Spaziergänge in Zeiten von Corona (2)

„Papier? Ist mein Geschäft“, sagte sich wohl der Besitzer dieser Fachhandlung für Bürobedarf, kaufte ordentlich ein beim Großhandel – und dann haben sie ihm den Laden dichtgemacht. Geschieht ihm recht, jedenfalls wenn das Klopapier so überteuert ist wie die Seife, die zu Anfang ja auch Mangelware war: Eine Flasche Flüssigseife kostet hier über das Vierfache des Preises im Drogeriemarkt.

Hier wird gar keiner mehr gefüttert, ob Hund oder Mensch, da hilft kein Betteln.

Knollendorf, so heißt nicht nur eine Kneipe, sondern auch der fiktive Ort, in dem die Geschichten des traditionsreichen Stockpuppentheaters „Hänneschen-Theater“ stattfinden. Die Figuren stellen jeweils satirisch überspitzt kölsche Typen dar, weshalb nicht wenige sagen: Knollendorf ist Köln – und das hat zu.

Trotz der Kontakteinschränkungen sind die Parks bei diesem schönen Wetter gut besucht, aber nur ganz selten sieht man mal Dreiergruppen, die meisten Leute halten sich wirklich an die Anordnung und sind allein oder zu zweit.

Schlechte Zeiten für Flaschensammler, wenn keine Gruppen mehr mit Wegebier durch die Straßen ziehen. Eine solche Ansammlung ist ein kleiner Glückstreffer.

Keine Biergärten, keine Cafés, überhaupt keine Außengastronomie, das ist doch langweilig, wenn man sich so gar nichts gönnen kann. Aber die Eisdielen haben geöffnet. Vor allen Eisdielen, die wir auf unserem Spaziergang gesehen haben, bilden sich so lange Schlangen, wie ich es noch nie vorher gesehen habe. Da kann man nur hoffen, daß das Personal gesund ist („*haaaatschi* – tschuldigung, was ham Sie gesagt, zwei Kugeln oder drei?“).

Hier werden am offenen Fenster Cocktails verkauft, „Cocktail to go“ sozusagen. Verrückt, aber das Geschäft scheint gut zu laufen.

Bitteschön – es ist nicht alles verboten. „Stronger together“, also stärker zusammen, aber eigentlich schon, es sei denn, das ist mehr ideell gemeint.

Käse, darauf möchte ich aber unbedingt hinweisen, hat keine antivirale Wirkung, auch wenn dieses systemrelevante Käsegeschäft das nahelegt. Und wie ist das mit anderen Zeiten, können die ruhig mit schlechtem Käse verbracht werden? Okay, ich will mal nicht so streng sein, die Zeiten sind schlecht genug für den Einzelhandel, da hat so ein Klugscheißer wie ich gerade noch gefehlt.

„Komm her, du, ich stech dich ab!“ Ich befürchte, das wird nicht funktionieren. Aber mit einem Holzschwert in der Wohnung herumzustechen verschafft wenigstens etwas gymnastische Bewegung, kann also auch nicht schaden.

Der Gipfel der Dummheit: Ein Aushang an einem esoterischen Institut, wo man, wenn es geöffnet ist, Meditationsworkshops und Selbstfindungsseminare für viel Geld buchen kann: Man soll Salbeibündel verbrennen, um gegen das Virus vorzugehen, weil das die Indianer auch gemacht habe. Hat ihnen ja super geholfen, als ihnen der weiße Mann mit dem Pockenvirus verseuchte Decken geschenkt hat, um sie auszurotten. Leute, macht das auf keinen Fall: Eine Zweizimmerwohnung ist kein Tipi, und an einer Rauchvergiftung zu erkranken statt an dem Virus ist keine erstrebenswerte Alternative. Da eßt lieber guten Käse oder kämpft mit einem Holzschwert.

Liebe Freunde: Euch allen ein angenehmes Eierfest!

Spaziergänge in Zeiten von Corona (1)

Ein Sonnenstrahl im Frühling reicht normalerweise aus, um in Köln die Biergartensaison zu eröffnen. Wie lange das nun verschoben wird, weiß keiner. Glücklicherweise halten sich alle daran – im Moment.

In der Mode paßt man sich schnell an, auch im …

… Partnerlook zu haben. In der Fußgängerzone (wir werfen erst einen Blick hinein, bevor wir sie betreten, aber es ist nichts los) sind fast alle Geschäfte geschlossen, nur der Schokoladenladen am Neumarkt hat geöffnet – klar, Schokolade ist systemrelevant.

