Wandern auf dem Salzalpensteig (4): Hochfelln – Ruhpolding

Weiter geht’s, wir sind noch nicht oben. Unser Wanderweg (seufz!). Ein hundert Meter langer steiler Geröllabhang, den wir erklimmen müssen, ist machbar, aber man sollte nicht zurückgucken, wenn man nicht schwindelfrei ist, ohne sich gut festzuhalten.

Oben angekommen …

… liegt alles im Nebel. Okay, ich sehe ein, daß wäre wirklich gemein gewesen von der Seilbahngesellschaft, wenn sie hier Touristen mit dem Versprechen auf eine spektakuläre Aussicht hochbefördert hätte.

Natürlich hat das Ausflugsrestaurant auch geschlossen, schlecht für uns – kein Kaffee – und für die Alpendohlen, die nichts abstauben können. Wir spenden ein paar Krümel von unseren Keksen.

So soll das hier eigentlich aussehen – ein Foto von einer der Schautafeln.

Es ist eine merkwürdige Stimmung: Es ist fast unnatürlich still, und ein bißchen fühlt man sich wie eingeschlossen in einer riesigen Kulissenlandschaft. Wir machen uns an den Abstieg – da unten rechts läuft jemand mit einem roten Rucksack, da müssen wir hin. Der eigentliche Beginn unserer heutigen Etappe.

Äh – – ich will nicht jammern, das wird ja langsam langweilig, aber wieso liegt dieser zwei Meter hohe Fels im Weg? Jemand hat extra einen Pfeil darauf gesprüht, der sagen will: Doch doch, das hier ist keine Sackgasse, Wanderer, du mußt da rüber. Meine Begleiterin macht es vor: Sie stellt sich mit dem Rücken an den Fels und krabbelt rückwärts vorsichtig hoch. Oben angekommen, wendet man auf dem Po um 180 Grad und rutscht so kontrolliert, wie es eben geht, wieder hinunter.

Die Tortur nimmt schier kein Ende: Ein steiler, schmaler und verwurzelter Waldweg führt kilometerweit in Serpentinen nach unten, mehr als einmal rutschen wir aus und setzen uns auf den Hintern – relativ weich, weil alles total matschig ist, wir sehen aus wie Schweine, die sich mit Wonne im Dreck gesuhlt haben. Gut, das ist jetzt ein bißchen übertrieben, aber nur ein bißchen. Ich übe mich weiterhin in therapeutischem Fluchen (eigentlich habe ich keine Freude an Fäkalsprache, aber hier ist es sehr befreiend), was meine Begleiterin amüsiert, aber auch mitfühlend zur Kenntnis nimmt (sie ist nur einmal ausgerutscht).

Da ist tatsächlich mal jemand gestorben – ich kenne die Umstände nicht, aber ich bin auch nicht besonders überrascht.

Endlich angekommen auf einem vernünftigen Forstweg. Ich atme auf. Da ist eine Art Andachtsstätte …

… Hände, die ineinandergreifen, das kenne ich als Gewerkschaftssymbol der Solidarität, allerdings nicht über einem Kreuz. Eine Burschenschaft hat das hier installiert, zum Gedenken an verstorbene Mitglieder und Almbauern. „Willst du Gottes Allmacht sehen, mußt du in die Berge gehen“, steht da – ein Kausalzusammenhang, der sich mir nicht erschließt. Gott läßt mich ausrutschen und beobachtet mich, wie ich mir blaue Flecke und dreckige Klamotten hole und grinst vor Schadenfreude – hat er sonst nichts zu tun? Gut, er weiß natürlich, daß bei mir eh nichts zu holen ist, da ich ich ihn für einen Popanz halte.

Steil geht’s bergab …

… bis in die Ebene hinein.

