Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (5)

Noch ein Kunstwerk: „Privileged Points“ (Beliebte Stellen) ist der Titel des von der Künstlerin Nairy Baghramian geschaffenen Werks vor dem Erbdrostehof, dessen zweiter Teil auf dem Hinterhof des Gebäudes …

… so aussieht. Tja, was kann das sein? Unsere Fremdenführerin hatte folgenden Vorschlag: Auf dem ersten Foto ist ein überdimensionaler runder und in Bronze eingefrorener Pinselstrich zu sehen, eine malerische Geste, übersetzt ins Dreidimensionale.

Und warum ist die Skulptur dreigeteilt? Das hat mit dem Ort zu tun: Der Erbdrostehof ist ein barockes Palais aus demJahre 1757, die Münsteraner sind total stolz darauf, ein solches Gebäude zu haben (ein Drost war seit dem späten Mittelalter ein mächtiger Beamter, der für einen bestimmten Bezirk den Landesherren vertrat; er war militärischer Oberbefehlshaber, Polizeichef und Richter in einer Person). Wenn nun ein moderner Künstler vor dem Gebäude eine zeitlang eins seiner Kunstwerke ausstellt: Okay, aber dann muß es auch wieder weg. Daß die Künstler der „Skulptur.Projekte“ dazu aufgefordert werden, einen Münsterbezug in ihrem Werk auszudrücken, es aber gleichzeitig ausgeschlossen ist, daß ein Werk, das in der Nähe des Erbdrostehofs steht, von der Stadt gekauft wird, führte bei Künstlern in der Vergangenheit nicht nur zu Umut, sondern auch zu einer Wertminderung des jeweiligen Kunstwerkes, so geschehen mit der Skulptur von Richard Serra 1987 – hier ist es zu sehen. Richard Serras riesige Stahlplatten sind in vielen Städten zu sehen. In denen von 1987 hatte er nach eigener Aussage die Maße der Architektur des Palais aufgegriffen – woanders aufgestellt verlieren sie – zumindest teilweise – ihren Sinn. Wie gesagt, in Münster wollte man den Platz vor dem Gebäude nicht dauerhaft „verschandeln“, also wurden sie nach der Ausstellung auch nicht gekauft, und Richard Serra zog ein langes Gesicht. Und aus genau diesem Grund ist das Werk von Baghramian dreigeteilt – die drei Teile sind nur deswegen noch nicht zusammengefügt, damit sich die Skulptur auch für andere Plätze eignet. Und aus den sechs Stücken, die im Hinterhof lagern, könnte man nochmal zwei solcher Werke zusammensetzen.

Das führt zu einer paradoxen Situation: Die Unfertigkeit ist Teil dieser Skulptur. Aber was, wenn die Teile nach der Ausstellung tatsächlich zusammengeschweißt werden? Dann ginge dieser ganz spezielle Münsterbezug zum Umgang mit diesem Platz verloren. Sollte Münster die Skulptur also kaufen (ich glaube ja nicht daran), müßte sie immer in diesem unfertigen Zustand bleiben, wird sie woanders hin verkauft, geht ein großer Teil der Werkbedeutung verloren.

Und wo ist hier das Kunstwerk? Es hängt in der Luft. Rechts ist die ruinöse Fassade des alten, im 2. WK zerstörten Theaters zu sehen, links das neue Theater aus den 50er Jahren. Man fand das damals schick, das so stehen zu lassen. Künstler aus der Gruppe CAMP spannten nun Kabel zwischen Ruine und Neubau und nennen es „Matrix“. Zitat aus dem Katalog: „Das von CAMP gespannte Netz steht sinnbildlich für eine globale Vernetzung und das bis heute nicht eingelöste Versprechen einer flächendeckenden, horizontalen, basisdemokratischen Partizipation […] CAMP metaphorisiert Systeme der Teilhabe: Vom Zugang zu Strom – der sich heute nahezu überall in privater Hand befindet – bis hin zur digitalen Kommunikation und den Möglichkeiten der Manipulation, die darin liegen […] Woran sind die Ideale von basisdemokratischer, horizontaler Gleichberechtigung und Teilnahme gescheitert, und welche Wege und vertikale Abkürzungen gibt es, sich trotz allem Zugang zum System zu verschaffen?“ (Katalog, S. 159)

