Melaten

Was wünscht sich ein Fan eines Gelsenkirchener Fußballvereins für sein eigenes Begräbnis? Daß seine Kumpel an seinem Grab stehen und eine der Vereins-Hymnen singen: „Steh‘ auf, wenn Du ein Schalker bist …“.

Klingt wie ein Witz, aber ich weiß nicht genau, ob es auch so gemeint ist. Falls nicht: Man kann dabei nur verlieren. Die letzte Auferstehung soll – nach Hörensagen, der Fall ist umstritten – vor 2000 Jahren funktioniert haben, und wenn sie in diesem Fall (höchstwahrscheinlich auch) nicht klappt, nährt man den Verdacht, daß man gar kein richtiger Schalke-Anhänger war.

Zitiert wird der Satz in der Ausstellung „Abpfiff: Wenn der Fußball Trauer trägt“, die zum 60-jährigen Jubiläum der „Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner“ in der kleinen Kapelle „St. Maria Magdalena und Lazarus“ auf dem Melaten-Friedhof gezeigt wurde.

Ja, auch Fußballfans sterben irgendwann. Warum sollte man darüber nicht eine lustige Ausstellung machen.

Draußen gibt es ein paar Mustergräber: Die Ecke als Himmel. Warum nicht, aus der Ecke wurden schon so einige denkwürdige Tore geschossen, mit Hilfe eines zweiten, kopfballstarken Spielers – da fühlt man sich nicht so ganz allein … oder wie? Ich weiß auch nicht.

Die Ausstellung begreift sich als „interaktiv“: Hier kann der Besucher sich beteiligen …

… und hier auch. Ja, das macht Spaß. Oder auch nicht, man muß ja nicht.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin gegen jede falsche Pietät. Wie jemand seine Trauer über einen Verstorbenen verarbeitet, bleibt ihm oder ihr überlassen, da gibt es keine Regeln, ebensowenig, wie jemand sein eigenes Begräbnis wünscht. Diese Ausstellung alledings läßt mich ein wenig ratlos: Was, bitte, soll das?

Antwort gibt vielleicht diese Postkarte, die man mitnehmen darf: Auf der Rückseite steht: „Kein Job für jedermann. Wir suchen Azubis mit Feuer. Bist du ein Ruhebewahrer?“ Den Friedhofsgärtnern geht der Nachwuchs aus, wohl – wie man offenbar glaubt – weil er sich völlig falsche Vorstellungen macht: Der Arbeitsplatz Friedhof ist eine „feurige“ und oft auch lustige Angelegenheit, und in den Pausen darf gekickert werden.

Die kleine Kapelle (hier zwei Fotos von vor dem neuen Anstrich) stand lange Zeit leer. Bürgerschaftlichem Engagement ist es zu verdanken, daß sie nun wieder Gottesdiensten, Trauerfeiern und auch kultureller Nutzung zur Verfügung steht.

Sie ist im frühgotischen Stil erbaut und war schon 1245 fertiggestellt, drei Jahre vor der Grundsteinlegung des Doms. Tja – da heißt es in allen Fachbüchern, die Gotik in Deutschland habe mit dem Dom angefangen, und in Wirklichkeit …

Auf dem Areal – zu der Zeit weit außerhalb der Stadtmauern – befand sich ein Leprosenheim, worauf übrigens der Name der Kapelle und auch der des Friedhofs hinweisen: Melaten kommt von mal ladre, und das heißt: Krankheit des Lazarus, der vor seiner Wiederbelebung an Lepra gestorben war. Leprakranke, oder „Aussätzige“, wie man sie auch nannte, wurden wegen der Ansteckungsgefahr von der übrigen Bevölkerung separiert, allerdings oft an wichtigen bevölkerten Ausfallstraßen, um ihnen die einzige Tätigkeit zu ermöglichen, die man ihnen zugestand: Die Bettelei. Die Aachener Str. war die vielbenutzte Verbindung zwischen Köln und Aachen (westlich von Aachen, an der Straße nach Maastricht, gibt es noch ein Melatenhaus).

Lepra ist eine bakterielle Krankheit und könnte dank Antibiotika schon längst weltweit ausgerottet sein. Es ist ein Skandal, daß es in Brasilien, Indien und einigen afrikanischen Staaten immer noch zu Neuansteckungen kommt.

Das Leprosenheim wurde 1767 geschlossen. Als ca. 40 Jahre später die Franzosen das Rheinland besetzten, schafften sie Ordnung in Köln: Ein großer Friedhof außerhalb der Stadtmauern, dafür war das Areal gerade richtig, also rissen sie die Häuser ab, nur die kleine Kapelle und der Name blieben.

