Spaziergänge in Zeiten von Corona (10)

Lange Zeit war nicht klar, ob der Weihnachtsmarkt am Schokoladenmuseum mit einem eigens erstellten Hygienekonzept nicht doch öffnen könnte, aber seit der Verlängerung des kleinen Lockdowns steht fest: In diesem Jahr gar keine Weihnachtsmärkte.

Dennoch braucht man auf weihnachtliche Stimmung nicht zu verzichten: Vereinzelt stehen Buden auf Plätzen, verkaufen Scchokofrüchte, Lebkuchenherzen und Mandeln.

Hier gibt es sogar Glühwein.

In einigen Vierteln gibt es Glühweinwanderwege. Der durchs Studentenviertel dauert 20 Minuten, allerdings nur, wenn man nirgendwo stehen bleibt.

Da die Kneipen und Restaurants eigentlich geschlossen sind, machen sie einen sogenannten Fensterverkauf. Hier bei „Oma Kleinmann“ kann man sogar ein Schnitzelbrötchen bestellen.

Der Glühwein schmeckt sehr viel besser als das Billiggesöff, das man normalerweise auf Weihnachtsmärkten bekommt. Hier schmeckt man echte Gewürze heraus. Der Nachteil: Aus Hygienegründen gibt es die Getränke nur in Pappbechern.

Der Kölner Express erklärt derweil mit „Experten“ (aus welchem Bereich, weiß man nicht), wie es weitergeht mit der Pandemie: Die Leute stellen sich auf die Domplatte, dann spritzt der Impfstoff oben aus den Türmen, und zack! – alle sind immun. Hallelujah! Die katholische Kirche verspricht sich davon eine Zunahme der christlichen Sektenmitgliederanzahl … oder wie? Jedenfalls – beim Express trinkt man offensichtlich ganz gern mal ein paar Tetrapacks Glühwein. Wenn man gleich zum Frühstück damit anfängt, hat man am Abend eine Palette davon vernichtet. Irgendwo muß das Zeug ja hin.

Spaziergänge in Zeiten von Corona (9)

Auf dem Neumarkt stand neulich eine Kunstinstallation, die so sinnfällig ist, daß jeder sofort weiß oder ahnt, wie sie zu verstehen ist.

111 in Absperrband eingewickelte Gestalten, alle in gebührendem Abstand zueinander – das trifft wohl zur Zeit das Lebensgefühl vieler.

Die Installation trägt den Titel „It is like it is“ und ist ein Mahnmal zur – man muß es ja kaum extra erwähnen – Coronakrise.

Auf einem Informationszettel steht folgendes: „‚It is like it is‘ zeigt auf berührende Weise den hohen Stellenwert der Kunst. Schon im Alltag wichtig und wertvoll, ist sie gerade jetzt ein kostbares Element im Überlebenskampf der Gesellschaft. Denn sie verbindet, wo keine Verbindung mehr besteht, und sie särkt unsere Zuversicht, weil sie sichtbar macht, was als gesichtsloser, düsterer Spuk durch unsere Gedanken geistert.“ Dem kann ich vorbehaltlos zustimmen.

Der Künstler heißt Dennis Josef Meseg und ist Student (Bildhauerei) an der „Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft“.

Kleiner Tipp für die, die in der Nähe wohnen: Am Sonntag, den 29.11., gibt es eine weitere, noch umfangreichere Installation des Künstlers auf dem Kölner Roncalliplatz (gleich neben dem Dom) zu sehen.

Spaziergänge in Zeiten von Corona (8)

Ein Haufen Fanpost erreicht mich: Was denn nun los gewesen sei in Köln am 11.11. Ich sag’s euch: Nicht viel. Natürlich war ich als rasender Reporter unterwegs, um alles genau zu dokumentieren. Der Rathenauplatz, ein kleiner Park im Studentenviertel, war wie jedes Jahr zu den Karnevalsausschreitungen komplett umzäunt und bewacht, da er sonst gern von den Saufenden als großes Klo benutzt wird.

Allerdings, wie man ein paar Meter weiter sehen kann: Völlig umsonst, kein Wildpinkler zu sehen. Das ist die Hauptstraße des Studentenviertels, einer der Feierhotspots der Stadt. Wenn die Sauferei beginnt, ist es so voll, daß die Straßenbahn ihre Fahrten einstellt, und sein Auto sollte man vorher unbedingt woanders parken. Kneipe neben Kneipe, durchsetzt mit Imbissen – alle geschlossen oder mit Außer-Haus-Verkauf. Alkoholtrinkverbot in der Öffentlichkeit und Alkoholverkaufsverbot für 24 Stunden, selbst im Supermarkt bekam man kein Bier. An der Ecke standen ein paar Ordnungskräfte und warteten … und warteten …
Später habe ich gehört, daß 53 Ordnungswidrigkeiten aufgenommen wurden – gegen Falschparker.

Auf dem Ring, wie in der ganzen Innenstadt, viel Polizei. Ist ihnen doch zu gönnen, daß sie auch mal eine ruhige Kugel schieben können.

Am Zülpicher Platz, dem Eingang zum Studentenviertel, war ein großer LED-Bildschirm mit wechselnden Motiven angebracht, alle mit der Aussage: Heute nicht, kein Singen, Saufen, Herumgrölen, Wildpinkeln, In-Hauseingänge-Kotzen und -Kacken. Och, wie schade. Gut, da stand nur Singen, aber das andere war mitgemeint.

