Same procedure …

Schon am letzten Wochenende rüstete die Stadt auf: Tribünen für den Wahnsinn, der da unweigerlich kommt.

Nicht nur Gebäudeteile werden kostümiert, sondern auch …

… Angebote gemacht für Haustiere, die ja oft als Kinderersatz gehalten werden, und das ist doch nicht schön, wenn Familienangehörige ausgeschlossen werden.

Ein Kostüm, „genäht“ aus Karnevalsorden – na, das ist doch mal ganz witzig. Aber Vorsicht: Der Kölner Sitzungs-Karnevalist läßt nicht mit sich spaßen, Humor ist seine Sache nicht: Wenn nicht jeder Orden ordentlich verdient wurde, ist Blasphemie im Spiel.

Diesen Leuten ist das allerdings völlig egal, hauptsache, es gibt was zu trinken. Als ich mir gestern, Weiberfastnacht, die Beine vertreten wollte, mußte ich an jeder Ecke solche Ansammlungen umrunden und dabei aufpassen, nicht in irgendwas reinzutreten, was mir an den Schuhen klebenblieb.

A propos Schuhe: Diese standen herrenlos an einer Ecke, der Besitzer muß als Clown gegangen sein. Ich vermute, Außerirdische, die grade mit ihrem Raumschiff die Erde umkreisen, fanden die Figur so bizarr, daß sie ihn hochgebeamt haben, was den Clown aus den Schuhen gerissen hat. Oder der Clown hat sich beim Wildpinkeln die übergroßen Schuhe besudelt und wollte mit den bepißten Tretern nicht weiter herumlaufen. Ich könnte das verstehen.

Weiter geht es dann auf Socken, aber dafür hat man jede Menge Geld gespart. Die Kneipen machen den Umsatz des Jahres – aber mit den negativen Begleiterscheinungen möchten sie natürlich nichts zu tun haben.

Da die Leute an Weiberfastnacht bereits um 11 Uhr anfangen zu saufen, sind sie um spätestens 23 Uhr platt, und es herrscht Ruhe in den Straßen. Das ändert sich aber in den folgenden Tagen – Freitag wird ausgeschlafen, und die nächsten fünf Tage werden die Nächte durchgefeiert. Der Begriff „feiern“ ist ein Synonym für saufen, gröhlen, Bierflaschen zerdeppern und in Hauseingänge pissen. Ich werde davon nichts mitkriegen, denn Samstag fahren wir nach Berlin. Ich hoffe, der Regen hat alles wieder gesäubert, wenn wir zurückkommen.

Venloer Str.

Rund 41 Prozent der deutschen Bevölkerung lebt als Single, in Großstädten sind es sogar 54 Prozent. Da sehnt man sich nach Mitbewohnern, und seien sie auch nur im Möbelhaus für 300 Euro gekauft. Wenn man zusammen mit diesem Mitbewohner fernsieht, besonders Sendungen aus dem Privat-TV, dann fühlt man sich gleich unter seinesgleichen. Allerdings sollte man Vorsicht walten lassen, jedem wohnt ein wildes Tier inne – vielleicht wird im Anschluß die komplette Wohnung auseinandergenommen, und schon muß man wieder ins Möbelhaus. Fernsehen ist nicht zu unterschätzen, man sollte die Apparate nicht ohne Waffenschein verkaufen. Oder man verabreicht Alkohol dazu, das hilft beim Abstumpfen.

