Ausflug nach Basel (6)

Das Museum Tinguely wurde 1996 eröffnet. Es ist ein Geschenk der Pharmafirma Roche zu ihrem eigenen 100-jährigen Jubiläum an die Stadt – und natürlich auch ein Unterbringungsort für die Kunstwerke, die die Firma bis dahin gesammelt hatte. Das kennen wir ja auch schon von anderen Mäzenen: Die Damen und Herren Multimillionäre und -milliardäre finden Kurzweil im Sammeln von Kunst, und da für sie kein Preis zu hoch ist, schaffen sie sich eine meist sehenswerte Bilder- und Skulpturenkollektion an, für deren Unterbringung und Ausstellung dann die Öffentliche Hand aufkommen muß. Letzteres hier nicht: Auch der Betrieb des Museums wird komplett von Roche finanziert. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Roche ein paar Etagen unter dem Museum, also tief in der Erde, eine Wasseraufbereitungsanlage erbaut hat, wo das Wasser gereinigt wird, das die Firma dem Rhein für eigene Produktionszwecke entnimmt.

Zum Zeitpunkt der Eröffnung war der Schweizer Künstler Jean Tinguely (1925-1991) schon fünf Jahre tot, aber er hatte es noch miterlebt, daß man ihm und seiner Kunst zu Ehren dieses Haus errichten wollte. Das war durchaus keine Selbstverständlichkeit: In seinen frühen Künstlertagen war Tinguely das, was man einen Bürgerschreck nannte (ich weiß gar nicht, ob der Ausdruck heute noch gebräuchlich ist).

So hat er z.B. vorm Mailänder Dom eine große verhüllte Skulptur errichten lassen, die sich nach der Enthüllung als erigierter Penis samt Hoden zu erkennen gab (Foto links; die Testikel sind mit vergoldeten Plastikfrüchten behängt – Details können ja manchmal wichtig sein). Als ob das nicht schon reichte, ließ der Künstler die Skulptur noch während der Veranstaltung von innen abbrennen (Foto rechts), ohne vorher die Feuerwehr oder andere offiziellen Stellen darüber informiert zu haben. Der ganze Spaß kostete 12.000 Dollar (damals noch um einiges mehr wert als heute), die aus der eigenen Tasche und von Sponsoren und Freunden aufgebracht wurden.
Die Phase der sich selbst vernichtenden Werke nahmen um 1960 allerdings nur einen kurze Spanne im Leben des Künstlers ein – diese (von Ad Petersen dokumentierte) Aktion von 1970 mit dem Titel „La Vittoria“ (Der Sieg) war im späteren Werk eher eine Ausnahme.

Zusammen mit anderen Künstlern gründete Tinguely 1960 die Gruppe „Nouveau Réalisme“ (Neuer Realismus), sozusagen als Gegenbewegung zum den Kunstmarkt beherrschenden „Abstrakten Expressionismus“. Sie wollten wieder Gegenständliches schaffen, aber nicht in der Art traditioneller Bildhauerei. Sie sahen sich eher als Erneuerer und Fortführer der Kunst von Marcel Duchamp mit seinen „ready mades“ und der Dadaisten in den 10er und 20er Jahren. Der Künstler César z.B. presste Autowracks zu neuen Skulpturen zusammen, Arman goß den Inhalt von Abfalltonnen und Papierkörben in gläserne Rahmen, Daniel Spoerri klebte alle Gegenstände, die nach einer Feier oder einem Essen auf dem Tisch verblieben waren (also sämtliches Geschirr, aber auch Flaschen, Brotreste, Servietten und Zigarettenstummel), fest und hängte die Tischplatten an die Wand (=Fallenbilder).
Man verfaßte Manifeste und organisierte gemeinsame Ausstellungen.

