Berliner Eindrücke (3)

Ich weiß, Potsdam liegt gar nicht in Berlin, ist aber so nah, daß man meinen könnte, es gehöre dazu. Vor zwei Jahren waren wir schon im Park von Sanssouci, nun wollen wir uns die Hauptstadt Brandenburgs ansehen. Wenn man den Bahnhof verläßt und über die Brücke Richtung Innenstadt läuft, ist der erste Eindruck erstmal voller Skepsis: Hohe Plattenbauten an breiten Straßen, was mag da auf uns zukommen? Das Hotel Mercure gehörte früher zur Interhotelkette. Ende der 60 Jahre im Auftrag von Ulbricht gebaut (teilweise mit Arbeitsgeräten, die man sich von den kapitalistischen Staatsfeinden ausgeliehen hatte!), sollte es zeigen, daß auch im Arbeiter- und Bauernstaat solch herrliche Gebäude entstehen konnten. Von den 420 Zimmern hatten 20 sogar ein TV-Gerät!
Rechts, das Gebäude gegenüber mit der barocken Fassade, ist sehr viel jünger als der Plattenbau:

Das ist das brandenburgische Landtagsgebäude, das von außen so aussieht wie das Stadtschloß, das bis zum 2. Weltkrieg hier stand. 1960 wurden die letzten Ruinen abgerissen, Straßen wurden neu geführt und Ende der 80er, also vor der Wende, plante man hier ein Theater zu errichten, der Rohbau stand wohl schon. Davon wollte man nach der Wende nichts mehr wissen, und nach jahrelangem Hin und Her entschied man sich, den Landtag hierhin zu verlegen, ungefähr auf dem Grundriß des Schlosses. Allerdings hatte man kein Geld für für eine historisch getreue Fassade. Wie gut, wenn man reiche „Kinder“ hat: Der Multimilliadär Hasso Plattner spendete 20 Millionen Euro für die Fassade und noch einmal 2 Millionen für ein Kupferdach.

An dem Platz, der durch die Bebauung (wieder) entstanden ist, steht gegenüber die Nicolaikirche, und zur anderen Seite …

… das Museum Barberini (der eigentliche Grund unseres Besuches). Man glaubt es kaum, aber auch dieses Haus ist nagelneu. Preußenkönig Friedrich II. (ihr erinnert euch, der „Alte Fritz“, der sich gern in Sanssouci aufhielt) hatte hier einen Palast nach dem Vorbild des italienischen Pallazzo Barberini bauen lassen, der im 2. WK komplett zerstört wurde. Nun ist er wieder da – jedenfalls die Fassade, innen sieht es ganz anders aus: Die großzügig gestalteten Säle beherbergen und zeigen überwiegend die Kunstsammlung von Hasso Plattner, der auch das Gebäude bezahlt hat und für den Unterhalt sorgt.

Das Gebäude soll ungefähr 60 Millionen Euro gekostet haben (munkelt man), was aber nur ein Bruchteil dessen ist, was an Wert ausgestellt wird, das geht in die hunderte Millionen. Wer ist Hasso Plattner? Die Politiker flippen reihenweise aus, wenn sie nur den Namen hören, der Mund wird wässrig angesichts dessen, was der Mann noch spenden könnte. Hasso Plattner ist einer der Mitbegründer der inzwischen weltweit agierenden Softwarefirma SAP, die es seit 1972 gibt. Die Zeitschrift Forbes schätzte sein Vermögen 2016 auf knapp 10 Milliarden Euro, das sind zehntausend Millionen. Und er hat ein Hobby: Es sammelt Kunst – natürlich nur die, die ihm gefällt. Er hat zig Bilder des Impressionisten Manet, Seerosen und Heuernten, aber auch vieles andere aus dieser Zeit. Wohin jetzt mit den Bildern? Sie als Wertanlage irgendwo zu deponieren hat er nicht nötig. Sie sollten irgendwo hängen, als Ausdruck seiner Leidenschaft und seiner Kennerschaft. Warum also nicht 60 von den 10.000 Millionen nehmen und den Palast da hinbauen? Am Tag der Eröffnung wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Potsdam verliehen.

