Wandern auf dem Salzalpensteig (12): Königssee

Auf dem Weg vom Hotel zum Königssee – ein halbstündiger Spaziergang – kommen wir an einer Art Romy-Schneider-Museum vorbei. Museum, der Ausdruck ist vielleicht etwas übertrieben, wenn man sich den Internetauftritt anschaut, es sind zwei kleine Räume, die vollgestellt sind mit Kleidern und Fotos aus der Zeit der Sissi-Filme und aus den Filmen, die sie damals noch in Deutschland gedreht hatte, bevor sie zur „Verräterin“ wurde, die lieber in Frankreich anspruchsvollere Rollen spielte. Ich mochte sie immer gern, schon als Kind hat mich besonders ihre Stimme fasziniert, ich kenne nur noch einen Schauspieler, mit dessen Stimme es mir ähnlich ging. Und weshalb hat sie hier diese ständige Ausstellung? Sie hat ihre Kindheit in Schönau verbracht.

Das hatten wir nicht vermutet: Je näher wir zum Königssee kommen, desto mehr buhlt man um unsere touritische Aufmerksamkeit.

Hier kann man sich ein neues Gesicht kaufen, falls man sein altes verloren hat – zwischen 5,95 und 7,95 Euro, das können sich auch FDP-Politiker leisten.

Besonders beliebt sind diese Plüschtiere – man spricht irgendwas in die Figur hinein, und ein integrierter Hochleistungscomputer nimmt das auf, verzerrt es ein wenig und wiederholt, was man gesagt hat. Wenn man das zweimal gemacht hat, ist der Reiz auch schon wieder verflogen, aber besonders Kinder sind natürlich fasziniert.

Den Königssee kann man mit einem Elektroboot befahren, eine Station kostet 15,90, zwei 19,90 Euro. Ganz schön happig, aber da wir schon mal da sind …

Alle Viertelstunde legt ein Boot ab, die Fahrt dauert ungefähr 45 Minuten. Seit 1909 werden die Boote – inzwischen gibt es 18 von ihnen – elektrisch betrieben. Der Grund war in erster Linie nicht frühes Umweltbewußtsein, sondern der Krach, den Benzinmotoren machen: Wenn die Herrschaften auf Jagd gingen, war weit und breit kein Wild zu sehen, weil es vor den Knattergeräuschen vom See geflohen war.

Ah! – Oh! – Ah!! – wer findet, das sei ein Postkartenfoto, klickt einfach drauf, schon ist es ein Bildschirmfoto. Das ist die 1. Station, St. Bartholomä, so genannt nach der Kirche. Im Hintergrund sieht man die Ostwand des Watzmanns. Gern klettern Wanderer darin herum, ungeübt und/oder mit Turnschuhen und stürzen ab. Diese ganze Gebirgskletterei von Kletterlaien sollte verboten sein, ohne Kletterführerschein sollte man niemanden auf die Berge lassen.

Mit Dramafilter sieht’s ein bißchen unheimlich, aber auch plastischer aus.

Natürlich steigen wir aus. Meine Begleiterin, die nicht zu Übertreibungen neigt, benutzt ein paar mal das Wort „paradiesisch“. Ja, doch, ganz schön …

… es gibt auch einen Biergarten, wo man Kaffee und Kuchen bestellen kann.

Die kleine Kapelle hat man nach dem Apostel St. Bartholomäus benannt, dem Märtyrer, dem man …

… wie auf dem Altarbild gezeigt wird, bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hat. Wenn ihr auf einem Mittelalter- oder Barockbild mal einen Heiligen seht, der seine eigene Haut in der Hand hält, wißt ihr nun, wer das ist. Es gibt eine ganz berühmte Darstellung von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Die Figur soll ein Selbstbildnis des Künstlers sein, womit er sagen wollte: Uns Künstlern wird auch das Fell über die Ohren gezogen, so ungerecht werden wir behandelt. Aber das nur nebenbei. St. Bartholomäus ist nicht nur der Patron der Almbauern und SennerInnen, sondern auch der Heilige, der angerufen wird bei – na? Bei welchen Krankheiten? Genau, bei Hautkrankheiten. Wenn jemand sich damit auskennt, dann der, dachte man wohl – ähnlich wie St. Blasius für den Hals und der enthauptete St. Dionysius für Kopfschmerzen. Also, diese Katholiken – immer für einen Spaß bereit.

Am Ufer steht ein Sektenprediger vor einer sehr kleinen Abhängerschaft und brabbelt irgendwas – so sieht es jedenfalls aus. Wir erfahren, daß das der bayerische Finanz- und Heimatminister ist, der just an dem Tag einen WLAN-Hotspot auf der kleinen Halbinsel eingerichtet hat. Besser gesagt: Er hat auf den roten Knopf gedrückt, und wie durch Zauberei können nun alle Selfidioten ihre Handyfotos augenblicklich und unverzüglich ins weltweite Netz schicken, und das völlig umsonst, möglich gemacht durch den Finanzminister. Oder durch den Heimatminister, man weiß es nicht – die CSU scheint irgendein Problem mit dem Begriff Heimat zu haben. Daß man das in der Partei ständig thematisieren muß, schon Seehofer hatte ja seine Schwierigkeiten damit, ist merkwürdig.

Such! Such das Stöckchen! – sagt der Hund.

Im Boot zur 2. Station belauschen wir ein Gespräch zwischen einem der Bootangestellten und zwei anderen Fahrgästen. Ausgerechnet heute, so der Angestellte, wo der Minister anwesend sei, sei nur so wenig los. Heute sei der erste Tag in diesem Sommer, an dem nicht 8.000 Gäste mitfahren würden, sondern nur 2.000 … wie bitte? Ich denke erst, ich hätte mich verhört, aber er wiederholt es noch ein paarmal. Deswegen wurden wir also im Biergarten so schnell bedient. Man muß auch mal Glück haben. 8.000 mal 19,90 Euro, wenn alle die große Fahrt buchen, das macht einen Umsatz von 160.000 Euro – am Tag! Laut Auskunft des bayerischen Finanzministeriums fahren im Jahr 700.000 Menschen mit den Booten („Berchtesgadener Anzeiger“ vom 30.08.19) – was sagt der Heimatminister dazu? Ausbeutung der Natur zu rein kommerziellen Zwecken, Zerstörung der heimischen Infrastruktur für einen zügellosen Tourismus, Entfremdung der einheimischen Bevölkerung von ihrer durch Jahrhunderte gewachsenen Lebenskultur, Umweltverschmutzung durch die tägliche Bewegung der Touristenmassen, die mit Bussen und Autos hergekarrt werden – das muß aufhören!? Nichts davon. Das Ministerium erlaubt stattdessen den Bau des 19. Bootes, um den Andrang beherrschen zu können. Und nun wissen wir auch, warum das Heimatministerium dem Finanzministerium beigeordnet ist: Heimat, das ist in Bayern vielfach der Ort, wo möglichst viel Geld gescheffelt wird. Das kann man übrigens auch in den alpinen Wintersportorten sehr gut beobachten.

700.000 x 19,90 Euro – das macht knapp 14 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, nur mit den Booten, da ist noch nicht das Geld mitgerechnet, das die Touristen für Transport, Essen und in China hergestellte und importierte Kitschsouveniers ausgeben.

Wir fahren weiter zur 2. Station, der Saletalm. Ganz schön, da kann man ein wenig herumspazieren und die Leute beim Selfienieren beobachten.

Es gibt ein Restaurant mit einem provisorisch wirkenden, aber funktionierendem Selfservice-Konzept, es gibt gute deutsche Hausmannskost, also Currywurst mit Fritten und ähnliches (gar nicht auszudenken, was hier los ist, wenn viermal so viele Leute da sind).

Weil es anfängt zu regnen, müssen alle Gäste drinnen einen Platz finden. Der Lattenjupp muß draußen bleiben, aber er hat ja sein eigenes kleines Häuschen.

Wir spazieren den Weg entlang, zu einem weiteren kleinen See, von dem aus es zu einem Wasserfall geht, in dessen Zwischenbecken immer mal wieder Leute ertrinken, die Selfies machen wollen, habe ich in einer Doku gesehen – das letzte Zeugnis ist die Botschaft an die Welt: Guckt mal, wo ich bin – und sterbe.

