Junkersdorfer Str.

Neulich, während eines Spaziergangs im Grünen, landeten wir beim Müngersdorfer Stadion (das jetzt gar nicht mehr so heißt, sondern den Namen irgendeiner Firma trägt), wo gerade ein riesiger Flohmarkt stattfand. Sagt man noch Flohmarkt? Trödelmarkt? „Lifestyle-Markt“, die Bezeichnung habe ich auch schon gesehen.

Ich gehe nicht mehr extra zu solchen Märkten, schlendere aber gern darüber, wenn einer zufällig auf dem Weg liegt, allein um zu fotografieren. Mit den Flohmärkten früher Zeiten (oder auch anderer Orte) hat das hier nichts mehr zu tun, halbprofessionelle Händler bieten Waren feil, die sie garantiert nicht auf einem Dachboden bei sich zu Hause gefunden haben. Sind das da rechts Buddha-Figuren? Müßten die dann nicht viel fettere Bäuche haben?

Der erster Flohmarkt, an den ich mich erinnere, war Ende der 60er Jahre auf dem Marktplatz in unserem kleinen Kaff, ich war ungefähr 10 Jahre alt. Ich fragte meinen großen Bruder danach, und der erzählte mir begeistert, jeder könne da alles verkaufen, und um seiner Begeisterung Nachdruck zu verleihen, zählte er die erstbesten absurden Dinge auf, die ihm einfielen: Angemalte Schuhe, z.B., oder alte Aktenordner. Das gärte ein Weile in mir, dann machte ich mich auf die Suche: Ein altes Paar Lederschuhe war in einem Schuppen schnell gefunden, ebenso wie eine Dose mit einem Rest himmelblauer Lackfarbe, und auf dem Dachboden stapelten sich alte Leitzordner. Und enttäuscht warf ich alles in den Müll, nachdem ich vier Stunden mit meiner Ware vergeblich auf dem Flohmarkt gestanden und nichts anderes als amüsierte Blicke geerntet hatte. Wozu jemand alte, abgelatschte himmelblaue Schuhe kaufen sollte, war mir allerdings auch schon damals nicht klar.

Auch von dem blauen Hut würde ich abraten – probieren Sie doch mal den braunen, aus der oberen Reihe …

Ich hörte, wie ein Händler zum einem anderen sagte: „Total mieses Geschäft heute.“ Merkwürdig, der Markt ist sehr gut besucht. Aber vielleicht nur von Flanierern wie uns und Geizkragen: An einem anderen Stand wurden neuwertige DVD- und BluRay-Videos verkauft, Stück 3 Euro. Ein älterer Kunde hielt nach langem Suchen vier Stück aufgefächert in der Hand und sagte mit Bestimmtheit: „10 Euro!“ Der Händler schüttelte den Kopf und sagte, das könne er nicht machen, die Videos seien mit 3 Euro doch schon sehr billig – womit er zweifellos recht hatte. Der Kunde zuckte die Achseln, legte die Videos hin und ging.

Auch, wenn es etwas dunkel ist, ich finde, das ist ein schönes Foto, ich bin froh, daß ich das gemacht habe. Wer was lernen will: Der Engel ist aus einem Altarbild des Renaissancemalers Raffael, der sogenannten „Sixtinischen Madonna“, das in Dresden hängt und über das man sich hier informieren kann.

Noch eine „Madonna“, allerdings wesentlich jünger – 20er Jahre vielleicht? „Die Darstellung von Frauen in der bildenden Kunst während der Renaissance und Anfang des 20. Jahrhunderts: Ein Vergleich“ wäre sicher eine interessante Abschlußarbeit, würde ich gern mal lesen.

