Innenstadt

Ausverkauf! Wer jetzt nicht heiratet, wird später draufzahlen.

„Folge deiner Natur“ – will uns die Konsumgüterindustrie weismachen: Geiz ist geil! Gut, ich gebe zu, wenn Butter im Angebot ist, kaufe ich auch ein paar Päckchen mehr. Aber „Kerrygold“ ist sonst auch sehr teuer.

„Up to 50%“ bietet uns diese Werbung – wie jetzt, nur die Hälfte der Ware? Wer will halb angefressene Äpfel, selbst wenn er nur den halben Preis bezahlen muß? Ein schlechtes Geschäft, das weiß selbst ich, der von allen Preisen nur den Butterpreis kennt.

Bläck Fööss und die Moral

Die Arbeitsgemeinschaft (AG) „Arsch huh, Zäng ussenander!“ (was soviel heißt wie: „Kriegt den Hintern hoch und macht den Mund auf gegen Ungerechtigkeiten aller Art“) kündigt ein Konzert an, mit allen, die in der Kölner Kulturszene Rang und Namen haben. Ich vermute, das hängt mit der baldigen Bundestagswahl zusammen, in den nicht nur die FDP wahrscheinlich wieder einziehen wird, nein, als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, auch Kandidaten der rechten AfD. Je höher die Wahlbeteiligung, desto geringer der Anteil der braunen Brut, daher steht oben auf dem Plakat: „Wähle jon! Demokratie braucht keine Alternative“. Gut, daß die das machen, gerade die Stars der Musikszene – und sei es auch nur der heimischen – haben eine wichtige Vorbildfunktion.

Mit Interesse sehe ich, daß auch die Musikband „Black Fööss“ auf der Bühne stehen wird – ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert. Dabei haben sie allen Grund, sich zu schämen, aber – wie das besonders bei Männern oft üblich ist – spotten sie zusätzlich noch darüber.

Darum geht’s: Diese nackte und gefesselte Frauenstatue (tatsächlich ist die Fessel wohl eine Halterung, aber wenn man sie als Fesselung interpretiert, paßt das ganz gut ins Bild) wirbt für das Kölner Bordell „Pascha“ (eines der größten Häuser dieser Art in Europa) und den dazugehörigen Striptease-Club.  In diesen Club lädt der Betreiber des Bordells immer mal wieder bekannte Bands und Musiker ein, um seinem Etablissement einen normalen, bürgerlichen Anstrich zu geben. „Seht nur, wer bei mir auftritt – ein ganz normaler Laden, ist gar nichts dabei,“ möchte er damit wohl sagen und zeigen. Selbst den Weltklasse-Guitarristen Al Di Meola hatte er schon engagiert, doch als dieser (übrigens von der Zeitschrift Emma) darüber informiert wurde, worum es sich hier handelt, war er entsetzt und sagte das Konzert sofort ab.

So feinfühlig sind die Herren von „Bläck Fööss“ nicht – vor ein paar Wochen sind sie hier wieder aufgetreten, bereits zum zweiten Mal. Die anschließende Striptease-Show war im Eintrittspreis inbegriffen. Wer dann noch ins Bordell wollte, mußte allerdings zuzahlen – ob er dort die Herren der Band antreffen konnte, ist nicht überliefert.

„Bläck Fööss“ ist die ‚Mutter‘ aller Kölschbands, man spricht von ihren Mitgliedern als unantastbare Lichtgestalten. Ihre Lieder gehören zum kölschen Heimatliedschatz aller Eingeborenen, und auch eingefleischte Antikarnevalisten wie ich kommen nicht umhin, einzelne Lieder passagenweise auswendig zu können. Neulich haben 26.000 Kinder in der Lanxess-Arena eins ihrer Lieder gesungen. Die Band könnte überall spielen – sie hätte immer ein gut gefülltes Haus. Die Prostituierten, die im Pascha arbeiten, müssen täglich 160 Euro Miete zahlen, das sind je nach Arbeitstagen (20 bis 30) 3.200 bis 4.800 Euro im Monat – für ein 10qm-Zimmer! Rein rechtlich kann man wahrscheinlich nicht von Zuhälterei sprechen, somit ist der Betreiber (der übrigens gerade wegen mutmaßlicher Steuervergehen in Untersuchungshaft sitzt) rein rechtlich nicht als Zuhälter zu bezeichnen, die Mitglieder der Band jedoch als seine Unterstützer und Handlanger.