Wir verzichten und kehren um, folgen diesen beiden Nicht-Ostfriesen (der Ostfriesennerz ist gelb), trinken zum Abschluß in einem Biergarten in Schönau eine Apfelschorle und beobachten amüsiert, …

… wie aufgeregt diese beiden Asiaten reagieren, nachdem man ihnen das bestellte Bier serviert hat. Mit dieser Menge hatten sie ganz offensichtlich nicht gerechnet. Der Gastronom macht ein schönes Geschäft mit der Unwissenheit der ausländischen Kundschaft, aber das ist ja überall so.

Fazit: Diese Wanderung kann ich nicht empfehlen – trotz der großartigen Landschaft ist es zu anstrengend und an einigen Stellen lebensgefährlich. Daß es trotzdem ein schöner Urlaub war, verdanke ich überwiegend meiner Begleiterin: Ohne ihren nachsichtigen, humorvollen und mitfühlenden Beistand hätte ich die Wanderung wahrscheinlich nach wenigen Tagen abgebrochen.

Ende.

Wandern auf dem Salzalpensteig (11): Ausflug nach Salzburg (2)

Ich habe Urlaub bis ins nächste Jahr, könnte also alle möglichen Dinge erledigen und tue – gar nichts, außer rumhängen und lesen. Auch mal ganz schön. Nun aber habe ich mich endlich aufgerafft, weiter geht’s mit ein paar Eindrücken aus Salzburg.

Die Innenstadt steht auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, was auf der einen Seite bedeutet, daß sie vor baulichen Veränderungen einigermaßen geschützt ist. Auf der anderen Seite benutzen viele Touristen diese Liste als Hinweise für „must see places“, was bedeutet: Es ist voll hier, besonders in der engen Getreidegasse, in der das Geburtshaus des berühmtesten „Sohnes“ der Stadt steht. So …

… sieht er aus. Oder doch …

… eher so? Nee, jetzt hab‘ ich’s:

So. Ist natürlich alles Quatsch. In Wirklichkeit …

… ist er von edlem Antlitz.

Meine Begleiterin ist Schokoladenliebhaberin, deshalb müssen wir unbedingt ins Café und Konditorei Fürst. Paul Fürst hat 1890 die Mozart-Kugel erfunden – und leider nicht patentieren lassen, so daß es heute alle möglichen Nachahmer gibt, darunter auch welche von mieser Qualität, ich habe sie probiert.

Die Kugeln von Fürst werden heute immer noch so hergestellt wie zu Anfang, jede einzelne ist von Hand gerollt: Ein Pistazienmarzipankern, ummantelt von einer dicken Schicht Nougatschokolade, wird auf einen Holzstab gesteckt und in Kouvertüre getaucht. Wenn alles fest und getrocknet ist, wird die Kugel abgenommen und – Sensation! – jede einzelne per Hand mit einem Schokopropfen zugestopft und eingewickelt.

Da es warm ist und alle Leute draußen sitzen, haben wir innen die frei Platzwahl, sehr schön.

Ich übertreibe nicht: Der dunkle Kuchen heißt wirklich Mozart-Torte.

Kaum ein Geschäft, daß nicht teilhaben will am Komponisten-Hype: Notenvorhang als Deko.

Mich würde interessieren, wie der Amerikaner das ausspricht: Why-iner Sknizl?

Na, das ist doch mal ein Schnäppchen! Den halben Preis nehme ich gerne mit, aber bitte keine Schecks, das Dirndl dürft ihr behalten. Nein, schon okay, ich weiß, wie es gemeint ist. Leider kann ich nicht zuschlagen, in Köln trägt man sowas nicht, und mein Arbeitgeber wäre irritiert.

Das wäre doch schon eher was für mich. Der gleicht mir – bis aufs Haar, meins ist kürzer. Und die Kombi mit den Schuhen, also, ich weiß nicht, das ist jetzt nicht soo elegant. Schluß mit den Albernheiten …

… kommen wir zum Ernst des Lebens: Noch ein Portrait von mir? Fast, ich arbeite nur noch halbtags, das hat mich davor bewahrt. Gechmackloses als Mitbringsel für die Kleinen zu Hause: „… und so sieht Mozart heute aus.“

Das ist heutzutage aber nicht mehr politisch korrekt …

… dachte sich hier jemand. Wenn man es so läßt, kann jeder zufrieden sein.

Da geht’s zum Residenzplatz vorm Dom …

… mit einem riesigen Pferdebrunnen in der Mitte, wo den Tieren das Wasser aus allen möglichen Öffnungen fließt. Ich möchte nicht wissen, was die Pferde im Hintergrund davon halten.

Dahinten geht es in den Dom, da müssen wir rein, so schnell kommen wir nicht mehr her.

Tja, schön wär’s – zur Zeit wird der „Jedermann“ aufgeführt, und so lange ist der Eingangsbereich geschlossen. 14 Aufführungen innerhalb von sechs Wochen im Hochsommer – und so lange können keine Besucher in den Dom? Daß man das nicht besser lösen kann …
Über 2.500 Zuschauer sollen da gleichzeitig sitzen können, wenn man eine der Eintrittskarten ergattert hat. Für 2020 kann man schon vorbestellen, ab 357,- Euro aufwärts. Sieht gar nicht so groß aus, ich weiß ja nicht, ob das ein großes Vergnügen ist.

Herrenmode im Wandel der Zeit.

Gleich in der Nähe der – na? – richtig: Der Mozart-Platz.

Der hätte es nach meiner Meinung ebenso verdient, überall gefeiert zu werden: Der Dichter Georg Trakl wurde hier geboren. Wenn man in den Hinterhof des Hauses geht, werden einem über Lautsprecher einige Gedichte vorgelesen – von mehreren Stimmen gleichzeitig, in verschiedenen Sprachen. Man versteht kaum ein Wort – keine Ahnung, was das soll, echt blöd gemacht.

In der Wohnung ist ein Trakl-Museum eingerichtet, allerdings mit merkwürdigen Öffnungszeit. Egal, wir haben eh keine Zeit. Der Dichter wurde bloß 27 Jahre alt, man weiß nicht genau, ob er sich selbst getötet hat oder ob es ein Drogenunfall war, beides ist möglich – ein Mensch, der sowieso schon mit sich und seiner Welt haderte, und dann erlebte er auch noch einige Gräuel des beginnenden 1. Weltkriegs. Hier eins seiner Gedichte:

Confiteor

Die bunten Bilder, die das Leben malt
Seh‘ ich umdüstert nur von Dämmerungen,
Wie kraus verzerrte Schatten, trüb und kalt,
Die kaum geboren schon der Tod bezwungen.

Und da von jedem Ding die Maske fiel,
Seh‘ ich nur Angst, Verzweiflung, Schmach und Seuchen,
Der Menschheit heldenloses Trauerspiel,
Ein schlechtes Stück, gespielt auf Gräbern, Leichen.

Mich ekelt dieses wüste Traumgesicht.
Doch will ein Machtgebot, daß ich verweile,
Ein Komödiant, der seine Rolle spricht,
Gezwungen, voll Verzweiflung – Langeweile!

Passend dazu (obwohl nicht zusammengehörig) werden wir auf eine Ausstellung hingewiesen: Die Kriegstreiber, die uns ihre Waffen verkaufen und uns in ihrem Gebrauch schulen, das sind die eigentlichen Feinde.

Wohnungsklingeln von früher – funktionieren heute nicht mehr, habe ich mir sagen lassen, die Leute ziehen ein elektronisches Fiepen vor. Sporer soll übrigens ausgezeichnete Spirituosen herstellen, habe ich (glücklicherweise erst nach unserem Besuch) gehört.

So, wir müssen wieder zurück. Wenn man in der Gegend ist, kann man hier gut einen Nachmittag verbringen, oder auch zwei – das Kunstmuseum soll sehr gut sein. Extra für die Stadt herkommen würde ich nicht. In Mozarts Geburtshaus befindet sich übrigens ein Supermarkt im Erdgeschoß (die Käsetheke ist in seinem ehemaligen Kinderzimmer … nein, quatsch). Warum auch nicht – so unverblümt, wie hier mit seinem Namen Geschäfte gemacht werden, das hätte ihn vielleicht sogar amüsiert.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (10): Ausflug nach Salzburg (1)

Von Schönau nach Salzburg kann man mit dem Linienbus fahren, es dauert ungefähr eine Stunde. Die Stadt liegt an einem Fluß, der Salzach, da fühlen wir uns gleich wie zu Hause. Auf dem Weg in die historische Altstadt begegnet uns ein Schild: Marina Abramović Monument, mit Pfeil in die entgegengesetzte Richtung. Wir sind allein schon wegen der Ankündigung erstaunt – das müssen wir uns zuerst ansehen.