Tinguely sammelte Schrott, schweißte und schraubte die Teile zusammen und brachte sie mit kleinen Elektromotoren in Bewegung. So ist im Museum fast jedes Werk mit einem Trittknopf versehen, wenn man ihn aktiviert, bewegt sich was – sehr hübsch, ein großer Spaß, nicht nur für Kinder. Allerdings muß man etwas Geduld mitbringen: Die Kunstwerke sind natürlich sehr verschleiß- und daher wartungsanfällig. Um ihre Funktionsfähigkeit (bis zur nächsten Wartung) zu erhalten, müssen nach einer jeweiligen Aktivierung durch die Besucher erst sieben Minuten vergehen, bevor der Mechanismus erneut in Gang gesetzt werden kann.

Bei den Beispielen oben und unten werden sogar automatisch gezeichnete Kunstwerke erzeugt.

Spätestens in den 70ern war Tinguely nicht nur weltweit, sondern sogar in der etwas gemächlichen Schweiz anerkannt als der bedeutendste Schöpfer kinetischer Kunst, und so wurde er auch auf der Baseler Kunstmesse gehandelt. Ein Galerist erzählte später, daß es manchmal sehr nervig gewesen sei, wenn man einem Kunden feinsinnig von der Qualität eines impressionistischen Gemäldes überzeugen wollte und dann plötzlich am übernächsten Stand eine von Tinguelys Maschinen loslärmte.

In einem dunklen Raum mit unheimlichen Schattenwürfen rattern einige Werke mit Teilen von Tierskleletten bedrückend vor sich hin. Diese Ansammlung von Maschinen heißt „Mengele-Totentanz“. In Tinguelys Nachbarschaft war in einer gewaltigen Feuersbrunst ein Bauernhof komplett abgebrannt, auch die Tiere waren nicht mehr zu retten. Mit Erlaubnis des Besitzers durfte Tinguely sich ein paar Tage später auf dem Grundstück umsehen. Es stank noch immer nach verbranntem Fleisch (wie er später erzählte), während er die Überbleibsel der Maschinen und Tiere einsammelte. Unter anderem fand er eine Herstellungsplakette der Firma Mengele: Der Vater und die Brüder des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele hatten Landmaschinen produziert. Totentanz erinnert an eine aus Basel bekannte mittelalterliche Darstellungsform des Todes: Skelette scheinen die zu Tode Bestimmten anzutanzen (hier sieht man eine Kopie).

Die größte, sogar begehbare Maschine (ihr werdet gleich im Film noch mehr davon sehen). Tinguely hatte sie für eine spezielle Ausstellung gebaut und geplant, daß die Besucher über sie in das nächste Stockwerk gelangen, aber das wurde aus Sicherheitsgründen nicht gestattet.

Genug geredet: Man muß die Bewegungen sehen und hören, deswegen habe ich einen kleinen Film für euch zusammengestellt. Die ersten Szenen sind vom Fasnachtsbrunnen mitten in der Stadt (die Figuren stammen von Schrottresten des abgerissenen Theaters, das an der Stelle vorher stand), die anderen aus dem Museum. Viel Spaß!

Ende.

 

Ausflug nach Basel (5)

Ich war nicht schon wieder in Basel, sondern es fehlen noch zwei Einträge vom letzten Urlaub, die ich gern nachtragen möchte, bevor ich von unserer diesjährigen Wanderung erzähle. Der Anschluß an die vorherigen Baseleinträge ist hier.

Im Museum Tinguely hatte der belgische Künstler Wim Delvoye (*1965) eine große Ausstellung. Man kann ihn als raffinierten Ironiker bezeichnen, der die Erscheinungen der Konsumgesellschaft und des Kunstmarktes in seinen Werken kritisch und provokativ thematisiert – oder auch als Witzbold und albernen Spaßmacher, falsch liegt man weder in dem einen noch in dem anderen Fall. Weil die Ausstellung eine Retrospektive seines bisherigen Schaffens ist, fängt er folgerichtig mit seinen Kinderbildern an.