Nach acht Stunden Wanderung kommen wir abgekämpft und dreckig am Viersterne-Hotel Ortnerhof an – man begrüßt uns, als wären wir der biblische verlorene Sohn, und ich zweifle, ob es nicht doch einen Gott der ausgleichenden Gerechtigkeit gibt, nach diesem harten Tag. Bei einem Drei-Gänge-Menü besprechen wir die Erlebnisse des Tages: Soll ich weiterwandern, oder abbrechen? Wenn das so weiter geht, macht es mir keinen Spaß, im Gegenteil, ich habe wirklich keine Lust, weiterhin mein Leben aufs Spiel zu setzen. Andererseits: Kann ich meine Begleiterin allein weiterwandern lassen? Das ist durchaus keine Ritterlichkeit, sie ist fitter, sicherer und mutiger als ich, aber trotzdem könnte natürlich was passieren, und wenn dann keine zweite Person da ist, die die Bergwacht alarmiert, das könnte ich mir nie verzeihen. Außerdem sagen unsere Unterlagen, daß es nicht soo schwierig weiter gehen wird. Ich beschließe also, erstmal weiterzuwandern.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (3): Bergen – Hochfelln


Am nächsten Morgen, pünktlich hat es aufgehört zu regenen, stehen wir um kurz vor neun an der Kasse der Seilbahn zum Hochfellngipfel – wo man uns mitteilt, daß sie aus Witterungsgründen nicht fahren wird. Wie bitte? Wir müssen da hoch, da fängt unsere Wanderung heute an! Die Mitarbeiterin empfiehlt uns, bis Ruhpolding mit dem Bus zu fahren und von da aus den Berg zu ersteigen, aber Ruhpolding ist unser heutiges Etappenziel, das macht gar keinen Sinn, wenn wir von da aus loslaufen, entgegengesetzt unserer Wanderstrecke, und dann wieder zurück. Es gibt auch einen anderen Weg, von dem uns unsere Unterlagen des Veranstalters aber abraten: Nur bei sehr guter Kondition (wovon zumindest bei mir nicht die Rede sein kann) und bei gutem Wetter (was ja nicht ist, sonst würde die Bahn ja fahren) sollte man diese Möglichkeit der Besteigung wählen. Aber was bleibt uns anderes übrig? Unser Gastgeber bringt uns freundlicherweise dahin zurück, wo er uns am Vortag abgeholt hat. Dreieinhalb bis vier Stunden zusätzliche Wanderzeit, ein Höhenunterschied von fast 1.000 Metern – oh no!


Es geht kräftig bergauf, aber wenn das Herz bis zum Hals schlägt, bleibt man eben öfter stehen und wartet darauf, bis es sich beruhigt. Meine Begleiterin behauptet, in den letzten Jahren wäre ich fitter gewesen, hm, vielleicht sollte ich aufhören zu rauchen. Den Wasserfall hätten wir nicht gesehen, wenn wir mit der Bahn gefahren wären. Immerhin. (zum Vergrößern: Aufs Bild klicken)

Schon schön, die Gegend und die Aussicht.

Wieder mal führt der Wanderweg über eine Alm, so nah an den Kühen vorbei, daß man sie berühren könnte. Wir bewegen uns vorsichtig und langsam und mit Respekt.

Die Warnung kommt erst hinterher – gut, daß wir schon an ihnen vorbei sind. Tatsächlich ist es wohl nur dann nicht ungefährlich, wenn die Kühe gerade gekalbt haben, sie wollen ihre Kinder schützen. Wieso man dann aber einen Wanderweg auch zu solchen Zeiten über so eine Alm führt, ist mir unverständlich. Aufmerksame Leser meines Blogs wissen bereits: Es finden jährlich mehr Menschen den Tod durch Kühe als durch Haiangriffe, kein Scherz.

