Ausflug nach Düsseldorf

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„Das heitere Düsseldorf gefällt doppelt, wenn man aus dem finsteren Cöln herkommt“, sagte um 1800 der Schriftsteller Karl Julius Weber, und auch heute hört man immer wieder Leute, die behaupten, Düsseldorf sei eine schöne Stadt. Das wollten wir letzten Samstag genauer untersuchen. Mein letzter Eindruck der Stadt, bereits ein paar Jahre her: Die Stadt ist eine einzige Baustelle. Das scheint sich auf den ersten Blick auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt kaum geändert zu haben. Überhaupt: Wenn man wie wir diesen Weg zu Fuß macht, ergibt sich ein denkbar schlechtes Entree: Ewig lang läuft man durch ein unwirtliches Viertel, das durch vielspurige Straßen zerschnitten ist.

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Die historische Altstadt, also der Ort, wo sie einst war, denn auch Düsseldorf ist im 2. WK zu 90% zerstört oder beschädigt worden, wird gern und liebevoll gemeint als „längste Theke der Welt“ bezeichnet: Nicht nur in einer Straße reihen sich hunderte Restaurants und Kneipen nahezu lückenlos aneinander, nein, das erstreckt sich übers ganze Viertel. Es sind zugleich Tausende Leute hier, um zu essen und zu trinken.

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Die Stadtführerin, die wir gebucht haben, meinte, wir sollten nicht etwa denken, es sei voll, richtig voll werde es erst gegend Abend. Da es noch früher Nachmittag ist, geht es noch einigermaßen gesittet zu, selbst bei den Junggesellenabschiedsgruppen.

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Auf extra festgemachten Rheinschiffen findet das Oktoberfest statt, was man auf den ersten Blick aber kaum erkennt, und das ist auch völlig egal, es gibt Bier, Helene Fischer singt laut und atemlos vom Band, und wahrscheinlich gibt es Brez’n und Weißwurscht.

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Hier ist es nett, aber leider alles besetzt. Hinten links sieht man übrigens die Radschläger.

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Woher die radschlagenden Jungs kommen, weiß man nicht mehr genau, aber es gibt natürlich einige Mythen. Eine Legende hängt direkt mit der Gründungsgeschichte Düsseldorfs zusammen: Als die Düsseldorfer siegreich von der Schlacht bei Worringen zurückkamen, freuten sich die Knaben so sehr über die Rückkehr ihrer Väter, daß sie vor Freude radschlugen. Heute findet man die Figuren auf Souvenierartikeln wie Tassen oder T-Shirts, aber auch auf Gullideckeln.

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In dieser Skulptur (Ausschnitt) wird sie thematisiert, die Schlacht von Worringen (heute ein Stadtteil von Köln) im Jahr 1288 (hier habe ich bereits davon erzählt) – 1.800 Tote in nur sechs Stunden, weil Adlige und Klerus ihre Herrschaftsansprüche nicht aufgeben wollten, das muß ein übles Gemetzel gewesen sein. Im Anschluß, wie gesagt, erhielt Düsseldorf die Stadtrechte, und der Kölner Erzbischof verlor auf ewig seine beherrschende Stellung.

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Eine Büchermeile am Rhein, sehr schön, mehrere hundert Meter Bücherstände mit gebrauchten günstigen Büchern – aber wir sind platt und müssen erstmal was essen. Wir landen im „Primo Lopez Opazo Restaurant El Rancho“ in der hochfrequentierten Bolkerster., da dort noch Tische frei sind. Ein Fehler, wie sich herausstellt: Die Speisen sind teuer, vom Geschmack her aber schlechter Durchschnitt. Als ich die Rechnung begleichen will, liest der Kellner eine – wie sich herausstellt – Fantasiezahl von seinem tragbaren Elektrogerät ab und ich bezahle, ohne mir etwas dabei zu denken. Erst später überschlage ich die Preise und merke, daß man uns um ca. 5 Euro betrogen hat, und die Tatsache, daß die Gäste weder Kassenbon noch Quittung erhalten, läßt darauf schließen, daß das Ganze auch noch am Fiskus vorbeigeschleust wird. Das hatte ich auch schon lange nicht mehr, so dreist in einem Restaurant abgezockt zu werden. Leider muß ich sagen, daß das zu der Atmosphäre im ganzen Viertel paßt.