Fast wären wir daran vorbeigelaufen. Über Marina Abramović könnte ich viel erzählen (und das mache ich demnächst auch mal), hier nur soviel: Sie ist eine Performance-Künstlerin, die schon in den 70er und 80er Jahren durch zum Teil martialische künstlerische Performances von sich Reden gemacht hat. Weltweit populär wurde sie 2010 durch die Langzeit-Perfomance „The Artist is Present“ im New Yorker „Museum of Modern Art“ (Ausschnitte davon kann man sich bei Youtube ansehen). Als bildende Künstlerin trat sie eher selten in Erscheinung. Hier haben wir nun acht Stühle, die ausdrücklich besessen werden dürfen, das ist doch schonmal schön, so direkt am Fluß. Kissen, Kuchen und Kaffee muß man allerdings selbst mitbringen.

Wenn man auf einem der Stühle sitzt, schaut man in diese Richtung, wo der Blick automatisch nach oben gelenkt wird, nämlich …

… dahin. Noch ein Stuhl, 15 Meter hoch, ohne Sitzfläche. Das kann man einfach so hinnehmen, aber da es sich um Kunst handelt, kann man sich natürlich auch einiges überlegen: Wer so lange Beine hat, daß er sich da hinsetzen kann, hat dagegen einen verhältnismäßig kleinen Hintern, der dazu noch unbequem ohne Sitzfläche auskommen muß. Ein stuhlähnliches Möbel ohne Sitzfläche haben wir ja alle in unseren Wohnungen, im Bad, aber das kann doch hier nicht gemeint sein. Die Figur, die sich hier am besten positionieren kann, die also weder überlange Beine noch eine Sitzfläche braucht, ist eine Figur, die schwebt …

So gibt man sich seinen interessanten Spekulationen hin, und es würde völlig ausreichen, es dabei zu belassen. Aber Abramović wäre nicht sie selbst, würde sie sich an das Goethe-Wort „Bilde, Künstler! Rede nicht! Nur ein Hauch sei dein Gedicht!“ halten: Dick und fett erklärt sie uns ihr Werk und wie wir uns zu verhalten haben, zweisprachig auf einer großen Tafel in signalrot (zum Vergrößern bitte draufklicken):

Der Text ist an Banalität kaum zu überbieten: Statt „Mozart“ und „Salzburg“ kann man jeden beliebigen Komponisten und seine Stadt einfügen, es paßt immer. Wie wäre es mit Josef Haydn und Wien? „Mitten im Herzen von Wien, wo Verkehr und hektisches Stadtleben pulsieren, wollte ich einen Ort der Besinnung schaffen und ihn dem Geist Haydns widmen“ – und so weiter. Klappt auch mit Frank Zappa und Los Angeles. Oder Heino und Bad Münstereifel. Und was ist das jetzt mit dem hohen Stuhl? Wenn schon, denn schon, dann wollen wir aber auch alles wissen:

„Ich möchte einen Sitz für den Geist Mozarts errichten. Er ist 15 Meter hoch, hat keine Sitzfläche, sondern nur die äußeren Formen eines Stuhles. Wenn man darunter steht, sieht man den Himmel. Der Geist ist etwas Unsichtbares, aber wenn man ihm einen Sitz errichtet, wird das Unsichtbare sichtbar. Jeder, der lange genug sitzt und nachdenkt, kann eine Verbindung mit unsichtbaren Kräften eingehen“, heißt es auf der Internetseite.
Ach. Ach was. Da habe ich wohl nicht lange genug dagesessen. Aber ich lag gar nicht so schlecht mit meiner Vorstellung einer schwebenden Figur.

Das Werk ist Teil des“Kunstprojekts Salzburg“ (so der damalige Titel, heute wird es „Walk of Modern Art“ genannt), 2002 von der „Salzburg Foundation“, einer Vereinigung privater Sponsoren, ins Leben gerufen. Innerhalb von zehn Jahren durften zwölf ausgewählte Künstler ihre Werke an jeweils einem Platz in der Innenstadt ausstellen. Neben Marina Abramović tauchen so illustre Namen wie Christian Boltanski, Anthony Cragg, Stephan Balkenhol, Anselm Kiefer und Markus Lüpertz auf. Die Konservativen schäumten, immer wieder aufs Neue, allen voran die FPÖ. Besonders die Skulptur von Markus Lüpertz erregte die Gemüter: Eine Mozart-Figur, bestehend aus einem weiblichen Körper und einem Mozart-Kopf, bunt angemalt – zugegeben, sehr häßlich. Allerdings kenne ich keine einzige Skulptur von Lüpertz, die nicht häßlich ist. Irgendjemand (ein rechter Hohlkopf) besprühte die Skulptur kurz nach der Aufstellung und federte sie, sodaß sie nach der Reinigung nun farbfrei dasteht.

2012 wollte die Foundation die Kunstwerke der Stadt schenken, aber die Stadt lehnte die Schenkung ab – was genau der Grund war, weiß ich nicht. Also sprang der Unternehmer Reinhold Würth ein, der auch schon vorher Mitglied der Foundation war, er kaufte alle Skulpturen und stellt sie der Stadt als Dauerleihgabe zur Verfügung. Die Würth-Gruppe, ein Familienunternehmen aus Baden-Württemberg, hat einen Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Euro, die Familie Würth wird auf ein Vermögen von 10 Milliarden Euro geschätzt. Reinhold Würth, heute 84 Jahre alt, fing in den 60er Jahren an, Kunstwerke zu sammeln, inzwischen umfaßt die Sammlung über 18.000 Werke – reiche Leute suchen sich kostspielige Hobbies, mit dem Geld fängt man nicht an, Kronkorken verschiedener Biermarken zu sammeln, obwohl der Reiz dazu wahrscheinlich der gleiche ist. Allerdings ist die öffentliche Anerkennung mit Kunst viel höher, wie man es ja auch bei Peter Ludwig und Hasso Plattner sehen kann. Man könnte seine Milliarden auch für die Rettung der Welt ausgeben, aber Kunst ist irgendwie geiler. Der Grund für Würths Salzburger Engagement ist leicht zu erraten: Erstens kostet es ihn fast nichts (gemessen an seinem Vermögen), zweitens wohnt er in Salzburg. Entweder die damaligen Stadtratsmitglieder hatten genau darauf spekuliert, als sie die Schenkung ablehnten, oder es waren komplette Idioten, denn inzwischen ist der Skulpturenreigen ein tourismusfördernder Publikumsmagnet, und von den Anwohnern beschwert sich auch keiner mehr.

So langsam müssen wir mal weiter. Dahinten ist eine Fußgängerbrücke, schon die zweite in nur geringer Entfernung – da kann man als Kölner regelrecht neidisch werden, sowas wird zwar in Köln auch immer wieder diskutiert, alle fänden es gut – aber dann versandet das Gespräch und alles bleibt beim Alten.

Auch hier die inzwischen wohl für Flußbrücken obligatorischen Liebesschlösser. Wer keins aufhängen kann, weil er oder sie niemanden hat, soll sich hier hinstellen und irgendjemanden küssen – iieh bah! Jod! Heißes Wasser!

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (9): Ausflug nach Berchtesgaden

Berchtesgaden ist eine so hübsche Stadt, wenn man da fotografiert und paßt nicht auf, macht man fast nur Postkartenfotos. Und da es mir gar nicht einfällt, immer aufzupassen (im wahrsten Sinne des Wortes, ich habe wirklich nicht daran gedacht), ist es halt so.

Berchtesgaden ist gar keine Stadt, sondern eine Minderstadt, was man ihr aber nicht ansieht – ein Scherz, denn der Begriff hat gar keine abwertende Bedeutung: Minderstadt, das bedeutet, daß ihr im Mittelalter nicht die vollen Stadtrechte verliehen wurden. Daher sagt man auch nicht „Stadt Berchtesgaden“, sondern „Markt Berchtesgaden“.