Beim Express will man sich die gute Laune nicht vermiesen lassen. „Heidewitzka, Herr Kapitän …“, dazu läßt sich gut „schunkele“, zur Not über Skype.

Apropos Kapitän – der Papst spendet einen außerordentlichen Segen „urbi et orbi“, in den Nachrichten wird darüber berichtet, als ob das was ganz Besonderes sei. Schnell mal recherchiert: Der Segen wird normalerweise nur zu Weihnachten und Ostern erteilt. Wer bereit ist, Geburtstag und Auferstehung der emblematischen Sektenfigur zu feiern, dem werden, quasi als Jubiläumsgabe, alle Sünden vergeben. Auch heute noch nennt man das Ablass, kein Scherz. Damit nun keiner denkt, das Corona-Virus sei eine Strafe Gottes für … was weiß ich, Globalisierung als kapitalistische Gewinnmaximierung, Ausbeutung der 3. Welt, Mißachtung von Menschenrechten, Vernichtung der natürlichen Umwelt, spendet Franziskus diesen Extra-Ablass. Das ist nett gemeint, so kann sich jeder Katholik sagen: Meine Schuld ist’s nicht, der Chef hat mich freigesprochen. „Heidewitzka …“ *summsumm*

Jeder tut, was er kann, um zu helfen, und vielleicht ringt der Papst die Hände und fragt sich, ob er nicht vielleicht noch ein „urbi et orbi“ spenden sollte. Aber nachher wollen die Leute jeden Tag so einen Segen, und das kennt man ja aus der Marktwirtschaft: Wovon es viel gibt, das verliert an Bedeutung, nur das Rare ist wertvoll. Der Papst im Streß.

Das „Ich“ ist nicht mehr angesagt, nur „Wir“ zusammen können die Krise bewältigen. Milliardenschwere Konzerne wie Adidas und H&M machen es vor und zahlen erstmal keine Miete mehr für ihre Läden, aufgrund eines Kündigungsschutzgesetzes, das für in Not geratene Kleinunternehmer geschaffen wurde. „Solidarität“ aus Managersicht – wozu bezahlt man seine firmeninternen Rechtsverdreher.

Aber es gibt glücklicherweise auch Leute, die das ernst nehmen mit der Solidarität. Freilich muß man auch hier vorsichtig sein, nicht jedes Hilfsangebot ist seriös, tatsächlich gibt es Leute, die die Ängste und Nöte besonders älterer Menschen ausnutzen, um sie zu betrügen. „Somigo.de“ habe ich überprüft, da kann man getrost anrufen, wenn man in Köln wohnt.

Und auch das ist eine gute Idee: Ein Gabenzaun, wo Leut ihre gehamsterten Lebensmittel, die sie nun doch nicht brauchen, hinhängen können, damit besonders Obdachlose sich bedienen können. Im Moment des Fotos scheint es aber noch nicht so weit zu sein. Oder die Nachfrage ist groß.

Wer keine Geschichten mehr lesen will über Klopapier, sollte hier abbrechen.

Vor zwei Tagen – Hamstereinkäufe waren von den Geschäften schon längst unterbunden – war ich vormittags nacheinander in zehn Filialen von Drogerien und Supermärkten, um Klopapier zu kaufen, da es so langsam bei mir eng wurde. Leider vergeblich, in der gesamten Kölner Innenstadt gab es das offenbar nicht mehr. Als ich meiner Begleiterin davon erzählte, bot sie mir an, mir eventuell eine Rolle aus ihrem – auch nicht üppigem – Vorrat zu schenken – wahre Freunde erkennt man in der Not. Später schickte sie mir einen Link von der Homepage eines Unverpackt-Ladens, wo noch Klopapier angeboten wurde. Am nächsten Tag: Auf dem Weg dahin machte ich kurz Halt, um obiges Plakat zu fotografieren, das ich am Vortag gesehen hatte – „Klopapier“ und „Windeln“ waren nun abgeklebt. Hurra! Als ich am Regal hinten im Laden ankam, mokierten sich zwei Verkäuferinnen gerade keifend darüber, daß schon wieder nahezu alles leergeräumt war. Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, daß nun auch ich ein weiteres Paket entnehmen mußte, fast hätte ich mich entschuldigt, auch ich esse und verdaue und dann, was soll ich machen … nun bin ich stolzer Besitzer von 16 Rollen 4-lagigem Klopapier, „zart duftend“, also parfümiert, dafür etwas teuerer als das, was ich normalerweise kaufe. Ich und mein Hintern atmen auf. Ich hoffe nur, er gewöhnt sich nicht an diese Luxusvariante. Sie heißt übrigens „Shea love“ – ein bißchen Liebe kann ja in diesen Zeiten nicht schaden, egal, woher sie kommt und wofür sie benutzt wird.

