Wandern auf dem Salzalpensteig (5): Ruhpolding – Inzell – Bad Reichenhall

Ah! – das nenn ich einen vernünftigen Wanderweg.

Eine kleine Kapelle mitten im Wald. Schön, schön – eine Kaffeebude wäre mir lieber.

Ein E-Bike am Wegesrand im Nirgendwo, gegen Diebstahl an den Baum gekettet, aber weit und breit kein Mensch zu sehen.

Vielleicht ist der Fahrer gestürzt und liegt im Krankenhaus, spekulieren wir … aber hier, auf diesem abschüssigen Weg mit fußballgroßen Steinen werden doch keine Fahrradfahrer unterwegs sein, wer ist denn so verrückt. Tatsächlich – alte Fährtenleser, die wir sind – entdecken wir Reifenspuren.

Diese ist eine sehr schöne Etappe. Gut, klar, Berge und Wald usw., das hatten wir alles auch – hier gibt es Kaffee und Kuchen, serviert von einer Kellnerin im Dirndl. Im Hintergrund läuft „Relax“ von „Frankie Goes to Hollywood“.

Schon nach ungefähr vier Stunden erreichen wir Inzell, ein kleines Kaff, über das es kaum weiteres zu erzählen gibt.

Immer mal wieder sieht man an den Häusern bayrische Streetart. Ob der Dorfkramer all das hatte, was man in Norddeutschland beim Kolonialwarenhändler bekam?

Am nächsten Tag, kaum losgelaufen, versperrt diese Barke unseren Wanderweg. Da geht’s nach Lebensgefahr – ich hatte eigentlich gehofft, das liegt hinter uns. Brav gehen wir die Ausweichroute …

… doch schon an der ersten Gabelung werden wir alleingelassen: Kein Schild, keine Wegmarkierung, gar nichts. Solange die ungefähre Richtung stimmt, ist es uns egal, denn heute müssen wir uns parallel bewegen zur berühmten …

… Alpenstraße. Ich schwöre, daß ich eine Postkarte gesehen habe, auf der mehrere Fotos verschiedene Abschnitte dieser Straße zeigen. Ja, es gab mal eine Zeit, da brauste man mit seinem Automobil ohne Verdeck über die Alpenstraße und fühlte sich herrlich an der frischen Luft und in der ursprünglichen Natur, ein ganz außerordentliches Urlaubserlebnis, an dem Tante Erna in Buxtehude auch teilnehmen konnte, wenn sie auf der Postkarte die einzelnen Asphaltabschnitte bewunderte.

Also, Leute – das ist doch nicht schön: Der Salzalpensteig geht geradeaus, der grüne Pfeil aber zeigt nach rechts – was denn jetzt? Und von welcher Waldbahn ist da die Rede? Oder heißt die Gegend so?

Wir irren ein bißchen herum. Bayronman scheint gerade anderweitig beschäftigt zu sein.

Lustige Installation am Wegesrand (das Kunstwerk heißt „1,7 Promille, kurz vorm Ziel“).

Und da sind wir auch schon wieder an der Alpenstraße, das muß der Ortsausgang von Weißbach sein. Die berühmten Weißbachfälle haben wir nun nicht gesehen, dafür …

… haben wir hier die Möglichkeit, uns mit heimischen Holz(schnitz?)produkten einzudecken, zum Beispiel die berühmten holländischen Windmühlen — Freunde aus Bayern, bitte klärt mich auf, was machen die hier?! Gut, in Kölner Souveniergeschäften kann man auch Kuckucksuhren kaufen, und der reisende Chinese denkt wahrscheinlich, die Niederlande gehören zum Voralpenland.

Etagenbetten sind ja nicht so mein Ding, aber es gibt Leute, die kommen gut damit zurecht.

Die berühmte Weißbachschlucht ist nicht gesperrt, aber sie birgt „alpine Gefahren“, nur bei Sturm, Gewitter und Starkregen ist das Begehen verboten. Während meine Begleiterin den Anfang des Weges erkundet, komme ich mit einem schon älteren Paar ins Gespräch, die ihn gerade gegangen sind, von der anderen Seite her. „Doch, ist nicht ungefährlich, aber Sie schaffen das, Sie haben ja gute Schuhe“, sagt der Mann. Die Frau ergänzt: „Das macht man einmal in seinem Leben … und dann nie wieder.“ Alles klar, ich weiß Bescheid.

