Domvorplatz/Wallraffplatz

An dem kurzen Verbindungsstück zwischen Domvorplatz und Wallrafplatz hat man vor ein paar Monaten diese Steine hingestellt, Überbleibsel aus der Dombauhütte. Das ist kein Schmuck, sondern dient einem anderen Zweck: Falls ein Terrorist mit einem Lastwagen einen Anschlag durchführen will, sollen sie ihn, bzw. das Fahrzeug aufhalten – nicht auszudenken, wie viele Opfer eine Amokfahrt auf dem Domvorplatz oder dem Roncalliplatz südlich des Doms kosten würde, hier laufen sowieso schon jeden Tag Tausende von Leuten lang, und jetzt zur Weihnachtszeit erhöht sich die Anzahl noch.

Und wieso steht der Polizeiwagen da?

Es ist klar, daß diese Steine viel zu leicht sind, um einem heranrasenden LKW zu behindern. Der Polizeiwagen ist ein weiteres Hindernis.

Und wieso nimmt man dann die Steine nicht wieder weg, wenn sie gar keinen Sinn haben? Schließlich behindern sie so vor allem die Fußgänger.

Das ist doch klar: Die Polizei ist wegen der Steine da; wenn man die wieder wegnimmt, sieht auch die Polizei keinen Grund mehr, sich hier aufzuhalten – und wir sind komplett ohne Schutz vor wahnsinnigen Terroristen. Also muß alles so bleiben wie es ist – ein sorgsam austariertes Sicherheitskonzept!

Stadtverwaltung und Polizei arbeiten hier in Schilda Köln Hand in Hand,  alle verbrauchen – ohne besonders viel zu tun, also außer zu atmen und ähnliches – gut bezahlte Arbeitszeit, und das ist ja zumindest für die Beteiligten nicht ganz sinnlos.

Reformation II

Heute vor 500 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen an eine Kirchentür genagelt, so wird es jedenfalls behauptet. Deswegen war das vergangene Jahr ein sogenanntes „Luther-Jahr“ mit allerlei Veranstaltungen, die an mir glücklicherweise sämtlich klanglos vorbeigegangen sind. Im Vorfeld hatte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) entschieden, eine 7,5cm hohe Playmobilfigur als „Reformationsbotschafter“ anzubieten, aber nicht in Spielwarengeschäften, sondern nur in Einrichtungen der EKD und in der Nürnberger Tourismus-Zentrale (warum ausgerechnet da, ist mir ein Rätsel).

Foto: gemeinfrei (Albers Heinemann)

Laut Aussage des Herstellers ist nun diese wie ein Pfarrer gekleidete Figur mit Federkiel in der Hand die erfolgreichste in der Geschichte der Firma, keine sonst verkauft sich so gut. Das wiederum ruft den evangelischen Pfarrer Hans Mörtter von der Lutherkirche in der Kölner Südstadt auf den Plan: Sich als Luther II wähnend, geißelt er die „Kommerzialisierung des Reformators“ und seine Reduzierung zu einem bloßen Spielzeug und ruft deshalb heute eine „Reformation II“ aus. Zusammen mit dem Künstler und Kurator seiner Kirche, Rochus Aust, hat er sich eine Aktion ausgedacht, die die Welt vermutlich in ähnlicher Weise erschüttern wird, wie die erste Reformation vor 500 Jahren. Am Ende der Aktion wird er weitere drei Thesen an seine Stirn tackern verkünden.

Ich zitiere aus dem Kölner Stadtanzeiger:

„… 95 Thesen waren es, die der Reformator der Überlieferung zufolge am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte. An diese Zahl anknüpfend haben Mörtter und Aust sich eine breit angelegte, konzertierte Aktion ausgedacht. Seit Freitag werden stundenweise an 95 europäischen Orten Playmobil-Luther auf eine heiße Platte gesetzt und zum Schmelzen gebracht. Die Masse wird in eine metallene Form des Buchstabens, mit dem der Name der jeweiligen Stadt beginnt, gegossen, ob in Rom, Calais, Belfast, Dublin oder Münster, ob in Paris, Liverpool, München, Lissabon oder Zürich. Auch in Köln, zum Beispiel in Deutz und Nippes. Acht Helfer bringen die Buchstaben „sternförmig nach Köln“, sagt Aust.

