Ausflug nach Münster (1)

Letztes Wochenende war ich in der schönen Stadt Münster – besser gesagt, in der Altstadt von Münster, denn die Stadt ist natürlich sehr viel größer als der Bereich, in dem sich Touristen normalerweise aufhalten. Abends im Regen ist auf dem Prinzipalmarkt nicht viel los …

… wenn die Geschäfte geöffnet sind, sieht das schon anders aus.

Hier, in der sogenannten „guten Stube“ Münsters, sind die angebotenen Waren etwas exklusiver und natürlich teurer, aber die Fußgängerzonen mit den üblichen Klamottenketten sind nicht weit. Glücklicherweise ist nicht alles so überlaufen wie in Köln.

Der Turm von St. Lamberti erinnert sehr an den Kölner Dom, ist aber tatsächlich eine kleine Kopie des Freiburger Münsters. Die drei Körbe, die da bereits seit 1436 hängen, sind ein Zeichen der Macht der katholischen Kirche und eine Warnung an Abtrünnige: Anfang der 30er Jahre des 16. Jahrhunderts etablierte sich in Münster zunehmend der Glaube und Einfluß der Täufer. Die Täufer (oder auch Wiedertäufer, wie die katholische Kirche herabwürdigend sagte) waren eine radikal-reformatorische religiöse Bewegung, die sich über ganz Europa verbreitete. Sie waren keine homogene Gruppe, es gab je nach Gegend die unterschiedlichsten Ausprägungen, aber bei allen gleich war die Ablehnug der katholischen Kirche und unter anderem die Überzeugung, daß erst Erwachsene und nicht kleine Babys sich durch die Taufe zum Christentum bekennen können. In Münster waren die Täufer besonders radikal: Nachdem sie die Herrschaft errungen hatten, führten sie die Gütergemeinschaft ein (eine Art Verstaatlichung von Besitz), um die Armut aufzuheben. Angesichts des starken Frauenüberschusses erlaubten sie die Polygenie – ein Mann durfte mehrere Frauen haben. Der 24-jährige Anführer Jan van Leiden sammelte in den zwei Jahren des „Täuferreichs“ 16 Ehefrauen an. 1435 wurde die Stadt von den katholischen Widersachern ausgehungert und zurückerobert. Alle Anhänger des Täuferglaubens, egal, ob Mann oder Frau, wurden hingerichtet, die drei Anführer jedoch vorher katholisch-feinfühlig öffentlich vier Stunden lang mit glühenden Zangen gefoltert, dann erdolcht und in den Körben zur Abschreckung an den Turm gehängt. Und da hängen sie immer noch, jedenfalls die Körbe.

In der Kirche ein kleiner Seitenaltar, schön anzusehen, finde ich.

Der riesige Orgelkörper scheint zu schweben.

Diese Droschke kann man mieten, um …

… den großen Dom zu umrunden oder …

… zum Schloß zu fahren, in dem sich die Universität befindet, aber …

das Fortbewegungsmittel der Stadt ist das Fahrrad. In der riesigen Fahrradstation kann man tausende auf einmal sehen.

Die Aufnahme ist von Sonntag – am nächsten Tag war kaum ein Durchkommen durch die abgestellten Räder.

Noch zwei Gastrotipps: Im brauhausähnlichen Restaurant „Großer Kiepenkerl“ kann man hervorragend gutbürgerlich essen und leckeres „Heimatbier“ trinken.

Wer es etwas alternativer mag: Das Prüttcafé gleich hinter dem Bahnhof, ein vegetarisch-veganes Restaurant, gibt es schon seit 30 Jahren: Sehr sehr lecker und auch sehr günstig. Leider hatte man unsere Bestellung vergessen – vor lauter Schreck spendierten sie uns je einen Salat und ein weiteres Getränk für die lange Wartezeit. Kann ja mal passieren.

Fortsetzung folgt.

30 Antworten zu “Ausflug nach Münster (1)

    • Danke!
      Zwanzig Jahre ist eine lange Zeit. Ich habe gelesen, daß die Münsteraner früher auch typisch westfälisch-muffelig gewesen sein sollen, aber davon merkt man nichts mehr, alle waren gelassen und ausgesprochen freundlich.

