Urlaub in Würzburg (2)

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Fast ein Drittel der 125.000 Einwohner Würzburgs sind Studenten, von denen viele Mitglieder von Studentenverbindungen sind, die Stadt gilt als eine Hochburg von Burschenschaften, von denen ca. die Hälfte schlagende Verbindungen sind, d.h., ihre Mitglieder versuchen, sich mit Säbeln gegenseitig Schmisse ins Gesicht zu schneiden, die dann mit Stolz getragen werden. Tja, es gibt idiotische Rituale, die nie eingehen.

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Gesoffen wird bei diesen Veranstaltungen wahrscheinlich auch wie seit eh und je, aber man bleibt unter sich. Hier ist (noch) nicht viel los …

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… am nächsten Tag um so mehr: Ein Weinfest, getrunken wird natürlich der berühmte Frankenwein.

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Da man für den Rest des Jahres nicht auf das Getränk verzichten will – einen guten Grund, das Glas zu heben, gibt es immer – ist es inzwischen Brauch, sich auf der steinernen Brücke gegen Abend ein, zwei Schoppen zu genehmigen. Der „Abend“ beginnt bereits am frühen Nachmittag, der Wein kommt aus einer Zapfanlage – eine Goldgrube für die beiden Weinstuben.

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Wir haben es auch ausprobiert, aber wirklich abends – nicht übel, eine angenehme Stimmung.

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Wer keinen Wein mag, kann auch Seelen kaufen, im Angebot. Es soll ja immer wieder Leute geben, die ihre Seele verkaufen, in der Politik häufig anzutreffen – hier gibt’s billig Nachschub. Tatsächlich sind hier Bioeiskugeln gemeint. Merkwürdig, aber lecker.

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Eine „living doll“ zählt die mageren Einkünfte, ich befürchte, es wird nicht reichen, weder für Seelen noch für Wein.

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Etwas weiter stomabwärts, beim „Alter Kranen“ (ist klar, wieso das so heißt, oder?), sitzen die Studenten gern, so erzählt man uns, trinken Bier aus Flaschen und …

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… verputzen wagenradgroße Pizzas, die man oberhalb der Promenade in einem weitläufigen Biergarten kaufen kann.

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Wer seine Ruhe haben will, findet hier einen Platz: Die Altstadt ist von einem Grüngürtel umgeben, da, wo früher die Stadtmauer stand, hat man nach der Schleifung Parks angelegt, allerdings, ähnlich wie in Köln, in unterschiedlicher Breite und sehr oft von Ausfallstraßen durchbrochen, so daß kein sehr einheitlicher Eindruck entsteht (das schönste Beispiel eines solchen Grüngürtel habe ich in Krakau gesehen).

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Aber trotzdem schön. An einer Stelle gibt es mehrere Stelen, mit denen die Stadt ihren Stolz auf die vielen Nobelpreisträger ausdrückt, 14 an der Zahl, die hier an der Universität gelehrt haben.

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Wilhelm Conrad Röntgen war 1901 der erste von ihnen, der den Nobelpreis bekommen hat. Das Zitat braucht einen nicht zu wundern, wenn man weiß, daß Röntgen nie einen Schulabschluß gemacht hat – daß er später in Zürich studieren konnte, verdankte er den dortigen Zulassungsbestimmungen: Er bestand eine Aufnahmeprüfung.

Fortsetzung folgt.

Urlaub in Würzburg (1)

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Nach unserer Wanderung auf dem Goldsteig verbrachten wir zur Erholung noch ein paar Tage in der schönen Stadt Würzburg. Vorn im Bild sieht man gleich den Grund, weshalb sich hier Menschen angesiedelt haben: Es gab eine Furt, d.h. eine flache Stelle, durch die man den Main relativ bequem überqueren konnte. Die Stadt ist zwar bereits über 1.700 Jahre alt …

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… was man von der Bebauung aber nicht behaupten kann: Würzburg gehörte zu einer der über 100.000-Einwohner-Städte, die von den Engländern im 2. WK zu fast 90% zerstört wurden (als Antwort auf die Bombadierung englischer Städte durch Nazi-Deutschland).

