Wandern auf dem Salzalpensteig (2): Marquartstein – Bergen

Der Blick morgens aus dem Hotel verspricht einen schönen, klaren Tag – aber was interessiert den Rest des Tages, was der Morgen für Versprechungen macht. 

Marquartstein ist ein ganz hübsches, kleines Städtchen. Der Hund beißt nicht und bellt nicht und kackt auch nirgendwo hin. Brav. Auf dem Schild wird das Angebot des Tages angepriesen: „Sonnen-Müsli-Brot mit Chiasamen und Chinoa / Himbeersahne“ – topaktuelles Superfood! Gut, über die Zusammenstellung mit der Sahne müssen wir uns nochmal unterhalten … 

Ach – hier lebte für ein paar Jahre der berühmte Komponist Richard Strauss. Er war einer der Lieblingskomponisten von Hitler – gut, seine Fans kann man sich nicht aussuchen, aber daß Strauss dem „Schlächter von Polen“ Hans Frank, dessen Wirken Hunderttausende (wenn nicht Millionen) das Leben gekostet hat, im Jahr 1943 ein von ihm komponiertes und verfaßtes Lied gewidmet hat, ist kaum zu entschuldigen. 

An wen erinnert mich dieses Gesicht? Fängt mit P an. 

Fünf Kilometer Aufstieg bis zur Schnappenkirche, dann, so heißt es in unseren Unterlagen, „bietet sich von oben ein schöner Blick über das Alpenvorland und den Chiemsee“. 

Ach was!

Aber wir sind nicht eingeschnappt, wieso sollen wir vermissen, was wir nicht kennen, und außerdem hat die in Nebel eingehüllte Landschaft einen ganz eigenen Reiz, den die nicht erleben können, die an anderen Tagen die Aussicht genießen. 

Weiter geht’s. Ist doch ganz märchenhaft. 

Bald kommen wir zur ersten von drei Almen, der Staudacher Alm, mit Einkehrmöglichkeit. „Einkehr“ ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn man muß draußen sitzen. Kaffee gibt es leider nicht, aber man bekommt Saftschorle und Nußkuchen, immerhin. 

Der Ausblick durch den Dramafilter (wie gesagt: aufs Bild klicken zur Vergrößerung). 

„Der Herr Bürgermeister gibt bekannt, daß am Mittwoch Bier gebraut wird, und deshalb ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden darf.“ Gut zu wissen. 

Und wissen die Kühe das auch? Unglaublich, was die für riesige Tretminen verlegen. 

Wo geht es lang? Man muß ein bißchen suchen. 

Es regnet, aber wir haben es nicht mehr weit bis … 

… zu einem Parkplatz mit allerlei Schautafeln, wo wir von unserem nächsten Gastgeber mit dem Auto abgeholt werden, zum Hotel sind es noch vier Kilometer an einer kurvenreichen Straße entlang, das will man uns nicht zumuten, wofür ich sehr dankbar bin. 

Der Wetterbericht für den nächsten Tag (die Temperaturen sind für die Morgenstunden), zeigt Sonne in fast ganz Deutschland, ein bißchen Regen in Ostfriesland und eine einzige schwarze Wolke … jetzt ratet, wo wir sind. 

Egal, denn am nächsten Morgen sollen wir mit einer Gondel auf den Berg Hochfelln fahren, die praktischerweise gleich neben unserem Hotel startet. Da können wir die schönste Aussicht genießen, die man sich überhaupt vorstellen kann – der Berg ist mit 1.674 Metern höher als alle anderen in der Gegend –  und dabei auf der Terrasse des Restaurants einen Kaffee genießen, bevor wir uns an den Abstieg zum nächsten Hotel machen. So ist es jedenfalls geplant. Klingt easy. Man macht Pläne, und dann kommt alles ganz anders … 

Das Atomzeitalter habe ich mir auch anders vorgestellt. Der Mensch irrt, wo er geht und steht.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (1): Prien – Marquartstein


Sonntagnachmittag in Prien angekommen, spazieren wir als erstes zum Chiemsee, in 20 Minuten ist man da. Faule Leute nehmen die Bahn.

