Museum Ludwig

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Das Museum Ludwig, auf dessen Balkon die Leute stehen, wird in diesem Jahr 30 (bzw. 40, wenn man die Zeit in dem alten Gebäude mitzählt) Jahre alt. Ein Jahr vorher, 1985, war ich nach Köln gezogen, ich kann mich noch gut an die Baustelle erinnern. Daß der Bau sich hervorragend in die Stadt einfügt, habe ich ja bereits ein paarmal geschrieben. Aber wie kam es überhaupt zu diesem Neubau? Das Ehepaar Irene und Peter Ludwig, beide Kunsthistoriker, verdienten ihr Geld als Schokoladenfabrikanten (Trumpf, Lindt, Mauxion) und gaben es für Kunst wieder aus. Sie hatten das richtige Gespühr und kauften viel Pop Art (und heizten den Hype dadurch natürlich auch an). Mitte der 70er Jahre „schenkten“ sie dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum 350 Pop-Art-Gemälde, das sich daraufhin umständlich „Wallraf-Richartz-Museum Museum Ludwig“ nannte (oder nennen mußte?). In den Folgejahren liehen die Ludwigs dem Museum weitere bedeutende Werke, eine große Sammlung russische Avantgarde aus den 10er und 20er Jahren und mehrere hundert Werke von Picasso, die sie erworben hatten, als sie noch bezahlbar waren. Als sich das Museum daran gewöhnt hatte, einen schier unbezahlbaren Schatz in den Räumen zu haben, machte Peter Ludwig der Stadt ein Angebot: Baut ein neues Gebäude, und aus der Leihgabe wird eine Schenkung. Andernfalls – tja, geliehen ist geliehen, da weiß man nie, was damit passiert.

1986 war es soweit: Das neue Haus gleich neben Dom und Hauptbahnhof war fertig und berherbergt nebenbei noch die Philharmonie, ein kommunales Kino und die Kunst- und Museumsbibliothek Köln (weltweit die größte ihrer Art, platzt inzwischen aus allen Nähten, weswegen in Rat und Verwaltung schändlicherweise immer mal wieder darüber diskutiert wird, sie aufzulösen). Der umständliche Name des Museums wurde mitgeschleppt. Ein paar Jahre vergingen, und die Ludwigs, so vermute ich, planten einen erneuten Coup: Sie hatten noch 774 Picassos, wenn sie die auch der Stadt übereigneten, hieße das, daß Köln nach Paris und Barcelona die drittgrößte Picassosammlung auf der Welt hätte. Allerdings, die brauchen natürlich auch Platz, und das Wallraf-Richartz-Museum mit dem weltweit größten Bestand an mittelalterlicher Kunst verdient doch auch sein eigenes Haus … und so kam es zu einem weiteren millionenschweren Museumsbau mitten in der Stadt. Pünktlich zur Einweihung 2001 schenkte Irene Ludwig (ihr Mann war inzwischen verstorben) dem nun nur noch „Museum Ludwig“ genannten Haus die Picassos.

Weltweit gibt es 14 Museen und Sammlungen, die in ihrem Namen den Namen „Ludwig“ enthalten, da das Ehepaar überall Bilder gesponsort hat. Da fragt man sich natürlich, was das soll: Ist eine gute Tat, Schenkungen an die Öffentlichkeit mit schöner Kunst, nicht viel ehrenvoller, wenn sie im Stillen geschieht? Küchenpsychologisch könnte man es so auflösen: Da das Paar kinderlos war, wollten sie vielleicht auf diese Weise ein Stück Unsterblichkeit erlangen. Wenn das stimmt, ist das durchaus rührend, aber auch bemitleidenswert, denn inzwischen sind beide verstorben. Man kann das manchmal in Todesanzeigen lesen: Solange man noch an den Verstorbenen denkt, ist er noch nicht ganz tot. Ich verstehe, das die Trauernden sich damit trösten wollen, aber ich befürchte, daß das Quatsch ist: Weniger tot oder toter als tot geht nicht. Unsterblich ist allenfalls der Name, aber davon haben die Beiden nun nichts mehr.