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Aber man hat sich Mühe gegeben beim Wiederaufbau, der Verlauf vieler Altstadtgassen und -straßen ist gleich geblieben, und neben einigen Bürgerhäusern wurden besonders die prunkvollen Kirchen und andere architektonisch bedeutsame Herrschaftsgebäude originalgetreu rekonstruiert.

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Wenn man durch die Gassen läuft und sich an jeder Ecke eine der vielen Kirchen zeigt …

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… kommt es einem merkwürdig vor, wenn man plötzlich solche Schaufenster sieht.

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Man wird schier erschlagen von Katholizismus …

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… ein Eindruck, der während unseres Aufenthalts vermutlich dadurch verstärkt wird, da gerade das Kiliani-Fest stattfindet: Ständig gibt es Umzüge mit unzähligen Blaskapellen, die so dicht nacheinander aufmarschieren, daß sich eine kakophonische Musikmischung ergibt, die so absurd ist, daß es schon wieder Spaß macht, zuzuhören. Wenn dann noch sämtliche Kirchen zugleich ihre Glocken läuten, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr – ein Erlebnis, das ich so auch noch nicht hatte.

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Hier ist er: St. Kilian mit seinen beiden Begleitern, erschaffen von Tilman Riemenschneider (von dem später noch die Rede sein wird) …

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… und hier sind ihre Köpfe, die als Reliquien verehrt werden und zum Kilianifest ein bißchen durch die Stadt getragen und im Dom angebetet werden dürfen. Kilian war ein Bischof aus Schottland, der hier im 7. Jahrhundert mit seinen Begleitern missionierte. Die Legende erzählt, er habe den bereits getauften Herzog dazu überreden wollen, sich wieder von seiner Ehefrau zu trennen, da diese die Witwe seines Bruders war. Ja – und? – möchte man da fragen: In der damaligen Zeit galt das nach katholischer Lehre als Blutschande, keine Ahnung, was man sich da vorstellte. Als ihr Mann auf Reisen war, ließ Gailana, die Ehefrau, die drei Geistlichen ermorden und ihre Leichen im Hof neben dem Dom verscharren – abgereist, hieß es offiziell. Historisch betrachtet ist die ganze Geschichte höchst fragwürdig, man weiß nicht mal sicher, ob es einen Bischof Kilian überhaupt gegeben hat, aber egal, solche Legenden beleben die Wirtschaft und festigen die Macht der katholischen Fürsten, da will man nicht so genau nachfragen (mit den Gebeinen der Heiligen drei Könige in Köln und der Windel Jesu in Aachen verhält es sich ja auch nicht anders).

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Maulaffen waren im Mittelalter tönerne, kopfförmige Kienspanhalter: Im „Maul“ steckte ein Stück Holz, der Kienspan, den man angzündet als Leuchtmittel vor sich her tragen konnte. „Maulaffen feilhalten“ bezeichnet noch heute jemanden, der mit dümmlichem Gesichtsausdruck (und evt. offenem Mund) nutzlos in der Gegend herumsteht. Um 1900 soll es einen Bäcker in Würzburg gegeben haben, der oft genau so geguckt hat, weshalb freche Studenten ihn „Maulaffenbäck“ nannten – und nach dem wiederum ist nun die Weinstube benannt.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Goldsteig: 8. Etappe

Würden wir an die Stelle zurückgehen, an der wir am Vortag den Wanderweg verlassen haben, müßten wir heute 37 km laufen – das ist eindeutig zuviel, das können wir inzwischen sehr gut beurteilen. Unsere netten Wirtsleute bringen uns mit dem Auto an einen etwas weiteren Einstiegspunkt. Zum ersten Mal dauerhafter Regen, aber nicht schlimm, gegen Mittag hört er auf.

Muß langweilig sein, alle paar hundert Meter die Wanderwegzeichen an Bäume zu pinseln, da will der Maler auch mal ein bißchen Spaß haben.

Das ist mal eine gute Idee: In der Tonne stehen ein paar Flaschen Wasser und Limonade, das Geld legt man einfach in ein Kästchen.