„Markt“ heißt jetzt nicht, daß der ganze Ort ein einziger Marktplatz mit ständigem Marktgeschehen ist oder war. Der Begriff – und das ist in Deutschland eine bayrische Spezialität, in Östereich taucht er auch noch auf – bezeichnet eine Gemeindeform. Es gibt in Bayern heute noch 386 Märkte, also Gemeinden, die sich nicht Stadt, sondern (bloß) Markt nennen dürfen.

Wenn im Mittelalter einem Ort das Stadtrecht verliehen wurde, war das immer mit Privilegien verbunden, und das wichtigste und älteste Privileg war das Marktrecht: In der Stadt durfte ein Wochen- oder Jahrmarkt veranstaltet werden. Die Bauern aus der Gegend durften ihre Erzeugnisse also nicht auf selbstgewählten zentralen Plätzen anbieten, sondern mußten in die nächste Stadt fahren. Das war zwar mit etwas mehr Mühe verbunden, sorgte aber dafür, daß sich die Städter mit Lebensmitteln versorgen konnten, ohne jeweils einzeln aufs Land fahren zu müssen, und auch für die Bauern stellte sich diese Regelung als gut heraus, da sie in der Stadt genügend Käufer für ihre Waren fanden.

Was nun aber, wenn einerseits der Bedarf der Stadt gedeckt, andererseits der nächste städtische Markt so weit entfernt war, daß eine Anreise nur mit viel Mühe zu bewerkstelligen war? Die Landesfürsten vergaben das Marktprivileg an Gemeinden, die als Stadt nicht bedeutend genug waren, die aber für ihre Gegend eine herausgehobene Bedeutung hatten, topographisch oder was die Anzahl der Einwohner betraf. Im übrigen Deutschland (also dem Gebiet, das sich heute so nennt) und in der Schweiz gab es solche Gemeinden auch, da nannte und nennt man sie „Flecken“.

Die Bezeichnug „Mangelstadt“ ist historisch, heutzutage spielen bestimmte Stadtprivilegien keine Rolle mehr – es sei denn, man hat ein teures Auto, dann kann man gern mal zum Einkaufen in der Fußgängerzone parken. Vermutlich auch eine bayrische Spezialität.

A propos Spezialitäten: Bei „Grassl“, einem Spirituosenhersteller, erwartet einen gleich im Eingang ein Tablett mit fingerhutgroßen gefüllten Gläsern, zur freien Verkostung. „Blutwurz“, ein Kräuterlikör aus der Blutwurzel, hat mir besonders gut geschmext … pardon, geschmeckt. 48% Alkohol – da merkt man, daß eine Fingerhutmenge eine große Wirkung haben kann. Die Entscheidung für den Kauf einer ganzen Flasche fällt einem nach ein paar Proben leichter als sonst – raffiniertes Marketing.

Bayrische Streetart: Am berühmten Hirschenhaus gibt es eine sogenannte Affenfassade.

Im Mittelalter hatte die Darstellung von Affen in der Kunst immer eine Verbindung zum Teufel. Das änderte sich mit dem Beginn der Barockzeit um 1600: Besonders in der flämischen und niederländischen Malerei waren Affen in menschlicher Bekleidung satirisch gemeint: Seht nur, wurde den begüterten Bürgen und Amtspersonen vorgehalten, ihr seid auch nicht besser in eurem weltlichen Streben und Tun als die Affen im Zirkus (diese Darstellungsart hat die französische Bezeichnung „Singerie“ = Affentrick). Wie diese Obrigkeitskritik Anfang des 17. Jahrhunderts ausgerechnet in das provinzielle Berchtesgaden kam, ist mir schleierhaft.

Hier habe ich mal „aufgepaßt“: Eine recht schöne Stadt … nein, ein schöner Markt, in (oder auf?) dem man gut mal einen Nachmittag verbringen kann – kein Grund, den Kopf zu verlieren. Aber ich habe keine Ahnung, wie es einem geht, wenn man hier dauerhaft lebt.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (8): Ausflug zum Obersalzberg

Wir bleiben noch drei Tage in dem Hotel, um uns auszuruhen und um uns die Gegend anzusehen. Berchtesgaden und Salzburg sind mit dem Bus erreichbar, außerdem müssen wir uns natürlich noch den Königssee genauer ansehen. Als erstes fahren wir auf den Obersalzberg oberhalb von Berchtesgaden. Das Dorf gleichen Namens gibt es nicht mehr, es hatte das Pech, daß im Jahr 1923 ein Herr A. Hitler hier einen von der Polizei gesuchten Bekannten besuchte. Hitler fand soviel Gefallen an der Gegend, daß er immer wieder herkam. 1928 mietete er ein Haus als Feriendomizil, 1933, nach der Machtübernahme, kaufte er es und ließ es als Residenz ausbauen: Der „Berghof“ enstand. Insgesamt verbrachte er hier vier Jahre seiner Herrschaftszeit. Das ganze Dorf wurde nun zum „Führersperrgebiet“ – die Bewohner wurden „gebeten“, ihre Häuser und Ländereien an den Staat zu verkaufen. Wer nicht wollte, wurde enteignet, und wer aufmuckte, wurde ins KZ Dachau gesperrt, wie es einem Fotografen geschah, der ein kleines Atelier betrieb. Fast alle Gebäude wurden abgerissen, stattdessen entstanden Häuser für die NSDAP-Größen Hermann Göring, Martin Bormann und Albert Speer, daneben ein Gästehaus, eine SS-Kaserne und ein Gutshof mit Gewächshaus. Ende des 2. Weltkrieges bombadierten die Allierten die Gebäude, da man fälschlicherweise annahm, hier verberge sich eine Alpenfestung, in der sich Elitesoldaten verschanzten.

Auf Youtube gibt es übrigens einige Dokumentationen über den Berghof, mit vielen Originalaufnahmen besonders von Eva Braun, die inoffizielle Geliebte Hitlers, die sich langweilte und zur Kurzweil das Filmen für sich entdeckte.

Der Berghof wurde von den Amerikanern vollständig gesprengt, um jeden Kult zu verhindern. Die anderen Gebäude wurden wieder instandgesetzt und von ihnen genutzt. Als sie 1996 abzogen, ging das ganze Gebiet an den Freistaat Bayern. Die Politiker beschlossen ein sogenanntes „Zweisäulenmodell“: Um den Tourismus zu fördern und gleichzeitig einem NS-Wallfahrtsort vorzubeugen, beschloß man einerseits, ein Gebäude „Dokumentation Obersalzberg“ (s.o.), andererseit ein Hotel der Luxusklasse (5-Sterne-Superior) auf dem Gelände des Göring-Hauses zu errichten. Die Ausschreibung des Hotel-Projekts ging ganz zufällig an ein Tochterunternehmen der Bayrische Landesbank (BayernLB) – das hat mit Vorteilsnahme und Korruption nicht das Geringste zu tun. Böse Leute, die sowas behaupten. Als nach Millionenverlusten bekannt wurde, daß die BayernLB daran beteiligt ist, hagelte es Kritik, und die Bank zog sich aus dem Geschäft zurück. Heute wird das Hotel von Kempinski betrieben, Lothar Matthäus und Verona Poth sollen dort genächtigt haben – na, da näßt man sich fast ein vor Ehrfurcht.

Wir besuchen nur das Dokumentationszentrum. Auf zwei Etagen werden das Leben Hitlers auf dem Obersalzberg, aber auch die Auswirkungen des Nazionalsozialsmus insgesamt dokumentiert, bis hin zu grausamen KZ-Fotos – für Kinder unter 12 Jahren ist der Besuch „nicht empfohlen“.

Viel Text, wenn man alles lesen will, braucht man vermutlich einen ganzen Tag. Interessant, was Albert Speer erzählt: „Hitler erschien meist spät, gegen elf Uhr, in den unteren Räumen … Seinen eigentlichen Tagesablauf leitete ein ausgedehntes Mittagessen ein … Nicht lange nach dem Essen formierte sich der Zug zum Teehaus … Hier an der Kaffeetafel verlor sich Hitler besonders gern in endlose Selbstgespräche … Gelegentlich schlief Hitler über seinen Monologen ein, die Gesellschaft unterhielt sich dann im Flüsterton weiter und hoffte, daß er rechtzeitig zum Abendessen wieder aufwache … Nach der Rückkehr zum Berghof pflegte Hitler sich sofort in seine oberen Räume zu begeben, während der Troß sich auflöste … Zwei Stunden später traf man sich schon wieder zum Abendessen … Mit den auch in Berlin üblichen Spielfilmen begann der zweite Teil des Abends … Gelegentlich wurden die Filme besprochen … Niemand gab sich Mühe, das Gespräch über das Bagatellniveau hinaus anzuheben … Später im Krieg verzichtete Hitler auf die abendliche Filmvorführung … Ab ein Uhr nachts konnte dieser und jener trotz aller Beherrschung ein Gähnen nicht mehr unterdrücken. Aber in eintöniger, ermüdender Leere ging der Abend noch eine gute Stunde weiter …“

Wir wissen inzwischen, Speer war ein notorischer Lügner, aber diese Stimmung wird von anderen bestätigt.

