Singen ist das neue Saufen

Das Karnevalsmotto der diesjährigen Session (deutsch ausgesprochen, also mit stimmhaftem ’s‘ am Anfang; eine Session umspannt die Zeit zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch) lautet: „Mer Kölsche danze us der Reih“ – auf Hochdeutsch: „Wir lassen uns das Saufen nicht verbieten – und müssen wir auch noch so reihern!“ Und weil das so schön ist, hat man auch gleich am 11.11. damit angefangen: Die Sauferei, Wildpinkelei und Kotzerei in Hauseingänge und überall woanders wurde derart ekzessiv betrieben, daß man heute noch darüber spricht. Die Stadtverwaltung gründete schnell eine Kommission, um zu beraten, was man tun müsse, um derlei Treiben an den „tollen“ Tagen im Februar, also im Straßenkarneval von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch, zu unterbinden. Oberbürgermeisterin Reker, vielen bekannt durch ihren großen Vorrat an Weisheiten, wie z.B. die nach den sexuellen Übergriffen Silvester 2015, die bergrapschten und vergewaltigten Frauen sollten die Täter vorausschauend immer eine Armlänge von sich fernhalten, dann könne nichts passieren, Frau Reker also hat einen neuen Geistesblitz: „Wer singt, trinkt nicht!“ Also läßt sie im Studentenviertel eine Bühne aufbauen, wo Karnevalsmusik zum Mitsingen dargeboten wird. Wer das nicht glaubt, kann es ja selbst ausprobieren: Singen singen singen, und dabei ein Schluck aus der Pulle – vorsicht, nicht verschlucken. Bitteschön, der Beweis – funktioniert nicht. Und wenn man das 12 Stunden am Stück macht, läuft man eher Gefahr, wegen Dehydrierung in Ohnmacht zu fallen, als daß man irgendwo hinpinkeln muß – Problem gelöst. Umgekehrt gilt das natürlich auch: Wer trinkt, singt nicht – deswegen ist es zur Karnevalszeit in den Kneipen immer so still. Ich weiß nicht, wann Frau Reker zum letzten Mal durch die Straßen Kölns gelaufen ist, das muß schon sehr lange her sein.

Noch eine Maßnahme: Wir verbieten die Bierbuden! Haha!! Das weiß ja jeder: Durstig vom vielen Singen und Schunkeln stolpert der Kölner Jeck orientiertungslos durch die Gegend, bis er automatisch von einer Bierbude aufgehalten wird – schon hat man den Salat, bzw. das Bier literweise oben rein und anschließend Harndrang. Das Kalkül der Oberbürgermeisterin: Wenn keine Bierbuden mehr da sind, schleicht der Jeck eine zeitlang zombiegleich durch die Gegend, bis er schließlich erneut von Karnevalsmusik angezogen wird, seinen Durst vergißt und wieder lauthals mitsingt. Inzwischen wurde das Bierbudenverbot aber wieder aufgehoben – die Betreiber hatten herumgemault, von wegen entgehender Gewinne und überhaupt. Gut, das kann man natürlich nicht ahnen, daher zeigte Frau Reker ein Einsehen.

In Köln bewerfen sich Karnevalisten mit ‚Kamelle‘ und ‚Strüsjer‘ (Hartzuckerbonbons und zwei zusammengebundene Tulpen mit Blumengrün). Die Kölner Rockband Brings, die sich schon lange an den Karneval verkauft hat (ich kann das verstehen: So ein Auftritt bei einer großen Karnevalsgesellschaft bringt bis zu 3.000 Euro, und pro Session hat eine prominente Band über 200 Auftritte), gibt an, vor zwei Jahren bei einer Düsseldorfer Sitzung mit Brühwürstchen beworfen worden zu sein. Tja – andere Städte, andere Sitten. Jedenfalls hat ihnen das so gut gefallen, daß sie jetzt öfter in Düsseldorf auftreten wollen.

Weihnachten

So, alle Geschenke ausgeliefert, da kann man zur Belohnung schön Essen gehen und in aller Ruhe ein Kölsch trinken – könnte man meinen. Tatsächlich ist das Foto schon ein paar Tage alt: Mitten im größten Trubel lungerte dieser Mann in der Kölner Altstadt herum und ließ es sich gut gehen. Falls ein paar Geschenke nicht die richtigen sind, wißt ihr nun, woran das liegt.

