„Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral“ (Bertrand Russell)

„Ich möchte […] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist […] Dank der modernen Technik brauchte heute Freizeit und Muße, in gewissen Grenzen, nicht mehr das Vorrecht kleiner bevorzugter Gesellschaftsklassen zu sein, könnte vielmehr mit Recht gleichmäßig allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommen. Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral, und in der neuzeitlichen Welt bedarf es keiner Sklaverei mehr […]

Der Krieg hat zwingend bewiesen, dass sich moderne Völker durch wissenschaftlich organisierte Produktion auf der Basis eines geringen Teils der tatsächlichen Arbeitskapazität der neuzeitlichen Welt angemessen versorgen lassen. Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Statt dessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? Weil Arbeit Ehrensache und Pflicht ist und der Mensch nicht gemäß dem Wert dessen, was er produziert hat, bezahlt werden soll, sondern entsprechend seiner tugendhaften Tüchtigkeit, die in rastlosem Fleiß ihren Ausdruck findet […]

Der Gedanke, dass die Unbemittelten eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. Als vorwitzige Wichtigtuer darauf hinwiesen, dass das doch eigentlich eine recht lange Arbeitszeit sei, wurde ihnen erklärt, die Arbeit hindere die Erwachsenen daran, sich zu betrinken, und die Kinder, Unfug zu treiben […] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: »Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!« So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet […]

Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten, würde jeder Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können, und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären. Junge Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf sich aufmerksam zu machen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, dass sie die monumentalen Werke schaffen können, für die sie heute, wenn sie endlich so weit gekommen sind, gar keinen Sinn und keine Kraft mehr haben. Menschen, die sich als Fachleute für eine besondere wirtschafts- oder staatspolitische Phase interessieren, werden ihre Ideen entwickeln können, ohne dabei im luftleeren akademischen Raum zu schweben, was der Arbeit der Volkswirtschaftler an den Universitäten so häufig einen wirklichkeitsfremden Anstrich gibt. Die Ärzte werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischem Gebiet vertraut zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit routinemäßigen Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und die sich in der Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben.

Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung. Man wird genug arbeiten, um die Muße genießen zu können, und doch nicht bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Wenn die Menschen nicht mehr müde in ihre Freizeit hineingehen, dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung verlangen […] Die normalen Männer und Frauen werden, da sie die Möglichkeit haben, ein glückliches Leben zu führen, gütiger und toleranter und anderen gegenüber weniger misstrauisch sein.

Die Lust am Kriegführen wird aussterben, teils aus diesem Grunde und teils, weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde. Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es statt dessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?“

Bertrand Russell: Lob des Müßiggangs. Zitiert nach: Wolfgang Schneider: Die Enzyklopädie der Faulheit. Frankfurt/Main, 2004. S. 93-95

 

Wanderung auf dem Westweg (6): Haldenhof – Kandern – Weil am Rhein

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Der letzte Berg, den wir besteigen, oder besser: erwandern müssen, der Blauen, mit einem Fernmeldeturm auf der Spitze.

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Noch einmal geht es durch viel Wald, und wenn die Baumzweige eine Lücke lassen, sieht man oft solche Gleiter – sie sind so nah, daß man sich fast mit ihnen unterhalten könnte.

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Fast geschafft – die letzten paar hundert Meter sind sehr anstrengend. Und nun auch noch den Turm hinauf, muß das wirklich sein?

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Ja, es muß. Man sieht ja sonst nix vor lauter Bäumen. Dahinten, das Haus … ich nehme Witterung auf …

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… tadaa! – das nennt man Gipfelglück, oder? Kaffee und Kuchen vom Feinsten. Im Hintergrund sieht man das Rheintal – so langsam erreichen wir die südliche Grenze des Schwarzwalds.

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An ein paar ruinösen Burgen kommen wir noch vorbei. An der Burgruine Röttgen (ohne Bild) will man doch tatsächlich Eintrittsgeld von uns haben – Frechheit, für ein Gebäude in dem Zustand! Modernes Raubrittertum – ohne uns.

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Über den Mohrensattelweg, von dem wir nicht wissen, wie er zu seinem Namen gekommen ist, erreichen wir unser Etappenziel …

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… Kandern, das etwas größer zu sein scheint.

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„Der Blumenplatz gilt als eine der schönsten klassizistischen Platzanlagen Süddeutschlands,“ steht in unserm Wanderführer. Hm. Vielleicht, wenn man die Autos wegfährt? Und noch ein bißchen mehr Sonnenschein?

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Bitteschön, eine andere Perspektive hilft auch. Aber die Autos stören trotzdem.

