Deutzer Werft

Wenn man in einer Großstat wohnt, beschleicht einen irgendwann zwangsläufig das Gefühl, daß wir von Außerirdischen beherrscht werden: Wesen, die keine Ahnung von menschlichen Belangen und Notwendigkeiten oder Wünschen haben, sitzen im Stadtrat, beschließen abstruse Sachen und beauftragen Wesen ihresgleichen, sie durchzuführen. Dieser Käfig soll ein Spielplatz sein! Durchaus kein Einzelfall, ich habe eine ganze Reihe ähnlicher gesehen.

Ein bißchen Sand, vermutlich, damit man die Hundekacke nicht gleich sieht. Vor einer kleinen Betonwand steht ein merkwürdiges Gebilde, das auch als moderne Kunst durchgehen könnte, soll aber wohl ein Klettergerüst darstellen. Wer sich sowas ausdenkt, kann doch selbst niemals Kind gewesen sein. Ich stelle mir das so vor: Auf dem Planeten Adult 50 werden seit Tausenden von Jahren immer die selben Stammzellen geklont und bebrütet. Heraus kommt ein fertiger „Erwachsener“, dem man die nötigsten Informationen ins Gehirn impft, bevor man mit ihm eine der Schaltstellen der Behörden besetzt, die unsere Gesellschaften organisieren. Total absurd, denken jetzt vielleicht einige, aber schaut und hört mal genau hin, wenn die Tagesschau läuft – so unwahrscheinlich ist das gar nicht.

An der Südbrücke

Fern-sehen mal anders – wollte hier offensichtlich jemand, aber deswegen auf seine Couchgarnitur nicht verzichten. Aber wie kommt man da nur hin?

Hier gibt es zwar nur ein Programm, aber das ist recht abwechslungsreich: Schiffe gleiten vorbei … und Schiffe gleiten vorbei … und Schiffe gleiten … – das hebt die Kontemplation, und wenn dann noch jemand Kaffee und Kuchen bringt …
So eine Flußkreuzfahrt von Köln nach Basel und zurück in 10 Tagen kostete pro Person übrigens zwischen 1339 Euro auf den billigen Plätzen (neben den Motorräumen?) und 2539 Euro auf den etwas angenehmeren. Mensch, ist ja unglaublich, wieviel Geld wir da wieder gespart haben!

Cäcilienstr.

Wer von all den vielen Menschen auf den Märkten genug hat, dem kann ich einen Geheimtipp geben (ich glaube, noch ist es einer): Durch den Neubau des Rautenstrauch-Joest-Museums (für Völkerkunde) ganz in der Nähe des Neumarkts ist ein kleiner Innenhof entstanden, in dem das Museum ein kleines Café betreibt. Kaffee und Kuchen sind keine Highlights, aber ganz okay, und man ist mal raus aus dem Gewühl.
In direkter Nachbarschaft befindet sich die romanische Kirche St. Cäcilien, die das Schnütgen-Museum beherbergt, an dem zugemauerten Tor kann man einen echten Naegeli bewundern.

Der Schweizer Harald Naegeli wurde Ende der 70er als „Sprayer von Zürich“ bekannt. Seine Graffiti-Zeichnungen waren ein poetischer Protest gegen die Zubetonierung und Verschandelung der Umwelt. Anfang der 80er wurde er erwischt und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt – völlig unverhältnismäßig, aber der Richter wollte zur Abschreckung ein „Exempel statuieren“. Tja, die saubere Schweiz – die Unterstützung von milliardenschwerer Steuerhinterziehung weltweit ist okay, Strichmännchen sprayen dagegen ein schweres Verbrechen. Naegeli floh nach Köln, wurde aber später an der dänischen Grenze verhaftet und ausgeliefert. Trotz internationaler Proteste von Künstlern und Politikern mußte er seine Strafe absitzen.
In Köln sprayte er in einer Nacht einen Totentanz-Zyklus, ein Sujet mit einer Tradition seit dem Mittelalter, die Stadtreinigung entfernte die meisten der Werke jedoch bereits am nächsten Tag. Dieses an der Kirche wurde übersehen. Nachdem Naegeli es (unfreiwillig) zu internationaler Anerkennung gebracht hatte, besann man sich im Stadtrat und versiegelte die Zeichnung zum Zweck der Konservierung. Seitdem taucht sie in jedem Stadtführer auf. Sogar in Zürich hat man inzwischen einige seiner Werke restauriert.