Ein Stand auf dem Trödelmarkt

Bisher dachte ich immer: Entweder cash, also Barzahlung mit richtigem Geld, oder EC-Karte wollen Händler von einem, wenn man was kauft. Daß man mit EC-Karte nun auch cash bezahlen kann, ist neu. Und wie muß man sich das vorstellen, hat der Händler einen kleinen Tresor um den Hals hängen, der Geld ausgibt, wenn man seine Karte und PIN eingibt? Vielleicht ist das aber auch eine Bezahlungsart unter Gaunern, von der wir nichts wissen, denn wer bitte kauft sich eine Schiebermütze, wo die Verkleidung schon gleich implementiert ist? Ganoven natürlich. „Ob ich den wiedererkenne, der mir die Handtasche geklaut hat, Herr Wachtmeister? Klar, der hatte ganz merkwürdige Augen, so einen stechenden Blick, die Haut seltsam angegraut …“.

Ob Drogendealer auch so eine Kappe tragen? Wahrscheinlich. In der Zeitung wurde neulich berichtet, die Domumgebung sei einer der großen Drogenumschlagsplätze der Stadt. Es wurde genau beschrieben, was man machen muß, um an ein kleines Päckchen Marihuana (nur darum handelt es sich hier) zu kommen, in aller Öffentlichkeit und unter den Augen der Zivilpolizei. Tatsächlich haben die Beamten gar kein Interesse an diesen Kleindealern, die meist eh nur so geringe Mengen bei sich tragen, daß es zu einer Anklage nicht reicht, man ist eher auf der Pirsch nach Hintermännern und Organisatoren.

Aber nun hat es in der Zeitung gestanden, und es ist Wahlkampf, im Herbst wird der/die neue OberbürgermeisterIn gewählt, und beide Kandidaten sind nun lautstark der Meinung, man müsse irgendwas machen, das gehe doch so nicht usw.
Also hat die Polizei sich genötigt gesehen, ein paar Tage später eine Großrazzia durchzuführen: Von 40 durchsuchten mutmaßlichen Kleindealern hatten zwei Marihuana bei sich, und bei zehn durchsuchten Wohnungen wurden zwei Personen vorläufig festgenommen. Ich vermute, die vier hatten ihre Kappen mal kurz abgesetzt. Das Überraschende an dieser Aktion: Der Polizeipräsident wertet das Resultat als großen Erfolg.

Gut, wenn das so ist, will auch ich mit Lob nicht sparen: Gut gemacht, Jungs! Einfacher wäre es freilich, man würde Marihuana legalisieren, wie es in einigen amerikanischen Bundesstaaten bereits der Fall ist, dann könnte die Polizei sich auch wieder um wichtige Dinge kümmern.

Ich bin nun für zwei Wochen im Urlaub, Wandern im Schwarzwald. Ich hoffe, ich komme gesund zurück – bis bald!

Landschaftspark Belvedere

Eigentlich eine tolle Sache: Bürgerschaftlichem Engagement seit über zehn Jahren ist es zu verdanken, daß der 300 Hektar große Streifen zwischen Müngersdorf und Bocklemünd im Zuge des Strukturprogramms „Regionale 2010“ zum „Landschaftspark Belvedere“ erklärt wurde. Das heißt: Keine weitere Bebauung, stattdessen Pflege der Natur und Ausbau von Rad- und Wanderwegen. In der Mitte stehen ein paar Häuser des Max-Planck-Instituts, am nördlichen Rand produziert der WDR die „Lindenstraße“, und ein paar Felder werden noch wirtschaftlich genutzt, wobei der Landwirt auf einen kleinen Teil verzichtet und ihn der Natur überläßt. Brav. Hoffentlich können die Tiere lesen und bleiben innerhalb der Grenzen.

Und was ist das? Ein Ausguck, oder „Ausblick“, wie es auf der Infotafel heißt. Drei Meter hoch – und man hat einen viel besseren Ausblick nach … also, äh, in die Gegend:

Ausblick1

Dahinten steht noch ein Turm, 8,60 Meter hoch, wegen des Doms heißt er „Domblick“, er könnte aber auch „A-1-Blick“ heißen, denn die Autobahn kann man von hier wirklich nah beobachten. Wozu man das machen sollte? Jetzt seid doch keine Spielverderber.