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Am nächsten Tag geht es noch ein wenig durch Wald, aber dann wird es schnell ländlich.

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Die Region heißt Markgräflerland. Viel Wein und Obst wird hier angebaut.

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Ein Relikt aus alter Zeit, als Autos noch Charakter hatten. Dreckschleudern waren sie freilich auch schon damals. Unterwegs kamen wir mit einem Motorradfahrer ins Gespräch, der uns erzählte, wie froh er sei, zu einer Zeit gelebt zu haben, als man noch mit einem Benzinfahrzeug fahren konnte – die E-Mobilität sei das Ende einer Epoche. Ich hoffe nur, er hat recht, hinsichtlich des Endes.

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Landgasthof Bahnhöfli – die Schweiz ist nicht mehr weit.

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In den kleinen, fast menschenleeren Dörfern stehen Buden zur vertrauensvollen Selbstbedienung. Ich schlage zu und kaufe zwei Gläser handgemachte Marmelade.

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Lörrach, die größte Stadt der Gegend. Wer diesen Weg nachwandert, sollte meinen Rat beherzigen: Geht direkt hinunter in die Stadt, zum Bahnhof, und fahrt den Rest mit der S-Bahn.

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Weitläufig führt der Wanderweg um die Stadt herum, unter Autobahnen, über verkehrsreiche Straßen und öde Vororte …

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… bei sengender Hitze unter freiem Himmel schier endlose Wege einen Hügel hinauf. Erschöpfender, als die Kraxelei im Schwarzwald.

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Aber auch das schaffen wir, und da ist schon die Grenze zur Schweiz – ein verrosteter Schlagbaum. So einfach ist der Grenzwechsel – Mist, ausgerechnet heute haben wir unsere illegalen Drogen nicht dabei.

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Nach einem weiteren Grenzübertritt erreichen wir unser Ziel Weil am Rhein – 140 Kilometer sind geschafft! Der Stadt tue ich einen Gefallen, wenn ich kein weiteres Wort über sie verliere. Aber zum Übernachten ist es okay, und am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus nach Basel.

Fortsetzung folgt.

Wanderung auf dem Westweg (5): Notschrei – Haldenhof

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Ausnahmsweise mache ich hier mal Werbung: Im „Vitalhotel Grüner Baum“ in Muggenbrunn kann man ausgezeichnet logieren: Große ruhige Zimmer mit Zimmerbar, ein gutes Restaurant und durchweg nette Angestellte, und vor der Tür ist direkt eine Bushaltestelle, von wo aus wir uns zurück zum Wanderweg bringen lassen. Hier könnte man gut eine Woche verbringen und Ausflüge in die Natur oder kleine Städte machen. Eine Besonderheit hat das Hotel: Es gehört zum „VHC – Verband Christlicher Hotels“. Ich hatte keine Ahnung, das es sowas gibt. Der Verband hat sich schon 1895 in der Schweiz gegründet, man wollte besonders wandernden Handwerksburschen und alleinreisenden Frauen eine Unterkunft ohne Glücksspiele, Saufereien und Parties bis in den frühen Morgen bieten. Heute ist das zwar sowieso nicht mehr die Regel, aber den Verband gibt es immer noch, 63 Hotels sind allein in Deutschland Mitglieder. Man braucht sich keine Sorgen zu machen, man wird nicht missioniert, und die Minibar ist auch mit Alkoholika gut bestückt.

Allein, auf dem Tisch im Restaurant findet man neben der Speisekarte ein kleines Büchlein mit Gesprächstipps für Tischgemeinschaften. Das kann man ja immer wieder beobachten: Paare oder Familien sitzen am Tisch, das Essen braucht natürlich etwas in der Zubereitung, und ein peinliches Schweigen entsteht, man hat sich einfach nichts zu sagen. Und genau hier springt das Buch ein und gibt Anregungen: „Was ich nicht oft genug sagen kann, aber wofür ich dir so dankbar bin, ist …“, „Was mich heute/diese Woche frustriert, traurig gemacht, geärgert oder mir Angst gemacht hat …“, oder auch ganz einfach: „Was wünscht du dir von mir?“, „Wie siehst du mich momentan?“ Ob im Hotel ein Paar- und Familientherapeut zur Verfügung steht, der notfalls schlichtend einspringen kann, weiß ich allerdings nicht.