Gasthaus Kraus dagegen will uns vom rechten Weg abbringen – nichts da, wir gehen nach rechts, ist ja doch wieder Ruhetag.

In Döfering schaut ein Eisbär traurig aus dem Fenster – hier ist einfach zu wenig los, als daß es sich lohnen würde, einen Laden zu betreiben, egal, wofür, da fast alle Bewohner motorisiert sind und zum Diskounter in die nächst größere Stadt fahren.

Ich habe euch ganz bewußt keine Kircheninnenfotos gezeigt, aber hier will ich eine Ausnahme machen: Der Altar ist ungewöhnlich. Der gefolterte Namensgeber der Sekte hängt ausnahmsweise mal nicht bildbeherrschend tot am Kreuz, sondern nur ganz klein im unteren Drittel. Der modern wirkende Rahmen wird ausgefüllt von drei Heiligen: St. Sebastian links, rechts St. Florian, und in der Mitte der Heilige Ägidius, der auch der Namensgeber der Kirche ist. Man erkennt sie an ihren jeweiligen Attributen: Sebastian steht meistens an einem Pfahl und wird von Pfeilen durchbohrt – ironischerweise haben ihn sich Schützengilden zum Schutzpatron gewählt, etwa, weil er ein so dankbares Ziel war? Auch die Bürstenmacher haben ihn gewählt: Wenn man die Augen zusammenkneift, könnte man doch glatt meinen, der mit Pfeilen gespickte Körper sieht aus wie eine Bürste (kein Scherz!). Sebastian war schon immer ein sehr beliebter Heiliger, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei den Künstlern: Da man früher natürlich keine nackten Personen malen durfte, es sei denn, sie waren Heilige (oder, seit der Renaissance, Figuren der griechischen Mythologie), war Sebastian eine wunderbare Gelegenheit, sich in Aktmalerei zu üben. Das ging sogar so weit, daß es Bilder gibt, wo er ohne seine Attribute, die Pfeile, an einem Pfahl steht – die Maler behaupteten einfach, das sei unmittelbar vor dem Martyrium. Und tatsächlich, wenn man einige Bilder mit Sebastian gesehen hat, erkennt man ihn immer wieder, ob mit Pfeilen oder ohne, es ist diese nackte, leicht aufreizende Haltung, mit der er am Pfahl steht, oft einen Arm oder beide nach oben gereckt. Und dieses Aufreizende, so wird behauptet, sei auch der Grund, weshalb die (männlichen?) Homesexuellen ihn sich zum Schutzpatron gewählt hätten. Das sei eine übelmeinende Unterstellung, sagen andere aus der Szene, er sei deshalb ihr Schutzpatron, weil er auch der Helfer gegen die Pest ist, und deren Name sei heutzutage nunmal Aids.

St. Florian erkennt man an dem brennenden Haus zu seinen Füßen und der Wasserschale, die er darüber ausgießt – angeblich soll er als Kind mal bei einem Brand Alarm geschlagen haben. Bekannt ist er für einen Spruch, der als St.-Florians-Prinzip bekannt geworden ist: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!“ – ein Prinzip, das z.B. in der europäischen Flüchtlingspolitik topaktuell ist.

Ah – endlich mal ein paar Einwohner.

Solche Wegweiser waren glücklicherweise selten: Wir sollen über eine Wiese gehen, Richtung Baum – man hat die freie Auswahl.

Da könnte man jemanden fragen, aber wir halten uns lieber fern – aus nachvollziehbaren Gründen.

Da hinten, der Hügelzug, ist schon die Tschechische Republik.
Satte Farben …

… zur Abwechslung auch mal mit Dramafilter.

Auf den letzten Kilometern, herum um Waldmünchen nach Herzogau, das oben auf einem Hügel liegt, verschwinden die Wegmarkierungen, oder wir sehen sie einfach nicht, ein kleines verzichtbares Abenteuer zum Schluß. Also machen wir kurzen Prozeß und gehen die Straße hoch, die gerade saniert wird.

Geschafft! Über 180 km liegen hinter uns.