Pin-up-man – was der „Führer“ in seiner Freizeit so treibt. Es gab mehrer Fotobände, die seine Naturverbundenheit zeigen sollten, wofür die Gegend um den Obersalzberg wie geschaffen schien, …

… und die reißenden Absatz fanden. Einer, der im Wald wandernd seine Ruhe und seine Inspiration findet, im deutschen Wald, diesem mythischen Gebilde … um dann für „sein“ Volk – väterlich und energisch zugleich – Großtaten zu vollbringen. „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“ – wir sollten für immer mißtrauisch sein, wenn uns jemand so kommt. Da fällt mir ein anderer ein, der auch gern im Wald wandert und viel von Volk und Vaterland und (deutscher) Gemeinschaft spricht: Björn „Bernd“ Höcke. Aber diese Ähnlichkeit ist wohl nur zufällig. Ich wandere ja auch.

Ab 1937 mußte in Deutschland unter jedem neuen wichtigen Gebäude ein Bunker gebaut werden. Hitler selbst war von Bauarbeiten am Berghof aber nicht begeistert, und so wurde erst 1943, als man gewahr wurde, daß es eventuell doch nichts wird mit der Weltherrschaft, in die Felsen des Obersalzberges ein weitverzweigtes Tunnel- und Bunkernetz gehauen.

Neben Büro-, Wohn- und Schlafräumen gab es große Vorratsräume – man richtete sich auf eine lange Belagerung ein. Nach dem Ende freute das die einheimische Bevölkerung, alle Bestände wurden geplündert.

Ein in Glas geprägtes Schaubild der Bunker und Tunnel.

So – genug gelernt für heute, das ist hier ja wie in der Schule. Nichts wie ab ins sonnige Berchtesgaden, da gibt’s Kaffee und Kuchen.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (7): Bischofswiesen – Ramsau – Schönau/Königssee

Dahinten kommen zwei Fahrradfahrerinnen auf ihren elektrifizierten Bikes, die haben es gut.

Obwohl sie uns vor über einer Stunde überholt haben, holen wir sie am Ende dieses felsigen Abschnitts wieder ein – das kann kein Vergnügen gewesen sein, die schweren Zweiräder hier hochzuschieben und zu tragen.

Die Mörderalm (eigentlich „Mordaualm“) scheint ein beliebtes Ausflugsziel zu sein, gleich drei Bewirtschaftungen sorgen für das Wohl der Ausflügler.

Auf der Oalm, do gibt’s koa Sünd – dafür viel Arbeit, die zu verklären mir allerdings nie in den Sinn gekommen wäre: Wie romantisch kann eine Arbeit mit Kühen sein?

Hui – da geht’s lang bergab. Man sieht es auch an den vor Anstrengung roten Gesichtern der Wanderer, die uns entgegenkommen.

Durch den Dramafilter betrachtet könnte man meinen, wir seien in einer Vulkanlandschaft.

Das habe ich doch vorhin schon auf der Schautafel gelesen, es scheint das Selbstverständnis der Einheimischen des Berchtesgadener Landes zu beschreiben.

Echt gut, dieser Wanderweg, da kann man wunderbar herumstehen, scheinen diese Raubtiere zu denken. „Wir warten, bis sie weggehen“, sagt meine Begleiterin ängstlich. Schön, wie sie mich selbst in schwierigen Situationen immer wieder zum Lachen bringt. Da ich das rote Tuch und den Degen gerade nicht dabei habe, kraxeln wir die Wiese hoch und umrunden die kleine Herde.

Ich befürchte, wir müssen da rechts hinunter, unser Hotel liegt in vier Kilometern Entfernung im Tal.

Nicht schön, die Vorstellung, daß wir da am nächsten Morgen auch wieder hochmüssen.

Das Hotel ist eine riesige Anlage, Lebensweisheiten gibt es frei Haus.

Im Gwand-Ladl können wir uns ortstypisch einkleiden, wenn wir wollen.

Das dümmste Waschbecken, das ich je in einem Hotel gesehen habe, dem Inneneinrichter sollte man die Lizenz entziehen.

Unser letzter Wandertag zeigt uns eine nebelfrei Aussicht an einem herrlichen Panoramaweg.

Kuchenstation – sehr schön (ein Foto meiner Begleiterin).

Ich hätte es ahnen können – der letzte Berg, der Grünstein, den wir besteigen sollen, hat es nochmal richtig in sich, damit man nicht auf den falsche Gedanken kommt, das hier sei ein einfacher Wanderweg. „Testwanderweg“ – was soll das heißen? Wenn man oben ankommt, hat das Herz den Test bestanden, wenn nicht, hat das Herz zwischendurch schlapp gemacht – tja, Pech gehabt, das Leben ist rauh, echt und gut und eben irgendwann zu Ende. Wissenschaftlich getestet!

Über 500 Höhenmeter auf einer Strecke von zweieinhalb Kilometern, das ist wie Treppensteigen, allerdings ohne Stufen. Als ich (gefühlt) schon einiges geschafft habe, kommt mir ein älterer Mann entgegen. Ich bleibe stehen, um ihn vorbeizulassen. „Berg vor Tal!“, ruft er fröhlich, womit er sagen will, daß der Bergaufsteiger immer Vorfahrt hat. Ich antworte, ich sei ganz froh, mal einen Augenblick verschnaufen zu können, darauf er: „Aber Sie wissen schon, daß Sie noch einiges vor sich haben!“ Ich hatte nicht übel Lust, ihm eine reinzuhauen. Aber ich nicke nur. Der Herr kommt ins Reden: Ich könne eine Nebenroute nehmen, die sei zwar schwieriger und auch länger, dafür aber nicht so langweilig, man komme auch nicht an der Verpflegungshütte vorbei, sondern gleich zum Gipfel. Ich sammle ein paar Steine auf und bewerfe ihn damit. Nein, ich bedanke mich höflich, wie es sich unter zivilisierten Menschen gehört, und gehe weiter.

Geschafft! Mein Herz hat den Test bestanden. Ich belohne es (und den Rest meines Körpers) mit einer ausgezeichneten Erbsensuppe und einem kühlen Getränk. Meine Begleiterin will unbedingt noch auf den Gipfel – unnötig, denn der Wanderweg geht von hier aus weiter. Bitte, ich warte gern. Hallo, Frau Kellnerin …

Eine grandiose Aussicht hat man auch von hier. Da unten sieht man einen Teil des Königssees, da müssen wir hin. Was soll jetzt noch schiefgehen, der letzte Abstieg, pah, das machen wir mit links …

Tatsächlich trachtet die Natur noch einmal nach meinem Leben. Hier gibt es noch Stufen …

… hier haben sie leider gefehlt. Es gibt keinen anderen Weg als durch diesen Matsch (Foto meiner Begleiterin).

Mit den rutschigen Schuhen geht es dann weiter steil bergab, über abschüssige Felsenflächen und steile Wurzelwege – daß ich das verletzungsfrei geschafft habe, kommt mir jetzt noch fast wie ein Wunder vor. Der „Berchtesgadener Anzeiger“, dessen Tagesausgabe ich zwei Tage später lese, ist voll von Berichten über die häufigen Einsätze der Bergwacht, die verletzte Wanderer und Kletterer mit Hubschraubern in die Kliniken befördert.

