Dreikönigspforte

Durch dieses Tor wurden die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln gebracht.

So oder so ähnlich wird es in vielen Fremdenführern stehen, obwohl das einzige, was daran stimmt, die Ortsbezeichnung Köln ist:

Das Tor gab es damals natürlich noch gar nicht, da war zwar eins, aber nicht dieses. Aber das ist noch das Wenigste.

Die Könige waren gar keine, sondern Sterndeuter oder Gelehrte. In der Überlieferung fand man das nicht prunkvoll genug, daher die Verwandlung zu Königen. Daß einer von ihnen schwarz war, ist übrigens eine Erfindung des 12. Jahrhunderts.

Ob es wirklich drei waren, weiß man nicht so genau, die Zahl schwankt zwischen zwei und zwölf, aber da in der Überlieferung immer von drei Gastgeschenken die Rede war (Myrrhe, Gold und Weihrauch), fand man wohl, das sei ziemlich popelig für zwölf Leute – eine Person, ein Geschenk, das scheint angemessener.

Die Nicht-Könige waren und sind auch nicht heilig, jedenfalls nicht nach dem katholischen Heiligsprechungsverfahren. Das ist erstmal verwunderlich: Jeder Hans und Franz wird heilig gesprochen (übertrieben gesagt), aber diese drei nicht? Das hat, so wird vermutet, mit Eifersucht zu tun: Der Papst gründet seine Stellung auf den Jünger Petrus, den man als den ersten Papst bezeichnen kann. Petrus hat Jesus, die Gründungsgestalt der christlichen Religion, aber erst in dessen späten Jahren kennengelernt, die drei Weisen aus dem Morgenland ehrten ihn jedoch schon kurz nach seiner Geburt, ätsch!

Im 12. Jahrhundert versuchte Kaiser Barbarossa das für sich zu nutzen: Kaiser konnte nur werden, wer von einem Papst abgesegnet wurde, ein Kaiser war nur Kaiser durch Gottes Gnaden, vermittelt durch den Papst. Das paßte Barbarossa ganz und gar nicht, derart von den Päpsten abhängig zu sein, also versuchte er, die Knochen, die er bei einem Eroberungszug gegen Mailand in einer Kirche gefunden und „konfisziert“ (also geklaut) hatte, gegen den Papst argumentativ in Stellung zu bringen: Was interessiert mich dieser Stellvertreter, wenn ich unter dem Patronat der quasi ersten christlichen Könige stehe, die schon dem Baby huldigten, mag er sich (fälschlicherweise) gedacht haben. Das hat nicht viel genützt, aber man kann verstehen, weshalb diese Gebeine der Papst-Kirche immer ein kleiner Dorn im Fleische waren.

Barbarossa hat die Knochen dann seinem Spezi und Mitkämpfer Rainald von Dassel geschenkt, der kurz zuvor den lukrativen Job des Kölner Erzbischofs ergattert hatte, und so landeten sie 1164 in Köln, wo man ca. die nächsten 700 Jahre damit verbrachte, eine Hülle für sie zu bauen: Den Kölner Dom.

Zumindest in der ersten Zeit stellte sich der Umstand der Anwesenheit dieser berühmten Knochen für die Stadt als wirtschaftlicher Segen heraus: Pilger strömten in Massen und brachten Geld mit für Unterkunft, Verköstigung und Reliquien. Merkwürdig ist allerdings, daß in den ca. 1100 Jahren vorher, als die Gebeine noch in Mailand und sonstwo lagerten, kein Hahn nach ihnen krähte. So ist auch nicht sicher, wie sie nach Mailand kamen, die Heilige Helena soll sie im Jahr 326 auf einer Reise durch Palästina gefunden haben. Wie muß man sich das vorstellen? Hat sie dort Gräber geplündert und ist mit den ja inzwischen schon ein paar hundert Jahre alten Überresten von ein paar angesehenen Gelehrten und der Behauptung zurückgekommen, das seien sie bestimmt, die Gebeine der Heiligen Drei Könige?

Wie auch immer, die Vermarktung in Köln war sehr geschickt, und ist es noch heute, wenn auch der Dom als Gebäude den Knochen inzwischen den Rang abgelaufen haben dürfte.

0 Antworten zu “Dreikönigspforte

  1. Herrlich! Das ist ja wie in einem Film noir: falsche Identitiäten, dunkle Geheimnisse, böse Gerüchte, Flucht, Vertreibung, Morde, die im Dunklen bleiben, Falschaussagen und erfundene Histörchen, Halbwahrheiten und dennoch fesselnd.
    Und geheimnisvolle Tore sind doch immer jut!

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  2. Eigentlich braucht man sich nicht zu wundern, daß sich katholische Kirche und Mafia im selben Land befinden. Krimis, Tragödien und Satiren könnte man darüber schreiben, aber gibt’s ja auch schon, man denke nur an Eco.

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  3. Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel über das „Drei-Künninge-Pöötzje“!
    Da kommt lange Vergessenes wieder in den Sinn!
    Nun muss ich doch direkt einmal die Suchfunktion Deines Blogs bemühen. Zum Thema „11000 Jungfrauen“. Da kann Al Quaida nämlich vor Neid erblassen, schließlich gibt es bei denen nur derer 72. 😉

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  4. Ja, Ursula und die Jungfrauen habe ich schon lange auf dem Plan, leider hatte ich bisher noch keine Gelegenheit, mit der Kamera die Goldene Kammer in der Kirche St. Ursula zu besuchen. Wenn ich die Bilder habe, erzähle ich mal die ganze Geschichte.

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  5. Oh ja, bitte! Ich habe ja nur nebulös diese Sage im Kopf, welche mir als Kind von unserem Kaplan im Religionsunterricht erzählt wurde.
    Als ich im Januar diesen Jahres eine Führung in der Residenz in Landshut mitmachte, glaube ich mich erinnern zu können, dass es Verknüpfungen bis ins katholische Bayern gibt, mit dieser Dame.
    Jetzt muss ich doch glatt wieder googeln…

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  6. Die Reise von von Dassel soll noch abenteuerlicher gewesen sein (hörte ich wohl mal in nem Radiobeitrag): Weil der Besitz der „Königsknochen“ ein Fingerzeig des Himmels für dessen Präferenz im Streit zwischen Kaiser und Papst sein würde, versuchten die auf der Seite des Papstes stehenden Bischöfe (von Mainz und Trier?) von Dassel auf dem Weg durch ihre Gebiete abzufangen und so den Fingerzeig zu verhindern – was wohl misslang.

    Ich wohne gegenüber dem „Pöözjen“ und wollte eigentlich was über dessen Ursprung und Geschichte erfahren – jetzt hab ich nur gelesen, dass von Dassel da nicht durch ging (klar, das Ding ist ja schon gotisch!?)

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  7. Ah, interessant, danke für die Ergänzung. Über die Zeit könnte man mehrere Krimis schreiben, spannend, was da abging zwischen Barbarossa und den Päpsten.

    Genau, gotisch, und das erste gotische Gebäude in Köln war der Dom. Und als der gebaut wurde, waren die Knochen schon längst in der Stadt und Rainald von Dassel schon lange gestorben.

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