Die aktuelle Gefahr folgt allerdings erst jetzt: Da links im Bild, in der unteren Hälfte, sieht man meine Begleiterin, wie sie gerade irgendwelche Laute des Erstaunens ausruft. Als ich an die Stelle komme, weiß ich, was sie meint – und erstarre: Unmöglich, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Das was ich fühle, spottet jeder Beschreibung, aber ich will es versuchen: Vor mir ein unebener, felsiger, nasser – also rutschiger – Weg von ungefähr 60 cm Breite, der eine starke Neigung nach rechts hat, rechts daneben ein stark abschüssiger Abhang, kaum bewachsen, links eine senkrechte Felswand ohne jede Möglichkeit, sich festzuhalten, zehn Meter vor mir das weiße, nebelige Nichts: Der Weg, notdürftig in den Felsen gehauen, führt um eine Felsnase herum. Eine Welle von Panik durchflutete mich wie noch nie zuvor in meinem Leben, unmöglich, da weiterzugehen, ohne abzustürzen. Unschlüssig stehe ich da, was soll ich bloß machen? Zurückgehen? Wir sind schon knapp drei Stunden gewandert, meine Begleiterin hat die Stelle schon passiert, sie müßte sie also nochmal gehen – keine Option. Kurz kommt mir die Bergwacht in den Sinn, könnte die vielleicht einen Hubschrauber … lächerlich. Mir ist so elend zumute, ich könnte mich hinhocken und weinen vor Verzweiflung. Gleichzeitig packt mich eine große Wut: Dieser scheiß Wanderweg! Erst fährt die SCHEISS Seilbahn nicht, weil sie sich keinen Gewinn davon versprechen, dann lassen sie uns über diese SCHEISS Alm laufen und nehmen billigend in Kauf, daß ihre Kühe uns eventuell tottrampeln, und nun schicken sie uns in den sicheren Tod auf diesem SCHEISS abschüssigen Felsen – ich schreie laut „Scheiße Scheiße Scheiße“ – und merke, wie gut mir das tut. Ich muß da durch. Meine Begleiterin denkt, ich sei schon abgestürzt und ruft erschrocken, was los sei. Mit einer Mischung aus Todesangst und Wut taste ich mich langsam vor, weiterhin laut fluchend. Als ich um die Biegung komme, rät meine Begleiterin mir, ich solle vielleicht den zusammengefalteten Schirm in den Rucksack tun, dann könne ich mich besser festhalten (bei einem Sturz – sagt sie nicht, aber ich versteh schon) – verdutzt schaue ich auf meine linke Hand, der den Schirm hält, das war mir gar nicht klar. Aber natürlich ist es unmöglich, anzuhalten, den Rucksack abzunehmen usw. Während ich mich weiter vortaste, betrachte ich den Schirm und bemerke, daß er mir etwas gibt, mit dem ich nicht gerechnet habe: Trost. Ein vertrauter Gegenstand, an dem man sich festhalten kann, auch wenn er im Falle eines Absturzes eher hinderlich wäre. So müssen sich Kinder fühlen, die sich an ein Stofftier krallen, wenn sie Angst haben. Meine Begleiterin insistiert: Ob ich nicht vielleicht doch den Schirm … Himmel! Ich schwebe zwischen Tod und Leben und kann jetzt keine Grundsatzdiskussionen führen. Immer weiter fluchend verbiete ich ihr, mich  anzusprechen. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich es endlich geschafft. Meine Begleiterin fand es übrigens nicht soo schlimm. Sie mußte auch schlucken, aber da seien doch Pflanzen gewesen, die einen bei einem Absturz aufgefangen hätten.

Manchmal erlebt man was, da sagt man hinterher: Das war eine schlimme Erfahrung, aber ich möchte sie nicht missen, ich habe einiges daraus gelernt. So ist es hier nicht. Das war eine Erfahrung, auf die ich gut verzichten könnte. Nächtelang habe ich noch von Abstürzen geträumt. Leute, Freunde, mein Rat: Geht hier nicht lang. Wenn die Seilbahn nicht fährt: Nehmt den Bus und verbummelt den Tag.

Manchmal begegnet man in der Stadt Menschen, die – scheinbar aggressiv – fluchend und schreiend durch die Straßen laufen – ich wechsle die Straßenseite und denke, was für verrückte Leute es gibt. Aber wahrscheinlich haben die bloß Angst, weiß ich jetzt.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (2): Marquartstein – Bergen

Der Blick morgens aus dem Hotel verspricht einen schönen, klaren Tag – aber was interessiert den Rest des Tages, was der Morgen für Versprechungen macht.

Marquartstein ist ein ganz hübsches, kleines Städtchen. Der Hund beißt nicht und bellt nicht und kackt auch nirgendwo hin. Brav. Auf dem Schild wird das Angebot des Tages angepriesen: „Sonnen-Müsli-Brot mit Chiasamen und Chinoa / Himbeersahne“ – topaktuelles Superfood! Gut, über die Zusammenstellung mit der Sahne müssen wir uns nochmal unterhalten …

Ach – hier lebte für ein paar Jahre der berühmte Komponist Richard Strauss. Er war einer der Lieblingskomponisten von Hitler – gut, seine Fans kann man sich nicht aussuchen, aber daß Strauss dem „Schlächter von Polen“ Hans Frank, dessen Wirken Hunderttausende (wenn nicht Millionen) das Leben gekostet hat, im Jahr 1943 ein von ihm komponiertes und verfaßtes Lied gewidmet hat, ist kaum zu entschuldigen.