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Tanz auf der Litfaßsäule.

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Noch ein Kunstwerk – also jetzt nicht das Foto an sich (obwohl ich es ganz schön finde), sondern an dem Gebäude: Das Ofenrohr an der Fassade der Kunsthalle ist von Josef Beuys, im Jahr 1981 im Rahmen der Ausstellung „SCHWARZ“ dort angebracht. Es durchbricht die Wand und erscheint auf der Innenseite als schwarzes Loch, und genau so heißt das Kunstwerk auch: „Schwarzes Loch“. Beuys hat es der Stadt geschenkt.

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Da gibt es Joghurteis – das muß gut sein, so lang, wie die Schlange ist.

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Ah – endlich etwas Luft. Düsseldorf hat eine lange Rheinpromenade, auf der man sehr schön spazieren kann, hin zum …

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… neu bebauten Hafen. Hier gibt es so viel zu sehen – wir beschließen, nochmal wieder zu kommen.

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Bei einem leckeren Altbier in der Abendsonne ziehen wir ein Resumee: Meine Begleiterin kann sich durchaus vorstellen, bei Gelegenheit nochmal ein Bier in der Altstadt zu trinken, wenn sie auch nicht extra dafür anreisen würde. Das kann ich mir auch vorstellen, aber insgesamt fällt mein Urteil harscher aus:  Wer Rummel mag, gern säuft und mit minderwertigem Essen zufrieden ist, der ist in der Düsseldorfer Altstadt ohne jede weitere Zusatzinformation bestens aufgehoben. Wer das nicht will, sollte die Stadt entweder meiden oder sich vorher genau informieren – schließlich ist Düsseldorf auch verschrien für seine mondänen Läden. Ich jedenfalls werden die Altstadt zukünftig eher meiden. Der Hafen dagegen macht architektonisch einen wirklich interessanten Eindruck, und was hier natürlich immer besuchenswert ist, sind die ausgezeichneten Museen und Ausstellungen.

Ausflug an die Sieg: Herchen

Das ist doch wirklich selten, daß der „Goldene Oktober“ so weit in den November hineinragt. Also nichts wie los in die Natur, solange die Gelegenheit noch da ist. Eine halbe Stunde mit dem Zug, und wir sind in Herchen an der Sieg.

Der Ort hat 1000 Einwohner, weshalb man hier die Uhr noch nicht umgestellt hat, das lohnt sich einfach nicht, und nach sechs Monaten schon wieder, da hat man hier Besseres zu tun, nämlich: Schlafen. Wir sehen jedenfalls keinen Menschen.

Und wollen wir ja auch gar nicht – diese Farben, der Geruch: Herr-lich!

Wir gehen den 18 km langen Wäldlerweg und müssen dafür immer dem S auf rotem Grund folgen. Der Weg ist gut markiert, aber man muß aufpassen, man quatscht über Gott und die Welt – und schon hat man eine kleine Abzweigung übersehen. Aber das ist uns nur ein Mal passiert.

Wow! – was für Farben!

Wir überqueren die Sieg bei Stromberg …

… und tauchen tief ein in die Wälder. Wilde Tiere haben wir nicht gesehen, Räuber auch nicht und auch sonst keinen Menschen – sehr angenehm, wenn man sonst immer nur das Stadtgewusel um sich hat.

Die Kehrseite der Medaille: Kein Mensch bietet uns Kaffee und Kuchen an, auch nicht gegen Bezahlung. Gut, daß wir uns Proviant mitgebracht haben.

Der Weg ist abwechslungsreich und nicht sehr schwierig, allerdings auch nichts für Rollstuhlfahrer, und festes Schuhwerk ist unbedingt von Vorteil.