Zwischen den Jahren haben glücklicherweise die meisten genug Zeit, in die Geschäfte zu laufen und alles wieder umzutauschen. Aber Obacht: Manche Schnäppchen sind gar keine (gibt es inzwischen eigentlich auch Negativreduzierungen? 69,99 Euro, reduziert auf 79,99? Kommt bald).

Euch allen schöne Feiertage!

 

Domvorplatz/Wallraffplatz

An dem kurzen Verbindungsstück zwischen Domvorplatz und Wallrafplatz hat man vor ein paar Monaten diese Steine hingestellt, Überbleibsel aus der Dombauhütte. Das ist kein Schmuck, sondern dient einem anderen Zweck: Falls ein Terrorist mit einem Lastwagen einen Anschlag durchführen will, sollen sie ihn, bzw. das Fahrzeug aufhalten – nicht auszudenken, wie viele Opfer eine Amokfahrt auf dem Domvorplatz oder dem Roncalliplatz südlich des Doms kosten würde, hier laufen sowieso schon jeden Tag Tausende von Leuten lang, und jetzt zur Weihnachtszeit erhöht sich die Anzahl noch.

Und wieso steht der Polizeiwagen da?

Es ist klar, daß diese Steine viel zu leicht sind, um einem heranrasenden LKW zu behindern. Der Polizeiwagen ist ein weiteres Hindernis.

Und wieso nimmt man dann die Steine nicht wieder weg, wenn sie gar keinen Sinn haben? Schließlich behindern sie so vor allem die Fußgänger.

Das ist doch klar: Die Polizei ist wegen der Steine da; wenn man die wieder wegnimmt, sieht auch die Polizei keinen Grund mehr, sich hier aufzuhalten – und wir sind komplett ohne Schutz vor wahnsinnigen Terroristen. Also muß alles so bleiben wie es ist – ein sorgsam austariertes Sicherheitskonzept!

Stadtverwaltung und Polizei arbeiten hier in Schilda Köln Hand in Hand,  alle verbrauchen – ohne besonders viel zu tun, also außer zu atmen und ähnliches – gut bezahlte Arbeitszeit, und das ist ja zumindest für die Beteiligten nicht ganz sinnlos.

Ausflug nach Basel (4)

Heute fahren wir nach Riehen, einem kleinen Ort direkt an Basels Grenze, um die Fondation Beyerler zu besuchen. Mit der Straßenbahn, deren Benutzung für Gäste, die in einem Hotel logieren, übrigens umsonst ist (andere Städte sollten sich das als Vorbild nehmen), dauert es ungefähr eine halbe Stunde.

Das Museum soll laut Wikipedia eines der schönsten der Welt sein – da scheint einer weit herumgekommen zu sein. Aber es ist wirklich sehr schön: Einstöckig, mit einem umgebenden Park sehr idyllisch gelegen …

… mit einem Blick nach draußen, der einen immer wieder innehalten läßt. Egal, was in diesem Gebäude hängt: Man fühlt sich wohl. Der Stararchitekt Renzo Piano hat es 1997 fertiggestellt (ein bißchen Hilfe hatte er natürlich, der ein oder andere Maurer und Elektriker wird auch dabei gewesen sein). Tja, wer es sich leisten kann …

Ernst Beyerler (1921-2010) war ein Baseler Galerist und Kunstsammler, der sich ab den 50er Jahren auf die Kunst der Klassischen Moderne und Nachkriegskunst spezialisiert und viel Geld damit verdient hat. Seine Sammlung bestand zu Anfang aus Werken, die niemand kaufen wollte,  als er später wohlhabend war, behielt er jedoch immer wieder Werke für sich, obwohl er auf dem Kunstmarkt einen guten Preis dafür erzielt hätte. Der Bestand ist ein Who-is-Who der bekanntesten Namen der Kunst des 20. Jahrhunderts – allerdings muß ich für die meisten Werke dieser Maler wohl nochmal wiederkommen, denn zur Zeit läuft eine Sonderausstellung. Macht nichts, wir sind gespannt, unbefangen und voller Vorfreude.