Da! Erwischt, doch ein paar Unermüdliche, allerdings auf Fahrrädern. Als ich da so herumstand, hörte ich mit einem Ohr, wie sich zwei von ihnen mit Passanten unterhielten: Man war sich einig, so ein Quatsch, wegen einer Erkältung den ganzen Karneval abzusagen, gestorben werde immer, das sei doch überhaupt kein Unterschied, und da jetzt so ein Aufhebens wegen eines Schnupfenvirus‘ … usw. Das höre ich öfter: Stirbt doch gar keiner, höchstens ein ganz paar, wenn das nicht Beweis genug ist für finstere Machenschaften im Hintergrund. Können die Leute nicht lesen? Haben sie vielleicht kein Internet, können nicht mit einer Suchmaschine umgehen?

Das ist ein Screenshot von einer Tabelle, die die Anzahl der Gestorbenen in Europa seit 2017 anzeigt. Die schwarze gestrichelte Linie ist der erwartete Verlauf, der sich aus dem Durchschnitt vorhergehender Jahre ergibt, die durchgehende blaue zeigt den tatsächlichen Verlauf. Zwischen der 8. und der 14. Woche 2020 (Mitte Februar bis Ende März/Anfang April) schnellt die Kurve nach oben: Statt der erwarteten 53.600 starben in der 14. Woche 89.000 Menschen. Coronaleugner, was ist da wohl passiert? Plötzliche Flugzeugabstürze? Unfälle? Eine spontane Suizidwelle? Dank der Regierungsmaßnahmen europaweit normalisierte sich die Übersterblichkeit zwischen der 14. und der 23. Woche (Anfang Juni) langsam. In der 36. Woche (Anfang September) ging es wieder los, bis zur 45. Woche (Anfang November) stieg die Todeskurve wieder an, und wenn man nicht darauf reagiert hätte, würde sie wahrscheinlich heute noch steigen. (Quelle: https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps)

In den USA sind zwischen März und heute über 250.000 Menschen an und mit Corona gestorben. Aber – ist das ein Argument? In den USA feiert man doch gar keinen Karneval.

Spaziergänge in Zeiten von Corona (7)

Nach meinem Eindruck schwankt die Stimmung in der Stadt in diesem „kleinen“ Lockdown zwischen Gelassenheit und leichter Hysterie, die besonders die öffentlichen Anordnungen betrifft. In dieser Konditorei nimmt man die Situation mit angemessenem Humor und ist hocherfreut über die Aufmerksamkeit, als ich frage, ob ich ein Foto machen darf.

Ich hatte mir angewöhnt, erst nach 22 Uhr einzukaufen, kaum Leute im Supermarkt, da ist man schnell durch, und das Ansteckungsrisiko ist gleich Null. Als ich vor ein paar Tagen eine Flasche Bier zu meinen anderen Einkäufen aufs Band legte, sagte mir der Kassierer, das könne er leider nicht mehr verbuchen, den Grund kenne er auch nicht. Ich machte ein bißchen Rabatz, der Türsteher eilte herbei und gab mir recht: Seit Monaten gab es ein Alkoholverkaufsverbot ab 23 Uhr, es war erst kurz nach zehn, aber was soll man machen, der Filialleiter war nicht mehr da, die Kasse nahm das einfach nicht an, also zog ich verdrossen von dannen. Wie sich später herausstellte, hatte die Stadtverwaltung bereits eine Woche vorher neue Corona-bedingte Einschränkungen in einem Amtsblatt verkündet, ohne das weiter mitzuteilen. Vielleicht stand es im „Kölner Stadtanzeiger“, aber wenn man den nicht mehr liest, blieb man uninformiert. Und in dem Amtsblatt steht, daß Alkohol seit dem 2. November bereits nach 22 Uhr nicht mehr verkauft werden darf. Natürlich ist das kompletter Blödsinn: Die Straßen sind leer, da alle Kneipen, Bars und Restaurants geschlossen sind. Wer unbedingt privat Parties feiern will, für den ist es egal, ob er sich vor 22 oder vor 23 Uhr mit Alkoholika eindeckt. Selbst ich, der nur ein Feierabendbier trinken möchte, weiß jetzt, daß ich früher einkaufen muß – blöderweise mit erhöhtem Risiko, da viel mehr Kunden im Supermarkt sind. Eine kleine und völlig sinnlose Anordnung – glücklicherweise wußte mein Stammkiosk auch noch nichts davon, so daß ich an dem Abend doch noch zu meinem Bier kam.

Alkoholverzehrverbot in der Öffentlichkeit herrscht heute bereits seit 6 Uhr, bis morgen 6 Uhr: Es ist der 11.11., Beginn der Karnevalssession, was normalweise mit tausenden Feiernden, also Saufenden, gefeiert wird. Wie jedes Jahr stellt die Stadt schon mal am Rand des Studentenviertels Absperrungen bereit, die normalerweise dazu dienen, die Straßen vom Autoverkehr abzusperren. In diesem Jahr – die Stadt traut ihren Bürgern nicht – rechnet man trotz des Karnevalsverbots mit unverbesserlich Feierwilligen, die es abzuhalten gilt. Alles hat zu, keine Karnvelsschlager, keine „superjeile Zick“, kein Alkohol – was sollte hier jemand suchen? Gut, wer das Amtsblatt nicht gelesen hat, weiß vielleicht nichts davon. Egal, die Stadt ist gewappnet. Und vielleicht hat sie recht: Es gibt leider viele, denen es völlig egal ist, ob sie jemanden anstecken und eventuell umbringen, solange es nur nicht sie selbst oder die eigene Familie betrifft.

