Heinrich-Lübke-Ufer

Dieser kühn geschwungene fensterlose Betonbau unterhalb der Rodenkirchener Brücke erinnert von außen etwas an eine moderne Kirche, wie sie z.B. der Architekt Zumthor hätte errichten können.

Tatsächlich ist das Gebäude nur eine Lagerhalle der Stadtentwässerungsbetriebe (StEB ) für Hochwasserschutzwanddammbalken. Besonders im Kölner Süden kam es bei Hochwasser bis in die 1990er hinein immer wieder zu weitflächigen Überflutungen.

Das Hochwasserschutzkonzept, das man dann realisiert hat, war sicherlich nicht billig: Über eine Länge von 10 km werden in regelmäßigen Abständen Mittelstützen in den dafür vorgesehenen Halterungen aufgestellt, zwischen denen die Dammbalken, die man oben sehen kann, gestapelt werden.

Da die Leute des „8-Brücken-Festivals“ (ein Festival für neuere Musik) immer auch nach ausgefallenen Aufführungsorten suchen, konnten wir hier ein kleines, feines Jazzkonzert besuchen. Das Klavier klang etwas verwaschen, aber es hat trotzdem Spaß gemacht. Es spielte das „Trio Ivoire“, begleitet von zwei Gästen. Somit waren zwei afrikanische Musiker dabei, die mit ihren traditionellen Instrumenten für eine entsprechende Klangfarbe sorgten. Der Gründer des Trios, der Pianist Hans Lüdemann, behauptete gar, die Wurzeln des Blues (und damit natürlich auch die des Jazz) seien in Mali zu finden. Kann man das glauben? Klar, warum nicht?

Florastr.

Da läuft man leicht angenervt durch die Stadt, deren 1 Mio. Bewohner mir alle gleichzeitg im Weg zu stehen scheinen, läuft in eine Nebenstraße, schaut in eine Hofeinfahrt nach rechts – und findet sich unversehens in einer Szene seiner Kindheit wieder. Fast genau so, vielleicht noch ein wenig unaufgeräumter, war die Stimmung in dem Kaff, in dem ich in den 60ern aufwuchs: Langeweile und Geborgenheit, Hand in Hand.

Am alten Posthof

Hier feiert die „Geiz ist geil“-Mentalität Triumphe: Anfang des Monats eröffnete die irische Textilkette Primark in Stadtzentrum eine ihrer Filialen, eine der größten in Deutschland: Auf vier Etagen können ca. 5.000 Artikel gekauft werden, zu Preisen, die die Konkurrenten „Hager & Mager“, „Piep & Beclopptenburg“ und die anderen nicht bieten können. „Und das, obwohl wir die selben Näherinnen in Indien und Bangladesh mit Niedrigstlöhnen ausbeuten wie die anderen“, verkündet man stolz (nicht wörtlich, aber dem Sinne nach). Man verzichte auf einen Teil der Gewinnmarge und mache Geld durch höheren Umsatz, außerdem verzichte man auch auf den Dienst am Kunden: Auf eine Beratung werde der Kunde in dem Geschäft vergeblich warten, berichtet freudestrahlend einer der hauptamtlichen Mitarbeiter. Außerdem sind die Klamotten durch den niedrigen Preis natürlich so wenig wert, daß sie schneller entsorgt werden als die teuereren von der Konkurrenz, damit man wieder schnell neue kaufen kann, hier beim Aldi der Modebranche. Welche Auswirkungen das auf die Umwelt und die Arbeitssituation der Herstellerinnen in Fernost hat? „Mein komplettes Outfit heute kostet 42 Euro plus 10 Euro, für das, was man nicht sieht!“, sagt die Primark-Chefin von Köln – mit anderen Worten: „Ist mir doch scheißegal, Hauptsache, wir machen Kohle ohne Ende!“

Willy-Millowitsch-Platz, der neue

Na – das ging ja schneller als erwartet: Dieser kleine Platz zwischen Gertruden-, Aposteln-, Ehren- und Breite Straße ist nun tatsächlich, wie im Dezember 2012 vom Rat beschlossen, der neue Willy-Millowitsch-Platz. Den alten Platz konnte man kaum als solchen bezeichnen, ein Stück Rasen vor einem Hotel, ich weiß nicht, welchen Namen der jetzt bekommt. Am besten gar keinen, denn ehren kann man damit niemanden.

