Wandern auf dem Salzalpensteig (7): Bischofswiesen – Ramsau – Schönau/Königssee

Dahinten kommen zwei Fahrradfahrerinnen auf ihren elektrifizierten Bikes, die haben es gut.

Obwohl sie uns vor über einer Stunde überholt haben, holen wir sie am Ende dieses felsigen Abschnitts wieder ein – das kann kein Vergnügen gewesen sein, die schweren Zweiräder hier hochzuschieben und zu tragen.

Die Mörderalm (eigentlich „Mordaualm“) scheint ein beliebtes Ausflugsziel zu sein, gleich drei Bewirtschaftungen sorgen für das Wohl der Ausflügler.

Auf der Oalm, do gibt’s koa Sünd – dafür viel Arbeit, die zu verklären mir allerdings nie in den Sinn gekommen wäre: Wie romantisch kann eine Arbeit mit Kühen sein?

Hui – da geht’s lang bergab. Man sieht es auch an den vor Anstrengung roten Gesichtern der Wanderer, die uns entgegenkommen.

Durch den Dramafilter betrachtet könnte man meinen, wir seien in einer Vulkanlandschaft.

Das habe ich doch vorhin schon auf der Schautafel gelesen, es scheint das Selbstverständnis der Einheimischen des Berchtesgadener Landes zu beschreiben.

Echt gut, dieser Wanderweg, da kann man wunderbar herumstehen, scheinen diese Raubtiere zu denken. „Wir warten, bis sie weggehen“, sagt meine Begleiterin ängstlich. Schön, wie sie mich selbst in schwierigen Situationen immer wieder zum Lachen bringt. Da ich das rote Tuch und den Degen gerade nicht dabei habe, kraxeln wir die Wiese hoch und umrunden die kleine Herde.

Ich befürchte, wir müssen da rechts hinunter, unser Hotel liegt in vier Kilometern Entfernung im Tal.

Nicht schön, die Vorstellung, daß wir da am nächsten Morgen auch wieder hochmüssen.

Das Hotel ist eine riesige Anlage, Lebensweisheiten gibt es frei Haus.

Im Gwand-Ladl können wir uns ortstypisch einkleiden, wenn wir wollen.

Das dümmste Waschbecken, das ich je in einem Hotel gesehen habe, dem Inneneinrichter sollte man die Lizenz entziehen.

Unser letzter Wandertag zeigt uns eine nebelfrei Aussicht an einem herrlichen Panoramaweg.

Kuchenstation – sehr schön (ein Foto meiner Begleiterin).

Ich hätte es ahnen können – der letzte Berg, der Grünstein, den wir besteigen sollen, hat es nochmal richtig in sich, damit man nicht auf den falsche Gedanken kommt, das hier sei ein einfacher Wanderweg. „Testwanderweg“ – was soll das heißen? Wenn man oben ankommt, hat das Herz den Test bestanden, wenn nicht, hat das Herz zwischendurch schlapp gemacht – tja, Pech gehabt, das Leben ist rauh, echt und gut und eben irgendwann zu Ende. Wissenschaftlich getestet!

Über 500 Höhenmeter auf einer Strecke von zweieinhalb Kilometern, das ist wie Treppensteigen, allerdings ohne Stufen. Als ich (gefühlt) schon einiges geschafft habe, kommt mir ein älterer Mann entgegen. Ich bleibe stehen, um ihn vorbeizulassen. „Berg vor Tal!“, ruft er fröhlich, womit er sagen will, daß der Bergaufsteiger immer Vorfahrt hat. Ich antworte, ich sei ganz froh, mal einen Augenblick verschnaufen zu können, darauf er: „Aber Sie wissen schon, daß Sie noch einiges vor sich haben!“ Ich hatte nicht übel Lust, ihm eine reinzuhauen. Aber ich nicke nur. Der Herr kommt ins Reden: Ich könne eine Nebenroute nehmen, die sei zwar schwieriger und auch länger, dafür aber nicht so langweilig, man komme auch nicht an der Verpflegungshütte vorbei, sondern gleich zum Gipfel. Ich sammle ein paar Steine auf und bewerfe ihn damit. Nein, ich bedanke mich höflich, wie es sich unter zivilisierten Menschen gehört, und gehe weiter.

Geschafft! Mein Herz hat den Test bestanden. Ich belohne es (und den Rest meines Körpers) mit einer ausgezeichneten Erbsensuppe und einem kühlen Getränk. Meine Begleiterin will unbedingt noch auf den Gipfel – unnötig, denn der Wanderweg geht von hier aus weiter. Bitte, ich warte gern. Hallo, Frau Kellnerin …

Eine grandiose Aussicht hat man auch von hier. Da unten sieht man einen Teil des Königssees, da müssen wir hin. Was soll jetzt noch schiefgehen, der letzte Abstieg, pah, das machen wir mit links …

Tatsächlich trachtet die Natur noch einmal nach meinem Leben. Hier gibt es noch Stufen …

… hier haben sie leider gefehlt. Es gibt keinen anderen Weg als durch diesen Matsch (Foto meiner Begleiterin).

Mit den rutschigen Schuhen geht es dann weiter steil bergab, über abschüssige Felsenflächen und steile Wurzelwege – daß ich das verletzungsfrei geschafft habe, kommt mir jetzt noch fast wie ein Wunder vor. Der „Berchtesgadener Anzeiger“, dessen Tagesausgabe ich zwei Tage später lese, ist voll von Berichten über die häufigen Einsätze der Bergwacht, die verletzte Wanderer und Kletterer mit Hubschraubern in die Kliniken befördert.