Das alles wollte ich gar nicht erzählen. Erzählen wollte ich eigentlich, daß es, wenn die Temperaturen über 30 Grad sind und man keine Lust mehr hat auf aufgeheitzte Straßen, überfüllte Parks oder backofenheiße Straßenbahnen, mit denen man an den Stadtrand ins Grüne fahren kann – also, daß es keinen besseren Ort gibt als diesen Friedhof. Er ist sehr schnell zu erreichen, wenn man wie ich in der Innenstadt wohnt, er ist weitläufig, schattig, die Luft ist gut, und vor allem: Man hat seine Ruhe! Daß der leichte Wind leise Musikfetzen eines Festivals herüberträgt, macht es einem erst richtig bewußt, wie fern man von allem ist. Herrlich!

Jüngst wurde von der Stadt eine Diskussion darüber angeregt, wie man Kölner Friedhöfe über ihre bisherige Funktion hinaus nutzen könne. So seien ja durchaus Flächen für Yoga- und Tai-Chi-Gruppen denkbar, oder Schachtische mit mehreren Bänken als Treffpunkt, und warum solle man die Anlagen nicht zum Hundeausführen nutzen können? Es gibt 55 städtische Friedhöfe, fast 500 Hektar – verschenkter Platz, so scheint man zu glauben, wenn da nur Leblose herumliegen. „Friedhof für alle!“, heißt die Devise. Was ist mit Joggen, Trimm-dich-Pfad, Grabsteinspringen? Lagefeuerplätzen für Jugendgruppen? E-Roller-Parcour zwischen den Gräbern? Imbißstände, Bierbuden, Kinderkarrussels, elektronisch verstärkte Musikdarbietungen? Das würde die Event-Ballung in der Innenstadt vielleicht etwas entzerren … Der Protest dagegen ist groß, die Verantwortlichen scheinen zurückzurudern. Ich hoffe, es bleibt dabei.

Ein Foto meiner Begleiterin. Wenn hier die Hunde frei laufen, ist es damit vorbei.

 

Pfingstwochenende

Deutschland kann sich glücklich schätzen: Es ist nichts passiert auf der Welt, über das sich zu berichten lohnte. „Wir machen was mit Tieren, das geht immer“, wird man sich beim Express gedacht haben. „Pico ist so blöd, daß man ihn lieben muß“ – das entspricht vermutlich exakt der Einschätzung der Express-Redakteure über ihre zahlenden Leser, fatalerweise bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht vielleicht recht haben. Meine Begleiterin erinnerte sich gleich an eine Bild-Schlagzeile: „Lottozahlen immer blöder“ – gemeint waren jetzt nicht die Zahlen, die der Schreiber tippte, sondern so allgemein, die Zahlen, die sich ziehen ließen. Mit Blödheit kennen die Redakteure sich offenbar sehr gut aus.

Klimawandel und deutsche Politik

Der Youtuber Rezo hat ein vielbeachtetes Video ins Netz gestellt, knapp 12 Millionen Leute haben es bis jetzt angeklickt (Stand 27.05.19). Es lohnt sich, es anzusehen. Wem 55 Minuten zu lang sind, sollte sich zumindest den Teil über den Klimawandel anhören, ab Minute 5:50 – 25:40. Aber kann man das alles glauben, was so ein blauhaariger Hipster da so von sich gibt? Hier noch ein Video, „Rezo wissenschaftlich überprüft“:

Klimawandel – ach was, wird schon nicht so schlimm werden. Mal ist es kalt, mal ist es warm, das nennt man Wetter – hat Donald Trump gesagt. Die AfD ist auch der Meinung. Wen es interessiert: Hier ein paar Fakten:

Ausflug nach Leipzig (6)

Im Nachhinein habe ich mich gefragt, warum mir das „Museum der bildenden Künste Leipzig“ (MdbK) vor unserem Besuch im Stadtbild nicht aufgefallen ist. Die Antwort ist einfach: Das Museum scheint im Innenhof eines Gebäudeblocks errichtet zu sein, so daß man es von fern nicht sehen kann. Und wenn man direkt davor steht, ist es zu nah, als daß man die Größe des Gebäudes ermessen könnte. „… scheint im Innenhof …“, den Ausdruck habe ich bewußt gewählt, denn tatsächlich ist es genau anders herum: Als der Bau 2004 fertig gestellt war, stand er völlig frei, erst anschließend hat man die angrenzenden Gebäuderiegel so eng an das Museum gebaut, daß der Eindruck eines Innenhofs entsteht. Hier ist eine Luftaufnahme von 2006, hier eine, wie es heute aussieht.