Spielplatz Straßenverkehr

Nach Verkehrsminister Dobrindt dachte man: Schlimmer kann es nicht werden – die personifizierte Inkompetenz. Und dann kam Andreas Scheuer. Wo kriegt die CSU solche Leute her? Oder sind die in Bayern der politische Normalfall? Ausbau des öffentlichen Personentransports (Busse, Bahnen), Ausbau der Fahrradinfrastruktur und bessere, sicherere Fußwege, Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs – pah, alles Quatsch, was wir brauchen, sind neue Verkehrsmittel, die Spaß machen. Also lassen wir die Benutzung von Tretrollern im Straßenverkehr zu, da die nicht so viel Platz brauchen, können sie sich schön durchschlängeln zwischen den Autos. Und damit das auch richtig Spaß macht, werden sie elektrisch betrieben und erreichen mit 20 km/h eine Geschwindigkeit, die über der Durchschnittsgeschwindigkeit eines Fahrradfahrers liegt. Abenteuer Großstadt! Tretroller gegen SUVs, das ist spannender als ein Kampf in einer römischen Arena. Helmpflicht? Gut, mindert das Risiko, aber wer risikolos leben will, kann ja gleich ganz zu Hause bleiben. In Köln vergeht kaum ein Tag, an dem kein Unfall passiert, bei dem ein E-Scooterfahrer beteiligt ist.

Die  E-Scooter stehen in der Stadt überall herum und können schnell mit dem Smartphone entsperrt werden. Eine Stunde kostet ungefähr 12 Euro. Besonders am Wochenende sieht man viele Leute damit über Bürgersteige, Fahrradwege und vierspurigen Straßen kreuz und quer und gegen die Fahrtrichtung durch die Gegend brausen, gern auch in angetrunkenem Zustand und/oder zu zweit.
Ich bin gespannt, was Herr Scheuer sich als nächstes einfallen läßt. Autoscooter, wie man sie vom Jahrmarkt kennt? Ein Riesenspaß …

Morgen fahre ich, aber ganz traditionell mit der Eisenbahn, ausgerechnet ins CSU-Land. Ein paar Blogfreunde kommen da her, deswegen weiß ich, daß da nicht nur Dumpfbacken leben. Wanderurlaub – in zwei Wochen bin ich wieder da – wünscht mir gutes Wetter.

Melaten

Was wünscht sich ein Fan eines Gelsenkirchener Fußballvereins für sein eigenes Begräbnis? Daß seine Kumpel an seinem Grab stehen und eine der Vereins-Hymnen singen: „Steh‘ auf, wenn Du ein Schalker bist …“.

Klingt wie ein Witz, aber ich weiß nicht genau, ob es auch so gemeint ist. Falls nicht: Man kann dabei nur verlieren. Die letzte Auferstehung soll – nach Hörensagen, der Fall ist umstritten – vor 2000 Jahren funktioniert haben, und wenn sie in diesem Fall (höchstwahrscheinlich auch) nicht klappt, nährt man den Verdacht, daß man gar kein richtiger Schalke-Anhänger war.

Zitiert wird der Satz in der Ausstellung „Abpfiff: Wenn der Fußball Trauer trägt“, die zum 60-jährigen Jubiläum der „Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner“ in der kleinen Kapelle „St. Maria Magdalena und Lazarus“ auf dem Melaten-Friedhof gezeigt wurde.

Ja, auch Fußballfans sterben irgendwann. Warum sollte man darüber nicht eine lustige Ausstellung machen.

Draußen gibt es ein paar Mustergräber: Die Ecke als Himmel. Warum nicht, aus der Ecke wurden schon so einige denkwürdige Tore geschossen, mit Hilfe eines zweiten, kopfballstarken Spielers – da fühlt man sich nicht so ganz allein … oder wie? Ich weiß auch nicht.

Die Ausstellung begreift sich als „interaktiv“: Hier kann der Besucher sich beteiligen …

… und hier auch. Ja, das macht Spaß. Oder auch nicht, man muß ja nicht.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin gegen jede falsche Pietät. Wie jemand seine Trauer über einen Verstorbenen verarbeitet, bleibt ihm oder ihr überlassen, da gibt es keine Regeln, ebensowenig, wie jemand sein eigenes Begräbnis wünscht. Diese Ausstellung alledings läßt mich ein wenig ratlos: Was, bitte, soll das?