Es ist allerdings gar nicht sicher, daß die Bilder hierbleiben. Aus Verärgerung über das neue Kulturgutschutzgesetz (wenn ein Werk älter ist als 70 Jahre und einen Wert von über 300.000 Euro hat, braucht man eine staatliche Genehmigung, wenn man es international veräußern will, und evt. landet es auf einer Liste national bedeutsamer Kulturgüter, was ein Ausfuhrverbot zur Folge hat) sagt er nicht, welche der ausgestellten Bilder ihm gehören und welche von anderen Sammlern und Museen ausgliehen sind. Da die Hasso-Plattner-Stiftung ihren Sitz in Kalifornien hat, ist das wohl kein Problem. Im November des letzten Jahres wurde z.B. von einem Unbekannten ein Bild von Edvard Munch für 48,7 Millonen Euro ersteigert, nun hängt es hier, und nach dem „Handelsblatt“ gibt es Indizien, daß es Plattner gehört, aber man weiß es nicht sicher.

Wenn man in Deutschland etwas Kritisches sagt über jemanden, der reich ist, heißt es sofort: Typisch, da kommt der Neid wieder durch, die Amerikaner sind stolz auf ihre Millionäre, während wir sie zwanghaft niedermachen! Aber ist es nicht so, daß wir gerade denjenigen, die so obszön viel Geld haben, auf die Finger schauen sollten?

Was genau ist hier passiert? Ein Privatmensch durfte in bester Lage ein Museum nach eigenen Vorstellungen bauen, um dort seine nach ganz subjektiven Geschmacksurteilen angesammelten Bilder auszustellen und gegen Eintrittsgeld zugänglich zu machen. Mit der verantwortungsvollen Arbeit eines Museums der öffentlichen Hand hat das nichts zu tun. Aber man muß vorsichtig sein mit Kritik, der Herr ist schnell beleidigt: „Dass der Herr Jauch und der Herr Plattner hier was bestimmen wollen: überhaupt nicht. Wenn ich das noch einmal höre, dann gibt’s nichts mehr.“ (zitiert nach „Kunstforum International“, Bd. 245, 2017)

Zwischen Landtag und Kirche: Ein „Schandlfeck“ aus der DDR: Die Fachhochschule.

Nicht schön, aber dennoch historisch. Man hat das Gebäude offensichtlich ganz bewußt verkommen lassen. Und weil es stört in diesem preußischen Disneyland, wird es im Herbst abgerissen, weitere historische Fake-Häuser sollen entstehen.

Quelle: Wikipedia

So sah das Areal 2007 auf: Links die Fachhochschule, dann Kirche, Rathaus, rechts irgendein Blechhaus, wo heute das Museum Barberini ist. In der Mitte dunkel eingefärbt der Grundriß des Stadtschlosses – im neuen Gebäude ist der Innenhof kleiner. Dieses barocke Tor, das am oberen Rand zu sehen ist, wurde mit Spenden von Günther Jauch und anderen betuchten Bürgern errichtet, als Fingerzeig an die Lokalpolitiker, in welche Richtung man die Entwicklung des Areals zu sehen wünschte (nicht, daß man was bestimmen will: überhaupt nicht).

Das Wetter ist zu gut, deswegen gehen wir nicht ins Museum, sondern schauen uns die Stadt an.

Fortsetzung folgt.

Rheinboulevard

Wenn man das Wort „Landschaft“ hört, stellt man sich unwillkürlich wohl meist Felder, Wälder und Wiesen vor. Aber es gibt auch Stadtlandschaften, die architektonisch gebildet werden, und wenn man das nach Ansicht des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) besonders gut gemacht hat, gibt es dafür einen Preis: Der Deutsche „Landschaftsarchitektur-Preis 2017“ geht an ein Berliner Architekturbüro für den Rheinboulevard in Köln Deutz (über den ich hier und hier schonmal berichtet habe).

