Menschen, Pfaffen, Sensationen (2)


(c)Elke Wetzig über Wikipedia

Die Heilige Ursula von Köln, eine von drei Patronen der Stadt, war der Legende nach eine bretonische Königstochter, die, bevor sie den englischen Königssohn heiraten wollte, eine Pilgerfahrt nach Rom unternahm, erst mit dem Schiff nach Basel, dann weiter mit der Kutsche. Bei der Rückfahrt begleitete sie der Papst, nett, denn dann konnte man unterwegs den Bräutigam treffen, heiraten und schön feiern. Dazu kam es nicht, denn kurz vor Köln wurde die Reisegruppe von den Hunnen festgenommen und ermordet – angeblich wollte der Hunnenführer Ursula heiraten (kann man das glauben?), aber die sträubte sich, also wurde sie mit einem Pfeil erschossen, ebenso wie die 11 Jungfrauen in ihrer Begleitung.

Als man bei Köln im 12. Jahrhundert ein Gräberfeld entdeckte mit Knochen von einer unüberschaubaren Menge, wurden aus den 11 Jungfrauen irgendwie 11.000 – in einem Dokument war von „XI.M.V“ die Rede, was man mit „11 martyres virgines“ (=11 jungfräuliche Märtyrerinnen) oder auch mit „11 milia virgines“ (=11 Tausend Jungfrauen) übersetzen kann. Wie man inzwischen weiß, stammen die Knochen aus der Zeit der römischen Colonia, aber für das Geschäft mit den Reliquien war es natürlich viel besser, die Knochen alle als heilig zu deklarieren. Und es war ein großes Geschäft: Die Pilger mußten für Versorgung und Herberge zahlen, Reliquienbehälter wie die eigens angefertigten Ursulabüsten (s.o.) bescherten Handwerksbetrieben gute Umsätze, und der Handel mit den Reliquien selbst florierte so gut, daß dem damaligen Papst angesichts der ausufernden weltlichen Dimensionen mulmig wurde und er ein Ausfuhrverbot der Ware aus Köln verhängte. Wie er das dann kontrollieren ließ, ist nicht überliefert – wie wahrscheinlich ist es, daß die Kölner von heute auf morgen mit diesem einträglichen Geschäft aufhörten?

Neuen Aufschwung gab es bei der Überführung der angeblichen Gebeine der Heiligen drei Könige nach Köln (daß die Könige weder heilig waren, noch drei, noch Könige, habe ich hier schon mal erzählt). Weil die kleine Kirche für die Pilgerscharen zu klein wurde und auch nicht mehr angemessen schien angesichts der „Bedeutung“ der geklauten Knochen, fing man an, den Dom zu bauen, der also eigentlich nichts weiter ist als ein riesiges Reliquiar.

Jaja, im Mittelalter glaubte man schon absurde Dinge, heute sind die Menschen glücklicherweise aufgeklärter … allerdings nicht in der katholischen Kirche, wo mittelalterliches Denken und Handeln nach wie vor den Alltag regeln: Seit Ende des letzten Jahres gibt es im Dom eine neue Reliquie anzubeten. An prominenter Stelle im nördlichen Querschiff liegt in einem eigens angefertigten Reliquienschrein ein Stoffläppchen mit einem Tropfen Blut von Papst Johannes Paul II. Ihr erinnert euch, das war der freundlich wirkende alte Mann aus dem polnischen Krakau, Karol Wojtyla, der viel mit dem Flugzeug herumjettete und als erstes das Rollfeld küßte, sobald er aus dem Flugzeug gestiegen war, und den versammelten Gläubigen überall auf der Welt verkündete, daß es besser sei, an Aids zu sterben, als sich mit Kondomen davor zu schützen. Und weil er so gütig war und so beliebt, hat man ihn in einem unüblichen Eilverfahren kurz nach seinem Tod schnell selig gesprochen, in diesem Jahr folgt die Heiligsprechung. Und nun – Sensation! – haben wir schon vor diesem Ereignis einen Teil seiner Heiligkeit im Dom!

Und wie muß man sich das vorstellen? Wird inzwischen jedem neuen Papst kurz nach seiner Wahl in den vatikanischen Labors Blut abgenommen, unter dem Vorwand einer Dopingkontrolle, in Wirklichkeit aber, um kleine Stofffetzchen zu präparieren, um für spätere (Not-)Zeiten eine Reliquienwährung zu haben? Weit gefehlt: Der damalige Privatsekretär Wojtylas und heutige Erzbischof von Krakau hat das blutige Tuch bei einem Krankenhausaufenthalt des späteren Papstes heimlich entwendet, über die Jahrzehnte aufbewahrt und es kürzlich an den Erzbischof von Köln Kardinal Meisner übergeben, der es nicht etwa seiner auserlesenen Sammlung von ganz außergewöhnlich Reliquien zugeführt hat (keine Ahnung, ob es die wirklich gibt, wahrscheinlich habe ich das gerade erfunden), nein, er stellt sie kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt dem Kölner Tourismusamt der Kölner Bevölkerung und der übrigen Welt zur Verfügung.

Tja, sowas hat nicht jeder. Der Aachener Dom soll angeblich eine Windel von Jesus im Besitz haben (kein Scherz!) – das muß ja ein außerordentlich weitsichtiger Zeitgenosse gewesen sein, der diesen … äh, Alltagsgegenstand aufbewahrt hat. Wer’s glaubt, wird selig. Gegen unseren beglaubigten authentischen Blutstropfen kann die Aachener Windel nicht anstinken … na gut, vielleicht doch, aber nur im wörtlichen Sinne.