Die Künstler geben drei Beispiele der Partizipation und Interaktivität, die die Unterdrückungsmechanismen einer kapitalistisch unkontroll : Es hängen drei Kabel mit Druckknöpfen herunter. Drückt man auf den ersten, ertönt ein Glockenklang wie von einer Kirchenglocke; der zweite verursacht einen Wechsel von historischen Fotos in einem Monitor, drückt man den dritten, passiert in dem Fenster eines gegenüberliegenden Hauses eine der folgenden Aktionen:

Kunst

Lustig. Ob das wirklich alle sind, weiß ich nicht. Unsere Fremdenführerin versicherte, daß man niemanden dauernd aufscheucht, wenn man auf den Knopf drückt, sondern nur einen Projektor anwirft.

Als letztes noch diese Skulptur – die aber gar nicht Teil der Ausstellung ist. Im Moment ist ja das Luther-Jahr, und offensichtlich durfte irgendeine Jugendgruppe sich austoben – die Evangelen sind ja ach-so-tolerant. Ein Jugendlicher muß aber was falsch behalten haben aus dem Konfirmandenunterricht: Luther soll gesagt haben: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, und nicht …

… „Ich hatte einen Ständer“. Gut, kleine Verwechslung, kann ja mal passieren.

Ende.

Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (2)

Zeitgenössische Kunst hat es nicht leicht, allerdings macht sie es uns auch schwer – vielleicht kann sie nicht anders, denn wir verlangen von ihr, daß sie neu ist, also nicht nur eine mehr oder weniger hübsche Variation dessen, was wir schon kennen, sondern wirklich neu, noch nicht dagewesen. Und wenn es dann ein Künstler schafft, stehen wir davor und sind ratlos, weil wir das Kunstwerk nicht verstehen, uns fehlen die Referenzen.  Man sollte immer vorsichtig sein mit der Bezichtigung, das sei doch keine Kunst, das könne doch jeder, der/die wolle uns wohl verarschen usw. Ob ein Kunstwerk wirklich Kunst ist oder nicht, steht eigentlich nie zur Debatte – Kunst ist immer Kunst, so wie der Himmel immer Himmel ist. Ob es sich um gute oder nicht so gute Kunst handelt, läßt sich für Zeitgenössisches oft nur schwer bestimmen, weil wir selbst Zeitgenossen sind und uns der Abstand fehlt. Wir können eigentlich nur mit Bestimmtheit sagen, ob die zeitgenössischen Kunstwerke uns gefallen oder nicht. Lange Rede, kurzer Sinn – schaut euch folgendes Kunstwerk an:

Wer jetzt denkt: „Videbitis hat auch schon mal bessere Fotos gemacht … was ist das für eine dämliche Perspektive, man erkennt ja fast nichts“, der glaubt, es ginge um die bronzene Plastik von Henry Moore. Moore ist aber gar kein Zeitgenosse, er ist bereits 1986 gestorben. Was und wo ist also das Kunstwerk, das ich meine? Richtig, es ist der Laster mit der schwarzen Kiste und den Sicherungsgurten.

So, erstmal sacken lassen.

Der Hintergrund (frei nach der Erzählung der Fremdenführerin): Kurz vor „Skulptur.Projekte“ ging im angrenzenden Museum eine Ausstellung mit Werken von Henry Moore zu Ende. Die Henry Moore Foundation beschloß, der Stadt ein Werk dauerhaft zu leihen (was eine große Ehre ist), also blieb das, das so halb versteckt zu sehen ist, stehen. Das paßte dem Kurator von „Skulptur.Projekte“ Kasper König überhaupt nicht, daß dieser prominente Platz nun von einem älteren Kunstwerk besetzt ist und nicht mehr als Ausstellungsfläche für das Festival zur Verfügung stehen sollte – die Henry Moore Foundation verbot,  die Plastik auch nur einen Zentimeter zu bewegen -, also beauftragte er die Künstlerin Cosima von Bonin, sich da irgendwas zu überlegen. Die tat sich mit dem Künstler Tom Burr zusammen, und so entstand das Werk aus den Materialien „Tieflader, Holzkiste und Sicherungsseile“, das den ungestörten Blick auf die Moore-Plastik verhindern soll.

