Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (5)

Noch ein Kunstwerk: „Privileged Points“ (Beliebte Stellen) ist der Titel des von der Künstlerin Nairy Baghramian geschaffenen Werks vor dem Erbdrostehof, dessen zweiter Teil auf dem Hinterhof des Gebäudes …

… so aussieht. Tja, was kann das sein? Unsere Fremdenführerin hatte folgenden Vorschlag: Auf dem ersten Foto ist ein überdimensionaler runder und in Bronze eingefrorener Pinselstrich zu sehen, eine malerische Geste, übersetzt ins Dreidimensionale.

Und warum ist die Skulptur dreigeteilt? Das hat mit dem Ort zu tun: Der Erbdrostehof ist ein barockes Palais aus demJahre 1757, die Münsteraner sind total stolz darauf, ein solches Gebäude zu haben (ein Drost war seit dem späten Mittelalter ein mächtiger Beamter, der für einen bestimmten Bezirk den Landesherren vertrat; er war militärischer Oberbefehlshaber, Polizeichef und Richter in einer Person). Wenn nun ein moderner Künstler vor dem Gebäude eine zeitlang eins seiner Kunstwerke ausstellt: Okay, aber dann muß es auch wieder weg. Daß die Künstler der „Skulptur.Projekte“ dazu aufgefordert werden, einen Münsterbezug in ihrem Werk auszudrücken, es aber gleichzeitig ausgeschlossen ist, daß ein Werk, das in der Nähe des Erbdrostehofs steht, von der Stadt gekauft wird, führte bei Künstlern in der Vergangenheit nicht nur zu Umut, sondern auch zu einer Wertminderung des jeweiligen Kunstwerkes, so geschehen mit der Skulptur von Richard Serra 1987 – hier ist es zu sehen. Richard Serras riesige Stahlplatten sind in vielen Städten zu sehen. In denen von 1987 hatte er nach eigener Aussage die Maße der Architektur des Palais aufgegriffen – woanders aufgestellt verlieren sie – zumindest teilweise – ihren Sinn. Wie gesagt, in Münster wollte man den Platz vor dem Gebäude nicht dauerhaft „verschandeln“, also wurden sie nach der Ausstellung auch nicht gekauft, und Richard Serra zog ein langes Gesicht. Und aus genau diesem Grund ist das Werk von Baghramian dreigeteilt – die drei Teile sind nur deswegen noch nicht zusammengefügt, damit sich die Skulptur auch für andere Plätze eignet. Und aus den sechs Stücken, die im Hinterhof lagern, könnte man nochmal zwei solcher Werke zusammensetzen.

Das führt zu einer paradoxen Situation: Die Unfertigkeit ist Teil dieser Skulptur. Aber was, wenn die Teile nach der Ausstellung tatsächlich zusammengeschweißt werden? Dann ginge dieser ganz spezielle Münsterbezug zum Umgang mit diesem Platz verloren. Sollte Münster die Skulptur also kaufen (ich glaube ja nicht daran), müßte sie immer in diesem unfertigen Zustand bleiben, wird sie woanders hin verkauft, geht ein großer Teil der Werkbedeutung verloren.

Und wo ist hier das Kunstwerk? Es hängt in der Luft. Rechts ist die ruinöse Fassade des alten, im 2. WK zerstörten Theaters zu sehen, links das neue Theater aus den 50er Jahren. Man fand das damals schick, das so stehen zu lassen. Künstler aus der Gruppe CAMP spannten nun Kabel zwischen Ruine und Neubau und nennen es „Matrix“. Zitat aus dem Katalog: „Das von CAMP gespannte Netz steht sinnbildlich für eine globale Vernetzung und das bis heute nicht eingelöste Versprechen einer flächendeckenden, horizontalen, basisdemokratischen Partizipation […] CAMP metaphorisiert Systeme der Teilhabe: Vom Zugang zu Strom – der sich heute nahezu überall in privater Hand befindet – bis hin zur digitalen Kommunikation und den Möglichkeiten der Manipulation, die darin liegen […] Woran sind die Ideale von basisdemokratischer, horizontaler Gleichberechtigung und Teilnahme gescheitert, und welche Wege und vertikale Abkürzungen gibt es, sich trotz allem Zugang zum System zu verschaffen?“ (Katalog, S. 159)

Die Künstler geben drei Beispiele der Partizipation und Interaktivität, die die Unterdrückungsmechanismen einer kapitalistisch unkontroll : Es hängen drei Kabel mit Druckknöpfen herunter. Drückt man auf den ersten, ertönt ein Glockenklang wie von einer Kirchenglocke; der zweite verursacht einen Wechsel von historischen Fotos in einem Monitor, drückt man den dritten, passiert in dem Fenster eines gegenüberliegenden Hauses eine der folgenden Aktionen:

Kunst

Lustig. Ob das wirklich alle sind, weiß ich nicht. Unsere Fremdenführerin versicherte, daß man niemanden dauernd aufscheucht, wenn man auf den Knopf drückt, sondern nur einen Projektor anwirft.