Von außen ein langweiliger, schmuckloser, fensterloser Quader, entpuppt er sich von innen als ein großartiges Gebäude: Die Außenhaut ist aus Glas (oder einem anderen transparenten Material). Im Folgenden ein paar unkommentierte architektonische Eindrücke:

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Besonders stolz ist man natürlich, wenn man „Söhne“ der Stadt präsentieren kann: Der Maler und Bildhauer Max Klinger, der deutsche Vertreter des „Symbolismus“, ist in Leipzig geboren und wird entsprechend gewürdigt.

Symbolismus ist eine Kunstströmung des späten 19. Jahrhunderts. Anders, als andere Ismen der Kunstgeschichte (Impressionismus, Kubismus usw.), erkennt man den Symbolismus nicht an der stilistischen Ausführung, sondern an der inhaltlichen Aussage. Stilistisch unterschiedliche Künstlergruppen (z.B. Nabis, Präraffaeliten, Jugendstil) und Künstler (Gaugin, Edvard Munch, sogar der Surrealist Max Ernst u.a.) werden ihm zugerechnet. Der Symbolismus ist – ähnlich wie die Romantik – eine Reaktion auf die Aufklärung: Naturalismus und Realismus lehnte man ab, wichtig und richtig waren stattdessen folgende Themen: Gefühle, (Alb-)Traum, Tod, Religion, Naturmystik, Tod und Eros in Verbindung zueinander, Phantasie, also alles, was pure Rationalität in Frage zu stellen scheint.

Was ist jetzt an Klingers Beethovenskulptur symbolistisch? Der Komponist sitzt auf einem Thron, umgeben von Puttiköpfen (=Engel) und einem Adler, dem deutschen Wappentier: Das Genie, eine herausragende, göttliche Gestalt, deren Fähigkeiten man sich nicht nur nicht erklären, sondern nur bewundern kann, und die darüber hinaus ein Beispiel germanischer-genialer Möglichkeiten repräsentiert – so kann man das lesen. Thomas Mann setzt noch eins drauf zur Mythenbildung: Der kleine, schwache Mensch, der durch die Überwindung von Schwäche und Leid zu einem Helden wird – und was tut? „… sich inbrünstig concentrierend, die Fäuste ballt“. Meine Herren, ich bin schwer beeindruckt! Und dann? Windet sich der Komponist unter Schmerzen, die Wehen setzen ein, pressen pressen, atmen nicht vergessen – und da ploppt es aus ihm heraus, hurra, Freude schöner Götterfunken: Es ist ein Mädchen, die Neunte!

Ein Rationalist würde sagen: Beethoven war ein Mensch wie jeder andere, der gegessen, gepupst und geschlafen hat wie wir alle, und darüber hinaus das Privileg hatte, seinen Lebensunterhalt mit seinen Neigungen und Talenten bestreiten zu können, und der gekonnt Musik komponiert hat.

Ah! – freudig überrascht, das habe ich nicht erwartet: Vermutlich das bekannteste Bild des (deutschen) Symbolismus weltweit hängt hier in Leipzig, besser gesagt, ein Version davon:

„Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin, ein Zeitgenosse Klingers. Es gab fünf Versionen, eine ist verbrannt. Diese ist die fünfte.

Der Symbolismus ist normalerweise nicht lustig. Aber man kann nicht behaupten, daß seine Maler durchgängig keinen Humor hatten: Ausschnitt aus dem Bild „Der Tod am Wasser“ (ca. 1880) von Max Klinger.

Wir schlendern weiter, es gibt viel zu sehen, alle Kunstepochen sind abgedeckt – viel zu viel für einen einmaligen Besuch.

Dahinten lockt Licht:

Pappfiguren, die in Seilen hängen: Das Werk heißt „Auswildern“ und ist von Sighard Gille. Glücklicherweise gibt es eine Erklärung dazu: „Das allgemein verbindliche WIR verschwand nach dem Mauerfall. Jeder mußte sich fortan auf seine eigenen Kräfte besinnen. 1990 thematisierte Sighard Gille dieses Ereigniss und deren individuelle Ausprägungen mit einer vielfigurigen Installation aus lebensgroßen und an Tauen kletternden Figuren aus Pappmasché. Er installierte sie damals für eine Ausstellung in der Mittelhalle der HGB Leipzig. Nicht jeder hat es geschafft, die Seile emporzuklettern; manche scheitern und kehren um, manche konnten den Boden nicht verlassen, andere wiederum verharren an der Position, die sie erreicht haben.“ So einfach kann eine Interpretation sein.

