Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (5)

Noch ein Kunstwerk: „Privileged Points“ (Beliebte Stellen) ist der Titel des von der Künstlerin Nairy Baghramian geschaffenen Werks vor dem Erbdrostehof, dessen zweiter Teil auf dem Hinterhof des Gebäudes …

… so aussieht. Tja, was kann das sein? Unsere Fremdenführerin hatte folgenden Vorschlag: Auf dem ersten Foto ist ein überdimensionaler runder und in Bronze eingefrorener Pinselstrich zu sehen, eine malerische Geste, übersetzt ins Dreidimensionale.

Und warum ist die Skulptur dreigeteilt? Das hat mit dem Ort zu tun: Der Erbdrostehof ist ein barockes Palais aus demJahre 1757, die Münsteraner sind total stolz darauf, ein solches Gebäude zu haben (ein Drost war seit dem späten Mittelalter ein mächtiger Beamter, der für einen bestimmten Bezirk den Landesherren vertrat; er war militärischer Oberbefehlshaber, Polizeichef und Richter in einer Person). Wenn nun ein moderner Künstler vor dem Gebäude eine zeitlang eins seiner Kunstwerke ausstellt: Okay, aber dann muß es auch wieder weg. Daß die Künstler der „Skulptur.Projekte“ dazu aufgefordert werden, einen Münsterbezug in ihrem Werk auszudrücken, es aber gleichzeitig ausgeschlossen ist, daß ein Werk, das in der Nähe des Erbdrostehofs steht, von der Stadt gekauft wird, führte bei Künstlern in der Vergangenheit nicht nur zu Umut, sondern auch zu einer Wertminderung des jeweiligen Kunstwerkes, so geschehen mit der Skulptur von Richard Serra 1987 – hier ist es zu sehen. Richard Serras riesige Stahlplatten sind in vielen Städten zu sehen. In denen von 1987 hatte er nach eigener Aussage die Maße der Architektur des Palais aufgegriffen – woanders aufgestellt verlieren sie – zumindest teilweise – ihren Sinn. Wie gesagt, in Münster wollte man den Platz vor dem Gebäude nicht dauerhaft „verschandeln“, also wurden sie nach der Ausstellung auch nicht gekauft, und Richard Serra zog ein langes Gesicht. Und aus genau diesem Grund ist das Werk von Baghramian dreigeteilt – die drei Teile sind nur deswegen noch nicht zusammengefügt, damit sich die Skulptur auch für andere Plätze eignet. Und aus den sechs Stücken, die im Hinterhof lagern, könnte man nochmal zwei solcher Werke zusammensetzen.

Das führt zu einer paradoxen Situation: Die Unfertigkeit ist Teil dieser Skulptur. Aber was, wenn die Teile nach der Ausstellung tatsächlich zusammengeschweißt werden? Dann ginge dieser ganz spezielle Münsterbezug zum Umgang mit diesem Platz verloren. Sollte Münster die Skulptur also kaufen (ich glaube ja nicht daran), müßte sie immer in diesem unfertigen Zustand bleiben, wird sie woanders hin verkauft, geht ein großer Teil der Werkbedeutung verloren.

Und wo ist hier das Kunstwerk? Es hängt in der Luft. Rechts ist die ruinöse Fassade des alten, im 2. WK zerstörten Theaters zu sehen, links das neue Theater aus den 50er Jahren. Man fand das damals schick, das so stehen zu lassen. Künstler aus der Gruppe CAMP spannten nun Kabel zwischen Ruine und Neubau und nennen es „Matrix“. Zitat aus dem Katalog: „Das von CAMP gespannte Netz steht sinnbildlich für eine globale Vernetzung und das bis heute nicht eingelöste Versprechen einer flächendeckenden, horizontalen, basisdemokratischen Partizipation […] CAMP metaphorisiert Systeme der Teilhabe: Vom Zugang zu Strom – der sich heute nahezu überall in privater Hand befindet – bis hin zur digitalen Kommunikation und den Möglichkeiten der Manipulation, die darin liegen […] Woran sind die Ideale von basisdemokratischer, horizontaler Gleichberechtigung und Teilnahme gescheitert, und welche Wege und vertikale Abkürzungen gibt es, sich trotz allem Zugang zum System zu verschaffen?“ (Katalog, S. 159)