Da bringt die Abendsonne einen kleinen Bach zum glitzern … Moment mal, Abendsonne? Wir haben uns etwas verschätzt: Die Wanderung soll etwa 6 Stunden dauern, bei mäßigem Tempo; da wir erst um 12.30 Uhr losgegangen sind, müssen wir einen Zahn zulegen, um vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Herchen zu sein.

Uff! – geschafft. 17 Uhr, das ist Rekord – und eigentlich blöd, denn wir gehen ja nicht spazieren/wandern, um uns abzuhetzen. Nächstes Mal gehen wir früher los.

Ausflug an die Sieg

Der „Natursteig Sieg“ ist ein Wanderpfad entlang der Sieg, ein Nebenfluß des Rheins südlich von Bonn, der in mehreren Etappen aufgegliedert ist: Anfang und Ende einer jeweiligen Etappe bilden Ortschaften mit S- und Regionalbahnanschlüssen. Der Pfad wurde jüngst um weitere Etappen erweitert, einen kleinen Wanderführer gibt es auch schon, also machen wir uns auf den Weg. Erstmal muß man mit der Regionalbahn eine Stunde lang nach Au fahren.

Der Bahnhof hier ist schon längst aufgegeben, Fahrkartenautomaten regeln das Geschäftliche. Da die Deutsche Bahn kein Lust, kein Geld und vor allem kein historisches Gewissen hat, sich um die Gebäude zu kümmern, verrammelt sie sie und überläßt sie einem langsamen Verfall – wie an hunderten Bahnhöfen in Deutschland auch. Eine Schande.

Aber – wie mich meine Begleiterin gelehrt hat, auch der Verfall hat seinen eigenen Reiz.

Gleich am Bahnhof beginnt der Wanderweg. Was uns wundert: Auf dem ersten Wegweiser steht 19,1 km nach Wissen, unserem Zielort. In dem kleinen Büchlein ist von 14 km die Rede … egal, frohgemut stapfen wir los, ein kleines Stück an der Sieg entlang, bald geht es in den Wald, den Fluß sollen wir erst in unserem Zielort wiedersehen.

Die Wege sind gut ausgebaut und begehbar, manchmal etwas matschig, die meisten werden alte Forstwege sein. Man streift Ränder von Siedlungen, wo Schilder stehen, die von längst vergangen Zeiten erzählen. Ob der Begriff „Aula“ bewußt gewählt wurde wegen der Nähe zur Ortschaft Au? Au und LA, die Metropole in Kalifornien – das heizt die Fantasien an. Damit sie nicht überschäumen: „Musik und Mores …“, Mores heißt ja „Sitte, Anstand“, das ’s‘ muß irgendwie verloren gegangen sein. Hier wurden die jungen Damen wahrscheinlich noch von den schneidigen Herren zum Tanze aufgefordert. Aber – vielleicht war auch alles ganz anders.

Viel los ist hier nicht – wir haben kaum einen Menschen gesehen. Wahrscheinlich sind alle in Köln, wo zu der Zeit ca. 1 Mio. Verrückte durch die Straßen hetzen und versuchen, nicht zusammenzubrechen, bevor sie die 42-km-Marke erreicht haben.

Oder sie verkriechen sich in ihren Häusern, die Dörfer, durch die wir kommen, wirken wie ausgestorben, postapokalyptische Szenen aus Filmen drängen sich uns auf. Merkwürdigerweise ist auf der Wanderkarte im Hintergrund kein Standort eingezeichnet, diese Karte kann nur lesen, wer sich hier auskennt, und dann braucht er sie eigentlich nicht mehr. Wird hier mit den Wanderern aus der Großstadt Schabernack getrieben?

Der wilde Müll wurde erkennungsdienstlich behandelt und „zur Anzeige gebracht“ – angeklagt und hoffentlich ordentlich bestraft: Herr Richter, ich fordere zwei Jahre Einzelhaft für die noch gebrauchsfähige Matratze und zwei Wochen Normalverzug für den organischen Müll, danach Sicherheitsverwahrung auf einer Mülldeponie!