Antwort gibt vielleicht diese Postkarte, die man mitnehmen darf: Auf der Rückseite steht: „Kein Job für jedermann. Wir suchen Azubis mit Feuer. Bist du ein Ruhebewahrer?“ Den Friedhofsgärtnern geht der Nachwuchs aus, wohl – wie man offenbar glaubt – weil er sich völlig falsche Vorstellungen macht: Der Arbeitsplatz Friedhof ist eine „feurige“ und oft auch lustige Angelegenheit, und in den Pausen darf gekickert werden.

Die kleine Kapelle (hier zwei Fotos von vor dem neuen Anstrich) stand lange Zeit leer. Bürgerschaftlichem Engagement ist es zu verdanken, daß sie nun wieder Gottesdiensten, Trauerfeiern und auch kultureller Nutzung zur Verfügung steht.

Sie ist im frühgotischen Stil erbaut und war schon 1245 fertiggestellt, drei Jahre vor der Grundsteinlegung des Doms. Tja – da heißt es in allen Fachbüchern, die Gotik in Deutschland habe mit dem Dom angefangen, und in Wirklichkeit …

Auf dem Areal – zu der Zeit weit außerhalb der Stadtmauern – befand sich ein Leprosenheim, worauf übrigens der Name der Kapelle und auch der des Friedhofs hinweisen: Melaten kommt von mal ladre, und das heißt: Krankheit des Lazarus, der vor seiner Wiederbelebung an Lepra gestorben war. Leprakranke, oder „Aussätzige“, wie man sie auch nannte, wurden wegen der Ansteckungsgefahr von der übrigen Bevölkerung separiert, allerdings oft an wichtigen bevölkerten Ausfallstraßen, um ihnen die einzige Tätigkeit zu ermöglichen, die man ihnen zugestand: Die Bettelei. Die Aachener Str. war die vielbenutzte Verbindung zwischen Köln und Aachen (westlich von Aachen, an der Straße nach Maastricht, gibt es noch ein Melatenhaus).

Lepra ist eine bakterielle Krankheit und könnte dank Antibiotika schon längst weltweit ausgerottet sein. Es ist ein Skandal, daß es in Brasilien, Indien und einigen afrikanischen Staaten immer noch zu Neuansteckungen kommt.

Das Leprosenheim wurde 1767 geschlossen. Als ca. 40 Jahre später die Franzosen das Rheinland besetzten, schafften sie Ordnung in Köln: Ein großer Friedhof außerhalb der Stadtmauern, dafür war das Areal gerade richtig, also rissen sie die Häuser ab, nur die kleine Kapelle und der Name blieben.

Das alles wollte ich gar nicht erzählen. Erzählen wollte ich eigentlich, daß es, wenn die Temperaturen über 30 Grad sind und man keine Lust mehr hat auf aufgeheitzte Straßen, überfüllte Parks oder backofenheiße Straßenbahnen, mit denen man an den Stadtrand ins Grüne fahren kann – also, daß es keinen besseren Ort gibt als diesen Friedhof. Er ist sehr schnell zu erreichen, wenn man wie ich in der Innenstadt wohnt, er ist weitläufig, schattig, die Luft ist gut, und vor allem: Man hat seine Ruhe! Daß der leichte Wind leise Musikfetzen eines Festivals herüberträgt, macht es einem erst richtig bewußt, wie fern man von allem ist. Herrlich!

Jüngst wurde von der Stadt eine Diskussion darüber angeregt, wie man Kölner Friedhöfe über ihre bisherige Funktion hinaus nutzen könne. So seien ja durchaus Flächen für Yoga- und Tai-Chi-Gruppen denkbar, oder Schachtische mit mehreren Bänken als Treffpunkt, und warum solle man die Anlagen nicht zum Hundeausführen nutzen können? Es gibt 55 städtische Friedhöfe, fast 500 Hektar – verschenkter Platz, so scheint man zu glauben, wenn da nur Leblose herumliegen. „Friedhof für alle!“, heißt die Devise. Was ist mit Joggen, Trimm-dich-Pfad, Grabsteinspringen? Lagefeuerplätzen für Jugendgruppen? E-Roller-Parcour zwischen den Gräbern? Imbißstände, Bierbuden, Kinderkarrussels, elektronisch verstärkte Musikdarbietungen? Das würde die Event-Ballung in der Innenstadt vielleicht etwas entzerren … Der Protest dagegen ist groß, die Verantwortlichen scheinen zurückzurudern. Ich hoffe, es bleibt dabei.