Lucas Cranach d.Ä. (1472-1553), von dem es hier einige Werke gibt, gilt als einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Renaissance – für mich schon immer unverständlich, denn verglichen mit seinem Zeitgenossen Albrecht Dürer hatte er eindeutig zeichnerische Defizite. Bei den Herrschenden seiner Zeit war er sehr beliebt, und auch heutige Museen sind stolze Besitzer seiner Werke. Er hatte nicht nur eine gutgehende Werkstatt, sondern war auch Weinhändler, Apotheker, Buch- und Papierhändler und Verleger.

Großartig! „Verdammnis“ von Balthasar Permoser (1651-1732), ein Bildhauer des Barock, aus einem Marmorblock gehauen. Der Gesichtsausdruck erinnert mich an ein anderes Kunstwerk, an Papst Innozenz X. von Francis Bacon, ein Maler Mitte des 20. Jh.

Ups – Fütterungszeit? Bitte, nach Ihnen (ehrt das Alter!)

Der Raum war eigentlich gesperrt, die Stehtische trugen schon ihre Hussen und warteten auf geladene Gäste. Die Museumsangestellte war wirklich freundlich, wir durften schnell ein paar Fotos machen (zum Bild: Links steht ein Spiegel an der Wand, in den ich hineinfotografiert habe). Dem T-Rex läuft eine rote Flüssigkeit aus dem Maul in einen Eimer hinein.

Man traut sich was in diesem Museum: Pop Art und Biedermeier bunt gemischt. Warum nicht, nur so entstehen neue Zusammenhänge (oder sie bleiben aus, aber auch das ist ja eine Erkenntnis).

Es wäre ein Wunder, wenn man keins seiner Bilder hier finden würde: Neo Rauch, der bekannteste Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ – so werden die Künstler bezeichnet, die in der „Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig“ (HGB) studiert und nach der Wende internationalen Erfolg hatten. Ich finde seine Bilder etwas befremdlich, auf mich wirken sie oft kühl und bedrohlich, und da andere Bilder fast nie eine solche Wirkung auf mich haben, fühle ich mich gleichzeitig zu ihnen hingezogen (neulich habe ich mal den Ausdruck „lynchesk“ gelesen, bezogen auf den Filmemacher David Lynch, der fällt mir hier ein … aber das jetzt zu erklären würde zu weit führen).

Arno Rink (1940-2017), Vertreter der alten „Leipziger Schule“ aus den 70er und 80er Jahren und Professor/Rektor an der erwähnten Hochschule: Ich kannte ihn (also seine Arbeiten) bisher noch nicht und bin begeistert. Die Sonderausstellung behandelt sein Werk. Oben: Ein düsteres Selbstbildnis von 2002.

Extra leicht schräg fotografiert, damit man die Größe erkennt: „Canto libre“ von 1977. Sozialistischer Realismus sieht anders aus – das nur zu dem Vorurteil, in der DDR sei jegliche Kunst staatlich reglementiert gewesen (vielleicht hat man es versucht, aber offensichtlich erfolglos).

Ein Selbstbildnis. Daneben steht ein Text: „… Rink war der einzige Rektor einer Kunsthochschule auf dem Staatsgebiet der ehemaligen DDR, der nach der Wende in seinem Amt bestätigt wurde, während viele seiner Mitarbeiter und Kollegen um ihre Entlassung fürchten mussten. Darüber hinaus war er verantwortlich für sämtliche Reformprozesse der HGB, die einschneidende, mit persönlichen Schicksalen verbundene Konsequenzen hatten. Zur Abstimmung wurde er immer wieder zu Gesprächen nach Dresden gerufen, die verhörartig abliefen und von Arno Rink als traumatisch empfunden wurden. Jedes Porträt der Werkreihe „Ministerprotokolle“ steht für ein solches Gespräch und ist Ausdruck seiner Seelenqualen.“

Wer stellt da die Frage, das Museum selbst? Kann ich mit einem klaren Ja beantworten, würde ich in der Nähe wohnen, wäre ich ganz sicher öfter hier.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (5)

Ich mache einfach da weiter, wo ich letzten September aufgehört habe. Den vorhergehenden Eintrag findet ihr hier. (Zur Vergrößerung der Bilder: Rechter Mausklick aufs Foto, dann „Grafik anzeigen“ anklicken.)

Leipzig ist eine Bücherstadt: Es gibt beneidenswert viele Antiquariate. In Köln haben die meisten in den letzten Jahren nach und nach geschlossen.

Vielleichts liegt’s an der Buchmesse: Die Leipziger Buchmesse gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert, sie überflügelte bald die ältere Frankfurter Buchmesse an Größe und an Bedeutung (die Frankfurter hatten schwer unter der Gegenreformation zu leiden: Lesen klärt die Leute auf, und das war noch nie im Sinne des katholischen Klerus). Erst nach dem 2. WK kehrte sich das Verhältnis um. Trotz (oder wegen?) einer stark reglementierten Bücher-Politik während der DDR-Zeit verlor die Leipziger Buchmesse nicht ihre Bedeutung, und heute ist sie mit ihren zahlreichen Veranstaltungen ein Publikumsmagnet.