Äh – ist das eine Grabskulptur (die Eisdecke auf dem Swimmingpool war noch zu dünn, als sie der Sohn des Hauses betrat) oder schwarzer Humor?

Ein und das selbe Schild von der einen Seite …

… und von der anderen. Je nachdem, von wo man kommt, also ein Unterschied von 7,5 km – das läßt nichts Gutes ahnen.

In Dünebusch, einem Ortsteil von Bitzen, schicken uns die Wanderzeichen im Zickzack über (gefühlt) jede Streuobstwiese und entlang eines jeden Gartens, man hat das Gefühl, man kommt keinen Meter voran, man landet immer wieder an der kleinen Hauptstraße des Dorfes.

Schließlich geht es doch weiter. In unserem Wanderführer steht, nach der Überquerung einer kleinen Brücke gehe es nochmal 900 Meter hoch, dann stehe man an der Abzweigung nach Wissen. Die Wanderwegzeichen am Wegesrand führen uns stattdessen in einen anderen Ortsteil von Bitzen, von dem in dem Büchlein nicht die Rede ist. Die Wanderwegzeichen werden immer kleiner, sodaß wir prompt eins übrsehen. Nach zwei Kilometern ohne Zeichen fragen wir Spaziergänger, ein junges Paar, nach dem Natursteig. Sie haben keine Ahnung, zeigen aber in die entgegengesetzte Richtung, als wir nach Wissen fragen und machen entsetzte Gesichter, als wir erzählen, daß das unser Wanderziel sei. „Sollen wir Sie hinfahren?“ Wirklich sehr freundlich.

Später denken wir: Hätten wir das doch nur angenommen! Wir gehen zurück und finden das verpaßte Zeichen, aber an der nächsten Kreuzung das selbe Spiel, wieder kein Hinweis. Ich bin inzwischen so geladen, daß ich das Schild als persönliche Beleidigung empfinde. Nachdem eine Passantin uns erneut erzählt, Wissen liege in der entgegengesetzten Richtung als die, in der wir gehen …

… geben wir auf und beschließen, auf der Straße weiter zu laufen.

Immerhin – eine herrliche Abendstimmung, durch die wir wandern, wer weiß, ob wir das im Wald so erlebt hätten.

Außerdem: Wer mehr von seinem Leben haben will als zwei Garagen, einer Mülltonne und einem TV-Gerät in der guten Stube, muß auch mal was wagen … gut, das Wagnis mit gut ausgeschilderten Straßen war jetzt nicht soo groß, aber immerhin …

Endlich angekommen: Wissen an der Sieg. Unser Wanderführer führt uns noch ein bißchen in die Irre …

… aber eine Viertelstunde vor Abfahrt des nächsten Zuges erreichen wir glücklich – zwei Stunden später als ursprünglich geplant – den häßlichen Bahnof der Stadt.

Ausflug nach Aachen (2)

„Von diesen Stunden eine wird deine letzte sein“ – wie jetzt, heute? Von den zwölf, die da abgebildet sind? Nein, keine Sorge, irgendeine ist gemeint, der Spruch bedeutet: Bedenke, daß du sterblich bist, hau vorher ordentlich auf den Putz, laß die Sau raus, es könnte die letzte sein. Gut, das ist natürlich auch Quatsch, es bedeutet: Bedenke, daß du sterblich bist, und führe also dein Leben in Demut und Bescheidenheit und vor allem ohne (kirchlich definierte) Sünde, denn nach deinem Tod entscheidet sich, ob du in die Hölle kommst, „nur“ ins Fegefeuer (das muß doch ein Sadist gewesen sein, der sich sowas ausdenkt, oder?) oder in den Himmel.

