Glück

Man könne Glücksgefühle nicht kaufen, wird da behauptet, aber wenn man eine neue Brille erwerbe, komme man nah heran. Und was machen Leute, die keine Brille brauchen? Nicht verzagen …

… Kaffee trinken. Tja, wer den auch nicht mag, hat Pech gehabt. Oder er geht in den Baumarkt und kauft sich ein paar Dosen Spray-Farbe:

In korrektem Englisch müßte da stehen: „Graffiti make happy. You don’t!“, aber wir wissen, was gemeint ist. Nun, für den Künstler mag das stimmen. Ich bevorzuge allerdings ein Stück schwäbischen Apfelkuchen von Café Braun, oder ein Stück Zartbitterorangenschokolade von Lindt, oder ein gut gekühltes Pils an einem lauen Sommerabend. Glück ist vielleicht die falsche Bezeichnung für das Gefühl, das sich dann einstellt, es ist eher eine tiefe Zufriedenheit. Glück halte ich für völlig überbewertet: Glück erhält seine eigentliche Qualität dadurch, daß es meistens abwesend ist. Und wer sich das bewußt macht, läuft Gefahr, sich für überwiegend unglücklich zu halten, was ja – rein quantitativ gesehen – auch stimmt. Dauerhaftes Glück ist eine Erfindung der Werbeindustrie, damit wir ständig und ohne Unterlaß das versuchen, was dieses Geschäft schon mit seinem Namen verspricht:

Zufriedenheit ist mir lieber. Außerdem habe ich nicht so viel Platz in meinem Kleiderschrank.

Aachener Str.

Sonntagnachmittag, an einem der ersten richtig warmen Frühlingstage sitzen die Hedonisten in den Cafés und Restaurants und ahnen nicht, welch Jahrhundertdrama sich zeitgleich auf der anderen Straßenseite abspielt:

Das Foto kann man schon jetzt als historisch bezeichnen: Es zeigt die letzten Besucher einer Aufführung im Millowitsch-Theater. Gut, eigentlich müßte man sagen: Millowitsch-Theater in der Volksbühne am Rudolfplatz, denn hier finden schon seit längerem auch andere Veranstaltungen statt, Konzerte und Kabarett. Peter, der Sohn von Willy Millowitsch, gibt auf. Immerhin hat er das Theater seit den letzten Lebensjahren seines Vater gewinnbringend weitergeführt, was bestimmt nicht einfach war, besonders nach dem Tod des Alten. Nun hat vor zwei Jahren der WDR die regelmäßige Fernsehübertragung (im dritten Programm) eingestellt, was zu so großen finanziellen Einbußen führte, daß ein weiterer Betrieb nicht mehr wirtschaftlich ist. Die Kölner Zeitungen brechen in ein Wehgeschrei aus, daß man sich wundert, daß nicht auch USA Today oder BBC-Nachrichten darüber berichten: Diese lange kölsche Tradition, Verlust einer Legende, Werte- und Kulturverfall usw. – ganz ehrlich, mir wird nichts fehlen, Volkstheater im 50er-Jahre-Stil, dazu noch in Mundart, das fand ich als 10jähriger lustig, aber heute nicht mehr. Und was macht Peter Millowitsch jetzt? Der Mann ist 69 und könnte sich zur Ruhe setzen. Stattdessen „rächt“ er sich an seiner Heimatstadt auf zweifache Art:

Im Sommer tritt er zum ersten Mal neben der Heidi-Kabel-Tochter Heidi Mahler in einem Stück des Hamburger Ohnsorg-Theaters auf, also ausgerechnet bei der ärgsten Volkstheaterkonkurrenz, und wo findet die Aufführung statt?  In Düsseldorf!! Die Schmach nimmt kein Ende …

Apostelnstr.

Immer wieder schön finde ich einen Blick in den Porzellanladen, auf meinen Spaziergängen gehe ich oft vorbei, um zu schauen, was es an neuen Scheußlichkeiten zu bewundern gibt. Keramik ist ein dankbares Material und läßt alles mit sich machen, staunend stehe ich vor dieser Vielfalt an Dekors und Formen. Offenbar findet sowas Käufer, sonst könnte sich dieser Laden nicht halten, ist doch der überwiegende Teil der Ware Ausdruck überbordender Häßlichkeit. Ein … Ding – ich weiß nicht, wie ich es sonst bezeichnen soll – schlägt jedoch alle anderen, so daß es offenbar keinen Käufer findet:

Unwillkürlich fällt mir ein Begriff ein, den wir als Kinder im Schwimmbad als Bezeichnung für einen Sprung ins Wasser mit angezogenen Beinen benutzten: Arschbombe. Das soll laut Beschriftung allerdings ein Pfirsich sein, eine Handarbeit, von 200 auf 99 Euro herabgesetzt. Das ist also nicht etwa eine Bowle-Schale, das Behältnis für das schauderhafte Mischgetränk aus Kellergeister-Sekt, Wein, Mineralwasser und Dosenfrüchten, nein, die …äh, Skulptur hat rein dekorative Zwecke. Oder sie ist der Mittelpunkt für einen Hausaltar: Auf dem Zettel steht: „Für langes Leben!“ („Heiliger Dicker Pfirsich, bitte mach, daß ich ein langes, erfülltes Leben habe. Amen.“)

Maybrit Maischberger auf der Stunksitzung

Die Stunksitzung war seit Mitte der 80er Jahre die erste und lange Zeit einzige alternative Karnevalsveranstaltung – eigentlich war es reines Kabarett mit ironischem Karnevalsbezug, das Publikum bestand aus meist unverkleideten Studenten. Früher war ich oft da, meistens kannte ich jemanden, die mich umsonst hineinließ, und wenn die dann auch noch kellnerte, brauchte ich nichtmal für das Bier zu bezahlen. Inzwischen gehört die Stunksitzung (wie auch viele andere alternative Veranstaltungen) fest zum etablierten Karneval, findet pro Session zigmal statt und ist immer ausverkauft. Aus alter Verbundenheit schaue ich sie mir im Schnelldurchlauf im TV an – manchmal ist etwas Witziges dabei, wie diese Talkshow-Parodie. Sie bringt es auf den Punkt, warum ich mir keine Polit-Talkshows mehr ansehe:

Zülpicher Str.

