Wandern auf dem Salzalpensteig (11): Ausflug nach Salzburg (2)

Ich habe Urlaub bis ins nächste Jahr, könnte also alle möglichen Dinge erledigen und tue – gar nichts, außer rumhängen und lesen. Auch mal ganz schön. Nun aber habe ich mich endlich aufgerafft, weiter geht’s mit ein paar Eindrücken aus Salzburg.

Die Innenstadt steht auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, was auf der einen Seite bedeutet, daß sie vor baulichen Veränderungen einigermaßen geschützt ist. Auf der anderen Seite benutzen viele Touristen diese Liste als Hinweise für „must see places“, was bedeutet: Es ist voll hier, besonders in der engen Getreidegasse, in der das Geburtshaus des berühmtesten „Sohnes“ der Stadt steht. So …

… sieht er aus. Oder doch …

… eher so? Nee, jetzt hab‘ ich’s:

So. Ist natürlich alles Quatsch. In Wirklichkeit …

… ist er von edlem Antlitz.

Meine Begleiterin ist Schokoladenliebhaberin, deshalb müssen wir unbedingt ins Café und Konditorei Fürst. Paul Fürst hat 1890 die Mozart-Kugel erfunden – und leider nicht patentieren lassen, so daß es heute alle möglichen Nachahmer gibt, darunter auch welche von mieser Qualität, ich habe sie probiert.

Die Kugeln von Fürst werden heute immer noch so hergestellt wie zu Anfang, jede einzelne ist von Hand gerollt: Ein Pistazienmarzipankern, ummantelt von einer dicken Schicht Nougatschokolade, wird auf einen Holzstab gesteckt und in Kouvertüre getaucht. Wenn alles fest und getrocknet ist, wird die Kugel abgenommen und – Sensation! – jede einzelne per Hand mit einem Schokopropfen zugestopft und eingewickelt.

Da es warm ist und alle Leute draußen sitzen, haben wir innen die frei Platzwahl, sehr schön.

Ich übertreibe nicht: Der dunkle Kuchen heißt wirklich Mozart-Torte.

Kaum ein Geschäft, daß nicht teilhaben will am Komponisten-Hype: Notenvorhang als Deko.

Mich würde interessieren, wie der Amerikaner das ausspricht: Why-iner Sknizl?

Na, das ist doch mal ein Schnäppchen! Den halben Preis nehme ich gerne mit, aber bitte keine Schecks, das Dirndl dürft ihr behalten. Nein, schon okay, ich weiß, wie es gemeint ist. Leider kann ich nicht zuschlagen, in Köln trägt man sowas nicht, und mein Arbeitgeber wäre irritiert.

Das wäre doch schon eher was für mich. Der gleicht mir – bis aufs Haar, meins ist kürzer. Und die Kombi mit den Schuhen, also, ich weiß nicht, das ist jetzt nicht soo elegant. Schluß mit den Albernheiten …

… kommen wir zum Ernst des Lebens: Noch ein Portrait von mir? Fast, ich arbeite nur noch halbtags, das hat mich davor bewahrt. Gechmackloses als Mitbringsel für die Kleinen zu Hause: „… und so sieht Mozart heute aus.“

Das ist heutzutage aber nicht mehr politisch korrekt …

… dachte sich hier jemand. Wenn man es so läßt, kann jeder zufrieden sein.

Da geht’s zum Residenzplatz vorm Dom …

… mit einem riesigen Pferdebrunnen in der Mitte, wo den Tieren das Wasser aus allen möglichen Öffnungen fließt. Ich möchte nicht wissen, was die Pferde im Hintergrund davon halten.

Dahinten geht es in den Dom, da müssen wir rein, so schnell kommen wir nicht mehr her.

Tja, schön wär’s – zur Zeit wird der „Jedermann“ aufgeführt, und so lange ist der Eingangsbereich geschlossen. 14 Aufführungen innerhalb von sechs Wochen im Hochsommer – und so lange können keine Besucher in den Dom? Daß man das nicht besser lösen kann …
Über 2.500 Zuschauer sollen da gleichzeitig sitzen können, wenn man eine der Eintrittskarten ergattert hat. Für 2020 kann man schon vorbestellen, ab 357,- Euro aufwärts. Sieht gar nicht so groß aus, ich weiß ja nicht, ob das ein großes Vergnügen ist.

Herrenmode im Wandel der Zeit.

Gleich in der Nähe der – na? – richtig: Der Mozart-Platz.

Der hätte es nach meiner Meinung ebenso verdient, überall gefeiert zu werden: Der Dichter Georg Trakl wurde hier geboren. Wenn man in den Hinterhof des Hauses geht, werden einem über Lautsprecher einige Gedichte vorgelesen – von mehreren Stimmen gleichzeitig, in verschiedenen Sprachen. Man versteht kaum ein Wort – keine Ahnung, was das soll, echt blöd gemacht.