Am Wochenende

Sommerzeit in der Großstadt ist Märktezeit, jedenfalls an den Wochenenden. Die vielen Viertel der Stadt (von denen gibt es übrigens, oh Wunder, viel mehr als vier) wechseln sich mit ihren Straßenfesten ab, die aber meist recht unerquicklich sind: Freß- und Saufbuden im Wechsel mit Kinderbespaßung und Verkaufsständen der ansäßigen Geschäfte, die die Gelegenheit nutzen, ihren Plunder auch mal am Sonntag feilbieten zu können. An sich könnte das trotzdem eine ganz nette Atmosphäre geben, wenn nicht unter Garantie irgendwo eine oder mehrere Musikanlagen lautstark Kölschmusik plärren würde. Das macht es wirklich unerträglich.

Im Schatten der Apostelnkirche dagegen ein beschaulicher Keramikmarkt.

Alles natürlich ziemlich teuer, echte Handarbeit hat ihren Preis.

Ein Aussteller hatte ein Schild an seinem Stand mit einem durchgestrichenen Fotoapparat. Die chinesische Produktpiraterie wird aber auch wirklich immer unverschämter.

Auch sehr teuer sind die Waren auf dem nahen Neumarkt, auf dem, seinem Namen zum Trotz, ein „Antikmarkt“ veranstaltet wird. Viel Porzellan und Besteck ist im Angebot, das nicht mit Schönheit, sondern mit Alter protzt – „antik“ ist vielleicht etwas übertrieben, aber wir wissen, was gemeint ist.

Tee wie im englischen Königshaus gefällig? Bitte schön, my dear – mit 260,00 Euro ist man dabei.

Ein gut sortierter Bücherstand, allerdings auch hier verhältnismäßig hohe Preise: Für ein gebrauchtes Buch den halben Originalpreis zu verlangen, das finde ich ziemlich happig. Allerdings, das gebe ich gern zu, muß man den Standpreis auch irgendwie wieder hereinholen: Ein fertiger, überdachter 4-m²-Stand kostet für zwei Tage 140,00 Euro, und mit dem Platz kommen viele nicht aus.

Ob nur zur Belustigung oder zum Verkauf: Ich weiß es nicht, aber der alte Mercedes stand da so herum. Als Kind habe ich dieses Auto bewundert, das reinste Schiff. Mein Vater konnte sich leider nur einen popeligen Käfer leisten. Hey – auf der Rückbank sitzt sogar einer …

„Antikmarkt“ – gut und schön. Aber die Beifahrermumien könnte man doch sicher würdevoller unterbringen!

MPS am Fühlinger See

Neulich habe ich eine Freundin zum Mittelalterfestival begleitet – und war froh, daß ich einen Schirm dabei hatte.

Da kommt man sich näher als geplant.

Aber glücklicherweise hat es nicht die ganze Zeit geregnet. Das „Mittelalterliche Phantasie Spectaculum“ ist das größte reisende Mittelalterfestival der Welt und tourt schon seit 19 Jahren jeweils von April bis Oktober durch die Republik.

Ganz wunderbar, die Atmosphäre am Fühlinger See im Norden Kölns. Auf mehreren Bühnen spielen Bands am laufenden Band. Ich kenne die alle nicht, aber Rockmusik mit Dudelsack, das hat was.

Außerdem gibt es viel zu sehen, viele Gäste sind „gewandet“, sprich: Irgendwie mittelalterlich gekleidet.

Das Festival ist gut durchkommerzialisiert, viele Verkaufsstände bieten ihre Waren feil: Der Herr möchte eine Ritterrüstung, die Dame ein Adelskleid: Bitte sehr, kein Problem.

Korsetts en gros – wer sich das nicht antun will, geht eben als Nonne oder Bäuerin.