Wenn man alleine ist, kann man sich auch unterhalten, und zwar mit Gott – das hat den Vorteil, daß man sich nicht in Pobleme verstrickt, die die Qualität der Speisen vergessen lassen, da keiner widerspricht. Was ich aber noch toller finde: Man kann ihn anrufen und eine Nachricht hinterlassen, ob auf dem Anrufbeantworter oder bei einem Engel, steht da nicht, aber angeblich ruft er zurück. Einen solchen Service gibt es in profanen Hotels nicht. So ein Anruf will aber gut vorbereitet sein, was stellt man Gott für Fragen, wenn man mal die Gelegenheit hat? Hätte man ein Treffen mit der Kanzlerin, würde man sich ja auch nicht übers Wetter unterhalten. Also, ganz sicher sollte man sich nicht nach den 6 Richtigen der nächsten Lottoziehung erkundigen, dann legt der sofort wieder auf. Es muß schon irgendwas Wichtiges sein: „Wieso wünschen sich alle Anwärterinnen bei Schönheitswettbewerben den Weltfrieden, während die wirklich wichtigen Herrscher der Welt das Wort nichtmal in den Mund nehmen?“ Ich weiß die Antwort schon: „Schönheitswettbewerbe? Wo?“ Oder ich frage ihn folgendes, mal was Aktuelles: „Wie konntest du Hurrikane Irma und den Klimawandel zulassen?“ Eigentlich kann ich mir auch hier denken, was er antwortet: „Damit habe ich nichts zu tun, das liegt allein in eurer Verantwortung, seht zu, wie ihr damit klarkommt – toitoitoi!“ Ich glaube, ich laß das mit dem Anruf. Am Ende ist das noch so eine sauteure 0900-Nummer, und ich bin hinterher kein Stück schlauer.

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Genug geplaudert, wir müssen los. In der Nacht hat es geregnet, aber in dem Moment, in dem wir die Türschwelle übeschreiten, hört es auf. Man muß auch mal Glück haben (auf die Landschaftsfotos klicken, dann werden sie größer).

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Die Luft ist angenehm kühl und klar – herrlich, durch die Wolken zu laufen.

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Langsam schiebt sich die Sonne durch.

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Der Aufstieg auf den Berg Belchen ist steil und nicht ungefährlich – wer nicht ganz schwindelfrei ist, sollte die Augen beim Gehen immer schön auf dem Weg lassen. Uns kommt eine ältere Frau – sie hatte die 70 wohl bereits überschritten – mit ihrem (wie ich vermute) Sohn ca. Anfang 40 entgegen. Schnaufend bleibe ich stehen, um sie vorbeizulassen, als die Frau 3 Meter von mir entfernt auch stehen bleibt und anfängt, umständlich in ihrer Tasche zu nesteln. Ich frage freundlich: „Wollen Sie stehenbleiben, oder gehen Sie weiter?“, damit wir uns nicht ins Gehege kommen. Die Frau lacht, und während sie ausgiebig in ihr hervorgekramtes Taschentuch schneuzt, sagt sie: „Meine Nase bestimmt, was ich tue“, steckt das Tuch wieder weg und hüpft mit einem lauten „Hopsassa“ an uns vorbei. Ihr Sohn grinst und sagt etwas verlegen: „Da wird ein Spiel gespielt, dessen Regeln wir nicht kennen.“ Aber ich kenne sie recht gut, diese Regeln, ich hatte auch so eine Mutter, die mehr oder weniger durchschaubar in allen möglichen Situationen eine Bühne bereitete, auf der die anderen dann ihre Großartigkeit bewundern konnten.

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Wir sind noch „jung“ und haben es nicht nötig, anderen unsere Großartigkeit zu zeigen – wir sind es einfach und fühlen uns so, denn, bitteschön, wir hätten auch mit einer Gondel fahren können.

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Oben auf dem Belchen gibt es wieder ein Ausflugslokal, aber wir lassen es rechts liegen. Wo geht’s lang?

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Da hinunter. Noch ein letzter Blick zurück:

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Jemand im roten Anorack tut mir den Gefallen und hält still.

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Durch den Wald den Berg hinab …

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… erreichen wir nach ein paar Stunden unser Hotel.

Fortsetzung folgt.

Wanderung auf dem Westweg (4): Hinterzarten – Notschrei – Muggenbrunn

 

Es ist heiß, schon am frühen Morgen, die Sonne brennt – und ausgerechnet heute müssen wir auf den höchsten Berg des Schwarzwalds und – außerhalb der Alpen – Deutschlands, den Feldberg. Ich denke an den Aufstieg der ersten Etappe und mache mir ein bißchen Sorgen.

Völlig umsonst – wir laufen durch den Wald und lösen quatschend ein paar Weltprobleme, da stehen wir plötzlich an der Baumgrenze und haben unser Ziel schon erreicht.