Und zum Abschluß noch mal eine ganz ausgezeichnete Herberge: Landhotel Gruber, wer mal in Herzogau übernachten muß, ist hier bestens aufgehoben. Hier habe ich übrigens zum ersten Mal auf dieser Reise jemanden bayerischen Dialekt sprechen hören, ein Tourist am Nebentisch sagte: “ Naa, goa kaa aa“ – auf die Frage, ob er vielleicht Rührei möchte, oder ein Frühstücksei.

Fazit: Der Goldsteig ist ein landschaftlich sehr schöner Wanderweg, abwechslungsreich und nicht zu schwer. Trotzdem sollte man natürlich gut zu Fuß sein. 34 Grad im Schatten läßt einen manchmal verzweifeln, wenn man über Felder und Wiesen läuft, aber dafür kann die Gegend ja nichts. Die Leute sind überwiegend freundlich, wenn auch unverbindlich – ich würde es gar nicht anders haben wollen. Kulinarisch gesehen – na ja, wenn man auf Schnitzel steht … In einer Anzeige in unserem Wanderführer steht: „Emotionen erleben. Natur begreifen. Den Gaumen bauchpinseln.“ Blogfreund Trithemius, dem ich das neulich in einem Kommentar erzählte, meinte dazu: Man müsse vorsichtig sein, ein gebauchpinselter Gaumen könne Brechreiz auslösen, und das ist nur zu wahr bei solchen Hauptkomponenten. Aber: Wer nicht allein wandert (was ich übrigens nie tun würde), sollte darauf achten, in guter und lustiger Begleitung zu sein, dann spielen so kleine Einschränkungen kaum eine Rolle. Und was das betrifft, kann ich mich wirklich glücklich schätzen.

Fortsetzung folgt.

PS: Die Fortsetzung muß etwas warten, Sonntag fahre ich schon wieder in Urlaub, eine Woche Rügen. Bis bald!

Wandern auf dem Goldsteig: 7. Etappe

Was für ein Himmel – ein schöner Kontrast zu den goldgelben Kornfeldern. Glücklicherweise bleibt es trocken.

Danke für die Warnung, ich denke, wir können es wagen.

Ob es Leute gibt, die ohne das Schild den Zaun platt machen würden? Gut, vielleicht jemand mit schlechten Augen.

Hier heißt es „upjepass!“ (wie der Kölner sagt) – der Goldsteig teilt sich, die südliche Route geht mehr durch Städte, wir müssen auf der nördlichen weiter. Ganz unten kann man lesen, wie weit wir schon gelaufen sind: 138,5 Kilometer.

Wir waren bereits in unzähligen Kirchen, aus Neugier und Interesse, aber auch, um uns ein wenig in einer kühlen Umgebung auszuruhen. Das hier ist die erste, in der eine Ablaßtafel hängt. Wer hier war, ist komplett von seiner zeitlichen Sündenstrafe befreit, soll heißen: Die Zeit, die er oder sie nach dem Gestorbensein im Fegefeuer verbringen muß, bevor man im Himmel vorgelassen wird. Im 15. und 16. Jahrhundert hat die katholische Kirche einen äußerst lukrativen Handel mit Ablaßbriefen getrieben (und unter anderem den Petersdom damit finanziert), was, wie jeder weiß, einer der Gründe war für Martin Luthers Reformationsbewegung: Er hatte einfach in der Bible nachgelesen, und da steht nichts von Ablässen. Das war den Katholen dann auch irgendwann peinlich und sie verboten den Ablaßhandel 1570 – nicht jedoch die Ablässe selbst. Also erst ab in den Beichtstuhl, dann hier am Bild vorbeigehen – und frisch geht’s auf zu neuen (Un-)Taten!

Das Wintergartencafé, im Wanderführer bereits groß angekündigt – ich trau mich kaum, es zu sagen (wer ruft da: Laaaangweilig!?): Ruhetag.

Macht nichts, wir haben es nicht mehr weit. Eigentlich hat unsere heutige Etappe wieder 30 km bis Rötz, aber unser Hotel liegt ein einem Dorf einige Kilometer davor.

Ein großes Haus mit zig gut ausgestatteten Zimmern und sehr freundlichen Betreibern – wir sind die einzigen Gäste. Wir erkundigen uns mitfühlend: Kommen denn hier viele Wanderer vorbei? „Jaja, viele.“ Das … nehmen wir so hin.