Der Künstler heißt Wolfgang Tillmans. Alles, was ich von ihm wußte, war, daß er ein deutscher Fotograf ist, der im Jahr 2000 als erster Fotograf überhaupt den renommierten britischen Turner-Preis bekommen hat. Schauen wir mal:

Ein aufgeblasener Schnappschuß, hinten kleine Portraits, die mit Tesafilm an die Wand geklebt sind.

Schafe und Florales, aufgeblasen. Links ein Werk aus der Reihe „Freischwimmer“: Kein klassisches Foto, sondern Fotopapier, daß seine Schlieren ungeplant durch Chemikalienreste in irgendwelchen Entwicklungsgeräten erhält. Solche Spielereien gibt es seit den Anfängen der Fotografie.

Fotopapier kann man natürlich auch anders bearbeiten: Man kann es belichten oder auch nicht, und dann Knicke hineinmachen, dann in einen durchsichtigen Plastikbehälter stecken und an die Wand hängen.

Ah ja.

Wer jetzt denkt: Was soll denn der Scheiß – hat richtig hingesehen, da links hängt eine Kackwurst. Dahinten neben der Tür hängt eine Tasse Kaffee.

Pornografie, Gewalt und wie hier Fäkalien – meinetwegen, wenn es das Kunstwerk erfordert, ist das okay, das heißt ja nicht, daß es einem gefallen muß. Wenn allerdings nur die beabsichtigte Provokation der Sinn der Sache ist, ist es komplett langweilig, überflüssig, Überdruß erzeugend. Ein Punker, der für den Fotografen auf einen Stuhl pißt: Was soll das? Jooo – die machen das so. Oder was? Sind die noch ganz echt? Den Stuhl kann man wegschmeißen. Und wer wischt die Sauerei wieder auf? Mutti?

Ich bin überrascht: Die Fotos und anderen Werke sind von einer solchen Belanglosigkeit, wie ich sie schon lange nicht mehr in einem Museum oder einer Galerie gesehen habe. Der Fotograf wurde in den letzten Jahrzehnten mit Preisen überhäuft, viele Ausstellungen wurden mit seinen Werken bestückt. Zeitgleich zu dieser Ausstellung läuft eine Retrospektive in der bedeutenden Tate Gallery Modern in London und eine große Ausstellung im Kunstverein Hamburg. Für mich völlig unverständlich, mir fällt der Begriff „erfolgreicher Hochstapler“ ein, aber das ist ungerecht, es ist der Kunstmarkt, der einen solchen Erfolg nach oben spült: Je mehr Preise man hat, desto mehr werden noch oben drauf gelegt, die Preisverleiher wollen sich nicht selten selbst mit dem Geehrten erhöhen.

Und was für ein belangloses Foto ist das? Ich finde es ganz hübsch … kein Wunder, denn es ist ja auch von mir (die Nebentür des Cafés auf dem Gelände).

Da man der Fotoausstellung viel Platz einräumt – was ich großartig finde, von den Bildern mal ganz abgesehen: Wenn man schon eine Sonderaustellung macht, sollte man dem Künstler auch die bestmögliche Hängung ermöglichen – sind viele Werke aus dem eigentlichen Bestand im Depot oder verliehen. Cézanne, Magritte, Kandinsky, Rothko und viele andere, die im Katalog aufgeführt werden, sind nicht zu sehen.

Wo sind die Giacomettis, auf die meine Begleiterin anklagend hinweist? Nicht da, vermutlich nach London verliehen.

Links und rechts langweilige Schwarzstufen vom völlig überschätzten Gerhard Richter (kein Künstler erzielt zur Zeit höhere Preise auf dem Kunstmarkt – weltweit), an der Stirnseite ein Werk von …

… Robert Rauschenberg, das mir sehr gut gefällt. Seine Kunst wird oft der Pop Art zugerechnet, tatsächlich war er eher ein Vorläufer und Wegbereiter dieser Kunstrichtung und sah sich selbst nicht dazugehörig.