An wen erinnert mich dieses Gesicht? Fängt mit P an.

Fünf Kilometer Aufstieg bis zur Schnappenkirche, dann, so heißt es in unseren Unterlagen, „bietet sich von oben ein schöner Blick über das Alpenvorland und den Chiemsee“.

Ach was!

Aber wir sind nicht eingeschnappt, wieso sollen wir vermissen, was wir nicht kennen, und außerdem hat die in Nebel eingehüllte Landschaft einen ganz eigenen Reiz, den die nicht erleben können, die an anderen Tagen die Aussicht genießen.

Weiter geht’s. Ist doch ganz märchenhaft.

Bald kommen wir zur ersten von drei Almen, der Staudacher Alm, mit Einkehrmöglichkeit. „Einkehr“ ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn man muß draußen sitzen. Kaffee gibt es leider nicht, aber man bekommt Saftschorle und Nußkuchen, immerhin.

Der Ausblick durch den Dramafilter (wie gesagt: mit der rechten Maustaste aufs Bild klicken, dann auf Grafik anzeigen).

„Der Herr Bürgermeister gibt bekannt, daß am Mittwoch Bier gebraut wird, und deshalb ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden darf.“ Gut zu wissen.

Und wissen die Kühe das auch? Unglaublich, was die für riesige Tretminen verlegen.

Wo geht es lang? Man muß ein bißchen suchen.

Es regnet, aber wir haben es nicht mehr weit bis …

… zu einem Parkplatz mit allerlei Schautafeln, wo wir von unserem nächsten Gastgeber mit dem Auto abgeholt werden, zum Hotel sind es noch vier Kilometer an einer kurvenreichen Straße entlang, das will man uns nicht zumuten, wofür ich sehr dankbar bin.

Der Wetterbericht für den nächsten Tag (die Temperaturen sind für die Morgenstunden), zeigt Sonne in fast ganz Deutschland, ein bißchen Regen in Ostfriesland und eine einzige schwarze Wolke … jetzt ratet, wo wir sind.

Egal, denn am nächsten Morgen sollen wir mit einer Gondel auf den Berg Hochfelln fahren, die praktischerweise gleich neben unserem Hotel startet. Da können wir die schönste Aussicht genießen, die man sich überhaupt vorstellen kann – der Berg ist mit 1.674 Metern höher als alle anderen in der Gegend –  und dabei auf der Terrasse des Restaurants einen Kaffee genießen, bevor wir uns an den Abstieg zum nächsten Hotel machen. So ist es jedenfalls geplant. Klingt easy. Man macht Pläne, und dann kommt alles ganz anders …

Das Atomzeitalter habe ich mir auch anders vorgestellt. Der Mensch irrt, wo er geht und steht.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (1): Prien – Marquartstein

Sonntagnachmittag in Prien angekommen, spazieren wir als erstes zum Chiemsee, in 20 Minuten ist man da. Faule Leute nehmen die Bahn.

Im riesigen Chiemsee gibt es große, bebaute Inseln, und auf der größten Insel steht sogar ein Schloß im Stil von Versailles, in Auftrag gegeben von König Ludwig II., der auch Neuschwanstein zu verantworten hat. Wer hat’s bezahlt? Die Bayern. Aber sie lieben ihn trotzdem.
(Bilder vergrößern: Rechte Maustaste, Grafik anzeigen)

Ah – Berge! Meine Begleiterin kommt ins Schwärmen.

Im Ort ist gerade ein Fest, der Anlaß ist das Ende des Sommers, wenn ich das richtig verstanden habe.

Es gib vier Bühnen, auf jeder wird bayerische Blasmusik gepielt, es ist unmöglich, sich strategisch so zu setzen, daß man möglichst von keiner Bühne was mitkriegt …

… aber wenigstens die größte Bühne können wir meiden.

Es gibt sehr viel zu essen …

… und man hält sich nicht zurück: Zwischen beiden Aufnahmen liegen ungefähr vier Stunden. Und dann gibt es natürlich noch Haxn, Würste aller Art und Schmalzkuchen.