Die Bergspitze ist gar nicht spitz, sondern flach und sehr langgezogen, man könnte ohne weiteres ein paar Fußballfelder anlegen. Und weil es auch breite Wege gibt, trifft man auf nicht wenige Moutainbiker …

… für die es eine besondere Herausforderung wäre, die schmalen Wanderwege hinunterzubrettern. Glücklicherweise ist das verboten. Als ich so ein Schild das erste Mal sah, kam es mir völlig surreal vor – was kommt als nächstes, ein Zebrastreifen? Parken verboten? Aber es ist wohl wirklich notwendig.

Die Steaks von morgen stehen mitten auf dem Weg herum – wir machen einen weiten Bogen, denn es sterben mehr Leute durch Kühe als durch Weiße Haie, habe ich mal gelesen.

Beim Abstieg versperrt uns diese Hütte den Weg. Da will man durch die Natur gehen, und dann dieser Zivilisationsschnickschnack!

Da wir nicht als Sonderlinge dastehen wollen, lassen wir uns schweren Herzens auf die Spielregeln ein, die hier offenbar herrschen. Frollein, bitte noch’n Kirschwasser!

Aber mal im Ernst: Was man in den Ausflugslokalen als Schwarzwälder Kirschtorte bekommt, schmeckt nicht soo schlecht, ist aber meistens nicht selbstgemacht, sondern mutmaßlich industriell hergestellt. Es fehlt tatsächlich an Kirschwasser, und ein paar mehr Früchte könnten auch drin sein. Wer wissen will, wie gute Schwarzwälder Kirschtorte schmecken sollte, muß hier hingehen (meine Begleiterin und ich können uns den Ortsnamen nicht merken, deshalb sprechen wir immer mal wieder – sehnsüchtig – von Tortenhausen).

Und was ist das?! Ich sag’s euch: Das ist die „längste Baumliege“ der Welt, wahlweise auch die „längste Sitzbank“ der Welt, steht auf einem Schild. Meine Begleiterin unkt, sie könne sich schon denken, wie ich mich im Blog darüber lustig mache. Aber ich sag nix dazu. „Dieses Projekt würde gefördert … mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg, der Lotterie Glücksspirale und der Europäischen Union“, steht noch auf dem Schild. Erklär das mal einem Griechen.

Schräg gegenüber steht ein Kreuz, und man merkt sofort: Da fehlt doch was. Bei den Katholen gibt es kein Kreuz ohne Figur, und die Bohrlöcher für die Halterung sind ja auch deutlich zu sehen.

Unten klebt ein Zettel dran, schwer zu entziffern: „… liebe Gäste und Ureinwohner … bin momentan im … Urlaub! Komme aber garantiert zurück!“ Ach was! Das habe ich nicht gewußt. Ich bin zwar kein Christ, aber Mitgefühl und Barmherzigkeit sind mir nicht fremd, ich fand es schon immer abscheulich, daß Folteropfer so permanent zur Schau gestellt werden. Und jetzt machen sie also Urlaub, diese Leidensfiguren. Ich gönne es ihnen von Herzen. Ob sie sich irgendwo treffen, in kleinen Gruppen, und sich erzählen, was sie so erlebt haben das Jahr über? „Also mein Pfarrer, das hältst du nicht aus, …“ usw., mal richtig den Frust von der Seele reden. Wo die wohl hinfahren, Mallorca? In die USA garantiert nicht, die lassen solchen Aufrührer nicht herein im Moment: Verkaufsstände umschmeißen vorm Tempel und kapitalismuskritische Reden schwingen („eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in den Himmel kommt“), das ist bei denen aktenkundig.

Da gabelt sich der Weg, und es ist kein Wanderzeichen zu sehen. Macht aber nichts, auf dem oberen Schild, das nach links zeigt, steht Notschrei – und genau da ist unser heutiges Etappenziel.

Notschrei ist nicht nur der Name eines Gebirgspasses, sondern auch eine historische Begebenheit: Anfang des 19. Jahrhunderts machte die Industrialisierung auch in dieser Gegend Fortschritte. Südlich des Gebirgszuges, in Todtnau, entstanden Fabriken, deren Erzeugnisse (Bürsten, Papier, Zucker und Textilien) Absatzmärkte suchten. Der beste Handelsplatz in der Nähe war Freiburg im Breisgau – allerdings nördlich des Gebirgszuges. Um da hinzugelangen, mußte man 500 Höhenmeter überwinden, was nur umständlich mit Saumpferden und Handkarren zu bewältigen war. Das Großherzogtum Baden hatte überhaupt kein Interesse daran, Geld für einen aufwendigen Straßenbau herzugeben, und ignorierte lange, über 30 Jahre, sämtliche Anträge der Bewohner und Fabrikanten. Erst im Jahr 1847 – der Hunger und die Arbeitslosigkeit waren groß geworden in Todtnau und Umgebung, die Einwohner drohten, sich in großer Zahl der Badischen Revolution anzuschließen – hatte man ein Einsehen, zumal jemand ausrechnete, daß der Holzschlag in dem Gebiet ordentliche Gewinne abwerfen würde. In allerletzter Not – daher der Name – wurde in  den folgenden Jahren also der Gebirgspaß eingerichtet, die revolutionären Kräfte hatten dagegen stark an Einfluß verloren – „erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, wie Bert Brecht solche Entwicklungen zusammenfaßte.