Der Architekt und Architekturkritiker Adolf Loos (1870-1933) hat 1908 einen Text vorgetragen: „Ornament und Verbrechen“ (hier nachzulesen), in dem gesagt wird, daß das Ornamentieren, also das Ausschmücken, von Gegenständen ein Verbrechen ist. Der Text ist schwülstig und pamphletartig, läuft aber letztlich nur darauf hinaus, daß es besser ist, daß Hersteller von Gebrauchsgegenständen und Architekten gute Materialien verwenden und sich nach den Wünschen der späteren Benutzer und Bewohner richten sollen, als zu versuchen, sich in der Formgebung selbst zu verwirklichen. Mit Bezug auf diesen Text dreht Delvoye den Spieß nun um und ornamentiert drauflos: Propangasflaschen erhalten eine Bemalung wie Delfter Porzellan, Bügelbretter werden zu Wappenträgern.

Kunstvoll bemalte Porzellanfüße stützen Industrierohre.

Truck-Reifen, durch Schnitzungen reichhaltig verziert.

Eine Doppelhelix, ornamentiert mit dem Schmerzensmann.

Eine schöne Holzarbeit für den Bau …

… dazu passend eine Betonmischmaschine.

Die gibt es auch im Look gotischer Architektur …

… und als solche auch in Groß.

Der zweite große Themenkomplex des Künstlers ist die menschliche Verdauung. Er baut riesige Verdauungsmaschinen, von ihm als menschliche Porträts bezeichnet,  die …

… unter Zugabe entsprechender Chemikalien genau das produzieren …

… was beim Menschen hinten rauskommt. Man kann sich das für Geld in Folie einschlagen lassen und als Kunstwerk mit nach Hause nehmen, habe ich gelesen.

Der Künstler nennt diese Maschinen „Cloaca“ – hier eine Kofferversion für Unterwegs.

Im Shop kann man dann eine Mini-Cloaca samt Action-Figuren für die Kleinen zu Hause kaufen (man achte auf die Schriftgestaltung).

Man kennt das: Eins führt zum anderen – von der Verdauung ist es nicht weit zum Analen …

Wer diesen Figuren (je eine für jede Himmelsrichtung) hinten hineinschaut, blickt durch ein Fernrohr.

Zum Schluß noch ein Werk mit der Materialbezeichnung „Lippenstift auf Hotelbriefpapier“: „Anal Kiss B41“. Tja – das hängt man sich wohl eher auch nicht an die Wand.

Fortsetzung folgt.

 

Ausflug nach Basel (3)

Schön ist es, durch die Gassen zu schlendern …

… auch abseits der Touristenströme.

In einer Seitenstraße entdecken wir im Hof des Staatsarchivs einen Pavillon, der einen Teil der Austellung „Magnet Basel“ zeigt: Es geht um Zuwanderung aus den verschiedensten Gründen.

Migration betrifft immer Einzelschicksale, jeder Einzelne hat das Recht, daß man ihm hilft, wenn er hilfsbedürftig ist.

Sehr gut gemacht, die Ausstellung – ein Licht der Aufklärung in einer dämonischen Umgebung (womit ich nicht nur die Figuren an der Wand meine, sondern den gesamteuropäischen Umgang mit dem Flüchtslingsthema).

Hügelig ist es hier ein bißchen, was den Vorteil hat, daß man sich kaum verlaufen kann: Wenn man nicht mehr weiß, wo man ist, geht man einfach bergab und landet immer …

… am Rhein. In Basel darf man etwas tun, wozu in Köln dringend abgeraten wird:

Man darf im Fluß schwimmen. In Köln ertrinken jedes Jahr immer wieder Leute, die die Strömungen unterschätzen. In Basel fließt der Fluß noch langsamer, er ist auch nicht ganz so breit, und es fahren viel weniger Schiffe.

Sehr viele Baseler nutzen das. Diese wasserdichten Säcke mit Fischaufdruck, die man hier (auf einem Foto meiner Begleiterin) in blau und orange sieht, kann man in  jedem Supermarkt kaufen.