Wer hier ohne Maske eintritt, wird erschossen. Der Laden ist inzwischen dicht, die Drohung geht ins Leere. Aber auch in bestimmten Straßen gilt die Maskenpflicht, und welche das sind – steht in dem Amtsblatt. Am besten macht man sich einen Ausdruck, um kein Bußgeld zu riskieren, oder macht es wie ich, sobald ich die Haustür verlasse, setze ich die Maske auf.

Damit man mich nicht mißversteht: Ich halte die Maske für wichtig und sinnvoll, und ich habe kein Verständnis für die 20.000 Covidioten, die neulich in Leipzig überwiegend maskenlos gegen die Corona-bedingten Einschränkungen demonstrierten. Moment – „Covidioten“ soll man nicht mehr sagen, habe ich kürzlich im Fernsehen gehört, das sei beleidigend und verhindere den Dialog mit Coronamaßnahmenkritikern, die ja zum Teil berechtigte Einwände hätten. Okay.

Im Oktober hat es in Tokyo eine Studie gegeben, in der nachgwiesen wurde, daß schon eine einfache Baumwollmaske bis zu 70% der Viren einer infizierten Person abhält, aber viel weniger, wenn man als Maskenträger einer infizierten Person gegenüber steht. Eine Maske schützt also vor allem die anderen, wenn man – vielleicht ohne Symptome und ohne eigenes Wissen – selbst infiziert ist. Das ist den … Coronamaßnahmenkritikern aber völlig egal.

Zu Anfang der Pandemie empfahl ein geschätzter Blog-Kollege, ich solle mir doch einmal die Videos eines coronakritischen Hals-Nasen-Ohren-Arztes ansehen: Ich war entsetzt über den hetzenden Ton, den Unsachverstand des Arztes – und über die Empfehlung des Blog-Kollegen. Eben diesen Arzt sah ich neulich am Rande einer Demo in eine Fernsehkamera sprechen: Die Coronaschutzmaske sei der neue Hitlergruß. Wie bitte? Laufen neuerdings Neonazis mit einer Maske durch die Gegend und glauben, sich gegenseitig daran erkennen zu können? Dann sollte doch mindestens ein Hakenkreuz darauf gemalt sein, oder? Nein, so ist es natürlich nicht gemeint. Der Arzt behauptet, daß Leute die Maske tragen, damit sie ihre Ruhe haben, obwohl sie überzeugt sind, daß sie keine Wirkung hat – wie damals im Dritten Reich, als viele ihren Arm zum Hitlergruß reckten, um sich bei der Gestapo nicht verdächtig zu machen. Daraus folgt: Wer die Maske nicht trägt, ist ein Widerstandskämpfer.

Mal davon abgesehen, daß der HNO-Arzt durch diese Gleichsetzung die Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime verhöhnt, die ihr Leben einsetzten gegen eine Barbarei, wie sie die Welt selten gesehen hat, gegen Folter und KZ und Genozid der Juden, der Sinti und Roma, gegen die Vernichtung von Behinderten und Andersdenkenden – der Vergleich ist so dumm, da fehlen mir fast die Worte. Ein Maskenverweigerer hat mit einer Verwarnung und – bei Nichtbeachtung – mit einem Bußgeld zu rechnen. Dann kann er nach Hause fahren, sich weiterhin den Blödsinn seines Hals-Nasen-Ohren-Helden auf Youtube anhören und sich auf Twitter mit Beschwerden über – wissenschaftlich fundierte – Einschränkungen seiner Grundrechte aufregen, ohne daß ihm irgendwas passiert. Ja, er kann sogar andere Leute anstecken und unter Umständen umbringen, ohne daß das für ihn irgendwelche Konsequenzen hat. Zur Erinnerung: Den Ausdruck „Covidioten“ sollen wir nicht mehr benutzen. Schwer.

Die Studie über die Wirksamkeit von Masken wird hier in deutscher Sprache erklärt, die Originalstudie in Englisch findet ihr hier.

Wir gehen viel spazieren in diesem wundervollen Herbst …

… und essen selbstgebackenen Schokoladenkuchen mit Vanillesoße. Man muß sich zu helfen wissen.

Autumn in Cologne

Herrlicher goldener Oktober heute am Aachener Weiher …

… und im benachbarten Hiroshima-Nagasaki-Park. Der warme Wind wirbelt bunte Blätter über Wege und Wiesen, die Sonne scheint mild und macht die Farben satt. Ein Lied habe ich die ganze Zeit im Ohr …

Gut, Köln ist nicht New York, und das Video ist auch schon ein paar Jahre alt, aber den Song kann man sich gut mal wieder anhören. An einer Stelle singt Billie Holiday „You’ll need no castles in Spain“, und ich habe mich lange Zeit gefragt: Wieso ausgerechnet in Spanien? Durch Zufall fand ich heraus, daß „castles in Spain“ eine idiomatische Wendung ist und „Luftschlösser“ bedeutet.
Auf dem Rückweg komme ich an Café Braun vorbei, magisch zieht es mich hinein, heute muß es mal wieder ein Stück Birne Helene sein … halt, dazu hatte ich doch auch mal einen guten Song:

Da ist er. „Ich habe dich verhext“, scheint der Kuchen zu mir zu sagen – das stimmt, ich kann nicht widerstehen – „… weil du mir gehörst.“ Mooment – das wollen wir doch erstmal sehen, wer hier den Zugriff auf wen hat.