Ausgang mit Beschränkungen

Seit drei Tagen gibt es in Köln schon die Ausgangsbeschränkung, daß man sich in der Öffentlichkeit höchstens zu zweit aufhalten darf, nur Angehörige derselben Familie dürfen auch in höhrer Anzahl unterwegs sein. Nach meiner Beobachtung scheint das ganz gut zu klappen, brav sitzen am Aachener Weiher die Leute in vorbildlichem Abstand zueinander in der Sonne. Allerdings gibt es immer noch Orte, wo das überhaupt nicht funktioniert, wie Blogkollegin Feldlilie zu berichten weiß, die in einem Baumarkt arbeitet. Kaufhäuser, Beauty-Salons, Nagelstudios sind aus gutem Grund geschlossen, Baumärkte und Friseur-Salons allerdings nicht. Kann mir das jemand erklären?

„Ich mag aber nich‘ drin‘ bleiben“ hat hier ein Graffiti-Anfänger frisch an die Wand geschrieben. Man möchte antworten: Es wäre aber doch besser, mal ganz abgesehen vom Virus, erstens kann Mami dir zu Hause besser die Windeln wechseln und zweitens kannst du dich noch etwas in Gestaltung üben, bevor du anderen die Wände vollschmierst.

Aber es gibt auch junge Künstler, die einsichtig sind.

Das hängt in einem Schaufenster und spricht mir aus der Seele. Ich war noch nie ein Freund von Durchhaltesprüchen, zu lebensgefährlich.

Heilige Corona, hilf!

Die Lage ist ernst, aber das heißt ja nicht, daß man nicht mal einen Spaß machen darf. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sich zumindest die Situation auf dem Klopapiermarkt soweit beruhigt hat, daß ich welches kaufen kann, einfach, weil ich mal wieder welches brauche. Die Amerikaner kaufen kein Klopapier, sondern vermehrt Waffen. Was wollen sie damit, die Viren erschießen? Mit Jagdgewehren? Ob nun Infizierter oder nicht, man sollte sich in den USA dieser Tage das Hüsteln in der Öffentlichkeit besser verkneifen.

So sah es noch letzten Sonntag in den Parks aus: Obwohl von allen Experten und Politikern dringend abgeraten, trafen die Leute sich zum Grillen, Saufen und Fußballspielen in den Parks, das Wetter war einfach zu schön. Heute Nachmittag, auch bei sehr schönem Wetter, sah das schon anders aus, mehr als drei Leute in einer Gruppe habe ich nicht gesehen. So langsam scheint es durchzusickern, wie gefährlich das sein kann.

Nicht nur ich, der ich gern im Park spazierengehe (mit gebührendem Abstand zu allen anderen natürlich), würde es vorziehen, wenn es nicht zu einer Ausgangssperre kommt, auch für die Gastronomie ist es sehr wichtig: Immer mehr Restaurants stellen sich auf „Take-Away“ ein. Das war zwar bei den meisten vorher auch schon möglich, aber es wurde nicht extra beworben, und nun ist es die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas Umsatz zu machen. Stellt sich die Frage: Kann man sicher sein, daß der Koch kein Dampfplauderer mit einer feuchten Aussprache ist? Die selbe Frage stellt sich übrigens schon, wenn man morgens frische Brötchen kauft: Hat die Bäckereifachangestellte zwar brav in die Armbeuge geniest, allerdings zu dem Zeitpunkt, als sie gerade über dem frisch aus dem Ofen gehobenen Backblech hing? Nein, kann man nicht. Ich mache folgendes: Alles, was ich von außen hole, stecke ich vor Verzehr für zehn Minuten in den 100 Grad heißen Backofen – ich hoffe, daß das im Falle einer Kontamination hilft, auf jeden Fall beruhigt es mich.