Ein Foto meiner Begleiterin. Wenn hier die Hunde frei laufen, ist es damit vorbei.

 

Pfingstwochenende

Deutschland kann sich glücklich schätzen: Es ist nichts passiert auf der Welt, über das sich zu berichten lohnte. „Wir machen was mit Tieren, das geht immer“, wird man sich beim Express gedacht haben. „Pico ist so blöd, daß man ihn lieben muß“ – das entspricht vermutlich exakt der Einschätzung der Express-Redakteure über ihre zahlenden Leser, fatalerweise bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht vielleicht recht haben. Meine Begleiterin erinnerte sich gleich an eine Bild-Schlagzeile: „Lottozahlen immer blöder“ – gemeint waren jetzt nicht die Zahlen, die der Schreiber tippte, sondern so allgemein, die Zahlen, die sich ziehen ließen. Mit Blödheit kennen die Redakteure sich offenbar sehr gut aus.

5. Jahreszeit

Rechnet man alle Tage, die in Deutschland als 5. Jahreszeit benannt werden, zusammen und addiert sie zu den Tagen der gewöhnlichen vier Jahreszeiten, kommt man auf eine Anzahl von weit über 500 Tagen. Als lohnabhängiger Arbeitnehmer begrüße ich es daher sehr, daß 5. Jahreszeiten parallel und nicht zusätzlich zu den anderen vier stattfinden, auch wenn das zeigt, daß die Bezeichnung völliger Unsinn ist.

In der rheinischen 5. Jahreszeit, die über drei Monate dauert und fachmännisch auch „Session“ genannt wird, neigen in ihrem Verlauf immer mehr Menschen dazu, sich zu kostümieren und in der Kostümierung auf die Straße zu gehen. Das ruft nicht etwa die Polizei oder Psychologen auf den Plan, sondern eskaliert völlig unbehelligt in einem mehrtägigen Gesangs- und Saufgelage – bis es dann von einem Tag auf den anderen quasi in sich zusammenbricht.

Da! Den habe ich schon im Dezember erwischt. Gut, es gibt Kostüme, die werden nach ungefähr der Hälfte der Session nicht mehr so oft getragen.

Jetzt sieht man häufiger solche Gruppen – die stehen da vor einer Kneipe, rauchen und trinken Kölsch und reiben ihre Hintern aneinander (habe ich gehört, aber noch nie gesehen, man nennt das „Stippeföttche“). Klingt schwul, ist es aber angeblich nicht. Also – ich weiß es nicht, macht das ruhig mit euren Ärschen, lustvoll, ich fänd’s vollkommen in Ordnung.

Braucht noch jemand eine originelle Verkleidung? Falls alles ausverkauft ist – der Sexshop bei mir um die Ecke hat noch Masken im Angebot. Gibt’s die auch als Esel? Ich kenne einige, die könnten die ganzjährig tragen.

Als ich neulich im Zug saß, stieg diese Horde zu – „Ach du Schei…“, war mein erster Gedanke, aber sie verhielten sich manierlich, sparten sich vermutlich ihre Energie auf für die Veranstaltung, zu der sie gerade unterwegs waren. Vielleicht fuhren sie zur „Lachenden Köln-Arena“: 10.000 Feiernde versammeln sich da für einen Zeitraum von über sechs Stunden in einer riesigen Halle vor einer Bühne und lassen sich von Karnevalsmusik und -rednern unterhalten. Die Veranstaltung findet in dieser Session 15 (fünfzehn!) mal statt und ist schon im Vorfeld so gut wie ausverkauft. Und natürlich gibt es noch viele andere Veranstaltungen, die 480 Karnevalsgesellschaften, die es allein in Köln gibt, arbeiten das ganze Jahr darauf hin, daß während der Session irgendwas passiert. Das Kölner Dreigestirn hat zwischen 400 und 500 Termine, wo sie mit Spannung erwartet werden. Das Dreigestirn kennt ihr, oder nicht?