Wir müssen noch ein paar Kilometer nach unten laufen, unser Hotel ist in Muggenbrunn, ein Dorf an der historisch bedeutsamen Strecke.

Fortsetzung folgt.

 

Wanderung auf dem Westweg (3): Kalte Herberge – Titisee – Hinterzarten

Morgens 9 Uhr – das Wetter ist gut, die Luft ist herrlich – weiter geht’s. Früher wäre es für mich in einem Urlaub nahezu unvorstellbar gewesen, vor 10 Uhr aufzustehen, so ändern sich die Zeiten.

Obwohl wir uns in einer landwirtschaftlich geprägten Gegend befinden, wo der Dung quasi an der Tagesordnung ist, mag man hier keine Hundekacke. Weit und breit kein Mensch und kein Haus zu sehen, und dennoch hat man uns im Auge – aber wie? Per Satellit? Steht einer von der Hundekackepolizei auf dem höchsten Berg der Gegend und sucht mit einem Feldstecher die Gegend ab? Wir sind leicht beunruhigt – Big Brother im Schwarzwald.

Wir befinden uns hier übrigens auf der „Türkenlouis-Schanze“, um die Ecke gibt es Döner und Baklava … Quatsch natürlich. Türkenlouis war der Spitzname für den Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, der hier um 1700 das Sagen hatte. Während des „Großen Türkenkrieges“, als die Osmanen vor Wien standen, kämpfte er auf der Seite des damaligen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Leopold I., und konnte einige Siege erringen, was ihm den Beinamen einbrachte. Als die Franzosen unter Ludwig XIV. die Gunst der Stunde nutzten und im Westen eine zweite Front gegen Österreich aufmachten, veranlaßte der Markgraf, daß man eine Schanze gegen sie anlegt: Ein Höhenzug wurde entwaldet und ausgebessert, damit man ein besseres Schußfeld hatte. Hat aber nicht viel gebracht, außer viel Qual und Elend für die ansässige Bevölkerung.

Inzwischen hat man wieder aufgeforstet und verschönert die Natur mit „edlem“ Design: Diese Designer-Bank hat sich unter drei Entwürfen durchgesetzt. „Genießen Sie neue Perspektiven der Landschaft und das Gefühl außergewöhnlichen Designs!“, werden wir auf einem Schild aufgefordert. Doch, da kann man gut sitzen. Die Wiese ist allerdings weiterhin grün.

Ein wenig Abseits der Wanderroute sind auf der Karte Messer und Gabel eingezeichnet – da müssen wir hin.

Selbstgemachter Eistee und ein gerade so eben warmer Latte Macchiato – jetzt verstehe ich auch den Strohhalm. Als ich mich sanft beschwere, erzählt mir die Bedienung, das gehöre so, das sei nur ein Warmgetränk, erklärt sich aber schließlich trotzdem bereit, das Glas nochmal in die Mikrowelle zu stellen. Immerhin.

Die kleine Kapelle ist abgeschlossen, aber vertrauensvoll händigt man uns den Schlüssel aus.

Eine ganz hübsche, lichte kleine Kirche … ich bin trotzdem froh, daß ich hier keine Rituale mitmachen muß.

Und da ist schon Hinterzarten, besonders bekannt wegen seiner großen Sprungschanzen. Da unsere Unterkunft in der Stadt liegt, könnten wir eine Abkürzung nehmen und direkt hinlaufen, aber unsere heutige Etappe endet – an Hinterzarten vorbei – am Titisee, den wir uns nicht entgehen lassen wollen.

Am Stadtrand durchqueren wir eine riesige Golfanlage – unter Lebensgefahr und auf eigene Veranwortung, werden wir aufgeklärt, außerdem dürfen die Golfbälle auf keinen Fall mit ins Grab genommen werden, denn sie sind Eigentum des Golfclubs, bittschön, alles was recht ist! Wo kommen wir hin, wenn jeder glaubt, ein mit dem Kopf im Flug gestörter Golfball gehöre ihm?