Die „Armen Schwestern vom Heiligen Franziskus“, in deren Klostergarten das Sgraffito zu sehen ist, sind aber ganz munter und gehen – zumindest an diesem Tag der offenen Tür – der Sünde des pekuniären Gewinnstrebens nach: Sie verkaufen Kaffee und Kuchen und betreiben einen Flohmarkt. Ich habe ein bißchen in den Bücherkisten gestöbert und dabei Erstaunliches entdeckt: Neben einem Anti-Jesus-Brevier gab es viele Bücher von Konsalik: „Liebesnächte in der Taiga“, „Die Tochter des Teufels“, „Ein heißer Körper zu vermieten“ – ein interessanter indirekter Blick in die Bestände der Klosterbibliothek.

Der Aachener Rathausplatz – weit und offen, durch die Gastronomie am Rand, aber auch durch die Sitzplätze um den großen Brunnen bevölkert und genutzt:

Eine lebendige Athmosphäre, ein Platz, der trotz seiner Größe funktioniert (ein Negativbeispiel: Der Kölner Neumarkt an einem normalen Tag).

Printen gehören zu Aachen wie der Lebkuchen zu Nürnberg. Ich mag sie nicht besonders gern. Wer will, kann mal reinbeißen, aber ich übernehme keine Verantwortung für Zähne und Bildschirm.

Vielleicht schmecken sie besser, wenn man sie in Kaffee taucht? Wir haben es nicht ausprobiert.

Uns steht der Sinn nach Herzhaftem: In einem kleinen Restaurant am Hühnermarkt kann man gut und günstig essen.

Sehen und gesehen werden …

… wer es ruhiger mag, geht eine Ecke weiter.

Viele Geschäfte sind bereits geschlossen, was uns nicht stört, im Gegenteil, wir fahren ja nicht von Köln nach Aachen, um da einzukaufen. Aber man kann daran den sehr viel beschaulicheren Charakter der 200.000-Einwohner-Stadt erkennen. Der Esoterik-Laden verführt meine Begleiterin, einen Stimmungsring zu kaufen: Er kann die Farbe wechseln, je nach Stimmung des Trägers. Ich habe ihn anprobiert, der Ring behauptet, ich sei ruhig und gelassen. Das stimmt – Zauberei!

Auch das ist Aachen-Altstadt – solche Überraschungen kenne ich aus allen Städten, die im 2. WK zerbombt worden sind. Hier war ca. 65% des Wohnraums zerstört.

Ein paar Meter jenseits des Altstadtrings erkennt man, wieso trotz der vielen Studenten kaum Fahrradfahrer unterwegs sind: Es ist einfach zu hügelig. Manchmal denke ich, ich bin im Harz.

Ein schönes Beispiel klassizistischer Herrschaftsarchitektur, welcher Fürst hat hier gewohnt? Jetzt beherbergt es, einer Demokratie würdig, eine Jugendherberge mit Jugendzentrum für die Stadt … wer hat das geglaubt? Aufzeigen! Was ist mit dem Weihnachtsmann, gibt es den auch? Ja? Ah ja, verstehe. Das Gebäude wird natürlich weiterhin von Herrschaften genutzt, von der Aristokratie heutiger Zeit: Dem Geldadel. Es beherbergt das Casino.

Etwas abseits der touristischen Pfade: Der Willy-Brandt-Platz. Auch lebendig, angenehm unaufgeregt und normal. Das darf natürlich auf keinen Fall so bleiben, deshalb …

… werden alle Häuser abgerissen und ein neuer Konsumtempel errichtet. Müssen Stadtplaner eigentlich auch einen Kurs „Zerstörung von Lebensqualität durch architektonische Verschandelung“ in ihrem Studium besuchen?

Ob der Laden die (rein finanzielle) Umfeldaufwertung überleben wird?

Die leicht pompöse Brunnenskulptur öffnet und schließt übrigens ständig ihre Blätter – ein bißchen unheimlich.

Ein Nachmittag in einer Stadt, da bekommt man nur einen ersten Eindruck, aber der war gut. Vielleicht kommen wir mal wieder, um ein Museum zu besuchen. Bis dann.