Die vielen Passagen in der Stadt haben mit der Entwicklung Leipzigs als Messestadt zu tun: Mustermessen, wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit 1895 (übrigens eine Leipziger Erfindung), in den Jahrhunderten vorher mußten die Hersteller ihre Waren, die sie das Jahr über hergestellt hatten, sämtlich mit zur Messe schleppen. Da das Messehaus schnell voll war, wurden die Waren in den Gassen der Innenstadt ausgestellt und waren somit natürlich Wind und Wetter ausgesetzt. Also fing man an, die Gassen zu überdachen – voilà, Passagen entstehen. In Leipzig gibt es sie in allen Formen, als einfachen Durchgang …

… als mittelprächtige Geschäftspassage …

… und als aufpolierten Ort für Luxusgüter: Die berühmte Mädlerpassage …

… für Leute mit gehobenen und relativ sinnfreien Ansprüchen.

Das Café Mephisto heißt so, weil sich im Untergeschoß der Passage das aus Goethes Faust bekannte Restaurant „Auerbachs Keller“ befindet, da liegt es nahe, sich touristisch als Ersatz anzubieten („Auerbachs Keller war uns zu teuer, aber wir haben im Mephisto einen Kaffee getrunken“. Haben wir gar nicht, aber so könnte es in vielen Erzählungen lauten). Und vielleicht schmeckt es da ja auch ganz gut.

Und da steht er, zusammen mit seinem Opfer Dr. Faust, und versucht, ihm eine Handtasche für das Gretchen anzudrehen.

Kann man sagen, daß Kaufhäuser Weiterentwicklungen von Passagen sind? Im Kaufhaus Ebert, als das dieses Gebäude 1904 errichtet wurde, stapelte man die Waren auch, aber man legte Wert darauf, zu versichern, daß es keinesfalls Ramschware war, denn die anvisierte Kundschaft waren nicht etwa die Massen, sondern die neue Gesellschaftsschicht, die es im 19. Jahrhundert zu Wohlstand gebracht hatte, das Bürgertum. Und diesem Umstand ist es vielleicht geschuldet, daß man auf den Prunk des Barock und gleichzeitig auf die Modernität des Jugendstils in der Architektur des Gebäudes nicht verzichten wollte. Seltsame Mischung. Seit der Wende hat die Commerzbank hier eine Filiale.

Die beiden Figuren links und rechts der Eingangstür sind Allegorien zweier Todsünden: Superbia (Hochmut, Stolz, Eitelkeit) und Luxuria (Wollust, Ausschweifung, Genußsucht) – auf den ersten Blick eine seltsame Einladung für einen Konsumtempel. Ich vermute, das ist dem Protestantismus geschuldet – es ist eine Warnung: Bitte sehr, hier ist viel Geld im Umlauf, das wollen wir nicht verhindern, aber wundert euch nicht, wenn ihr dafür in der Hölle landet (erinnert mich an die Warnungen auf Zigarettenschachteln). Tja, so sind sie, die Evangelen. Für die Commerzbank sind die Allegorien natürlich gar kein Problem, die Banker von heute verstehen solche Figuren nicht als Warnung, sondern als Aufforderung.
Die Vergoldung ist übrigens eine Auflage des Denkmalamtes Mitte der 90er Jahre.

In Leipzig mag man offenbar die Vermischung ganz unterschiedlicher architektonischer Stile. Was ist das für ein schwarzer Bau da im Hintergrund?

Ein neues Universitätsgebäude, erst 2018 fertig geworden (das scheint ein Trend zu sein – die neue Universitätsbibliothek in Freiburg ist auch so ein schwarzes Ungetüm). Hinter dem Kirchenfenster befindet sich die Aula, die auch für kirchliche Zwecke genutzt werden kann. Ganz früher stand hier tatsächlich mal eine Kirche, die im 2. WK zerstört wurde. Die DDR setzte ein Verwaltungsgebäude an die Stelle, das nun dem Neubau weichen mußte. Die Nicolaikirche ist keine fünf Minuten entfernt, aber kann ja sein, daß mal ein Kirchenraumengpaß entsteht …

Der Innenhof. Ich zähle fünf verschiedene Architekturstile, aber den Studierenden ist es gleich. Wenn die Bäume mal groß sind, ist es bestimmt ganz gemütlich.

