Wandern auf dem Salzalpensteig (10): Ausflug nach Salzburg (1)

Von Schönau nach Salzburg kann man mit dem Linienbus fahren, es dauert ungefähr eine Stunde. Die Stadt liegt an einem Fluß, der Salzach, da fühlen wir uns gleich wie zu Hause. Auf dem Weg in die historische Altstadt begegnet uns ein Schild: Marina Abramović Monument, mit Pfeil in die entgegengesetzte Richtung. Wir sind allein schon wegen der Ankündigung erstaunt – das müssen wir uns zuerst ansehen.

Fast wären wir daran vorbeigelaufen. Über Marina Abramović könnte ich viel erzählen (und das mache ich demnächst auch mal), hier nur soviel: Sie ist eine Performance-Künstlerin, die schon in den 70er und 80er Jahren durch zum Teil martialische künstlerische Performances von sich Reden gemacht hat. Weltweit populär wurde sie 2010 durch die Langzeit-Perfomance „The Artist is Present“ im New Yorker „Museum of Modern Art“ (Ausschnitte davon kann man sich bei Youtube ansehen). Als bildende Künstlerin trat sie eher selten in Erscheinung. Hier haben wir nun acht Stühle, die ausdrücklich besessen werden dürfen, das ist doch schonmal schön, so direkt am Fluß. Kissen, Kuchen und Kaffee muß man allerdings selbst mitbringen.

Wenn man auf einem der Stühle sitzt, schaut man in diese Richtung, wo der Blick automatisch nach oben gelenkt wird, nämlich …

… dahin. Noch ein Stuhl, 15 Meter hoch, ohne Sitzfläche. Das kann man einfach so hinnehmen, aber da es sich um Kunst handelt, kann man sich natürlich auch einiges überlegen: Wer so lange Beine hat, daß er sich da hinsetzen kann, hat dagegen einen verhältnismäßig kleinen Hintern, der dazu noch unbequem ohne Sitzfläche auskommen muß. Ein stuhlähnliches Möbel ohne Sitzfläche haben wir ja alle in unseren Wohnungen, im Bad, aber das kann doch hier nicht gemeint sein. Die Figur, die sich hier am besten positionieren kann, die also weder überlange Beine noch eine Sitzfläche braucht, ist eine Figur, die schwebt …

So gibt man sich seinen interessanten Spekulationen hin, und es würde völlig ausreichen, es dabei zu belassen. Aber Abramović wäre nicht sie selbst, würde sie sich an das Goethe-Wort „Bilde, Künstler! Rede nicht! Nur ein Hauch sei dein Gedicht!“ halten: Dick und fett erklärt sie uns ihr Werk und wie wir uns zu verhalten haben, zweisprachig auf einer großen Tafel in signalrot (zum Vergrößern bitte draufklicken):

Der Text ist an Banalität kaum zu überbieten: Statt „Mozart“ und „Salzburg“ kann man jeden beliebigen Komponisten und seine Stadt einfügen, es paßt immer. Wie wäre es mit Josef Haydn und Wien? „Mitten im Herzen von Wien, wo Verkehr und hektisches Stadtleben pulsieren, wollte ich einen Ort der Besinnung schaffen und ihn dem Geist Haydns widmen“ – und so weiter. Klappt auch mit Frank Zappa und Los Angeles. Oder Heino und Bad Münstereifel. Und was ist das jetzt mit dem hohen Stuhl? Wenn schon, denn schon, dann wollen wir aber auch alles wissen:

„Ich möchte einen Sitz für den Geist Mozarts errichten. Er ist 15 Meter hoch, hat keine Sitzfläche, sondern nur die äußeren Formen eines Stuhles. Wenn man darunter steht, sieht man den Himmel. Der Geist ist etwas Unsichtbares, aber wenn man ihm einen Sitz errichtet, wird das Unsichtbare sichtbar. Jeder, der lange genug sitzt und nachdenkt, kann eine Verbindung mit unsichtbaren Kräften eingehen“, heißt es auf der Internetseite.
Ach. Ach was. Da habe ich wohl nicht lange genug dagesessen. Aber ich lag gar nicht so schlecht mit meiner Vorstellung einer schwebenden Figur.

