Hohenzollernring

Mittwoch Abend – und hunderte Leute stehen Schlange. Was ist hier los, Blutspende? Einschreibetermin für die Volkshochschule? Ein Vortrag über richtiges Handeln von einem universitären Philosophen? Nichts davon: Das sind alles Leute, die freiwillig in eine Anstalt für geistig Minderbemittelte gehen wollen, und der Beweis, daß sie da auch hineingehören, besteht darin, daß sie da hinein wollen: In die „Klapsmühle“. Vielleicht findet heute eine Single-Party statt, bei der man sich eine Nummer anheften kann, die dann vom DJ im Namen von jemandem, dem mein Hintern gefällt, ausgerufen wird. Ich kann dann einen Zettel, auf dem vorgefertigte Sätze angekreuzt werden können, abholen und zum Ausfüller Kontakt herstellen, wenn er/sie zum Beispiel angekreuzt hat: „Ich bewundere deinen Intellekt“ oder „Ich liebe Tolstoi – du auch?“. Und wenn da nur „Poppen?“ angekreuzt ist, kann ich mich entsetzt abwenden. Oder umgekehrt, je nachdem, wieviele von den 50-Cent-Getränken (alle Getränke, die offen sind) ich schon zu mir genommen habe. Das ist ein viel billigeres Besäufnis als dafür extra nach Ballermann-Mallorca zu reisen, und dieselbe Musik hat man hier auch – auf zwei Etagen!

Jetzt mal ernsthaft: Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, wie wichtig es ist, rechtzeitig eine Patientenverfügung auszufüllen. Wenn man das nicht tut, gibt es niemanden, der einen davon abhalten kann, hier hineinzugehen, trotz offensichtlicher Demenz. Was? Dann sind die doch ganz richtig da? Ach ja – stimmt.

Mittelstr.

Fahrradfahrer, das ist ja allgemein bekann, haben eine höhere Lebenserwartung, wenn sie während der Fahrt einen Helm tragen. Wer leben will, muß zu Opfern bereit sein, deshalb hat man lange Zeit nur extra häßliche Helme hergestellt. Die Verkäufer in den Fahrradläden haben nie eine lustigere Zeit, wenn mal wieder ein Käufer mit einem Helm den Laden verläßt, den selbst ein Karnevalist bei größter Trunkenheit verschmähen würde. Das ist nun endlich vorbei: Sicherheit muß nicht abschreckend sein! Für Fußgänger ist das Design auch als Ganzkörpervariante erhältlich.

Jabachstr., Nachtrag

Als ich vor Ostern die Kirche und Kunststation St. Peter besuchte, waren alle Werke zugehängt; hier nun das Bild von Peter Paul Rubens, die Kreuzigung von Petrus.

Rubens wurde 1577 in Siegen geboren, lebte dann mit seiner Familie die ersten 11 Jahre seines Lebens in Köln und wurde in dieser Kirche getauft. Das Bild wurde im Auftrag der Kölner Kaufmannsfamilie Jabach 1638 für diese Kirche fertiggestellt.

Zum 25. Todestag des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Andy Warhol hat sich die Kunststation drei seiner Werke für vier Wochen aus dem Kölner Diözesan-Museum ausgeliehen.

Sieht ganz hübsch aus, finde ich. Neulich sagte jemand in einer Dokumentation über Warhol, er sei der bedeutendste Künstler des 20. Jahrhunderts. Aha. So ein Satz ist natürlich schnell mal dahergelabert. Das kann ich auch: Andy Warhol ist der bedeutendste unbedeutende Künstler des 20. Jahrhunderts: Tief verwurzelt in der Oberflächlichkeit der amerikanischen Konsumkultur, ist die totale Beliebigkeit seiner Werke, die zur Dekoration von fast allem eingesetzt werden können, sehr speziell und von bedeutender Belanglosigkeit.