Zur  Universitätsbibliothek sind es ein paar Minuten mit dem Fahrrad, denn sie liegt im sogenannten Musikerviertel, das so heißt, weil die Straßen nach Komponisten benannt sind.

Ah – das lobe ich mir: Herrschaftsarchitektur, demokratisiert.

Ausgerechnet hier war der Hebel meiner Kamera verstellt, so daß meine Fotos alle unscharf sind. Vielen Dank an meine Begleiterin, die mir mit den letzten drei Bildern ausgeholfen hat.

Im Musikerviertel gibt es noch viele Altbauten, aber auch sowas – muß nicht schlecht sein, darin zu wohnen, wenn der Schallschutz ausreichend ist. Von hier aus ist es nicht weit zur …

… langen Karl-Liebknecht-Str., an der es sogar noch unrenovierte Häuser der Gründerzeit gibt. Aber das ist nur eine Frage der Zeit, die Stadt wächst an Einwohnern, und das ist die beste Voraussetzung für Gentrifizierung.

Es ist eine angesagte Gegend: Viele Kneipen, Cafés, Imbisse und Restaurants zeugen von viel Leben, jedenfalls abends. Tagsüber ist nicht viel los.

Ob es hier Broiler gibt? (- das einzige DDR-Gericht, das ich kenne).

 

Der Künstler heißt Michael Fischer, aber da es diesen Namen gibt wie Sand am Meer (ein Freund von mir heißt zufällig auch so), nennt er sich Michael Fischer-Art. Ein weiteres Werk findet man …

… in der Innenstadt. Man könnte meinen, der Künstler käme aus der Graffiti-Szene, das ist aber wohl nicht der Fall.

„Wir sind das Volk!“ – heute leider von den Rechten mißbraucht, ist dieser Satz die Parole zur friedlichen Revolution 1989.

Die Nicolaikirche. Schon 1982 fanden hier regelmäßig öffentliche Friedensgebete statt, denen 1989 die Montagsdemonstrationen folgten.

Innen ist die romanisch/gotische Kirche unerwartet hell (was nicht nur daran liegt, daß wir tagsüber drinnen waren): Der Innenraum wurde Ende des 18. Jahrhundert nach der damaligen Mode klassizistisch ausgestaltet. Sowas würde man heute nicht mehr machen, aber ich finde es ganz gut gelungen.

Besonders auffällig: Die Palmenkapitelle auf den Säulen – habe ich sonst noch nirgendwo gesehen.

In den 90ern hat man eine Replik einer Säule auf den Kirchplatz gestellt, als Denkmal für die Zeit, als man die Aktionen aus der Kirche hinaus in die Stadt getragen hat.

Eine interessante, lebendige Stadt – wir müssen nochmal wiederkommen.

Fortsetzung folgt.

5. Jahreszeit

Rechnet man alle Tage, die in Deutschland als 5. Jahreszeit benannt werden, zusammen und addiert sie zu den Tagen der gewöhnlichen vier Jahreszeiten, kommt man auf eine Anzahl von weit über 500 Tagen. Als lohnabhängiger Arbeitnehmer begrüße ich es daher sehr, daß 5. Jahreszeiten parallel und nicht zusätzlich zu den anderen vier stattfinden, auch wenn das zeigt, daß die Bezeichnung völliger Unsinn ist.

In der rheinischen 5. Jahreszeit, die über drei Monate dauert und fachmännisch auch „Session“ genannt wird, neigen in ihrem Verlauf immer mehr Menschen dazu, sich zu kostümieren und in der Kostümierung auf die Straße zu gehen. Das ruft nicht etwa die Polizei oder Psychologen auf den Plan, sondern eskaliert völlig unbehelligt in einem mehrtägigen Gesangs- und Saufgelage – bis es dann von einem Tag auf den anderen quasi in sich zusammenbricht.

Da! Den habe ich schon im Dezember erwischt. Gut, es gibt Kostüme, die werden nach ungefähr der Hälfte der Session nicht mehr so oft getragen.

Jetzt sieht man häufiger solche Gruppen – die stehen da vor einer Kneipe, rauchen und trinken Kölsch und reiben ihre Hintern aneinander (habe ich gehört, aber noch nie gesehen, man nennt das „Stippeföttche“). Klingt schwul, ist es aber angeblich nicht. Also – ich weiß es nicht, macht das ruhig mit euren Ärschen, lustvoll, ich fänd’s vollkommen in Ordnung.

Braucht noch jemand eine originelle Verkleidung? Falls alles ausverkauft ist – der Sexshop bei mir um die Ecke hat noch Masken im Angebot. Gibt’s die auch als Esel? Ich kenne einige, die könnten die ganzjährig tragen.

