diese Damen habe ich mich fast ein bißchen verguckt – selten, daß eine Frau so forschend, neugierig und selbstbewußt aus einem alten Bild dem Betrachter direkt in die Augen sieht. Der Ausschnitt stammt aus …

… einem merkwürdigen Bild, das relativ unbeachtet an einem Pfeiler der Kirche hängt: Drei Männer, jede Menge Nonnen und Kinder? Was soll das? Wenn ein Kunsthistoriker nicht weiter weiß, sucht er nach einem ähnlichen Bild, das eventuell besser dokumentiert ist, vergleicht und versucht, Schlüsse daraus zu ziehen. Der Fachmann nennt das „vergleichendes Sehen“.  Das habe ich gemacht, herausgekommen ist folgendes:

Höchstwahrscheinlich sind die drei Männer vermögende und hochangesehene evangelische Bürger der Stadt Leipzig – keine Adligen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie verwandt wären und unter einem Dach lebten. Um ihr Seelenheil und das ihrer Familie besorgt, haben sie eine große Summe Geld zum Aufbau oder zur Renovierung der Kirche gespendet. Die Frauen sind keine Nonnen, sondern die Frauen des Hausstands, die (hier wird es wirklich ganz vage) nicht alle so fromm und unterwürfig sind, wie die Herren es gern hätten. Ich vermute, das Bild ist in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert entstanden.

Geholfen hat mir ein Bild, das ich zufällig am nächsten Tag im „Museum der bildenden Künste“ sah:

Es ist von Lucas Cranach d.J. aus dem Jahr 1557. Es ist nicht nur ein typisches Stifterbild, wie es häufig vorkommt, also Christus am Kreuz als Hauptthema, im Hintergrund Szenen aus seinem Leben und vorn unten, bedeutungsperspektivisch verkleinert, der Stifter des Werkes und seine Familie, nein, es ist auch ein antikatholisches Triumphbild.

Hinter den Köpfen des Stifters und seines mutmaßlichen Schwiegersohnes (so vermutet man) sieht man, wie Jesus dem Teufel den letzten Stich verpaßt – der Teufel trägt eine Papstkrone, aus seinem aufgeschlitztem Bauch quellen katholische Würdenträger heraus (ich sehe da einen gewissen Humor, aber das liegt vermutlich an mir).

Die Frauen, deren Aufzug auch in diesem Bild an Nonnen denken läßt, sind ganz sicher keine – die Kragen sind ornamentiert, wie es sich für einen Nonne nicht schickte, und überhaupt, die Anwesenheit von Nonnen würden hier gar keinen Sinn machen, da der Stifter ja für seine ganze Familie ein Seelenheilverbesserung wünscht. Daraus schließe ich, daß in einem sittsamen, frommen evangelischen Haus die Frauen sich relativ schmucklos zu kleiden hatten.

Das Bild in der Kirche ist also wahrscheinlich auch ein Spenderbild – die Anordnung der Figuren ist ja die selbe wie hier. Allerdings fehlt dort das gespendete Werk, daher meine Annahme, daß die Spende der Kirche selbst galt. Daß es sich um Leipziger Bürger handelt, sieht man an dem Wappen rechts: Der Löwe ist das Wappentier der Stadt.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (1)

„Wo bleiben die Einträge“, mahnt meine Begleiterin, wir seien schon seit fünf Wochen zurück aus dem Urlaub. Aber 2.000 Fotos, die müssen erstmal in die richtige Reihenfolge gebracht werden, bevor ich sie zeigen kann. Und da die Leser bestimmt nicht alle sehen wollen, muß ich auch ein paar aussortieren, sogar so viele, daß die Leser nicht entnervt aufgeben. Papperlapapp, sagt meine Begleiterin, wer wegklickt, hat seine Gründe, egal, wieviele Fotos gezeigt werden. Hm – da hat sie recht. Ich fang einfach mal an, mit dem Bahnhof, der zwischen 1902 und 1915 geplant und gebaut wurde.

Ein Kopfbahnhof hat den Vorteil, daß er weniger Platz braucht als ein Durchgangsbahnhof, und daher weiter in die Stadt hinein gebaut werden kann. Wenn zur Ausfahrt der Züge erstmal die gleichen Gleise benutzt werden können wie zur Einfahrt, hat man einige Bahntrassen gespart, die sonst städtischen Grund belegen würden. Da hat der Stadtrat doch eine weise Entscheidung getroffen.

