Wandern auf dem Salzalpensteig (4): Hochfelln – Ruhpolding

Weiter geht’s, wir sind noch nicht oben. Unser Wanderweg (seufz!). Ein hundert Meter langer steiler Geröllabhang, den wir erklimmen müssen, ist machbar, aber man sollte nicht zurückgucken, wenn man nicht schwindelfrei ist, ohne sich gut festzuhalten.

Oben angekommen …

… liegt alles im Nebel. Okay, ich sehe ein, das wäre wirklich gemein gewesen von der Seilbahngesellschaft, wenn sie hier Touristen mit dem Versprechen auf eine spektakuläre Aussicht hochbefördert hätte.

Natürlich hat das Ausflugsrestaurant auch geschlossen, schlecht für uns – kein Kaffee – und für die Alpendohlen, die nichts abstauben können. Wir spenden ein paar Krümel von unseren Keksen.

So soll das hier eigentlich aussehen – ein Foto von einer der Schautafeln.

Es ist eine merkwürdige Stimmung: Es ist fast unnatürlich still, und ein bißchen fühlt man sich wie eingeschlossen in einer riesigen Kulissenlandschaft. Wir machen uns an den Abstieg – da unten rechts läuft jemand mit einem roten Rucksack, da müssen wir hin. Der eigentliche Beginn unserer heutigen Etappe.

Äh – – ich will nicht jammern, das wird ja langsam langweilig, aber wieso liegt dieser zwei Meter hohe Fels im Weg? Jemand hat extra einen Pfeil darauf gesprüht, der sagen will: Doch doch, das hier ist keine Sackgasse, Wanderer, du mußt da rüber. Meine Begleiterin macht es vor: Sie stellt sich mit dem Rücken an den Fels und krabbelt rückwärts vorsichtig hoch. Oben angekommen, wendet man auf dem Po um 180 Grad und rutscht so kontrolliert, wie es eben geht, wieder hinunter.

Die Tortur nimmt schier kein Ende: Ein steiler, schmaler und verwurzelter Waldweg führt kilometerweit in Serpentinen nach unten, mehr als einmal rutschen wir aus und setzen uns auf den Hintern – relativ weich, weil alles total matschig ist, wir sehen aus wie Schweine, die sich mit Wonne im Dreck gesuhlt haben. Gut, das ist jetzt ein bißchen übertrieben, aber nur ein bißchen. Ich übe mich weiterhin in therapeutischem Fluchen (eigentlich habe ich keine Freude an Fäkalsprache, aber hier ist es sehr befreiend), was meine Begleiterin amüsiert, aber auch mitfühlend zur Kenntnis nimmt (sie ist nur einmal ausgerutscht).

Da ist tatsächlich mal jemand gestorben – ich kenne die Umstände nicht, aber ich bin auch nicht besonders überrascht.

Endlich angekommen auf einem vernünftigen Forstweg. Ich atme auf. Da ist eine Art Andachtsstätte …

… Hände, die ineinandergreifen, das kenne ich als Gewerkschaftssymbol der Solidarität, allerdings nicht über einem Kreuz. Eine Burschenschaft hat das hier installiert, zum Gedenken an verstorbene Mitglieder und Almbauern. „Willst du Gottes Allmacht sehen, mußt du in die Berge gehen“, steht da – ein Kausalzusammenhang, der sich mir nicht erschließt. Gott läßt mich ausrutschen und beobachtet mich, wie ich mir blaue Flecke und dreckige Klamotten hole und grinst vor Schadenfreude – hat er sonst nichts zu tun? Gut, er weiß natürlich, daß bei mir eh nichts zu holen ist, da ich ich ihn für einen Popanz halte.

Steil geht’s bergab …

… bis in die Ebene hinein.

Nach acht Stunden Wanderung kommen wir abgekämpft und dreckig am Viersterne-Hotel Ortnerhof an – man begrüßt uns, als wären wir der biblische verlorene Sohn, und ich zweifle, ob es nicht doch einen Gott der ausgleichenden Gerechtigkeit gibt, nach diesem harten Tag. Bei einem Drei-Gänge-Menü besprechen wir die Erlebnisse des Tages: Soll ich weiterwandern, oder abbrechen? Wenn das so weiter geht, macht es mir keinen Spaß, im Gegenteil, ich habe wirklich keine Lust, weiterhin mein Leben aufs Spiel zu setzen. Andererseits: Kann ich meine Begleiterin allein weiterwandern lassen? Das ist durchaus keine Ritterlichkeit, sie ist fitter, sicherer und mutiger als ich, aber trotzdem könnte natürlich was passieren, und wenn dann keine zweite Person da ist, die die Bergwacht alarmiert, das könnte ich mir nie verzeihen. Außerdem sagen unsere Unterlagen, daß es nicht soo schwierig weiter gehen wird. Ich beschließe also, erstmal weiterzuwandern.