Reine Pop Art dagegen hier: Links ein Ausmalbild von Roy Lichtenstein, daneben Andy Warhol, von dem neulich in einer Dokumentation über ihn gesagt wurde, er sei der wichtigste Künstler des 20. Jahrhunderts … was man halt so dahinlabert, wenn man als Spezialist gefragt wird. Was ist z.B. mit dem hier?

Picasso. Und nicht nur der, es gibt, besonders wenn man an die Klassische Moderne denkt, eine Menge bedeutendere Künstler als ausgerechnet Andy Warhol.

Ein einziges Werk von Max Ernst, dem großartigen Dadaisten und Surrealisten aus Brühl. Als man ihm die Ehrenbürgerwürde verleihen wollte, nachdem er weltberühmt war, hat er nur dankend abgelehnt. Brühl ist ein Kaff, und nur, weil er da geboren wurde … Immerhin gibt es da heute ein besuchenswertes Max-Ernst-Museum.

Jean Dubuffet, ein Künstler, den ich eigentlich gar nicht mag (ein großes Bild – rechts kann man undeutlich die Beschriftung erkennen). „Art brut“, also rohe Kunst, wie man sie von Kindern oder Geisteskranken kennt, war sein Ideal – für mich eher uninteressant. Aber dieses Bild (1950) gefällt mir überraschenderweise ganz gut. Es heißt: „Le voyageur égaré“ (Der verirrte Reisende).

Ich liebe es, Museumsbesucher zu fotografieren. Wohin schauen die beiden so neugierig?

Dahin. Das Paar schmust endlos, daß man sich fragt, ob das nicht anstrengend wird. Man ist ganz froh, daß sie immerhin noch ihre Klamotten anhaben. Ich beobachte, wie der Mann in Schwarz eine Museumswärterin fragt, ob das eine Kunstaktion sei – er erntet einen spöttischen Blick: Selbstverständlich! Sonst wäre man ja wohl schon längst eingeschritten.

Performance_Beyeler

Authentisch ist nur die Abwärtsbewegung (aufwärts ist dem Gif geschuldet).

Aktionskunst gibt es auch draußen im Park: Sobald man an der Frau vorbeiläuft, singt sie einen an, mit guter Stimme singt sie einen Popsong für ca. 10-15 Sekunden, am Ende mit normaler Stimme nennt sie den Sänger und das Jahr. Man weiß nicht, was das soll, und wird auch nicht darüber aufgeklärt. Ich finde sowas immer übergriffig: Ohne gefragt zu werden, wird man Teil eines Aktionskunstwerkes. Ich habe es beobachtet, den meisten geht es so wie mir: Keinem gefällt es so richtig – es wird einfach eine Grenze überschritten – aber jeder versteht sofort und macht lächelnd gute Miene.

Kunst auch im Park: Ein großes Mobilé von Alexander Calder. Rechts das Café …

… in dem man herrlich bei Kaffe und Kuchen sitzen kann.

Alles in allem: Ein wirklich tolles Museum. Wer mal in Basel ist, sollte einen Besuch nicht verpassen. Nach Möglichkeit komme ich nochmal wieder – der Tillmans wird hier ja nicht ewig hängen.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Basel (3)

Schön ist es, durch die Gassen zu schlendern …

… auch abseits der Touristenströme.

In einer Seitenstraße entdecken wir im Hof des Staatsarchivs einen Pavillon, der einen Teil der Austellung „Magnet Basel“ zeigt: Es geht um Zuwanderung aus den verschiedensten Gründen.

Migration betrifft immer Einzelschicksale, jeder Einzelne hat das Recht, daß man ihm hilft, wenn er hilfsbedürftig ist.

Sehr gut gemacht, die Ausstellung – ein Licht der Aufklärung in einer dämonischen Umgebung (womit ich nicht nur die Figuren an der Wand meine, sondern den gesamteuropäischen Umgang mit dem Flüchtslingsthema).

Hügelig ist es hier ein bißchen, was den Vorteil hat, daß man sich kaum verlaufen kann: Wenn man nicht mehr weiß, wo man ist, geht man einfach bergab und landet immer …

… am Rhein. In Basel darf man etwas tun, wozu in Köln dringend abgeraten wird:

Man darf im Fluß schwimmen. In Köln ertrinken jedes Jahr immer wieder Leute, die die Strömungen unterschätzen. In Basel fließt der Fluß noch langsamer, er ist auch nicht ganz so breit, und es fahren viel weniger Schiffe.