Hohenzollernring

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In Köln fand am letzten Wochenende die „Gamescom“ statt, die größte Computerspielemesse Europas. Computerspiele? Ist das nicht was für Kinder? Kann sein, allerdings hauptsächlich für zahlungsfähige erwachsene Kinder. 345.000 Besucher waren da, die Erkenntnisse über die neusten Spiele in die Welt tragen, das ist ein sehr großer Wirtschaftsfaktor. Dazu kommt, daß neue Spiele neue, leistungsfähigere Computer erfordern und neues Equipment. Ganz heiß im Kommen ist eine Computerbrille, die einem eine virtuelle Realität vorgaukelt: Man kann mit entsprechenden Sensoren in den Händen und der rundum geschlossen Brille virtuell einen Baum hochklettern, und wenn man dann nach unten guckt, wird einem schwindelig und man muß eventuell kotzen, das allerdings nicht virtuell. Ob eine Tüte mitgeliefert wird, weiß ich nicht. Jedenfalls: Es läßt sich unendlich viel Geld damit verdienen, weshalb man den Besuchern auch noch ein Rahmenprogramm anbietet: Livemusik auf dem Hohenzollernring. In der Zeitung war von Tausenden Besuchern die Rede, aber Sonntagnachmittag war nicht mehr viel los. Die Musiker haben mir Leid getan: Kaum jemand hat geklatscht, allein, weil keiner da war. „Wenn der Applaus das Brot des Künstlers ist, ist das hier brotlose Kunst“, bemerkte meine Begleiterin.

Im Dom wurde an drei Tagen am späten Abend für jeweils vier Stunden eine Licht- und Lasershow mit Musik und Trockeneisnebel gezeigt – eigentlich wollte ich auch hin und fotografieren, aber als ich las, daß die Schlange der Leute, die sich das auch ansehen wollten, 10.000 Menschen lang war, habe ich darauf verzichtet. Die Show wurde interessanterweise mit 300.000 Euro von der Kirche selbst finanziert (bzw. von angebettelten Sponsoren). Und ein Zitat aus der Zeitung erklärt auch, warum: „… weil sich das Angebot diesmal nicht primär an ein Kirchenpublikum, sondern an junge Leute richte. „Für viele von ihnen sind Glaube und Gott Fremdworte“, weiß [Domprobst] Bachner. Deshalb wolle sich die Kirche ihrer (Bilder)-Sprache bedienen. Laserlicht-Tunnel, bewegliche Roboter, elektronische Musik …“ (KStA 12.08.16). Wenn das man nicht nach hinten losgeht: Die jungen Leute können hunderte von virtuellen Personen im Schlaf aufzählen, kennen fiktive Länder und Kontinente, die kein Sonnenstrahl je gesehen hat, wie ihre eigene Westentasche, aber halten Weihnachten für eine Veranstaltung von Coca-Cola und Ostern für ein Häschen- und Eierfest. Die fahren wieder nach Hause, treten vor lauter Begeisterung in die Kirche ein – und dann ist es die falsche. In Norddeutschland kann das leicht passieren, die Evangelen werden sich wundern, woher all die neuen dummen Schafe Schäfchen kommen.

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Auf der Musikmeile verteilten junge Leute aus einem riesigen Sack Dosen an die Passanten. Ein Gewinnspiel, und wenn man die Dose rüttelte, klöterte irgendwas. Natürlich riß ich sie sofort auf – und hatte damit jede Chance auf einen Gewinn zerstört, ich Doofie. Da steht es doch ganz dick und fett unter dem Rand: „Nicht öffnen“. Dabei ist in der Dose ein Los, das behauptet, ich hätte bereits gewonnen, und ein kleiner Stein (keine Ahnung, warum). Auf der Dose steht allerdings: „Glücksdose erst am soundsovielten Oktober im Einrichtungshaus in Frechen öffnen lassen“, dann kann man ein Auto gewinnen, oder auch einen Einkaufsgutschein über 5 Euro, bei einem Mindesteinkauf von hunderttausend Euro – gut, das letzte habe ich wahrscheinlich erfunden. Man soll also diese Dose ungeöffnet noch über einen Monat aufbewahren, nach Frechen fahren, ein Ort außerhalb von Köln, dort die Dose öffnen lassen (!) und vermutlich einer langwierigen Auslosung beiwohnen, während das Einrichtungshaus darauf spekuliert, daß man en passant eine neue Küche kauft? Im Ranking der dämlichsten Werbeaktionen hat diese gute Chancen auf einen der ganz vorderen Plätze.