Wenn alles klappt, sind alle Teile beisammen, wenn Mörtter am 31. Oktober um 12 Uhr auf dem Chlodwigplatz die „Reformation II“ verkündet. Motto: „L95 – 95 Stunden – 95 europäische Orte – 95 Buchstaben – 1 These“. Vom Platz aus geht es in einer Prozession über die Merowinger Straße zur Lutherkiche, begleitet von etwas, das Aust als „religiösen Lärm“ beschreibt; absichtlich vermischen sich die Laute unterschiedlicher Religionen wie etwa Glockengeläut, Muezzin-Rufe und die Klänge des Schofahorns, das rituellen Gebrauch im Judentum findet.

Im Atrium der Lutherkirche werden die zusammengetragenen Buchstaben im Kreis ausgelegt. Als – so Mörtter – „grundmenschliche Aussage, an der niemand vorbei kann“, ergibt sich: „Für uneingeschränkbare Nächstenwürde mit respektvollster Menschenliebe und grenzenlosestem Grundvertrauen“…“. (Kölner Stadtanzeiger, 29.10.2017)

PS: Natürlich weiß auch Herr Mörtter, daß es bei einem grenzenlosen Grundvertrauen ein noch grenzenloseres Grundvertrauen nicht geben kann, die Grenzen sind ja schon weg, und ebenso läßt sich „voll“ nicht steigern – voller als voll läuft immer über, auch, wenn es um Respekt geht, aber er will halt irgendwie das alles nochmal besonders betonen, der Herr Mörtter: Wenn man mit Verstopfung auf dem Klo sitzt und noch mal so richtig dollstens preßt – vielleicht kommt dann noch was! Bei ihm hat’s funktioniert.

Zeitungslektüre

Im Dezember des letzten Jahres hat mir offenbar jemand ein Abonnement geschenkt, auf das ich gern verzichtet hätte: Ein Abonnement auf Krankheiten. Schon wieder hat mich eine üble Erkältung umgeworfen, mir bleibt auch nichts erspart in diesem Jahr. Ich hoffe, das Abo läuft jetzt aus. „Dreimal am Tag, immer eine halbe Stunde vor der Mahlzeit“, erklärt mir der Apotheker zu einem Medikament, dessen Wirksamkeit zumindest angezweifelt werden kann, da sich in den Kapseln nur irgendwelche ätherischen Öle befinden. Nachdem ich bezahlt habe, präzisiert er: „Also wie gesagt, dreimal am Tag, alle acht Stunden.“ – „Alle acht Stunden?“, frage ich gedehnt, während mir die Uhrzeiten durch den Kopf flitzen: 7.30, 15.30 und 23.30 Uhr … „Ich weiß ja nicht, wann Sie Ihre Mahlzeiten einnehmen …“, will ich sagen, unterlasse es aber, der Apotheker guckt leicht genervt, vielleicht ist ihm der Widerspruch selbst aufgefallen und nun weiß er nicht, wie er ohne Gesichtsverlust aus der Nummer herauskommen soll. Schnell schenkt er mir eine Packung Papiertaschentücher.

Wenn man krank ist, hat man viel Zeit zum Zeitunglesen. So weiß ich jetzt z.B., daß das Pinselohrschwein Picasso im Nashornhaus des Kölner Zoos eine neue Partnerin hat. Seine bisherige Freundin Ruwana war an Alter gestorben, und nach einer angemessenen Trauerphase hat sich Picasso nun in die Britin Cassie verliebt. Auf die Frage, ob denn nun bald mit Nachwuchs zu rechnen sei, antwortet er verlegen: „So weit sind wir noch nicht.“ Okay, das letzte habe ich mir ausgedacht, und daß die Nashörner dem Untermieter wegen Eigenbedarf gekündigt haben, stimmt auch nicht. Wenn das in der Zeitung stehen würde, wäre es eine echte Ente, von einem größeren Wohnbedarf der Nashörner ist nämlich gar nichts bekannt.