Ich habe nur schwarze Socken, das erspart mir das Sortieren nach dem Waschen. Ich werfe sie durcheinander in die Schublade, was die Socken allerdings zu Verhaltensweisen verleitet, die ich keineswegs billigen kann: Manchmal bleibt eine einzelne Socke übrig. Die Socken nutzen offenbar meine laisser-faire-Haltung aus und zeugen Junge. Da ich mit solchen Sauereien nichts zu tun haben möchte – Sockenorgien in meiner ! Schublade – schmeiß ich den Nachwuchs schnell weg, in der Hoffnung, das wäre nur ein Ausrutscher, aber es dauert nicht lange, und ich halte wieder so ein unerwünschtes Exemplar in Händen. Was mach ich nur – ich kann doch nicht für jede Socke eine eigene Schublade anschaffen, um das unzüchtige Treiben zu beenden!

Eine junge Designerin hatte neulich einen anderen Verdacht: Die Socken gehen auf Wanderschaft, verlaufen sich dann und sind auf fremde Hilfe angewiesen. Wer eine einzelne Socke in seiner Schublade hat, kann hier in den Laden gehen und schauen, ob er das Gegenstück dazu findet und das vereinte Paar mitnehmen. Bleibt nur zu hoffen, daß die dann nicht vor lauter Wiedersehensfreude gleich wieder loslegen …

Singen ist das neue Saufen

Das Karnevalsmotto der diesjährigen Session (deutsch ausgesprochen, also mit stimmhaftem ’s‘ am Anfang; eine Session umspannt die Zeit zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch) lautet: „Mer Kölsche danze us der Reih“ – auf Hochdeutsch: „Wir lassen uns das Saufen nicht verbieten – und müssen wir auch noch so reihern!“ Und weil das so schön ist, hat man auch gleich am 11.11. damit angefangen: Die Sauferei, Wildpinkelei und Kotzerei in Hauseingänge und überall woanders wurde derart ekzessiv betrieben, daß man heute noch darüber spricht. Die Stadtverwaltung gründete schnell eine Kommission, um zu beraten, was man tun müsse, um derlei Treiben an den „tollen“ Tagen im Februar, also im Straßenkarneval von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch, zu unterbinden. Oberbürgermeisterin Reker, vielen bekannt durch ihren großen Vorrat an Weisheiten, wie z.B. die nach den sexuellen Übergriffen Silvester 2015, die bergrapschten und vergewaltigten Frauen sollten die Täter vorausschauend immer eine Armlänge von sich fernhalten, dann könne nichts passieren, Frau Reker also hat einen neuen Geistesblitz: „Wer singt, trinkt nicht!“ Also läßt sie im Studentenviertel eine Bühne aufbauen, wo Karnevalsmusik zum Mitsingen dargeboten wird. Wer das nicht glaubt, kann es ja selbst ausprobieren: Singen singen singen, und dabei ein Schluck aus der Pulle – vorsicht, nicht verschlucken. Bitteschön, der Beweis – funktioniert nicht. Und wenn man das 12 Stunden am Stück macht, läuft man eher Gefahr, wegen Dehydrierung in Ohnmacht zu fallen, als daß man irgendwo hinpinkeln muß – Problem gelöst. Umgekehrt gilt das natürlich auch: Wer trinkt, singt nicht – deswegen ist es zur Karnevalszeit in den Kneipen immer so still. Ich weiß nicht, wann Frau Reker zum letzten Mal durch die Straßen Kölns gelaufen ist, das muß schon sehr lange her sein.

Noch eine Maßnahme: Wir verbieten die Bierbuden! Haha!! Das weiß ja jeder: Durstig vom vielen Singen und Schunkeln stolpert der Kölner Jeck orientiertungslos durch die Gegend, bis er automatisch von einer Bierbude aufgehalten wird – schon hat man den Salat, bzw. das Bier literweise oben rein und anschließend Harndrang. Das Kalkül der Oberbürgermeisterin: Wenn keine Bierbuden mehr da sind, schleicht der Jeck eine zeitlang zombiegleich durch die Gegend, bis er schließlich erneut von Karnevalsmusik angezogen wird, seinen Durst vergißt und wieder lauthals mitsingt. Inzwischen wurde das Bierbudenverbot aber wieder aufgehoben – die Betreiber hatten herumgemault, von wegen entgehender Gewinne und überhaupt. Gut, das kann man natürlich nicht ahnen, daher zeigte Frau Reker ein Einsehen.

In Köln bewerfen sich Karnevalisten mit ‚Kamelle‘ und ‚Strüsjer‘ (Hartzuckerbonbons und zwei zusammengebundene Tulpen mit Blumengrün). Die Kölner Rockband Brings, die sich schon lange an den Karneval verkauft hat (ich kann das verstehen: So ein Auftritt bei einer großen Karnevalsgesellschaft bringt bis zu 3.000 Euro, und pro Session hat eine prominente Band über 200 Auftritte), gibt an, vor zwei Jahren bei einer Düsseldorfer Sitzung mit Brühwürstchen beworfen worden zu sein. Tja – andere Städte, andere Sitten. Jedenfalls hat ihnen das so gut gefallen, daß sie jetzt öfter in Düsseldorf auftreten wollen.