Quod erat demonstrandum.

Herbst

Ich mag die Jahreszeit, wenn sie nicht zu naß ist: Seltene Vögel spreizen ihr Gefieder, um gen Süden zu ziehen.

Auf der Herbstkirmes kann man Karussel fahren … moment, Kirmes? Ist natürlich Quatsch, gibt es nicht in diesem Jahr, so wenig wie Frühlings- und Schützenfeste. Keine Bratwurst, kein Popcorn, kein Backfisch und kein Liebesapfel – ich vermisse das alles nicht, aber für die Schausteller ist es natürlich bitter, ein ganzjähriger Verdienstausfall, wie soll man das überstehen? Das Riesenrad steht schon seit Monaten vorm Schokoladenmuseum, in einer Gondel sitzt man nicht mit Fremden, da besteht keine Ansteckungsgefahr.

Drachensteigenlassen ist auch ein ungefährliches Vergnügen.

Der beißt nicht, der will nur spielen. Aber vorsicht: Manchmal speien sie Feuer. Das habe ich jedenfalls mal irgendwo im Internet gelesen. Das „Irgendwo im Internet“ ist auch die bevorzugte Informationsquelle von Coronakritikexperten, also muß es stimmen, das mit dem Drachenfeuer.

Schön leer ist es hier. Egal, wie es kommt: Spazierengehen geht immer. Und zu Hause backt man sich einen leckeren Kuchen.

Spaziergänge in Zeiten von Corona (6)

Ruhig, zuversichtlich und hoffnungsvoll – so sollen wir das Virus stoppen. Zur Sicherheit sollen wir aber 1,50 Meter voneinander Abstand halten, wenn wir dieses Geschäft betreten.

Was für eine Zumutung! – findet man auf dieser Demo letzten Samstag am Aachener Weiher. Ungefähr 30 Leute demonstrieren gegen die Einschränkungen unserer Grundrechte. Vorneweg ein Wagen mit Lautsprechern: „Für Liebe, gegen Gewalt!“ – das kann ich unterschreiben. „Wir fordern einen Coronauntersuchungsausschuß!“ Hm, wer soll da untersucht werden?

„Name, Herkunft, Wohnort, bitte!“ – „Meine Name, Herrr Vorsitzender, ist Corona, manchmal nennt man mich auch Covid 19. Ursprünglich komme ich aus einem chinesischen Wald, aber mein Wohnort ist international.“ – „Ahaa, also obdachlos!“ – „Aber nein, ich wohne überall, ‚wherever I lay my hat, I’m at home‘, hehe.“ – „Sie werden beschuldigt, die ganze Menschheit zu vergiften und den Tod von Hunderttausenden billigend in Kauf zu nehmen.“ – „Aber Herr Vorsitzender, ich bin unschuldig, es geht nur ums Überleben meiner Art. Ich wäre gern im chinesischen Wald geblieben, aber der Mensch hat mich unter seinesgleichen getragen, ohne mich zu fragen, mich trifft keine Schuld …“. – „Ausflüchte! Sie verbreiten sich rücksichtslos, gehen dabei über Leichen, und was haben Sie am Ende gewonnen, wenn kein Opfer mehr übrig bleibt? Sie rotten sich doch selbst aus!“ – „Ja, blöd, das stimmt, Herr Vorsitzender, aber das können Sie mir nicht vorwerfen, der Mensch macht das doch auch …“.

„Schluß mit dem Lockdown!“ – ist eine weiter Forderung der Demonstranten. Welcher Lockdown? Im Park versammeln sich die Leute, als wäre nie was gewesen.

Hier wird getanzt und gegrillt, von „neuer“ Normalität kann nicht die Rede sein. Das ist zwar nicht der Ballermann, aber es gibt Orte in Köln, wo es so ähnlich aussieht, besonders am Wochenende. Selbst, wenn die Polizei Hotspots mit hunderten Feiernden (d.h. Saufenden) auflöst, treffen sie sich kurz darauf an einem anderen Platz. Also ist jemand darauf gekommen, von freitags bis sonntags eine der Ausfallstraßen, die Vogelsanger Str., auf Höhe des Grüngürtelparks für den Verkehr zu sperren, Bierbuden mit Bänken und Tischen aufzustellen und somit Platz für 1.000 Leute zu schaffen, damit sich die Zusammenballungen in der Innenstadt entzerren. Ich bin gespannt, ob das funktioniert. Man hat das schon einmal versucht in der Vergangenheit, wegen Lärmbelästigung, aber da hat es nicht geklappt. Die Leute feiern, wo sie wollen, und ein weiterer Feierort ist eventuell eine zusätzliche Attraktion, die noch mehr Leute anlockt.

Was fällt hier auf? Nein, nicht, daß da keiner sitzt, der Laden ist halt noch geschlossen.

Hier sieht man es besser: Die Tische und Stühle stehen auf der Straße, da, wo normalerweise Parkplätze sind. Die Verwaltung hat den Kneipen und Restaurants erlaubt, ihre Außenbereiche um ein paar Parkplatzflächen zu erweitern, um den Umsatzeinbruch einzudämmen. Die Gäste wollen möglichst draußen sitzen, nicht nur wegen des schönen Wetters – das sowieso – sondern aus Angst vor Ansteckung. Die Angst ist berechtigt: Wie durch Studien inzwischen eindeutig belegt ist, verbreitet sich das Virus besonders gern durch das Aerosol, also durch die normale Atemluft mit all ihren Schwebeteilchen. Wenn man beispielsweise zu zweit für längere Zeit in einem schlechtdurchlüftetem Büroraum sitzt, und einer ist infiziert, wird der andere sich anstecken, völlig egal, ob beide eine Maske tragen oder nicht. In Kneipen und Restaurants ist die Gefahr natürlich noch höher, da sitzen unter Umständen mehr Leute als nur zwei, die dazu alle keine Maske tragen.
Autofahrer, die hier wohnen, haben das Nachsehen.

