Ehrenfeldgürtel

Wenn es hier blitzt, sind sicher so einige Autofahrer verschnupft, haben sie doch versäumt, darauf zu achten, worauf das Schild freundlich hinweist: Aufs Tempo. Wer dann bittere Tränen vergießt, wenn er ein paar Tage später ein Foto mit einem dümmlichen Ausdruck des eigenen Gesichts erhält, zusammen mit einer happigen Zahlungsaufforderung, dem empfehle ich ein Papiertaschentuch – und zukünftig eine gemäßigtere Fahrweise.

Insgesamt 25 sogenannte Starenkästen (stationäre Anlagen zur Geschwindigkeitskontrolle) gibt es in Köln, meinetwegen könnten es ruhig mehr sein. Nur elf von ihnen sind abwechselnd mit Kameras bestückt, aber man weiß nie, welche.

Hohe Str.

In Köln gibt es ca. 130 Spielhallen mit 2160 Geräten, 1800 Geräte stehen zusätzlich in Gaststätten. Der Spielverlust der Spieler beträgt allein in Köln schätzungsweise 60.250.000,00 Euro im Jahr (2010) – da lohnt es sich, fast rund um die Uhr geöffnet zu haben und den Spielern ausgiebig Gelegenheit zu geben, ihre Existenz zu verzocken. Das spült natürlich jede Menge Gewerbe- und Vergnügungssteuer in die öffentlichen Haushalte, die nicht gegengerechnet werden gegen die Kosten, die Spielsucht erzeugt – wie will man das Elend, das der finanzielle Ruin einer Familie erzeugt, auch in Euro umrechnen? Und damit das Interesse an einer Änderung der Verhältnisse auch gering bleibt, hat der führende Spielhallenkonzern, die Gauselmann AG, in den letzten 20 Jahren über eine Millionen Euro an Politiker der SPD, CDU/CSU, FDP und Grüne gespendet – in kleinen Scheinen, versteht sich, damit die Spenden nicht in den Rechenschaftsberichten der Parteien auftauchen.

Vorm Zoogeschäft

Man kauft 10 Stück, und wenn man sie zu Hause ins Terrarium setzen will, sind nur noch 5 da – genial, jedenfalls für den Umsatz des Zoogeschäfts. Und wenn die übrigen sich gegenseitig gefressen haben, bleibt nur noch eine übrig, die dann an Hunger stirbt, wenn man nicht nachfüttert – mit neuen Schnecken. Vielleicht sind dafür die Apfelschnecken gut? Quasi eine Selbstauflösung ad infinitum – eine Art überlebt nur, indem sie sich schier endlos selbst vernichtet … kommt mir irgenwie bekannt vor: Diese Schnecken müssen eine menschliche Züchtung sein.
Das Geschäftsmodell gibt es übrigens schon lange, auch wenn sonst nicht so offen damit geworben wird. Gerade erst habe ich in einer TV-Doku gesehen, daß Mitte des 20. Jahrhunderts mal ein Amerikaner ernsthaft die Idee hatte, alle Waren mit einem gesetzlichen Verfallsdatum zu versehen: Man kauft z.B. einen Stuhl (Tisch/Kühlschrank/Auto usw.), und nach einem halben Jahr muß man ihn zum Müll geben, egal, in welchem Zustand er ist, und einen neuen kaufen. Nur so ließe sich Wachstum aufrecht erhalten. Das Gesetz hatte natürlich keine Chance, ist ja lächerlich … man hat die Waren dann gleich so hergestellt, daß sie nicht lange halten. Kaum gekauft, schon kaputt – die Schnecken können eigentlich keine Häuser haben, der ganze Hausrat würde über kurz oder lang keinen Platz mehr lassen für anderes im Terrarium.

Stammstr.

Das Café und Restaurant Goldmund im Stadtteil Ehrenfeld könnte man fast mit einer Buchhandlung verwechseln: Ca. 3000 hauptsächlich fremdsprachige Bücher stehen hier in Regalen und können gelesen und/oder gekauft werden. Daneben gibt es einen Schwerpunkt Reiseliteratur, aber auch Kinderbücher.

Hier könnte man gut seine Nachmittage verbringen …

… wenn man denn einen Platz bekommt: Das Essen hier ist so ausgezeichnet und günstig, der Laden ist so gut wie immer voll, es gehört Glück dazu, einen freien Tisch zu erwischen.

Marx2

Der Inhalt von „Das Kapital“ sah früher anders aus – Bücher fälschen ist ja kein aristokratisches Privileg. Aber dieser Fall ist wirklich harmlos.

Antwerpener Str.