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  1. „Schlaflos in Bajuwarien“

    Während ich mich deiner Reisereportage hingab,
    lief im Hintergrund feiner 80er-Blues-Rock-Sound, aus dem Album
    „Reverse Logic“ von Jack Green. (’81) und es qualmte ein Joint.

    …… 🎶 http://tinyurl.com/z7b3tu3 🎶 …… (LP-Rip / Ungefiltert)

    Treibender Beat, coole Drum Breaks, wohlklingendes Saxophon,
    kräftiger Bass, luftiges Gitarrenspiel, originelle Hookline.
    (Audiophile Beschreibung..;-)

    Post Scriptum:
    Die Pfaffenpalastbilder habe ich wie immer zügig weggescrollt..;-D

    Gruß aus der guten Stube!

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    • Hey, gute Musik! Da fällt mir ein … der Stick liegt hier schon, ich muß ihn nur noch losschicken.

      PS: Keine Sorge, die Fotos haben keinen viralen Effekt.;-)

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  2. Münster habe ich bisher (leider!) nur ein einziges Mal besucht; nämlich 2005 zum Hochschultag. Damals sind wir Anfang der 12. Klasse hin, um ein wenig Uni-Luft zu schnuppern. Ich bin direkt in der ersten Vorlesung eingeschlafen – das hat mich dann in der Entscheidung, NICHT zu studieren, bekräftigt (und aus mir ist ja am Ende doch noch was geworden, hähä). Umso mehr ist mir die Schönheit der (Innen-)Stadt an sich aufgefallen und im Gedächtnis geblieben. Ich maße mir gerne die Behauptung an, ein derart gutes Gedächtnis zu haben, dass ich nur ein einziges Mal an einem mir bis dahin fremden Ort gewesen sein muss, um mich dort anschließend für alle Zeiten auszukennen, aber keine Stadt hat sich mir so (positiv!) eingeprägt wie Münster. Schön, dank deiner wundervollen Bilder zu sehen, dass mich dieser Eindruck nicht getäuscht hat – sieht alles noch genauso aus, wie ich es in Erinnerung habe.

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    • Studieren wird völlig überschätzt, vor allem, wenn man gar nicht weiß, was man eigentlich studieren will und sich dann das aussucht, was einen am wenigsten nervt.
      Danke für das Kompliment:-). Ja, Münster ist wirklich schön, obwohl es auch, wie die Kölner Innenstadt, im 2. WK zu 90% zerstört worden war. Da hat man mal was richtig gemacht.

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      • Ich lerne ja wirklich gerne, aber das ist meine persönliche Neugierde bzw. der Wissensdurst – und das ist so breit gefächert, dass es dazu keinen Studiengang gibt, geschweige denn einen Job, von dem man danach auch leben könnte. Wenn ich etwas interessant finde, mache ich das lieber für mich alleine, lese mich in die Thematik rein und bin dann froh, wieder etwas Neues gelernt zu haben. Für meinen Lebensunterhalt brauche ich das aber nicht (oder nur einen kleinen Teil davon, der mir oftmals wirklich gut weiterhilft, aber keine Voraussetzung ist). Ich bin eher praktisch veranlagt, da war eine Ausbildung einfach die klügere Wahl.
        Übrigens, es war eine Psychologie-Vorlesung, in der ich eingeschlafen bin.^^ Was das wohl über mich aussagt…

        Nur zu gerne, Ehre, wem Ehre gebührt 🙂 Und ja, da stimme ich dir voll und ganz zu. Ich mein, ich liebe Köln, wirklich, weißte ja, ne 😉 Aber datt is wie mit Viersen: wenn mich einer fragt, der nich vom Niederrhein kütt, warum er da mal hin sollte, wüsst ich nix zu sagen. Joot, in Köln hässe d’r Dom. Und zich andere Kirchen. Und Kultur, und den Eff-Zeh, und so. Aber wegen der wunderschönen Altstadt bzw. Fußgängerzone würd ich da jetzt keinen Touri langschicken. Dann schon eher nach Münster!

