Ein Wort

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Gottfried Benn (1886-1956)

Vogelsanger Str.

Porzellan

Kamelien staunen unter Edelfichten
In Tau verträumt um einen Pflanzenteich.
Der Mond verschleicht aus letztem Silberreich,
Ein Morgen kommt von goldnen Sterngedichten.

Die Reiher wissen ihren Flug zu richten,
Sie schimmern aus dem blauen Traumbereich
Erwachter Augen auf dem Eschendeich,
Ihr Silberzug ist zärtliches Verzichten.

Kamelien trauen einem goldnen Blauen,
Der lila Tag ist Kind und Stern bestimmt.
Vergiß die Nacht, die ihre Hülle nimmt!

Mit Jubel überflügeln sich die Auen,
Wo stiller Adel unter Tannen thront,
Die Fische glauben an den Rosenmond.

Theodor Däubler (1876 – 1934)

Eindringliches Gespräch am Rheinufer

Hey, Alter, was geht …

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

weiß auch nicht, voll krass den Blues …

daß ich so traurig bin;

nee, mit der läuft auch nix mehr …

ein Märchen aus alten Zeiten,

wieso wieso – woher soll ich das wissen …

das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Scheiße kalt hier, Alter …

Die Luft ist kühl und es dunkelt,

kein Bock mehr, ist mir zu krass …

und ruhig fließt der Rhein;

nee, heute werd‘ ich nicht alt …

der Gipfel des Berges funkelt

ey, Alter, laß krachen, bis dann …

im Abendsonnenschein.

Unter Verwendung eines Teils des Gedichts „Lorelei“ von Heinrich Heine.

Sommerabend

Sommerabend

Faltenlos sind alle Dinge,
Wie vergessen, leicht und matt.
Heilighoch spült grüner Himmel
Stille Wasser an die Stadt.

Fensterschuster leuchten gläsern.
Bäckerläden warten leer.
Straßenmenschen schreiten staunend
Hinter einem Wunder her.

… Rennt ein kupferroter Kobold
Dächerwärts hinauf, hinab.
Kleine Mädchen fallen schluchzend
Von Laternenstöcken ab.

Alfred Lichtenstein (1889–1915)

"Wenn Totenstille eintritt"

Reklame

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsere Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille
eintritt

Ingeborg Bachmann (1956)

Inspiriert von SusanIwanowa.