Um 21.00 Uhr wird in meiner Straße aus den Häuserfenstern geklatscht und gepfiffen und laut „Danke!“ gerufen, jetzt schon den zweiten Tag (an dem ich das mitkriege). In Italien hat das begonnen, da haben seit der Ausgangssperre Leute angefangen, auf den Hinterhofbalkonen zusammen zu singen, oder jemand hat ein  Instrument gespielt, und die anderen haben zugehört. Die Medien haben schnell davon berichtet, alle waren hin und weg angesichts des solidarischen Gemeinschaftsgefühls, das sich da zeigt, und irgendwie ist es ja auch rührend. In Köln, wo sich ja jeder noch frei bewegen kann, klatscht man aus den Fenstern auf die Straße hinaus, um sich beim Krankenhauspersonal zu bedanken. Die, die sich in den Krankenhäusern aufgrund der schon seit Jahren verfehlten Personalpolitik des deutschen Gesundheitswesens den Arsch aufreißen, sind aber gar nicht da – entweder sie sind im Krankenhaus bei der Arbeit, oder sie liegen zu Hause im Bett und möchten bestimmt nicht durch johlende Klatscher gestört werden. Schon interessant, wie innerhalb kürzester Zeit aus einer guten Aktion in Italien ein kitschiges Selbstrührungsritual geworden ist. Interessant – und abstoßend.

Die Heilige Corona ist übrigens eine 16-jährige Märtyrerin aus dem 3. Jahrhundert. Sie ist nicht nur die Schutzheilige im Fall von Seuchen, sondern auch in Geldangelegenheiten. Sie zu beschwören wirkt also vielleicht sogar doppelt. Doch Vorsicht: Vielleicht glaubt das Virus, es sei selbst gemeint.

Same procedure …

Schon am letzten Wochenende rüstete die Stadt auf: Tribünen für den Wahnsinn, der da unweigerlich kommt.

Nicht nur Gebäudeteile werden kostümiert, sondern auch …

… Angebote gemacht für Haustiere, die ja oft als Kinderersatz gehalten werden, und das ist doch nicht schön, wenn Familienangehörige ausgeschlossen werden.

Ein Kostüm, „genäht“ aus Karnevalsorden – na, das ist doch mal ganz witzig. Aber Vorsicht: Der Kölner Sitzungs-Karnevalist läßt nicht mit sich spaßen, Humor ist seine Sache nicht: Wenn nicht jeder Orden ordentlich verdient wurde, ist Blasphemie im Spiel.

Diesen Leuten ist das allerdings völlig egal, hauptsache, es gibt was zu trinken. Als ich mir gestern, Weiberfastnacht, die Beine vertreten wollte, mußte ich an jeder Ecke solche Ansammlungen umrunden und dabei aufpassen, nicht in irgendwas reinzutreten, was mir an den Schuhen klebenblieb.

A propos Schuhe: Diese standen herrenlos an einer Ecke, der Besitzer muß als Clown gegangen sein. Ich vermute, Außerirdische, die grade mit ihrem Raumschiff die Erde umkreisen, fanden die Figur so bizarr, daß sie ihn hochgebeamt haben, was den Clown aus den Schuhen gerissen hat. Oder der Clown hat sich beim Wildpinkeln die übergroßen Schuhe besudelt und wollte mit den bepißten Tretern nicht weiter herumlaufen. Ich könnte das verstehen.

Weiter geht es dann auf Socken, aber dafür hat man jede Menge Geld gespart. Die Kneipen machen den Umsatz des Jahres – aber mit den negativen Begleiterscheinungen möchten sie natürlich nichts zu tun haben.

Da die Leute an Weiberfastnacht bereits um 11 Uhr anfangen zu saufen, sind sie um spätestens 23 Uhr platt, und es herrscht Ruhe in den Straßen. Das ändert sich aber in den folgenden Tagen – Freitag wird ausgeschlafen, und die nächsten fünf Tage werden die Nächte durchgefeiert. Der Begriff „feiern“ ist ein Synonym für saufen, gröhlen, Bierflaschen zerdeppern und in Hauseingänge pissen. Ich werde davon nichts mitkriegen, denn Samstag fahren wir nach Berlin. Ich hoffe, der Regen hat alles wieder gesäubert, wenn wir zurückkommen.