Weiterhin wird berichtet: Einem jungen Mann wollen seine Kumpel nicht abnehmen, daß er ein soo gutaussehende Freundin hat, ist er selbst doch eher unscheinbar. Also schickt er ihnen als Beweis über Whatsapp ein erotisches Foto, das die junge Frau nur mit einem BH bekleidet zeigt. Die (inzwischen Ex-)Freundin ist gar nicht amüsiert und macht eine Anzeige, das Urteil: 300 Euro Strafe, plus wahrscheinlich die Gerichtskosten. Statt eines Fotos hätte er den Kumpeln besser souverän einen Spruch geschickt, z.B.: „Wer kann, der kann“ oder „Vorsprung durch Technik“ – wahre Stärke besteht darin, einen Triumph möglichst still zu genießen. Gut, bei „Vorsprung durch Technik“ muß man aufpassen, daß man nicht doch wieder vor dem Richter landet, denn die Wörter in dieser Reihenfolge sind als Marke geschützt, wenn man sie ohne Erlaubnis der Rechteinhaber (einer der deutschen betrügerischen Autokonzerne) benutzt, macht man sich strafbar – jedenfalls in einem geschäftlichen Umfeld, der junge Mann hätte also wohl nichts zu befürchten.

Der 1. FC Köln hat auch so eine Wortmarke angemeldet, und ist nun stinksauer, daß nicht nur die Behörde das Ansinnen abgelehnt hat, sondern das auch noch vom Europäischen Gerichtshof bestätigt wurde: „SPÜRBAR ANDERS.“ – so, wie es da steht, also in Majuskeln und mit Punkt, möchte es der FC gerne als Slogan geschützt sehen, und das sei einfach zu allgemein, so der Gerichtshof, es fehle dem Spruch an „Unterscheidungskraft“. Ach was! – und was ist mit dem Spruch, den sich „Bayern München“ bereits 2013 gesichert hat? „Mia san mia“, übersetzt: Wir sind wir. Gibt es etwas allgemeineres? Jeder kann sich ein Schild um den Hals hängen, auf dem steht: Ich bin ich, ohne zu lügen. Gut, wer das tut, wird vielleicht von der Umwelt als etwas sonderlich angesehen, denn es stellt sich die Frage, warum das jemand macht: Ich bin ich, wir sind wir – niemand würde das je in Abrede stellen, und wenn eine Person oder ein Verein glaubt, ständig darauf hinweisen zu müssen, scheint es mit dem Selbstbewußtsein nicht allzuweit her zu sein … aber was geht uns die Psyche der Bayern an. Fakt ist: Niemand außer „Bayern München“ darf seinen Käse, oder was er sonst verkaufen will, „Mia san mia“ nennen, selbst wenn er wollte. Wenn ich dagegen ein Kondomgeschäft eröffnen will und das „Spürbar anders“ nenne, kann der FC nichts dagegen unternehmen. Vielleicht sollte der FC selbst anfangen, mit Kondomen zu handeln, dann hätten sie nicht nur bessere Chancen beim EU-Amt für geistiges Eigentum, nein, auch wir wüßten dann, was sie eigentlich mit dem Spruch sagen wollen.

Der FC heißt richtig „1. FC Köln GmbH & Co. KGaA“, habe ich durch die Zeitung gelernt. Wofür stehen übrigens die letzten beiden Buchstaben? Wenn es das ist, was mir als erstes einfällt und sie weiterhin so ‚gut‘ spielen wie zur Zeit, sollten sie sich das vielleicht als Markenname sichern lassen – das leuchtet sicher auch den Beamten der Behörde sofort ein.

Innenstadt

Ausverkauf! Wer jetzt nicht heiratet, wird später draufzahlen.

„Folge deiner Natur“ – will uns die Konsumgüterindustrie weismachen: Geiz ist geil! Gut, ich gebe zu, wenn Butter im Angebot ist, kaufe ich auch ein paar Päckchen mehr. Aber „Kerrygold“ ist sonst auch sehr teuer.

„Up to 50%“ bietet uns diese Werbung – wie jetzt, nur die Hälfte der Ware? Wer will halb angefressene Äpfel, selbst wenn er nur den halben Preis bezahlen muß? Ein schlechtes Geschäft, das weiß selbst ich, der von allen Preisen nur den Butterpreis kennt.

Bläck Fööss und die Moral

Die Arbeitsgemeinschaft (AG) „Arsch huh, Zäng ussenander!“ (was soviel heißt wie: „Kriegt den Hintern hoch und macht den Mund auf gegen Ungerechtigkeiten aller Art“) kündigt ein Konzert an, mit allen, die in der Kölner Kulturszene Rang und Namen haben. Ich vermute, das hängt mit der baldigen Bundestagswahl zusammen, in den nicht nur die FDP wahrscheinlich wieder einziehen wird, nein, als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, auch Kandidaten der rechten AfD. Je höher die Wahlbeteiligung, desto geringer der Anteil der braunen Brut, daher steht oben auf dem Plakat: „Wähle jon! Demokratie braucht keine Alternative“. Gut, daß die das machen, gerade die Stars der Musikszene – und sei es auch nur der heimischen – haben eine wichtige Vorbildfunktion.