Ende.

Ausflug nach Aachen (1)

Neulich, an einem Sonnabendnachmittag, war ich in Aachen. Die Altstadt ist klein und gemütlich, viele kleine Plätze finden sich rund um dem Dom …

… in dessen Oktogon, also einem achteckigen Rundbau, mit freischwebender Kuppel wir hier blicken. Die Kirche galt lange als architektonisches Wunderwerk, selbst heute kann man sich noch nicht zur Gänze erklären, wie die das eigentlich gemacht haben, ohne daß sie zusammenkracht. Es war Karl der Große, der sie um 800 erbauen ließ.

Die eindrucksvollen Mosaike sind allerdings jüngeren Datums (spätes 19. Jahrhundert). Der Ort, auf dem sich die heutige Stadt befindet, war aus einem bestimmten Grund schon immer besiedelt, der Name der Stadt weist selbst darauf hin: Aachen kommt vermutlich vom altgermanischen „ahha“ (wie „acha“ ausgesprochen) und bedeutet „Wasser“: Hier gibt es heiße Quellen, die bis zu 74 °C heiß werden können, was auch einer der Gründe war, wieso Karl der Große, der bis dahin wie seine Vorgänger ein nomadisierender Herrscher war, sich hier ansiedelte (die anderen waren Wälder, die eine gute Jagd versprachen, und – nicht zuletzt – die geostrategische Lage des Ortes).

Die Stadt wuchs und gedieh und wurde zur Krönungsstadt: Alle „deutschen“ Könige wurden hier bis 1531 gekrönt, über 30 Herrscher saßen auf dem Karlsthron, den man noch heute besichtigen kann. Ein Blick in den gotischen Anbau mit seinen gewaltigen Glasfenstern (die höchsten gotischen in ganz Europa): Warum stehen da zwei pompöse Reliquiare? Meine Begleiterin hatte sogleich eine Vermutung: Karl der Große war so groß, daß er in einen Schrein nicht hineinpaßte, weshalb man nun von Karl dem Zerstückelten sprechen müsse. Klingt naheliegend, stimmt aber nicht: Im hinteren Schrein liegen die Gebeine Karls (ab einem bestimmten … äh, Alterungsprozeß läßt sich da ja einiges zusammenschieben), der vordere wird Marienschrein genannt und enthält die sogenannten vier großen Aachener Heiligtümer, als da sind: Ein Kleid der Jesus-Mutter Maria, eine Windel von Jesus, sein Lendentuch, das er am Kreuz getragen hat, und das Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer, also das Tuch, in dem der abgeschlagene Kopf des Mannes begraben war. Alle sieben Jahre werden die Heiligtümer während eines Festes, genannt Heiligtumsfahrt, aus dem Schrein geholt und …

… auf dem Katschhof der Allgemeinheit vorgeführt und strahlen dann irgendwie irgendwas ab, was gut für einen sein soll. Im Rahmenprogramm wird eine Jungfrau durchgesägt Kein Scherz, früher wurden trichterförmige Hörner verkauft, mit denen man nur einen Ton erzeugen konnte (eine frühe Form der Vuvuzela), die man entsprechend in die Höhe halten mußte, um von den Strahlen (oder was weiß ich) möglichst viel aufzufangen. Besonders Findige hielten konvexe Spiegel an Stangen hoch, in der Überzeugung, daß es auf sie abstrahlte, wenn sie dann selbst hineinsahen.
Von den Heiligtümern wird nur das Kleid entpackt, die anderen Gegenstände müssen durch eine Verpackung wirken, und damit man weiß, was was ist, sind sie mit verschiedenfarbigen Bändern umwickelt. Die Bänder für die Windel sind sinnigerweise gelb und nicht braun – man kann also aufatmen.
Natürlich hat man inzwischen herausgefunden, daß sämtliche Textilien aus späteren Jahrhunderten stammten, aber auf die Feier von Lug und Betrug mag man trotzdem nicht verzichten, man macht das schon so lange, außerdem kommen die Leute doch trotzdem, bringen viel Geld in die Stadt, und vielleicht weiß es der ein oder andere Depp ja auch nicht und das Brimborium festigt seinen Glauben an die Kirche.
Will noch jemand wissen, was die drei „kleinen“ Heiligtümer sind? Ein Gürtel von Maria, ein Gürtel von Jesus und sein Geißelstrick, ein Schnürsenkel, eine Schnabeltasse – da muß ein cleverer Sammler am Werk gewesen sein, der diese Dinge frühzeitig gehortet hat.