Kuchenintermezzo

Neulich hatte ich Besuch von Blogfreundin Photoauge, die nicht nur ihre Fotoausrüstung mitbrachte, sondern auch einen selbstgebackenen Kuchen: Ein Apfelkuchen nach Großmutters Art. Hervorragend! Luxuriös begleitet von Vanilleeis und Sahne, ist so ein Stück fast eine volle Mahlzeit. Sieht gar nicht so schwer aus, den zu machen, ist aber wohl doch ein wenig aufwendig. Hier ist das Rezept.

Aber ich kann auch selbst backen … gut, wird man jetzt sagen, Marmorkuchen kann wirklich jeder, der lesen kann: Zutaten verrühren, in den Backofen, fertig. Jaha! – aber dieser Marmorkuchen ist ein besonderer: Er ist gesund! Das Grundrezept ist von Blogfreundin Lawendeltreppe, ich habe es leicht abgewandelt:

125 g weiche Butter
100 g Zucker
3 Eier
170 g Dinkelvollkornmehl
80 g Mondamin Stärkemehl
100 – 130 ml Milch
je ein Päckchen Vanillezucker und Backpulver
35 g gehackte Mandeln
45 g gehackte Cashewnüsse
1 Prise Salz
7 Teelöffel Trinkschokolade oder ca. 3 Teelöffel Kakaopulver

Butter und Zucker verrühren, Eier einzeln einrühren, Mehl dazusieben, Vanille, Backpulver und Salz nicht vergessen. Statt Mandeln und Cashewnüsse kann man natürlich auch zerkleinerte Hasel- oder Walnüsse dazugeben, ganz nach Geschmack. Milch dazu, erst nur 100 ml, dann evt. noch ein wenig, bis der Teig schön cremig ist. Zwei Drittel in eine gut eingefettete Form geben (Gugelhupf oder Kasten, geht beides). Den Rest mit Kakaopulver vermischen – ich habe diesmal Trinkschokolade genommen, aber (wie Lawendeltreppe richtig sagt): Mit Kakaopulver wird es wohl etwas kräftiger im Geschmack. Nächstes Mal. Das dunkle Drittel zum anderen Teig geben und ein paar mal mit einer Gabel durchgehen, damit der Marmorkuchen seinen Namen verdient. 45-50 Minuten bei 180 Grad im Backofen backen (Nadelprobe! – geht auch mit Messer) – voilà, ein lockerer, leckerer Kuchen, dem man trotz Vollkorn und wenig Zucker sein Gesundsein nicht anmerkt. Und schnell gemacht ist er auch.

Neumarkt

In vielen Städten Deutschlands, so auch in Köln, wurden in der vergangenen Woche Ausgaben des Korans kostenlos an Interessierte abgegeben. Obwohl weder auf den Plakaten noch in den jeweiligen Exemplaren steht, von welcher Gruppierung die Bücher verschenkt werden, weiß man inzwischen, daß es sich dabei um Salafisten handelt, eine, wie es in den Nachrichten heißt, konservativ-fundamentalistische oder sogar militante Strömung des Islams mit Kontakt zu terroristischen Islamisten. Große Aufregung. Dürfen die das? „Guten Tag, ich bin Terrorist von Beruf, darf ich Ihnen einen Koran schenken?“ Das ist doch Quatsch, die Redaktionen sollten sich etwas zurückhalten mit ihren Unterstellungen. Soweit ich mich erinnere, ist Terrorismus gesetzlich verboten.

Allerdings bin ich der Meinung, daß religiösen Schriften nicht an Minderjährige abgegeben werden sollten, das gilt aber auch für die Bibel. Solange man dieses Werk nicht unterm Ladentisch verkaufen muß, gilt das gleiche Recht für den Koran oder die Mao-Bibel.

Ostern, 2

In jungen Jahren bekam ich gegen zu schnelles Wachstum Tabletten verabreicht, die Halluzinationen und Albträume bei mir auslösten. Ein immer wiederkehrender Traum war, daß Dinge sich unermeßlich ausdehnen und mich schließlich zu ersticken drohen, und wenn ich in niedrigen Räumen stehe, befällt mich eine Gefühlserinnerung. Hier ist der Raum gar nicht zu niedrig, aber die Erinnerung stellt sich trotzdem ein. Die Assoziation meiner Begleiterin war eine ganz andere: Das Ei als Schokoladenei …

Glücklicherweise gibt es noch andere Anzeichen als riesige Fruchbarkeitssymbole dafür, daß der Frühling angefangen hat – die Temperaturen sind es leider nicht, nach denen ist es immer noch Winter.