Früher war hier nur ein olle Kaimauer, jetzt versammeln sich hier auf einer Länge von 500 Metern an warmen Wochenendabenden zwischen 1.000 und 1.500 Besucher. Darunter sind leider auch junge Leute zwischen 15 und 25. Als ich so alt war, war es mir manchmal auch egal, ob ich andere Leute störe, und heutzutage ist das natürlich alles noch viel enthemmter: Gruppenweise kommen sie aus allen Teilen Kölns hierher, bringen günstigen Alkohol aus dem Supermarkt und Schishas mit, also Wasserpfeifen, mit denen auch andere Drogen als Tabak geraucht werden können und deren glühende Kohle gerne mal auf den schönen weißen Treppenstein fällt, dazu Ghettoblaster-Beschallung – man möchte es ja gemütlich haben. Und wenn man Hunger hat, wird kurzerhand ein Grill aufgestellt. Nicht selten passiert es dann, daß ein junger Mann aus der einen Gruppe einen jungen Mann aus der anderen Gruppe anschaut, der dann daraufhin fragt: „Was guckst Du!!“ – und schon ist die schönste Massenschlägerei im Gange.

Die Stadt setzt vermehrt Streetworker ein, die zwar keinerlei Vollmachten haben, aber immerhin die Polizei rufen können, die sogar den gesamten Bereich bereits einmal evakuiert hat, da Streithähne Pfefferspray benutzt hatten. Stadtrat und -verwaltung reagieren geschockt – so hatte man sich das nicht vorgestellt, also müssen schnell neue Regeln her.

Schishas, Lagerfeuer, Grillen, laute Musik und das so beliebte Mülleimertreten (tatsächlich sind alle Mülleimer fest installiert, aber man kann ja nie wissen) sind ab sofort verboten, Papierschnipsel in ein Behältnis rieseln lassen, das Ausführen von Eisbären und dem Hund freundlich die Hand reichen, selbst wenn der einem den Hintern zudreht, sind nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht.

Früher war hier nur eine alte Kaimauer, auf der ich oft gesessen habe, selbst, als ich nicht mehr in diesem Viertel wohnte. Heute – 25 Millionen Euro später – ist mir die Lust vergangen, mich hier aufzuhalten.

Musik in der Altstadt

Das liest man ja immer wieder: Wilde Tiere wie Wildschweine und Bären passen sich dem Lebensraum der Menschen an, um davon zu profitieren. Dieses Exemplar ist modisch noch nicht ganz sicher, aber auf gutem Wege.

Straßenmusik macht Spaß – solange man weitergehen kann, wenn man genug hat. Daß Anwohner manchmal wütend werden, kann ich durchaus verstehen.

Adenauer und Datendiebstahl

Konrad Adenauer ist gestorben, deshalb liegen die Kränze und Blumen an seinem Denkmal. Ja, aber … ist das nicht schon eine ganze Weile her? Das ist es ja gerade: Genau 50 Jahre, ein Jubiläum – na, wenn das kein Grund zum Jubeln ist! Im Fernsehen laufen Sondersendungen, Reden werden gehalten, nicht nur von Bundeskanzleramtschef Altmeier, nein, sogar von seiner Chefin selbst: „Wir verneigen uns in großer Dankbarkeit …“ und so weiter, immer nach dem Motto: Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen. Adolf Hitler, auch tot, war ein Maler. Daß man über Tote nichts Schlechtes sagen soll, rührt her von dem ins Lateinische übertragenen Spruch „de mortuis nihil nisi bene“ des griechischen Gelehrten Chilon von Sparta, der meist  falsch so übersetzt wird: „Von Toten sage nichts als Gutes“. Richtig übersetzt heißt es: „Von Toten nichts als auf gute Weise“, was bedeutet, daß man sich über Verstorbene nicht beleidigend oder verleumderisch äußern soll, da sie sich nicht mehr wehren können. Nach dieser Bedeutung darf man von Adenauer aber sehr wohl sagen, daß er ein restauratives Nachkriegsdeutschland geschaffen hat, in dem noch lange Zeit die alten Nazis an wichtigen Schalthebeln saßen. Wie auch immer: Wieso man ein Jubelfest veranstaltet anläßlich eines „runden“ Todestages, erschließt sich mir nicht ganz – vermutlich ist das nur eine dumme Angewohnheit, irgendjemand hat mal damit angefangen, und da sich irgendwelche Nachgeborenen zu diesem Anlaß wichtig tun können und die Tageszeitung mit einer wochenlangen Serie zum Verstorbenen ihre Seiten  füllen kann, macht man das immer weiter. Wenn ich 20 oder 50 Jahre tot bin – laßt das bitte mit dem Feiern, ja?