Als ich neulich im Zug saß, stieg diese Horde zu – „Ach du Schei…“, war mein erster Gedanke, aber sie verhielten sich manierlich, sparten sich vermutlich ihre Energie auf für die Veranstaltung, zu der sie gerade unterwegs waren. Vielleicht fuhren sie zur „Lachenden Köln-Arena“: 10.000 Feiernde versammeln sich da für einen Zeitraum von über sechs Stunden in einer riesigen Halle vor einer Bühne und lassen sich von Karnevalsmusik und -rednern unterhalten. Die Veranstaltung findet in dieser Session 15 (fünfzehn!) mal statt und ist schon im Vorfeld so gut wie ausverkauft. Und natürlich gibt es noch viele andere Veranstaltungen, die 480 Karnevalsgesellschaften, die es allein in Köln gibt, arbeiten das ganze Jahr darauf hin, daß während der Session irgendwas passiert. Das Kölner Dreigestirn hat zwischen 400 und 500 Termine, wo sie mit Spannung erwartet werden. Das Dreigestirn kennt ihr, oder nicht?

Dass Dreigestirn besteht aus drei Männern, die irgendwelche wichtigen Ämter in einer Karnevalsgesellschaft bekleiden und Prinz Karneval, den Bauern und die Jungfrau darstellen. Jedes Jahr sind das neue Leute, es sei denn, einer von ihnen ist kurzfristig verhindert, weil er beispielsweise eine Strafe im Gefängnis absitzen muß, dann springt jemand aus dem Vorjahr ein, aber das kommt selten vor. Die drei sind die wichtigsten Personen jeder Session, wichtiger sogar als alles andere auf der Welt, weshalb die Proklamation des Dreigestirns auch alle anderen Nachrichten auf der Titelseite des Kölner Stadtanzeigers verdrängt. Am 11.11. übernehmen sie symbolisch in Form eines großen Schlüssels die Macht über die Stadt aus den Händen der Oberbürgermeisterin.

Zur Proklamation dann im Januar während einer großen Sitzung treten sie zum ersten Mal in vollem Ornat auf, also in dem Kostüm, das sie bis Aschermittwoch tragen müssen, und in der sie sogar schlafen … gut, das weiß ich jetzt nicht so genau. Zu den bis zu 500 Terminen müssen sie dann immer eine Rede halten, singen und tanzen wäre auch nicht schlecht. Natürlich sagen sie immer dasselbe, beispielsweise: „Hück is de schönste Dach in minge Levve …“ (Heut ist der schönste Tag in meinem Leben) – was unlogisch ist, wenn man das an mehr als einem Tag sagt, aber das ist egal: Die Leute, die zu einer Karnevalsveranstaltung gehen, wollen sich unbedingt amüsieren, mit aller Gewalt. Es ist egal, wie fad und dumm die Witze sind, die die Redner von sich geben, es reicht völlig aus, daß man erkennt, daß sie witzig sein wollen – wenn es irgendwie geht, lacht man. Alkohol hilft.

Das Dreigestirn hatte in diesem Jahr sogar eine Papstaudienz. So eine Audienz, da steht man inmitten von 7.000 Leuten, und der Papst geruht zu erscheinen. Hinterher gab es aber ein Treffen in einem chambre separee – das Dreigestirn, der Papst, Erzbischof Kardinal Wölki und ein Bestattungsunternehmer unter sich. Der Bestattungsunternehmer war nicht etwa dabei, um sich mit einem Kollegen aus dem Jenseits-Business auszutauschen, nein, der Herr Kuckelkorn ist gleichzeitig Präsident des „Festkommitees Kölner Karneval“ (FK, nicht! FKK), das ist das allerhöchste Amt des Karnevals, eine dem Papstamt ähnliche Position. Päpste treffen sich nicht so oft.

Die Begegnung dauerte nur sechs Minuten, nach der Franziskus um ein paar Geschenke reicher war: Ein Schal, auf dem nicht nur das Vaterunser in kölschem Dialekt gestickt ist („Unse Vatter em Himmel, dinge Name halde meer hellich …“), sondern dessen bunte Rückseite an einen traditionellen kölschen Lappenclown erinnert, eine Quietscheente im Husarenkostüm und eine Narrenkappe. Wenn der Papst also nach Lust und Laune in der Badewanne mit der Ente gespielt hat, kann er sich den Schal rückseitig umbinden, sich die Kappe aufsetzen und vor dem Spiegel versuchen, sich einen Witz zu erzählen: „Kommt eine Frau zum Arzt … nee, blöd. Kommt ein Arzt zum Papst … nee, gar nicht lustig. Kommt ein Papst zur Päpstin … muahahaaa!“ Der Papst ist von einfältigem Gemüt – und damit ist er den Kölner Karnevalisten näher, als er weiß.