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        • Viersen kannst Du also nicht empfehlen?:-) Ist notiert. Du hast völlig recht. Den Kölnbesuchern möchte man ja sogar raten: Leute, meidet die Altstadt, jedenfalls wenn ihr lecker irgendwo essen gehen wollt.

          ich bin in der Uni auch andauernd weggesackt … das muß mit der Umgebung zusammenhängen, die macht einfach schläfrig. Aber ist ja auch okay, es gibt schlimmere Arten, seinen Tag zu verbringen.;-)

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          • Nya, ich wüsste nicht, wofür. Eine große Ausnahme bildet das Rock-Festival „Eier mit Speck“ (immer am letzten Juli-Wochenende am „Hohen Busch“, Stadion des FC Viersen, sehr familiär und nicht so überfüllt wie Rock Am Ring oder Wacken, trotzdem mit guter Musik; die Leute kommen teilweise aus ganz Europa). Das war’s aber. finde ich. Die Viersener City bietet das Nötigste zum Shoppen, in den Fußgängerzonen der Schwesternstädte Dülken und Süchteln herrscht dagegen stets akuter Einzelhändlermangel. Shoppen gehen die Leute halt lieber in Gladbach (auch wenn in der neuen Mall „Minto“ 2x täglich der Feueralarm fälschlicherweise losgeht und das ganze Teil evakuiert werden muss). Wir haben keine Museen (in Brüggen, da muss man aber erstmal hinfahren, ist ein Naturkunde- und Heimatmuseum, da war ich als Kind diverse Male drin, laaangweilig – aber an sich ist Brüggen wenigstens ist Brüggen „hübsch“), wir haben kaum Clubs (wenn, dann halten sie sich nicht lange) – es gab mal ein Kneipenfestival, ist lange her, immer so Anfang des Jahres. Im Januar gibt es noch einen Rockabend in Süchteln, „Süchteln brennt“. Mit Musik haben wir es irgendwie, aber das war’s. Aber es ist meine Heimat ❤ Die liebt man einfach.

            In der Kölner Altstadt würde mir auf Anhieb auch nichts Außergewöhnliches einfallen, wo man gut essen gehen könnte. Entweder isses 08/15 (McD*nald's, B*rger K*ng) oder nicht außergewöhnlich genug ("Schweinske" im Bahnhof – lecker, gute Karte, gutes Essen, ABER IM BAHNHOF!) oder nya…nicht gut^^

            Och, nya, schlafenderweise in einem Hörsaal ist schon nett, da geb ich dir Recht 😉

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            • Im „Früh“ ist natürlich immer sehr viel Gewusel – ich habe gelesen, die haben da fünf Küchen, um den Ansturm zu bewältigen. Ganz gutes Brauhausessen, finde ich auch. Aber wenn man als Kölner Alternativen kennt, empfiehlt man lieber was anderes. Bei Schweinske im Bahnhof war ich noch nie, allein der Name stößt mich ab.;-)

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              • Gewusel trifft den Nagel auf den Kopf^^ Wir waren mal mit meinen Schwiegereltern dort, weil sie mal „richtig niederrheinisch“ essen gehen wollten (sie kommen aus Nordhessen). Hab denen dann den Deckeltrick erklärt, sonst wären die da nicht mehr lebend rausgekommen. 5 Küchen kann gut sein, das Früh ist ja schon arg verwinkelt. Aber sehr sympathisch, und wir mussten nie lange warten.

                Schweinske ist eine Restaurantkette aus Hamburg, da haben die auch ihre meisten Häuser. Remscheid und Düsseldorf haben auch welche. Im Großen und Ganzen: Fleischgerichte, wie man sie halt kennt (Schnitzel, Geschnetzeltes usw.). Nichts Besonderes, aber etwas für Leute, die auf Nummer Sicher gehen möchten.

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                • Finde ich auch, mit Besuch aus anderen Gegenden sollte man unbedingt mal ein Brauhaus besuchen. Nett ist es auch im Brauhaus zu Malzmühle, in der Nähe des Heumarkts, das Eisbein, das ich da neulich mal gegessen habe (manchmal überkommt es mich;-), war nicht besonders gut, an dem Fleisch mußte man ziemlich herumsäbeln. Als Präsident Clinton mal in Köln war, ist er da ungeplant mit seinem Gefolge auch essen gegangen, was dazu führte, daß ausländische Gäste heute noch einen „Clinton-Teller“ verlangen: Rheinischer Sauerbraten mit Klößen.