Ausblick2a

Bitte schön: Der Dom, mit Fernsehturm Colonius. Gut, das habe ich jetzt vom Boden aus aufgenommen, der Turm ist ja noch gesperrt, aber von oben sieht man wahrscheinlich noch viel mehr von ihm.
Es soll noch zwei weitere Ausgucke geben, die habe ich allerdings nicht gefunden, einer von der Höhe von 5,80 Meter, der andere ist sagenhafte 80 Zentimeter hoch.

Alle vier Ausgucke kosten 218.000 Euro. Ein Leserbriefschreiber stellt im Stadtanzeiger die berechtigte Frage, ob hierhin jetzt die Mütter mit ihren Kindern geschickt werden, die keinen Kindergartenplatz bekommen haben, weil der Stadt das Geld fehlt. Die Verwaltung wiegelt ab: Ist doch alles gar nicht so schlimm, schließlich haben wir nur 20% von den Türmen bezahlt, der Rest kommt von EU, Bund und Land. Steuergelder, natürlich. Sehr schön: Ihr alle habt mit dafür bezahlt, daß ich einen 80 Zentimeter höheren Ausblick auf einen Acker habe und von einer Höhe von 8,50 Meter die vorbeibrausenden Autos auf der A1 beobachten kann. Vielen Dank!

Im nahen Pulheim gibt es übrigens einen Ausguck, der ist 77 Zentimeter hoch, hat also ungefähr die Sitzhöhe der beiden Bänke, die daneben stehen. Kosten: 8.500 Euro. Respekt!

Sonntag Nachmittag

Sonntag Mittag: Wieso ist es so ruhig? Ein Blick aus dem Fenster zeigt: Köln-Marathon. Die Teilnehmerzahlen sollen von Jahr zu Jahr zurückgehen, habe ich gelesen, das Foto scheint es zu bestätigen.

Gut, an einem Streckenabschnitt ein paar Meter weiter (für mich, die Läufer werden über immense Umwege geschickt) sieht das schon anders aus. Der schnellste Läufer hat sich übrigens 200 Meter vor dem Ziel verlaufen, das nenn ich Pech. Aus Versehen ist er einem Begleitmotorrad hinterher gelaufen, das sich durch ein Seitentor dezent aus der Linie bringen wollte, und hat dadurch wertvolle Sekunden verloren. Gewonnen hat also der zweitschnellste Läufer. Großherzig hat der Veranstalter aber erwogen, jeweils beiden das Preisgeld des Gewinners auszuzahlen.

Was ich an solchen Veranstaltungen schön finde, ist, daß die meisten Straßen abgesperrt sind und keine Autos fahren können. Allerdings ist es auch schwer, mit öffentlichen Verkehrsmitteln wo hinzufahren, die haben ja die gleichen Einschränkungen. Nach einigem hin und her sind wir im Stadteil Müngersdorf gelandet. Hier gibt es einige wenige alte Fachwerkhäuser, …

… sehr viel durchschnittliche, dazwischen aber auch gewagte, humorvolle Architektur.

Eine Stimmung hier wie auf dem Lande. Eine malerische Tür – dahinter ist leider eine riesige Baugrube, ich nehme an, die Mauer muß bald auch dran glauben und Platz machen für einen mutmaßlich abscheulichen Zweckbau.

Weit muß man nicht gehen, und man ist im Grünen. Schön.

Haus Belvedere

Als beim Wiener Kongreß 1815 Europas Grenzen neu gezogen wurden, beschloß man, endlich mit den Zöllen auf dem Rhein aufzuhören. Bis dahin wurden überall da, wo es den Anliegern gerade paßte, von den Handelsschiffern Gebühren eingetrieben. In Köln gab es sogar seit ca. 600 Jahren das sogenannte Stapelrecht, d.h., alle Händler, die die Stadt passieren wollten, mußten in Köln anlegen und ihre Ware zum Verkauf aufstapeln, ob sie nun wollten oder nicht. Nun sollte Schluß damit sein, und alle machten mit – bis auf die Niederländer. Blöd – immer noch kein freier Zugang zur Nordsee.