Das Werk ist Teil des“Kunstprojekts Salzburg“ (so der damalige Titel, heute wird es „Walk of Modern Art“ genannt), 2002 von der „Salzburg Foundation“, einer Vereinigung privater Sponsoren, ins Leben gerufen. Innerhalb von zehn Jahren durften zwölf ausgewählte Künstler ihre Werke an jeweils einem Platz in der Innenstadt ausstellen. Neben Marina Abramović tauchen so illustre Namen wie Christian Boltanski, Anthony Cragg, Stephan Balkenhol, Anselm Kiefer und Markus Lüpertz auf. Die Konservativen schäumten, immer wieder aufs Neue, allen voran die FPÖ. Besonders die Skulptur von Markus Lüpertz erregte die Gemüter: Eine Mozart-Figur, bestehend aus einem weiblichen Körper und einem Mozart-Kopf, bunt angemalt – zugegeben, sehr häßlich. Allerdings kenne ich keine einzige Skulptur von Lüpertz, die nicht häßlich ist. Irgendjemand (ein rechter Hohlkopf) besprühte die Skulptur kurz nach der Aufstellung und federte sie, sodaß sie nach der Reinigung nun farbfrei dasteht.

2012 wollte die Foundation die Kunstwerke der Stadt schenken, aber die Stadt lehnte die Schenkung ab – was genau der Grund war, weiß ich nicht. Also sprang der Unternehmer Reinhold Würth ein, der auch schon vorher Mitglied der Foundation war, er kaufte alle Skulpturen und stellt sie der Stadt als Dauerleihgabe zur Verfügung. Die Würth-Gruppe, ein Familienunternehmen aus Baden-Württemberg, hat einen Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Euro, die Familie Würth wird auf ein Vermögen von 10 Milliarden Euro geschätzt. Reinhold Würth, heute 84 Jahre alt, fing in den 60er Jahren an, Kunstwerke zu sammeln, inzwischen umfaßt die Sammlung über 18.000 Werke – reiche Leute suchen sich kostspielige Hobbies, mit dem Geld fängt man nicht an, Kronkorken verschiedener Biermarken zu sammeln, obwohl der Reiz dazu wahrscheinlich der gleiche ist. Allerdings ist die öffentliche Anerkennung mit Kunst viel höher, wie man es ja auch bei Peter Ludwig und Hasso Plattner sehen kann. Man könnte seine Milliarden auch für die Rettung der Welt ausgeben, aber Kunst ist irgendwie geiler. Der Grund für Würths Salzburger Engagement ist leicht zu erraten: Erstens kostet es ihn fast nichts (gemessen an seinem Vermögen), zweitens wohnt er in Salzburg. Entweder die damaligen Stadtratsmitglieder hatten genau darauf spekuliert, als sie die Schenkung ablehnten, oder es waren komplette Idioten, denn inzwischen ist der Skulpturenreigen ein tourismusfördernder Publikumsmagnet, und von den Anwohnern beschwert sich auch keiner mehr.

So langsam müssen wir mal weiter. Dahinten ist eine Fußgängerbrücke, schon die zweite in nur geringer Entfernung – da kann man als Kölner regelrecht neidisch werden, sowas wird zwar in Köln auch immer wieder diskutiert, alle fänden es gut – aber dann versandet das Gespräch und alles bleibt beim Alten.

Auch hier die inzwischen wohl für Flußbrücken obligatorischen Liebesschlösser. Wer keins aufhängen kann, weil er oder sie niemanden hat, soll sich hier hinstellen und irgendjemanden küssen – iieh bah! Jod! Heißes Wasser!

Fortsetzung folgt.