Dass Dreigestirn besteht aus drei Männern, die irgendwelche wichtigen Ämter in einer Karnevalsgesellschaft bekleiden und Prinz Karneval, den Bauern und die Jungfrau darstellen. Jedes Jahr sind das neue Leute, es sei denn, einer von ihnen ist kurzfristig verhindert, weil er beispielsweise eine Strafe im Gefängnis absitzen muß, dann springt jemand aus dem Vorjahr ein, aber das kommt selten vor. Die drei sind die wichtigsten Personen jeder Session, wichtiger sogar als alles andere auf der Welt, weshalb die Proklamation des Dreigestirns auch alle anderen Nachrichten auf der Titelseite des Kölner Stadtanzeigers verdrängt. Am 11.11. übernehmen sie symbolisch in Form eines großen Schlüssels die Macht über die Stadt aus den Händen der Oberbürgermeisterin.

Zur Proklamation dann im Januar während einer großen Sitzung treten sie zum ersten Mal in vollem Ornat auf, also in dem Kostüm, das sie bis Aschermittwoch tragen müssen, und in dem sie sogar schlafen … gut, das weiß ich jetzt nicht so genau. Zu den bis zu 500 Terminen müssen sie dann immer eine Rede halten, singen und tanzen wäre auch nicht schlecht. Natürlich sagen sie immer dasselbe, beispielsweise: „Hück is de schönste Dach in minge Levve …“ (Heut ist der schönste Tag in meinem Leben) – was unlogisch ist, wenn man das an mehr als einem Tag sagt, aber das ist egal: Die Leute, die zu einer Karnevalsveranstaltung gehen, wollen sich unbedingt amüsieren, mit aller Gewalt. Es ist egal, wie fad und dumm die Witze sind, die die Redner von sich geben, es reicht völlig aus, daß man erkennt, daß sie witzig sein wollen – wenn es irgendwie geht, lacht man. Alkohol hilft.

Das Dreigestirn hatte in diesem Jahr sogar eine Papstaudienz. So eine Audienz, da steht man inmitten von 7.000 Leuten, und der Papst geruht zu erscheinen. Hinterher gab es aber ein Treffen in einem chambre separee – das Dreigestirn, der Papst, Erzbischof Kardinal Wölki und ein Bestattungsunternehmer unter sich. Der Bestattungsunternehmer war nicht etwa dabei, um sich mit einem Kollegen aus dem Jenseits-Business auszutauschen, nein, der Herr Kuckelkorn ist gleichzeitig Präsident des „Festkommitees Kölner Karneval“ (FK, nicht! FKK), das ist das allerhöchste Amt des Karnevals, eine dem Papstamt ähnliche Position. Päpste treffen sich nicht so oft.

Die Begegnung dauerte nur sechs Minuten, nach der Franziskus um ein paar Geschenke reicher war: Ein Schal, auf dem nicht nur das Vaterunser in kölschem Dialekt gestickt ist („Unse Vatter em Himmel, dinge Name halde meer hellich …“), sondern dessen bunte Rückseite an einen traditionellen kölschen Lappenclown erinnert, eine Quietscheente im Husarenkostüm und eine Narrenkappe. Wenn der Papst also nach Lust und Laune in der Badewanne mit der Ente gespielt hat, kann er sich den Schal rückseitig umbinden, sich die Kappe aufsetzen und vor dem Spiegel versuchen, sich einen Witz zu erzählen: „Kommt eine Frau zum Arzt … nee, blöd. Kommt ein Arzt zum Papst … nee, gar nicht lustig. Kommt ein Papst zur Päpstin … muahahaaa!“ Der Papst ist von einfältigem Gemüt – und damit ist er den Kölner Karnevalisten näher, als er weiß.