In Köln klappen die Dinge ja meist nie so ganz: Während der Eröffnungsfeierlichkeiten (was man so nennt – ein paar Politker hielten Reden, keine Ahnung, ob es wenigstens Sekt gab) fehlten durch irgendeine Schusseligkeit die Straßenschilder, daß der Platz nun den Namen des Volksschauspielers tragen sollte, war eine reine Behauptung, lesen konnte man das nirgends.

Als die Beschilderung dann endlich da war, fehlte einige Zeit noch die Umsetzung eines anderen Beschlusses: Die Umquartierung der Skulptur vom Eisenmarkt. Nun ist sie also da (habe ich schon gesagt, daß sie künstlerisch mißlungen ist?), der Stadtrat kann sich beruhigt zurücklehen und sich zufrieden die Hände reiben: Wieder ordentlich was abgearbeitet, sehr schön.

Willy Millowitsch verkörperte für mich als norddeutsches Kind übrigens die erste Vorstellung von Köln: Sie war abschreckend, niemals wollte ich in eine Stadt, die solche Menschen hervorbringt: Laut, mit sich überschlagender Stimme, dumm-clever mit grimmassierendem Humor, die unglaubwürdige Übertreibung pur, selbst dann, wenn er nett sein wollte. Grauenhaft.

Sülzgürtel

Vor ein paar Jahren haben australische Forscher untersucht, ob Schafe wirklich so dumm sind wie man ihnen nachsagt. Sie schickten 60 von ihnen in ein Labyrinth und stellten fest, daß die Schafe sich bereits nach drei Tagen immer besser zurecht- und aus dem Irrgarten herausfanden. Nach sechs Wochen trieb man sie wieder in das Labyrinth, und siehe da, die Schafe hatte nichts vergessen. Um nun herauszufinden, ob sich die Tiere nur instinktiv verhielten oder wirklich etwas gelernt hatten, verabreichte man ein paar von ihnen ein Mittel, das die Gedächtnisleistung trübte, mit dem Resultat, daß sie deutliche Orientierungsschwierigkeiten hatten.
Daß das so ist, wissen die selbsternannten Hirten der christlichen Kirchen schon seit Jahrhunderten: Damit die Gläubigen nicht selbst herausfinden aus dem Labyrinth von Schuld und Sühne, muß man ihnen stetig die Vernunftfähigkeit mit der Androhung von Strafe, Verdammnis und ewigen Höllenqualen eintrüben. Das funktioniert immer noch recht gut, weshalb die Pfaffen überhaupt kein Problem damit haben, den Gläubigen mit diesem Kirchenrelief offen zu zeigen, für was sie sie halten: Für dumme, abgerichtete Schafe.

Deutzer Werft

Auf dem Frühlingsfest gab es eine Geisterbahn, die war so gruselig, daß selbst der Tyrannosaurus Rex mit entsetztem Gesicht das Weite suchte. Jedenfalls sieht es so aus.

Draußen ist es allerdings genauso schrecklich: Viele drängelnde Menschen in einem Meer von sich gegenseitig überbietenden Geräuschen, womit ich nicht nur die kreischenden Karrussels und Kinder meine, sondern auch den Krach, der sich als Musik bezeichnet, während man an einer lauwarmen Bratwurst mümmelt oder sich an kandierten Nüssen die Zähne ausbeißt. So stelle ich mir die Hölle vor, oder zumindest eins ihrer Zimmer – es gibt ja auch Menschen, die das paradiesisch finden, die kommen da natürlich nicht rein, die kommen zur Strafe in eine Bibliothek – ohne Handy!