Wandern auf dem Salzalpensteig (12): Königssee

Auf dem Weg vom Hotel zum Königssee – ein halbstündiger Spaziergang – kommen wir an einer Art Romy-Schneider-Museum vorbei. Museum, der Ausdruck ist vielleicht etwas übertrieben, wenn man sich den Internetauftritt anschaut, es sind zwei kleine Räume, die vollgestellt sind mit Kleidern und Fotos aus der Zeit der Sissi-Filme und aus den Filmen, die sie damals noch in Deutschland gedreht hatte, bevor sie zur „Verräterin“ wurde, die lieber in Frankreich anspruchsvollere Rollen spielte. Ich mochte sie immer gern, schon als Kind hat mich besonders ihre Stimme fasziniert, ich kenne nur noch einen Schauspieler, mit dessen Stimme es mir ähnlich ging. Und weshalb hat sie hier diese ständige Ausstellung? Sie hat ihre Kindheit in Schönau verbracht.

Das hatten wir nicht vermutet: Je näher wir zum Königssee kommen, desto mehr buhlt man um unsere touritische Aufmerksamkeit.

Hier kann man sich ein neues Gesicht kaufen, falls man sein altes verloren hat – zwischen 5,95 und 7,95 Euro, das können sich auch FDP-Politiker leisten.

Besonders beliebt sind diese Plüschtiere – man spricht irgendwas in die Figur hinein, und ein integrierter Hochleistungscomputer nimmt das auf, verzerrt es ein wenig und wiederholt, was man gesagt hat. Wenn man das zweimal gemacht hat, ist der Reiz auch schon wieder verflogen, aber besonders Kinder sind natürlich fasziniert.

Den Königssee kann man mit einem Elektroboot befahren, eine Station kostet 15,90, zwei 19,90 Euro. Ganz schön happig, aber da wir schon mal da sind …

Alle Viertelstunde legt ein Boot ab, die Fahrt dauert ungefähr 45 Minuten. Seit 1909 werden die Boote – inzwischen gibt es 18 von ihnen – elektrisch betrieben. Der Grund war in erster Linie nicht frühes Umweltbewußtsein, sondern der Krach, den Benzinmotoren machen: Wenn die Herrschaften auf Jagd gingen, war weit und breit kein Wild zu sehen, weil es vor den Knattergeräuschen vom See geflohen war.

Ah! – Oh! – Ah!! – wer findet, das sei ein Postkartenfoto, klickt einfach drauf, schon ist es ein Bildschirmfoto. Das ist die 1. Station, St. Bartholomä, so genannt nach der Kirche. Im Hintergrund sieht man die Ostwand des Watzmanns. Gern klettern Wanderer darin herum, ungeübt und/oder mit Turnschuhen und stürzen ab. Diese ganze Gebirgskletterei von Kletterlaien sollte verboten sein, ohne Kletterführerschein sollte man niemanden auf die Berge lassen.

Mit Dramafilter sieht’s ein bißchen unheimlich, aber auch plastischer aus.

Natürlich steigen wir aus. Meine Begleiterin, die nicht zu Übertreibungen neigt, benutzt ein paar mal das Wort „paradiesisch“. Ja, doch, ganz schön …

… es gibt auch einen Biergarten, wo man Kaffee und Kuchen bestellen kann.

Die kleine Kapelle hat man nach dem Apostel St. Bartholomäus benannt, dem Märtyrer, dem man …

… wie auf dem Altarbild gezeigt wird, bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hat. Wenn ihr auf einem Mittelalter- oder Barockbild mal einen Heiligen seht, der seine eigene Haut in der Hand hält, wißt ihr nun, wer das ist. Es gibt eine ganz berühmte Darstellung von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Die Figur soll ein Selbstbildnis des Künstlers sein, womit er sagen wollte: Uns Künstlern wird auch das Fell über die Ohren gezogen, so ungerecht werden wir behandelt. Aber das nur nebenbei. St. Bartholomäus ist nicht nur der Patron der Almbauern und SennerInnen, sondern auch der Heilige, der angerufen wird bei – na? Bei welchen Krankheiten? Genau, bei Hautkrankheiten. Wenn jemand sich damit auskennt, dann der, dachte man wohl – ähnlich wie St. Blasius für den Hals und der enthauptete St. Dionysius für Kopfschmerzen. Also, diese Katholiken – immer für einen Spaß bereit.

Am Ufer steht ein Sektenprediger vor einer sehr kleinen Abhängerschaft und brabbelt irgendwas – so sieht es jedenfalls aus. Wir erfahren, daß das der bayerische Finanz- und Heimatminister ist, der just an dem Tag einen WLAN-Hotspot auf der kleinen Halbinsel eingerichtet hat. Besser gesagt: Er hat auf den roten Knopf gedrückt, und wie durch Zauberei können nun alle Selfidioten ihre Handyfotos augenblicklich und unverzüglich ins weltweite Netz schicken, und das völlig umsonst, möglich gemacht durch den Finanzminister. Oder durch den Heimatminister, man weiß es nicht – die CSU scheint irgendein Problem mit dem Begriff Heimat zu haben. Daß man das in der Partei ständig thematisieren muß, schon Seehofer hatte ja seine Schwierigkeiten damit, ist merkwürdig.