14 Antworten zu “Wandern auf dem Salzalpensteig (10): Ausflug nach Salzburg (1)

    • Danke, gern.:-)
      Ich würde Abramovic aber niemals ihre Kunstfertigkeit absprechen. Ohne ihre Erklärungen finde ich es sogar gar nicht schlecht, was sie da gemacht hat: Die Stühle sind angeordnet wie in einer Kirche, der Blick wird nach vorn und nach oben gelenkt, aber was man da sieht, ist kein gefolterter Mann an einem Kreuz, sondern ein leerer Thron, auf dem niemand aus dem Diesseits sitzen kann. Das hat fast etwas Ironisches, finde ich: Wenn schon Spiritualität, dann nach deinen eigenen Vorstellungen, man kann das füllen, wie auch immer man möchte. Mit ihren ironiefreien Erklärungen zerstört die Künstlerin diese Freiheit leider wieder, stattdessen sollen wir uns mit einem künstlerischen Genie „versöhnen“. Der Verdacht liegt nahe, daß sie nur beispielsweise von Mozart spricht, eigentlich meint sie sich selbst.

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  1. Hab deine kritischen Worte gern gelesen. Zum Kunstmäzenatentum: Man kann sich als Superreicher nicht nur feiern lassen, sondern spart auch kräftig Steuern. Letztlich zahlt die Allgemeinheit derlei Kunst, aber feiern lässt sich der Stifter und bestimmt auch noch, was angekauft wird.

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    • Prima, freut mich.
      Ja, stimmt, es würde mich gar nicht wundern, wenn die Stadt die Ablehnung der Schenkung vorher mit dem Stifter abgesprochen hat: Einerseits wird der Stadtsäckel geschont, andererseits kann der neue Besitzer alle Folgekosten von der Steuer absetzen.

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  2. Oh Ja, Marina…neulich sah ich noch eine Doku über ihre Methode, die Abramovic-Methode. Das soll die Quintessenz all ihrer auf der Welt gesammelten weisen Wege zu mehr Achtsamkeit und innerer Einkehr sein.
    Ja, der Kaiserin ihre neuen Klamotten. Natürlich, du ahnst es schon, geht es ähnlich mozärtlich zu wie oben bei der Stuhlprobe, äh kunst:
    Sitze. Harre. Atme. Sei da.
    Guck dir ne Farbwand an. Laufe mit verbundenen Augen umher. Glotze deinem Gegenüber in die Pupille. Ich erinnere mich an ähnliche Spielchen in einer evangelischen Jugendfreizeit 1983.
    Die Kunst der Verarsche.
    Und ich guckte mir die olle M.A. mal richtig an und dachte: Irgendwie ist sie mir mittlerweile unsympathisch.
    „The artist is present“ fand ich super, aber alles danach war irgendwie pillepalle. Und dafür stehen Leute Schlange.
    Nun das mußtet ihr nicht. Und auf die Frage wie war’s denn in Salzburg, könnt ihr nun fröhlich rufen:
    „Unmöglicher Stuhlgang!“
    Sinnlos?
    Würth ich nicht sagen 😉

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    • 🙂 Gute BILD-Schlagzeile: „Krawallkünstlerin verhindert Stuhlgang!“