An einer Wand hängen viele tote Tiere – nicht geschossen, sondern tot gefunden, wie uns schnell versichert wird. Eins davon ist sogar einer der seltenen Wolpertinger.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Goldsteig: 6. Etappe

Wer schon immer mal wissen wollte, wie die Erdkruste entsteht: Bitteschön. Auch hier alles ein Kreislauf, dauert allerdings ein paar Milliarden Jahre, vermute ich, bis ein Gesteinsbrocken seine zweite Runde antritt.

Ich könnte natürlich mithelfen: Ich nehme einen Stein von hier mit und werfe ihn in der Eifel in einen der vielen, zur Zeit inaktiven, Vulkane. Wenn der dann doch mal ausbricht, zack! – schon ist der Brocken wieder Magma. Aber wieso sollte ich das tun? „Kalkstein ist ein kalkreiches Sedimentgestein“, steht da übrigens auf dem Schild, das letzte Wort ist ein Link, der sich aber gar nicht anklicken läßt, ich habe es probiert.

Sobald die Wolken aufreißen, ist es gleich wieder heiß und schwül, man hat das Gefühl, das Gehirn läuft einem aus.

Die besten Voraussetzungen für diese andauernde Indoktrination. Die kleine Feldkapelle ist eine Station auf dem Jakobsweb, steht auf Infotafeln. Aha. Der Jakobsweg scheint ein verschlungener Pfad zu sein, in Baden-Württemberg ist er mir ebenso begegnet wie in Südengland. Tatsächlich ist e so: Man kann jeden Weg so nennen, wenn man will, denn von überall her sind Jakobspilger nach Santiago da Compostella in Nordwestspanien gewandert. Der Jakobsweg ist also nicht ein bestimmter Pfad, sondern fächert sich auf, je weiter man sich vom Ziel entfernt, desto weiter. Und es macht sich touristisch einfach gut, wenn man einen Jakobsweg in der Nähe vorweisen kann.

Wir lassen uns nicht beirren, und versuchen, die Welt weiterhin vernünftig zu ergründen. Was will uns z.B. diese Mitteilung sagen? Unter dem Schild befindet sich ein bereits in fortgeschrittenem Zustand verrottender Haufen mit Grünschnitt – wir kombinieren messerscharf: Wild abgeladen. Die Botschaft hofft darauf, daß der Frevler nochmal zurückkommt und sich Gedanken darüber macht, ob die, die sich regelkonform verhalten bei der Entsorgung ihrer Bioabfälle, wohl alles Idioten sind – es schwingt die Meinung mit, daß das doch wohl eher nicht so ist, sondern der, der da diesen Haufen hingesetzt hat, der Blödmann ist und das auch einsehen soll.
Doch, ja – nicht unsubtil, wenn auch vermutlich vergebens.

Unser Etappenziel Oberviechtach hat tatsächlich mal einen belebten Ortskern mit Außengastronomie! Wir nutzen die Gunst der Stunde und bestellen sofort Kaffee und Kuchen. Unser Hotel liegt auch an diesem Platz, und als wir uns etwas später vorstellen, versucht die Wirtin uns sogleich suggestiv zum Essen zu überreden, wir hätten ja mit Mahlzeiten bestellt – „Nein, haben wir nicht“, antwortet meine Begleiterin – aber das macht doch nichts, Kindchen, ist doch nicht schlimm, wir hätten doch bestimmt Hunger und könnten essen, wann immer wir wollten! Die Stimmung sinkt um ein paar Grad, als meine Begleiterin sagt, wir wüßten noch nicht genau, wo wir essen …

… aber zwei Stunden später kann sie uns hier, im Café Eisenbarth sitzen sehen, wenn sie aus dem Fenster schaut. An dem Platz gibt es ein gutbürgerliches Restaurant(=unser Hotel), einen Italiener, ein Hamburger-Restaurant – und eben dieses Café mit Außentischen, in dessen Karte man Pizza und Pasta, verschiedene Hamburger und Schnitzel in vielen Variationen findet. Außerdem gibt es hier zum ersten Mal riesige großstadtwürdige frische Salatteller – zu Schleuderpreisen. Entsprechend groß ist der Andrang, viel junges Publikum.
Irgendwie gemein, für die Konkurrenz am Patz. Und wenn man ein großes Hotel hat, ist man wahrscheinlich darauf angewiesen, daß die Gäste im hauseigenen Restaurant speisen. Allerdings sollte man dann mehr mit der Zeit gehen.