Such! Such das Stöckchen! – sagt der Hund.

Im Boot zur 2. Station belauschen wir ein Gespräch zwischen einem der Bootangestellten und zwei anderen Fahrgästen. Ausgerechnet heute, so der Angestellte, wo der Minister anwesend sei, sei nur so wenig los. Heute sei der erste Tag in diesem Sommer, an dem nicht 8.000 Gäste mitfahren würden, sondern nur 2.000 … wie bitte? Ich denke erst, ich hätte mich verhört, aber er wiederholt es noch ein paarmal. Deswegen wurden wir also im Biergarten so schnell bedient. Man muß auch mal Glück haben. 8.000 mal 19,90 Euro, wenn alle die große Fahrt buchen, das macht einen Umsatz von 160.000 Euro – am Tag! Laut Auskunft des bayerischen Finanzministeriums fahren im Jahr 700.000 Menschen mit den Booten („Berchtesgadener Anzeiger“ vom 30.08.19) – was sagt der Heimatminister dazu? Ausbeutung der Natur zu rein kommerziellen Zwecken, Zerstörung der heimischen Infrastruktur für einen zügellosen Tourismus, Entfremdung der einheimischen Bevölkerung von ihrer durch Jahrhunderte gewachsenen Lebenskultur, Umweltverschmutzung durch die tägliche Bewegung der Touristenmassen, die mit Bussen und Autos hergekarrt werden – das muß aufhören!? Nichts davon. Das Ministerium erlaubt stattdessen den Bau des 19. Bootes, um den Andrang beherrschen zu können. Und nun wissen wir auch, warum das Heimatministerium dem Finanzministerium beigeordnet ist: Heimat, das ist in Bayern vielfach der Ort, wo möglichst viel Geld gescheffelt wird. Das kann man übrigens auch in den alpinen Wintersportorten sehr gut beobachten.

700.000 x 19,90 Euro – das macht knapp 14 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, nur mit den Booten, da ist noch nicht das Geld mitgerechnet, das die Touristen für Transport, Essen und in China hergestellte und importierte Kitschsouveniers ausgeben.

Wir fahren weiter zur 2. Station, der Saletalm. Ganz schön, da kann man ein wenig herumspazieren und die Leute beim Selfienieren beobachten.

Es gibt ein Restaurant mit einem provisorisch wirkenden, aber funktionierendem Selfservice-Konzept, es gibt gute deutsche Hausmannskost, also Currywurst mit Fritten und ähnliches (gar nicht auszudenken, was hier los ist, wenn viermal so viele Leute da sind).

Weil es anfängt zu regnen, müssen alle Gäste drinnen einen Platz finden. Der Lattenjupp muß draußen bleiben, aber er hat ja sein eigenes kleines Häuschen.

Wir spazieren den Weg entlang, zu einem weiteren kleinen See, von dem aus es zu einem Wasserfall geht, in dessen Zwischenbecken immer mal wieder Leute ertrinken, die Selfies machen wollen, habe ich in einer Doku gesehen – das letzte Zeugnis ist die Botschaft an die Welt: Guckt mal, wo ich bin – und sterbe.

Wir verzichten und kehren um, folgen diesen beiden Nicht-Ostfriesen (der Ostfriesennerz ist gelb), trinken zum Abschluß in einem Biergarten in Schönau eine Apfelschorle und beobachten amüsiert, …

… wie aufgeregt diese beiden Asiaten reagieren, nachdem man ihnen das bestellte Bier serviert hat. Mit dieser Menge hatten sie ganz offensichtlich nicht gerechnet. Der Gastronom macht ein schönes Geschäft mit der Unwissenheit der ausländischen Kundschaft, aber das ist ja überall so.

Fazit: Diese Wanderung kann ich nicht empfehlen – trotz der großartigen Landschaft ist es zu anstrengend und an einigen Stellen lebensgefährlich. Daß es trotzdem ein schöner Urlaub war, verdanke ich überwiegend meiner Begleiterin: Ohne ihren nachsichtigen, humorvollen und mitfühlenden Beistand hätte ich die Wanderung wahrscheinlich nach wenigen Tagen abgebrochen.