Aber das wollte ich eigentlich alles gar nicht erzählen. Der Anlaß für das Foto ist die halbkaputte Absperrbake, die da einsam und allein völlig sinnlos auf dem Apostelnplatz steht. Ab und zu, wenn Saure-Gurken-Zeit ist (oder was weiß ich, warum), läuft ein Tageszeitungsreporter (oder auch ein Stadtprominenter in Begleitung eines solchen) durch die Stadt, macht von unmöglichen, dreckigen, verwahrlosten Orten Fotos und hat schön schnell einen Zeitungsbericht zusammen über die Häßlichkeit der Stadt, wahlweise über die Verantwortungslosigkeit der Bürger, die Weltfremdheit des Rates oder die Funktionsuntüchtigkeit der Stadtverwaltung – oder alles zusammen. Die erwartbare Leserbriefflut füllt zusätzliche Seiten, und das über Wochen. In der Stadtverwaltung hat man sich daraufhin was Schönes ausgedacht: Man entwickelte die App „Sag’s uns“: Vorausgesetzt, man hat ein Smartphone, kann man immer dann, wenn einem irgendetwas auffällt, wie z.B. diese verwaiste Absperrbake“, die Stadtverwaltung darüber informieren, die sogleich für Abhilfe sorgt und den Mißstand beseitigt.

Seit ein paar Tagen nun gibt es eine neue Version der App, viel besser als die alte: Nicht nur, daß man mit ihr weiterhin Mängel melden kann, nein, es werden auch alle auf dem Smartphone gespeicherten Kalenderdaten, Fotos und andere Medien sowie andere Dateien auf den städtischen Server gezogen. Selbstverständlich können die Nutzer das auch ablehnen – dann funktioniert allerdings die ganz App nicht mehr. Auf die Frage, was das solle, antwortet man, die neue App erfordere das halt. Tja, da kann man nichts machen, bei einer solchen stichhaltigen Begründung – das muß man so hinnehmen und einsehen. Als Datendiebstahl kann man das nicht bezeichnen, das ist alles ganz legal. Und es hat auch Vorteile, daß die Stadtverwaltung ihre Bürger ausspioniert: Wenn ich an meinem Todestag im Kalender notiere, datiert auf 50 Jahre später: „Heute für mich keine Jubelfeier!“ – dann weiß man das in der Verwaltung schon und muß keine Anstrengungen unternehmen.

AfD – och nö!

„Deine Statistik ist im Aufschwung! Du erhälst eine Menge Traffic.“, erzählt mir WordPress. Dabei mach ich doch gar nichts. Ich vermute, Surfer suchten am Wochenende wegen des AfD-Parteitages vemehrt nach Köln und stießen auf mein Blog – um sogleich enttäuscht wieder wegzuklicken, denn hier steht nichts von der Demo, ich war gar nicht da. 600 Delegierte, 4.000 Polizisten und über 30.000 Demonstranten – da bin ich ich lieber zu Hause geblieben, ich bin kein Freund von Karneval. Aber Sonntagnachmittag habe ich ein paar Fotos gemacht. Immer noch war das Maritim-Hotel weiträumig abgeriegelt, die Deutzer Brücke komplett gesperrt, also auch für Fußgänger und Radfahrer …

… und die für die Ost-West-Verbindung so wichtigen Straßenbahnen fuhren auch nicht, völlig sinnlos, hier zu warten.