Sehr viele Baseler nutzen das. Diese wasserdichten Säcke mit Fischaufdruck, die man hier (auf einem Foto meiner Begleiterin) in blau und orange sieht, kann man in  jedem Supermarkt kaufen.

An einer der oberen Brücken werden Klamotten und Handtuch im Sack verstaut, dann schwimmt man los oder läßt sich einfach treiben. Weiter unten klettert man wieder hinaus – die Stadt hat sogar ein paar Duschen installieren lassen.

Daß man auf der rechten Rheinseite sehr viel besser sitzen kann als auf der linken, weil die Sonne da viel länger hinscheint, weiß man hier schon lange.

Deshalb gibt es hier nicht nur Hotels …

… sondern auch viele Restaurants und Kneipen, die mit ihren Außenterrassen locken. Allerdings ist abends viel los, da kann es schon mal passieren, das eine Bestellung vergessen wird.

Trotz der günstigen Lage scheinen sich auch neu erbaute Häuser an ein Höhenkonzept zu halten – nur ein Gebäude sticht unangenehm heraus: Es ist der Roche-Turm. Ein zweiter, der noch höher werden soll, ist im Bau. Soweit ich weiß, ist das nichtmal in der Bürgerschaft kritisch diskutiert worden, vermutlich, weil man genau weiß: Was diese Pharma-Riesen wollen, das bekommen sie auch, sie brauchen ja nur mit Abwanderung zu drohen.

Ich weiß jetzt sogar, warum Basel ein solches Zentrum für Pharma- und Chemiefirmen ist: Es hat zu tun mit – Eitelkeit. Seit Ende des 16. Jahrhunderts war es modern, die Kleidung zu festlichen Gelegenheiten mit Bändern, sogenannten Posamenten, zu schmücken. Basel entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem Zentrum der Seidenbandweberei. Die Bändelherren, also die Unternehmer, die mit den Posamenten handelten, ließen die Ware im Baseler Umkreis herstellen: Sie stellten den Bauern riesige Webstühle in die Wohnstuben und ließen sie für sich arbeiten, ohne viel dafür zu bezahlen. Die Bauern wurden zu Posamentern. Der Vorteil für sie war, daß sie nicht mehr von den Unbilden des Wetters abhängig waren, sondern eine dauerhafte Einnahmequelle hatten, und wenn die ganze Familie mithalf, konnte man vielleicht etwas mehr erwirtschaften, als man für das tägliche Leben brauchte. Freilich waren sie nun von den Launen der Unternehmer abhängig …

… die es sich in der Stadt gut gehen ließen, in Saus und Braus lebten und sich riesige Villen errichteten, wovon natürlich die ganze Stadt profitierte. Mit Beginn der Industrialsierung hatten viele Bauern leider erneut das Nachsehen: In der Stadt wurden Fabriken errichtet, die Webstühle wurden nun mit Dampf betrieben, und den übrig gebliebenen Heimposamentern – immer noch sehr viele – konnte man neue Bedingungen diktieren. Eine weitere Optimierung der Herstellung von Seidenbändern war die Erzeugung von künstlichen Farbstoffen. Nach der Erfindung des Farbstoffs Fuchsin (dem heutigen Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden schnell mehrere Chemiefirmen, die auch nach weiteren künstlichen Farbstoffen forschten. Als sich um 1900 die Mode änderte und niemand mehr Seidenbänder haben wollte, brach die Seidenbandweberei in sich zusammen – in einem Prozeß von mehreren Jahren, aber unumkehrbar. Übrig blieben aber die Chemieunternehmen, die zunehmend auch Abfallprodukte ihrer Forschungen vermarkteten: Medizin – gegen Rheuma, gegen Kopfschmerzen, was der Mensch halt so braucht. Inzwischen haben allein die beiden größten Pharmaunternehmen, Novartis und Roche, einen Jahresumsatz von über 100 Milliarden Dollar.