Fortsetzung folgt.

Ausflug zum Drachenfels (2)

Hier ist er, der Drache, der dem Ort seinen Namen gegeben hat. Es soll der sein, der in der Nibelungensage von Siegfried erlegt wurde. Genau erklärt wird das in diesem Kasten:
„… un dä kütt dä Drache …“ usw., viel habe ich nicht verstanden, die Kinder wollten mich nicht nach vorn lassen.

Die Burg Drachenfels wurde bereits 1634 während des 30jährigen Kriegs geschleift, die Wände der Ruine stehen also bereits seit 380 Jahren – das nenn ich Baukunst.

Anders dieses Gebäude, das im Volkmund auch „Neuschwanstein vom Rhein“ genannt wird: Schloß Drachenfels wurde erst 1882 auf halber Höhe des Berges gebaut und kann von Glück sagen, daß es noch steht. Der Bauherr war Baron Stephan von Sarter, ein reich gewordener Börsenspekulant, der seinen Adelstitel aufgrund seines Reichtums bekommen hatte. Wenn man in eine höhere Liga aufsteigt, möchte man natürlich auch die entsprechenden Insignien vorweisen können, warum also nicht ein Schloß, in dem er mit seiner Jugendliebe wohnen wollte. Die verstarb leider vor Fertigstellung, sodaß er nie einzog. Die späteren Besitzer richteten ein Museum und ein Restaurant ein, in den 30er Jahren bezog ein katholisches Jugendheim das Gebäude. Dann übernahmen die Nazis, um Führungsnachwuchs heranzuziehen, bis die Amerikaner es besetzten, um ein Oberkommando einzurichten – als sie wieder gingen, nahmen sie mit, was nicht niet- und nagelfest war.

Anschließend, bis 1960, wurde hier die „Pädagogische Reichsbahnzentralschule“ eingesetzt, dann ließ der Eigentümer das Schloß verkommen – ratet mal, wer das war: Das Land Nordrhein Westfalen. Im Jahr 1971 erbarmte sich ein Unternehmer und kaufte es für 500.000 DM – Auftritt Paul Spinat!

Wer denn kleinen Film gesehen hat, weiß nun auch, woher die goldenen Hirsche kommen. Paul Spinat gab gern Orgelkonzerte in seinem Schloß, selbst seine Frau hielt ihn für einen Meister des Instruments – bis man ihr zeigte, daß die Orgel eine Attrappe war und die Musik von einem versteckten Tonband kam. Ende der 80er Jahre war Paul Spinat finanziell so klamm, daß er das Schloß an das Land zurück verkaufte, für 8 Millionen DM! Offenbar hat es im NRW-Landtag schon immer gute Betriebswirtschaftler gegeben. Als Spinat 1989 starb, ließ das Land das Schloß erstmal wieder zwei Jahre lang vor sich hingammeln und entschloß sich dann 1991 für eine Sanierung, die 20 Jahre dauern sollte. Na bravo! – das ist nicht zuviel für ein Gebäude, das ursprünglich in drei Jahren errichtet wurde, wenn der Sanierer eine öffentliche Behörde ist.

Seit 2011 kann nun auch das gemeine Volk das Schloß besichtigen, allerdings soll man nochmal 6 Euro Eintritt zahlen – für etwas, das uns als Steuerzahler sowieso schon gehört. Ich bin nicht geizig, aber das ärgert mich so, daß ich noch nicht drin war.