Und deswegen war auch der Erzbischof dabei: Wenn der Papst die Jungfrau sieht, ruft der vielleicht sofort den Arzt. Ein Mann mit einer Zopfperücke – da muß man helfen, Homosexualität ist eine Krankheit, die man heilen kann, davon ist der Papst fest überzeugt. Wölki kann dann schnell eingreifen und erklären, daß der Karneval ursprünglich ein männerbündische Angelegenheit ist, in der Frauen nichts zu suchen haben, es sei denn, sie zeigen als Funkenmariechen ihre schlanken Beine unter kurzem Röckchen, sichtbar bis hoch in den Schritt.

Sitzungskarneval. Viele sagen, der eigentliche Karneval fängt erst Weiberfastnacht an, Straßenkarneval, so anarchisch, so ursprünglich, so gut.

Alaaf!

(Samstag fahre ich nach Berlin. Ich hoffe es regnet viel, bis ich wieder da bin.)

 

Gamescom (2)

In besonders beliebten Computerspielen wird gemordet und gemetzelt, wie man es sich in seinen kühnsten und widerlichsten Albträumen nicht ausmalen kann: Da werden bevorzugt in dystopischen Landschaften reihenweise Leute mit Maschinenpistolen und -gewehren niedergemäht, die ihrerseits einem nach dem Leben trachten. Es kommen alle Waffen vor, die man sich vorstellen kann, Körperteile fallen ab, Blut spritzt literweise. Was so abschreckend klingt, nehmen die Gamer ganz cool, im Gegenteil, je schrecklicher und ausgefeilter, desto besser. Nun hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet, was zu Beginn der Computerspieleentwicklung befürchtet wurde: Aus den Gamern ist keine Horde brutaler Amokläufer geworden, und das ist auch für die Zukunft nicht zu befürchten. Daß auch Amokläufer diese Spiele auf ihren Computern hatten, läßt einen Umkehrschluß nicht zu. Tausende spielen diese Spiele, ohne je zu vergessen, daß es sich um Spiel handelt, und nicht um die Wirklichkeit – ich lese mit Vergnügen Kriminalromane und vergesse dabei auch nie, daß es Romane, also ausgedachte Geschichten sind. Wie mir Computerspieler glaubhaft versichert haben: Man braucht sich keine Sorgen zu machen, daß sie den Unterschied zwischen Fiktion und Realität eines Tages nicht mehr auseinander halten können. In der Gamerszene ist das eine Selbstverständlichkeit, die sich aber bis zu einer „Firma“, die die ganze Stadt mit Plakaten überschwemmt und sogar einen eigenen Messestand auf der Gamescom hat, noch nicht herumgesprochen hat.

Die Bundeswehr wirbt mit den Sprüchen „Multiplayer at its best!“ und „Mehr Open World geht nicht!“ um Nachwuchs. „Multiplayer“ bedeutet in der Gamerszene, daß mehrere Spieler vernetzt in einem Spiel spielen, und „Open World“ ist ein Trend in der Spieleentwicklung, der den Spielern innerhalb einer Spielwelt mehr Bewegungsfreiheit erlaubt. Die Bundeswehr ist also der Meinung, wer Spaß daran hat, mit Kumpels exotische Gegenden zu erforschen und auf alles zu ballern, was sich bewegt, der kann das doch viel besser in den afghanischen Bergen und Wüsten oder in einem afrikanischen Dschungel tun. Nee, was ist das für ein Spaß in der kämpfenden Truppe, und Bezahlung gibt es noch dazu. Und wenn man abgeschossen wird, gibt’s einen Reset-Button und man kann von vorn anfangen – oder etwa nicht?

Nicht die Gamer sind naiv – die Bundeswehr ist es, die Schein und Sein offenbar nicht unterscheiden kann und ihre Einsätze für spielerischen Zeitvertreib hält. Jedenfalls verkauft sie sich so.