Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (1)

Damit fing alles an: Als die Stadt Münster 1973 diese kinetische Aluminiumplastik (kinetisch deshalb, weil sich die drei sehr schwer wirkenden „Blätter“ sanft im Wind bewegen – so sanft und zart, daß es eine wahre Freude ist, zuzuschauen) von George Rickey für 130.000 DM kaufen wollte, brandete ein Sturm der Entrüstung auf in der Bürgerschaft: Das soll Kunst sein? Lächerlich! Keine müde Mark für diesen Mist! Das Rathaus knickte ein und verzichtete auf den Kauf. Die Westdeutsche Landesbank hatte größeres Kunstverständnis, sie kaufte die Skulptur und spendete sie der Stadt. Da die ganze Angelegenheit kein gutes Licht auf die Stadt und ihre Einwohner warf, etablierte man, quasi aus erzieherischen Gründen, ein Skulpturenfestival, das seitdem alle 10 Jahre parallel zur Dokumenta in Kassel stattfindet. Für dieses Jahr wurden 34 Künstler vom Kurator Kasper König (der auch schon die ersten „Skulptur.Projekte“ organisiert hatte) eingeladen, an selbst gewählten Orten in der Stadt Skulpturen zu errichten. Wenn das Festival nach 100 Tagen vorbei ist, werden einige der Werke von der Stadt oder von Sponsoren angekauft, so daß im Laufe der Jahre immer mehr Skulpturen das Stadtbild bereichern – bis jetzt sind es bereits 64.

Der Begriff Skulptur wird inzwischen recht weit ausgelegt, wir waren allein in drei Videovorführungen, und auch dieser Steg, den die Künstlerin Ayse Erkmen ca. 30 cm unter der Wasseroberfläche quer durch ein Hafenbecken gelegt hat, ist ein Kunstwerk im Rahmen des Festivals.

Selbstverständlich sind wir auch darübergelaufen: Schön, steht man mal mitten im Hafenbecken. Sowas würde jedem Freizeipark gut zu Gesichte stehen … das zu sagen, ist natürlich gemein, schließlich geht es hier um Kunst. Was steht eigentlich im Katalog? „Flußläufe fungierten auf politischen Karten oft als Möglichkeit der Grenzziehung, Wasserwege und menschengemachte Kanäle dagegen als Ausgangspunkte und Katalysatoren für urbane Entwicklung. Wasserläufe zeichnen sich dementsprechend durch eine zivilisatorische Ambivalenz zwischen Möglichkeit und Beschränkung aus, die Erkmen in ihrem Beitrag für die Skulptur Projekte 2017 nicht nur spiegelt, sondern im Wortsinn überbrückt.“ Aha. Ja, gut, verstehe.

(Fortsetzung folgt)

15 Antworten zu “Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (1)

  1. Dein Eintrag macht nachdenklich.
    Die Frage, die sich stellt, ist: Darf Kunst uns „verarschen“? Und das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Darf sie das? Wenn es doch Spaß macht? Wenn es inspiriert? Wer weiß das schon zu sagen.
    Ich glaube, dazu schreibe ich nachher mal einen eigenen Blogeintrag.

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    • Ja, darf sie, wie Du ja schon selbst festgestellt hast. Meistens will sie es aber gar nicht, glaube ich, auch wenn bei zeitgenössischen Werken der Betrachter sich schnell verarscht fühlt. Ganz viele dachten z.B., daß Joseph Beuys die Leute an der Nase herumfüht und sich heimlich ins Fäustchen lacht, was für Idioten das sind, dafür Geld zu bezahlen. Tatsächlich war es ihm total ernst mit seiner Kunst. Und Ayse Erkmen meint es auch ernst, sie ist über jeden Zweifel erhaben. Aber warte ab, was da noch kommt, ein paar Aufreger habe ich noch in petto.;-)

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      • Das beste an der Kunst ist doch eh immer, was schlaue Leute dazu schreiben. „Eine zivilisatorische Ambivalenz zwischen Möglichkeit und Beschränkung“, so was ist doch wirklich herrlich komisch oder? Paßt übrigens auch auf Bücher in Telefonzellen, Ampelmännchen, die auch Herzchen oder Gay-Zeichen sein können, sogar mit Säcken umhängte Verkehrszeichen gehören dazu, sowie diverse (Un-)Orte der Stadt Köln, Rheintreppen etc..