In der Wohnung ist ein Trakl-Museum eingerichtet, allerdings mit merkwürdigen Öffnungszeit. Egal, wir haben eh keine Zeit. Der Dichter wurde bloß 27 Jahre alt, man weiß nicht genau, ob er sich selbst getötet hat oder ob es ein Drogenunfall war, beides ist möglich – ein Mensch, der sowieso schon mit sich und seiner Welt haderte, und dann erlebte er auch noch einige Gräuel des beginnenden 1. Weltkriegs. Hier eins seiner Gedichte:

Confiteor

Die bunten Bilder, die das Leben malt
Seh‘ ich umdüstert nur von Dämmerungen,
Wie kraus verzerrte Schatten, trüb und kalt,
Die kaum geboren schon der Tod bezwungen.

Und da von jedem Ding die Maske fiel,
Seh‘ ich nur Angst, Verzweiflung, Schmach und Seuchen,
Der Menschheit heldenloses Trauerspiel,
Ein schlechtes Stück, gespielt auf Gräbern, Leichen.

Mich ekelt dieses wüste Traumgesicht.
Doch will ein Machtgebot, daß ich verweile,
Ein Komödiant, der seine Rolle spricht,
Gezwungen, voll Verzweiflung – Langeweile!

Passend dazu (obwohl nicht zusammengehörig) werden wir auf eine Ausstellung hingewiesen: Die Kriegstreiber, die uns ihre Waffen verkaufen und uns in ihrem Gebrauch schulen, das sind die eigentlichen Feinde.

Wohnungsklingeln von früher – funktionieren heue nicht mehr, habe ich mir sagen lassen, die Leute ziehen ein elektronisches Fiepen vor. Sporer soll übrigens ausgezeichnete Spirituosen herstellen, habe ich (glücklicherweise erst nach unserem Besuch) gehört.

So, wir müssen wieder zurück. Wenn man in der Gegend ist, kann man hier gut einen Nachmittag verbringen, oder auch zwei – das Kunstmuseum soll sehr gut sein. Extra für die Stadt herkommen würde ich nicht. In Mozarts Geburtshaus befindet sich übrigens ein Supermarkt im Erdgeschoß (die Käsetheke ist in seinem ehemaligen Kinderzimmer … nein, quatsch). Warum auch nicht – so unverblümt, wie hier mit seinem Namen Geschäfte gemacht werden, das hätte ihn vielleicht sogar amüsiert.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (10): Ausflug nach Salzburg (1)

Von Schönau nach Salzburg kann man mit dem Linienbus fahren, es dauert ungefähr eine Stunde. Die Stadt liegt an einem Fluß, der Salzach, da fühlen wir uns gleich wie zu Hause. Auf dem Weg in die historische Altstadt begegnet uns ein Schild: Marina Abramović Monument, mit Pfeil in die entgegengesetzte Richtung. Wir sind allein schon wegen der Ankündigung erstaunt – das müssen wir uns zuerst ansehen.

Fast wären wir daran vorbeigelaufen. Über Marina Abramović könnte ich viel erzählen (und das mache ich demnächst auch mal), hier nur soviel: Sie ist eine Performance-Künstlerin, die schon in den 70er und 80er Jahren durch zum Teil martialische künstlerische Performances von sich Reden gemacht hat. Weltweit populär wurde sie 2010 durch die Langzeit-Perfomance „The Artist is Present“ im New Yorker „Museum of Modern Art“ (Ausschnitte davon kann man sich bei Youtube ansehen). Als bildende Künstlerin trat sie eher selten in Erscheinung. Hier haben wir nun acht Stühle, die ausdrücklich besessen werden dürfen, das ist doch schonmal schön, so direkt am Fluß. Kissen, Kuchen und Kaffee muß man allerdings selbst mitbringen.

Wenn man auf einem der Stühle sitzt, schaut man in diese Richtung, wo der Blick automatisch nach oben gelenkt wird, nämlich …

… dahin. Noch ein Stuhl, 15 Meter hoch, ohne Sitzfläche. Das kann man einfach so hinnehmen, aber da es sich um Kunst handelt, kann man sich natürlich auch einiges überlegen: Wer so lange Beine hat, daß er sich da hinsetzen kann, hat dagegen einen verhältnismäßig kleinen Hintern, der dazu noch unbequem ohne Sitzfläche auskommen muß. Ein stuhlähnliches Möbel ohne Sitzfläche haben wir ja alle in unseren Wohnungen, im Bad, aber das kann doch hier nicht gemeint sein. Die Figur, die sich hier am besten positionieren kann, die also weder überlange Beine noch eine Sitzfläche braucht, ist eine Figur, die schwebt …

So gibt man sich seinen interessanten Spekulationen hin, und es würde völlig ausreichen, es dabei zu belassen. Aber Abramović wäre nicht sie selbst, würde sie sich an das Goethe-Wort „Bilde, Künstler! Rede nicht! Nur ein Hauch sei dein Gedicht!“ halten: Dick und fett erklärt sie uns ihr Werk und wie wir uns zu verhalten haben, zweisprachig auf einer großen Tafel in signalrot (zum Vergrößern bitte draufklicken):