Das ärgerte Kölner Kaufleute so sehr, daß sie sich um 1830 folgenden Ausweg überlegten: Sie planten einen „eisernen Rhein“, eine Eisenbahn von Köln über Aachen bis nach Antwerpen. Das war ein ziemlich kühnes Unterfangen, denn die erste öffentliche Eisenbahn war gerade erst „erfunden“ worden. 1839 war es dann so weit: Der erste Teilabschnitt zwischen Köln und Müngersdorf war fertig. Gut, Müngersdorf ist nicht Antwerpen, sondern liegt 6,7 km von der Kölner Innenstadt entfernt, aber immerhin, ein kleiner Bahnhof mit Gastronomie war vorhanden, und so hatten die Kölner ein neues Ausflugsziel, zu erreichen mit einem Wunderwerk.

Der Bahnhof, auf einer Anhöhe erbaut, wurde wegen der schönen Aussicht auf den Dom und die Stadt „Haus Belvedere“ genannt (Beweisfoto durch eine Fensterscheibe im 1. Stock). Um 1870, die Züge brausten längst zwischen den großen Städten hin und her, wurde der kleine Bahnhof stillgelegt und gelangte so in den Besitz der Stadt, die das Gebäude vermietete. Im Jahr 2009 ist nun der letzte Mieter gestorben. Das Haus, im klassizistischen Landhausstil erbaut, ist der älteste noch erhaltene Bahnhof im deutschsprachigen Raum, also eine historische Kostbarkeit, und steht samt des inzwischen völlig verwilderten Gartens unter Denkmalschutz.

Aber die Stadt hat kein Geld, um dringend nötige Sanierungsarbeiten anzuordnen und möchte das Haus gern verkaufen. Dagegen ist allerdings der „Förderverein Haus Belvedere“, dessen Mitglieder eine öffentliche Nutzung des historischen Gebäudes anstreben, etwa für kulturelle Veranstaltungen und als „Ort der Begegnung, der Kommunikation, der Feste und Feiern“, wie es auf der Homepage heißt.

Ich finde auch, das sollte man unbedingt machen, statt es irgendeiner Firma zu überlassen, die ihre Büros hier einrichtet und das ganze Gelände komplett für die Öffentlichkeit abschottet. Andererseits liegt das Gebäude etwas zu abseits, um es ständig geöffnet zu halten, etwa mit einem Café oder Ausstellungsräumen. Daher kann ich durchaus verstehen, daß man im Liegenschaftsamt der Stadt nicht besonders froh ist über diese Immobilie. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Schöne lichte Räume, als ich hier war, wurden gerade historische Musikautomaten ausgestellt. Man weiß nicht, wer genau der Architekt des Hauses war, vermutet aber, es sei jemand aus dem Umkreis des berühmten Architekten Schinkel. Und weil das Vermuten so viel Spaß macht, vermutet man weiter, daß eben jener höchst bedeutende Karl Friedrich Schinkel, jawohl! – er selbst!! – einen Blick auf die Pläne geworfen haben soll! Jedenfalls im Vorbeigehen. Jedenfalls weiß man, daß er irgendwann in den 30ern in Köln war!! Bei so viel Bedeutung wird einem ganz schwindelig, oder?

Peter-Günther-Weg

Verfall der Sitten! Wo ist die Polizei!! Früher brauchte man nur ein Seil 10 cm über dem Boden um ein Areal zu spannen, und den Bürgern war klar: Betreten des Rasens verboten! Und jetzt: Da steht sogar ganz deutlich: Platzsperre, und das schon seit Anfang des Jahres. Und jeden Tag stelle ich fest, daß sich keiner daran hält. Es kommt noch soweit, daß Frauen auf offener Straße rauchen. Der Untergang des Abendlandes ist nicht weit.