Kasper König hat sich wahrscheinlich kaputtgelacht, bezeichnete er doch die Moore-Plastik gern abfällig als „Brathähnchen“. Und weil natürlich immer Speichellecker andere Künstler im Gefolge des Chefs  den „Spaß“ (also die Verhöhnung) mitmachen wollen, hängte der Künstler Sany (=Samuel Nyholm) folgenes Bild in eins der Museumsfenster:

Tja. So ist das mit der Kunst. Was ich davon halte: Ich finde das komplett dämlich und bin von der Geschichte drumherum fast ein bißchen angwidert. Es ist nicht lustig, nicht witzig, sondern abstoßend pubertär, ein billiges und nutzloses Rebellieren gegen eine Institution, die Henry Moore Foundation, und wirft kein gutes Licht auf den Kurator.

Im Katalog steht das alles natürlich nicht, da kann man stattdessen folgendes lesen: „[Mit diesem Werk] entsteht eine ambivalente Situation, die zwischen Präsenz und Absenz, Ein- und Ausschluß, oszilliert und en passant die Infrastruktur des Ausstellungsbetriebs anhand eines potenziellen Verladevorgangs andeutet.“

Meine Begleiterin sagt, ich solle nicht immer nur so viel Negatives schreiben, und sie hat recht, es hat uns viel Spaß gemacht, durch Münster zu laufen und die Kunstwerke zu erkunden – selbst die, die uns nicht oder nicht so gut gefallen haben, haben Spaß gemacht, weil man darüber spöttisch oder nachdenklich redet, im Katalog nachliest und sich die anderen Leute anguckt, was die zur Kunst sagen und machen. So große Steinstelen habe ich schon öfter gesehen – der Künstler Ulrich Rückriem macht sowas schon lange. Diese Stele ist von Lara Favaretto. Sie ist vier Meter hoch und – das ist neu – innen hohl und wird nach Ablauf der 100tägigen Veranstaltung zerstört, denn in einer Seite befindet sich …

… ein Schlitz, in den man Geld stecken soll: Sie ist ein großes Sparschwein, oder besser: eine Spendenbox. Das Geld soll dem Verein „Menschen in Abschiebehaft Büren e.V“ zugute kommen. Sinnigerweise heißt das Werk „Momentary Monument – The Stone“. Kostprobe aus dem Katalog: „Durch die Spendenfunktion entsteht ein starker Bezug zur Gegenwart, der im weiteren Sinne das Verhältnis zwischen Kunst und Politik kritisch reflektiert.“

(Fortsetzung folgt.)

Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (1)

Damit fing alles an: Als die Stadt Münster 1973 diese kinetische Aluminiumplastik (kinetisch deshalb, weil sich die drei sehr schwer wirkenden „Blätter“ sanft im Wind bewegen – so sanft und zart, daß es eine wahre Freude ist, zuzuschauen) von George Rickey für 130.000 DM kaufen wollte, brandete ein Sturm der Entrüstung auf in der Bürgerschaft: Das soll Kunst sein? Lächerlich! Keine müde Mark für diesen Mist! Das Rathaus knickte ein und verzichtete auf den Kauf. Die Westdeutsche Landesbank hatte größeres Kunstverständnis, sie kaufte die Skulptur und spendete sie der Stadt. Da die ganze Angelegenheit kein gutes Licht auf die Stadt und ihre Einwohner warf, etablierte man, quasi aus erzieherischen Gründen, ein Skulpturenfestival, das seitdem alle 10 Jahre parallel zur Dokumenta in Kassel stattfindet. Für dieses Jahr wurden 34 Künstler vom Kurator Kasper König (der auch schon die ersten „Skulptur.Projekte“ organisiert hatte) eingeladen, an selbst gewählten Orten in der Stadt Skulpturen zu errichten. Wenn das Festival nach 100 Tagen vorbei ist, werden einige der Werke von der Stadt oder von Sponsoren angekauft, so daß im Laufe der Jahre immer mehr Skulpturen das Stadtbild bereichern – bis jetzt sind es bereits 64.

Der Begriff Skulptur wird inzwischen recht weit ausgelegt, wir waren allein in drei Videovorführungen, und auch dieser Steg, den die Künstlerin Ayse Erkmen ca. 30 cm unter der Wasseroberfläche quer durch ein Hafenbecken gelegt hat, ist ein Kunstwerk im Rahmen des Festivals.