Geschafft! Nach 130 Kilometern kommen wir in Schönau an. Ich bin heilfroh, das hinter mir zu haben. Die Landschaft ist großartig, die Wanderung mit meiner Begleiterin wie immer ein großes Vergnügen – aber die Schikanen zwischendurch … nie mehr gehe ich einen Wanderweg, in dessen Bezeichnung das Wort „Alpen“ auftaucht. Meine Begleiterin dagegen kann sich gut vorstellen, nochmal herzukommen, spricht gar von einer Alpenüberquerung … ohne mich! Ich rate euch, liebe Freund, wenn ihr wandern wollt, fahrt in die Eifel, oder in den Schwarzwald, oder wer sich richtig anstrengen will, auch in die Sächsische Schweiz – aber meidet Alpenwanderwege.

Fortsetzung folgt.

 

20 Antworten zu “Wandern auf dem Salzalpensteig (7): Bischofswiesen – Ramsau – Schönau/Königssee

  1. Ich kann dir die Strapazen so gut nachfühlen. Und auch den Wunsch, einen von oben kommenden, eine mitzugeben 😉
    Und doch….ich liebe diese Wege und das Kraxeln. Tolle Touren und ein kluger Mann. Kennst du die Kuh nicht persönlich, weichst du besser aus. 😂

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    • Ja, das glaube ich Dir, wenn man die Berge liebt, dann ist das wahrscheinlich rundum ein sehr schöner Wanderweg, ich habe sogar gelesen, daß er zu den eher leichten zählt, da kann ich noch froh sein. Meine Begleiterin war ja auch ganz begeistert und hat mich ermahnt, ich solle nicht so negativ darüber schreiben. Ich hoffe, ich habe eine gute Mischung gefunden.

      Das ist ein guter Rat, wir hatten ja kaum Zeit, uns näher bekannt zu machen.;-)

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  2. Also ehrlich, wenn man die Wege so sieht, die einem auf dem Salpetersteig so zugemutet werden…Da könnte man sich doch glatt T-shirts von einer beliebten deutschen Band kaufen und damit so durch die Gegend spazieren.
    Deine „ohne mich“ Einstellung ist 1:1 nachvollziehbar.

    Wie sagte doch schon Hanns-Dieter Hüsch: Ich möchte mich in meiner Freizeit ertüchtigen, nicht dezimieren!

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  3. Ein guter Rat, dem ich gerne folge wie ich auch deine vorzüglichen Reisebericht gerne verfolgt habe. Man merkt dem an, dass Stapazen in der Rückschau am schönsten sind. Dass sich die Fotos problemlos zweimal vergrößern lassen, ist ein Gewinn.

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    • Ja, im Nachhinein sind die schwierigen Situationen die, die wahrscheinlich am längsten im Gedächtnis bleiben.
      Vielen Dank für Dein Lob, und natürlich auch für Deine unermüdliche Hilfe für die Fotovergrößerung, ohne Dich hätte ich das niemals gefunden.

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  4. Hi Vid!
    (Kurz & Cool..:-)

    Stell dir mal vor, der Alpenpanoramablick auf dem letzten Foto hätte sich mit einer Vorstellung, die du dabei durchaus haben hättest können, überlagert. Quasi eine von Appetit getriggerte „Fata Morgana“.

    So könnte es gewesen sein..;-D

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  5. Salve Vid!

    Vorhin hab ich nochmal deine Fotos durchgesehn.
    (Offline – Greife sie tricky in einem Schwung ab..;-)
    Das vorletzte Foto mit dem verwurzelten Weg hat es „in sich“.
    Bin immer noch erstaunt, was sich da auf den „zweiten Blick“
    auftat. Habe ein paar Konturen der Szenerie verstärkt.

    Was siehst du?

    Was ich sehe: … https://tinyurl.com/y4s5a4e4

    So siehts phantasierend aus..:-)

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    • Bist Du sicher, daß der 2. Link richtig funktioniert? Ich lese nur Text: „Ich sehe im linken unteren Bereich des Fotos eine Frau die um einen Toten trauert, der überhalb von ihr liegt. (Kopf und Gebeine/Rippen)“
      Hm – ich glaube, ich kann’s mir ungefähr vorstellen.

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  6. Bonjour Monsieur Vid!

    Du bist anscheinend auf einem Auge blind!..;-)
    Ich habs natürlich nicht so deutlich nachgezogen wie du.
    Vergleich mal dein Original-Foto mit meiner Bearbeitung.
    (Foto-Link)
    Dann solltest du den Unterschied wahrnehmen.
    Du hast es ein wenig anders erfasst, wie ich.
    Bei meiner Interpretation ist der Kopf der Frau nach
    unten geneigt. Ich habe nur im Kopfbereich und am
    Rückenverlauf beigefarben nachgeholfen.
    Ich wollte keinen „Tatort-Foto-Eindruck“ schaffen..;-)

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    • 🙂
      Doch, habe ich. Ein aggressives „Was guckst du!“ hatte ich vermutet, auch ein „Du kommst hier nicht durch!“. Bei der liegenden Kuh hatte ich eher an eine Identitätskrise gedacht, also falsches Tier im falschen Körper: „Ich bin ein Golden Retriever und liege an einem Kamin. Wuff!“

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