Fortsetzung folgt.

17 Antworten zu “Wandern auf dem Salzalpensteig (4): Hochfelln – Ruhpolding

  1. Tolle Wanderung, die Mords die schriftlichen Späße bei dir generiert hat *immer noch schmunzel ob des Lesens deines Berichts*
    Dankeschön für viel Lesefreude. Ich hoffe, die weitere Wanderung war etwas weniger aufregend …
    LG vom Lu

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  2. Ich muß gerade an den ersten Teil der drei „Sisi“-Schinken denken, „wenn du einmal Kummer und Sorgen hast, dann geh wie jetzt mit offenen Augen durch den Wald…“. (Der „Papili“ und seine Sisi) Nun ja, vielleicht nicht unbedingt in diesen Wald und in diese Berge.
    Obwohl die „Allmacht Gottes“ kommt einem dort vielleicht schon „in jedem Stein und Strauch zum Bewußtsein“. Vielleicht auch nur des 4-letter-word-Gottes.

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    • Und sie hat recht: Wenn man sich das dritte Mal in den Matsch gesetzt hat, relativieren sich alle Sorgen, die man sonst so hat.;-)
      „Love“ und „shit“ sind sich manchmal näher, als man glaubt: Die eine ist vollkommen überwältigt, während der andere nur am Fluchen ist.

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      • Sie hat das übrigens gar nicht gesagt, sondern „der Papili“. Aber im Film sah alles ganz leicht aus. :))

        Ich finde es schwierig. Wenn ich sähe, daß mein Partner leidet, könnte ich gar nichts mehr genießen. Ich habe nicht den Eindruck, daß du dich da besonders „angestellt“ hast. Ist ja auch nicht deine erste Wanderung.
        Jemals dran gedacht, einen schönen, entspannten Urlaub zu machen? Muß ja nicht das dröge am Strand abhängen sein, aber vielleicht etwas wie „die schönsten Kirchen Frankreichs“, die ausgefallensten Buchläden Europas, die schönsten Cafés Italiens oder Österreichs….Kleine Wanderungen inklusive, ansonsten viel Genuß und Sitzfleisch. („Eine Kuchenplatte für 2 Personen und für meine Begleiterin das gleiche!“ ;))

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        • Kuchenplatte? Her damit.;-) Nein, es entsteht vielleicht ein falscher Eindruck: Wir hatten – trotz allem – immer viel Spaß, haben viel herumgeblödelt, die Probleme der Welt diskursiv gelöst oder uns über Einzelheiten heillos „zerstritten“. Also wie immer, wenn wir zusammen sind. Ich hätte jederzeit abbrechen können, ohne daß meine Begleiterin es mir verübelt hätte. Denkbar wäre gewesen, daß ich von Hotel zu Hotel mit dem Bus gefahren wäre, während sie die Etappen gelaufen wäre und wir uns jeden Abend erzählt hätten, was wir erlebt haben. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, aber mich in aller Freiheit – vorläufig – anders entschieden, meine Begleiterin hätte aber auch eine andere Entscheidung hingenommen. In diesem Fall war es also wirklich einfach – ohne großen Verlust konnte jeder machen, was er/sie wollte.
          Auch wenn man bis jetzt vielleicht nicht den Eindruck hat, aber im Großen und Ganzen war es ein schöner Urlaub. Diesen Tag möchte ich allerdings nicht nochmal erleben.

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          • Verstehe. Gut im Nachhinein sind solche Anstrengungen sowieso oft vergessen und man kann dann auch darüber lachen. („Weißte noch wie der größte von den sechs Stieren GENAU auf uns zu kam….?!“)
            Manchmal allerdings auch nicht, so ging es mir nach dem letzten Londontrip. Ich dachte nur: Never again, das machst du einfach nicht noch mal mit, aber das bezog sich wirklich eher auf den Flughafen und was für eine Tortur das ist.

            Gefällt 1 Person

    • Ich muß mich auch jedesmal wieder gewöhnen am Anfang einer Wanderung, 15 bis 23 Kilometer am Stück zu laufen, da weiß man abends, was man getan hat. Aber wenn dann auch noch solche Schikanen eingebaut sind – oh no!

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  3. boah, ich bin stolz auf dich und deine entscheidung mit der begleiterin weiter zu wandern ob der schikanen der natur. 😉

    in den bergen die allmacht gottes zu spüren hat etwas wahres, denn ich lebte ja mal in bayern und wir hatten auch bergiges mit wald dabei.
    deine fotos sind zauberhaft, danke mal wieder fürs zeigen, guter freund und ritter. 🙂

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