Geschafft! Nach 130 Kilometern kommen wir in Schönau an. Ich bin heilfroh, das hinter mir zu haben. Die Landschaft ist großartig, die Wanderung mit meiner Begleiterin wie immer ein großes Vergnügen – aber die Schikanen zwischendurch … nie mehr gehe ich einen Wanderweg, in dessen Bezeichnung das Wort „Alpen“ auftaucht. Meine Begleiterin dagegen kann sich gut vorstellen, nochmal herzukommen, spricht gar von einer Alpenüberquerung … ohne mich! Ich rate euch, liebe Freund, wenn ihr wandern wollt, fahrt in die Eifel, oder in den Schwarzwald, oder wer sich richtig anstrengen will, auch in die Sächsische Schweiz – aber meidet Alpenwanderwege.

Fortsetzung folgt.

 

Wandern auf dem Salzalpensteig (6): Bad Reichenhall – Bischofswiesen

An dem Tag, an dem wir in Bad Reichenhall ankommen, findet abends ein Event statt: Überall in der weitläufigen Fußgängerzone stehen …

… Lautsprecher, die per Funk miteinander verbunden sind, einige hängen sogar in Bäumen. So soll eine Klangwolke über der ganzen Stadt entstehen. Klingt nach einer reizvollen Idee. Um 20 Uhr hört man erstmal überall die Nachrichten der Bayernwelle, gefolgt von einer öligen Radiostimme, die erzählt, daß man nun alles in ganz Bad Reichenhall hören kann. Dann spielt ein Orchester seichte klassische Musik, Walzer und … äh, Walzer, bis 22 Uhr. Zufällig haben alle Geschäfte auch bis dahin geöffnet.

Vielen Leuten gefällt das, die Cafés und Restaurants sind sehr gut besucht, außen findet man kaum noch einen Platz …

… und es wird getanzt. Wie ich hinterher gelesen habe, haben die Reichenhaller Philharmoniker irgendwo live gespielt, und die Bayernwelle hat es übertragen. Das Event gibt es schon seit mehreren Jahren und wurde 2014 mit dem bayrischen Stadtmarketingpreis ausgezeichnet. Und das ist es, worum es geht, um Marketing.

Bad Reichenhall hieß ursprünglich nur Hal, das deutsche Wort für (lateinisch gesprochen) Saline. Schon zur Römerzeit fand man hier eine natürliche Solequelle. Sole ist salzhaltiges Wasser, das die Römer in Tonkrügen auffingen und kochten, bis das Wasser verdampft war, übrig blieb das kostbare Salz. Als die Römer weg waren, geriet die Solequelle erstmal für ein paar Jahrhunderte in Vergessenheit – vielleicht ist das gemeint, wenn man vom dunklen Mittelalter spricht, der Niedergang der römischen Kultur hatte vielerorts zu einem Verfall längst erreichten Fortschritts geführt.

Im siebten Jahrhundert nahm man die Förderung wieder auf. Die Salinen wurden erst von Bürgern betrieben, was ich bemerkenswert finde, aber wie immer, wenn viel Geld im Spiel war, wollten Adel und Klerus mitmischen, was freundlich ausgedrückt ist. Der Erzbischof von Salzburg verlangte fette Zölle, wenn das Salz über Salzburger Land transportiert werden mußte, was dazu führte, daß es mit Eseln über die Berge geschafft wurde, der Eselsführer wurde Säumer (Saum=Last) genannt. So entstand ein relativ dichtes Netz von Alpenwegen, auf denen wir wahrscheinlich noch heute wandernd unterwegs sind. Irgendwann kam der Salzburger Erzbischof auf die Idee, auf eigenem Gebiet graben zu lassen, und siehe da, man wurde fündig, es entstanden Konkurrenzsalinen: Hallstatt, Hallein, Hallergut und viele mehr (Schwäbisch Hall, Halle (Saale) und Halle (Westfalen) haben ihre Namen übrigens auch den Salinen zu verdanken). Um sich zu unterscheiden und um zeigen, daß hier aber die Vorkommen was ganz besonderes sind, wurde aus Hal der Ortsname Reichenhall (das „Bad“ kam erst viel später dazu). Die Konkurrenten lagen natürlich immer im Streit – einmal ritten bewaffnete Reichenhaller zu einem Berchtesgadener Kloster, das dem Salzburger Erzbischof unterstand, mauerten alle Bergstollen zu und zerstörten die Salinen. Drei Jahre später fiel der Erzbischof mit einer inzwischen aufgestellten Armee in Reichenhall ein und zerstörte gleich die ganze Stadt.

Um 1600 war das ganze Reichenhaller Salzwesen in herzoglich-bayrischer Hand. Salz – das nur zur Erinnerung – war deshalb so wertvoll, weil es ein erstklassiges Konservierungsmittel ist. Fleisch, in Salz eingelegt, verdirbt nicht, und das konnte besonders in harten Wintern überlebenswichtig sein. Man verdiente also enormes Geld mit dem „weißen Gold“, was man gerne noch steigern wollte. Die Sole wurde in große metallene Pfannen geleitet, unter denen ständig geheizt werden mußte, man kann sich vorstellen, was das an Energie braucht. Der einzige Energieträger, den man hatte, war Holz, das nun seinerseits zu einem immer kostbareren Gut wurde. Erst holte man es aufwändig über den Fluß aus entfernteren Gegenden. Dann hatte man die Idee, die Sole, die in den 32 Reichenhaller Sudpfannen sowieso nicht verarbeitet werden konnte – es war einfach zu viel – durch Rohrleitungen über die Berge erst nach Traunstein, später auch nach Rosenheim zu transportieren, da gab es noch genug Holz, das dem Staat Bayern gehörte. Und aus dieser Zeit stammt die Erfindung der Pipeline, wie man heute stolz behauptet: Die Sole wurde durch Bleirohre den Berg hinaufgepumpt, aber wenn man das natürliche Gefälle nutzen konnte, nahm man ausgehöhlte Baumstämme – die gerne mal von der einheimischen Bevölkerung angebohrt wurden, zur Eigenversorgung. Tja, man muß sich zu helfen wissen.
Außerdem wurden große Gradierwerke zur Energiereduzierung gebaut – hier habe ich mal eins gezeigt, das ich in Rheine fotografiert habe.

Soviel Gier bestraft der liebe Gott, könnte man denken, als die Stadt 1834 fast vollständig abbrannte (278 von 302 Häuser), aber wenn es danach ginge, wäre der Kölner Dom auch eine Brandruine. Vermutlich entstand der Brand aus Geiz: Der Schornstein eines Sudhauses war nicht richtig gereinigt, und austretender brennender Ruß setzte das hölzerne Dach unter Feuer, das durch einen kräftigen Wind erst richtig angefacht wurde. Man nutzte die Zerstörung zu einer Vebesserung der Anlage beim Wiederaufbau, was noch größeren Gewinn zur Folge hatte.

Und wie kommt das Salz überhaupt in den Berg? Die Schautafel zeigt’s (ich hoffe, es ist zu erkennen; zum Vergrößern aufs Bild klicken). Jedes Salz, das wir zu uns nehmen, ist Meersalz, ob es nun aus den Alpen kommt oder direkt aus einem Meer.

So, wir müssen endlich los. Es geht natürlich wieder auf und ab, aber es ist eine relativ leichte Etappe. Das ist auch gut so, denn ist sehr warm.

Kaum stehen wir an der Haltestelle, erscheint der stündlich fahrende Bus, der uns die letzten vier Kilometer zu unserem Hotel bringen soll – man muß auch mal Glück haben.

Ein tolles Hotel! Wir könnten in den Pool springen, aber da lungern so viele andere Gäste herum.

Stattdessen essen wir Kuchen auf der Terrasse und informieren uns im ausliegenden Fachblatt über die neusten Ereignisse. Da wird der Wald auch abgefackelt, nicht für Salz, sondern für Anbaufläche, Sojabohnen, mit denen die deutschen Schweinezüchter ihre Tiere mästen, damit wir billiges Fleisch fressen können. Sage keiner, wir hätten keine Schuld.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (5): Ruhpolding – Inzell – Bad Reichenhall

Ah! – das nenn ich einen vernünftigen Wanderweg.

Eine kleine Kapelle mitten im Wald. Schön, schön – eine Kaffeebude wäre mir lieber.

Ein E-Bike am Wegesrand im Nirgendwo, gegen Diebstahl an den Baum gekettet, aber weit und breit kein Mensch zu sehen.

