Wandern auf dem Salzalpensteig (9): Ausflug nach Berchtesgaden

Berchtesgaden ist eine so hübsche Stadt, wenn man da fotografiert und paßt nicht auf, macht man fast nur Postkartenfotos. Und da es mir gar nicht einfällt, immer aufzupassen (im wahrsten Sinne des Wortes, ich habe wirklich nicht daran gedacht), ist es halt so.

Berchtesgaden ist gar keine Stadt, sondern eine Minderstadt, was man ihr aber nicht ansieht – ein Scherz, denn der Begriff hat gar keine abwertende Bedeutung: Minderstadt, das bedeutet, daß ihr im Mittelalter nicht die vollen Stadtrechte verliehen wurden. Daher sagt man auch nicht „Stadt Berchtesgaden“, sondern „Markt Berchtesgaden“.

„Markt“ heißt jetzt nicht, daß der ganze Ort ein einziger Marktplatz mit ständigem Marktgeschehen ist oder war. Der Begriff – und das ist in Deutschland eine bayrische Spezialität, in Östereich taucht er auch noch auf – bezeichnet eine Gemeindeform. Es gibt in Bayern heute noch 386 Märkte, also Gemeinden, die sich nicht Stadt, sondern (bloß) Markt nennen dürfen.

Wenn im Mittelalter einem Ort das Stadtrecht verliehen wurde, war das immer mit Privilegien verbunden, und das wichtigste und älteste Privileg war das Marktrecht: In der Stadt durfte ein Wochen- oder Jahrmarkt veranstaltet werden. Die Bauern aus der Gegend durften ihre Erzeugnisse also nicht auf selbstgewählten zentralen Plätzen anbieten, sondern mußten in die nächste Stadt fahren. Das war zwar mit etwas mehr Mühe verbunden, sorgte aber dafür, daß sich die Städter mit Lebensmitteln versorgen konnten, ohne jeweils einzeln aufs Land fahren zu müssen, und auch für die Bauern stellte sich diese Regelung als gut heraus, da sie in der Stadt genügend Käufer für ihre Waren fanden.

Was nun aber, wenn einerseits der Bedarf der Stadt gedeckt, andererseits der nächste städtische Markt so weit entfernt war, daß eine Anreise nur mit viel Mühe zu bewerkstelligen war? Die Landesfürsten vergaben das Marktprivileg an Gemeinden, die als Stadt nicht bedeutend genug waren, die aber für ihre Gegend eine herausgehobene Bedeutung hatten, topographisch oder was die Anzahl der Einwohner betraf. Im übrigen Deutschland (also dem Gebiet, das sich heute so nennt) und in der Schweiz gab es solche Gemeinden auch, da nannte und nennt man sie „Flecken“.

Die Bezeichnug „Mangelstadt“ ist historisch, heutzutage spielen bestimmte Stadtprivilegien keine Rolle mehr – es sei denn, man hat ein teures Auto, dann kann man gern mal zum Einkaufen in der Fußgängerzone parken. Vermutlich auch eine bayrische Spezialität.

A propos Spezialitäten: Bei „Grassl“, einem Spirituosenhersteller, erwartet einen gleich im Eingang ein Tablett mit fingerhutgroßen gefüllten Gläsern, zur freien Verkostung. „Blutwurz“, ein Kräuterlikör aus der Blutwurzel, hat mir besonders gut geschmext … pardon, geschmeckt. 48% Alkohol – da merkt man, daß eine Fingerhutmenge eine große Wirkung haben kann. Die Entscheidung für den Kauf einer ganzen Flasche fällt einem nach ein paar Proben leichter als sonst – raffiniertes Marketing.

Bayrische Streetart: Am berühmten Hirschenhaus gibt es eine sogenannte Affenfassade.

Im Mittelalter hatte die Darstellung von Affen in der Kunst immer eine Verbindung zum Teufel. Das änderte sich mit dem Beginn der Barockzeit um 1600: Besonders in der flämischen und niederländischen Malerei waren Affen in menschlicher Bekleidung satirisch gemeint: Seht nur, wurde den begüterten Bürgen und Amtspersonen vorgehalten, ihr seid auch nicht besser in eurem weltlichen Streben und Tun als die Affen im Zirkus (diese Darstellungsart hat die französische Bezeichnung „Singerie“ = Affentrick). Wie diese Obrigkeitskritik Anfang des 17. Jahrhunderts ausgerechnet in das provinzielle Berchtesgaden kam, ist mir schleierhaft.

Hier habe ich mal „aufgepaßt“: Eine recht schöne Stadt … nein, ein schöner Markt, in (oder auf?) dem man gut mal einen Nachmittag verbringen kann – kein Grund, den Kopf zu verlieren. Aber ich habe keine Ahnung, wie es einem geht, wenn man hier dauerhaft lebt.

Fortsetzung folgt.

12 Antworten zu “Wandern auf dem Salzalpensteig (9): Ausflug nach Berchtesgaden

  1. Wieder einmal sehr fein recherchiert! Und ich durfte wieder einmal viel dazulernen, danke! 🙂 Im Kreis Dachau gibt es den kleinen Ort Markt Indersdorf, den ich schon lange kenne. Aber erst seit heute weiß ich (dank Dir), was Markt bedeutet! 😀

    Liebe Grüße,
    Werner

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  2. Klingt wie ein schöner Flecken, Berchtesgaden, äh Markt.
    Ich mag Märkte. Wegen mir könnten sie jeden Tag sein. Aber meistens sind sie nur ein- oder zweimal die Woche.
    Bilderbuchwetter zu deinen Bilderbuchfotos gab’s noch gratis. Glück gehabt 😊

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  3. …wirklich sehr hübsch anzuschauen, aber ein Leben dort? …ich bevorzuge Ecken, die unfertig aussehen und Gestaltung noch möglich ist…aber vielleicht gibt es dort am Rande auch noch solche Plätze…

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    • Ja, das denke ich auch immer sofort, wen ich in einen für mich neuen Ort komme: Wo sind die anderen Ecken (also entweder die schöneren oder die häßlicheren, je nachdem). Wenn man als Tourist nur ein paar Stunden in einer Stadt verbringt, sieht man meist nur die Fassade, die das Bürgermeisteramt oder die Touristenzentrale für einen vorsehen.

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  4. beim lesen über die bezeichnung markt und flecken fiel mir spontan markt obersdorf (oder so ähnlich ein).
    da ich ja mal zwei jahre bei den bayuwaren lebte, ist mir die bezeichnung nicht fremd, nur in der erinnerung versunken gewesen.

    im berchtesgardener land wurde mit der familie in der kindheit einer der sommerurlaube verbracht.
    wo genau und wann ist vergessen.
    ich bevorzugte schleswig-holsteins ostseeküste. 😉

    komm gut durch den sonntag.

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    • Das Berchtesgadener Land ist eine wirklich schöne Gegend, allerdings sollte man allzu steile Bergwanderungen meiden;-). Die Ostsee ist auch nicht schlecht, ich war schon dreimal auf Rügen, es hat mir immer gut gefallen.

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      • seit der kindheit war ich nicht mehr „im urlaub“.
        wie jede arbeitnehmerin hatte ich urlaubswochen, jedoch kein geld zum wegfahren.
        was solls, es gibt bestimmt schlimmeres im leben, oder?

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