Aus der Musik-Szene hört man nur ganz verhaltene Kritik – „Lichtgestalten“ eben. Auf der Leserbriefseite der Tageszeitung gibt es viele, die schreiben: Regt euch doch nicht so auf, ist doch egal, wo die spielen, Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt, das gehört nun mal dazu! Der Leiter eines kleinen städtischen Theaters, dessen Ensemble auch schon aus Geldmangel in dem Stripclub aufgetreten war, sagte gar: „Wir gehen als Theater mit der Doppelmoral der Gesellschaft um“, und sprach von einem Abenteuer, in dem er „die Verstrickung von Geld, Leidenschaft, Moral und Politik […] ’spannend, aber schwierig‘ finde“. (Quelle: http://www.ksta.de/27871966 ©2017)

Von Doppelmoral kann hier aber nur bei einem Protagonisten die Rede sein: Bei den „Bläck Fööss“. Es geht hier doch gar nicht um Prostitution an sich, sondern um die Ausbeutung von Frauen, an der sich die Band beteiligt. Haltung zeigen – das bedeutet, eine Überzeugung zu haben und zu ihr zu stehen – und nicht, sich bei der erstbesten Gelegenheit von schmutzig erworbenem Geld korrumpieren zu lassen. Schmutzig ist das Geld nicht, weil die Prostituierten es auf eine vermeintlich unsaubere Art erworben hätten, schmutzig ist es deshalb, weil der Bordellbetreiber die Frauen ausbeutet. Daß die Band sich darüber hinaus vor den Werbekarren einer Anstalt spannen läßt, die de facto die Erniedrigung von Frauen und Männern zum Ziel hat, kommt noch dazu.

Ich werde die Band in Zukunft boykottieren. Gut, das ist ungefähr so wirksam wie die Ankündigung, bei der verbrecherischen deutschen Autoindustrie künftig kein Auto mehr zu kaufen – ich brauche gar kein Auto, und kölschen Heimatklängen bin ich sowieso immer aus dem Weg gegangen. Aber egal – meine Sympathien haben sie nun komplett verspielt.

Aachener Weiher/Roonstr.


Aus der Reihe „Bibelsprüche, die ich mag“: „Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen“ – und trotzdem geht es ihnen nicht schlecht. Oder gerade deswegen. Familie Schwan beim Abendputz.

Ganz anders dagegen Homo sapiens: Schon früh müssen die Nachkommen das harte Geschäft des Kapitalismus einüben. Wenn es mal nicht so gut läuft, ist es immer gut, Pause zu machen und Proviant dabei zu haben – vorzugsweise Eis und Schokolade.

Alte Wallgasse

Barbara-Schock-Werner, Kunsthistorikerin und ehemalige Dombaumeisterin, hat kein Blog, sondern in der hiesigen Tageszeitung eine unregelmäßig erscheinende  Serie: Mit Sachverstand und offenen Augen beschreibt sie Dinge und Umstände, die ihr in der Stadt auffallen. Ich bin nicht immer ihrer Meinung, aber erfreulich ist, daß sie überhaupt eine hat, die sie wortreich und resolut begründen kann – erfrischend anders, als das Blabla, was man sonst so oft hört. In ihrem letzten Beitrag nimmt sie sich der Sgraffiti an (nicht zu verwechseln mit Graffiti-Kunst): Putzschichten verschiedener Farben werden übereinander gelegt, und solange sie noch feucht sind, stellenweise wieder abgeschabt, sodaß ein Bild entsteht. Diese Kunsttechnik gibt es schon sehr lange, besonders in der Renaissance war sie beliebt. Typisch sind sie in Deutschland auch für den Fassadenschmuck der 50er-Jahre-Bauten, als man von Historismus-Ornamenten nichts mehr hören wollte (man hielt sie durch die Nazivergangenheit für zu stark belastet). Durch die zunehmende Modernisierung, so Schock-Werner, seien die Sgraffiti-Kunstwerke nun immer mehr in Gefahr: Aus Energiepargründen erhalten viele Häuser eine neue Wärmedämmung, die Kunstwerke verschwinden dann einfach hinter Styropor. Oder das Haus wird neu angestrichen, und weil man keinen zusätzlichen Ärger haben will, werden die Sgraffiti einfach zugeputzt. Der Denkmalschutz könne da gar nichts machen, so Schock-Werner weiter: Wenn das Haus nicht unter Denkmalschutz steht – und welches normale Wohnhaus aus den 50ern tut das schon – dann auch nicht eine einzelne Wand.