In Leder gebundene Notizbücher, als Alchemist sollte man sowas immer dabei haben.

Bis zu 2500 Mitarbeiter sind hier pro Saison beschäftigt, ob die alle ihr Essen überm Lagerfeuer kochen? Für die Gäste gibt es jedenfalls leckere Sachen: Viel Fleisch natürlich, der Renner sind große Spieße mit Grillfleisch, aber auch Stockbrot, Schupfnudelpfanne mit Gemüse und noch viele andere Leckereien – mal was anderes als Fritten mit Currywurst.

Abends werden auf dem ganzen Gelände große Lagerfeuer entzündet – sehr schön! Insgesamt ein schöner Tag: Lauter entspannte Menschen, die Spaß haben, auf einem riesigen Gelände, so daß nur selten Gedränge entsteht. Nächstes Jahr gehe ich gern wieder mit.

Einer der schönsten Biergärten Kölns …

… ist gar nicht in Köln, sondern in Erftstadt: Vom Südbahnhof 10 Minuten mit der Regionalbahn, dann noch 5 Minuten zu Fuß, schon sitzt man im schönen Waldbiergarten, der seinen Namen völlig zu recht trägt. Gut besucht, aber nie überfüllt, bekommt man seine Getränke und Speisen ziemlich fix. Und was für Speisen:

Für dieses Rahmkraut wäre ich bereit … äh, alles mögliche zu tun. Jeden Tag zu beten, zum Beispiel (bitte bitte, lieber Gott, wann bekomme ich dieses Rahmkraut wieder?), oder für immer auf „Himmel un Äd“ zu verzichten (gut, das mag ich sowieso nicht). Ich glaube, ich seh mich einfach mal nach einem Rezept um, aber ob ich das so gut hinkriege?

Der Herbst ist in Anmarsch, aber einmal werden wir es vielleicht noch schaffen. Und im Dezember wird hier ja schon wieder geöffnet, zu Heißbier, Glühwein und einem Lagerfeuer.

Auf der Domplatte

Die Gegend um Dom und Hauptbahnhof ist im Sommer voller Touristen und Einheimischer, die Zeit haben. Das lockt Künstler an, die ein gutes Geschäft machen können, wenn sie gut sind, die Leute geben gern, wenn sie beeindruckt sind, wie von diesen gelenkigen Artisten.

Die Musik ist oft von ganz erstaunlicher Qualität. Laien sind das bestimmt nicht.

Auch dieser junge Mann: Schnell und perfekt spielt er irgendwas von Mozart. Die Dame in Rot im Hintergrund habe ich schon mal gesehen:

Eine „Living Doll“, die eine Flamenco-Tänzerin darstellt: Sobald jemand Geld in die Dose wirft, führt sie für 5 Sekunden einen furiosen Kastagnetten-Tanz auf, bevor sie wieder in dieser Haltung erstarrt. Allein so zu verharren ist eine Kunst.

Altstadt

Ein Schnaps, der so heißt, ist ein ganzjähriger Karnevalsscherz: Wie bestellt man den? „Hallo, Fräulein, einmal Ficken, bitte!“ (tätäää!) Zu blöd, daß man es sich ausdenken würde, aber trotzdem Wirklichkeit. Und tatsächlich gibt es ein Milieu, in das der Schnaps hineinpaßt:

Das Altstadtfest auf dem Heumarkt. Diese Willy-Millowitsch-Parodie läßt einen sexistischen Witz nach dem anderen vom Stapel. Die Leute amüsieren sich nicht anders wie schon vor 50 Jahren über die Schlüpfrigkeiten. Als er fertig ist, gibt es Schunkellieder im 4/4-Takt, deren Banalität und Stumpfsinn hoffentlich nicht auf den Geisteszustand der Zuhörer schließen lassen.

Immerhin: Ein Kinderkettenkarrussell „wie vor hundert Jahren“, wenigstens etwas Gestriges, das nicht so abstoßend ist – die Kinder freut’s.

Zweimal um die Ecke, und man findet auch in der von Touristen überfluteten Altstadt schöne Plätze …

… wo man gemütlich im Schatten alter Bäume ein kühles Bier trinken kann.