Selbstverständlich sind wir auch darübergelaufen: Schön, steht man mal mitten im Hafenbecken. Sowas würde jedem Freizeipark gut zu Gesichte stehen … das zu sagen, ist natürlich gemein, schließlich geht es hier um Kunst. Was steht eigentlich im Katalog? „Flußläufe fungierten auf politischen Karten oft als Möglichkeit der Grenzziehung, Wasserwege und menschengemachte Kanäle dagegen als Ausgangspunkte und Katalysatoren für urbane Entwicklung. Wasserläufe zeichnen sich dementsprechend durch eine zivilisatorische Ambivalenz zwischen Möglichkeit und Beschränkung aus, die Erkmen in ihrem Beitrag für die Skulptur Projekte 2017 nicht nur spiegelt, sondern im Wortsinn überbrückt.“ Aha. Ja, gut, verstehe.

(Fortsetzung folgt)

Ausflug nach Münster

Seit drei Wochen habe ich nun schon eine Magenschleimhautentzündung, das heißt: Haferschleim, ungewürztes gekochtes Gemüse und Zwieback, dazu Kräutertee – ich kann’s nicht mehr sehen. Trotz dieser Einschränkung waren wir am letzten Wochenende in Münster, um uns die stadtweite Ausstellung „Skulptur Projekte“ anzusehen – gar nicht so einfach, etwas zu essen zu bekommen, das ohne Fett und Milchprodukte angerichtet wurde. Von der Ausstellung werde ich in den nächsten Tagen ein wenig zeigen und erzählen, aber zuerst …

… ein Bild vom Picassoplatz in Münster. Nicht sehr anheimelnd, und die Steine so scheckig und planlos gepflastert … könnte man denken. Weit gefehlt, vom Weltall aus gesehen sieht es so aus:

Bild: Google Maps

Ausflug nach Düsseldorf

Foto:

„Das heitere Düsseldorf gefällt doppelt, wenn man aus dem finsteren Cöln herkommt“, sagte um 1800 der Schriftsteller Karl Julius Weber, und auch heute hört man immer wieder Leute, die behaupten, Düsseldorf sei eine schöne Stadt. Das wollten wir letzten Samstag genauer untersuchen. Mein letzter Eindruck der Stadt, bereits ein paar Jahre her: Die Stadt ist eine einzige Baustelle. Das scheint sich auf den ersten Blick auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt kaum geändert zu haben. Überhaupt: Wenn man wie wir diesen Weg zu Fuß macht, ergibt sich ein denkbar schlechtes Entree: Ewig lang läuft man durch ein unwirtliches Viertel, das durch vielspurige Straßen zerschnitten ist.

Foto:

Die historische Altstadt, also der Ort, wo sie einst war, denn auch Düsseldorf ist im 2. WK zu 90% zerstört oder beschädigt worden, wird gern und liebevoll gemeint als „längste Theke der Welt“ bezeichnet: Nicht nur in einer Straße reihen sich hunderte Restaurants und Kneipen nahezu lückenlos aneinander, nein, das erstreckt sich übers ganze Viertel. Es sind zugleich Tausende Leute hier, um zu essen und zu trinken.

Foto:

Die Stadtführerin, die wir gebucht haben, meinte, wir sollten nicht etwa denken, es sei voll, richtig voll werde es erst gegend Abend. Da es noch früher Nachmittag ist, geht es noch einigermaßen gesittet zu, selbst bei den Junggesellenabschiedsgruppen.

Foto:

Auf extra festgemachten Rheinschiffen findet das Oktoberfest statt, was man auf den ersten Blick aber kaum erkennt, und das ist auch völlig egal, es gibt Bier, Helene Fischer singt laut und atemlos vom Band, und wahrscheinlich gibt es Brez’n und Weißwurscht.

Foto:

Hier ist es nett, aber leider alles besetzt. Hinten links sieht man übrigens die Radschläger.