Schon in unseren Unterlagen steht, daß die Strecke verlegt wurde. „Höllenbachsteig“ klingt aber auch nicht besonders verlockend.

Vor dem Aufstieg kommen wir am Mauthäusl vorbei …

… das eine Terrasse mit einer herrlichen Aussicht hat. Ja, so schön können die Alpen sein.

Der Aufstieg ist weniger schlimm, als ich befürchtete. „Noch hundert Meter, dann beginnt der Abstieg“, steht in unseren Unterlagen. Pah, das ist doch ein Klacks, denke ich. Gemeint sind allerdings hundert Höhenmeter.

Sehr fortschrittlich, es gibt hier schon Plumpsklos für drei Geschlechter: „Buam“ und „Madln“ und „Pisser“ – echte Kerle, die nur im Stehen pinkeln. Oder was steht da?

Achtung! Beim Laufen immer schön den Blick auf den Weg halten, wer in die Runde gucken will, erst stehenbleiben und irgendwo festhalten.

Nach ordentlichen 22 Kilometern erreichen wir Bad Reichenhall, wo das Salz erfunden wurde. Im nächsten Teil erzähle ich euch, warum der Salzalpensteig so heißt.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (4): Hochfelln – Ruhpolding

Weiter geht’s, wir sind noch nicht oben. Unser Wanderweg (seufz!). Ein hundert Meter langer steiler Geröllabhang, den wir erklimmen müssen, ist machbar, aber man sollte nicht zurückgucken, wenn man nicht schwindelfrei ist, ohne sich gut festzuhalten.

Oben angekommen …

… liegt alles im Nebel. Okay, ich sehe ein, das wäre wirklich gemein gewesen von der Seilbahngesellschaft, wenn sie hier Touristen mit dem Versprechen auf eine spektakuläre Aussicht hochbefördert hätte.

Natürlich hat das Ausflugsrestaurant auch geschlossen, schlecht für uns – kein Kaffee – und für die Alpendohlen, die nichts abstauben können. Wir spenden ein paar Krümel von unseren Keksen.

So soll das hier eigentlich aussehen – ein Foto von einer der Schautafeln.

Es ist eine merkwürdige Stimmung: Es ist fast unnatürlich still, und ein bißchen fühlt man sich wie eingeschlossen in einer riesigen Kulissenlandschaft. Wir machen uns an den Abstieg – da unten rechts läuft jemand mit einem roten Rucksack, da müssen wir hin. Der eigentliche Beginn unserer heutigen Etappe.

Äh – – ich will nicht jammern, das wird ja langsam langweilig, aber wieso liegt dieser zwei Meter hohe Fels im Weg? Jemand hat extra einen Pfeil darauf gesprüht, der sagen will: Doch doch, das hier ist keine Sackgasse, Wanderer, du mußt da rüber. Meine Begleiterin macht es vor: Sie stellt sich mit dem Rücken an den Fels und krabbelt rückwärts vorsichtig hoch. Oben angekommen, wendet man auf dem Po um 180 Grad und rutscht so kontrolliert, wie es eben geht, wieder hinunter.

Die Tortur nimmt schier kein Ende: Ein steiler, schmaler und verwurzelter Waldweg führt kilometerweit in Serpentinen nach unten, mehr als einmal rutschen wir aus und setzen uns auf den Hintern – relativ weich, weil alles total matschig ist, wir sehen aus wie Schweine, die sich mit Wonne im Dreck gesuhlt haben. Gut, das ist jetzt ein bißchen übertrieben, aber nur ein bißchen. Ich übe mich weiterhin in therapeutischem Fluchen (eigentlich habe ich keine Freude an Fäkalsprache, aber hier ist es sehr befreiend), was meine Begleiterin amüsiert, aber auch mitfühlend zur Kenntnis nimmt (sie ist nur einmal ausgerutscht).

Da ist tatsächlich mal jemand gestorben – ich kenne die Umstände nicht, aber ich bin auch nicht besonders überrascht.

