Hohenzollernring

Lifestyle von anderer Art, als man sich auf dem Lifestyle-Markt vorstellen kann und will: Nun schon seit ein paar Wochen haben sich hier unter dem schützenden Dach des geschlossenen Filmpalasts mitten in der Stadt ein paar Obdachlose häuslich eingerichtet: Schlafsäcke auf Matratzen, Nachtschränke mit Büchern, die Jacken ordentlich aufgehängt, und sogar ein paar Bilder hängen an der einen Wand. Wenn ich es nicht besser wüßte, könnte ich glauben, das wäre eine Kunstaktion, ein „Lie-In“ oder sowas, denn es gäbe keinen besseren Ort dafür, hier kommen täglich ein paar tausend Menschen vorbei. Mich wundert, daß die sichtbare Armut hier so lange geduldet wird, in Bahnhofsnähe werden Obdachlose gern mal mit dem Wasserschlauch weggespritzt. Und wenn die sich dann verziehen, hat man das Problem gelöst, so einfach ist das.

0 Antworten zu “Hohenzollernring

  1. Besonders auf dem ersten Foto wirkt die Szenerie fast idyllisch. Es ist bewundernswert, dass Obdachlose so bar aller schützenden Wände die Energie aufbringen, ein wenig Ordnung in ihr Leben zu bringen, immer in Gefahr, dass rücksichtslose Zeitgenossen alles mutwillig zerstören. Dass das Ordnungsamt so rabiat gegen Obdachlose vorgeht wie es in der Nähe des Hauptbahnhofs geschieht, zeigt die ganze Rat- und Herzlosigkeit unserer Gesellschaft. Natürlich wäre es falsch, die Berber einfach von der Straße zu holen, denn viele schätzen auch die Freiheit. Zudem, welche Perspektive können wir den Gestrandeten geben?

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  2. Habe ich auch gedacht, als ich abends daran vorbei kam: Das sieh ja gemütlich aus. Aber das darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, daß Obdachlosigkeit meistens kein Vergnügen ist, wenn ich mir vorstelle, in diesen kalten Nächten draußen schlafen zu müssen …
    Ein Obdachloser hat mir mal erzählt, wie klein der Schritt sein kann vom Leben in bürgerlichen Verhältnissen zum Leben auf der Straße: Arbeitsplatzverlust, steigende Verschuldung, Verlust der Beziehung, allgemeine Mutlosigkeit, Demütigungen durch die Ämter, Wohnungsverlust sind typische Stufen in einem relativ kurzen Zeitraum. Auf meine Frage, ob er nicht wieder lieber eine eigene Wohnung hätte, lachte er bloß: Wozu? Die Banken hätten ihn sofort an der Kandarre, die Schulden würden ihn bis zum Ende seines Lebens beschäftigen. Dann lieber ein „freies“ Leben auf der Platte, mit allen bekannten Nachteilen: Kälte, mangelnde medizinische Versorgung, schlechtes Essen, Alkoholabhängigkeit, auf Almosen angewiesen sein und immer in der Gefahr leben, daß irgendwelche Idioten ihren Frust an einem auslassen.

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  3. ..das finde ich eine gute Idee, sich dort zu installieren, wo es den Anschein erwecken kann, es handelt sich um eine öffentliche Aktion…mutig allemal…ich stelle mir vor, unter dem Bett steht der Nachttopf…

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  4. ja, das beste ist immer, wenn zugereiste irgendwo sagen „toll, so wenig armut hier“, dabei ist in der regel genau das gegenteil derfall: an solch geschleckten orten werden menschen ohne wohnung noch schlechter behandelt als anderswo —

    umso bemerkenswerter, dass das dort an eurem filmpalast schon so lange geht — man fragt sich gleich, wie man so etwas als soziales konzept fortführen könnte, aber sobald es institutionalisiert wird, ist es ja auch vorbei mit der freiheit —

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