Vor der Apotheke gibt es Alltagsmedizin Flüssignahrung. Das ist einer von drei Ständen, in denen pausenlos Bier in große 1-Liter-Gläser gefüllt wird, schon seit dem frühen Nachmittag. Wie kann man soviel saufen? Und was soll das mit den 1-Liter-Gläsern? Das Bier wird doch schal und warm, oder man muß es so schnell trinken, daß man im Nu einen sitzen hat. Ich bestelle also zwei halbe Liter – und erhalte dafür erstmal ein amüsiertes Grinsen. Da es dafür (also für den halben Liter jetzt) keine Gläser gibt …

… werden die Humpen halb gefüllt. Eine Maß kostet 8,30 Euro, zwei halbe „neini“. Die Benutzung eines Glases schlägt also mit 70 Cent zu Buche, schließe ich messerscharf. Oder es gibt Mengenrabatt auf einen Liter, der beim Kauf von geringeren Mengen natürlich abgezogen werden muß.

Trotz Blasmusik – mir gefällt’s hier. Ich bin allerdings auch schon beim zweiten halben Liter. Achtung – jetzt wird was aufgeführt: Sechs Männer stellen sich auf Tische und lassen Peitschen knallen. Das hört sich so an:

Keine Sorge, es sind nur 23 Sekunden.

Gegen 21 Uhr leert es sich. Man sieht niemanden wanken, keiner kotzt, alle benehmen sich manierlich – trotz der Biermengen, die hier getrunken wurden, keine Ahnung, wie die das machen. Falls es einen Trick gibt, gebt ihn bitte an die Kölner Karnevalisten weiter.

Am nächsten Tag geht’s los. Es ist bedeckt, ab und zu fallen ein paar Regentropfen, aber wie sich herausstellt, ist das ganz gut, denn die erste Hälfte der heutigen Etappe von 23 Kilometern wandern wir unter freiem Himmel, und das ist bei 33 Grad unter praller Sonne nicht so angenehm.

Das ist das Zeichen, dem wir folgen müssen, aber Obacht: Das gibt es auch in Blau (für Salzalpentouren) und Rot (für Zuwege), und besonders blau und grün kann man schnell verwechseln. Der Pfeil zeigt, in welche Richtung wir gehen müssen. Jedenfalls theoretisch.

Wir landen auf einem Campingplatz und riskieren eine Kreuzigung, aber was soll man machen.

Schöner Blick auf den Chiemsee – zu dem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, daß das der letzte sein sollte.

Wir irren herum zwischen Wohnwagen und Zelten und suchen das Zeichen, bis uns klar wird: Wir müssen zurück und die verpaßte Abzweigung suchen.

„Echt wia’s Leben“ – ohne sich zu besaufen hält man die Quatscherei der Anderen kaum aus, oder wie? Stimmt, manchmal ist das so.

Wieder in der Spur. Man kommt durch kleine Ortschaften …

… mit Skulpturenpark und …

… wo man das Handwerk zu würdigen weiß.

Wenn einer Kuh eine Fliege ins Auge fliegt, was macht sie dann? Filigrane Hufarbeit.

Ah, Landschaft. Hier läßt sich noch leicht ausschreiten.

Aber unausweichlich geht’s irgendwann bergauf, hier noch recht moderat.

Trotz der langen Strecke erreichen wir Marquartstein bereits nach sechseinhalb Stunden. Die Jugend übt sich in der Jagd. Das ist brav.

Auf der Terrasse des „Hotel Weßner Hof“ ist nicht viel los.

Kürzlich sah ich im TV ein Interview mit einem Sternekoch, der sich darüber beschwerte, daß die Gäste immer Extrawünsche hätten und die wohlkomponierten und fein ausgewogenen Kreationen auf dem Teller kaputtmachen würden. Der Ansicht scheint man hier auch zu sein, obwohl es nur gutbürgerliche Küche gibt: Ich mag keinen Kartoffelstampf, möchte dagegen Bratkartoffeln als Beilage – kommt gar nicht in die Tüte, steht nicht auf der Karte, Salzkartoffel kann ich haben, oder Fritten, aber nur gegen eine zusätzlich Strafgebühr von 1,50 Euro. Okay, ich sehe ein, das ist ein Zumutung für den Koch, die Salzkartoffeln anzubraten, also nehme ich Fritten zur Rindsroulade. Mal was Neues. Und ich verspreche, daß ich den Koch zukünftig nicht mehr beleidigen werde mit meinen Wünschen, denn hier esse ich garantiert nie wieder. Tja, Sachen gibt’s …

Fortsetzung folgt.