„Die meisten Blöden in Berlin sind derart ausgelaugt, daß sie nichts mehr hergeben“, liest mir meine Begleiterin aus der Frühstückszeitung vor. Das leuchtet mir unmittelbar ein, aber ich wundere mich doch darüber, daß eine Schweizer Tageszeitung so unverblümt über unsere Regierung urteilt. Tut sie gar nicht – meine Begleiterin hat sich nur verlesen:

Nächstes Mal gehen wir ins Museum.

Fortsetzung folgt.

 

Ausflug nach Basel (2)

Kunst überall, ob wie hier als Fassadenrelief …

… oder als eine der vielen Skulpturen, wie diese von Valery Heussler mit dem Titel „Der Auftrag / Brot teilen“, die vom Lotteriefond finanziert wurde.

Vielfach künstlerisch gestaltet sind auch die ca. 200 öffentlichen Brunnen, die über die Stadt verteilt sind. Von drei Ausnahmen abgesehen, führen sie alle Trinkwasser. Was erstmal sehr großzügig klingt, wirkt nach dem zweiten Nachdenken allerdings wie ein überflüssiger Luxus: Das Wasser wird also erst zu Trinkwasser aufbereitet, bevor es die Brunnen speist, um dann zum allergrößten Teil wieder als Brauchwasser im Klärwerk zu verschwinden – um erneut zu Trinkwasser aufbereitet zu werden.

Der weltgrößte Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé setzt jährlich übrigens Milliarden Euro damit um, daß er z.B. in Pakistan und Maine (USA) das Grundwasser absaugt, in Plastikflaschen abfüllt und verkauft – ohne selbst mehr als einen lächerlich geringen Preis dafür zu bezahlen, und ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen. Wer möchte, kann sich hier den sehenswerten Film „Bottled life“ aus dem Jahr 2012 über die Machenschaften von Nestlé anschauen, er dauert ca. anderthalb Stunden.

Viele Brunnen sind mit dem Baseler Wappentier, einem  Basilisken, geschmückt …

… ein typischer Basiliskenbrunnen sieht allerdings so aus. Ein Basilisk ist ein Mischwesen aus Hahn und Schlange, dem man lieber nicht begegnen möchte: Durch seinen Atem oder durch seine Berührung stirbt alles Lebendige augenblicklich, und kreuzt sich der eigene Blick mit seinem, versteinert man sofort, genauso wie durch einen Blick der Medusa. Und genau wie diese besiegt man auch einen Basilisken, indem man ihm einen Spiegel vorhält. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit hat man wirklich an solche Wesen geglaubt. Im Jahr 1474 wurde in Basel ein Hahn angeklagt, ihm wurde vorgeworfen, ein Ei gelegt zu haben, und da auf diese Weise Basilisken erzeugt werden, wie jedermann weiß, fürchtete man das Schlimmste. Der Hahn hatte offenbar eine schlechte Verteidigung, jedenfalls wurde er zum Tode durch Erwürgen verurteilt, das Ei wurde vorsorglich verbrannt.
Es soll aber auch passiert sein, daß jemand so dreist war, einem reichen adligen Raritätensammler ein einfaches Hühnerei für viel Geld als Basiliskenei zu verkaufen – als Sammelstücke waren die hochbegehrt.

Weshalb nun aber Basel sich ausgerechnet ein solches Ungeheuer als Wappentier erwählte, ist vermutlich der Namensähnlichkeit zu verdanken.

Und den Tod fürchtet man hier schon lange nicht mehr, jedenfalls nicht mehr, als woanders auch – ein Gerippe als Türsteher zum Naturkundemueum.

Ganz wunderbar sitzt man hier unter den Kastanien gleich neben dem Basler Münster, als sei er als Biergarten eigens dafür geschaffen – ist er aber nicht: Der Platz ist ist umgeben von Getränke- und Freßbuden, die aber alle geschlossen sind, nichtmal einen Saft bekommt man hier.

Für ein paar Wochen werden Open-Air-Filme gezeigt, und nur während der Zeit ist der ganze Platz, auch der unter den Kastanien, bestuhlt. Und zu trinken bekommt man nur während der Vorstellung. Kaum zu glauben, so blöd ist das!

Das Münster von der rechten Rheinseite aus gesehen, genannt Klein-Basel.

Fortsetzung folgt.