        Übrigens neulich eine Doku auf Arte über konzeptionelle Fotokunst gesehen, die ich nur empfehlen kann…auf 7+ zu finden. (aber nicht mehr lange)

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        • Die „Ambivalenz zwischen Möglichkeit und Beschränkung“ – bestimmt sie nicht unser ganzes Leben? Zwischen Morgen und Gestern, gut und böse, Sonnenschein oder Regen? Und die heikelste aller Fragen: Ist eine Brücke knapp unterhalb (!!) der Wasseroberfläche überhaupt noch eine? Muß man nicht sogar sagen, daß sie etwas unterbrückt? Was ergibt sich daraus? Da wird man vor lauter Ambivalenz ganz wirr im Kopf.
          Du hast Recht, die Texte im Katalog lesen sich oft wie Satire. Ein paar Beispiele kommen noch.

          Ah, danke für den Tipp.

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  2. Pingback: Elfter Tag im Juli | LaWendeltreppe

  3. in münster wird doch ein tatort der tatortserie gedreht mit jan j. liefers und axel prahl in den hauptrollen. sind dir bei eurem besuch vielleicht dreharbeiten aufgefallen?
    sonst kenne ich münster als fahrradstadt.
    danke für die eindrücke der kunst.
    als kleine künstlerin der dichtkunst gehe ich recht in der annahme, dass kunst auch „verarschen“ darf.
    bei der satire fällt das besonders auf.

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    • Habe ich nicht gesehen, aber ich habe mal gelesen, daß viele der Drehorte aus dem Münster-Tatort tatsächlich in Köln sind – Betrug, wo man hinsieht! Selbst die ZDF-Krimiserie „Wilsberg“ wird zu Zweidritteln in Köln gedreht, nur ein Drittel in Münster. Kein Wunder also, daß man da nur selten Drehteams sieht.

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      • man hat schon oft darüber gestritten woher das können für kunst kommt.
        die einen sagen kunst kommt von können.
        andere akzeptieren nur kunst von studierten künstlern.

        geht man gar an die wurzeln der ausdrucksform kunst waren frühzeitliche künstler nicht studiert.
        die menschheitsgeschichte zeigt deutlich die entwicklung der kunstformen.

        bei einer austellungseröffnung eines autodidaktischem künstler war der raum sehr gut mit publikum gefüllt, einige zuschauer mussten stehen.
        kommen studierte künstler in die galerie zur eröffnung ihrer ausstellung, sind nur recht wenige interessierte menschen anwesend.

        wer hat recht?

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  4. Servus!

    Die Leute wollen sich halt mal einfach wie Jesus fühlen..;-)
    (Bezüglich deiner Fotos.)

    Im Grunde ist dies auch eine künstlerische Installation:
    http://tinyurl.com/ycujm2es …*
    Nichts davon ist „einfach hingestellt“, sondern mit Bedacht
    arrangiert. Da ich jedoch keine akademische Ausbildung habe,
    werde ich damit keinen Preis gewinnen bzw. das „Konvolut“
    hochpreisig verkaufen können. Hätte ich hingegen an einer
    Hochschule Kunst studiert und mich per Vernissagen-Gedöns
    in der Kunstszene bekannt gemacht, könnte ich eventuell
    kunstvoll installierte Katzenköttelchen (von der Nachbarskatze)
    an betuchte Kunstsammler teuer verhökern. Tja…;-)

    * Küchenfenster vor etwa 2 Monaten. Das Nutzhanfpflänzchen
    steht nur symbolisch dort..;-)

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    • Genau. Und Wassertreten ist außerdem gesund.

      Ganz klar Kunst, Deine Installation – das filigran Massive, diese ironische Brechung, das kalkulierte, um nicht zu sagen: ontogenetische Überfordertsein: famos! Nun brauchst Du Beziehungen, ein Galerist oder international anerkannter Kunsthistoriker wäre nicht schlecht.

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