Im riesigen Chiemsee gibt es große, bebaute Inseln, und auf der größten Insel steht sogar ein Schloß im Stil von Versailles, in Auftrag gegeben von König Ludwig II., der auch Neuschwanstein zu verantworten hat. Wer hat’s bezahlt? Die Bayern. Aber sie lieben ihn trotzdem.
(Bilder vergrößern: Aufs Bild klicken) 

Ah – Berge! Meine Begleiterin kommt ins Schwärmen. 

Im Ort ist gerade ein Fest, der Anlaß ist das Ende des Sommers, wenn ich das richtig verstanden habe.

Es gib vier Bühnen, auf jeder wird bayerische Blasmusik gepielt, es ist unmöglich, sich strategisch so zu setzen, daß man möglichst von keiner Bühne was mitkriegt … 

… aber wenigstens die größte Bühne können wir meiden. 

Es gibt sehr viel zu essen … 

… und man hält sich nicht zurück: Zwischen beiden Aufnahmen liegen ungefähr vier Stunden. Und dann gibt es natürlich noch Haxn, Würste aller Art und Schmalzkuchen. 

Vor der Apotheke gibt es Alltagsmedizin Flüssignahrung. Das ist einer von drei Ständen, in denen pausenlos Bier in große 1-Liter-Gläser gefüllt wird, schon seit dem frühen Nachmittag. Wie kann man soviel saufen? Und was soll das mit den 1-Liter-Gläsern? Das Bier wird doch schal und warm, oder man muß es so schnell trinken, daß man im Nu einen sitzen hat. Ich bestelle also zwei halbe Liter – und erhalte dafür erstmal ein amüsiertes Grinsen. Da es dafür (also für den halben Liter jetzt) keine Gläser gibt … 

… werden die Humpen halb gefüllt. Eine Maß kostet 8,30 Euro, zwei halbe „neini“. Die Benutzung eines Glases schlägt also mit 70 Cent zu Buche, schließe ich messerscharf. Oder es gibt Mengenrabatt auf einen Liter, der beim Kauf von geringeren Mengen natürlich abgezogen werden muß. 

Trotz Blasmusik – mir gefällt’s hier. Ich bin allerdings auch schon beim zweiten halben Liter. Achtung – jetzt wird was aufgeführt: Sechs Männer stellen sich auf Tische und lassen Peitschen knallen. Das hört sich so an:

Keine Sorge, es sind nur 23 Sekunden.

Gegen 21 Uhr leert es sich. Man sieht niemanden wanken, keiner kotzt, alle benehmen sich manierlich – trotz der Biermengen, die hier getrunken wurden, keine Ahnung, wie die das machen. Falls es einen Trick gibt, gebt ihn bitte an die Kölner Karnevalisten weiter. 

Am nächsten Tag geht’s los. Es ist bedeckt, ab und zu fallen ein paar Regentropfen, aber wie sich herausstellt, ist das ganz gut, denn die erste Hälfte der heutigen Etappe von 23 Kilometern wandern wir unter freiem Himmel, und das ist bei 33 Grad unter praller Sonne nicht so angenehm. 

Das ist das Zeichen, dem wir folgen müssen, aber Obacht: Das gibt es auch in Blau (für Salzalpentouren) und Rot (für Zuwege), und besonders blau und grün kann man schnell verwechseln. Der Pfeil zeigt, in welche Richtung wir gehen müssen. Jedenfalls theoretisch. 

Wir landen auf einem Campingplatz und riskieren eine Kreuzigung, aber was soll man machen. 

Schöner Blick auf den Chiemsee – zu dem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, daß das der letzte sein sollte.

Wir irren herum zwischen Wohnwagen und Zelten und suchen das Zeichen, bis uns klar wird: Wir müssen zurück und die verpaßte Abzweigung suchen. 

„Echt wia’s Leben“ – ohne sich zu besaufen hält man die Quatscherei der Anderen kaum aus, oder wie? Stimmt, manchmal ist das so. 

Wieder in der Spur. Man kommt durch kleine Ortschaften … 

… mit Skulpturenpark und … 

… wo man das Handwerk zu würdigen weiß. 

Wenn einer Kuh eine Fliege ins Auge fliegt, was macht sie dann? Filigrane Hufarbeit. 

Ah, Landschaft. Hier läßt sich noch leicht ausschreiten. 

Aber unausweichlich geht’s irgendwann bergauf, hier noch recht moderat. 

Trotz der langen Strecke erreichen wir Marquartstein bereits nach sechseinhalb Stunden. Die Jugend übt sich in der Jagd. Das ist brav.