Schildergasse

Neulich stand in der Zeitung, daß in Köln der weltweit erste Matratzenautomat zu besichtigen sei: Man sucht sich eine Schaumstoffmatratze in einer von drei Größen aus und bezahlt dann miftels einer EC-Karte 30 bis 50 Euro. Ich frage mich, welche Klientel da angesprochen wird, wer hat es nötig, nach Geschäftsschluß eine billige und ungesunde Schlafunterlage aus dem Automaten zu ziehen? Obdachlose nicht, die hätten genug Zeit, auch tagsüber in ein Bettengeschäft zu gehen, aber darüber hinaus sowieso kein Geld dafür. Vielleicht, wenn jemand überraschend abends noch vorbei kommt, die Schwiegermutter aus dem fernen Schwiegermutterhausen, und zwar so spät, daß man sie nicht wieder wegschicken kann, und in Ermangelung einer Schlafstätte fährt man schnell zum Matratzenautomaten, mit dem Resultat, daß man selbst auf dem Billigschaumstoff schlafen muß, weil man sowas der Mutter seiner Angebeteten wohl kaum zumuten kann, will man nicht mit ernsthaften Konsequenzen für sich selbst rechnen? Ehrlich gesagt: Ich bin ratlos. Aber ich wollte die Maschine unbedingt für euch fotografieren, als ich an der Antoniterkirche eintraf, war sie allerdings schon wieder weg, stattdessen saß diese Frau da. Gut, das ist vielleicht das schönere Foto. Unten seht ihr nun einen Zeitungsausriß (Kölner Stadtanzeiger, 03./04.05.14):

An der Rechtschule

Das ist doch mal eine gute Idee, die die Abfallwirtschaftsbetriebe Köln da hatten: Neid, Bürokratie, Pingeligkeit, Spießigkeit, Schadenfreude, Sturheit und Intoleranz, für jede dieser Eigenschaften von hohem Brennwert eine eigene Wertstofftonne. Ich kenne einige, die ihren Ballast hier wunderbar entsorgen können und ihre Umwelt damit also nicht mehr kontaminieren müssen: Der Dom und einige andere Kirchen sind ganz in der Nähe, und auch das Rathaus ist nicht weit. Außerdem bin ich sicher, daß viele Leute, die hier vorbeikommen, auch etwas einwerfen können. Doch halt: Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, daß die Mülltonnen versiegelt sind. Zu schade – für alle Beteiligten. Kann die Polizei da nicht helfen?

Nee, kann sie nicht, mal wieder kopflos, typisch, immer, wenn man sie braucht …

Flora

Wer in Köln Blumen sehen will, geht in einen Blumenladen – oder in die Flora.

Eine sehr schöne weiträumige Parkanlage nach englischen Gartenvorbild, bei Sonnenschein natürlich noch angenehmer, aber man kann nicht immer alles haben.

Neben ganz normalen Rasen- und Wiesenflächen …

… und angelegten Blumenrabatten …

… gibt es auch exotische Pflanzen, wie diesen Taschentuchbaum aus China, dessen Namensherkunft offensichtlich ist.

Kleine Wunderwerke: Ein sich entrollendes Farnblatt …

… Regentropfen auf einem Blatt.

Die Menschen fotografieren sich vor der Blütenpracht …

… manchmal sogar im Sonntagsstaat. Oder wird hier eine Hochzeit gefeiert?

Das wird kaum die Braut sein, dazu ist sie noch zu jung.

Flora

Nestbau für den zu erwartenden Nachwuchs …

… den auch diese Spezies anbahnt, man weiß noch nicht, ob was daraus wird.

Leider öffnet das neue Floragebäude erst in ein paar Wochen, sodaß ich nicht über Kaffee und Kuchen berichten kann. Nachdem die Kosten für das Gebäude im Stil der Gründerzeitarchitektur (ich habe hier davon erzählt) von 22 auf 36 Millionen Euro gestiegen war, ist nun klar, daß auch diese Summe nicht reichen wird, aber über 40 Millionen soll es auf keinen Fall steigen, wie versichert wird. Das glaube ich aber erst, wenn es soweit ist.

Kommunalwahl

„… äwwer met de Sprooch han mer et nit, wat, Kevin?“ „Nä, Chef, Grahmattick un so, schwierisch.“

Vielleicht ist das aber ja auch ein Spiel, wir, die Betrachter, sollen den Satz beenden: Wir können Köln – verlottern lassen; herunterwirtschaften; noch höher besteuern; noch hochpreisiger an Investoren verkaufen. Oder: Wir können Köln – und Köln kann uns auch mal, kreuzweise. Aber das gilt ja für mehrere Parteien.