 

Wandern auf dem Salzalpensteig

Der Salzalpensteig ist ein Wanderweg von Prien am Chiemsee (südöstlich von München) bis hinein nach Oberösterreich und hat eine Länge von 233 Kilometern. Da uns das zuviel war, haben wir nach ca. 130 Kilometern aufgehört, acht Etappen haben uns gereicht – obwohl, meine Begleiterin hätte gewiß noch weiter gehen können, aber so bucht man das vorher: Eine Wanderung mit Gepäcktransport von Hotel zu Hotel zwischen Prien und Schönau am Königssee, sodaß man nur seinen Tagesrucksack mitschleppen muß und sicher sein kann, daß bei der Ankunft abends ein gemütliches Zimmer und ein reservierter Tisch im Restaurant auf einen wartet.

In den nächsten Tagen zeige ich euch ein paar Bilder von Bäumen im Nebel, vielleicht ein paar ohne Nebel, von großartigen Aussichten, die keine waren, weil alles vernebelt war, und erzähle Geschichten von Schweiß und Tränen und unendlicher Anstrengung. Ha, das wird lustig. An wenigstens ein lustiges Foto kann ich mich spontan erinnern, da stand auf einem Schild, daß man sich besaufen soll. Ihr dürft gespannt sein.

Spielplatz Straßenverkehr

Nach Verkehrsminister Dobrindt dachte man: Schlimmer kann es nicht werden – die personifizierte Inkompetenz. Und dann kam Andreas Scheuer. Wo kriegt die CSU solche Leute her? Oder sind die in Bayern der politische Normalfall? Ausbau des öffentlichen Personentransports (Busse, Bahnen), Ausbau der Fahrradinfrastruktur und bessere, sicherere Fußwege, Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs – pah, alles Quatsch, was wir brauchen, sind neue Verkehrsmittel, die Spaß machen. Also lassen wir die Benutzung von Tretrollern im Straßenverkehr zu, da die nicht so viel Platz brauchen, können sie sich schön durchschlängeln zwischen den Autos. Und damit das auch richtig Spaß macht, werden sie elektrisch betrieben und erreichen mit 20 km/h eine Geschwindigkeit, die über der Durchschnittsgeschwindigkeit eines Fahrradfahrers liegt. Abenteuer Großstadt! Tretroller gegen SUVs, das ist spannender als ein Kampf in einer römischen Arena. Helmpflicht? Gut, mindert das Risiko, aber wer risikolos leben will, kann ja gleich ganz zu Hause bleiben. In Köln vergeht kaum ein Tag, an dem kein Unfall passiert, bei dem ein E-Scooterfahrer beteiligt ist.

Die  E-Scooter stehen in der Stadt überall herum und können schnell mit dem Smartphone entsperrt werden. Eine Stunde kostet ungefähr 12 Euro. Besonders am Wochenende sieht man viele Leute damit über Bürgersteige, Fahrradwege und vierspurigen Straßen kreuz und quer und gegen die Fahrtrichtung durch die Gegend brausen, gern auch in angetrunkenem Zustand und/oder zu zweit.
Ich bin gespannt, was Herr Scheuer sich als nächstes einfallen läßt. Autoscooter, wie man sie vom Jahrmarkt kennt? Ein Riesenspaß …

Morgen fahre ich, aber ganz traditionell mit der Eisenbahn, ausgerechnet ins CSU-Land. Ein paar Blogfreunde kommen da her, deswegen weiß ich, daß da nicht nur Dumpfbacken leben. Wanderurlaub – in zwei Wochen bin ich wieder da – wünscht mir gutes Wetter.

Queen’s Walk, Southbank, London

Als wir vor zwei Jahren in London waren, spazierten wir am Ankunftstag am südlichen Themseufer entlang. Da kann man sich nicht verlaufen, also für den ersten Eindruck genau das richtige. Es war einer der ersten sehr warmen Tage, ein Freitag Mitte Mai, wir hatten den Eindruck, halb London und alle Touristen stehen vor den Pubs und trinken Bier. Das Themseufer ist, wie man sich vorstellen kann, recht dicht bebaut, und so waren wir überrascht und froh, auf diese schöne Allee zu stoßen: Ah – endlich kann man mal durchatmen.