Am Rhein, auf Altstadthöhe, ist inzwischen wieder soviel los wie schon immer. Am Fuße des Museums Ludwig – ein besonders lukrativer Ort für Straßenkünstler – kann man aber doch sehen, daß die Leute Abstand halten, eine so aufgelockerte ‚Besetzung‘ der Treppen habe ich noch nie gesehen.

Das Café am Wallrafplatz hat auch wieder geöffnet – noch vor ein paar Wochen sah es so aus, als würde es endgültig geschlossen sein.

Die Tierschutzgruppe „Animal Rebellion“ protestiert gegen den profitorientierten Umgang mit Tieren, der uns letztlich die Coronakrise eingetragen habe.

Das Wasser von zwölf Brunnen in der Innenstadt ist rot eingefärbt, „Animals bleed for human greed“ (Tiere bluten für die Gier des Menschen) ist an die Umrandung gesprüht. Die Volksseele schäumt. Leute, beruhigt euch. Das ist doch harmlos, und in der Aussage berechtigt. Wir haben wirklich andere Probleme als gefärbtes Wasser.

Spaziergänge in Zeiten von Corona (5)

Endlich! Endlich kann man wieder Unterwäsche im Kaffeegeschäft kaufen, das wurde aber auch Zeit. Und auch alle anderen Geschäfte, in denen man kaufen kann, was kein Mensch braucht, haben wieder geöffnet, allein: Die Kunden wollen noch nicht wieder so richtig. Entweder, es fehlt ihnen aufgrund der Kurzarbeit das Geld, oder sie haben gemerkt, daß sie den Blödsinn eigentlich gar nicht brauchen, den sie sonst gekauft haben. Oder sie haben Angst und sind noch vorsichtig. Für die Geschäfte und die in ihnen Angestellten ist das natürlich schlecht, schließlich leben sie davon. Die ganze Gesellschaft lebt davon, daß konsumiert wird, egal was, Hauptsache, Umsatz wird gemacht. Irgendwo müssen ja auch die Steuereinnahmen herkommen, mit denen die Drecksschleuder Lufthansa gepampert wird. Arbeitsplätze – und damit wirtschaftliche Existenzen – stehen auf dem Spiel.

Was für ein absurdes System.

Bei mir um die Ecke gibt es eine Pfeffer-Boutique. Wahrscheinlich furchtbar nette Leute, die das betreiben, und wahrscheinlich segeln sie schon immer am Rande der Insolvenz. Jetzt, in Corona-Zeiten, wäre es wahrscheinlich ein Zeichen der Solidarität, wenn ich da Pfefferkörner kaufe, die vielleicht in den Gedärmen von andalusischen Katzen fermentiert wurden, ich stelle mir vor: 5 Gramm für 82,75 Euro. Daß ich überhaupt keinen Wert darauf lege, es vielleicht sogar eher ekelig finde, spielt keine Rolle, ich kann es dann ja wegwerfen, Hauptsache, ich hab’s gekauft, um den Laden zu retten.

Die Damen aus dem Kaffeegeschäft geben übrigens ein schlechtes Beispiel ab: Sie tragen keine Masken.

„Glücklichsein bedeutet das Beste aus allem zu machen“, steht da auf der Tasse, und wenn die Kunden in Not sind, können die Umstände kaum günstiger sein: Zehn Einmal-Papier-Masken für 20 Euro, das ist so, als würde man eine Packung Tempotaschentücher für den selben Preis anbieten. Das war direkt nach Einführung der Maskenpflicht. „Glücklichsein bedeutet das Meiste für sich herauszuholen“ klingt zynisch, ist aber ehrlicher. In einem Laden sah ich Masken für 28 Euro das Stück, da war dann aber auch irgendein Modelabel aufgedruckt. Corona kennt keine Klassenunterschiede? Ha, das wäre doch gelacht!

Das Café mit der schönen Aussicht auf den Rhein ist meist so gut besucht, daß man keinen Platz findet. Inzwischen wird es die Anzahl der Tische halbiert haben, aber da noch keine Touristenscharen das Schokoladenmuseum überschwemmen, wie es normalerweise der Fall ist, hat man vielleicht gute Chancen, einen Platz zu finden.

Diesen Gedanken haben allerdings viele: Neulich saß ich in einer Regionalbahn, die völlig überfüllt war von Leuten mit Fahrrädern, die vermutlich (wie ich) alle dachten: Wer wird denn so blöd sein, sich an Fronleichnam in einen Zug zu setzen – wahrscheinlich sind wir die einzigen Fahrgäste. Tatsächlich waren dann zwei Drittel der Plätze mit den Rädern versperrt, und die Leute saßen so eng zusammen wie zur rush hour.

Umständlich werden hier Plexiglasscheiben installiert, damit mehr als zwei Leute  an einem Tisch sitzen können. Ein paar Meter weiter …

… werden die Tische so ungefähr einsfünfzig voneinander entfernt aufgestellt, und wenn man abends daran vorbei läuft, kann man sehen, daß die Leute so dicht zusammensitzen, als gäbe es keine Pandemie. Freilich sind das alles Feldversuche aus Blödheit, aber bislang scheint es so, als würde es gutgehen.