Der bekannteste „Sohn“ der Stadt ist übrigens Doktor Eisenbarth, der reisende Handwerkschirurg aus dem 18. Jahrhundert, der tatsächlich nie einen Doktortitel hatte. Seine interessante Geschichte kann man bei Wikipedia nachlesen. Der Andenkenladen hat leider noch geschlossen, daher weiß ich nicht, ob es vielleicht Eisenbarthoperationsbesteck als Andenken zu kaufen gibt, aber im Schaufenster sehe ich eine Jodelmaschine – holleri du dödel di, da hat man was Eigenes!

Fortsetzung folgt!

Wandern auf dem Goldsteig: 4. Etappe

Es war genau hier, in dieser Einöde zwischen …

… und …

… als meine Begleiterin sich fragte, wo eigentlich ihre teure Spiegelreflexkamera ist. Um die Schulter hing sie nicht, der Rücksack war merkwürdig leicht, also …

… konnte sie nur hier liegengeblieben sein: Vor ca. einer Stunden (und einigen schweißtreibenden Kilometern) hatten wir hier eine kurze Rast gemacht, das angrenzende Ausflugslokal öffnete gerade. Dessen Telefonnummer steht unglaublicherweise in unserem Reiseführer, es nimmt jemand ab: Tatsächlich, die Kellnerin schaut nach, die Kamera ist noch da. Also müssen wir zurück – und belohnen uns bei der Ankunft mit einem alkfreien Weizenbier und einer Brotzeit (eine Brotzeit ist eine große Scheibe Graubrot mit Aufschnitt, meist Wurst, und saurer Gurke, oder Radi oder was gerade so da ist an sauer eingelegtem Zeug). Eigentlich hasse ich doppelt und dreifach zurückgelegt Wege, besonders, wenn sie so anstrengend sind und die Etappe um 6 auf ca. 21 km verlängern, jedoch – nach diesem Ereignis fühlen wir uns gelassener als vorher und genießen den Tag.

„Da geht’s lang“ – pah!, haben wir nicht mehr nötig, solche Hinweise, wir gehen die Strecke bald im Schlaf.

Mitten in einem Dorf wird ein Haus dem Verfall überlassen, merkwürdig. Ob man Angst hat vor dem Hlg. Georg, der sogar Drachen gekillt hat mit nichts als einer Lanze?

Leuchtenberg heißt unser nächstes Ziel, und wenn man sich dem Dorf von der richtigen Seite nähert und wenn die Sonne scheint, weiß man auch, warum.

Unser Gasthaus liegt gleich gegenüber der Kirche. Als wir ankommen, beobachte ich, daß gerade auf alle Tische der Außenterrasse ein „Reserviert!“-Schildchen gestellt wird. Als wir gegen sechs auch was essen wollen, sind alle Tische bis auf den letzten Platz besetzt: DickeSehr gut genährte junge Leute, wahrscheinlich aus der näheren Umgebung eigens zusammengekommen, verputzen die Gerichte einer Extra-Karte, die nur heute, Samstag, gilt: Schnitzel! Ausschließlich Schnitzel, in allen denkbaren Variationen: Jäger-, Bauern-, Hähnchen-, Wiener-Art-Schnitzel und Cordon Bleu und was es sonst noch gibt, riesige frische Stücke, also keine Tiefkühlkost, dazu große Portionen Pommes oder Kartoffelsalat, dazu noch je ein Salatteller, für nicht mehr als 8,90 Euro. Ich habe mich immer schon gefragt, wer eigentlich das ganze Fleisch frißt, das unartgerecht schnellstmöglich großgezogen und zu viel zu niedrigen Preisen verkauft wird, jetzt sehe ich es mit eigenen Augen: Die Landbevölkerung, und wahrscheinlich nicht nur die bayerische. Anders ist es kaum zu erklären, daß gar nichts anderes angeboten wird.