Ende.

Vorlesezeit

Da ich wenig Zeit habe, heute mal eine Konserve aus dem Jahr 2010, der Inhalt ist aber wie neu. Damals schrieb ich über den Text: „Er geht zu Herzen und spart doch die Wirren des Alltags nicht aus: Es geht um eine aussichtslose, einseitige Liebe, die vermutlich nie in Erfüllung geht. Taschentücher bereithalten.“

Der Text ist von Blogfreund Jules van der Ley (heute Teestübchen Trithemius), eingelesen und bebildert von mir.

Euch allen erholsame Tage!

Wandern auf dem Salzalpensteig (11): Ausflug nach Salzburg (2)

Ich habe Urlaub bis ins nächste Jahr, könnte also alle möglichen Dinge erledigen und tue – gar nichts, außer rumhängen und lesen. Auch mal ganz schön. Nun aber habe ich mich endlich aufgerafft, weiter geht’s mit ein paar Eindrücken aus Salzburg.

Die Innenstadt steht auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, was auf der einen Seite bedeutet, daß sie vor baulichen Veränderungen einigermaßen geschützt ist. Auf der anderen Seite benutzen viele Touristen diese Liste als Hinweise für „must see places“, was bedeutet: Es ist voll hier, besonders in der engen Getreidegasse, in der das Geburtshaus des berühmtesten „Sohnes“ der Stadt steht. So …

… sieht er aus. Oder doch …

… eher so? Nee, jetzt hab‘ ich’s:

So. Ist natürlich alles Quatsch. In Wirklichkeit …

… ist er von edlem Antlitz.

Meine Begleiterin ist Schokoladenliebhaberin, deshalb müssen wir unbedingt ins Café und Konditorei Fürst. Paul Fürst hat 1890 die Mozart-Kugel erfunden – und leider nicht patentieren lassen, so daß es heute alle möglichen Nachahmer gibt, darunter auch welche von mieser Qualität, ich habe sie probiert.

Die Kugeln von Fürst werden heute immer noch so hergestellt wie zu Anfang, jede einzelne ist von Hand gerollt: Ein Pistazienmarzipankern, ummantelt von einer dicken Schicht Nougatschokolade, wird auf einen Holzstab gesteckt und in Kouvertüre getaucht. Wenn alles fest und getrocknet ist, wird die Kugel abgenommen und – Sensation! – jede einzelne per Hand mit einem Schokopropfen zugestopft und eingewickelt.

Da es warm ist und alle Leute draußen sitzen, haben wir innen die frei Platzwahl, sehr schön.

Ich übertreibe nicht: Der dunkle Kuchen heißt wirklich Mozart-Torte.

Kaum ein Geschäft, daß nicht teilhaben will am Komponisten-Hype: Notenvorhang als Deko.

Mich würde interessieren, wie der Amerikaner das ausspricht: Why-iner Sknizl?

Na, das ist doch mal ein Schnäppchen! Den halben Preis nehme ich gerne mit, aber bitte keine Schecks, das Dirndl dürft ihr behalten. Nein, schon okay, ich weiß, wie es gemeint ist. Leider kann ich nicht zuschlagen, in Köln trägt man sowas nicht, und mein Arbeitgeber wäre irritiert.

Das wäre doch schon eher was für mich. Der gleicht mir – bis aufs Haar, meins ist kürzer. Und die Kombi mit den Schuhen, also, ich weiß nicht, das ist jetzt nicht soo elegant. Schluß mit den Albernheiten …

… kommen wir zum Ernst des Lebens: Noch ein Portrait von mir? Fast, ich arbeite nur noch halbtags, das hat mich davor bewahrt. Gechmackloses als Mitbringsel für die Kleinen zu Hause: „… und so sieht Mozart heute aus.“

Das ist heutzutage aber nicht mehr politisch korrekt …

… dachte sich hier jemand. Wenn man es so läßt, kann jeder zufrieden sein.

Da geht’s zum Residenzplatz vorm Dom …

… mit einem riesigen Pferdebrunnen in der Mitte, wo den Tieren das Wasser aus allen möglichen Öffnungen fließt. Ich möchte nicht wissen, was die Pferde im Hintergrund davon halten.

Dahinten geht es in den Dom, da müssen wir rein, so schnell kommen wir nicht mehr her.