Eine Haltestelle für Individualisten.

Bläsihof, Hinterzarten, Titisee – pubertierende Jugendliche hören wahrscheinlich gar nicht mehr auf zu Kichern. Und natürlich solche …

… die in der Pubertät steckengeblieben sind. Ich bin sicher, Donald Trump würde sich über so eine Karte freuen, ebenso wie Kim Jong-un.

Im Ort Titisee ist, so scheint es, die Ballermannisierung schon weit fortgeschritten. Unser Wanderführer behauptet, der Ort und der See seien in Asien und den USA bekannter als in Deutschland.

Gerade die Chinesen sind dafür bekannt, daß sie allen ihren Verwandten, Freunden und Kollegen eine Kleinigkeit mitbringen (müssen), da ist so ein kleiner Plüschpanda genau richtig – klar, das Tier, an das man als erstes denkt, wenn man vom Schwarzwald redet! Die Tiere werden wahrscheinlich in China hergestellt, hierher verfrachtet und an die chinesischen Touristen verkauft, die sie wieder mit zurücknehmen in ihre Heimat, wo das Spielzeug nach einiger Zeit im Plastikmüll landet und wiederaufbereitet wird, es entstehen neue Pandas, die dann in Deutschland an chinesische Touristen usw. Das nennt man einen Kreislauf, der zwar an sich völlig nutzlos ist, aber ganze Völker am Leben hält.

Da man weder in China noch in Amerika die kleinen europäischen Länder auseinanderhalten kann, ist es nicht schwer, ihnen weiszumachen, daß Nudelsträuße typisch für diese Region sind – Spaghetti, Italien, weiß man doch, ist da gleich hinter den Bergen.

Ob man diese Glocken mit ins Flugzeug nehmen darf?

Für die Coolen ist auch was dabei – ein Punker, der sich ein solches Bild ins Wohnzimmer hängt, das ist doch der Hit.

Genug gegruselt, wir suchen uns eine Stelle, wo man in Ruhe etwas Kühles trinken kann. Eigentlich ist es ganz schön hier, wenn man den Stadtkern meidet.

Es sind nochmal sechs Extrakilometer, die zu unseren heutigen 20 hinzukommen, da, wie gesagt, unsere Pension in Hinterzarten liegt – wo man 23.000 Euro Heizkosten im Jahr hätte, würden wir noch in der Eiszeit leben. Ah ja. Wenn wir so weitermachen mit dem Klima, kommt die nächste Eiszeit bestimmt.

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Die Bebauung von Hinterzarten ist nicht besonders dicht, großzügig verteilen sich die Häuser in der sanft hügeligen Landschaft. Viel gesehen vom Ort haben wir allerdings nicht, es ist schon spät, fast hätten wir uns noch verlaufen, aber dank der Spürnase meiner Begleiterin finden wir unsere Unterkunft auf Anhieb …

… wo überraschender Weise ein Candle-light-Dinner auf uns wartet.

Fortsetzung folgt!

Wanderung auf dem Westweg (2): Hausach – Wilhelmshöhe – Kalte Herberge

Wo geht’s lang, war das nicht irgendwas mit -ach? Zum Glück nicht – unser heutiges Ziel ist die Wilhelmshöhe, unser Wanderzeichen die rote Raute. „-ach“ bedeutet übrigens „Wasser“, wie wir es schon von der berühmten Stadt mit den zwei As (Aachen) wissen, die an warmen Wasserquellen liegt.

„Nur wo man zu Fuß war, war man wirklich“ – da man seine Füße ja immer dabei hat, sollte das nie ein Problem sein. Nein, wir verstehen schon, das ist ein Mutmacherspruch, denn ich würde mich nicht wundern, wenn einige Wanderer aufgeben …

… nachdem sie hier hochgekraxelt sind: Auf einer Länge von ca. 4 Kilometern sind 550 Höhenmeter zu erklimmen. Das kann man sich vielleicht nicht vorstellen, wenn man das so liest, das sind manchmal Steigungen von 45 Grad, man läuft völlig schräg durch die Welt. Sehr sehr anstrengend. Der Hinweis am Gipfel auf die altersgemäß richtige Herfrequenz kommt ein bißchen spät – gut, wenn sich das Herz nicht wieder beruhigt, sollte man das Handy für den Notruf schon mal einschalten …

… Empfang hat man hier bestimmt. Das Gute an dem „Mörderaufstieg“ (ein Wanderer, der kurz nach uns ankommt) – wir haben das Schlimmste hinter uns.