An einer der oberen Brücken werden Klamotten und Handtuch im Sack verstaut, dann schwimmt man los oder läßt sich einfach treiben. Weiter unten klettert man wieder hinaus – die Stadt hat sogar ein paar Duschen installieren lassen.

Daß man auf der rechten Rheinseite sehr viel besser sitzen kann als auf der linken, weil die Sonne da viel länger hinscheint, weiß man hier schon lange.

Deshalb gibt es hier nicht nur Hotels …

… sondern auch viele Restaurants und Kneipen, die mit ihren Außenterrassen locken. Allerdings ist abends viel los, da kann es schon mal passieren, das eine Bestellung vergessen wird.

Trotz der günstigen Lage scheinen sich auch neu erbaute Häuser an ein Höhenkonzept zu halten – nur ein Gebäude sticht unangenehm heraus: Es ist der Roche-Turm. Ein zweiter, der noch höher werden soll, ist im Bau. Soweit ich weiß, ist das nichtmal in der Bürgerschaft kritisch diskutiert worden, vermutlich, weil man genau weiß: Was diese Pharma-Riesen wollen, das bekommen sie auch, sie brauchen ja nur mit Abwanderung zu drohen.

Ich weiß jetzt sogar, warum Basel ein solches Zentrum für Pharma- und Chemiefirmen ist: Es hat zu tun mit – Eitelkeit. Seit Ende des 16. Jahrhunderts war es modern, die Kleidung zu festlichen Gelegenheiten mit Bändern, sogenannten Posamenten, zu schmücken. Basel entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem Zentrum der Seidenbandweberei. Die Bändelherren, also die Unternehmer, die mit den Posamenten handelten, ließen die Ware im Baseler Umkreis herstellen: Sie stellten den Bauern riesige Webstühle in die Wohnstuben und ließen sie für sich arbeiten, ohne viel dafür zu bezahlen. Die Bauern wurden zu Posamentern. Der Vorteil für sie war, daß sie nicht mehr von den Unbilden des Wetters abhängig waren, sondern eine dauerhafte Einnahmequelle hatten, und wenn die ganze Familie mithalf, konnte man vielleicht etwas mehr erwirtschaften, als man für das tägliche Leben brauchte. Freilich waren sie nun von den Launen der Unternehmer abhängig …

… die es sich in der Stadt gut gehen ließen, in Saus und Braus lebten und sich riesige Villen errichteten, wovon natürlich die ganze Stadt profitierte. Mit Beginn der Industrialsierung hatten viele Bauern leider erneut das Nachsehen: In der Stadt wurden Fabriken errichtet, die Webstühle wurden nun mit Dampf betrieben, und den übrig gebliebenen Heimposamentern – immer noch sehr viele – konnte man neue Bedingungen diktieren. Eine weitere Optimierung der Herstellung von Seidenbändern war die Erzeugung von künstlichen Farbstoffen. Nach der Erfindung des Farbstoffs Fuchsin (dem heutigen Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden schnell mehrere Chemiefirmen, die auch nach weiteren künstlichen Farbstoffen forschten. Als sich um 1900 die Mode änderte und niemand mehr Seidenbänder haben wollte, brach die Seidenbandweberei in sich zusammen – in einem Prozeß von mehreren Jahren, aber unumkehrbar. Übrig blieben aber die Chemieunternehmen, die zunehmend auch Abfallprodukte ihrer Forschungen vermarkteten: Medizin – gegen Rheuma, gegen Kopfschmerzen, was der Mensch halt so braucht. Inzwischen haben allein die beiden größten Pharmaunternehmen, Novartis und Roche, einen Jahresumsatz von über 100 Milliarden Dollar.

„Die meisten Blöden in Berlin sind derart ausgelaugt, daß sie nichts mehr hergeben“, liest mir meine Begleiterin aus der Frühstückszeitung vor. Das leuchtet mir unmittelbar ein, aber ich wundere mich doch darüber, daß eine Schweizer Tageszeitung so unverblümt über unsere Regierung urteilt. Tut sie gar nicht – meine Begleiterin hat sich nur verlesen:

Nächstes Mal gehen wir ins Museum.