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                  • Ach, das mit Clinton, da klingelt sogar noch was bei mir! Lang, lang ist’s her…

                    Hier in der Stadt haben wir auch eine sehr gute Brauerei, in die wir immer wieder gerne einkehren. Alles hausgemacht, da kommt nix von außen, wirklich empfehlenswert. Und für wirklich jeden Gaumen ist was dabei. Etwas Vergleichbares ist mir hier in der Gegend bislang nicht aufgefallen.

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    • Die Stadt macht es einem leicht, Verführungsfotos zu schießen.:-)

      Historisch betrachtet waren die Täufer recht weit, aber dann auch wieder zu überkandiedelt. Sie sagten öfter mal den Weltuntergang voraus, oder die Wiederkunft Jesu, und waren dann enttäuscht, wenn es nicht eintraf, und suchten den Tod.

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  3. Der Prinzipalmarkt im Regen ist ein tolles Foto. Ich sah schon den Kleinen, Dicken vom Tatort auf seinem fabrikneuen Sperrmüll heranradeln. Alles was du vom Kircheninnenraum zeigst. wird für mich überblendet von den grausligen Käfigen am Turm von St. Lamberti. Was wollen uns die Käfige heute sagen? Warum hängen sie noch dort? Weiterhin als Machtdemonstration der Papstkirche? Oder weil die Pfaffen nostalgische Gefühle hegen und sich gerne an Zeiten erinnern, als Ketzern im Namen der Kirche die Zungen herausgerissen wurden? Was für ein furchtbarer Glaube! Diese Bestialität und die Grausamkeiten im Namen Gottes. Die Täufer sind in ihrem religösen Wahn sicher nicht viel besser gewesen. Irrsinn auf beiden Seiten.

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    • Danke!
      Tatort-Kommissar Palü aus Saarbrücken hatte definiv das bessere Fahrrad.:-)
      Warum die Körbe da noch hängen, weiß ich nicht, wahrscheinlich, weil sie da gefühlt schon immer gehangen haben, und inzwischen taugen sie zu einer Gruselgschichte, die die Stadtführer den Touristen erzählen können. 1977 hat der Künstler Lothar Baumgarten jeweils ein Licht in die Körbe istalliert, die nachts leuchten, stellvertretend für „drei Seelen oder inneren Feuern, die keine Ruhe finden können“ – der Versuch, den Focus vom katholischen Triumphgebaren zu den Opfern zu verlagern.
      Die Täufer hatten zwar noch die Todesstrafe, aber wenigstens die Folter abgeschafft. Die „peinlichen Befragungen“, also Folterungen, durch christliche Gerichtsbarkeit dauerte ja hinein bis ins 19. Jahrhundert. Aber Du hast recht, wenn man sich durchliest, was die Täufer sonst noch teilweise glaubten, kann man schon von Wahn sprechen.

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  4. Eine schöne Stadt und wieder einmal sehr schöne Fotos und ein interessanter Bericht. Das Töff-Töff gefällt mir. Oldtimer statt der geplagten Pferde wären ja überhaupt eine geniale Alternative für die individuelle Stadtrundfahrt und das Gesehenwerden.

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    • Danke!
      Im Sommer auf jeden Fall – im Winter war es uns doch etwas zu kalt, mit offenem Verdeck zu fahren. Wir sind eine Stunde lang mit so einem doppelstöckigen Touristenbus durch die Gegend gefahren, das ist auch nett, man bekommt Ecken gezeigt, wohin man sonst wahrscheinlich nicht gegangen wäre, und dazu erzählt eine geschulte Stimme aus dem Lautsprecher interessante Dinge.

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  5. Die Geschichte der Stadt kann man sich bei schlechtem Wetter im Stadtmuseum – immer noch bei freiem Eintritt – ansehen. Wie viele andere Städte auch ist Münster im 2. WK stark zerstört worden, die Altstadt ist also eigentlich eine Neustadt. Die Fotos haben mir sehr gut gefallen, Jules hat mich hier her gelotst. Hat sich gelohnt.

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    • Freut mich, danke, auch für den Tipp, ins Stadtmuseum gehen wir nächstes Mal.
      Ja, habe ich gelesen, die Innenstadt zu über 90%, genau wie Köln. Münster hat es allerdings besser verstanden, die Stadt bürgergerecht wieder aufzubauen, in Köln hat man in erster Linie an die Autos gedacht.

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