Direkt vorm Eingang zum Schloßpark befindet sich die Zwischenstation der Zahnradbahn, aber wir laufen lieber zurück, etwas abseits der Touristenströme, durch den Wald über den Nachtigallenweg …

… direkt zum Bahnhof von Königswinter, der übrigens an Trostlosigkeit kaum zu überbieten ist. Ich war noch nie in der Stadt selbst, der Bahnhof ist wahrlich keine Einladung.

Ausflug zum Drachenfels (1)

Die „Petersberger Zahnradbahn“ gibt es gar nicht mehr, wer heute auf den Petersberg will, um das „Grand Hotel“ zu besuchen, hat ein Auto oder ist Wanderer.

Aber Deutschlands älteste Zahnradbahn, die ebenfalls vom Rheinstädtchen Königswinter auf den Drachenfels fährt, die gibt es noch. Natürlich kann man auch hochlaufen oder einen Esel mieten. Angeblich ist der Drachenfels der meistbestiegene Berg Deutschlands, ach, was sag ich – Europas! – oder der ganzen Welt? Gut, genaue Zahlen gibt es nicht, und man nimmt an, daß die Schätzung aufgrund der Personen zustandekommt, die von oben nach unten geguckt haben; wie sie die ca. 321 Meter allerdings hochgekommen sind, will man gar nicht so genau wissen.

Bereits um 1800 wurde das Rheintal durch englische Romantiker wie Lord Byron entdeckt und besungen, worauf sich eine stetig wachsende Tourismusindustrie entwickelte. In der Nachkriegszeit war es angeblich für jede Kölner Familie ein Muß, wenigstens einmal jährlich mit dem Ausflugsschiff nach Königswinter zu fahren, um auf dem Drachenfels mitgebrachten Kartoffelsalat und Bockwurst zu verzehren (so weit ist es gar nicht, man kann sogar den Dom sehen, wenn man genau hinsieht). Da muß viel los gewesen sein, selbst am Fuße des Berges gab es eine Vielzahl von Weinstuben und anderen Vergnügungsstätten.


Foto von Wolkenkratzer

In den 70ern ging die weinselige und lukrative Volksbelustigung zu Ende, die Leute hatten anderes zu tun. Da man das nicht wahrhaben wollte, spendierte das Land NRW ein neues Ausflugslokal in einem Architekturstil, den man sinnigerweise „Brutalismus“ nennt.


Foto von Claus Moser, CC-Lizenz

Wenn Einheimische in der Folge vom Monstrum vom Drachenfels redeten, meinten sie nicht den Drachen, sondern eben dieses Gebäude. Es verfiel nach und nach, wie viele Gebäude aus den 70ern und 80ern, die nicht richtig gewartet werden, weil man sparen will – bis es nicht mehr geht und man zwischen den Optionen Abriß oder aufwendiger Sanierung steht. Hier hat man beides gemacht (was kostet die Welt!), 2007 aufwendig und kostenreich saniert, 2011 dann abgerissen.

Und so sieht es heute aus: An das Gebäude aus den 30er Jahren wurde ein kleiner Glaskubus gesetzt, die Scheußlichkeit aus den 70ern wurde komplett beseitigt, stattdessen …

… gibt es nun Außengastronomie und schön viel freie Fläche.

Was sich leider im Vergleich zu früher nicht geändert hat, ist die (Minder-)Wertigkeit des Speisenangebots: Der Kuchen sieht sehr nach industrieller Fertigung aus, wer das nicht will, muß Pommes mit Currywurst oder Pommes mit Chicken Nuggets essen. Ein vegetarisches Gericht gibt es auch: Pommes ohne alles. Immerhin ist auch eine Linsensuppe mit Bockwurst im Angebot, die hausgemacht aussieht und schmeckt.

Die Kinder freut das natürlich – Pizza mit Spaghetti und Pommes belegt wäre wahrscheinlich der Renner.

Fortsetzung folgt.