Darüber hinaus gab es politische Gründe, deren Folgen man noch heute am Gebäude ablesen kann: Eine schöne, große, protzige Bahnhofshalle. Verrückterweise gibt es davon noch eine zweite, in den gleichen Ausmaßen, beide verbunden durch eine große Querhalle (die heute ein mehrstöckiges Einkaufszentrum beherbergt). Das kam so: Nachdem die Eisenbahn erfunden worden war, erkannten viele Leute, daß man damit viel Geld machen kann, und so entstanden viele private Eisenbahngesellschaften, die miteinander konkurrierten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es allein in Leipzig fünf Fernbahnhöfe. Nach dem üblichen Verdrängungswettbewerb blieben noch zwei Eisenbahngesellschaften übrig, die „Preußische Staatseisenbahn“ und die „Königlich Sächsische Staatseisenbahn“, und da die beiden sich spinnefeind waren und Vernunft als ein Phänomen betrachtet wurde, das irgendwelche Spinner in gelehrten Büchern diskutierten, bestand jede auf eine eigene repräsentative Eingangshalle: In Stein „gemeißelte“ Unvernunft und Geldverschwendung aus nationalistischem Dünkel. Die gleiche Geisteshaltung, die zum 1. Weltkrieg führte – und heutzutage eine Renaissance erfährt, wenn man nach Osteuropa und über den Atlantik blickt.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Basel (6)

Das Museum Tinguely wurde 1996 eröffnet. Es ist ein Geschenk der Pharmafirma Roche zu ihrem eigenen 100-jährigen Jubiläum an die Stadt – und natürlich auch ein Unterbringungsort für die Kunstwerke, die die Firma bis dahin gesammelt hatte. Das kennen wir ja auch schon von anderen Mäzenen: Die Damen und Herren Multimillionäre und -milliardäre finden Kurzweil im Sammeln von Kunst, und da für sie kein Preis zu hoch ist, schaffen sie sich eine meist sehenswerte Bilder- und Skulpturenkollektion an, für deren Unterbringung und Ausstellung dann die Öffentliche Hand aufkommen muß. Letzteres hier nicht: Auch der Betrieb des Museums wird komplett von Roche finanziert. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Roche ein paar Etagen unter dem Museum, also tief in der Erde, eine Wasseraufbereitungsanlage erbaut hat, wo das Wasser gereinigt wird, das die Firma dem Rhein für eigene Produktionszwecke entnimmt.

Zum Zeitpunkt der Eröffnung war der Schweizer Künstler Jean Tinguely (1925-1991) schon fünf Jahre tot, aber er hatte es noch miterlebt, daß man ihm und seiner Kunst zu Ehren dieses Haus errichten wollte. Das war durchaus keine Selbstverständlichkeit: In seinen frühen Künstlertagen war Tinguely das, was man einen Bürgerschreck nannte (ich weiß gar nicht, ob der Ausdruck heute noch gebräuchlich ist).

So hat er z.B. vorm Mailänder Dom eine große verhüllte Skulptur errichten lassen, die sich nach der Enthüllung als erigierter Penis samt Hoden zu erkennen gab (Foto links; die Testikel sind mit vergoldeten Plastikfrüchten behängt – Details können ja manchmal wichtig sein). Als ob das nicht schon reichte, ließ der Künstler die Skulptur noch während der Veranstaltung von innen abbrennen (Foto rechts), ohne vorher die Feuerwehr oder andere offiziellen Stellen darüber informiert zu haben. Der ganze Spaß kostete 12.000 Dollar (damals noch um einiges mehr wert als heute), die aus der eigenen Tasche und von Sponsoren und Freunden aufgebracht wurden.
Die Phase der sich selbst vernichtenden Werke nahm um 1960 allerdings nur eine kurze Spanne im Leben des Künstlers ein – diese (von Ad Petersen dokumentierte) Aktion von 1970 mit dem Titel „La Vittoria“ (Der Sieg) war im späteren Werk eher eine Ausnahme.