Als letztes noch diese Skulptur – die aber gar nicht Teil der Ausstellung ist. Im Moment ist ja das Luther-Jahr, und offensichtlich durfte irgendeine Jugendgruppe sich austoben – die Evangelen sind ja ach-so-tolerant. Ein Jugendlicher muß aber was falsch behalten haben aus dem Konfirmandenunterricht: Luther soll gesagt haben: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, und nicht …

… „Ich hatte einen Ständer“. Gut, kleine Verwechslung, kann ja mal passieren.

Ende.

Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (2)

Zeitgenössische Kunst hat es nicht leicht, allerdings macht sie es uns auch schwer – vielleicht kann sie nicht anders, denn wir verlangen von ihr, daß sie neu ist, also nicht nur eine mehr oder weniger hübsche Variation dessen, was wir schon kennen, sondern wirklich neu, noch nicht dagewesen. Und wenn es dann ein Künstler schafft, stehen wir davor und sind ratlos, weil wir das Kunstwerk nicht verstehen, uns fehlen die Referenzen.  Man sollte immer vorsichtig sein mit der Bezichtigung, das sei doch keine Kunst, das könne doch jeder, der/die wolle uns wohl verarschen usw. Ob ein Kunstwerk wirklich Kunst ist oder nicht, steht eigentlich nie zur Debatte – Kunst ist immer Kunst, so wie der Himmel immer Himmel ist. Ob es sich um gute oder nicht so gute Kunst handelt, läßt sich für Zeitgenössisches oft nur schwer bestimmen, weil wir selbst Zeitgenossen sind und uns der Abstand fehlt. Wir können eigentlich nur mit Bestimmtheit sagen, ob die zeitgenössischen Kunstwerke uns gefallen oder nicht. Lange Rede, kurzer Sinn – schaut euch folgendes Kunstwerk an:

Wer jetzt denkt: „Videbitis hat auch schon mal bessere Fotos gemacht … was ist das für eine dämliche Perspektive, man erkennt ja fast nichts“, der glaubt, es ginge um die bronzene Plastik von Henry Moore. Moore ist aber gar kein Zeitgenosse, er ist bereits 1986 gestorben. Was und wo ist also das Kunstwerk, das ich meine? Richtig, es ist der Laster mit der schwarzen Kiste und den Sicherungsgurten.

So, erstmal sacken lassen.

Der Hintergrund (frei nach der Erzählung der Fremdenführerin): Kurz vor „Skulptur.Projekte“ ging im angrenzenden Museum eine Ausstellung mit Werken von Henry Moore zu Ende. Die Henry Moore Foundation beschloß, der Stadt ein Werk dauerhaft zu leihen (was eine große Ehre ist), also blieb das, das so halb versteckt zu sehen ist, stehen. Das paßte dem Kurator von „Skulptur.Projekte“ Kasper König überhaupt nicht, daß dieser prominente Platz nun von einem älteren Kunstwerk besetzt ist und nicht mehr als Ausstellungsfläche für das Festival zur Verfügung stehen sollte – die Henry Moore Foundation verbot,  die Plastik auch nur einen Zentimeter zu bewegen -, also beauftragte er die Künstlerin Cosima von Bonin, sich da irgendwas zu überlegen. Die tat sich mit dem Künstler Tom Burr zusammen, und so entstand das Werk aus den Materialien „Tieflader, Holzkiste und Sicherungsseile“, das den ungestörten Blick auf die Moore-Plastik verhindern soll.

Kasper König hat sich wahrscheinlich kaputtgelacht, bezeichnete er doch die Moore-Plastik gern abfällig als „Brathähnchen“. Und weil natürlich immer Speichellecker andere Künstler im Gefolge des Chefs  den „Spaß“ (also die Verhöhnung) mitmachen wollen, hängte der Künstler Sany (=Samuel Nyholm) folgenes Bild in eins der Museumsfenster:

Tja. So ist das mit der Kunst. Was ich davon halte: Ich finde das komplett dämlich und bin von der Geschichte drumherum fast ein bißchen angwidert. Es ist nicht lustig, nicht witzig, sondern abstoßend pubertär, ein billiges und nutzloses Rebellieren gegen eine Institution, die Henry Moore Foundation, und wirft kein gutes Licht auf den Kurator.