Und deswegen war auch der Erzbischof dabei: Wenn der Papst die Jungfrau sieht, ruft der vielleicht sofort den Arzt. Ein Mann mit einer Zopfperücke – da muß man helfen, Homosexualität ist eine Krankheit, die man heilen kann, davon ist der Papst fest überzeugt. Wölki kann dann schnell eingreifen und erklären, daß der Karneval ursprünglich ein männerbündische Angelegenheit ist, in der Frauen nichts zu suchen haben, es sei denn, sie zeigen als Funkenmariechen ihre schlanken Beine unter kurzem Röckchen, sichtbar bis hoch in den Schritt.

Sitzungskarneval. Viele sagen, der eigentliche Karneval fängt erst Weiberfastnacht an, Straßenkarneval, so anarchisch, so ursprünglich, so gut.

Alaaf!

(Samstag fahre ich nach Berlin. Ich hoffe es regnet viel, bis ich wieder da bin.)

 

Homo ludens

Die Leute haben Urlaub und nutzen ihn, um die Innenstadt und den Einzelhandel zu beleben: Großzügig gewähren die Geschäfte den Kunden die Gelegenheit, ihre ungeliebten Geschenke umzutauschen, in der Hoffnung, daß sie auch noch was anderes mitnehmen aus dem inzwischen preisreduzierten Angebot. Der Umtausch von Geschenken ist zuweilen nicht unproblematisch: Wenn der Schenker sich später danach erkundigt, und man muß zugeben, daß man es umgetauscht hat, führt das nicht selten zu Mißstimmungen. Man sollte also immer darauf achten, von wem das Geschenk stammt: Kommt das Spiel „Kacka-Alarm“ von Onkel Günther, dessen Vorliebe für zotige Witze schon so manches Familienfest erschüttert hat: Weg damit, der kann sich später eh nicht mehr daran erinnen. Kommt es dagegen von Tante Uschi, einer Anhängerin der Reformpädagogik, dann hat das Spiel gewiß therapeutische Ziele, und man muß damit rechnen, daß sie sich beim nächsten Treffen nach seiner Wirkung erkundigen wird.

Und was therapiert das Spiel? Ich kann es mir denken: Fehlentwicklungen in der sogenannten analen Phase. Die anale Phase ist (nach Freud) einer der Abschnitte in der sexuellen Entwicklung des Menschen und findet etwa im zweiten bis dritten Lebensjahr statt: Das Kleinkind entdeckt die angenehmen Seiten der Ausscheidung, z.B. daß man sich sogleich entleeren kann, wenn man den Drang verspürt, oder ihn noch eine kleine Weile zurückhalten kann, um den Genuß zu erhöhen. So ungefähr jedenfalls, ihr wißt, was ich meine. Wenn jetzt die Eltern falsch darauf reagieren, schimpfen, ihr Gesicht verziehen angesichts des stinkenden Haufens, in den das Kleinkind gerade lustvoll seine Hände gesteckt hat, kann das Folgen haben, die das ganze weitere Leben des unschuldigen Wesens negativ beeinflussen: Das Menschlein wird zu einem „analen Charakter“, der sich durch übertriebenen Ordnungssinn, Pedanterie, Engherzigkeit und dem völligen Mangel von Großzügigkeit zu erkennen gibt. Grauenhaft! Solche Leute bilden eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die ganze Gesellschaft. Gepaart mit Ehrgeiz werden sie z.B. Innenminister. Kommt Stolz hinzu: AfD-Politiker! Krampfhaft zusammengekniffene Pobacken spiegeln sich oft in den Gesichtern wider, achtet mal darauf – wenn beispielsweise Frau Weidel im Bundestag spricht, habe ich oft sofort das Bedürfnis, mich auf die Toilette zu begeben, allein aus Empathie. Die arme Frau!

Ob „Kacka-Alarm“ therapeutisch helfen kann, oder ob bei Ewachsenen die Entwicklung irreparabel abgeschlossen ist, muß sich zeigen, einen Versuch ist es allemal wert. Außerdem: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, wußte schon Friedrich Schiller, und ein Mehr an Menschlichkeit haben CSU und die AfD dringend nötig. Bevor ihr das  Spiel also umtauscht, wißt ihr, wo ihr es – hoffentlich gewinnbringend – hinschicken könnt. Tante Uschi wird Verständnis dafür haben.

Eine Frage bleibt noch: Wenn einem die lachende Kackwurst aus dem Wasserkasten entgegenspringt, hat man dann verloren oder gewonnen?