Auf der Terrasse des „Hotel Weßner Hof“ ist nicht viel los.

Kürzlich sah ich im TV ein Interview mit einem Sternekoch, der sich darüber beschwerte, daß die Gäste immer Extrawünsche hätten und die wohlkomponierten und fein ausgewogenen Kreationen auf dem Teller kaputtmachen würden. Der Ansicht scheint man hier auch zu sein, obwohl es nur gutbürgerliche Küche gibt: Ich mag keinen Kartoffelstampf, möchte dagegen Bratkartoffeln als Beilage – kommt gar nicht in die Tüte, steht nicht auf der Karte, Salzkartoffel kann ich haben, oder Fritten, aber nur gegen eine zusätzlich Strafgebühr von 1,50 Euro. Okay, ich sehe ein, das ist ein Zumutung für den Koch, die Salzkartoffeln anzubraten, also nehme ich Fritten zur Rindsroulade. Mal was Neues. Und ich verspreche, daß ich den Koch zukünftig nicht mehr beleidigen werde mit meinen Wünschen, denn hier esse ich garantiert nie wieder. Tja, Sachen gibt’s …

Fortsetzung folgt.

 

Wandern auf dem Salzalpensteig

Der Salzalpensteig ist ein Wanderweg von Prien am Chiemsee (südöstlich von München) bis hinein nach Oberösterreich und hat eine Länge von 233 Kilometern. Da uns das zuviel war, haben wir nach ca. 130 Kilometern aufgehört, acht Etappen haben uns gereicht – obwohl, meine Begleiterin hätte gewiß noch weiter gehen können, aber so bucht man das vorher: Eine Wanderung mit Gepäcktransport von Hotel zu Hotel zwischen Prien und Schönau am Königssee, sodaß man nur seinen Tagesrucksack mitschleppen muß und sicher sein kann, daß bei der Ankunft abends ein gemütliches Zimmer und ein reservierter Tisch im Restaurant auf einen wartet.

In den nächsten Tagen zeige ich euch ein paar Bilder von Bäumen im Nebel, vielleicht ein paar ohne Nebel, von großartigen Aussichten, die keine waren, weil alles vernebelt war, und erzähle Geschichten von Schweiß und Tränen und unendlicher Anstrengung. Ha, das wird lustig. An wenigstens ein lustiges Foto kann ich mich spontan erinnern, da stand auf einem Schild, daß man sich besaufen soll. Ihr dürft gespannt sein.

Spielplatz Straßenverkehr

Nach Verkehrsminister Dobrindt dachte man: Schlimmer kann es nicht werden – die personifizierte Inkompetenz. Und dann kam Andreas Scheuer. Wo kriegt die CSU solche Leute her? Oder sind die in Bayern der politische Normalfall? Ausbau des öffentlichen Personentransports (Busse, Bahnen), Ausbau der Fahrradinfrastruktur und bessere, sicherere Fußwege, Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs – pah, alles Quatsch, was wir brauchen, sind neue Verkehrsmittel, die Spaß machen. Also lassen wir die Benutzung von Tretrollern im Straßenverkehr zu, da die nicht so viel Platz brauchen, können sie sich schön durchschlängeln zwischen den Autos. Und damit das auch richtig Spaß macht, werden sie elektrisch betrieben und erreichen mit 20 km/h eine Geschwindigkeit, die über der Durchschnittsgeschwindigkeit eines Fahrradfahrers liegt. Abenteuer Großstadt! Tretroller gegen SUVs, das ist spannender als ein Kampf in einer römischen Arena. Helmpflicht? Gut, mindert das Risiko, aber wer risikolos leben will, kann ja gleich ganz zu Hause bleiben. In Köln vergeht kaum ein Tag, an dem kein Unfall passiert, bei dem ein E-Scooterfahrer beteiligt ist.