Die Künstler geben drei Beispiele der Partizipation und Interaktivität, die die Unterdrückungsmechanismen einer kapitalistisch unkontroll : Es hängen drei Kabel mit Druckknöpfen herunter. Drückt man auf den ersten, ertönt ein Glockenklang wie von einer Kirchenglocke; der zweite verursacht einen Wechsel von historischen Fotos in einem Monitor, drückt man den dritten, passiert in dem Fenster eines gegenüberliegenden Hauses eine der folgenden Aktionen:

Kunst

Lustig. Ob das wirklich alle sind, weiß ich nicht. Unsere Fremdenführerin versicherte, daß man niemanden dauernd aufscheucht, wenn man auf den Knopf drückt, sondern nur einen Projektor anwirft.

Als letztes noch diese Skulptur – die aber gar nicht Teil der Ausstellung ist. Im Moment ist ja das Luther-Jahr, und offensichtlich durfte irgendeine Jugendgruppe sich austoben – die Evangelen sind ja ach-so-tolerant. Ein Jugendlicher muß aber was falsch behalten haben aus dem Konfirmandenunterricht: Luther soll gesagt haben: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, und nicht …

… „Ich hatte einen Ständer“. Gut, kleine Verwechslung, kann ja mal passieren.

Ende.

21 Antworten zu “Münster – „Skulptur.Projekte“ 2017 (5)

  1. Richard Serras Arbeit war wirklich gut.
    Ich finde es übrigens völlig in Ordnung, wenn ein Kunstwerk nur für einen Ort und nur für begrenzte Zeit geschaffen wird. Vergänglichkeit hat ihren eigenen ästhetischen Wert. Mich stören dann oft schon die Dokumentationen, die es wenigstens im Bild festhalten möchten.
    Was nun diese zerstückelten Röhren angeht, …
    Manchmal ist Vergänglichkeit auch ein großer Trost.

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    • 🙂 Das habe ich auch schon manchmal gedacht. Mit Richard Serra hatte ich allerdings zu Anfang auch meine Schwierigkeiten, inzwischen bin ich etwas empfänglicher für seine Kunst. Wenn es mir mit ihm so gegangen ist, vielleicht ist es generell so? Vielleicht müssen – besonders zeitgenössische – Kunstwerke erst in einem reifen, bevor man sie zu schätzen weiß? Oder man gewöhnt sich einfach an sie, wie Blogfreund Manfred Voita neulich in einem Kommentar schrieb – sie werden Teil der Umgebung und man nimmt sie kaum noch bewußt wahr.

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      • Serra ist/war gewöhnungsbedürftig, und natürlich gibt es zeitgenössische Kunst, bei der man sich abverlangen sollte, sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen. Bei einigen Objekten, gelange ich bei dieser Auseinandersetzung aber in erschreckend kurzer Zeit zu dem Schluss, dass es nicht lohnt. Und Kunst, die sich mit sich selbst beschäftigt, langweilt mich fast immer. Wenn sie dann auch noch hässlich ist …
        Im Falle dieser Röhren habe ich mich z.B. gefragt, ob diese „Rückenflosse“ durch eine dick aufgetragene, zähflüssig heruntertropfende Beschichtung zustande gekommen ist. Mehr fiel mir dazu nicht ein, und mehr würde mir auch in Zukunft nicht einfallen, obwohl ich eine leise Befürchtung hege, dass diese Technik das künstlerische Markenzeichen wird (wie die großen Metallplatten bei Serra, nur dass die oft eine sehr ästhetische Wirkung haben und – besonders im Freien – auf interessante Weise mit der Umgebung korrespondieren.

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        • Serra spricht unmittelbar die Sinne an, da stimme ich Dir zu. Sogar Verwunderung, wie sie da so leichtwirkend stehen können, und Furcht, daß sie jemanden erschlagen könnten, rufen die Platten hervor. Vieles von dem, was ich in Münster gesehen habe, fehlt jede sinnliche Qualität, man schwankt zwischen gutwilliger Ratlosigkeit und Sarkasmus (damit es nicht zu langweilig wird).

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  2. …glücklicherweise stellst Du noch das dritte Kunstwerk vor, das mit seinem Humor einen tröstlichen Ausgleich zu beiden obigen ernsten Angelegenheiten gibt, deren Interpretationenund Erklärungen gewichtiger sind, als die Strippen und Röhren selbst…

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    • Stimmt, ohne Erklärungen und Katalog steht man ratlos davor – selbst mit bestem Willen errät man nicht, was das sein soll. Besonders blöd finde ich das Kabelnetz – das ist billig, unsinnlich, nicht besonders inspiriert und geradezu lächerlich in Bezug zu den Aussagen aus dem Katalog.