Mit Interesse sehe ich, daß auch die Musikband „Black Fööss“ auf der Bühne stehen wird – ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert. Dabei haben sie allen Grund, sich zu schämen, aber – wie das besonders bei Männern oft üblich ist – spotten sie zusätzlich noch darüber.

Darum geht’s: Diese nackte und gefesselte Frauenstatue (tatsächlich ist die Fessel wohl eine Halterung, aber wenn man sie als Fesselung interpretiert, paßt das ganz gut ins Bild) wirbt für das Kölner Bordell „Pascha“ (eines der größten Häuser dieser Art in Europa) und den dazugehörigen Striptease-Club.  In diesen Club lädt der Betreiber des Bordells immer mal wieder bekannte Bands und Musiker ein, um seinem Etablissement einen normalen, bürgerlichen Anstrich zu geben. „Seht nur, wer bei mir auftritt – ein ganz normaler Laden, ist gar nichts dabei,“ möchte er damit wohl sagen und zeigen. Selbst den Weltklasse-Guitarristen Al Di Meola hatte er schon engagiert, doch als dieser (übrigens von der Zeitschrift Emma) darüber informiert wurde, worum es sich hier handelt, war er entsetzt und sagte das Konzert sofort ab.

So feinfühlig sind die Herren von „Bläck Fööss“ nicht – vor ein paar Wochen sind sie hier wieder aufgetreten, bereits zum zweiten Mal. Die anschließende Striptease-Show war im Eintrittspreis inbegriffen. Wer dann noch ins Bordell wollte, mußte allerdings zuzahlen – ob er dort die Herren der Band antreffen konnte, ist nicht überliefert.

„Bläck Fööss“ ist die ‚Mutter‘ aller Kölschbands, man spricht von ihren Mitgliedern als unantastbare Lichtgestalten. Ihre Lieder gehören zum kölschen Heimatliedschatz aller Eingeborenen, und auch eingefleischte Antikarnevalisten wie ich kommen nicht umhin, einzelne Lieder passagenweise auswendig zu können. Neulich haben 26.000 Kinder in der Lanxess-Arena eins ihrer Lieder gesungen. Die Band könnte überall spielen – sie hätte immer ein gut gefülltes Haus. Die Prostituierten, die im Pascha arbeiten, müssen täglich 160 Euro Miete zahlen, das sind je nach Arbeitstagen (20 bis 30) 3.200 bis 4.800 Euro im Monat – für ein 10qm-Zimmer! Rein rechtlich kann man wahrscheinlich nicht von Zuhälterei sprechen, somit ist der Betreiber (der übrigens gerade wegen mutmaßlicher Steuervergehen in Untersuchungshaft sitzt) rein rechtlich nicht als Zuhälter zu bezeichnen, die Mitglieder der Band jedoch als seine Unterstützer und Handlanger.

Aus der Musik-Szene hört man nur ganz verhaltene Kritik – „Lichtgestalten“ eben. Auf der Leserbriefseite der Tageszeitung gibt es viele, die schreiben: Regt euch doch nicht so auf, ist doch egal, wo die spielen, Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt, das gehört nun mal dazu! Der Leiter eines kleinen städtischen Theaters, dessen Ensemble auch schon aus Geldmangel in dem Stripclub aufgetreten war, sagte gar: „Wir gehen als Theater mit der Doppelmoral der Gesellschaft um“, und sprach von einem Abenteuer, in dem er „die Verstrickung von Geld, Leidenschaft, Moral und Politik […] ’spannend, aber schwierig‘ finde“. (Quelle: http://www.ksta.de/27871966 ©2017)

Von Doppelmoral kann hier aber nur bei einem Protagonisten die Rede sein: Bei den „Bläck Fööss“. Es geht hier doch gar nicht um Prostitution an sich, sondern um die Ausbeutung von Frauen, an der sich die Band beteiligt. Haltung zeigen – das bedeutet, eine Überzeugung zu haben und zu ihr zu stehen – und nicht, sich bei der erstbesten Gelegenheit von schmutzig erworbenem Geld korrumpieren zu lassen. Schmutzig ist das Geld nicht, weil die Prostituierten es auf eine vermeintlich unsaubere Art erworben hätten, schmutzig ist es deshalb, weil der Bordellbetreiber die Frauen ausbeutet. Daß die Band sich darüber hinaus vor den Werbekarren einer Anstalt spannen läßt, die de facto die Erniedrigung von Frauen und Männern zum Ziel hat, kommt noch dazu.