Neulich wollten meine Begleiterin und ich nach einer längeren Wanderung in einem Außenbereich eines Brauhauses etwas essen. Es war nicht sehr voll, wir hatten die freie Platzwahl – dachten wir. Statt die Tische und Bänke einfach wegzuräumen, klebten Zettel darauf, daß man hier leider nicht sitzen dürfe. Unschlüssig standen wir herum und hatten die Wahl zwischen einem Platz in der prallen Sonne oder dem Weg nach draußen. Der Kellner sah unser Dilemma und setzt uns einfach an einen der gesperrten Tische. Das war zwar eigentlich nicht in Ordnung, aber eine pragmatische Lösung, denn wir saßen weit genug entfernt von anderen Besuchern. Allerdings: Da wir quasi an einem „illegalen“ Tisch saßen, wurden von uns auch keine Kontaktdaten registriert. Wenn wir Infizierte gewesen wären, hätte man das zu uns nicht zurückverfolgen können. Wie gesagt: Riskante Feldversuche.

Frisöre dürfen wieder frisieren, allerdings nur mit vielen Auflagen. Wenn man sich unsicher ist, rennt man schnell nach draußen, guckt auf die Piktogramme – und wundert sich nicht mehr, wieso man eigentlich keinen Kaffee mehr angeboten bekommt. Übrigens: Das habe ich mich noch nie getraut, beim Frisör einen Kaffee zu trinken. Der wird ja nicht vor meinen Augen aus einem Vollautomaten gezogen, sondern aus dubiosen, hinter Vorhängen versteckten Hinterzimmern geholt, wo wahrscheinlich eine Kaffeemaschine steht, wie man sie früher in Imbissen sehen konnte: Eine Glaskanne mit einer schwarzen Flüssigkeit auf einer Warmhalteplatte, die schon seit Stunden darauf wartete, mal wieder berührt zu werden.

Mein Frisör hat den Preis für einen einfachen Herrenschnitt coronabedingt um 20% erhöht. Das haben wir so hinzunehmen, die Kunden müssen Opfer bringen, um den Betrieb zu retten. Unternehmer müssen Gewinn machen, sonst lohnt sich der ganze Aufwand nicht, und wir Sklaven Angestellten hätten keine Mittel, um unseren Vermietern das Geld zu geben für den Ort, an dem wir in Ruhe schlafen können, um ausgeruht genug zu sein, um für unseren Arbeitgeber arbeiten zu können.

Die überflüssigen Elektroroller werden jetzt mit Masken ausgestattet? Das nenn ich Service.

Es gibt auffallend viele Werbetafeln und Litfaßsäulen ohne Werbung. Aber vielleicht ist das auch nur Zufall.

Auf dem Chlodwigplatz, eine Demo gegen Coronaeinschränkungen: Kinder können nicht mehr zur Schule gehen und müssen die ganze Zeit mit ihren Eltern verbringen. Schlimm. Und jetzt kommen auch noch die Sommerferien – wie können wir so grausam sein.

Rassismus ist nicht nur ein Problem der Schwarzen, sondern der ganzen Gesellschaft, will diese verkürzte Formel sagen. Das stimmt.

Vor diesem Sneaker-Geschäft kampieren manchmal junge Leute mehrere Tage lang, um zu den Ersten zu gehören, die sich sündhaft teure Exklusiveditionen eines von einem Hiphop-Star gestalteten Schuhpaares kaufen können, nicht, um sie zu tragen, sondern um sie zu besitzen, also aus Sammlerehrgeiz. Und auch hier möchte man nicht abseits stehen im Kampf für Gerechtigkeit – und hängt sich mutig ein Plakat ins Fenster. Ein solches Verhalten nennt man wohlfeil.

Spaziergänge in Zeiten von Corona (4)

Besorgte Bürger beim Gespräch mit dem Corona-Beauftragten der Stadt. Ja, so jemanden hat nicht jeder. Die Lage ist aber auch unübersichtlich: Ein Virus, das es gar nicht gibt, wurde wahlweise in chinesischen oder amerikanischen Labors gezüchtet und wird durch 5G-Mobilfunkmasten aktiviert, weshalb man sie unbedingt abfackeln muß. Bill Gates, der die Weltgesundheitsbehörde (WHO) in Genf gekauft hat, will einerseits viel Geld mit einem Impfstoff verdienen, wofür er das Virus überhaupt in die Welt gesetzt hat, andererseits will er mit einer von ihm verordneten Zwangsimpfung einen Chip in die Menschen transplantieren, um die Weltherrschaft zu übernehmen, unter Umständen im Auftrag einer geheimen (jüdischen?) Untergrundweltregierung („deep state“) – wirklich wahr, ich sah jemanden herumlaufen mit einem Schild „Gib Gates keine Chance“, in Anlehnung an den Slogan „Gib Aids keine Chance“. Und am 15. Mai ruft die Bundesregierung eine Diktatur aus, sagt ein durch das Fernsehen bekannter Koch.  Also Morgen (schnell nochmal Klopapier kaufen, bevor es wieder wochenlang keins gibt). Wie wird das ablaufen? Stellt sich die Kanzlerin, wie einst Philipp Scheidemann, an ein Fenster und ruft mit ihrer dünnen Stimme: „Ich rufe die Diktatur aus!“? Im Bundeskanzleramt? Ich befürchte, da wird sie keiner hören, da halten sich meist nur wenig Leute auf. Ich glaube, das wird nichts. Für eine Diktaturausrufung braucht man mindestens eine Stimme wie die von Söder. Und der hat’s nicht nötig, weil er im Moment (irrerweise) eh hoch angesehen ist, das wird er nicht riskieren wollen.