Zwischendurch können wir etwas Musik machen – überall kann man hineinblasen oder draufschlagen, wenn man will. Oder man beißt einfach in sein Butterbrot.

Achtung, Lebensgefahr! Wir sollen den Umweg nehmen? Nichts da, ohne uns. Todesmutig bleiben wir auf unserem Weg …

… und trotzen mutig der Gefahr, von Eisbrocken erschlagen zu werden, die die Windräder um sich werfen. Außerdem ist es über 30 Grad warm. Sehr viele Windräder sind es übrigens nicht, die hier stehen, immer mal wieder ein paar, aber kein Vergleich zu den Windparks in Norddeutschland. Dennoch gibt es immer mal wieder Plakate zu sehen, auf denen steht: „Stoppt den Windradwahn im Schwarzwald!“ In gesamt Süddeutschland möchte man zwar auch erneuerbare Energien haben, aber keine Windräder in der Landschaft, und keine zusätzlichen Überlandleitungen, die die in Offshore-Parks erzeugte Energie zuleiten. Verständlich, wer will das schon. Man nennt das auch das NIMBY-Prinzip – „not in my backyard“, sondern lieber irgendwo anders. Daß da auch Hinterhöfe sind, von anderen Leuten, interessiert dabei nicht.

Man spricht auch viel von „Landschaftsverschandelung“, die es aufzuhalten gelte – klar, das Argument klingt natürlich besser als das egoistische NIMBY. Aber auch das erscheint mir nicht stichhaltig: Nahezu jede Landschaft in Deutschland ist keine Naturlandschaft mehr, alles ist inzwischen kultiviert worden, selbst wenn es nicht so aussieht, weil man z.B. mitten in einem Wald steht. Jede Landschaft in Deutschland ist eine Kulturlandschaft, die so aussieht, wie sie aussieht, weil der Mensch eingegriffen hat. Wenn wir erneut eingreifen dadurch, daß wir ein paar Windräder hinstellen, ist das also keine Verschandelung einer urwüchsigen Landschaft, sondern eine Veränderung einer schon lange von uns gestalteten Landschaft. Daß die nicht komplett zugepflastert werden sollte mit Windrädern, ist auch klar – die sind ganz schön laut, die Dinger, sein Haus möchte man daneben nicht stehen haben. Und unwidersprochen ist natürlich auch, daß die Windradindustrie nicht immer rücksichtsvoll auf die Bedenken von Awohnern reagiert.

Man kommt nur durch sehr wenige Dörfer auf diesem Wanderweg. Ob darum die Kreuze zum Teil um so wuchtiger ausfallen? Bei einer kleinen Bevölkerungszahl kann schnell mal ein Wettbewerb unter den Einwohnern ausbrechen: Wer hat das tollste Kreuz!? Hier sind viele „Arma Christi“ detailliert dargestellt – das sind die Leidenswerkzeuge und anderer Kram, den man mit der Kreuzigung in Verbindung bringt.

Zu Beginn der zweiten Etappe geht es vorbei am Blindensee, der so heißt, weil ein Blinder hier in der Nähe einen Hof hatte …

… durch ein Moorgebiet – mal ganz angenehm zu laufen.

Das Modellprojekt Rohrhardsberg scheint kein Erfolgsmodell zu sein – wer soll sich denn da noch zurechfinden? Egal – wir haben unsere eigenen Karten.

Da geht’s hoch, damit man gucken kann – irgendein Karl war mal hier und hat 1770 angeblich eigenhändig zwei Bäume gepflanzt. Seitdem hat man die Treppenanlage sich selbst überlassen, so sieht sie jedenfalls aus. Gut, daß es nicht naß ist.

An der Donauquelle begrüßt einen als erstes das sogenannte „Quellheiligtum Martinskapelle“. Wieso Quellheiligtum?

Dieses Bronzeschild soll zur Erklärung dienen. Mir erschließt sich der Zusammenhang allerdings nicht: Weil die Kreuzigung unter Tiberius stattfand und der gleichzeitig nach der Donauquelle forschte, steht hier eine Kapelle? Und was, wenn der Kaiser gern Kartoffelpuffer gegessen hätte? Würde man dann an jedem Kartoffelacker auch eine Kapelle finden? Merkwürdig.

Die Donauquelle hat man touristisch mächtig aufgemotzt: Ein Hinkelstein (?), ein Büdchen, ein Hotel (nicht auf dem Foto), ein Tor, ein neu angelegter Weg …

… der nach unten führt …

… und da ist sie schließlich. Ein paar Stunden vorher haben wir die Quelle der Elz im Wald gesehen, ganz unspektakulär kam das Wasser aus dem Waldboden.