Aber was muß, das muß – wenn man direkt in der Sonne sitzt, kann man es wohl mal für die Dauer eines Kaffees auf der Caféterrasse aushalten, wie hier im „Klaaf“ an der Eigelsteintorburg (der Platz ist schön, aber, liebe Leute: Ich hab schon besseren Kuchen gegessen als den einzig hier zur Verfügung stehenden Käsekuchen).

Ostern

Gestern wurden im TV-Morgenmagazin Jugendliche nach der Bedeutung des Osterfestes befragt. Wirklich schlimm, wie ungebildet die Jugend von heute ist: Da sagte doch einer, das sei eine Erfindung aus Amerika! Man faßt sich an den Kopf! Ich hoffe, man hat ihn darüber aufgeklärt, daß er das mit Weihnachten verwechselt. Ostern, das bedeutet: Vier Tage frei, lange ausschlafen, mal die Seele baumeln lassen, sonst nichts. Eine sympathische Fachfrau namens Käßmann sprach im Interview von „innerer Einkehr“, und auch das kann ich nur unterstützen: Muß man immer außen einkehren? Kann man nicht auch mal zu Hause was kochen? Nudeln mit selbst gemachter Tomatenrahmsoße zum Beispiel, das ist nicht schwer, man kann schön viel Koblauch dran tun, da man ja nicht Gefahr läuft, seinen Kollegen mit dem Gestank auf die Nerven zu gehen. Ansonsten empfehle ich: Lange schlafen, lange frühstücken und nach dem Essen ein Nickerchen auf dem Sofa. Und abends gibt es Glühwein, wenn das Wetter so bleibt.

Allen ein frohes, ruhiges Fest!

Hohenzollernring

Lifestyle von anderer Art, als man sich auf dem Lifestyle-Markt vorstellen kann und will: Nun schon seit ein paar Wochen haben sich hier unter dem schützenden Dach des geschlossenen Filmpalasts mitten in der Stadt ein paar Obdachlose häuslich eingerichtet: Schlafsäcke auf Matratzen, Nachtschränke mit Büchern, die Jacken ordentlich aufgehängt, und sogar ein paar Bilder hängen an der einen Wand. Wenn ich es nicht besser wüßte, könnte ich glauben, das wäre eine Kunstaktion, ein „Lie-In“ oder sowas, denn es gäbe keinen besseren Ort dafür, hier kommen täglich ein paar tausend Menschen vorbei. Mich wundert, daß die sichtbare Armut hier so lange geduldet wird, in Bahnhofsnähe werden Obdachlose gern mal mit dem Wasserschlauch weggespritzt. Und wenn die sich dann verziehen, hat man das Problem gelöst, so einfach ist das.

Agrippinawerft

Der Begriff „Flohmarkt“ ist von vorgestern, „Antikmarkt“ aber sowas von out – heutzutage heißt das „Lifstyle-Markt“, jedenfalls wenn er im schnieken Rheinauhafen stattfindet.

Ich weiß gar nicht, ob man Trödel zu den Sachen sagen darf, die hier angeboten werden, es sieht alles so neu und gepflegt aus, daß man es ohne Weiteres sofort in seine Designwohnung stellen kann – wie Sachen aus dem Kaufhaus, die man eigentlich auch nicht braucht. Toll.

Diese Figur kann man auch kaufen, keine Ahnung, ob Kette, Hemd und Slip dazugehören. Auf einem Zettel steht: „Ich kann auch eine Lampe sein!“ Hm, wo schraubt man da die Birne rein? Stopp! – ich hab’s mir anders überlegt, ich will’s gar nicht wissen.