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      • …Kunst, die man erst erklären muss, kann höchstens als Provokation fungieren…wenn erst eine Erläuterung geschrieben werden muss, um irgend einen Klotz (oder etwas anderes) zu erklären, dann funktioniert dieser Klotz eben nicht und ist somit überflüssig, Thema verfehlt…

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  3. Zum Schluss musste ich doch sehr lachen. Die sprachlichen Überhöhungen aus dem Katalog finde ich dagegen eher zum Weinen. Dir gebührt das Lob, es dir angeschaut zu haben, die Skulpturen fotografiert zu haben und sie hier fast didaktisch vorzustellen.

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    • Ich danke Dir. Insgesamt war ich etwas enttäuscht von den Kunstwerken, ich hatte mehr Spektakuläres erwartet. Aber macht nichts, mit der richtigen Begleitung hat es trotzdem Spaß gemacht, auf Kunstforschungsreise zu gehen. Wenn Kassel nicht so schlecht zu erreichen wäre aus Köln, würden wir auch noch zur Dokumenta fahren.

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  4. Salve!

    Kunst ist, aus Kunst neue Kunst zu schaffen.
    Siehe hier: 🙂

    Manchmal konnte Luther sicher auch nicht anders.
    (Auch Luther war doch nur ein Mann!..;-)

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  5. Bonsoir!

    Ich kann irgendwie nicht nachvollziehen, wie du den
    Songtext interpretierst. (Was es mit der „Drogenwarnung“
    auf sich hat.) Wustest du, dass auch hierzulande „Magic Mushrooms“
    wachsen bzw. vorzufinden sind. (Es geht um das Alkaloid „Psilocybin“.)
    Spitzkegeliger Kahlkopf … http://tinyurl.com/cupjnr7
    Der Besitz, Erwerb und das Sammeln ist in Deutschland verboten.
    (BtMG) Was für ein unsäglicher Schwachsinn! Es ist verboten,
    in der Natur einen bestimmten Pilz zu sammeln, nur weil er
    psychoaktiv wirkt. Giftige Knollenblätterpilze darf man hingegen
    legal sammeln und konsumieren. Toll!
    Wir haben die Pilze seinerzeit getrocknet erworben und konsumiert.
    Heute käme mir das nicht mehr in Frage. Genausowenig wie LSD.
    Ich wollte damals einfach wissen, wie es wirkt und was es bewirkt.

    Denk immer daran, Monsieur: Alkohol (Bier) IST ein RAUSCHGIFT!
    Wink mit dem Zaunpfahl..;-)

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    • Ach, es ist eigentlich nicht der Rede wert, ich habe die lyrics gelesen und als Warnung verstanden, aber wahrscheinlich hast Du recht, es ist keine.

      „And you’ve just had some kind of mushroom
      And your mind is moving low
      Go ask Alice
      I think she’ll know“

      – das habe ich interpretiert als: Wenn du aufgrund von Drogen nicht mehr richtig denken kannst, frag Alice, die in einer verrückten Welt war, die weiß, wovon die Rede ist. Und da ich „your mind is moving low“ als schlecht empfinde, habe ich das (vermutlich fälschlicher Weise) im ersten Moment als Warnung interpretiert.

      Dein Zaunpfahl ist angekommen: Besonders aufgrund meiner Magenprobleme versuche ich gerade, mir das Bier abzugewöhnen. Gar nicht so einfach! „Bier ist eine harte Droge“, habe ich mal bei einem Ex-Alki gelesen.

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      • Servus!

        Du brauchst es dir nicht abzugewöhnen, sondern einfach nur in
        Maßen konsumieren. „Dosis sola venenum facit“
        Alkohol ist eine „harte Droge“. Bier ist ein alkoholisches Getränk.
        Genießen und nicht saufen. (Aber erzähl das mal den Millionen
        deutschen Konsumenten, die sich täglich Bier, Wein, Schnaps
        reinschütten und dabei niemals Rauschgiftsucht zugeben würden,
        zwischen „Drogen“ und Alkohol unterscheiden.

        Slow down, Kollege..;-)

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