Im Katalog steht das alles natürlich nicht, da kann man stattdessen folgendes lesen: „[Mit diesem Werk] entsteht eine ambivalente Situation, die zwischen Präsenz und Absenz, Ein- und Ausschluß, oszilliert und en passant die Infrastruktur des Ausstellungsbetriebs anhand eines potenziellen Verladevorgangs andeutet.“

Meine Begleiterin sagt, ich solle nicht immer nur so viel Negatives schreiben, und sie hat recht, es hat uns viel Spaß gemacht, durch Münster zu laufen und die Kunstwerke zu erkunden – selbst die, die uns nicht oder nicht so gut gefallen haben, haben Spaß gemacht, weil man darüber spöttisch oder nachdenklich redet, im Katalog nachliest und sich die anderen Leute anguckt, was die zur Kunst sagen und machen. So große Steinstelen habe ich schon öfter gesehen – der Künstler Ulrich Rückriem macht sowas schon lange. Diese Stele ist von Lara Favaretto. Sie ist vier Meter hoch und – das ist neu – innen hohl und wird nach Ablauf der 100tägigen Veranstaltung zerstört, denn in einer Seite befindet sich …

… ein Schlitz, in den man Geld stecken soll: Sie ist ein großes Sparschwein, oder besser: eine Spendenbox. Das Geld soll dem Verein „Menschen in Abschiebehaft Büren e.V“ zugute kommen. Sinnigerweise heißt das Werk „Momentary Monument – The Stone“. Kostprobe aus dem Katalog: „Durch die Spendenfunktion entsteht ein starker Bezug zur Gegenwart, der im weiteren Sinne das Verhältnis zwischen Kunst und Politik kritisch reflektiert.“

(Fortsetzung folgt.)

Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (1)

Damit fing alles an: Als die Stadt Münster 1973 diese kinetische Aluminiumplastik (kinetisch deshalb, weil sich die drei sehr schwer wirkenden „Blätter“ sanft im Wind bewegen – so sanft und zart, daß es eine wahre Freude ist, zuzuschauen) von George Rickey für 130.000 DM kaufen wollte, brandete ein Sturm der Entrüstung auf in der Bürgerschaft: Das soll Kunst sein? Lächerlich! Keine müde Mark für diesen Mist! Das Rathaus knickte ein und verzichtete auf den Kauf. Die Westdeutsche Landesbank hatte größeres Kunstverständnis, sie kaufte die Skulptur und spendete sie der Stadt. Da die ganze Angelegenheit kein gutes Licht auf die Stadt und ihre Einwohner warf, etablierte man, quasi aus erzieherischen Gründen, ein Skulpturenfestival, das seitdem alle 10 Jahre parallel zur Dokumenta in Kassel stattfindet. Für dieses Jahr wurden 34 Künstler vom Kurator Kasper König (der auch schon die ersten „Skulptur.Projekte“ organisiert hatte) eingeladen, an selbst gewählten Orten in der Stadt Skulpturen zu errichten. Wenn das Festival nach 100 Tagen vorbei ist, werden einige der Werke von der Stadt oder von Sponsoren angekauft, so daß im Laufe der Jahre immer mehr Skulpturen das Stadtbild bereichern – bis jetzt sind es bereits 64.

Der Begriff Skulptur wird inzwischen recht weit ausgelegt, wir waren allein in drei Videovorführungen, und auch dieser Steg, den die Künstlerin Ayse Erkmen ca. 30 cm unter der Wasseroberfläche quer durch ein Hafenbecken gelegt hat, ist ein Kunstwerk im Rahmen des Festivals.

Selbstverständlich sind wir auch darübergelaufen: Schön, steht man mal mitten im Hafenbecken. Sowas würde jedem Freizeipark gut zu Gesichte stehen … das zu sagen, ist natürlich gemein, schließlich geht es hier um Kunst. Was steht eigentlich im Katalog? „Flußläufe fungierten auf politischen Karten oft als Möglichkeit der Grenzziehung, Wasserwege und menschengemachte Kanäle dagegen als Ausgangspunkte und Katalysatoren für urbane Entwicklung. Wasserläufe zeichnen sich dementsprechend durch eine zivilisatorische Ambivalenz zwischen Möglichkeit und Beschränkung aus, die Erkmen in ihrem Beitrag für die Skulptur Projekte 2017 nicht nur spiegelt, sondern im Wortsinn überbrückt.“ Aha. Ja, gut, verstehe.