Foto:

Woher die radschlagenden Jungs kommen, weiß man nicht mehr genau, aber es gibt natürlich einige Mythen. Eine Legende hängt direkt mit der Gründungsgeschichte Düsseldorfs zusammen: Als die Düsseldorfer siegreich von der Schlacht bei Worringen zurückkamen, freuten sich die Knaben so sehr über die Rückkehr ihrer Väter, daß sie vor Freude radschlugen. Heute findet man die Figuren auf Souvenierartikeln wie Tassen oder T-Shirts, aber auch auf Gullideckeln.

Foto:

In dieser Skulptur (Ausschnitt) wird sie thematisiert, die Schlacht von Worringen (heute ein Stadtteil von Köln) im Jahr 1288 (hier habe ich bereits davon erzählt) – 1.800 Tote in nur sechs Stunden, weil Adlige und Klerus ihre Herrschaftsansprüche nicht aufgeben wollten, das muß ein übles Gemetzel gewesen sein. Im Anschluß, wie gesagt, erhielt Düsseldorf die Stadtrechte, und der Kölner Erzbischof verlor auf ewig seine beherrschende Stellung.

Foto:

Eine Büchermeile am Rhein, sehr schön, mehrere hundert Meter Bücherstände mit gebrauchten günstigen Büchern – aber wir sind platt und müssen erstmal was essen. Wir landen im „Primo Lopez Opazo Restaurant El Rancho“ in der hochfrequentierten Bolkerster., da dort noch Tische frei sind. Ein Fehler, wie sich herausstellt: Die Speisen sind teuer, vom Geschmack her aber schlechter Durchschnitt. Als ich die Rechnung begleichen will, liest der Kellner eine – wie sich herausstellt – Fantasiezahl von seinem tragbaren Elektrogerät ab und ich bezahle, ohne mir etwas dabei zu denken. Erst später überschlage ich die Preise und merke, daß man uns um ca. 5 Euro betrogen hat, und die Tatsache, daß die Gäste weder Kassenbon noch Quittung erhalten, läßt darauf schließen, daß das Ganze auch noch am Fiskus vorbeigeschleust wird. Das hatte ich auch schon lange nicht mehr, so dreist in einem Restaurant abgezockt zu werden. Leider muß ich sagen, daß das zu der Atmosphäre im ganzen Viertel paßt.

Foto:

Tanz auf der Litfaßsäule.

Foto:

Noch ein Kunstwerk – also jetzt nicht das Foto an sich (obwohl ich es ganz schön finde), sondern an dem Gebäude: Das Ofenrohr an der Fassade der Kunsthalle ist von Josef Beuys, im Jahr 1981 im Rahmen der Ausstellung „SCHWARZ“ dort angebracht. Es durchbricht die Wand und erscheint auf der Innenseite als schwarzes Loch, und genau so heißt das Kunstwerk auch: „Schwarzes Loch“. Beuys hat es der Stadt geschenkt.

Foto:

Da gibt es Joghurteis – das muß gut sein, so lang, wie die Schlange ist.

Foto:

Ah – endlich etwas Luft. Düsseldorf hat eine lange Rheinpromenade, auf der man sehr schön spazieren kann, hin zum …

Foto:

… neu bebauten Hafen. Hier gibt es so viel zu sehen – wir beschließen, nochmal wieder zu kommen.

Foto:

Bei einem leckeren Altbier in der Abendsonne ziehen wir ein Resumee: Meine Begleiterin kann sich durchaus vorstellen, bei Gelegenheit nochmal ein Bier in der Altstadt zu trinken, wenn sie auch nicht extra dafür anreisen würde. Das kann ich mir auch vorstellen, aber insgesamt fällt mein Urteil harscher aus:  Wer Rummel mag, gern säuft und mit minderwertigem Essen zufrieden ist, der ist in der Düsseldorfer Altstadt ohne jede weitere Zusatzinformation bestens aufgehoben. Wer das nicht will, sollte die Stadt entweder meiden oder sich vorher genau informieren – schließlich ist Düsseldorf auch verschrien für seine mondänen Läden. Ich jedenfalls werden die Altstadt zukünftig eher meiden. Der Hafen dagegen macht architektonisch einen wirklich interessanten Eindruck, und was hier natürlich immer besuchenswert ist, sind die ausgezeichneten Museen und Ausstellungen.