Endlich angekommen auf einem vernünftigen Forstweg. Ich atme auf. Da ist eine Art Andachtsstätte …

… Hände, die ineinandergreifen, das kenne ich als Gewerkschaftssymbol der Solidarität, allerdings nicht über einem Kreuz. Eine Burschenschaft hat das hier installiert, zum Gedenken an verstorbene Mitglieder und Almbauern. „Willst du Gottes Allmacht sehen, mußt du in die Berge gehen“, steht da – ein Kausalzusammenhang, der sich mir nicht erschließt. Gott läßt mich ausrutschen und beobachtet mich, wie ich mir blaue Flecke und dreckige Klamotten hole und grinst vor Schadenfreude – hat er sonst nichts zu tun? Gut, er weiß natürlich, daß bei mir eh nichts zu holen ist, da ich ich ihn für einen Popanz halte.

Steil geht’s bergab …

… bis in die Ebene hinein.

Nach acht Stunden Wanderung kommen wir abgekämpft und dreckig am Viersterne-Hotel Ortnerhof an – man begrüßt uns, als wären wir der biblische verlorene Sohn, und ich zweifle, ob es nicht doch einen Gott der ausgleichenden Gerechtigkeit gibt, nach diesem harten Tag. Bei einem Drei-Gänge-Menü besprechen wir die Erlebnisse des Tages: Soll ich weiterwandern, oder abbrechen? Wenn das so weiter geht, macht es mir keinen Spaß, im Gegenteil, ich habe wirklich keine Lust, weiterhin mein Leben aufs Spiel zu setzen. Andererseits: Kann ich meine Begleiterin allein weiterwandern lassen? Das ist durchaus keine Ritterlichkeit, sie ist fitter, sicherer und mutiger als ich, aber trotzdem könnte natürlich was passieren, und wenn dann keine zweite Person da ist, die die Bergwacht alarmiert, das könnte ich mir nie verzeihen. Außerdem sagen unsere Unterlagen, daß es nicht soo schwierig weiter gehen wird. Ich beschließe also, erstmal weiterzuwandern.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (3): Bergen – Hochfelln


Am nächsten Morgen, pünktlich hat es aufgehört zu regnen, stehen wir um kurz vor neun an der Kasse der Seilbahn zum Hochfellngipfel – wo man uns mitteilt, daß sie aus Witterungsgründen nicht fahren wird. Wie bitte? Wir müssen da hoch, da fängt unsere Wanderung heute an! Die Mitarbeiterin empfiehlt uns, bis Ruhpolding mit dem Bus zu fahren und von da aus den Berg zu ersteigen, aber Ruhpolding ist unser heutiges Etappenziel, das macht gar keinen Sinn, wenn wir von da aus loslaufen, entgegengesetzt unserer Wanderstrecke, und dann wieder zurück. Es gibt auch einen anderen Weg, von dem uns unsere Unterlagen des Veranstalters aber abraten: Nur bei sehr guter Kondition (wovon zumindest bei mir nicht die Rede sein kann) und bei gutem Wetter (was ja nicht ist, sonst würde die Bahn ja fahren) sollte man diese Möglichkeit der Besteigung wählen. Aber was bleibt uns anderes übrig? Unser Gastgeber bringt uns freundlicherweise dahin zurück, wo er uns am Vortag abgeholt hat. Dreieinhalb bis vier Stunden zusätzliche Wanderzeit, ein Höhenunterschied von fast 1.000 Metern – oh no!


Es geht kräftig bergauf, aber wenn das Herz bis zum Hals schlägt, bleibt man eben öfter stehen und wartet darauf, bis es sich beruhigt. Meine Begleiterin behauptet, in den letzten Jahren wäre ich fitter gewesen, hm, vielleicht sollte ich aufhören zu rauchen. Den Wasserfall hätten wir nicht gesehen, wenn wir mit der Bahn gefahren wären. Immerhin. (zum Vergrößern: Aufs Bild klicken)

Schon schön, die Gegend und die Aussicht.

Wieder mal führt der Wanderweg über eine Alm, so nah an den Kühen vorbei, daß man sie berühren könnte. Wir bewegen uns vorsichtig und langsam und mit Respekt.

Die Warnung kommt erst hinterher – gut, daß wir schon an ihnen vorbei sind. Tatsächlich ist es wohl nur dann nicht ungefährlich, wenn die Kühe gerade gekalbt haben, sie wollen ihre Kinder schützen. Wieso man dann aber einen Wanderweg auch zu solchen Zeiten über so eine Alm führt, ist mir unverständlich. Aufmerksame Leser meines Blogs wissen bereits: Es finden jährlich mehr Menschen den Tod durch Kühe als durch Haiangriffe, kein Scherz.