(Fortsetzung folgt)

Ausflug nach Münster

Seit drei Wochen habe ich nun schon eine Magenschleimhautentzündung, das heißt: Haferschleim, ungewürztes gekochtes Gemüse und Zwieback, dazu Kräutertee – ich kann’s nicht mehr sehen. Trotz dieser Einschränkung waren wir am letzten Wochenende in Münster, um uns die stadtweite Ausstellung „Skulptur Projekte“ anzusehen – gar nicht so einfach, etwas zu essen zu bekommen, das ohne Fett und Milchprodukte angerichtet wurde. Von der Ausstellung werde ich in den nächsten Tagen ein wenig zeigen und erzählen, aber zuerst …

… ein Bild vom Picassoplatz in Münster. Nicht sehr anheimelnd, und die Steine so scheckig und planlos gepflastert … könnte man denken. Weit gefehlt, vom Weltall aus gesehen sieht es so aus:

Bild: Google Maps

Ausflug nach Münster (3)

Der Grund, weshalb wir überhaupt für ein Wochenende nach Münster gefahren sind, ist diese Ausstellung: Ca. 100 Werke des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti aus der Fondation Maeght wurden im Picasso-Museum ausgestellt. Die Fondation Maeght ist ein privates Museum in der Nähe von Nizza, in der alles versammelt ist, was in der Kunstszene des 20. Jahrhunderts Rang und Namen hatte. Leider war es strengstens verboten, in der Ausstellung zu fotografieren, deshalb empfehle ich einfach, sich folgende Dokumentation anzuschauen:

Der Film ist nicht nur eine Dokumentation über Giacometti, sondern auch darüber, wie man in den 60ern Kunstdokus drehte: Schräge, zur Modernität des Künstlers passende E-Musik und bedeutungsschwere Kommentare sollen verdeutlichen: Leute, das hier ist kein Witz, wir haben es mit einem ernstzunehmenden Künstler zu tun.

Tatsächlich war natürlich auch ein bißchen Spaß dabei. In den 20ern zog Giacometti nach Paris. Bald wurde die Gruppe der Surrealisten um André Breton auf ihn aufmerksam und sie nahmen ihn in ihre Kreise auf. Er führte das Leben eines Bohemièns: Aufstehen um die Mittagszeit, arbeiten an seinen Werken bis in den späten Abend, dann Treffen mit den Kumpels aus der Szene, saufen, essen, intellektuelle Gespräche führen, tief in der Nacht zurück ins 20-qm-große Atelier, noch ein bißchen arbeiten, schlafen. Erste Erfolge stellten sich ein, da er sich an den vielbeachteten Surrealistenausstellungen beteiligen durfte und sich Galeristen seiner annahmen.
Mitte der 30er Jahre hatte er genug davon: Besessen – man kann es wohl nicht anders sagen – von der Idee, das Wesen des Menschen in seiner Kunst einzufangen und auszudrücken, begann er, sich der figürlichen, also nicht rein abstrakten Darstellung von Porträts zu widmen, was ihm den Zorn des Surrealisten-Obergurus Breton eintrug, der das für rückschrittlich hielt und Giacometti kurzerhand aus der Gruppe ausschloß.
Meiner Ansicht nach entwickelte Giacometti erst jetzt seinen eigenen und – wie ich finde – großartigen Stil. Glücklicherweise hatte er noch zu Lebzeiten Erfolg mit seiner Kunst, in den 60ern konnte er gut davon leben und erhielt viele Preise. Heute erzielen seine Skulpturen auf einem völlig entfesselten Kunstmarkt absurde Rekordpreise: Im letzten Jahr wurde für „Der zeigende Mann“ 141,3 Millionen Dollar bezahlt, soviel wie nie zuvor für überhaupt eine Skulptur. Völlig verückt, aber dafür kann der Künstler ja nichts.

Ende.