Picasaweb wird zu „Google Photos“

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Nicht immer schützt ein großer Umfang vor Entführung. Seit Beginn dieses Fotoblogs habe ich die Fotos immer zuerst zu „Picasaweb“ hochgeladen, einem Internetanbieter, bei dem man bis zu einem bestimmten Umfang digitale Bilder ablegen und bei Bedarf mit allen anderen oder auch nur einem bestimmten Personenkreis teilen konnte. Heute würde man das wahrscheinlich eine „Cloud“ nennen. Mit Hilfe eines Embed-Codes habe ich die Fotos dann in den jeweiligen Blogeintrag integriert – das sparte viel vom nicht sehr umfangreichen Speicherplatz beim Bloganbieter. Picasaweb und das darauf abgestimmte Fotoorganisationsprogramm Picasa (für den PC) waren weltweit sehr beliebt: Schnell installiert, einfach zu handhaben, sinnvolle Funktionen. Es dauerte nicht lange und Google verleibte sich alles ein. Sie schraubten ein bißchen daran herum, soll heißen: Es kamen ein paar überflüssige Funktionen hinzu, aber grundsätzlich blieb alles beim Alten, selbst als Google versuchte, durch die Erfindung von Google+ Facebook das Wasser abzugraben – was, wie wir alle wissen, nicht gelang. Es war dennoch ein bißchen ärgerlich: Penetrant versuchte Google, wenn man Picasaweb  (oder auch Youtube) öffnete, einen zu Google+ hinüberzuziehen, das sei doch soo praktisch, alles an einem Ort, unter einer Oberfläche zu haben. Zweimal habe ich aus Versehen auf entsprechende Bestätigungsbuttons geklickt, nur mit einiger Mühe konnte ich das wieder entknüpfen, da ich an sozialen Netzwerken über das Bloggen hinaus kein Interesse habe.

Heute ist, glaube ich, jeder Google+-Mitglied, der irgendein Google-Programm benutzt, die fragen da nicht mehr groß nach – man nutzt die Netzwerkfunktion einfach nicht, und die Sache hat sich erledigt. Vorerst jedenfalls, denn die Google-Mitarbeiter sind unermüdlich dabei, die Angebote in ihrem Sinne zu optimieren. Nun wurde, trotz weltweiter Proteste, Picasaweb abgeschafft. Alle Fotos liegen nun bei „Google Photos“, und ich kann wahrscheinlich heilfroh sein, daß meine Fotos hier im Blog noch sichtbar sind.

All das, was so gut war bei Picasa, wurde abgeschafft, stattdessen kann man nun auch Fotos von seinem Android-Smartphone hochladen. Auf der Strecke geblieben ist leider auch der Embed-Code – ich vermute, Google hat nicht das geringste Interesse daran, daß ein Foto, das auf ihrem Server liegt, bei einem anderen Anbierter eingebunden werden kann, ohne daß man den Herkunftsort erfährt. Tagelang habe ich nach einer Alternative  zu Picasa gesucht, aber nichts Gutes gefunden, bis ich durch Zufall in einem amerikanischen Forum den Hinweis gefunden habe, wie man Fotos aus Google doch in seinem WordPress-Blog einbinden kann – es ist ganz einfach, man muß es nur wissen:

Man macht das Foto bei Google groß, klickt mit der rechten Maustaste ins Bild, klickt dann auf „Grafik kopieren“, öffnet im WordPress-Blog das Eingabefeld, aber, und das ist ganz wichtig, nicht das HTML-Feld, sondern unbedingt das „Visuell“-Feld, rechte Maustaste, auf „Einfügen“ klicken – voilà! Nun nur noch die Größe anpassen.