Reformation II

Heute vor 500 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen an eine Kirchentür genagelt, so wird es jedenfalls behauptet. Deswegen war das vergangene Jahr ein sogenanntes „Luther-Jahr“ mit allerlei Veranstaltungen, die an mir glücklicherweise sämtlich klanglos vorbeigegangen sind. Im Vorfeld hatte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) entschieden, eine 7,5cm hohe Playmobilfigur als „Reformationsbotschafter“ anzubieten, aber nicht in Spielwarengeschäften, sondern nur in Einrichtungen der EKD und in der Nürnberger Tourismus-Zentrale (warum ausgerechnet da, ist mir ein Rätsel).

Foto: gemeinfrei (Albers Heinemann)

Laut Aussage des Herstellers ist nun diese wie ein Pfarrer gekleidete Figur mit Federkiel in der Hand die erfolgreichste in der Geschichte der Firma, keine sonst verkauft sich so gut. Das wiederum ruft den evangelischen Pfarrer Hans Mörtter von der Lutherkirche in der Kölner Südstadt auf den Plan: Sich als Luther II wähnend, geißelt er die „Kommerzialisierung des Reformators“ und seine Reduzierung zu einem bloßen Spielzeug und ruft deshalb heute eine „Reformation II“ aus. Zusammen mit dem Künstler und Kurator seiner Kirche, Rochus Aust, hat er sich eine Aktion ausgedacht, die die Welt vermutlich in ähnlicher Weise erschüttern wird, wie die erste Reformation vor 500 Jahren. Am Ende der Aktion wird er weitere drei Thesen an seine Stirn tackern verkünden.

Ich zitiere aus dem Kölner Stadtanzeiger:

„… 95 Thesen waren es, die der Reformator der Überlieferung zufolge am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte. An diese Zahl anknüpfend haben Mörtter und Aust sich eine breit angelegte, konzertierte Aktion ausgedacht. Seit Freitag werden stundenweise an 95 europäischen Orten Playmobil-Luther auf eine heiße Platte gesetzt und zum Schmelzen gebracht. Die Masse wird in eine metallene Form des Buchstabens, mit dem der Name der jeweiligen Stadt beginnt, gegossen, ob in Rom, Calais, Belfast, Dublin oder Münster, ob in Paris, Liverpool, München, Lissabon oder Zürich. Auch in Köln, zum Beispiel in Deutz und Nippes. Acht Helfer bringen die Buchstaben „sternförmig nach Köln“, sagt Aust.

Wenn alles klappt, sind alle Teile beisammen, wenn Mörtter am 31. Oktober um 12 Uhr auf dem Chlodwigplatz die „Reformation II“ verkündet. Motto: „L95 – 95 Stunden – 95 europäische Orte – 95 Buchstaben – 1 These“. Vom Platz aus geht es in einer Prozession über die Merowinger Straße zur Lutherkiche, begleitet von etwas, das Aust als „religiösen Lärm“ beschreibt; absichtlich vermischen sich die Laute unterschiedlicher Religionen wie etwa Glockengeläut, Muezzin-Rufe und die Klänge des Schofahorns, das rituellen Gebrauch im Judentum findet.

Im Atrium der Lutherkirche werden die zusammengetragenen Buchstaben im Kreis ausgelegt. Als – so Mörtter – „grundmenschliche Aussage, an der niemand vorbei kann“, ergibt sich: „Für uneingeschränkbare Nächstenwürde mit respektvollster Menschenliebe und grenzenlosestem Grundvertrauen“…“. (Kölner Stadtanzeiger, 29.10.2017)

PS: Natürlich weiß auch Herr Mörtter, daß es bei einem grenzenlosen Grundvertrauen ein noch grenzenloseres Grundvertrauen nicht geben kann, die Grenzen sind ja schon weg, und ebenso läßt sich „voll“ nicht steigern – voller als voll läuft immer über, auch, wenn es um Respekt geht, aber er will halt irgendwie das alles nochmal besonders betonen, der Herr Mörtter: Wenn man mit Verstopfung auf dem Klo sitzt und noch mal so richtig dollstens preßt – vielleicht kommt dann noch was! Bei ihm hat’s funktioniert.