In der Burgruine wird Freilufttheater gespielt, gegeben wird „Der Revisor“ von Gogol – Hochkultur und Imbißessen, wie paßt das zusammen? Sehr gut, wahrscheinlich, nur weil einer den kompletten Ring der Nibelungen in Bayreuth sieht, muß er nicht notwendig gesunde Ernährungsgewohnheiten haben.

Ich befürchte allerdings, die Vorstellung mußte frühzeitig abgebrochen werden – ein gewaltiges Gewitter verschafft endlich Abkühlung. Da eilen schon die ersten Besucher zu ihren Autos.

Am nächsten Tag – wir machen eine Wanderpause – schauen wir uns das Dorf genauer an. In der Kirche hängt das poppige Bild von einem Hippie, der gerade eine Lichtshow veranstaltet.

Junge Leute tragen gerade irgendwelche Ritualutensilien heraus, verstauen sie im Wagen, um sie …

… vorbei an diesem malerischen Haus …

… die kurze Strecke hinauf zur Freiluftbühne zu transportieren, wo gleich …

… ein Gottesdienst stattfinden soll, für die Biker, die sich an diesem Wochenende hier treffen. Merke: Nicht jeder Motorradfahrer ist ein Rocker. Wir sind herzlich eingeladen …

… aber wir verzichten dankend, verbummeln den Tag und sammeln Eindrücke.

„Abendroot mokt Morgen goot“, heißt es in meiner alten Heimat. Mal sehen.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Goldsteig: 3. Etappe

Die heutige Etappe hat „nur“ ca. 20 km, wieder Felder, Wiesen und Wälder. Bereits nach 10 km durchqueren wir ein etwas größeres Städtchen, Neustadt an der Waldnaab, aber irgendwie werden wir um den Kern herumgeführt, scheint mir, und da es wieder sehr heiß ist, haben wir keine Lust, einen Abtstecher zu wagen, um nach einem Café zu suchen.

Und für pfeifende Gardinen haben wir auch keine Verwendung.

„Fremder, betrittst du diesen Ort, bedenke, daß du alles, was passiert, selbst zu verantworten hast!“

Aber auch hier – kein Mensch zu sehen. Wir passieren den Ort trotz der zwei laut Alarm bimmelnden Kirchen ungeteert und -gefedert.

Unser Etappenziel heißt, so steht es jedenfalls in unseren Unterlagen, Theisseil, aber wir werden aus unserem Google-Ausdruck nicht schlau, irgendwie scheint er nicht dem Ortsplan zu entsprechen. Also fragen wir jemanden. „Der Sparrer-Wirt, na klar, da gehen sie da runter, nochmal in den Wald hinein, dann gleich links, dann sehen sie schon“, sagt eine freundliche Frau, es klingt, als hätten wir vielleicht noch drei Minuten zu gehen. 15 Minuten später wünsche ich die Frau zum Teufel – wir stehen mitten im Wald, der Weg führt ins Nichts, also ins Unterholz. Meine Begleiterin schlitzt sich an einem Ast einen ihrer großen Zehen blutig auf. Fluchend und humpelnd schlagen wir uns durch die Büsche.

Aber wir sind die geborenen Pfadfinder: Nach weiteren 15 Minuten eine Lichtung, ein Weg und ein Schild: Sparrer-Wirt – da entlang. Das Haus oben am Waldrand ist unser Hotel. Als wir erschöpft ankommen, sehen wir, daß das Hotelrestaurant heute – na? was wohl? – Ruhetag hat.

„Aber für Wanderer machen wir eine Kleinigkeit“, heißt es gleich – da freut sich sogar der Schnitzelteller.

Auch mit kalten Getränken können wir uns reichlich eindecken, genießen den Abend auf einem großen Balkon und rekapitulieren nochmal die gefährlichsten Situationen der heutigen Etappe (blutende Wunden sollen ja Haie anlocken).

Fortsetzung folgt.