„Google-Nutzer sind nicht die Kunden von Google, sondern die Ware.“

Wandern auf dem Goldsteig: 8. Etappe

Würden wir an die Stelle zurückgehen, an der wir am Vortag den Wanderweg verlassen haben, müßten wir heute 37 km laufen – das ist eindeutig zuviel, das können wir inzwischen sehr gut beurteilen. Unsere netten Wirtsleute bringen uns mit dem Auto an einen etwas weiteren Einstiegspunkt. Zum ersten Mal dauerhafter Regen, aber nicht schlimm, gegen Mittag hört er auf.

Muß langweilig sein, alle paar hundert Meter die Wanderwegzeichen an Bäume zu pinseln, da will der Maler auch mal ein bißchen Spaß haben.

Das ist mal eine gute Idee: In der Tonne stehen ein paar Flaschen Wasser und Limonade, das Geld legt man einfach in ein Kästchen.

Gasthaus Kraus dagegen will uns vom rechten Weg abbringen – nichts da, wir gehen nach rechts, ist ja doch wieder Ruhetag.

In Döfering schaut ein Eisbär traurig aus dem Fenster – hier ist einfach zu wenig los, als daß es sich lohnen würde, einen Laden zu betreiben, egal, wofür, da fast alle Bewohner motorisiert sind und zum Diskounter in die nächst größere Stadt fahren.

Ich habe euch ganz bewußt keine Kircheninnenfotos gezeigt, aber hier will ich eine Ausnahme machen: Der Altar ist ungewöhnlich. Der gefolterte Namensgeber der Sekte hängt ausnahmsweise mal nicht bildbeherrschend tot am Kreuz, sondern nur ganz klein im unteren Drittel. Der modern wirkende Rahmen wird ausgefüllt von drei Heiligen: St. Sebastian links, rechts St. Florian, und in der Mitte der Heilige Ägidius, der auch der Namensgeber der Kirche ist. Man erkennt sie an ihren jeweiligen Attributen: Sebastian steht meistens an einem Pfahl und wird von Pfeilen durchbohrt – ironischerweise haben ihn sich Schützengilden zum Schutzpatron gewählt, etwa, weil er ein so dankbares Ziel war? Auch die Bürstenmacher haben ihn gewählt: Wenn man die Augen zusammenkneift, könnte man doch glatt meinen, der mit Pfeilen gespickte Körper sieht aus wie eine Bürste (kein Scherz!). Sebastian war schon immer ein sehr beliebter Heiliger, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei den Künstlern: Da man früher natürlich keine nackten Personen malen durfte, es sei denn, sie waren Heilige (oder, seit der Renaissance, Figuren der griechischen Mythologie), war Sebastian eine wunderbare Gelegenheit, sich in Aktmalerei zu üben. Das ging sogar so weit, daß es Bilder gibt, wo er ohne seine Attribute, die Pfeile, an einem Pfahl steht – die Maler behaupteten einfach, das sei unmittelbar vor dem Martyrium. Und tatsächlich, wenn man einige Bilder mit Sebastian gesehen hat, erkennt man ihn immer wieder, ob mit Pfeilen oder ohne, es ist diese nackte, leicht aufreizende Haltung, mit der er am Pfahl steht, oft einen Arm oder beide nach oben gereckt. Und dieses Aufreizende, so wird behauptet, sei auch der Grund, weshalb die (männlichen?) Homesexuellen ihn sich zum Schutzpatron gewählt hätten. Das sei eine übelmeinende Unterstellung, sagen andere aus der Szene, er sei deshalb ihr Schutzpatron, weil er auch der Helfer gegen die Pest ist, und deren Name sei heutzutage nunmal Aids.

