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Die Heilige Ursula von Köln, eine von drei Patronen der Stadt, war der Legende nach eine bretonische Königstochter, die, bevor sie den englischen Königssohn heiraten wollte, eine Pilgerfahrt nach Rom unternahm, erst mit dem Schiff nach Basel, dann weiter mit der Kutsche. Bei der Rückfahrt begleitete sie der Papst, nett, denn dann konnte man unterwegs den Bräutigam treffen, heiraten und schön feiern. Dazu kam es nicht, denn kurz vor Köln wurde die Reisegruppe von den Hunnen festgenommen und ermordet – angeblich wollte der Hunnenführer Ursula heiraten (kann man das glauben?), aber die sträubte sich, also wurde sie mit einem Pfeil erschossen, ebenso wie die 11 Jungfrauen in ihrer Begleitung.
Als man bei Köln im 12. Jahrhundert ein Gräberfeld entdeckte mit Knochen von einer unüberschaubaren Menge, wurden aus den 11 Jungfrauen irgendwie 11.000 – in einem Dokument war von „XI.M.V“ die Rede, was man mit „11 martyres virgines“ (=11 jungfräuliche Märtyrerinnen) oder auch mit „11 milia virgines“ (=11 Tausend Jungfrauen) übersetzen kann. Wie man inzwischen weiß, stammen die Knochen aus der Zeit der römischen Colonia, aber für das Geschäft mit den Reliquien war es natürlich viel besser, die Knochen alle als heilig zu deklarieren. Und es war ein großes Geschäft: Die Pilger mußten für Versorgung und Herberge zahlen, Reliquienbehälter wie die eigens angefertigten Ursulabüsten (s.o.) bescherten Handwerksbetrieben gute Umsätze, und der Handel mit den Reliquien selbst florierte so gut, daß dem damaligen Papst angesichts der ausufernden weltlichen Dimensionen mulmig wurde und er ein Ausfuhrverbot der Ware aus Köln verhängte. Wie er das dann kontrollieren ließ, ist nicht überliefert – wie wahrscheinlich ist es, daß die Kölner von heute auf morgen mit diesem einträglichen Geschäft aufhörten?
Neuen Aufschwung gab es bei der Überführung der angeblichen Gebeine der Heiligen drei Könige nach Köln (daß die Könige weder heilig waren, noch drei, noch Könige, habe ich hier schon mal erzählt). Weil die kleine Kirche für die Pilgerscharen zu klein wurde und auch nicht mehr angemessen schien angesichts der „Bedeutung“ der geklauten Knochen, fing man an, den Dom zu bauen, der also eigentlich nichts weiter ist als ein riesiges Reliquiar.

Jaja, im Mittelalter glaubte man schon absurde Dinge, heute sind die Menschen glücklicherweise aufgeklärter … allerdings nicht in der katholischen Kirche, wo mittelalterliches Denken und Handeln nach wie vor den Alltag regeln: Seit Ende des letzten Jahres gibt es im Dom eine neue Reliquie anzubeten. An prominenter Stelle im nördlichen Querschiff liegt in einem eigens angefertigten Reliquienschrein ein Stoffläppchen mit einem Tropfen Blut von Papst Johannes Paul II. Ihr erinnert euch, das war der freundlich wirkende alte Mann aus dem polnischen Krakau, Karol Wojtyla, der viel mit dem Flugzeug herumjettete und als erstes das Rollfeld küßte, sobald er aus dem Flugzeug gestiegen war, und den versammelten Gläubigen überall auf der Welt verkündete, daß es besser sei, an Aids zu sterben, als sich mit Kondomen davor zu schützen. Und weil er so gütig war und so beliebt, hat man ihn in einem unüblichen Eilverfahren kurz nach seinem Tod schnell selig gesprochen, in diesem Jahr folgt die Heiligsprechung. Und nun – Sensation! – haben wir schon vor diesem Ereignis einen Teil seiner Heiligkeit im Dom!
Und wie muß man sich das vorstellen? Wird inzwischen jedem neuen Papst kurz nach seiner Wahl in den vatikanischen Labors Blut abgenommen, unter dem Vorwand einer Dopingkontrolle, in Wirklichkeit aber, um kleine Stofffetzchen zu präparieren, um für spätere (Not-)Zeiten eine Reliquienwährung zu haben? Weit gefehlt: Der damalige Privatsekretär Wojtylas und heutige Erzbischof von Krakau hat das blutige Tuch bei einem Krankenhausaufenthalt des späteren Papstes heimlich entwendet, über die Jahrzehnte aufbewahrt und es kürzlich an den Erzbischof von Köln Kardinal Meisner übergeben, der es nicht etwa seiner auserlesenen Sammlung von ganz außergewöhnlich Reliquien zugeführt hat (keine Ahnung, ob es die wirklich gibt, wahrscheinlich habe ich das gerade erfunden), nein, er stellt sie kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt dem Kölner Tourismusamt der Kölner Bevölkerung und der übrigen Welt zur Verfügung.
Tja, sowas hat nicht jeder. Der Aachener Dom soll angeblich eine Windel von Jesus im Besitz haben (kein Scherz!) – das muß ja ein außerordentlich weitsichtiger Zeitgenosse gewesen sein, der diesen … äh, Alltagsgegenstand aufbewahrt hat. Wer’s glaubt, wird selig. Gegen unseren beglaubigten authentischen Blutstropfen kann die Aachener Windel nicht anstinken … na gut, vielleicht doch, aber nur im wörtlichen Sinne.