Zusammen mit anderen Künstlern gründete Tinguely 1960 die Gruppe „Nouveau Réalisme“ (Neuer Realismus), sozusagen als Gegenbewegung zum den Kunstmarkt beherrschenden „Abstrakten Expressionismus“. Sie wollten wieder Gegenständliches schaffen, aber nicht in der Art traditioneller Bildhauerei. Sie sahen sich eher als Erneuerer und Fortführer der Kunst von Marcel Duchamp mit seinen „ready mades“ und der Dadaisten in den 10er und 20er Jahren. Der Künstler César z.B. presste Autowracks zu neuen Skulpturen zusammen, Arman goß den Inhalt von Abfalltonnen und Papierkörben in gläserne Rahmen, Daniel Spoerri klebte alle Gegenstände, die nach einer Feier oder einem Essen auf dem Tisch verblieben waren (also sämtliches Geschirr, aber auch Flaschen, Brotreste, Servietten und Zigarettenstummel), fest und hängte die Tischplatten an die Wand (=Fallenbilder).
Man verfaßte Manifeste und organisierte gemeinsame Ausstellungen.

Tinguely sammelte Schrott, schweißte und schraubte die Teile zusammen und brachte sie mit kleinen Elektromotoren in Bewegung. So ist im Museum fast jedes Werk mit einem Trittknopf versehen, wenn man ihn aktiviert, bewegt sich was – sehr hübsch, ein großer Spaß, nicht nur für Kinder. Allerdings muß man etwas Geduld mitbringen: Die Kunstwerke sind natürlich sehr verschleiß- und daher wartungsanfällig. Um ihre Funktionsfähigkeit (bis zur nächsten Wartung) zu erhalten, müssen nach einer jeweiligen Aktivierung durch die Besucher erst sieben Minuten vergehen, bevor der Mechanismus erneut in Gang gesetzt werden kann.

Bei den Beispielen oben und unten werden sogar automatisch gezeichnete Kunstwerke erzeugt.

Spätestens in den 70ern war Tinguely nicht nur weltweit, sondern sogar in der etwas gemächlichen Schweiz anerkannt als der bedeutendste Schöpfer kinetischer Kunst, und so wurde er auch auf der Baseler Kunstmesse gehandelt. Ein Galerist erzählte später, daß es manchmal sehr nervig gewesen sei, wenn man einem Kunden feinsinnig von der Qualität eines impressionistischen Gemäldes überzeugen wollte und dann plötzlich am übernächsten Stand eine von Tinguelys Maschinen loslärmte.

In einem dunklen Raum mit unheimlichen Schattenwürfen rattern einige Werke mit Teilen von Tierskleletten bedrückend vor sich hin. Diese Ansammlung von Maschinen heißt „Mengele-Totentanz“. In Tinguelys Nachbarschaft war in einer gewaltigen Feuersbrunst ein Bauernhof komplett abgebrannt, auch die Tiere waren nicht mehr zu retten. Mit Erlaubnis des Besitzers durfte Tinguely sich ein paar Tage später auf dem Grundstück umsehen. Es stank noch immer nach verbranntem Fleisch (wie er später erzählte), während er die Überbleibsel der Maschinen und Tiere einsammelte. Unter anderem fand er eine Herstellungsplakette der Firma Mengele: Der Vater und die Brüder des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele hatten Landmaschinen produziert. Totentanz erinnert an eine aus Basel bekannte mittelalterliche Darstellungsform des Todes: Skelette scheinen die zu Tode Bestimmten anzutanzen (hier sieht man eine Kopie).

Die größte, sogar begehbare Maschine (ihr werdet gleich im Film noch mehr davon sehen). Tinguely hatte sie für eine spezielle Ausstellung gebaut und geplant, daß die Besucher über sie in das nächste Stockwerk gelangen, aber das wurde aus Sicherheitsgründen nicht gestattet.

Genug geredet: Man muß die Bewegungen sehen und hören, deswegen habe ich einen kleinen Film für euch zusammengestellt. Die ersten Szenen sind vom Fasnachtsbrunnen mitten in der Stadt (die Figuren stammen von Schrottresten des abgerissenen Theaters, das an der Stelle vorher stand), die anderen aus dem Museum. Viel Spaß!

Ende.

 

Ausflug nach Basel (5)

Ich war nicht schon wieder in Basel, sondern es fehlen noch zwei Einträge vom letzten Urlaub, die ich gern nachtragen möchte, bevor ich von unserer diesjährigen Wanderung erzähle. Der Anschluß an die vorherigen Baseleinträge ist hier.