St. Florian erkennt man an dem brennenden Haus zu seinen Füßen und der Wasserschale, die er darüber ausgießt – angeblich soll er als Kind mal bei einem Brand Alarm geschlagen haben. Bekannt ist er für einen Spruch, der als St.-Florians-Prinzip bekannt geworden ist: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!“ – ein Prinzip, das z.B. in der europäischen Flüchtlingspolitik topaktuell ist.

Ah – endlich mal ein paar Einwohner.

Solche Wegweiser waren glücklicherweise selten: Wir sollen über eine Wiese gehen, Richtung Baum – man hat die freie Auswahl.

Da könnte man jemanden fragen, aber wir halten uns lieber fern – aus nachvollziehbaren Gründen.

Da hinten, der Hügelzug, ist schon die Tschechische Republik.
Satte Farben …

… zur Abwechslung auch mal mit Dramafilter.

Auf den letzten Kilometern, herum um Waldmünchen nach Herzogau, das oben auf einem Hügel liegt, verschwinden die Wegmarkierungen, oder wir sehen sie einfach nicht, ein kleines verzichtbares Abenteuer zum Schluß. Also machen wir kurzen Prozeß und gehen die Straße hoch, die gerade saniert wird.

Geschafft! Über 180 km liegen hinter uns.

Und zum Abschluß noch mal eine ganz ausgezeichnete Herberge: Landhotel Gruber, wer mal in Herzogau übernachten muß, ist hier bestens aufgehoben. Hier habe ich übrigens zum ersten Mal auf dieser Reise jemanden bayerischen Dialekt sprechen hören, ein Tourist am Nebentisch sagte: “ Naa, goa kaa aa“ – auf die Frage, ob er vielleicht Rührei möchte, oder ein Frühstücksei.

Fazit: Der Goldsteig ist ein landschaftlich sehr schöner Wanderweg, abwechslungsreich und nicht zu schwer. Trotzdem sollte man natürlich gut zu Fuß sein. 34 Grad im Schatten läßt einen manchmal verzweifeln, wenn man über Felder und Wiesen läuft, aber dafür kann die Gegend ja nichts. Die Leute sind überwiegend freundlich, wenn auch unverbindlich – ich würde es gar nicht anders haben wollen. Kulinarisch gesehen – na ja, wenn man auf Schnitzel steht … In einer Anzeige in unserem Wanderführer steht: „Emotionen erleben. Natur begreifen. Den Gaumen bauchpinseln.“ Blogfreund Trithemius, dem ich das neulich in einem Kommentar erzählte, meinte dazu: Man müsse vorsichtig sein, ein gebauchpinselter Gaumen könne Brechreiz auslösen, und das ist nur zu wahr bei solchen Hauptkomponenten. Aber: Wer nicht allein wandert (was ich übrigens nie tun würde), sollte darauf achten, in guter und lustiger Begleitung zu sein, dann spielen so kleine Einschränkungen kaum eine Rolle. Und was das betrifft, kann ich mich wirklich glücklich schätzen.

Fortsetzung folgt.

PS: Die Fortsetzung muß etwas warten, Sonntag fahre ich schon wieder in Urlaub, eine Woche Rügen. Bis bald!

Wandern auf dem Goldsteig: 7. Etappe

Was für ein Himmel – ein schöner Kontrast zu den goldgelben Kornfeldern. Glücklicherweise bleibt es trocken.

Danke für die Warnung, ich denke, wir können es wagen.

Ob es Leute gibt, die ohne das Schild den Zaun platt machen würden? Gut, vielleicht jemand mit schlechten Augen.

Hier heißt es „upjepass!“ (wie der Kölner sagt) – der Goldsteig teilt sich, die südliche Route geht mehr durch Städte, wir müssen auf der nördlichen weiter. Ganz unten kann man lesen, wie weit wir schon gelaufen sind: 138,5 Kilometer.