Ausflug nach Münster (2)

Münster ist ein Stadt voller Skulpturen, auch sehr moderner, so daß man bewundernd feststellen kann: Was für ein aufgeschlossenes Bürgertum! Das war allerdings nicht immer so. Mit dieser Skulptur fing es an: Drei rotierende Quadrate, eine kinetische Aluminiumplastik von George Rickey. Wer schon mal irgendwo eine Plastik von Rickey gesehen hat, weiß, wie schön die sind: Metallische Flächen und Stangen bewegen sich so sanft und zart im Wind, als würden sie schweben und hätten kein Gewicht. Als die Stadtverwaltung dieses Exemplar 1973 kaufen wollte, brandete unter den Bürgern ein Sturm der Entrüstung los: Das sollte Kunst sein? Für diesen Mist sollte 130.000 DM Steuergeld ausgegeben werden? Die Verwaltung ließ sich einschüchtern, sodaß die Westdeutsche Landesbank das Werk schließlich kaufte und es der Stadt schenkte.

Über soviel Borniertheit der Bevölkerung war man allerdings gar nicht glücklich, also wurde eine Ausstellung geplant, die anhand von Beispielen Auskunft geben sollte über moderne Bildhauerei. Im Zuge der Überlegungen entstand das Konzept Skulptur.Projekte: Alle zehn Jahre werden Künstler eingeladen, direkt vor Ort eine Skulptur zu erschaffen, den Platz in der Stadt kann sich jeder selbst aussuchen. Mindestens 100 Tage (immer parallel zur Dokumenta in Kassel) soll jedes Werk stehenbleiben. 1977 fand das erste Skulpturen-Festival statt und stieß in der Bevölkerung auf ein geteiltes Echo: Die Künstler konnten teilweise nur unter Polizeischutz arbeiten, und Vandalismus an den fertigen Objekten war zwar nicht an der Tagesordnung, aber wohl auch nicht selten. So versuchte man z.B. die dreiteilige Skulptur Giant Pool Balls des Pop-Artisten Claes Oldenburg in den Aasee zu rollen …

… was freilich nicht gelang, die Betonkugeln sind viel zu schwer (das ist übrigens der selbe Künstler, von dem die Kölner Eistüte ist).

Beim zweiten Skulpturenfestival 1987 waren die Ressentiments immer noch groß, doch in seinem Verlauf änderte sich die Stimmung: Man kann viel über die Westfalen sagen, aber nicht, daß sie keine cleveren Geschäftsleute sind: Die Veranstaltung zog Touristen in die Stadt und damit Geld – viel Geld. Außerdem gewann das kleine beschauliche Städtchen, für das sich bisher außer in Münster selbst niemand interessierte, international an Renommee, zumindest in der Kunstwelt, denn überall berichteten die Medien darüber, was hier Außerordentliches passierte.

Zu den beiden Festivals 1997 und 2007 kamen jeweils über eine halbe Million Besucher, und ich würde mich nicht wundern, wenn man es inzwischen bereut, es nur alle zehn Jahre stattfinden zu lassen. Von dem öffentlichkeitswirksamen Wert von Skulpturen braucht man hier jedenfalls niemanden mehr zu überzeugen.
Die comichaften Figürchen gehören zu einer großen Skulptur neben der „neuen“ Stadtbibliothek von 1993 …

… der acht Meter hohen Überfrau von Tom Otternsen. „Als Personifikation der Weisheit und Freiheit greift sie Ansätze der traditionellen Ikonographie auf“, steht in dem kleinen Führer – was man halt so schreibt, wenn man ein wenig ratlos ist. Aber imposant.

Wie bereits gesagt, sollen die Kunstwerke jeweils nur für 100 Tage an ihrem Platz stehen. Einige kauft die Stadt (oder Sponsoren) nach Ende des Festivals und läßt sie stehen. In dem kleinen Skulpturenführer, den ich mir gekauft habe, werden 64 Orte in der Altstadt – oder direkt angrenzend – aufgeführt. Hier ein Werk für das Festival 1997: 100 Arme der Guan-yin von Huang Yong Ping. Wer sich etwas in der Kunstgeschichte auskennt, sieht sofort, daß hier ein ready made eines der einflußreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts, Marcel Duchamps, zitiert wird: Der Flaschentrockner, in dieser Version überdimensional.

Zu den aufgesteckten Ärmen wurde der Künstler einerseits durch eine beschädigte, da armlose Christusfigur in einer Kirche in der Nachbarschaft angeregt, andererseits durch weibliche, tausendarmige Buddhafiguren aus seiner Heimat. Hier halten die Hände keine Kultutensilien, sondern Alltagsgegenstände. Ja. Hm. Auf jeden Fall interessanter als ein Reiterstandbild irgendeines Fürsten.