Ist doch auch ganz schön, wenn man unter Kollegen mal ein bißchen Zeit zum Qatschen hat. Am Vortag sah das noch anders aus. Es gab zwei Aktionsbündnisse, die jeweils zu Demonstrationen aufgerufen hatten, „Köln gegen Rechts“, das sogenannte antifaschistische Aktionsbündnis, das nicht nur zu einer Demo, sondern auch zu Blockaden aufgerufen hatte. Ihre Anhänger standen schon morgens früh vorm Hotel und beschimpften die eintreffenden AfDler lautstark und versuchten, sie zu behindern, soweit es die Polizei zuließ. Nach einer Kundgebung auf dem nahen Heumarkt lief man los, um zu demonstrieren,  und machte Platz für die Kundgebung des anderen Aktionsbündnisses, „Köln stellt sich quer“, zu dem sich nicht nur viele kölsche Künstler zählten, sondern auch die örtlichen bürgerlichen Parteien wie CDU, SPD, FDP, Grüne und was es sonst noch gibt, außerdem die Kirchen, die Gewerkschaft und einige überregionale Politiker wie Cem Özdemir und Hannelore Kraft, die NRW-Ministerpräsidentin. Alle sprachen sich in ihren Reden wortreich für Offenheit und gegen Rassissmus aus, die Kölner Oberbürgermeisterin betonte noch einmal die Position des gesamten Stadtrates, daß es eine besondere Provokation der AfD sei, den Parteitag ausgerechnet in Köln abzuhalten – wo doch jeder weiß, daß diese Stadt ganz besonders offen und „bunt“ ist. Welche Stadt sie für geeigneter hielt, Bonn, Essen, Bremen oder Berlin – vielleicht München? – sagte sie aber nicht.

„Bunt“ ist das Wort des Tages: Die Initiative „Frauen in Bunt“ bildete mit zweihundert Teilnehmerinnen eine Menschenkette um den Tagungsort, während aus der Südstadt ein neues Bündnis den Heumarkt erreichte: „Bunt statt bla“, initiiert von engagierten Südstadt-Kneipiers, die auch dadurch Bekanntheit erreicht hatten, daß sie Bierdeckel drucken ließen mit der Aufschrift „Kein Kölsch für Nazis“ (im TV wurde ein kleines Mädchen gezeigt, das eine Tafel mit der Aufschrifft trug: „Kein Kakao für Nazis!“ – meiner Ansicht nach die härtere Drohung). Alle zusammen gingen nun, um 13 Uhr, den selben Demonstrationsweg, den am Vormittag bereits die konkurrierenden Anhänger von „Köln gegen Rechts“ gegangen waren – es ist nicht überliefert, ob es „Verräter“ gab, die, von der Anonymität der Massen geschützt, auf beiden Demos mitgelaufen sind.

Das war aber noch längst nicht alles: Auf dem etwas entfernter liegenden inneren Grüngürtel hatte das Festkommitee des Kölner Karnevals eine Bühne aufgebaut, um auch den Bürgern eine Möglichkeit des Protestes zu geben, die sich nicht so gern in die Nähe von möglicherweise randalierenden Demonstranten und Polizisten begeben wollten – und natürlich auch, um sich selbst ein wenig als weltoffen zu profilieren. Hier trat alles auf, was Rang und Namen hat in Köln: Black Föös, Brings, Kassala (Musikgruppen mit Texten in Kölner Mundart), Bernd Stelter und noch einige mehr, die hauptsächlich im Karneval ihr Geld verdienen. Alle fanden sich und alle anderen super, solange man nur nicht für die AfD ist, ein breites Bündnis an Weltoffenheit, Antirassismus, Friede, Freundlichkeit und Buntheit wurde nicht nur beschworen, sondern festgestellt, in einer der tollsten Städte der Welt: Köln!