Wir waren bereits in unzähligen Kirchen, aus Neugier und Interesse, aber auch, um uns ein wenig in einer kühlen Umgebung auszuruhen. Das hier ist die erste, in der eine Ablaßtafel hängt. Wer hier war, ist komplett von seiner zeitlichen Sündenstrafe befreit, soll heißen: Die Zeit, die er oder sie nach dem Gestorbensein im Fegefeuer verbringen muß, bevor man im Himmel vorgelassen wird. Im 15. und 16. Jahrhundert hat die katholische Kirche einen äußerst lukrativen Handel mit Ablaßbriefen getrieben (und unter anderem den Petersdom damit finanziert), was, wie jeder weiß, einer der Gründe war für Martin Luthers Reformationsbewegung: Er hatte einfach in der Bible nachgelesen, und da steht nichts von Ablässen. Das war den Katholen dann auch irgendwann peinlich und sie verboten den Ablaßhandel 1570 – nicht jedoch die Ablässe selbst. Also erst ab in den Beichtstuhl, dann hier am Bild vorbeigehen – und frisch geht’s auf zu neuen (Un-)Taten!

Das Wintergartencafé, im Wanderführer bereits groß angekündigt – ich trau mich kaum, es zu sagen (wer ruft da: Laaaangweilig!?): Ruhetag.

Macht nichts, wir haben es nicht mehr weit. Eigentlich hat unsere heutige Etappe wieder 30 km bis Rötz, aber unser Hotel liegt ein einem Dorf einige Kilometer davor.

Ein großes Haus mit zig gut ausgestatteten Zimmern und sehr freundlichen Betreibern – wir sind die einzigen Gäste. Wir erkundigen uns mitfühlend: Kommen denn hier viele Wanderer vorbei? „Jaja, viele.“ Das … nehmen wir so hin.

An einer Wand hängen viele tote Tiere – nicht geschossen, sondern tot gefunden, wie uns schnell versichert wird. Eins davon ist sogar einer der seltenen Wolpertinger.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Goldsteig: 6. Etappe

Wer schon immer mal wissen wollte, wie die Erdkruste entsteht: Bitteschön. Auch hier alles ein Kreislauf, dauert allerdings ein paar Milliarden Jahre, vermute ich, bis ein Gesteinsbrocken seine zweite Runde antritt.

Ich könnte natürlich mithelfen: Ich nehme einen Stein von hier mit und werfe ihn in der Eifel in einen der vielen, zur Zeit inaktiven, Vulkane. Wenn der dann doch mal ausbricht, zack! – schon ist der Brocken wieder Magma. Aber wieso sollte ich das tun? „Kalkstein ist ein kalkreiches Sedimentgestein“, steht da übrigens auf dem Schild, das letzte Wort ist ein Link, der sich aber gar nicht anklicken läßt, ich habe es probiert.

Sobald die Wolken aufreißen, ist es gleich wieder heiß und schwül, man hat das Gefühl, das Gehirn läuft einem aus.

Die besten Voraussetzungen für diese andauernde Indoktrination. Die kleine Feldkapelle ist eine Station auf dem Jakobsweb, steht auf Infotafeln. Aha. Der Jakobsweg scheint ein verschlungener Pfad zu sein, in Baden-Württemberg ist er mir ebenso begegnet wie in Südengland. Tatsächlich ist e so: Man kann jeden Weg so nennen, wenn man will, denn von überall her sind Jakobspilger nach Santiago da Compostella in Nordwestspanien gewandert. Der Jakobsweg ist also nicht ein bestimmter Pfad, sondern fächert sich auf, je weiter man sich vom Ziel entfernt, desto weiter. Und es macht sich touristisch einfach gut, wenn man einen Jakobsweg in der Nähe vorweisen kann.

Wir lassen uns nicht beirren, und versuchen, die Welt weiterhin vernünftig zu ergründen. Was will uns z.B. diese Mitteilung sagen? Unter dem Schild befindet sich ein bereits in fortgeschrittenem Zustand verrottender Haufen mit Grünschnitt – wir kombinieren messerscharf: Wild abgeladen. Die Botschaft hofft darauf, daß der Frevler nochmal zurückkommt und sich Gedanken darüber macht, ob die, die sich regelkonform verhalten bei der Entsorgung ihrer Bioabfälle, wohl alles Idioten sind – es schwingt die Meinung mit, daß das doch wohl eher nicht so ist, sondern der, der da diesen Haufen hingesetzt hat, der Blödmann ist und das auch einsehen soll.
Doch, ja – nicht unsubtil, wenn auch vermutlich vergebens.