An den Bäumen hingen kleine Zettel, auf denen geschrieben stand, daß alle Bäume gefällt werden sollten, neben einer Internetadresse für weitere Informationen. Wieder zu Hause, recherchierte ich:

Die Stadt London hatte vor, hier als weitere Touristenattraktion eine Fußgängerbrücke aus Beton über die Themse zu bauen, die aufgrund der Begrünung „Garden Bridge“ heißen sollte. Weil man dafür Eintritt nehmen wollte, plante man ein großes Verwaltungs- und Kassengebäude, um die Touristenströme zu leiten, und dafür sollten die 38 Bäume gefällt und das bisher öffentlich zugängliche Gelände zugebaut werden.

Das Projekt hat folgende Geschichte: Die in England populäre Schauspielerin Joanna Lumley, eine gute Freundin von Prinz Charles, hatte 1998 die Idee für diese Brücke als Denkmal für die verstorbene Lady Diana. Erst 2012 griff der damalige Bürgermeister von London, dessen Familie bereits seit seinem vierten Lebensjahr mit der Schauspielerin befreundet war, die Idee auf. Es wurde ein „Garden Bridge Trust“ gebildet. Die Anwohner wurden nicht groß gefragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt: Man macht das jetzt, basta. Trotz vieler Proteste wurde sofort Geld für die Planung und Umsetzung eingesetzt.

Es gab natürlich viel zu prüfen und zu begutachten, aber Gründe und Bedenken gegen den Bau wurden schnell abgebügelt, ein Kriterienkatalog wurde willkürlich so verkürzt, daß man einfach weiter machen konnte, und als klar war, daß der amtierende Bürgermeister die nächste Wahl wohl nicht gewinnen würde, pumpte man schnell nochmal 9 Millionen Pfund in das Projekt, um es dem Nachfolger schwer zu machen, es aufzugeben. Und so war es dann auch erst: Sadiq Khan, der neue Bürgermeister, war der Meinung, man habe nun schon so viel Geld dafür ausgegeben, wahrscheinlich sei es billiger, die Brücke zu bauen, als alles abzublasen. Glücklicherweise war er so klug, eine Studie in Auftrag zu geben, und das Resultat war: Insgesamt würde die „Garden Bridge“ 200 Millionen Pfund (ca. 218 Mio Euro) kosten. Damit war das Projekt gestorben.

Am 13.02.2019 berichtete die Zeitung „The Guardian“, daß die Kosten für Planung, voreilige Erteilung des Bauauftrags, Bürgschaft der Stadt und den Rücktritt vom Projekt die Londoner Steuerzahler 53,5 Millionen Pfund (ca. 58,3 Mio Euro) gekostet hat – eigentlich für gar nichts: Die Kosten für ein komplett überflüssige Projekt, mit dem sich ein Bürgermeister profilieren wollte, vor seiner Schauspielerfreundin und natürlich auch vor allen anderen, und das Resultat ist eine unglaubliche Geldvernichtung. Nur einige wenige haben sich eine goldene Nase verdient: Der Architekt, die Baufirma und noch ein paar andere Nutznießer.

So sollte die Brücke übrigens aussehen:


An artist’s impression of the garden bridge. Photograph: Heatherwick Studio/PA

Preisfrage: Wie hieß dieser Hasardeur, der ehemalige Bürgermeister von London? Alfred E. Neumann ist es nicht.


Spiegel 30/20.07.2019

Boris Johnson – der neue Premierminister von Großbritannien, der die Briten in den Brexit hineingequatscht hat. Nach seiner Antrittsrede im Parlament scheint der unregulierte Austritt seines Landes aus der EU sogar ein gutes Geschäft zu sein: Die 44 Milliarden Euro, die Großbritannien der EU schuldet, droht er einfach einzubehalten, nach dem Motto: Nicht beglichene Schulden verbuche ich als Plus auf meinem Konto. Die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen, die in den nächsten Jahren auf die Einwohner zukommen, verschweigt er. Ich halte es für gar nicht unwahrscheinlich, daß unter seiner Regentschaft Großbritannien in der EU verbleibt, weil er es einfach nicht hinkriegt, dabei aber unglaublich viel Geld vernichtet wird. In London hat er ja schon gezeigt, wie man sowas macht.

Die gute Nachricht: Die 38 Bäume am Queen’s Walk stehen noch.