Es gibt in Köln spezielle Geschäfte für Pristerwäsche, Talare etc., aber das Geschäft, für das dieser Herr Werbung macht, ist es nicht. Es ist auch kein Laden für die Gothic-Szene, da besteht ja eine gewisse Verwandtschaft. Es ist ein ganz normales Bekleidungsgeschäft, wenn man sich so umkuckt … tja, ich bin ratlos. Das ist wahrscheinlich das wahre Alter: Nicht die Jahre, die man zählt, sondern das Unverständnis gegenüber Erscheinungen, die ganz normal zu sein scheinen, offenbaren die Zeit, die man bereits hinter sich gelassen hat.

Goldgasse

Wenn die Schwalben tief fliegen, gibt es Gewitter, heißt es. Und was bedeuten hoch hängende Fahrräder? Daß bald Frühling ist? Die Räder werden nervös und wollen endlich wieder los und laufen, und wenn sie ungeduldig an den Ketten reißen und nicht aufpassen, geht es schon mal über die Brüstung. Traurig. Ein Fahrrad macht jedenfalls noch keinen Sommer, das kann ich mit Sicherheit sagen, angesichts des Wetters der letzten Tage.

Die Goldgasse ist ein passender Rahmen für das bedauernswerte Gefährt: Ein kurzer vierspuriger Zubringer zum Hinterhof des Hauptbahnhofs. Links außerhalb des Bildes ist der häßliche provisorische Musical-Dom, auf dessen Abriß ich schon lange hoffe, welcher aber immer wieder verschoben wird. Das Kommerz-Hotel hat einen neuen Anstrich, hilft aber nicht viel: Immer noch ein grauer Stiftzahn in einem maroden Gebiß. Die Vertreter, die von ihren Firmen da einquartiert werden, wissen spätestens jetzt, daß man nicht viel von ihnen hält. Immerhin können sie in schlaflosen Nächten die an- und abfahrenden Züge, Busse und Taxis zählen, für Vehiclespotting ist dieser Ort ideal.
Wie kommt diese Straße bloß zu ihrem Namen? Zwei Erklärungen gibt es: Hier soll mal ein Goldschmied gewerkelt haben – klingt naheliegend. Die andere Erklärung riecht mehr nach Köln: Hier haben früher die von den Kölnern so genannten Goldgräber (oder „Joldjräber“) gewohnt. Und was waren die wohl von Beruf? Genau, Latrinenreiniger.

Rheinboulevard

So soll er einmal aussehen, der „Rheinboulevard“ auf der der Altstadt gegenüberliegenden Seite im rechtsrheinischen Deutz, ich hatte bereits hier davon anläßlich der Rodung des Baumbestandes an dieser Stelle berichtet.

Nun hat man also angefangen zu buddeln (das ist übrigens die andere Seite der Mauer in meinem vorletzten Beitrag) und – oh Wunder – ist quasi mit dem ersten Spatenstich auf historisch wertvolle Architektur gestoßen: Überreste des römischen Kastells aus dem 4. Jahrhundert, Überreste einer mittelalterlichen Kirche, Mauern eines mittelalterlichen Wehrturms und der Unterbau einer ehemaligen Drehscheibe des Bergisch-Märkischen Bahnhofs aus dem 19. Jahrhundert – insgesamt 1700 Jahre Stadtgeschichte auf einem Fleck. Tja, was macht man nun damit? Entgegen aller Erwartungen sagte das zuständige Grünflächenamt sofort zu, dieses historische Erbe müsse unbedingt erhalten bleiben. Der Kölner reibt sich die Augen: Eine Stadtverwaltung, in der die Kollegen Klüngel und Murks normalerweise das Sagen haben, hat von sich aus eine gute Idee? Kann doch gar nicht sein … und ist auch nicht so! „Erhalten“ nach des Amtes Sprachgebrauch heißt: Ausgraben, alles schön dokumentieren, wieder zuschütten, zubetonieren und hier und da ein paar Hinweisschilder, Markierungen im Pflaster und Sichtfenster in den Boden installieren. Kein Scherz!

Inzwischen gibt es eine Bürgerinitiative („Bürger für die Erhaltung des kulturellen Erbes in Deutz“), die sich dafür einsetzt, diese überraschende und bedeutende „Schatztruhe“ so instand zu setzen, daß das ganze Areal sicht- und erlebbar erhalten bleibt. Ich bin gespannt.

Breite Str.

100 freie Minuten für nur 19,95 „motl.“, und ein Handy gibt es als Zugabe? Ist ja Wahnsinn! Allerdings gibt es woanders viel mehr freie Zeit ganz umsonst, und von technischen Geräten bleibt man auch weitgehend verschont. Aber da steht ja: „Nur hier“, wenn man einfach nicht hingeht, besteht keine Gefahr.

„Also, Kevin“, hat der Chef vom Handygeschäft gesagt, „du bist jetzt im 3. Lehrjahr, wird Zeit, daß Du das Werbeplakat für diese Woche gestaltest.“ Und Kevin hat ganze Arbeit geleistet, von seinem Plakat werden sogar Fotos veröffentlicht!