Viele Kunstwerke machen natürlich auch viel Arbeit, und die kostet Geld. Aber man kann nicht beides haben: Touristen, die genau wegen der Kunst in die Stadt kommen, und Kunstwerke, um die sich keiner kümmert, weil man die Kosten dafür sparen will. Die Skulptur von George Rickey oben auf dem ersten Foto muß dringend restauriert werden: Sie bewegt sich kaum noch und ist so mit Moos überwachsen, daß sie ihre Wirkung verliert. Ich hoffe, das ist bis 2017 behoben, wenn ich die nächste Skulptur.Projekte besuchen werden. Der Termin ist schon fest eingeplant.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Münster (1)

Letztes Wochenende war ich in der schönen Stadt Münster – besser gesagt, in der Altstadt von Münster, denn die Stadt ist natürlich sehr viel größer als der Bereich, in dem sich Touristen normalerweise aufhalten. Abends im Regen ist auf dem Prinzipalmarkt nicht viel los …

… wenn die Geschäfte geöffnet sind, sieht das schon anders aus.

Hier, in der sogenannten „guten Stube“ Münsters, sind die angebotenen Waren etwas exklusiver und natürlich teurer, aber die Fußgängerzonen mit den üblichen Klamottenketten sind nicht weit. Glücklicherweise ist nicht alles so überlaufen wie in Köln.

Der Turm von St. Lamberti erinnert sehr an den Kölner Dom, ist aber tatsächlich eine kleine Kopie des Freiburger Münsters. Die drei Körbe, die da bereits seit 1436 hängen, sind ein Zeichen der Macht der katholischen Kirche und eine Warnung an Abtrünnige: Anfang der 30er Jahre des 16. Jahrhunderts etablierte sich in Münster zunehmend der Glaube und Einfluß der Täufer. Die Täufer (oder auch Wiedertäufer, wie die katholische Kirche herabwürdigend sagte) waren eine radikal-reformatorische religiöse Bewegung, die sich über ganz Europa verbreitete. Sie waren keine homogene Gruppe, es gab je nach Gegend die unterschiedlichsten Ausprägungen, aber bei allen gleich war die Ablehnug der katholischen Kirche und unter anderem die Überzeugung, daß erst Erwachsene und nicht kleine Babys sich durch die Taufe zum Christentum bekennen können. In Münster waren die Täufer besonders radikal: Nachdem sie die Herrschaft errungen hatten, führten sie die Gütergemeinschaft ein (eine Art Verstaatlichung von Besitz), um die Armut aufzuheben. Angesichts des starken Frauenüberschusses erlaubten sie die Polygenie – ein Mann durfte mehrere Frauen haben. Der 24-jährige Anführer Jan van Leiden sammelte in den zwei Jahren des „Täuferreichs“ 16 Ehefrauen an. 1435 wurde die Stadt von den katholischen Widersachern ausgehungert und zurückerobert. Alle Anhänger des Täuferglaubens, egal, ob Mann oder Frau, wurden hingerichtet, die drei Anführer jedoch vorher katholisch-feinfühlig öffentlich vier Stunden lang mit glühenden Zangen gefoltert, dann erdolcht und in den Körben zur Abschreckung an den Turm gehängt. Und da hängen sie immer noch, jedenfalls die Körbe.

In der Kirche ein kleiner Seitenaltar, schön anzusehen, finde ich.

Der riesige Orgelkörper scheint zu schweben.

Diese Droschke kann man mieten, um …

… den großen Dom zu umrunden oder …

… zum Schloß zu fahren, in dem sich die Universität befindet, aber …

das Fortbewegungsmittel der Stadt ist das Fahrrad. In der riesigen Fahrradstation kann man tausende auf einmal sehen.

Die Aufnahme ist von Sonntag – am nächsten Tag war kaum ein Durchkommen durch die abgestellten Räder.

Noch zwei Gastrotipps: Im brauhausähnlichen Restaurant „Großer Kiepenkerl“ kann man hervorragend gutbürgerlich essen und leckeres „Heimatbier“ trinken.

Wer es etwas alternativer mag: Das Prüttcafé gleich hinter dem Bahnhof, ein vegetarisch-veganes Restaurant, gibt es schon seit 30 Jahren: Sehr sehr lecker und auch sehr günstig. Leider hatte man unsere Bestellung vergessen – vor lauter Schreck spendierten sie uns je einen Salat und ein weiteres Getränk für die lange Wartezeit. Kann ja mal passieren.

Fortsetzung folgt.