Also hat sie eine kleine Aktion ins Leben gerufen: „Rettet die Sgraffiti!“ Die Leser der Tageszeitung sollen ihr Fotos von ihnen bekannten Sgraffiti schicken, mit Angabe der Adresse, vielleicht entsteht so zumindest eine Dokumentation dieser Kunstwerke, wenn nicht sogar ein Bildband. Ich mach mit, ein Sgraffito habe ich schon.

Das Bild oben ist es nicht – das kennt sie schon und gibt interessantes Hintergrundwissen preis: Es stellt ein Kölner Original dar, den Maler Heinrich Peter Bock (1822 bis 1878), von dem aber nie jemand jemals ein Bild gesehen hat – der Zeichenblock unter seinem Arm war ihm Ausweis genug. Wenn jemand in Köln groß Gebutstag feierte, konnte man sicher sein, daß er auftauchte und Blumen mitbrachte, die er vorher in öffentlichen Rabatten gepflückt hatte – er wußte nicht nur, was sich gehört, sondern war immer zuvorkommend und konnte sich gewählt ausdrücken, weshalb man ihn nicht abwies. Tja, auch eine Art, angenehm durch’s Leben zu kommen.

Rheinboulevard

Wenn man das Wort „Landschaft“ hört, stellt man sich unwillkürlich wohl meist Felder, Wälder und Wiesen vor. Aber es gibt auch Stadtlandschaften, die architektonisch gebildet werden, und wenn man das nach Ansicht des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla) besonders gut gemacht hat, gibt es dafür einen Preis: Der Deutsche „Landschaftsarchitektur-Preis 2017“ geht an ein Berliner Architekturbüro für den Rheinboulevard in Köln Deutz (über den ich hier und hier schonmal berichtet habe).

Früher war hier nur ein olle Kaimauer, jetzt versammeln sich hier auf einer Länge von 500 Metern an warmen Wochenendabenden zwischen 1.000 und 1.500 Besucher. Darunter sind leider auch junge Leute zwischen 15 und 25. Als ich so alt war, war es mir manchmal auch egal, ob ich andere Leute störe, und heutzutage ist das natürlich alles noch viel enthemmter: Gruppenweise kommen sie aus allen Teilen Kölns hierher, bringen günstigen Alkohol aus dem Supermarkt und Schishas mit, also Wasserpfeifen, mit denen auch andere Drogen als Tabak geraucht werden können und deren glühende Kohle gerne mal auf den schönen weißen Treppenstein fällt, dazu Ghettoblaster-Beschallung – man möchte es ja gemütlich haben. Und wenn man Hunger hat, wird kurzerhand ein Grill aufgestellt. Nicht selten passiert es dann, daß ein junger Mann aus der einen Gruppe einen jungen Mann aus der anderen Gruppe anschaut, der dann daraufhin fragt: „Was guckst Du!!“ – und schon ist die schönste Massenschlägerei im Gange.

Die Stadt setzt vermehrt Streetworker ein, die zwar keinerlei Vollmachten haben, aber immerhin die Polizei rufen können, die sogar den gesamten Bereich bereits einmal evakuiert hat, da Streithähne Pfefferspray benutzt hatten. Stadtrat und -verwaltung reagieren geschockt – so hatte man sich das nicht vorgestellt, also müssen schnell neue Regeln her.

Schishas, Lagerfeuer, Grillen, laute Musik und das so beliebte Mülleimertreten (tatsächlich sind alle Mülleimer fest installiert, aber man kann ja nie wissen) sind ab sofort verboten, Papierschnipsel in ein Behältnis rieseln lassen, das Ausführen von Eisbären und dem Hund freundlich die Hand reichen, selbst wenn der einem den Hintern zudreht, sind nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht.

Früher war hier nur eine alte Kaimauer, auf der ich oft gesessen habe, selbst, als ich nicht mehr in diesem Viertel wohnte. Heute – 25 Millionen Euro später – ist mir die Lust vergangen, mich hier aufzuhalten.

Musik in der Altstadt

Das liest man ja immer wieder: Wilde Tiere wie Wildschweine und Bären passen sich dem Lebensraum der Menschen an, um davon zu profitieren. Dieses Exemplar ist modisch noch nicht ganz sicher, aber auf gutem Wege.

Straßenmusik macht Spaß – solange man weitergehen kann, wenn man genug hat. Daß Anwohner manchmal wütend werden, kann ich durchaus verstehen.