Unser Etappenziel Oberviechtach hat tatsächlich mal einen belebten Ortskern mit Außengastronomie! Wir nutzen die Gunst der Stunde und bestellen sofort Kaffee und Kuchen. Unser Hotel liegt auch an diesem Platz, und als wir uns etwas später vorstellen, versucht die Wirtin uns sogleich suggestiv zum Essen zu überreden, wir hätten ja mit Mahlzeiten bestellt – „Nein, haben wir nicht“, antwortet meine Begleiterin – aber das macht doch nichts, Kindchen, ist doch nicht schlimm, wir hätten doch bestimmt Hunger und könnten essen, wann immer wir wollten! Die Stimmung sinkt um ein paar Grad, als meine Begleiterin sagt, wir wüßten noch nicht genau, wo wir essen …

… aber zwei Stunden später kann sie uns hier, im Café Eisenbarth sitzen sehen, wenn sie aus dem Fenster schaut. An dem Platz gibt es ein gutbürgerliches Restaurant(=unser Hotel), einen Italiener, ein Hamburger-Restaurant – und eben dieses Café mit Außentischen, in dessen Karte man Pizza und Pasta, verschiedene Hamburger und Schnitzel in vielen Variationen findet. Außerdem gibt es hier zum ersten Mal riesige großstadtwürdige frische Salatteller – zu Schleuderpreisen. Entsprechend groß ist der Andrang, viel junges Publikum.
Irgendwie gemein, für die Konkurrenz am Patz. Und wenn man ein großes Hotel hat, ist man wahrscheinlich darauf angewiesen, daß die Gäste im hauseigenen Restaurant speisen. Allerdings sollte man dann mehr mit der Zeit gehen.

Der bekannteste „Sohn“ der Stadt ist übrigens Doktor Eisenbarth, der reisende Handwerkschirurg aus dem 18. Jahrhundert, der tatsächlich nie einen Doktortitel hatte. Seine interessante Geschichte kann man bei Wikipedia nachlesen. Der Andenkenladen hat leider noch geschlossen, daher weiß ich nicht, ob es vielleicht Eisenbarthoperationsbesteck als Andenken zu kaufen gibt, aber im Schaufenster sehe ich eine Jodelmaschine – holleri du dödel di, da hat man was Eigenes!

Fortsetzung folgt!

Wandern auf dem Goldsteig: 5. Etappe

Weiter geht’s, 22 km liegen heute vor uns. Glücklicherweise ist es nicht mehr ganz so heiß wie die letzten Tage. Und wie schön: Da hat uns jemand einen Blütenkranz geflochten.

Kleines Bilderrätsel am Wiesenrand: Bitte im … laufen. Wer es nicht lösen kann, hat eine durchschnittlich niedrigere Lebenserwartung als Rätselfüchse: Es sterben jährlich mehr Menschen durch Kuh- als durch Haiangriffe, kein Scherz.

Im beschaulichen Dörfchen Döllnitz pflegt man noch die gute alte christliche Sitte der Hexenverbrennung – oder besser, man übt sie, man weiß ja nie, was da noch kommt.

Überhaupt ist man hier nicht zimperlich. Aber wir kommen unbeschadet durch …

… aber ob man im nächsten Dorf lustiger ist,  werden wir nicht erfahren, denn wir biegen rechts ab, Richtung …