Ich werde die Band in Zukunft boykottieren. Gut, das ist ungefähr so wirksam wie die Ankündigung, bei der verbrecherischen deutschen Autoindustrie künftig kein Auto mehr zu kaufen – ich brauche gar kein Auto, und kölschen Heimatklängen bin ich sowieso immer aus dem Weg gegangen. Aber egal – meine Sympathien haben sie nun komplett verspielt.

Aachener Weiher/Roonstr.


Aus der Reihe „Bibelsprüche, die ich mag“: „Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen“ – und trotzdem geht es ihnen nicht schlecht. Oder gerade deswegen. Familie Schwan beim Abendputz.

Ganz anders dagegen Homo sapiens: Schon früh müssen die Nachkommen das harte Geschäft des Kapitalismus einüben. Wenn es mal nicht so gut läuft, ist es immer gut, Pause zu machen und Proviant dabei zu haben – vorzugsweise Eis und Schokolade.

Alte Wallgasse

Barbara-Schock-Werner, Kunsthistorikerin und ehemalige Dombaumeisterin, hat kein Blog, sondern in der hiesigen Tageszeitung eine unregelmäßig erscheinende  Serie: Mit Sachverstand und offenen Augen beschreibt sie Dinge und Umstände, die ihr in der Stadt auffallen. Ich bin nicht immer ihrer Meinung, aber erfreulich ist, daß sie überhaupt eine hat, die sie wortreich und resolut begründen kann – erfrischend anders, als das Blabla, was man sonst so oft hört. In ihrem letzten Beitrag nimmt sie sich der Sgraffiti an (nicht zu verwechseln mit Graffiti-Kunst): Putzschichten verschiedener Farben werden übereinander gelegt, und solange sie noch feucht sind, stellenweise wieder abgeschabt, sodaß ein Bild entsteht. Diese Kunsttechnik gibt es schon sehr lange, besonders in der Renaissance war sie beliebt. Typisch sind sie in Deutschland auch für den Fassadenschmuck der 50er-Jahre-Bauten, als man von Historismus-Ornamenten nichts mehr hören wollte (man hielt sie durch die Nazivergangenheit für zu stark belastet). Durch die zunehmende Modernisierung, so Schock-Werner, seien die Sgraffiti-Kunstwerke nun immer mehr in Gefahr: Aus Energiepargründen erhalten viele Häuser eine neue Wärmedämmung, die Kunstwerke verschwinden dann einfach hinter Styropor. Oder das Haus wird neu angestrichen, und weil man keinen zusätzlichen Ärger haben will, werden die Sgraffiti einfach zugeputzt. Der Denkmalschutz könne da gar nichts machen, so Schock-Werner weiter: Wenn das Haus nicht unter Denkmalschutz steht – und welches normale Wohnhaus aus den 50ern tut das schon – dann auch nicht eine einzelne Wand.

Also hat sie eine kleine Aktion ins Leben gerufen: „Rettet die Sgraffiti!“ Die Leser der Tageszeitung sollen ihr Fotos von ihnen bekannten Sgraffiti schicken, mit Angabe der Adresse, vielleicht entsteht so zumindest eine Dokumentation dieser Kunstwerke, wenn nicht sogar ein Bildband. Ich mach mit, ein Sgraffito habe ich schon.

Das Bild oben ist es nicht – das kennt sie schon und gibt interessantes Hintergrundwissen preis: Es stellt ein Kölner Original dar, den Maler Heinrich Peter Bock (1822 bis 1878), von dem aber nie jemand jemals ein Bild gesehen hat – der Zeichenblock unter seinem Arm war ihm Ausweis genug. Wenn jemand in Köln groß Gebutstag feierte, konnte man sicher sein, daß er auftauchte und Blumen mitbrachte, die er vorher in öffentlichen Rabatten gepflückt hatte – er wußte nicht nur, was sich gehört, sondern war immer zuvorkommend und konnte sich gewählt ausdrücken, weshalb man ihn nicht abwies. Tja, auch eine Art, angenehm durch’s Leben zu kommen.