Der Text ist an Banalität kaum zu überbieten: Statt „Mozart“ und „Salzburg“ kann man jeden beliebigen Komponisten und seine Stadt einfügen, es paßt immer. Wie wäre es mit Josef Haydn und Wien? „Mitten im Herzen von Wien, wo Verkehr und hektisches Stadtleben pulsieren, wollte ich einen Ort der Besinnung schaffen und ihn dem Geist Haydns widmen“ – und so weiter. Klappt auch mit Frank Zappa und Los Angeles. Oder Heino und Bad Münstereifel. Und was ist das jetzt mit dem hohen Stuhl? Wenn schon, denn schon, dann wollen wir aber auch alles wissen:

„Ich möchte einen Sitz für den Geist Mozarts errichten. Er ist 15 Meter hoch, hat keine Sitzfläche, sondern nur die äußeren Formen eines Stuhles. Wenn man darunter steht, sieht man den Himmel. Der Geist ist etwas Unsichtbares, aber wenn man ihm einen Sitz errichtet, wird das Unsichtbare sichtbar. Jeder, der lange genug sitzt und nachdenkt, kann eine Verbindung mit unsichtbaren Kräften eingehen“, heißt es auf der Internetseite.
Ach. Ach was. Da habe ich wohl nicht lange genug dagesessen. Aber ich lag gar nicht so schlecht mit meiner Vorstellung einer schwebenden Figur.

Das Werk ist Teil des“Kunstprojekts Salzburg“ (so der damalige Titel, heute wird es „Walk of Modern Art“ genannt), 2002 von der „Salzburg Foundation“, einer Vereinigung privater Sponsoren, ins Leben gerufen. Innerhalb von zehn Jahren durften zwölf ausgewählte Künstler ihre Werke an jeweils einem Platz in der Innenstadt ausstellen. Neben Marina Abramović tauchen so illustre Namen wie Christian Boltanski, Anthony Cragg, Stephan Balkenhol, Anselm Kiefer und Markus Lüpertz auf. Die Konservativen schäumten, immer wieder aufs Neue, allen voran die FPÖ. Besonders die Skulptur von Markus Lüpertz erregte die Gemüter: Eine Mozart-Figur, bestehend aus einem weiblichen Körper und einem Mozart-Kopf, bunt angemalt – zugegeben, sehr häßlich. Allerdings kenne ich keine einzige Skulptur von Lüpertz, die nicht häßlich ist. Irgendjemand (ein rechter Hohlkopf) besprühte die Skulptur kurz nach der Aufstellung und federte sie, sodaß sie nach der Reinigung nun farbfrei dasteht.

2012 wollte die Foundation die Kunstwerke der Stadt schenken, aber die Stadt lehnte die Schenkung ab – was genau der Grund war, weiß ich nicht. Also sprang der Unternehmer Reinhold Würth ein, der auch schon vorher Mitglied der Foundation war, er kaufte alle Skulpturen und stellt sie der Stadt als Dauerleihgabe zur Verfügung. Die Würth-Gruppe, ein Familienunternehmen aus Baden-Württemberg, hat einen Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Euro, die Familie Würth wird auf ein Vermögen von 10 Milliarden Euro geschätzt. Reinhold Würth, heute 84 Jahre alt, fing in den 60er Jahren an, Kunstwerke zu sammeln, inzwischen umfaßt die Sammlung über 18.000 Werke – reiche Leute suchen sich kostspielige Hobbies, mit dem Geld fängt man nicht an, Kronkorken verschiedener Biermarken zu sammeln, obwohl der Reiz dazu wahrscheinlich der gleiche ist. Allerdings ist die öffentliche Anerkennung mit Kunst viel höher, wie man es ja auch bei Peter Ludwig und Hasso Plattner sehen kann. Man könnte seine Milliarden auch für die Rettung der Welt ausgeben, aber Kunst ist irgendwie geiler. Der Grund für Würths Salzburger Engagement ist leicht zu erraten: Erstens kostet es ihn fast nichts (gemessen an seinem Vermögen), zweitens wohnt er in Salzburg. Entweder die damaligen Stadtratsmitglieder hatten genau darauf spekuliert, als sie die Schenkung ablehnten, oder es waren komplette Idioten, denn inzwischen ist der Skulpturenreigen ein tourismusfördernder Publikumsmagnet, und von den Anwohnern beschwert sich auch keiner mehr.

So langsam müssen wir mal weiter. Dahinten ist eine Fußgängerbrücke, schon die zweite in nur geringer Entfernung – da kann man als Kölner regelrecht neidisch werden, sowas wird zwar in Köln auch immer wieder diskutiert, alle fänden es gut – aber dann versandet das Gespräch und alles bleibt beim Alten.

Auch hier die inzwischen wohl für Flußbrücken obligatorischen Liebesschlösser. Wer keins aufhängen kann, weil er oder sie niemanden hat, soll sich hier hinstellen und irgendjemanden küssen – iieh bah! Jod! Heißes Wasser!

Fortsetzung folgt.