… Trausnitz, wo es eine Burg gibt. Friedrich der Schöne (es gibt leider kein zeitgenössisches Portrait) wurde hier drei Jahre lang gefangen gehalten: Er hatte sich 1314 um die Königswürden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation beworben, doch die Kurfürsten wählten seinen Cousin und Freund Ludwig von Bayern, was Friedrich aber gar nicht einsah: Kurz nachdem Ludwig in Aachen gekrönt worden war, ließ Friedrich sich auch krönen, in Bonn, und erklärte sich zum einzig wahren König. Es folgte ein mehrjähriger Bürgerkrieg, bis die Truppen Friedrichs schließlich in der letzten Ritterschlacht auf deutschem Boden 1322 geschlagen wurden. Nach drei Jahren vertrugen sich die beiden wieder und wurden beste Kumpel, ja, sie teilten sich sogar die Macht und wollten das Reich zusammen regieren. Über die vielen Menschen, die dieser Quatsch das Leben gekostet hat, redet freilich keiner mehr.

Wenn man eine Burg hat, kann man auch Ritterspiele veranstalten. Das Schild sieht allerdings schon recht alt aus.

Wir wagen einen kleinen Abstecher: Am Pfreimdstausee gibt es einen riesigen Campingplatz, auf dem auch ein Gastronomiebetrieb sein soll. Wir rechnen fest mit einem Ruhetag …

… und täuschen uns, hurra! An den Nebentischen wird bereits Bier und Wein getrunken und Schnitzel gegessen, aber was geht uns das an. Wir wundern uns bloß.

Wir bleiben nüchtern, und das ist auch gut so, denn solche Wege gibt es auch. Da es in den letzten beiden Nächten geregnet hat, sind die Steine tückisch, man muß sehr aufpassen, daß man nicht abrutscht.

Ein Kalvarienberg: Oben steht das Kreuz mit den – in diesem Fall – schön glänzenden Figuren (die Marienfigur hat allerdings nur eine Vorderseite, von hinten ist sie hohl – man spart, wo man kann), und …

… von unten führt ein Weg herauf, an dessen Rand (hier rechts im Bild) eine Reihe von Steinstelen stehen, in die Szenen der „Passion Christi“, also aus seinem Leidensweg, eingemeißelt sind. Der Gläubige soll nun unten anfangen und vor jeder Stele Andacht halten oder beten, was weiß ich, und oben angekommen … tja, weiß auch nicht, nochmal beten. Nach dem Bewuchs zu urteilen wird der Weg aber nicht viel benutzt.

Bevor wir in Tännisberg ankommen, schickt uns unser Wanderführer schweißtreibend einen Berg hinauf, wo noch Überreste einer Burg stehen – ich wäre den Weg nicht mehr gegangen und hätte eine Abkürzung genommen, aber meine Begleiterin ist gnadenlos. Dafür werden wir mit dieser Aussicht belohnt.

Von der Burgruine ist nicht mehr viel zu sehen, aber man kann eine Gruft betreten …

… und wenn man weiter hineingeht, liegt da tatsächlich einer – unheimlich. Ohne Blitz hätte man ihn freilich nicht erkannt.

Tännisberg macht einen herausgeputzen Eindruck, nur Menschen sieht man nicht, es bellt nichtmal ein Hund. Die Glocken läuten ständig, aber das kennen wir ja schon.

Das Lebensmittelgeschäft ist einer Boutike gewichen – die Leute, die hier wohnen, erledigen ihre Wocheneinkäufe vermutlich in irgendeinem Einkaufszentrum, wo man mit dem Auto anfährt.

Der Lederer gibt sich malerisch, aber ich glaube nicht, daß hier noch einem Handwerk nachgegangen wird.
Im Hotelrestaurant sitzen noch zwei andere Gäste und verputzen Schnitzel. Die Speisekarte ist riesig – sowas macht mich immer mißtrauisch, also bestelle ich was Frisches: Bratkartoffeln mit Ei, auch Bauernschmaus genannt. Gibt es leider nicht, wird uns gesagt, denn heute sei Ruhetag, man könne leider nur auf die Schnelle usw. Nein nein nein! – ich will kein Schnitzel mehr essen! Wir bestellen Nudeln und Salat. Mich beschleicht der Verdacht, daß die Ruhetage in dieser Gegend recht willkürlich gelegt werden, je nachdem, wieviel Gäste gerade da sind.

Fortsetzung folgt.