Im Museum Tinguely hatte der belgische Künstler Wim Delvoye (*1965) eine große Ausstellung. Man kann ihn als raffinierten Ironiker bezeichnen, der die Erscheinungen der Konsumgesellschaft und des Kunstmarktes in seinen Werken kritisch und provokativ thematisiert – oder auch als Witzbold und albernen Spaßmacher, falsch liegt man weder in dem einen noch in dem anderen Fall. Weil die Ausstellung eine Retrospektive seines bisherigen Schaffens ist, fängt er folgerichtig mit seinen Kinderbildern an.

Der Architekt und Architekturkritiker Adolf Loos (1870-1933) hat 1908 einen Text vorgetragen: „Ornament und Verbrechen“ (hier nachzulesen), in dem gesagt wird, daß das Ornamentieren, also das Ausschmücken, von Gegenständen ein Verbrechen ist. Der Text ist schwülstig und pamphletartig, läuft aber letztlich nur darauf hinaus, daß es besser ist, daß Hersteller von Gebrauchsgegenständen und Architekten gute Materialien verwenden und sich nach den Wünschen der späteren Benutzer und Bewohner richten sollen, als zu versuchen, sich in der Formgebung selbst zu verwirklichen. Mit Bezug auf diesen Text dreht Delvoye den Spieß nun um und ornamentiert drauflos: Propangasflaschen erhalten eine Bemalung wie Delfter Porzellan, Bügelbretter werden zu Wappenträgern.

Kunstvoll bemalte Porzellanfüße stützen Industrierohre.

Truck-Reifen, durch Schnitzungen reichhaltig verziert.

Eine Doppelhelix, ornamentiert mit dem Schmerzensmann.

Eine schöne Holzarbeit für den Bau …

… dazu passend eine Betonmischmaschine.

Die gibt es auch im Look gotischer Architektur …

… und als solche auch in Groß.

Der zweite große Themenkomplex des Künstlers ist die menschliche Verdauung. Er baut riesige Verdauungsmaschinen, von ihm als menschliche Porträts bezeichnet,  die …

… unter Zugabe entsprechender Chemikalien genau das produzieren …

… was beim Menschen hinten rauskommt. Man kann sich das für Geld in Folie einschlagen lassen und als Kunstwerk mit nach Hause nehmen, habe ich gelesen.

Der Künstler nennt diese Maschinen „Cloaca“ – hier eine Kofferversion für Unterwegs.

Im Shop kann man dann eine Mini-Cloaca samt Action-Figuren für die Kleinen zu Hause kaufen (man achte auf die Schriftgestaltung).

Man kennt das: Eins führt zum anderen – von der Verdauung ist es nicht weit zum Analen …

Wer diesen Figuren (je eine für jede Himmelsrichtung) hinten hineinschaut, blickt durch ein Fernrohr.

Zum Schluß noch ein Werk mit der Materialbezeichnung „Lippenstift auf Hotelbriefpapier“: „Anal Kiss B41“. Tja – das hängt man sich wohl eher auch nicht an die Wand.

Fortsetzung folgt.

 

Ausflug nach Basel (3)

Schön ist es, durch die Gassen zu schlendern …

… auch abseits der Touristenströme.

In einer Seitenstraße entdecken wir im Hof des Staatsarchivs einen Pavillon, der einen Teil der Austellung „Magnet Basel“ zeigt: Es geht um Zuwanderung aus den verschiedensten Gründen.

Migration betrifft immer Einzelschicksale, jeder Einzelne hat das Recht, daß man ihm hilft, wenn er hilfsbedürftig ist.

Sehr gut gemacht, die Ausstellung – ein Licht der Aufklärung in einer dämonischen Umgebung (womit ich nicht nur die Figuren an der Wand meine, sondern den gesamteuropäischen Umgang mit dem Flüchtslingsthema).

Hügelig ist es hier ein bißchen, was den Vorteil hat, daß man sich kaum verlaufen kann: Wenn man nicht mehr weiß, wo man ist, geht man einfach bergab und landet immer …

… am Rhein. In Basel darf man etwas tun, wozu in Köln dringend abgeraten wird:

Man darf im Fluß schwimmen. In Köln ertrinken jedes Jahr immer wieder Leute, die die Strömungen unterschätzen. In Basel fließt der Fluß noch langsamer, er ist auch nicht ganz so breit, und es fahren viel weniger Schiffe.