Ausflug an die Sieg: Herchen

Das ist doch wirklich selten, daß der „Goldene Oktober“ so weit in den November hineinragt. Also nichts wie los in die Natur, solange die Gelegenheit noch da ist. Eine halbe Stunde mit dem Zug, und wir sind in Herchen an der Sieg.

Der Ort hat 1000 Einwohner, weshalb man hier die Uhr noch nicht umgestellt hat, das lohnt sich einfach nicht, und nach sechs Monaten schon wieder, da hat man hier Besseres zu tun, nämlich: Schlafen. Wir sehen jedenfalls keinen Menschen.

Und wollen wir ja auch gar nicht – diese Farben, der Geruch: Herr-lich!

Wir gehen den 18 km langen Wäldlerweg und müssen dafür immer dem S auf rotem Grund folgen. Der Weg ist gut markiert, aber man muß aufpassen, man quatscht über Gott und die Welt – und schon hat man eine kleine Abzweigung übersehen. Aber das ist uns nur ein Mal passiert.

Wow! – was für Farben!

Wir überqueren die Sieg bei Stromberg …

… und tauchen tief ein in die Wälder. Wilde Tiere haben wir nicht gesehen, Räuber auch nicht und auch sonst keinen Menschen – sehr angenehm, wenn man sonst immer nur das Stadtgewusel um sich hat.

Die Kehrseite der Medaille: Kein Mensch bietet uns Kaffee und Kuchen an, auch nicht gegen Bezahlung. Gut, daß wir uns Proviant mitgebracht haben.

Der Weg ist abwechslungsreich und nicht sehr schwierig, allerdings auch nichts für Rollstuhlfahrer, und festes Schuhwerk ist unbedingt von Vorteil.

Da bringt die Abendsonne einen kleinen Bach zum glitzern … Moment mal, Abendsonne? Wir haben uns etwas verschätzt: Die Wanderung soll etwa 6 Stunden dauern, bei mäßigem Tempo; da wir erst um 12.30 Uhr losgegangen sind, müssen wir einen Zahn zulegen, um vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Herchen zu sein.

Uff! – geschafft. 17 Uhr, das ist Rekord – und eigentlich blöd, denn wir gehen ja nicht spazieren/wandern, um uns abzuhetzen. Nächstes Mal gehen wir früher los.

Ausflug an die Sieg

Der „Natursteig Sieg“ ist ein Wanderpfad entlang der Sieg, ein Nebenfluß des Rheins südlich von Bonn, der in mehreren Etappen aufgegliedert ist: Anfang und Ende einer jeweiligen Etappe bilden Ortschaften mit S- und Regionalbahnanschlüssen. Der Pfad wurde jüngst um weitere Etappen erweitert, einen kleinen Wanderführer gibt es auch schon, also machen wir uns auf den Weg. Erstmal muß man mit der Regionalbahn eine Stunde lang nach Au fahren.

Der Bahnhof hier ist schon längst aufgegeben, Fahrkartenautomaten regeln das Geschäftliche. Da die Deutsche Bahn kein Lust, kein Geld und vor allem kein historisches Gewissen hat, sich um die Gebäude zu kümmern, verrammelt sie sie und überläßt sie einem langsamen Verfall – wie an hunderten Bahnhöfen in Deutschland auch. Eine Schande.

Aber – wie mich meine Begleiterin gelehrt hat, auch der Verfall hat seinen eigenen Reiz.

Gleich am Bahnhof beginnt der Wanderweg. Was uns wundert: Auf dem ersten Wegweiser steht 19,1 km nach Wissen, unserem Zielort. In dem kleinen Büchlein ist von 14 km die Rede … egal, frohgemut stapfen wir los, ein kleines Stück an der Sieg entlang, bald geht es in den Wald, den Fluß sollen wir erst in unserem Zielort wiedersehen.

Die Wege sind gut ausgebaut und begehbar, manchmal etwas matschig, die meisten werden alte Forstwege sein. Man streift Ränder von Siedlungen, wo Schilder stehen, die von längst vergangen Zeiten erzählen. Ob der Begriff „Aula“ bewußt gewählt wurde wegen der Nähe zur Ortschaft Au? Au und LA, die Metropole in Kalifornien – das heizt die Fantasien an. Damit sie nicht überschäumen: „Musik und Mores …“, Mores heißt ja „Sitte, Anstand“, das ’s‘ muß irgendwie verloren gegangen sein. Hier wurden die jungen Damen wahrscheinlich noch von den schneidigen Herren zum Tanze aufgefordert. Aber – vielleicht war auch alles ganz anders.