„Kölle, do bes bunt
nimms jede Sproch en der Mund
häs jede Färv op der Fahn
Kölle, do küss aan.“

„Köln, du bist bunt
nimmst jede Sprache in deinen Mund
hast jede Farbe auf deiner Fahne
Köln, du kommst an.“

– singt Brings. Schöön!

Wieviele Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt heute wohl in Köln an Suchende mit einem arabisch klingenden Namen vermietet wurden? Keine? Alles andere würde mich auch wundern. Heute ist wieder Alltag.

Berliner Eindrücke (2)

Zeit im Fluß: Im Europa-Center an der Tauentzienstr. ist eine große Wasseruhr zu besichtigen. Durch kommunizierende Röhren fließt gefärbtes Wasser erst nach und nach in die 30 kleinen Kugeln auf der rechten Seite, die sich nach 60 Minuten in eine der zwölf großen Kugeln links ergießen – ergießen ist vielleicht nicht das richtige Wort, irgendwie wird das Wasser da hingeleitet. Preisfrage: Wie lange dauert es, bis eine kleine Kugel gefüllt ist?

Das Europa-Center ist ein Einkaufszentrum – über 70 Läden, Restaurants und Cafés – ohne jede Aufenthaltsqualität, also schnell raus hier.

Schon wieder Zeit. „Alles verzeiht am Ende die eine Macht, die Macht der Zeit“ – steht da gar nicht. „… verzehrt …“, verziehen wird gar nichts, sondern gefressen, oder wie?

Und was kommt dabei raus, hinten? Nicht nichts, das geht ja gar nicht, also was? Ich glaube, der Spruch ist Quatsch: Die Zeit hat keine Macht und verzehrt gar nichts und scheidet auch nichts aus, sie vergeht einfach. Daß wir älter werden und auch vergehen, dafür kann die Zeit nichts – ich fühle mich jedenfalls nicht von ihr beherrscht, im Gegenteil, wir gehen Hand in Hand.

Gestern und heute in der Architektur (von der Gedächtniskirche wird man wahrscheinlich noch in ein paar hundert Jahren reden, der Neubau wird vermutlich in nicht allzuferner Zeit wieder abgerissen): Zwei Kathedralen, eine für den staatlich geförderten Obskurantismus, eine für die staatlich geförderte ökonomische Ungleichheit.

Hier ist Anis Amri mit einem Laster auf den Weihnachtmarkt gebrettert, der Idiot. In Nordrhein-Westfalen versuchen besonders CDU und FDP, politisches Kapital aus dem Attentat zu schlagen – schließlich sind bald Wahlen – indem sie behaupten, der SPD-Innenminister sei dafür verantwortlich. Widerwärtig, abstoßend.

Was ist das für en häßliches Ungetüm? Ein Brunnen, ich finde, man sieht, daß er aus dem Osten kommt, er entspricht einer ganz typischen Ostästhetik, deren Eigenschaften man mal besonders untersuchen sollte.

Dahinten ist er, vor dem Kaufhof auf dem Alexanderplatz, der auch nur sehr wenig Aufenthaltsqualität hat.

Für eine Thüringer im Stehen reicht es wahrscheinlich immer. Das letzte Mal, als ich so einen „Grillrunner“ fotografiert habe, kostete die Wurst noch 1 Euro.

Das Kaufhaus mit dem sinnigen Namen Alexa schmückt sich mit einer ansprechenden Wanddeko, die an die Kunst der russischen Avantgarde erinnert – vielleicht etwas viel Anbiederung, denn das Kaufhaus ist erst ein paar Jahre alt und völlig überflüssig.