Fortsetzung folgt.

 

Ausflug nach Basel (2)

Kunst überall, ob wie hier als Fassadenrelief …

… oder als eine der vielen Skulpturen, wie diese von Valery Heussler mit dem Titel „Der Auftrag / Brot teilen“, die vom Lotteriefond finanziert wurde.

Vielfach künstlerisch gestaltet sind auch die ca. 200 öffentlichen Brunnen, die über die Stadt verteilt sind. Von drei Ausnahmen abgesehen, führen sie alle Trinkwasser. Was erstmal sehr großzügig klingt, wirkt nach dem zweiten Nachdenken allerdings wie ein überflüssiger Luxus: Das Wasser wird also erst zu Trinkwasser aufbereitet, bevor es die Brunnen speist, um dann zum allergrößten Teil wieder als Brauchwasser im Klärwerk zu verschwinden – um erneut zu Trinkwasser aufbereitet zu werden.

Der weltgrößte Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé setzt jährlich übrigens Milliarden Euro damit um, daß er z.B. in Pakistan und Maine (USA) das Grundwasser absaugt, in Plastikflaschen abfüllt und verkauft – ohne selbst mehr als einen lächerlich geringen Preis dafür zu bezahlen, und ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen. Wer möchte, kann sich hier den sehenswerten Film „Bottled life“ aus dem Jahr 2012 über die Machenschaften von Nestlé anschauen, er dauert ca. anderthalb Stunden.

Viele Brunnen sind mit dem Baseler Wappentier, einem  Basilisken, geschmückt …

… ein typischer Basiliskenbrunnen sieht allerdings so aus. Ein Basilisk ist ein Mischwesen aus Hahn und Schlange, dem man lieber nicht begegnen möchte: Durch seinen Atem oder durch seine Berührung stirbt alles Lebendige augenblicklich, und kreuzt sich der eigene Blick mit seinem, versteinert man sofort, genauso wie durch einen Blick der Medusa. Und genau wie diese besiegt man auch einen Basilisken, indem man ihm einen Spiegel vorhält. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit hat man wirklich an solche Wesen geglaubt. Im Jahr 1474 wurde in Basel ein Hahn angeklagt, ihm wurde vorgeworfen, ein Ei gelegt zu haben, und da auf diese Weise Basilisken erzeugt werden, wie jedermann weiß, fürchtete man das Schlimmste. Der Hahn hatte offenbar eine schlechte Verteidigung, jedenfalls wurde er zum Tode durch Erwürgen verurteilt, das Ei wurde vorsorglich verbrannt.
Es soll aber auch passiert sein, daß jemand so dreist war, einem reichen adligen Raritätensammler ein einfaches Hühnerei für viel Geld als Basiliskenei zu verkaufen – als Sammelstücke waren die hochbegehrt.

Weshalb nun aber Basel sich ausgerechnet ein solches Ungeheuer als Wappentier erwählte, ist vermutlich der Namensähnlichkeit zu verdanken.

Und den Tod fürchtet man hier schon lange nicht mehr, jedenfalls nicht mehr, als woanders auch – ein Gerippe als Türsteher zum Naturkundemueum.

Ganz wunderbar sitzt man hier unter den Kastanien gleich neben dem Basler Münster, als sei er als Biergarten eigens dafür geschaffen – ist er aber nicht: Der Platz ist ist umgeben von Getränke- und Freßbuden, die aber alle geschlossen sind, nichtmal einen Saft bekommt man hier.

Für ein paar Wochen werden Open-Air-Filme gezeigt, und nur während der Zeit ist der ganze Platz, auch der unter den Kastanien, bestuhlt. Und zu trinken bekommt man nur während der Vorstellung. Kaum zu glauben, wie blöd das ist!