Adenauer und Datendiebstahl

Konrad Adenauer ist gestorben, deshalb liegen die Kränze und Blumen an seinem Denkmal. Ja, aber … ist das nicht schon eine ganze Weile her? Das ist es ja gerade: Genau 50 Jahre, ein Jubiläum – na, wenn das kein Grund zum Jubeln ist! Im Fernsehen laufen Sondersendungen, Reden werden gehalten, nicht nur von Bundeskanzleramtschef Altmeier, nein, sogar von seiner Chefin selbst: „Wir verneigen uns in großer Dankbarkeit …“ und so weiter, immer nach dem Motto: Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen. Adolf Hitler, auch tot, war ein Maler. Daß man über Tote nichts Schlechtes sagen soll, rührt her von dem ins Lateinische übertragenen Spruch „de mortuis nihil nisi bene“ des griechischen Gelehrten Chilon von Sparta, der meist  falsch so übersetzt wird: „Von Toten sage nichts als Gutes“. Richtig übersetzt heißt es: „Von Toten nichts als auf gute Weise“, was bedeutet, daß man sich über Verstorbene nicht beleidigend oder verleumderisch äußern soll, da sie sich nicht mehr wehren können. Nach dieser Bedeutung darf man von Adenauer aber sehr wohl sagen, daß er ein restauratives Nachkriegsdeutschland geschaffen hat, in dem noch lange Zeit die alten Nazis an wichtigen Schalthebeln saßen. Wie auch immer: Wieso man ein Jubelfest veranstaltet anläßlich eines „runden“ Todestages, erschließt sich mir nicht ganz – vermutlich ist das nur eine dumme Angewohnheit, irgendjemand hat mal damit angefangen, und da sich irgendwelche Nachgeborenen zu diesem Anlaß wichtig tun können und die Tageszeitung mit einer wochenlangen Serie zum Verstorbenen ihre Seiten  füllen kann, macht man das immer weiter. Wenn ich 20 oder 50 Jahre tot bin – laßt das bitte mit dem Feiern, ja?

Aber das wollte ich eigentlich alles gar nicht erzählen. Der Anlaß für das Foto ist die halbkaputte Absperrbake, die da einsam und allein völlig sinnlos auf dem Apostelnplatz steht. Ab und zu, wenn Saure-Gurken-Zeit ist (oder was weiß ich, warum), läuft ein Tageszeitungsreporter (oder auch ein Stadtprominenter in Begleitung eines solchen) durch die Stadt, macht von unmöglichen, dreckigen, verwahrlosten Orten Fotos und hat schön schnell einen Zeitungsbericht zusammen über die Häßlichkeit der Stadt, wahlweise über die Verantwortungslosigkeit der Bürger, die Weltfremdheit des Rates oder die Funktionsuntüchtigkeit der Stadtverwaltung – oder alles zusammen. Die erwartbare Leserbriefflut füllt zusätzliche Seiten, und das über Wochen. In der Stadtverwaltung hat man sich daraufhin was Schönes ausgedacht: Man entwickelte die App „Sag’s uns“: Vorausgesetzt, man hat ein Smartphone, kann man immer dann, wenn einem irgendetwas auffällt, wie z.B. diese verwaiste Absperrbake“, die Stadtverwaltung darüber informieren, die sogleich für Abhilfe sorgt und den Mißstand beseitigt.

Seit ein paar Tagen nun gibt es eine neue Version der App, viel besser als die alte: Nicht nur, daß man mit ihr weiterhin Mängel melden kann, nein, es werden auch alle auf dem Smartphone gespeicherten Kalenderdaten, Fotos und andere Medien sowie andere Dateien auf den städtischen Server gezogen. Selbstverständlich können die Nutzer das auch ablehnen – dann funktioniert allerdings die ganz App nicht mehr. Auf die Frage, was das solle, antwortet man, die neue App erfordere das halt. Tja, da kann man nichts machen, bei einer solchen stichhaltigen Begründung – das muß man so hinnehmen und einsehen. Als Datendiebstahl kann man das nicht bezeichnen, das ist alles ganz legal. Und es hat auch Vorteile, daß die Stadtverwaltung ihre Bürger ausspioniert: Wenn ich an meinem Todestag im Kalender notiere, datiert auf 50 Jahre später: „Heute für mich keine Jubelfeier!“ – dann weiß man das in der Verwaltung schon und muß keine Anstrengungen unternehmen.