Eindrucksvoller sind da diese großen Felsen, die plötzlich im Wald herumliegen (Wollsackverwitterung – der aufmerksame Leser dieses Blogs denkt sofort an die Externsteine). Wir witzeln herum: Die Steinansammlung hat doch bestimmt wieder irgendeinen Namen, Norbert vielleicht, oder Heiko, vielleicht gar Schantall? – und sind verblüfft, als das tatsächlich zutrifft: Die Felsen heißen …

… Günter.

Auf dem Berg Brend kann man alles kaufen, was man so braucht. Neben dem Kiosk steht ein 17 Meter hoher Turm …

… von dem aus man schön nach unten schauen kann. Der Brend ist eine Wasserscheide: Westlich fließt alles Gewässer in den Rhein, östlich in die Donau.

10 recht moderate Kilometer haben wir noch vor uns, die jedoch nicht immer ungefährlich sind, gewarnt wird hier vor kreuzenden Loipenläufern. Wir haben aber keine gesehen, vielleicht liegt es daran, daß kein Schnee liegt.

Da unten rechts ist unser Hotel „Kalte Herberge“ – wie auch schon die letzte Unterkunft kein Dorf, nur ein Haus an einer Straße (über die Hotels mache ich einen extra Eintrag).

Fortsetzung folgt.

Wanderung auf dem Westweg (1): Ankunft in Hausach

In diesem Jahr wanderten wir auf dem sogenannten „Westweg“, ein 285 km langer Wanderweg längs durch den Schwarzwald zwischen Pforzheim und Basel.

Da wir nicht so viel Zeit hatten, starteten wir in Hausach, sieben Etappen à ca. 20 km reichten uns völlig aus. Alle Hotels waren gebucht, und wie immer wurde unser Hauptgepäck mit dem Auto von Unterkunft zu Unterkunft gebracht, so daß wir jeweils nur mit dem Tagesrucksack unterwegs waren.

Eigentlich muß man von Hausach-Dorf sprechen, wo wir waren: Die Stadt hat immerhin über 5.700 Einwohner, allerdings verteilt auf 32 „Dörfer, Zinken, Höfe und Wohnplätze“ (wie es bei Wikipedia heißt – ein Zinken ist eine kleine Ansammlung von Höfen oder Häusern). Wahrscheinlich ist das der Grund, warum man hier oft geballt riesige Supermarktfilialen sieht – im Örtchen vorher sah man vom Zug aus ebenso große Edeka-, Rewe- und Aldimärkte wie hier.

Aber es gibt auch eine Art Stadtzentrum an der Hauptdurchgangsstraße …

… mit Abkühlungsmöglichkeit für die Kleinen …

… und für die Großen. Hosenträger, damit verdient man heute nichts mehr, aber ein Kneipenrestaurant läuft immer, wenn nur genügend Leute in der Gegend wohnen. Heute im Angebot: Wurstsalat und Brägle – mußte ich auch erst nachsehen: Das sind Bratkartoffeln.

Ja, das waren noch Zeiten, als aus aller Herren Länder die Bewohner nach Hausach kamen, um bei Uhren Dieterle die leeren Batterien ihrer Digitaluhren auswechseln zu lassen. Heute kann man kein Geschäft mehr damit machen.

Ein fein herausgeputzes Fachwerkrathaus neben Café Waidele …

… aber auch neuer Architektur gegenüber ist man hier aufgeschlossen – leider ohne jegliches stadtgestalterische Feingefühl, aber das muß man sich natürlich auch erstmal leisten können. In dem modernen Gebäude befindet sich übrigens „Alles was Frau will! Frauen-Figurencenter – Figur & Beauty“. Und da sagt man immer, Männer seien einfach gestrickt …

So, wir müssen los. Zum Abschied noch ein von „Drum & Dran Mode GmbH“ ermöglichtes Gedicht von Enzensberger über Wochenendfreizeitvergnügen und Lebenszeitverschwendung – gar nicht schlecht.

Knapp oberhalb der Stadt eine Burgruine … puh, ist das anstrengend, können wir nicht mal Pause machen? Nein, können wir nicht – wir sind kaum einen Kilometer gelaufen, über 20 haben wir noch vor uns, und was für welche, weiß unser Wanderführer: „Die Strecke von Hausach zur Wilhelmshöhe zählt zu den anstrengendsten Etappen des gesamten Westwegs. Steile, sich lang hinziehende Steigungen zehren an den Kräften des Wanderers.“

Fortsetzung folgt.