Das Münster von der rechten Rheinseite aus gesehen, genannt Klein-Basel.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Basel (1)

Im Anschluß an unsere Schwarzwaldwanderung waren wir ein paar Tage in Basel in der Schweiz – genauer gesagt: In der Altstadt von Basel, denn die Stadt ist viel größer als die Orte, an denen wir Touristen uns aufhielten. Die Stadt ist quirlig – außerhalb der Altstadt ist man nicht weit entfernt von einem Verkehrsinfarkt, und in der Altstadt gibt es zwar viele autofreie Straßen, aber die Straßenbahnen fahren hier fast im Minutentakt, so daß man manchmal Mühe hat, auf die andere Seite zu kommen.

Shoppingmeilen wie überall …

… mit ortstypischen Läden.

Ein Bild, das man immer wieder sieht: Hauptsächlich junge Leute, die die in den gutbestückten „To-go“-Abteilungen der Supermärkte gekauften Speisen auf der Straße essen, wahrscheinlich, weil sie sich einen Café-Besuch nicht leisten können. Die Schweiz ist (nach den Bermudas) das zweitteuerste Land der Erde. Wir aßen in einem Restaurant nichts Besonderes, Cordon bleu mit Fritten, und mußten umgerechnet 31,50 Euro zahlen – pro Person! Und da waren die Getränke noch nicht dabei.

Basel ist eine Stadt der bildenden Kunst: Es gibt nicht nur unzählige Museen, überall im Stadtgebiet trifft man auf Kunstwerke, verspielt und poppig wie oben …

… oder schwer und bedeutungsvoll wie diese Stahlplatten von Richard Serra …

… die in den Abendstunden leider als Pissoir mißbraucht werden, was man auch am Tag deutlich riechen kann.

Gleich nebenan befindet sich der „Fasnachtsbrunnen“ von Jean Tinguely, ein Künstler, der in der Stadt aufgewachsen ist. Einst ein Bürgerschreck, ist er heute ihr ganzer Stolz, dem man sogar ein eigenes Museum eingerichtet hat – ich werde noch davon erzählen. Die „Basler Fasnacht“ ist übrigens die größte Karnevalsfeier der Schweiz – ich vermute, wegen der geographischen Zugehörigkeit zum Bereich der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Interessant finde ich, daß der Rosenmontag in Basel immer auf den Aschermittwoch im Deutschen Karneval folgt – die ganze Besauf  Feierei ist hier um eine Woche verschoben, die Gelegenheit für unermüdliche Karnevalisten, die Zeit um drei Tage zu verlängern. Das kam so: Die normale Fastenzeit zwischen Karneval und Ostern beträgt 40 Tage, zuzüglich der Sonntage, an denen ordentlich geschmaust werden kann – das wußte ich bisher gar nicht, tricky Katholen: In der Woche wird ordentlich Biberfleisch gegessen, da Biber, wie jeder weiß, Fische sind, schließlich leben sie im Wasser, und am Sonntag kann man dann reuelos all die anderen Leckerein essen. In der Schweiz ist man offensichtlich etwas strenger: Das ist doch keine richtige Fastenzeit, wird man sich gesagt haben, wenn wir alle sieben Tage schlemmen können, folglich hat man die Sonntage abgezogen –  was dann natürlich die Fastenzeit insgesamt verkürzt, logisch, also fällt die Fastnacht eine Woche nach hinten. Hm. Wieso kommt mir das jetzt auch wieder wie ein Trick vor?

Rathausplatz mit Markt …

… an dessen Rand man Schweizer Schokolade kaufen kann …

… wenn man es sich leisten kann: Umgerechnet 90 Euro für eine Schachtel Pralinen.

Im Innenhof des Rathauses …

… fehlt auch die Darstellung des Jüngsten Gerichts nicht: Rechts ziehen interessante Horrorwesen die Sünder in die Unterwelt, links geht’s gesittet, aber ein wenig langweilig, nach oben …

… wo dieser Herr sitzt und richtet, ihm ist aber noch kein Licht aufgegangen, wie das eigentlich mit der an anderer Stelle gepredigten Feindesliebe zu vereinbaren ist.