Die  E-Scooter stehen in der Stadt überall herum und können schnell mit dem Smartphone entsperrt werden. Eine Stunde kostet ungefähr 12 Euro. Besonders am Wochenende sieht man viele Leute damit über Bürgersteige, Fahrradwege und vierspurigen Straßen kreuz und quer und gegen die Fahrtrichtung durch die Gegend brausen, gern auch in angetrunkenem Zustand und/oder zu zweit.
Ich bin gespannt, was Herr Scheuer sich als nächstes einfallen läßt. Autoscooter, wie man sie vom Jahrmarkt kennt? Ein Riesenspaß …

Morgen fahre ich, aber ganz traditionell mit der Eisenbahn, ausgerechnet ins CSU-Land. Ein paar Blogfreunde kommen da her, deswegen weiß ich, daß da nicht nur Dumpfbacken leben. Wanderurlaub – in zwei Wochen bin ich wieder da – wünscht mir gutes Wetter.

Queen’s Walk, Southbank, London

Als wir vor zwei Jahren in London waren, spazierten wir am Ankunftstag am südlichen Themseufer entlang. Da kann man sich nicht verlaufen, also für den ersten Eindruck genau das richtige. Es war einer der ersten sehr warmen Tage, ein Freitag Mitte Mai, wir hatten den Eindruck, halb London und alle Touristen stehen vor den Pubs und trinken Bier. Das Themseufer ist, wie man sich vorstellen kann, recht dicht bebaut, und so waren wir überrascht und froh, auf diese schöne Allee zu stoßen: Ah – endlich kann man mal durchatmen. 

An den Bäumen hingen kleine Zettel, auf denen geschrieben stand, daß alle Bäume gefällt werden sollten, neben einer Internetadresse für weitere Informationen. Wieder zu Hause, recherchierte ich:

Die Stadt London hatte vor, hier als weitere Touristenattraktion eine Fußgängerbrücke aus Beton über die Themse zu bauen, die aufgrund der Begrünung „Garden Bridge“ heißen sollte. Weil man dafür Eintritt nehmen wollte, plante man ein großes Verwaltungs- und Kassengebäude, um die Touristenströme zu leiten, und dafür sollten die 38 Bäume gefällt und das bisher öffentlich zugängliche Gelände zugebaut werden.

Das Projekt hat folgende Geschichte: Die in England populäre Schauspielerin Joanna Lumley, eine gute Freundin von Prinz Charles, hatte 1998 die Idee für diese Brücke als Denkmal für die verstorbene Lady Diana. Erst 2012 griff der damalige Bürgermeister von London, dessen Familie bereits seit seinem vierten Lebensjahr mit der Schauspielerin befreundet war, die Idee auf. Es wurde ein „Garden Bridge Trust“ gebildet. Die Anwohner wurden nicht groß gefragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt: Man macht das jetzt, basta. Trotz vieler Proteste wurde sofort Geld für die Planung und Umsetzung eingesetzt.

Es gab natürlich viel zu prüfen und zu begutachten, aber Gründe und Bedenken gegen den Bau wurden schnell abgebügelt, ein Kriterienkatalog wurde willkürlich so verkürzt, daß man einfach weiter machen konnte, und als klar war, daß der amtierende Bürgermeister die nächste Wahl wohl nicht gewinnen würde, pumpte man schnell nochmal 9 Millionen Pfund in das Projekt, um es dem Nachfolger schwer zu machen, es aufzugeben. Und so war es dann auch erst: Sadiq Khan, der neue Bürgermeister, war der Meinung, man habe nun schon so viel Geld dafür ausgegeben, wahrscheinlich sei es billiger, die Brücke zu bauen, als alles abzublasen. Glücklicherweise war er so klug, eine Studie in Auftrag zu geben, und das Resultat war: Insgesamt würde die „Garden Bridge“ 200 Millionen Pfund (ca. 218 Mio Euro) kosten. Damit war das Projekt gestorben.

Am 13.02.2019 berichtete die Zeitung „The Guardian“, daß die Kosten für Planung, voreilige Erteilung des Bauauftrags, Bürgschaft der Stadt und den Rücktritt vom Projekt die Londoner Steuerzahler 53,5 Millionen Pfund (ca. 58,3 Mio Euro) gekostet hat – eigentlich für gar nichts: Die Kosten für ein komplett überflüssige Projekt, mit dem sich ein Bürgermeister profilieren wollte, vor seiner Schauspielerfreundin und natürlich auch vor allen anderen, und das Resultat ist eine unglaubliche Geldvernichtung. Nur einige wenige haben sich eine goldene Nase verdient: Der Architekt, die Baufirma und noch ein paar andere Nutznießer.