Viel los ist hier nicht – wir haben kaum einen Menschen gesehen. Wahrscheinlich sind alle in Köln, wo zu der Zeit ca. 1 Mio. Verrückte durch die Straßen hetzen und versuchen, nicht zusammenzubrechen, bevor sie die 42-km-Marke erreicht haben.

Oder sie verkriechen sich in ihren Häusern, die Dörfer, durch die wir kommen, wirken wie ausgestorben, postapokalyptische Szenen aus Filmen drängen sich uns auf. Merkwürdigerweise ist auf der Wanderkarte im Hintergrund kein Standort eingezeichnet, diese Karte kann nur lesen, wer sich hier auskennt, und dann braucht er sie eigentlich nicht mehr. Wird hier mit den Wanderern aus der Großstadt Schabernack getrieben?

Der wilde Müll wurde erkennungsdienstlich behandelt und „zur Anzeige gebracht“ – angeklagt und hoffentlich ordentlich bestraft: Herr Richter, ich fordere zwei Jahre Einzelhaft für die noch gebrauchsfähige Matratze und zwei Wochen Normalverzug für den organischen Müll, danach Sicherheitsverwahrung auf einer Mülldeponie!

Äh – ist das eine Grabskulptur (die Eisdecke auf dem Swimmingpool war noch zu dünn, als sie der Sohn des Hauses betrat) oder schwarzer Humor?

Ein und das selbe Schild von der einen Seite …

… und von der anderen. Je nachdem, von wo man kommt, also ein Unterschied von 7,5 km – das läßt nichts Gutes ahnen.

In Dünebusch, einem Ortsteil von Bitzen, schicken uns die Wanderzeichen im Zickzack über (gefühlt) jede Streuobstwiese und entlang eines jeden Gartens, man hat das Gefühl, man kommt keinen Meter voran, man landet immer wieder an der kleinen Hauptstraße des Dorfes.

Schließlich geht es doch weiter. In unserem Wanderführer steht, nach der Überquerung einer kleinen Brücke gehe es nochmal 900 Meter hoch, dann stehe man an der Abzweigung nach Wissen. Die Wanderwegzeichen am Wegesrand führen uns stattdessen in einen anderen Ortsteil von Bitzen, von dem in dem Büchlein nicht die Rede ist. Die Wanderwegzeichen werden immer kleiner, sodaß wir prompt eins übrsehen. Nach zwei Kilometern ohne Zeichen fragen wir Spaziergänger, ein junges Paar, nach dem Natursteig. Sie haben keine Ahnung, zeigen aber in die entgegengesetzte Richtung, als wir nach Wissen fragen und machen entsetzte Gesichter, als wir erzählen, daß das unser Wanderziel sei. „Sollen wir Sie hinfahren?“ Wirklich sehr freundlich.

Später denken wir: Hätten wir das doch nur angenommen! Wir gehen zurück und finden das verpaßte Zeichen, aber an der nächsten Kreuzung das selbe Spiel, wieder kein Hinweis. Ich bin inzwischen so geladen, daß ich das Schild als persönliche Beleidigung empfinde. Nachdem eine Passantin uns erneut erzählt, Wissen liege in der entgegengesetzten Richtung als die, in der wir gehen …

… geben wir auf und beschließen, auf der Straße weiter zu laufen.

Immerhin – eine herrliche Abendstimmung, durch die wir wandern, wer weiß, ob wir das im Wald so erlebt hätten.

Außerdem: Wer mehr von seinem Leben haben will als zwei Garagen, einer Mülltonne und einem TV-Gerät in der guten Stube, muß auch mal was wagen … gut, das Wagnis mit gut ausgeschilderten Straßen war jetzt nicht soo groß, aber immerhin …

Endlich angekommen: Wissen an der Sieg. Unser Wanderführer führt uns noch ein bißchen in die Irre …

… aber eine Viertelstunde vor Abfahrt des nächsten Zuges erreichen wir glücklich – zwei Stunden später als ursprünglich geplant – den häßlichen Bahnof der Stadt.