Egal, die Schweizer nehmen es nicht so genau, wie man auch an dieser Figurengruppe sehen kann. Frage: Welche Figur wird mit einem Schwert und einer Waage dargestellt? Richtig, Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit. Aber muß die Figur nicht auch eine Augenbinde tragen? Und wieso hat diese eine Krone auf dem Kopf?  Das kam so:

Während der Reformation wurde die Stadt 1529 protestantisch, und mit der Marienverehrung wollte die neue Religion nichts mehr zu tun haben, also entsorgte man alle Marienstatuen, wo es nur ging. Aber was sollte mit der Maria oben über dem Rathaustor passieren? Das sieht doch nicht aus, da muß dann was anderes hin – das wird nicht billig. Irgendein findiger Kopf hatte dann offenbar die Idee mit dem Schwert und der Waage, schon war das Problem gelöst. Und Augenbinde und Krone? – wer wird denn da so kleinlich sein.

Fortsetzung folgt!

 

„Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral“ (Bertrand Russell)

„Ich möchte […] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist […] Dank der modernen Technik brauchte heute Freizeit und Muße, in gewissen Grenzen, nicht mehr das Vorrecht kleiner bevorzugter Gesellschaftsklassen zu sein, könnte vielmehr mit Recht gleichmäßig allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommen. Die Moral der Arbeit ist eine Sklavenmoral, und in der neuzeitlichen Welt bedarf es keiner Sklaverei mehr […]

Der Krieg hat zwingend bewiesen, dass sich moderne Völker durch wissenschaftlich organisierte Produktion auf der Basis eines geringen Teils der tatsächlichen Arbeitskapazität der neuzeitlichen Welt angemessen versorgen lassen. Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Statt dessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? Weil Arbeit Ehrensache und Pflicht ist und der Mensch nicht gemäß dem Wert dessen, was er produziert hat, bezahlt werden soll, sondern entsprechend seiner tugendhaften Tüchtigkeit, die in rastlosem Fleiß ihren Ausdruck findet […]

Der Gedanke, dass die Unbemittelten eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. Als vorwitzige Wichtigtuer darauf hinwiesen, dass das doch eigentlich eine recht lange Arbeitszeit sei, wurde ihnen erklärt, die Arbeit hindere die Erwachsenen daran, sich zu betrinken, und die Kinder, Unfug zu treiben […] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: »Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!« So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet […]

Wenn auf Erden niemand mehr gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten, würde jeder Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können, und jeder Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut wären. Junge Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf sich aufmerksam zu machen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, dass sie die monumentalen Werke schaffen können, für die sie heute, wenn sie endlich so weit gekommen sind, gar keinen Sinn und keine Kraft mehr haben. Menschen, die sich als Fachleute für eine besondere wirtschafts- oder staatspolitische Phase interessieren, werden ihre Ideen entwickeln können, ohne dabei im luftleeren akademischen Raum zu schweben, was der Arbeit der Volkswirtschaftler an den Universitäten so häufig einen wirklichkeitsfremden Anstrich gibt. Die Ärzte werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischem Gebiet vertraut zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit routinemäßigen Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und die sich in der Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben.

Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung. Man wird genug arbeiten, um die Muße genießen zu können, und doch nicht bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Wenn die Menschen nicht mehr müde in ihre Freizeit hineingehen, dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung verlangen […] Die normalen Männer und Frauen werden, da sie die Möglichkeit haben, ein glückliches Leben zu führen, gütiger und toleranter und anderen gegenüber weniger misstrauisch sein.

Die Lust am Kriegführen wird aussterben, teils aus diesem Grunde und teils, weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde. Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es statt dessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?“

Bertrand Russell: Lob des Müßiggangs. Zitiert nach: Wolfgang Schneider: Die Enzyklopädie der Faulheit. Frankfurt/Main, 2004. S. 93-95