Tja, schön wär’s – zur Zeit wird der „Jedermann“ aufgeführt, und so lange ist der Eingangsbereich geschlossen. 14 Aufführungen innerhalb von sechs Wochen im Hochsommer – und so lange können keine Besucher in den Dom? Daß man das nicht besser lösen kann …
Über 2.500 Zuschauer sollen da gleichzeitig sitzen können, wenn man eine der Eintrittskarten ergattert hat. Für 2020 kann man schon vorbestellen, ab 357,- Euro aufwärts. Sieht gar nicht so groß aus, ich weiß ja nicht, ob das ein großes Vergnügen ist.

Herrenmode im Wandel der Zeit.

Gleich in der Nähe der – na? – richtig: Der Mozart-Platz.

Der hätte es nach meiner Meinung ebenso verdient, überall gefeiert zu werden: Der Dichter Georg Trakl wurde hier geboren. Wenn man in den Hinterhof des Hauses geht, werden einem über Lautsprecher einige Gedichte vorgelesen – von mehreren Stimmen gleichzeitig, in verschiedenen Sprachen. Man versteht kaum ein Wort – keine Ahnung, was das soll, echt blöd gemacht.

In der Wohnung ist ein Trakl-Museum eingerichtet, allerdings mit merkwürdigen Öffnungszeit. Egal, wir haben eh keine Zeit. Der Dichter wurde bloß 27 Jahre alt, man weiß nicht genau, ob er sich selbst getötet hat oder ob es ein Drogenunfall war, beides ist möglich – ein Mensch, der sowieso schon mit sich und seiner Welt haderte, und dann erlebte er auch noch einige Gräuel des beginnenden 1. Weltkriegs. Hier eins seiner Gedichte:

Confiteor

Die bunten Bilder, die das Leben malt
Seh‘ ich umdüstert nur von Dämmerungen,
Wie kraus verzerrte Schatten, trüb und kalt,
Die kaum geboren schon der Tod bezwungen.

Und da von jedem Ding die Maske fiel,
Seh‘ ich nur Angst, Verzweiflung, Schmach und Seuchen,
Der Menschheit heldenloses Trauerspiel,
Ein schlechtes Stück, gespielt auf Gräbern, Leichen.

Mich ekelt dieses wüste Traumgesicht.
Doch will ein Machtgebot, daß ich verweile,
Ein Komödiant, der seine Rolle spricht,
Gezwungen, voll Verzweiflung – Langeweile!

Passend dazu (obwohl nicht zusammengehörig) werden wir auf eine Ausstellung hingewiesen: Die Kriegstreiber, die uns ihre Waffen verkaufen und uns in ihrem Gebrauch schulen, das sind die eigentlichen Feinde.

Wohnungsklingeln von früher – funktionieren heute nicht mehr, habe ich mir sagen lassen, die Leute ziehen ein elektronisches Fiepen vor. Sporer soll übrigens ausgezeichnete Spirituosen herstellen, habe ich (glücklicherweise erst nach unserem Besuch) gehört.

So, wir müssen wieder zurück. Wenn man in der Gegend ist, kann man hier gut einen Nachmittag verbringen, oder auch zwei – das Kunstmuseum soll sehr gut sein. Extra für die Stadt herkommen würde ich nicht. In Mozarts Geburtshaus befindet sich übrigens ein Supermarkt im Erdgeschoß (die Käsetheke ist in seinem ehemaligen Kinderzimmer … nein, quatsch). Warum auch nicht – so unverblümt, wie hier mit seinem Namen Geschäfte gemacht werden, das hätte ihn vielleicht sogar amüsiert.

Fortsetzung folgt.

Venloer Str.

Rund 41 Prozent der deutschen Bevölkerung lebt als Single, in Großstädten sind es sogar 54 Prozent. Da sehnt man sich nach Mitbewohnern, und seien sie auch nur im Möbelhaus für 300 Euro gekauft. Wenn man zusammen mit diesem Mitbewohner fernsieht, besonders Sendungen aus dem Privat-TV, dann fühlt man sich gleich unter seinesgleichen. Allerdings sollte man Vorsicht walten lassen, jedem wohnt ein wildes Tier inne – vielleicht wird im Anschluß die komplette Wohnung auseinandergenommen, und schon muß man wieder ins Möbelhaus. Fernsehen ist nicht zu unterschätzen, man sollte die Apparate nicht ohne Waffenschein verkaufen. Oder man verabreicht Alkohol dazu, das hilft beim Abstumpfen.