Vielleicht ist der Fahrer gestürzt und liegt im Krankenhaus, spekulieren wir … aber hier, auf diesem abschüssigen Weg mit fußballgroßen Steinen werden doch keine Fahrradfahrer unterwegs sein, wer ist denn so verrückt. Tatsächlich – alte Fährtenleser, die wir sind – entdecken wir Reifenspuren.

Diese ist eine sehr schöne Etappe. Gut, klar, Berge und Wald usw., das hatten wir alles auch – hier gibt es Kaffee und Kuchen, serviert von einer Kellnerin im Dirndl. Im Hintergrund läuft „Relax“ von „Frankie Goes to Hollywood“.

Schon nach ungefähr vier Stunden erreichen wir Inzell, ein kleines Kaff, über das es kaum weiteres zu erzählen gibt.

Immer mal wieder sieht man an den Häusern bayrische Streetart. Ob der Dorfkramer all das hatte, was man in Norddeutschland beim Kolonialwarenhändler bekam?

Am nächsten Tag, kaum losgelaufen, versperrt diese Barke unseren Wanderweg. Da geht’s nach Lebensgefahr – ich hatte eigentlich gehofft, das liegt hinter uns. Brav gehen wir die Ausweichroute …

… doch schon an der ersten Gabelung werden wir alleingelassen: Kein Schild, keine Wegmarkierung, gar nichts. Solange die ungefähre Richtung stimmt, ist es uns egal, denn heute müssen wir uns parallel bewegen zur berühmten …

… Alpenstraße. Ich schwöre, daß ich eine Postkarte gesehen habe, auf der mehrere Fotos verschiedene Abschnitte dieser Straße zeigen. Ja, es gab mal eine Zeit, da brauste man mit seinem Automobil ohne Verdeck über die Alpenstraße und fühlte sich herrlich an der frischen Luft und in der ursprünglichen Natur, ein ganz außerordentliches Urlaubserlebnis, an dem Tante Erna in Buxtehude auch teilnehmen konnte, wenn sie auf der Postkarte die einzelnen Asphaltabschnitte bewunderte.

Also, Leute – das ist doch nicht schön: Der Salzalpensteig geht geradeaus, der grüne Pfeil aber zeigt nach rechts – was denn jetzt? Und von welcher Waldbahn ist da die Rede? Oder heißt die Gegend so?

Wir irren ein bißchen herum. Bayronman scheint gerade anderweitig beschäftigt zu sein.

Lustige Installation am Wegesrand (das Kunstwerk heißt „1,7 Promille, kurz vorm Ziel“).

Und da sind wir auch schon wieder an der Alpenstraße, das muß der Ortsausgang von Weißbach sein. Die berühmten Weißbachfälle haben wir nun nicht gesehen, dafür …

… haben wir hier die Möglichkeit, uns mit heimischen Holz(schnitz?)produkten einzudecken, zum Beispiel die berühmten holländischen Windmühlen — Freunde aus Bayern, bitte klärt mich auf, was machen die hier?! Gut, in Kölner Souveniergeschäften kann man auch Kuckucksuhren kaufen, und der reisende Chinese denkt wahrscheinlich, die Niederlande gehören zum Voralpenland.

Etagenbetten sind ja nicht so mein Ding, aber es gibt Leute, die kommen gut damit zurecht.

Die berühmte Weißbachschlucht ist nicht gesperrt, aber sie birgt „alpine Gefahren“, nur bei Sturm, Gewitter und Starkregen ist das Begehen verboten. Während meine Begleiterin den Anfang des Weges erkundet, komme ich mit einem schon älteren Paar ins Gespräch, die ihn gerade gegangen sind, von der anderen Seite her. „Doch, ist nicht ungefährlich, aber Sie schaffen das, Sie haben ja gute Schuhe“, sagt der Mann. Die Frau ergänzt: „Das macht man einmal in seinem Leben … und dann nie wieder.“ Alles klar, ich weiß Bescheid.

Schon in unseren Unterlagen steht, daß die Strecke verlegt wurde. „Höllenbachsteig“ klingt aber auch nicht besonders verlockend.

Vor dem Aufstieg kommen wir am Mauthäusl vorbei …

… das eine Terrasse mit einer herrlichen Aussicht hat. Ja, so schön können die Alpen sein.

Der Aufstieg ist weniger schlimm, als ich befürchtete. „Noch hundert Meter, dann beginnt der Abstieg“, steht in unseren Unterlagen. Pah, das ist doch ein Klacks, denke ich. Gemeint sind allerdings hundert Höhenmeter.

Sehr fortschrittlich, es gibt hier schon Plumpsklos für drei Geschlechter: „Buam“ und „Madln“ und „Pisser“ – echte Kerle, die nur im Stehen pinkeln. Oder was steht da?

Achtung! Beim Laufen immer schön den Blick auf den Weg halten, wer in die Runde gucken will, erst stehenbleiben und irgendwo festhalten.

Nach ordentlichen 22 Kilometern erreichen wir Bad Reichenhall, wo das Salz erfunden wurde. Im nächsten Teil erzähle ich euch, warum der Salzalpensteig so heißt.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (4): Hochfelln – Ruhpolding

Weiter geht’s, wir sind noch nicht oben. Unser Wanderweg (seufz!). Ein hundert Meter langer steiler Geröllabhang, den wir erklimmen müssen, ist machbar, aber man sollte nicht zurückgucken, wenn man nicht schwindelfrei ist, ohne sich gut festzuhalten.

Oben angekommen …

… liegt alles im Nebel. Okay, ich sehe ein, das wäre wirklich gemein gewesen von der Seilbahngesellschaft, wenn sie hier Touristen mit dem Versprechen auf eine spektakuläre Aussicht hochbefördert hätte.

Natürlich hat das Ausflugsrestaurant auch geschlossen, schlecht für uns – kein Kaffee – und für die Alpendohlen, die nichts abstauben können. Wir spenden ein paar Krümel von unseren Keksen.

So soll das hier eigentlich aussehen – ein Foto von einer der Schautafeln.

Es ist eine merkwürdige Stimmung: Es ist fast unnatürlich still, und ein bißchen fühlt man sich wie eingeschlossen in einer riesigen Kulissenlandschaft. Wir machen uns an den Abstieg – da unten rechts läuft jemand mit einem roten Rucksack, da müssen wir hin. Der eigentliche Beginn unserer heutigen Etappe.

Äh – – ich will nicht jammern, das wird ja langsam langweilig, aber wieso liegt dieser zwei Meter hohe Fels im Weg? Jemand hat extra einen Pfeil darauf gesprüht, der sagen will: Doch doch, das hier ist keine Sackgasse, Wanderer, du mußt da rüber. Meine Begleiterin macht es vor: Sie stellt sich mit dem Rücken an den Fels und krabbelt rückwärts vorsichtig hoch. Oben angekommen, wendet man auf dem Po um 180 Grad und rutscht so kontrolliert, wie es eben geht, wieder hinunter.

Die Tortur nimmt schier kein Ende: Ein steiler, schmaler und verwurzelter Waldweg führt kilometerweit in Serpentinen nach unten, mehr als einmal rutschen wir aus und setzen uns auf den Hintern – relativ weich, weil alles total matschig ist, wir sehen aus wie Schweine, die sich mit Wonne im Dreck gesuhlt haben. Gut, das ist jetzt ein bißchen übertrieben, aber nur ein bißchen. Ich übe mich weiterhin in therapeutischem Fluchen (eigentlich habe ich keine Freude an Fäkalsprache, aber hier ist es sehr befreiend), was meine Begleiterin amüsiert, aber auch mitfühlend zur Kenntnis nimmt (sie ist nur einmal ausgerutscht).

Da ist tatsächlich mal jemand gestorben – ich kenne die Umstände nicht, aber ich bin auch nicht besonders überrascht.

Endlich angekommen auf einem vernünftigen Forstweg. Ich atme auf. Da ist eine Art Andachtsstätte …

… Hände, die ineinandergreifen, das kenne ich als Gewerkschaftssymbol der Solidarität, allerdings nicht über einem Kreuz. Eine Burschenschaft hat das hier installiert, zum Gedenken an verstorbene Mitglieder und Almbauern. „Willst du Gottes Allmacht sehen, mußt du in die Berge gehen“, steht da – ein Kausalzusammenhang, der sich mir nicht erschließt. Gott läßt mich ausrutschen und beobachtet mich, wie ich mir blaue Flecke und dreckige Klamotten hole und grinst vor Schadenfreude – hat er sonst nichts zu tun? Gut, er weiß natürlich, daß bei mir eh nichts zu holen ist, da ich ich ihn für einen Popanz halte.