Das ist auch bekannt als Ursache-Wirkung-Prinzip, vor über 2000 Jahren hat Aristoteles darüber bereits philosophiert, aber wenn man ein paar fernöstliche Schriftzeichen darunter setzt, sieht es gleich ungeheuer bedeutend aus. „Denkschrott als erlesene Kostbarkeit […] präsentieren“ (W. Pohrt) – darin übte sich jüngst auch der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble: „Die [Würde des Menschen] ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ Ah ja. Es folgten – keine chinesischen Schriftzeichen, sondern heftige Diskussionen darüber, was das für Corona-Opfer bedeutet. Der Grünen-Vorsitzende Habeck sprach bewundernd von „Altersweisheit“ (was nicht für ihn spricht). Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer legte nach: Wieso soll man Leute behandeln und retten, die wahrscheinlich sowieso in einem halben Jahr sterben, weil sie über einem bestimmten Alter liegen – was für eine Verschwendung an Ressourcen, zu Lasten anderer, die es vielleicht nötiger haben! Hau weg den Scheiß, die Alten haben schließlich schon lange genug gelebt, nehmen den Jüngeren den Lebensraum und blockieren wirtschaftlichen Wohlstand. Der australische Philosoph Peter Singer argumentiert ähnlich: Sollten sich die Alten nicht die Frage stellen, ob sie, die doch ein erfülltes Leben gelebt hätten, sich nicht vielleicht opfern, damit die Wirtschaft, und damit der Wohlstand einer ganzen Gesellschaft, wieder prosperieren kann? Ja, das ist nicht schön, daß eineR, der oder die sich so gerade über Wasser halten konnte, nun seine oder ihre Arbeit verliert, nur damit jemand, der 60 oder mehr Jahre alt ist, weiterleben kann. Egoisten! Wo ist da die Opferbereitschaft? Die naheliegende Frage, ob da vielleicht was am kapitalistischen System nicht stimmt, wird nicht gestellt. In Deutschland sind die „Egoisten“ über 23 Millionen Einwohner, über ein Viertel der Bevölkerung. All die, die eine entdeckte oder unentdeckte Vorerkrankung haben und unter 60 sind, sind noch nicht mitgezählt: Asthma, Herz-Kreislauf, Krebs, Aids, Adipositas, Diabetis – tja, das Leben ist endlich, so ist das nun mal, und Geschäfte müssen weiterlaufen, sonst verdienen die Reichen … äh, die Leute ja nichts mehr. Die Immobilienkonzerne machen sich inzwischen ernsthaft Sorgen um ausbleibende Mieten – irgendwann muß man die Leute rausklagen, nein, was für ein Ärger!

Schon früh wurde gewarnt und gemahnt angesichts den Einschränkungen der Grundrechte. Jacob Augstein, der Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“, wunderte sich, wie widerspruchslos die deutsche Bevölkerung das hinnahm. Andere Intellektuelle, wie beispielsweise die Autorin Julie Zeh, bliesen ins gleiche Horn. Und sie haben recht, man muß aufpassen: Sehr schnell (und überflüssigerweise) zog der NRW-Ministerpräsident Erwin Laschet eine Notverordnung aus dem Hut, nach der Ärzte im Falle einer Pandemie zum Dienst zwangsverpflichtet werden sollten; Gesundheitsminister Spahn plante eine personalisierte Corona-App mit genau nachvollziehbaren Bewegungsmustern. Beides ist gescheitert, was einerseits zeigt, daß die demokratischen Kontrollmechanismen funktionieren, andererseits jedoch auch belegt, wie schnell Politiker bereit sind, Gesetze in einer Notlage zu erlassen, die dauerhaft Grundrechte einschränken. Leider lassen die Kritiker eine Alternative meist vermissen: Wie, bitte, soll man denn umgehen mit dem Virus ohne behördliche Einschränkungen?

An die Vernunft der Bevölkerung appellieren? Wir brauchen uns doch nur die tausenden Idioten anzuschauen, die in Stuttgart und anderswo gegen Bill Gates demonstrieren, um zu wissen, daß das nicht funktioniert. Die Leute wollen endlich wieder ungehindert ihren Tätigkeiten nachgehen (durchaus verständlich, wenn sie damit ihren Unterhalt verdienen), und sie wollen feiern, also zusammen saufen und grillen, und shoppen, wenn das nicht geht, fühlen sie sich in ihrer Freiheit in einem unerträglichen Maß eingeschränkt. Das Virus feiert dann mit.

Oder, ein weiter Vorschlag: Wir schützen die Angehörigen der Risikogruppe, damit alle anderen risikofrei wirtschaften können – und dabei automatisch eine Herdenimmunität erzeugen. Hurra, alles wird wieder wie vorher, die Geschäfte laufen wieder, hoffentlich. Aber wie schützen wir die Risikogruppe? Durch Isolation – wie gesagt, über 23 Millionen, weit über ein Viertel der deutschen Bevölkerung. Wie will man das schaffen, wenn man es nicht mal hinkriegt, Altersheime virenfrei zu halten?