So sollte die Brücke übrigens aussehen:


An artist’s impression of the garden bridge. Photograph: Heatherwick Studio/PA

Preisfrage: Wie hieß dieser Hasardeur, der ehemalige Bürgermeister von London? Alfred E. Neumann ist es nicht.


Spiegel 30/20.07.2019

Boris Johnson – der neue Premierminister von Großbritannien, der die Briten in den Brexit hineingequatscht hat. Nach seiner Antrittsrede im Parlament scheint der unregulierte Austritt seines Landes aus der EU sogar ein gutes Geschäft zu sein: Die 44 Milliarden Euro, die Großbritannien der EU schuldet, droht er einfach einzubehalten, nach dem Motto: Nicht beglichene Schulden verbuche ich als Plus auf meinem Konto. Die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen, die in den nächsten Jahren auf die Einwohner zukommen, verschweigt er. Ich halte es für gar nicht unwahrscheinlich, daß unter seiner Regentschaft Großbritannien in der EU verbleibt, weil er es einfach nicht hinkriegt, dabei aber unglaublich viel Geld vernichtet wird. In London hat er ja schon gezeigt, wie man sowas macht.

Die gute Nachricht: Die 38 Bäume am Queen’s Walk stehen noch.

Melaten

Was wünscht sich ein Fan eines Gelsenkirchener Fußballvereins für sein eigenes Begräbnis? Daß seine Kumpel an seinem Grab stehen und eine der Vereins-Hymnen singen: „Steh‘ auf, wenn Du ein Schalker bist …“.

Klingt wie ein Witz, aber ich weiß nicht genau, ob es auch so gemeint ist. Falls nicht: Man kann dabei nur verlieren. Die letzte Auferstehung soll – nach Hörensagen, der Fall ist umstritten – vor 2000 Jahren funktioniert haben, und wenn sie in diesem Fall (höchstwahrscheinlich auch) nicht klappt, nährt man den Verdacht, daß man gar kein richtiger Schalke-Anhänger war.

Zitiert wird der Satz in der Ausstellung „Abpfiff: Wenn der Fußball Trauer trägt“, die zum 60-jährigen Jubiläum der „Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner“ in der kleinen Kapelle „St. Maria Magdalena und Lazarus“ auf dem Melaten-Friedhof gezeigt wurde.

Ja, auch Fußballfans sterben irgendwann. Warum sollte man darüber nicht eine lustige Ausstellung machen.

Draußen gibt es ein paar Mustergräber: Die Ecke als Himmel. Warum nicht, aus der Ecke wurden schon so einige denkwürdige Tore geschossen, mit Hilfe eines zweiten, kopfballstarken Spielers – da fühlt man sich nicht so ganz allein … oder wie? Ich weiß auch nicht.

Die Ausstellung begreift sich als „interaktiv“: Hier kann der Besucher sich beteiligen …

… und hier auch. Ja, das macht Spaß. Oder auch nicht, man muß ja nicht.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin gegen jede falsche Pietät. Wie jemand seine Trauer über einen Verstorbenen verarbeitet, bleibt ihm oder ihr überlassen, da gibt es keine Regeln, ebensowenig, wie jemand sein eigenes Begräbnis wünscht. Diese Ausstellung alledings läßt mich ein wenig ratlos: Was, bitte, soll das?

Antwort gibt vielleicht diese Postkarte, die man mitnehmen darf: Auf der Rückseite steht: „Kein Job für jedermann. Wir suchen Azubis mit Feuer. Bist du ein Ruhebewahrer?“ Den Friedhofsgärtnern geht der Nachwuchs aus, wohl – wie man offenbar glaubt – weil er sich völlig falsche Vorstellungen macht: Der Arbeitsplatz Friedhof ist eine „feurige“ und oft auch lustige Angelegenheit, und in den Pausen darf gekickert werden.

Die kleine Kapelle (hier zwei Fotos von vor dem neuen Anstrich) stand lange Zeit leer. Bürgerschaftlichem Engagement ist es zu verdanken, daß sie nun wieder Gottesdiensten, Trauerfeiern und auch kultureller Nutzung zur Verfügung steht.