Sehr viele Baseler nutzen das. Diese wasserdichten Säcke mit Fischaufdruck, die man hier (auf einem Foto meiner Begleiterin) in blau und orange sieht, kann man in  jedem Supermarkt kaufen.

An einer der oberen Brücken werden Klamotten und Handtuch im Sack verstaut, dann schwimmt man los oder läßt sich einfach treiben. Weiter unten klettert man wieder hinaus – die Stadt hat sogar ein paar Duschen installieren lassen.

Daß man auf der rechten Rheinseite sehr viel besser sitzen kann als auf der linken, weil die Sonne da viel länger hinscheint, weiß man hier schon lange.

Deshalb gibt es hier nicht nur Hotels …

… sondern auch viele Restaurants und Kneipen, die mit ihren Außenterrassen locken. Allerdings ist abends viel los, da kann es schon mal passieren, das eine Bestellung vergessen wird.

Trotz der günstigen Lage scheinen sich auch neu erbaute Häuser an ein Höhenkonzept zu halten – nur ein Gebäude sticht unangenehm heraus: Es ist der Roche-Turm. Ein zweiter, der noch höher werden soll, ist im Bau. Soweit ich weiß, ist das nichtmal in der Bürgerschaft kritisch diskutiert worden, vermutlich, weil man genau weiß: Was diese Pharma-Riesen wollen, das bekommen sie auch, sie brauchen ja nur mit Abwanderung zu drohen.

Ich weiß jetzt sogar, warum Basel ein solches Zentrum für Pharma- und Chemiefirmen ist: Es hat zu tun mit – Eitelkeit. Seit Ende des 16. Jahrhunderts war es modern, die Kleidung zu festlichen Gelegenheiten mit Bändern, sogenannten Posamenten, zu schmücken. Basel entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem Zentrum der Seidenbandweberei. Die Bändelherren, also die Unternehmer, die mit den Posamenten handelten, ließen die Ware im Baseler Umkreis herstellen: Sie stellten den Bauern riesige Webstühle in die Wohnstuben und ließen sie für sich arbeiten, ohne viel dafür zu bezahlen. Die Bauern wurden zu Posamentern. Der Vorteil für sie war, daß sie nicht mehr von den Unbilden des Wetters abhängig waren, sondern eine dauerhafte Einnahmequelle hatten, und wenn die ganze Familie mithalf, konnte man vielleicht etwas mehr erwirtschaften, als man für das tägliche Leben brauchte. Freilich waren sie nun von den Launen der Unternehmer abhängig …

… die es sich in der Stadt gut gehen ließen, in Saus und Braus lebten und sich riesige Villen errichteten, wovon natürlich die ganze Stadt profitierte. Mit Beginn der Industrialsierung hatten viele Bauern leider erneut das Nachsehen: In der Stadt wurden Fabriken errichtet, die Webstühle wurden nun mit Dampf betrieben, und den übrig gebliebenen Heimposamentern – immer noch sehr viele – konnte man neue Bedingungen diktieren. Eine weitere Optimierung der Herstellung von Seidenbändern war die Erzeugung von künstlichen Farbstoffen. Nach der Erfindung des Farbstoffs Fuchsin (dem heutigen Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden schnell mehrere Chemiefirmen, die auch nach weiteren künstlichen Farbstoffen forschten. Als sich um 1900 die Mode änderte und niemand mehr Seidenbänder haben wollte, brach die Seidenbandweberei in sich zusammen – in einem Prozeß von mehreren Jahren, aber unumkehrbar. Übrig blieben aber die Chemieunternehmen, die zunehmend auch Abfallprodukte ihrer Forschungen vermarkteten: Medizin – gegen Rheuma, gegen Kopfschmerzen, was der Mensch halt so braucht. Inzwischen haben allein die beiden größten Pharmaunternehmen, Novartis und Roche, einen Jahresumsatz von über 100 Milliarden Dollar.

„Die meisten Blöden in Berlin sind derart ausgelaugt, daß sie nichts mehr hergeben“, liest mir meine Begleiterin aus der Frühstückszeitung vor. Das leuchtet mir unmittelbar ein, aber ich wundere mich doch darüber, daß eine Schweizer Tageszeitung so unverblümt über unsere Regierung urteilt. Tut sie gar nicht – meine Begleiterin hat sich nur verlesen:

Nächstes Mal gehen wir ins Museum.

Fortsetzung folgt.