Ich befürchte, uns wird nichts anderes übrig bleiben, als bis zur Entwicklung eines Impfstoffes vorsichtig zu bleiben. Wenn auch nur die geringe Möglichkeit besteht, daß eine Maske in Supermärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln hilft, dann sollten wir eine tragen. Bis jetzt halte ich das Vorgehen der Bundesregierung für vernünftig, verhältnismäßig und erfolgreich. Man braucht ja nur die Anzahl der Verstorbenen mit denen aus anderen Ländern zu vergleichen. Was mir eher Sorgen macht, sind die neoliberal-schnellen wirtschaftsfreundlichen Lockerungen der Ministerpräsidenten. Wir können nur hoffen, daß eine zweite Welle ausbleibt. Ich bin sehr skeptisch.

„Frage: Was ist schlimmer als eine Voraussage, die nicht eintrifft?
Antwort: Eine Voraussage, die sich schneller als erwartet erfüllt.“
(Frederik Pohl: Rückkehr nach Gateway)

Spaziergänge in Zeiten von Corona (3)

So, auch dieser Laden wird ab heute wieder geöffnet haben für kopf- und besinnungsloses Shoppen. Wer in den letzten Wochen darunter gelitten hat, sich keine neuen Shorts oder Schuhe kaufen zu können, kann endlich wieder zuschlagen. Primark, liebe Kinder, hat allerdings noch geschlossen, ihr solltet eure T-Shirts also vielleicht doch mal waschen und ein zweites Mal tragen, wenn die Klamotte das aushält, mit Billignachschub aus Fernost könnte es auch nach Corona eine Zeitlang hapern.

Das Café im Funkhaus am Walllrafplatz scheint sich allerdings auf eine längere Pause eingestellt zu haben. Erscheint mir vernünftig.

Wer unbedingt neue Dinge haben möchte, dem oder der empfehle ich, den Blick nach unten zu richten während des Spaziergangs: Viele Leute misten aus, halten die Dinge aber noch für gut genug, daß vielleicht noch jemand anderes sie gebrauchen könnte.

Einige Leute zeigen dabei ein recht sonniges Gemüt.

Hier kann man sich auch bedienen (da hängen sogar zwei Jacken und ein Schal), allerdings nur, wenn man bedürftig ist.

Um ganz andere Bedürfnisse geht es hier. Aus Vorsicht vor Ansteckung darf auf dieser Baustelle immer nur eine Person auf die Toilette gehen. Klar, ist ja allgemein bekannt, daß Bauarbeiter immer gern zu mehreren gleichzeitig ein Dixiklo besuchen.

Grundsätzlich hat man vielleicht auch nichts dagegen, allerdings wird es schwierig mit dem Mindestabstand. Schildergestalter machen wahrscheinlich zur Zeit ein ganz gutes Geschäft.

Leider gibt es auch immer wieder Geschäfte, in denen man sich als Krisengewinnler versucht. Unanständig ist noch milde ausgedrückt, verachtenswert ist der angemessenere Begriff.

Herrlich ist es, mal am Rheinufer auf Altstadthöhe spazierengehen zu können, ohne Tausenden von Touristen ausweichen zu müssen. Als Ausgleich hat die Stadt Köln überall so kleine Absperrungen aufgestellt, damit man sich gar nicht erst an das Gefühl von Raumfreiheit gewöhnt. Die ganze Stadt scheint übersät zu sein von diesen rotweißen Absperrbaken, direkt vor meinem Haus stehen seit zwei Wochen auch welche. Merkwürdig. Homeoffice scheint in der Verwaltung ungeahnte Aktivitäten freizusetzen.

Es gibt Opfer der Corona-Krise, um die tut es mir nicht leid. Damit meine ich natürlich nicht den Jungen, sondern die Firma, die mit diesem Motiv der Völlerei für sich wirbt. Allerdings war die Restaurantkette schon vorher auf der Kippe, habe ich gelesen, die europaweite Schließung der Filialen hat ihr nun schon in der ersten Woche den Rest gegen, sie hat Insolvenz angemeldet.

Fast jeder, der unter reduzierten Einnahmen zu leiden hat, führt als erstes die Miete an: Wie soll man die bezahlen, wenn man nebenbei auch noch leben will? Die horrend gestiegenen Mieten sind für viele der größte Ausgabeposten, nicht selten betragen sie über 50% der Einkünfte, und wenn die dann noch auf 67% gedrückt werden, steigt der Mietanteil ins Unbezahlbare. Selbst, wenn einem zur Zeit nicht gekündigt werden kann, irgendwann ist das Geld fällig, und bis dahin läuft man mit einem erdrückenden Schuldenberg herum. Mieten müßten komplett reguliert werden, da die meisten Vermieter schon längst vergessen haben, daß Eigentum grundgesetzlich verpflicht: „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, steht da, und nicht: Der Eigentümer kann sich rücksichtslos auf Kosten der anderen die Taschen vollstopfen.

Aber Mietstreik? Wie geht das? Einfach nicht mehr zahlen? Und wenn dann der erste Mahnbescheid kommt? Die Räumungsklage? Das Umzugsunternehmen unter Polizeibegleitung? Sagt man dann: Moment mal, ich streike! – und alles wird gut? Mietstreik, also … – erscheint mir unausgereift, diese Idee.

Hier sind noch ein paar Vorschläge, die ich für ernsthaft bedenkenswert halte, wenn auch in absehbarer Zeit mit wenig Chancen auf Umsetzung. Aber dennoch zeigen die Aufforderungen die Richtung an, in die es gehen muß, andernfalls wird die Corona-Krise nicht die letzte sein, in die uns unser Wirtschaftsgebaren bringt.