      Die Doku habe ich auch gesehen. Gleich zu Anfang sagt der Intendant der Frankfurter Oper, bei dem Violinkonzert von Beethoven gehe es ja auch um Leben und Tod, und da sei Abramovic sofort Feuer und Flamme gewesen. Hä? Bei wem geht’s da ums Überleben, beim Geiger? Was sagt denn der Betriebsrat dazu?
      Ich war geplättet, wie banal auch hier alles zuging. Das Reiszählen kannte ich schon von der Retrospektive, die ich neulich besuchte: Am Ende der Ausstellung forderte eine Angestellte der Museumsdidaktik uns auf, unsere Handys abzugeben und an einem langen Tisch, an dem schon einige Leute saßen, Reiskörner zu zählen, mit Strichliste. Mit der Liste konnte man hinterher machen, was man wollte, wegschmeißen oder mit nach Hause nehmen und einrahmen, was weiß ich. Ich dachte für einen kurzen Moment, das ist Verarschung, aber nein, das war ganz ernst gemeint. Es gab auch Kojen, genau wie in der Doku, wo man sich zu zweit hinsetzen und sich gegenseitig penetrant wechselseitig fixieren sollte, aber das hat, solange ich da war, keiner gemacht. Ich werde demnächst mal Fotos von der Ausstellung zeigen.
      Ich habe den Eindruck, Abramovic hält sich inzwischen für eine große weise Schamanin, eine „Goddess of Spiritual Art and Consciousness“, und da ihr alle nach dem Mund reden, ihre Veranstaltungen immer gut besucht sind und sie auch gutes Geld damit verdient, ist sie selbst ehrlich überzeugt davon. Außerdem: Es gibt richtig eklige dumme Künstler, da kann ich ihr einiges nachsehen.;-)

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      • Ah, da bin ich ja mal sehr gespannt auf deinen Bericht.
        Ja, ich denke auch, daß sie mittlerweile glaubt, sie könne die Welt verändern mit ihrer Kunst und das Ganze sei nun endlich etwas, das Geld abwirft und damit ja gut sein muß.
        Kunst zeigt heutzutage eines sehr gut: Wie verarschbar Leute sind.
        Aber das geht ja durch alle Sparten, auch unser Konsumverhalten zeigt es, Freizeit, Liebe, Kindererziehung.
        Man muß immer mehr aufpassen, nicht auch in diesen Sog hinein zu gleiten. Manchmal danke ich meinem/r SchöpferIn, daß ich so faul bin von Haus aus. Da ist die Gefahr viel weniger groß, am Ende als pseudo-erleuchtete Reiszählerin da zu sitzen 🙂

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    • Das freut mich!
      „Jod! Heißes Wasser!“ ist ein Zitat von Lucy van Pelt. Ihren Schwarm Schroeder anhimmelnd, forderte sie ihn mehrmals auf, sie zu küssen, während sie mit verklärter Miene und geschlossenen Augen darauf wartete. Schroeder hatte sich aber schon entnervt abgewandt, da kam Snoopy zufällig des Wegs und ließ sich nicht lange bitten. Als Lucy das merkte, kam es zu dem Ausruf. Wenn man sich auf die grünen Markierungen stellt, sollte man also wenigstens immer die Augen offen halten.;-)

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  3. Liebesschlösser? Die letzten dieser Art habe ich in Toronto gesehen. Da saß ein geschäftstüchtiger Mensch daneben und gravierte für eine Handvoll Dollar diese Schlösser, die dann die Kunden an ein Gestell in Form des Schriftzugs LOVE befestigen konnten – für das obligatorische Foto danach.

    Musiker & Stadt: Ich schlage die Kombination von Jacques Offenbach & Offenbach am Main vor – einen Offenbachplatz gibt es in Köln ja schon.

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    • Ja, Liebesschlösser grassieren wie die Pest, kein etwas größerer Ort, wo sie nicht auftauchen. In Köln gibt es abertausende davon an der Hohenzollernbrücke (eine Eisenbahnbrücke), die Bahndirektion läßt sie immer mal wieder teilweise entfernen. Ob sie Rücksicht darauf nimmt, nur die zu entsorgen, deren Anlaß entfallen ist? Vielleicht kann man eine Email hinschreiben: „Bitte entfernen Sie das Schloß mit der Gravur ‚Schantall & Kevin‘ – der Sack ist fremdgegangen.“
      Hier habe ich mal von einer guten Aktion erzählt:
      https://koelnfotos.com/2013/05/22/hohenzollernbruecke-16039602/

      „Mitten im Herzen von Offenbach, wo Verkehr und hektisches Stadtleben pulsieren, wollte ich einen Ort der Besinnung schaffen und ihn dem Geist Offenbachs widmen“ – hm, da kommt man vielleicht doch etwas durcheinander.;-)

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