0 Antworten zu “Menschen, Pfaffen, Sensationen (2)

  1. Gut, die Behauptung, die Gebeine des Jüngers Jakob seien da angespült worden am Strand, das ist natürlich ein Öffentlichkeitscoup, den kann man so schnell nicht wiederholen. Ganz große Leistung! Aber Neueres haben sie nicht vorzuweisen? Tja …

    Und hat König Alfons nicht auch sogar in der Augsburger Puppenkiste mitgespielt? Ach nein, das war König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, König von Lummerland.

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  2. Was ist eigentlich, wenn ich mal heilig gesprochen werde, St. Videbitis I.? Vielleicht könnte man eine von mir angeleckte Briefmarke ehren. Vielleicht sollte ich aber auch ein paar abgeschnittene Fußnägel in einer kleinen Schachtel in meinem Schreibtisch aufbewahren. Die Vorstellung, man konnte mich damit ehren wollen, indem man ein von mir beschnupftes Papiertaschentuch anbetet, ist mir unangenehm.

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  3. Hi Videbitis,

    wow… ich mag es, wie Du über Köln schreibst und vor allem so verständlich, mit der Gewissen Portion Humor und Ironie… ;D
    Vieles davon wusste ich nicht, danke!!!

    LG mosi

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  4. Das erinnert doch sehr an „Schtonk“- „das verrotzte Taschentuch mit original Führerpopel“. Und Jesu Windel entpuppt sich vermutlich als hartgewordener Christstollen, den jemand mal hinter den Altar geworfen hat.

    Man könnte einen Reiseführer schreiben: „Folgen Sie Lügenmärchen in aller Welt“ und dann so einen richtigen schönen Pilgerpfad entwerfen, „jetzt auch für kurze Beine“ mit Unterkunft im Hotel Pinocchio.

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  5. *lach* bist Du verrückt? Das darf man auf keinen Fall veröffentlichen, nachher stellt sich noch heraus, daß die ganze Religion ein einziges Lügengebäude ist. Und dann? Stehen die ganzen Kirchen umsonst in der Gegend herum, und die Pfarrer müssen Hartz IV beantragen. Das geht doch nicht. Wie will man die denn einsetzen? Als Erzieher vielleicht? Besser nicht, oder?

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  6. Aua, das mit dem Erzieher ist jetzt aber sehr böse.

    Hm, du hast recht, das geht nicht. Also anders, machen wir ne Kaffeefahrt draus

    erfahren Sie jetzt den Weg der flexiblen Wahrheit, im Zeichen der 11 000 Jungfrauen, hier steppt die Bärin, für nur 39,90 erleben Sie einmalige Orte der Weltgeschichte wie den Wickelraum des Heilands und die Operationssaal des Polen Popen Popanz…äh…ich hänge.

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  7. „… Kaffee und Kuchen inkl. Es wird die Gelegenheit gegeben, Heizdecken der Marke ‚Ewige Wärme‘ zu erwerben. Besonders freuen wir uns, Ihnen wieder die Aufbaupräparate ‚Highland’s Fortune‘ anbieten zu können, 100 Kapseln in der Vorteilspackung zu 299,00 € …“

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  8. Wahr ist: Erwerben können Sie auch die (Grab)Lichter „Ewiges Licht“.
    Unwahr: Beim Besuch der Lokalität „When monk meets nun“ (gleich um die Ecke vom Dom) findet man den Kondomautomaten „Lümmeltüte“, den der Papst mit Weihwasser besprenkelt hat („weiche von mir Satan“).

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  9. Lümmeltüte, bitte nicht verwechseln mit der Tebartz-v.-E.-Gedenktasche aus schickem Kunststoff, trägt die Aufschrift ALDI = Aliatus Libertus Deum Ignorantum (frei übersetzt: Ein armer Schlucker, befreit von einem unwissenden Gott), 10,99 € (2 Cent gehen garantiert an den Unterstützungsfond T.-v.-E. eV.).

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  10. Herrlich deine Abrechnung mit der katholischen Reliquienverehrung. Zu der Aachener Windel ist zu sagen, dass es seit dem Mittelalter im Abstand von acht Jahren Heiligtumsfahrten gibt. Die Scharen von Pilgern lagerten einst auf den Hügeln rund um den Aachener Dom, und wenn in den Fenstern der Heiligtumskapelle im Turm die Hl. Reliquien gezeigt wurden, hielten die Pilger Spiegel hoch, damit sich die Reliquien darin spiegelten und somit den Spiegel heiligten. Solche Spiegel hatte Gutenberg fabriziert, aber die Heiligtumsfahrt fiel wegen der Pest aus. Gutenberg war mal wieder pleite. Darauf erfand er die Druckkunst. Man sieht, Reliquienverehrung ist kulturell sehr produktiv.
    Hier habe ich das dramatisiert:
    http://abcypsilon777.blog.de/2005/12/26/das_sonntagswort_uber_spiegel~416938/

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  11. Leg zur Sicherheit auch noch ein paar getragene Socken hinten in den Kleiderschrank. Ich mein, wenn’se bei Jesus so’n Hype um sein Schnuffel…äääähm, Grabtuch machen, dann können Socken nicht so verkehrt sein!

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