Sie ist im frühgotischen Stil erbaut und war schon 1245 fertiggestellt, drei Jahre vor der Grundsteinlegung des Doms. Tja – da heißt es in allen Fachbüchern, die Gotik in Deutschland habe mit dem Dom angefangen, und in Wirklichkeit …

Auf dem Areal – zu der Zeit weit außerhalb der Stadtmauern – befand sich ein Leprosenheim, worauf übrigens der Name der Kapelle und auch der des Friedhofs hinweisen: Melaten kommt von mal ladre, und das heißt: Krankheit des Lazarus, der vor seiner Wiederbelebung an Lepra gestorben war. Leprakranke, oder „Aussätzige“, wie man sie auch nannte, wurden wegen der Ansteckungsgefahr von der übrigen Bevölkerung separiert, allerdings oft an wichtigen bevölkerten Ausfallstraßen, um ihnen die einzige Tätigkeit zu ermöglichen, die man ihnen zugestand: Die Bettelei. Die Aachener Str. war die vielbenutzte Verbindung zwischen Köln und Aachen (westlich von Aachen, an der Straße nach Maastricht, gibt es noch ein Melatenhaus).

Lepra ist eine bakterielle Krankheit und könnte dank Antibiotika schon längst weltweit ausgerottet sein. Es ist ein Skandal, daß es in Brasilien, Indien und einigen afrikanischen Staaten immer noch zu Neuansteckungen kommt.

Das Leprosenheim wurde 1767 geschlossen. Als ca. 40 Jahre später die Franzosen das Rheinland besetzten, schafften sie Ordnung in Köln: Ein großer Friedhof außerhalb der Stadtmauern, dafür war das Areal gerade richtig, also rissen sie die Häuser ab, nur die kleine Kapelle und der Name blieben.

Das alles wollte ich gar nicht erzählen. Erzählen wollte ich eigentlich, daß es, wenn die Temperaturen über 30 Grad sind und man keine Lust mehr hat auf aufgeheitzte Straßen, überfüllte Parks oder backofenheiße Straßenbahnen, mit denen man an den Stadtrand ins Grüne fahren kann – also, daß es keinen besseren Ort gibt als diesen Friedhof. Er ist sehr schnell zu erreichen, wenn man wie ich in der Innenstadt wohnt, er ist weitläufig, schattig, die Luft ist gut, und vor allem: Man hat seine Ruhe! Daß der leichte Wind leise Musikfetzen eines Festivals herüberträgt, macht es einem erst richtig bewußt, wie fern man von allem ist. Herrlich!

Jüngst wurde von der Stadt eine Diskussion darüber angeregt, wie man Kölner Friedhöfe über ihre bisherige Funktion hinaus nutzen könne. So seien ja durchaus Flächen für Yoga- und Tai-Chi-Gruppen denkbar, oder Schachtische mit mehreren Bänken als Treffpunkt, und warum solle man die Anlagen nicht zum Hundeausführen nutzen können? Es gibt 55 städtische Friedhöfe, fast 500 Hektar – verschenkter Platz, so scheint man zu glauben, wenn da nur Leblose herumliegen. „Friedhof für alle!“, heißt die Devise. Was ist mit Joggen, Trimm-dich-Pfad, Grabsteinspringen? Lagefeuerplätzen für Jugendgruppen? E-Roller-Parcour zwischen den Gräbern? Imbißstände, Bierbuden, Kinderkarrussels, elektronisch verstärkte Musikdarbietungen? Das würde die Event-Ballung in der Innenstadt vielleicht etwas entzerren … Der Protest dagegen ist groß, die Verantwortlichen scheinen zurückzurudern. Ich hoffe, es bleibt dabei.

Ein Foto meiner Begleiterin. Wenn hier die Hunde frei laufen, ist es damit vorbei.

 

Pfingstwochenende

Deutschland kann sich glücklich schätzen: Es ist nichts passiert auf der Welt, über das sich zu berichten lohnte. „Wir machen was mit Tieren, das geht immer“, wird man sich beim Express gedacht haben. „Pico ist so blöd, daß man ihn lieben muß“ – das entspricht vermutlich exakt der Einschätzung der Express-Redakteure über ihre zahlenden Leser, fatalerweise bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht vielleicht recht haben. Meine Begleiterin erinnerte sich gleich an eine Bild-Schlagzeile: „Lottozahlen immer blöder“ – gemeint waren jetzt nicht die Zahlen, die der Schreiber tippte, sondern so allgemein, die Zahlen, die sich ziehen ließen. Mit Blödheit kennen die Redakteure sich offenbar sehr gut aus.