„Von dieser Stelle aus rief Karl Liebknecht am 1. Mai 1916 zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg und für den Frieden auf“ – wofür er erst im Gefängnis landete und zusammen mit Rosa Luxemburg 1919 von Freicorps-Offizieren ermordet wurde. In der DDR wollte man ihm ein Denkmal errichten, doch über den Sockel hinaus ist man nicht gekommen, zumal er bald im Grenzbereich zu West-Berlin stand, am Potsdamer Platz.

Da steht er nun, umgeben von Zeugnissen des Kapitals.

Übrigens, der Schriftsteller Honoré de Balzac soll täglich 50 Tassen Kaffee getrunken haben – kein Wunder, daß er nicht älter als 51 geworden ist.

Gute Aussichten: Die Sonne scheint!

Fortsetzung folgt!

Berliner Eindrücke (1)

Die Berliner Verkehrbetriebe (BVG) duzen und lieben mich immer noch, jetzt schon seit einem Jahr. Es fällt mir schwer, diese Gefühle zu erwidern: Daß in Berlin keine Karnevalisten sind, ist genau der Grund, weshalb wir überhaupt hier sind, aber das ist kein Verdienst oder Gefallen der BVG. Als Liebesbeweis taugt das nicht viel. Wie wäre es mit einer Einladung zum Candle-light-Dinner? Freifahrtscheine? Was ist, wenn ich mal gerade kein Kleingeld habe, schwarz fahre und dabei erwischt werde? Schwamm drüber, nicht so schlimm, kann ja jedem mal passieren … in einer Liebesbeziehung sollte das möglich sein. Aber nichts da: Wo das Geld anfängt, da hört für die BVG die Liebe auf, her mit den 60 Ocken! Ich befürchte, die BVG sind (keine Heirats-, aber) Beziehungsschwindler.

Keine Karnevalisten also. Getrunken wird hier aber anscheinend trotzdem, und zwar nicht wenig, in den Redaktionsräumen der B.Z.

Dauerregen an den ersten beiden Tagen – gut, macht nichts, wir lassen es ruhig angehen und stöbern ein bißchen im Kulturkaufhaus Dussmann, wo man schon wieder umgebaut hat (die CDs stehen nun dort, wo vorher die Bücher standen, und umgekehrt, keine Ahnung, warum, es erscheint so sinnlos) …

… und ergattern einen Tisch im hauseigenen Café mit dem hängenden Garten.

Wenn es nicht so ungemütlich wäre, würden wir betimmt aussteigen, um noch einen Blick in die traditionsreiche Kreuzberger Buchhandlung „Kisch & Co.“ zu werfen, solange es sie noch gibt: Der Pachtvertrag ist abgelaufen, und die neuen Mieten sind so hoch, daß die Betreiber sie nicht mehr aufbringen können.

Das „Schweinesystem Kapitalismus“ und mit ihm die üblen Auswirkungen der Gentrifizierung sind hier in vollem Lauf (das halten weder Ochs noch Esel auf):

Das türkisfarbene Gebäude am anderen, sehr ruhigen Ende der Reichenberger Str. ist neu. Da finden nicht etwa einige der vielen Wohnungssuchenden ein neues Zuhause für angemessene Mieten, nein, das komplette Haus besteht aus Ferienwohnungen, nur im Erdgeschoß ist ein Restaurant mit gehobenen Preisen. Dem Besitzer des angrenzenden Gebäudes rotieren in Erwartung einer zahlungskräftigen Klientel die Eurozeichen in den Augen: Er hat die Miete für die französische Bäckerei „Filou“, die es hier schon seit 15 Jahren gibt, so stark erhöht, daß es einem Rauswurf gleichkommt – so eine dusselige Bäckerei, das bringt doch keine Kohle, da muß eine Bar rein oder sowas!  Die Aufregung im Kiez ist groß, zumal das nur zwei Beispiele sind für einen Trend – die Leute haben ganz einfach Angst, bezahlbaren Wohnraum zu verlieren. An der Demonstration, die an dem Samstag veranstaltet wurde, haben unerwartet 2.500 Leute teilgenommen.

Fortsetzung folgt.