Steil geht’s bergab …

… bis in die Ebene hinein.

Nach acht Stunden Wanderung kommen wir abgekämpft und dreckig am Viersterne-Hotel Ortnerhof an – man begrüßt uns, als wären wir der biblische verlorene Sohn, und ich zweifle, ob es nicht doch einen Gott der ausgleichenden Gerechtigkeit gibt, nach diesem harten Tag. Bei einem Drei-Gänge-Menü besprechen wir die Erlebnisse des Tages: Soll ich weiterwandern, oder abbrechen? Wenn das so weiter geht, macht es mir keinen Spaß, im Gegenteil, ich habe wirklich keine Lust, weiterhin mein Leben aufs Spiel zu setzen. Andererseits: Kann ich meine Begleiterin allein weiterwandern lassen? Das ist durchaus keine Ritterlichkeit, sie ist fitter, sicherer und mutiger als ich, aber trotzdem könnte natürlich was passieren, und wenn dann keine zweite Person da ist, die die Bergwacht alarmiert, das könnte ich mir nie verzeihen. Außerdem sagen unsere Unterlagen, daß es nicht soo schwierig weiter gehen wird. Ich beschließe also, erstmal weiterzuwandern.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (3): Bergen – Hochfelln


Am nächsten Morgen, pünktlich hat es aufgehört zu regnen, stehen wir um kurz vor neun an der Kasse der Seilbahn zum Hochfellngipfel – wo man uns mitteilt, daß sie aus Witterungsgründen nicht fahren wird. Wie bitte? Wir müssen da hoch, da fängt unsere Wanderung heute an! Die Mitarbeiterin empfiehlt uns, bis Ruhpolding mit dem Bus zu fahren und von da aus den Berg zu ersteigen, aber Ruhpolding ist unser heutiges Etappenziel, das macht gar keinen Sinn, wenn wir von da aus loslaufen, entgegengesetzt unserer Wanderstrecke, und dann wieder zurück. Es gibt auch einen anderen Weg, von dem uns unsere Unterlagen des Veranstalters aber abraten: Nur bei sehr guter Kondition (wovon zumindest bei mir nicht die Rede sein kann) und bei gutem Wetter (was ja nicht ist, sonst würde die Bahn ja fahren) sollte man diese Möglichkeit der Besteigung wählen. Aber was bleibt uns anderes übrig? Unser Gastgeber bringt uns freundlicherweise dahin zurück, wo er uns am Vortag abgeholt hat. Dreieinhalb bis vier Stunden zusätzliche Wanderzeit, ein Höhenunterschied von fast 1.000 Metern – oh no!


Es geht kräftig bergauf, aber wenn das Herz bis zum Hals schlägt, bleibt man eben öfter stehen und wartet darauf, bis es sich beruhigt. Meine Begleiterin behauptet, in den letzten Jahren wäre ich fitter gewesen, hm, vielleicht sollte ich aufhören zu rauchen. Den Wasserfall hätten wir nicht gesehen, wenn wir mit der Bahn gefahren wären. Immerhin. (zum Vergrößern: Aufs Bild klicken)

Schon schön, die Gegend und die Aussicht.

Wieder mal führt der Wanderweg über eine Alm, so nah an den Kühen vorbei, daß man sie berühren könnte. Wir bewegen uns vorsichtig und langsam und mit Respekt.

Die Warnung kommt erst hinterher – gut, daß wir schon an ihnen vorbei sind. Tatsächlich ist es wohl nur dann nicht ungefährlich, wenn die Kühe gerade gekalbt haben, sie wollen ihre Kinder schützen. Wieso man dann aber einen Wanderweg auch zu solchen Zeiten über so eine Alm führt, ist mir unverständlich. Aufmerksame Leser meines Blogs wissen bereits: Es finden jährlich mehr Menschen den Tod durch Kühe als durch Haiangriffe, kein Scherz.

Die aktuelle Gefahr folgt allerdings erst jetzt: Da links im Bild, in der unteren Hälfte, sieht man meine Begleiterin, wie sie gerade irgendwelche Laute des Erstaunens ausruft. Als ich an die Stelle komme, weiß ich, was sie meint – und erstarre: Unmöglich, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Das was ich fühle, spottet jeder Beschreibung, aber ich will es versuchen: Vor mir ein unebener, felsiger, nasser – also rutschiger – Weg von ungefähr 60 cm Breite, der eine starke Neigung nach rechts hat, rechts daneben ein stark abschüssiger Abhang, kaum bewachsen, links eine senkrechte Felswand ohne jede Möglichkeit, sich festzuhalten, zehn Meter vor mir das weiße, nebelige Nichts: Der Weg, notdürftig in den Felsen gehauen, führt um eine Felsnase herum. Eine Welle von Panik durchflutete mich wie noch nie zuvor in meinem Leben, unmöglich, da weiterzugehen, ohne abzustürzen. Unschlüssig stehe ich da, was soll ich bloß machen? Zurückgehen? Wir sind schon knapp drei Stunden gewandert, meine Begleiterin hat die Stelle schon passiert, sie müßte sie also nochmal gehen – keine Option. Kurz kommt mir die Bergwacht in den Sinn, könnte die vielleicht einen Hubschrauber … lächerlich. Mir ist so elend zumute, ich könnte mich hinhocken und weinen vor Verzweiflung. Gleichzeitig packt mich eine große Wut: Dieser scheiß Wanderweg! Erst fährt die SCHEISS Seilbahn nicht, weil sie sich keinen Gewinn davon versprechen, dann lassen sie uns über diese SCHEISS Alm laufen und nehmen billigend in Kauf, daß ihre Kühe uns eventuell tottrampeln, und nun schicken sie uns in den sicheren Tod auf diesem SCHEISS abschüssigen Felsen – ich schreie laut „Scheiße Scheiße Scheiße“ – und merke, wie gut mir das tut. Ich muß da durch. Meine Begleiterin denkt, ich sei schon abgestürzt und ruft erschrocken, was los sei. Mit einer Mischung aus Todesangst und Wut taste ich mich langsam vor, weiterhin laut fluchend. Als ich um die Biegung komme, rät meine Begleiterin mir, ich solle vielleicht den zusammengefalteten Schirm in den Rucksack tun, dann könne ich mich besser festhalten (bei einem Sturz – sagt sie nicht, aber ich versteh schon) – verdutzt schaue ich auf meine linke Hand, der den Schirm hält, das war mir gar nicht klar. Aber natürlich ist es unmöglich, anzuhalten, den Rucksack abzunehmen usw. Während ich mich weiter vortaste, betrachte ich den Schirm und bemerke, daß er mir etwas gibt, mit dem ich nicht gerechnet habe: Trost. Ein vertrauter Gegenstand, an dem man sich festhalten kann, auch wenn er im Falle eines Absturzes eher hinderlich wäre. So müssen sich Kinder fühlen, die sich an ein Stofftier krallen, wenn sie Angst haben. Meine Begleiterin insistiert: Ob ich nicht vielleicht doch den Schirm … Himmel! Ich schwebe zwischen Tod und Leben und kann jetzt keine Grundsatzdiskussionen führen. Immer weiter fluchend verbiete ich ihr, mich  anzusprechen. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich es endlich geschafft. Meine Begleiterin fand es übrigens nicht soo schlimm. Sie mußte auch schlucken, aber da seien doch Pflanzen gewesen, die einen bei einem Absturz aufgefangen hätten.

Manchmal erlebt man was, da sagt man hinterher: Das war eine schlimme Erfahrung, aber ich möchte sie nicht missen, ich habe einiges daraus gelernt. So ist es hier nicht. Das war eine Erfahrung, auf die ich gut verzichten könnte. Nächtelang habe ich noch von Abstürzen geträumt. Leute, Freunde, mein Rat: Geht hier nicht lang. Wenn die Seilbahn nicht fährt: Nehmt den Bus und verbummelt den Tag.

Manchmal begegnet man in der Stadt Menschen, die – scheinbar aggressiv – fluchend und schreiend durch die Straßen laufen – ich wechsle die Straßenseite und denke, was für verrückte Leute es gibt. Aber wahrscheinlich haben die bloß Angst, weiß ich jetzt.

Fortsetzung folgt.