Die aktuelle Gefahr folgt allerdings erst jetzt: Da links im Bild, in der unteren Hälfte, sieht man meine Begleiterin, wie sie gerade irgendwelche Laute des Erstaunens ausruft. Als ich an die Stelle komme, weiß ich, was sie meint – und erstarre: Unmöglich, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Das was ich fühle, spottet jeder Beschreibung, aber ich will es versuchen: Vor mir ein unebener, felsiger, nasser – also rutschiger – Weg von ungefähr 60 cm Breite, der eine starke Neigung nach rechts hat, rechts daneben ein stark abschüssiger Abhang, kaum bewachsen, links eine senkrechte Felswand ohne jede Möglichkeit, sich festzuhalten, zehn Meter vor mir das weiße, nebelige Nichts: Der Weg, notdürftig in den Felsen gehauen, führt um eine Felsnase herum. Eine Welle von Panik durchflutete mich wie noch nie zuvor in meinem Leben, unmöglich, da weiterzugehen, ohne abzustürzen. Unschlüssig stehe ich da, was soll ich bloß machen? Zurückgehen? Wir sind schon knapp drei Stunden gewandert, meine Begleiterin hat die Stelle schon passiert, sie müßte sie also nochmal gehen – keine Option. Kurz kommt mir die Bergwacht in den Sinn, könnte die vielleicht einen Hubschrauber … lächerlich. Mir ist so elend zumute, ich könnte mich hinhocken und weinen vor Verzweiflung. Gleichzeitig packt mich eine große Wut: Dieser scheiß Wanderweg! Erst fährt die SCHEISS Seilbahn nicht, weil sie sich keinen Gewinn davon versprechen, dann lassen sie uns über diese SCHEISS Alm laufen und nehmen billigend in Kauf, daß ihre Kühe uns eventuell tottrampeln, und nun schicken sie uns in den sicheren Tod auf diesem SCHEISS abschüssigen Felsen – ich schreie laut „Scheiße Scheiße Scheiße“ – und merke, wie gut mir das tut. Ich muß da durch. Meine Begleiterin denkt, ich sei schon abgestürzt und ruft erschrocken, was los sei. Mit einer Mischung aus Todesangst und Wut taste ich mich langsam vor, weiterhin laut fluchend. Als ich um die Biegung komme, rät meine Begleiterin mir, ich solle vielleicht den zusammengefalteten Schirm in den Rucksack tun, dann könne ich mich besser festhalten (bei einem Sturz – sagt sie nicht, aber ich versteh schon) – verdutzt schaue ich auf meine linke Hand, der den Schirm hält, das war mir gar nicht klar. Aber natürlich ist es unmöglich, anzuhalten, den Rucksack abzunehmen usw. Während ich mich weiter vortaste, betrachte ich den Schirm und bemerke, daß er mir etwas gibt, mit dem ich nicht gerechnet habe: Trost. Ein vertrauter Gegenstand, an dem man sich festhalten kann, auch wenn er im Falle eines Absturzes eher hinderlich wäre. So müssen sich Kinder fühlen, die sich an ein Stofftier krallen, wenn sie Angst haben. Meine Begleiterin insistiert: Ob ich nicht vielleicht doch den Schirm … Himmel! Ich schwebe zwischen Tod und Leben und kann jetzt keine Grundsatzdiskussionen führen. Immer weiter fluchend verbiete ich ihr, mich  anzusprechen. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich es endlich geschafft. Meine Begleiterin fand es übrigens nicht soo schlimm. Sie mußte auch schlucken, aber da seien doch Pflanzen gewesen, die einen bei einem Absturz aufgefangen hätten.

Manchmal erlebt man was, da sagt man hinterher: Das war eine schlimme Erfahrung, aber ich möchte sie nicht missen, ich habe einiges daraus gelernt. So ist es hier nicht. Das war eine Erfahrung, auf die ich gut verzichten könnte. Nächtelang habe ich noch von Abstürzen geträumt. Leute, Freunde, mein Rat: Geht hier nicht lang. Wenn die Seilbahn nicht fährt: Nehmt den Bus und verbummelt den Tag.

Manchmal begegnet man in der Stadt Menschen, die – scheinbar aggressiv – fluchend und schreiend durch die Straßen laufen – ich wechsle die Straßenseite und denke, was für verrückte Leute es gibt. Aber wahrscheinlich haben die bloß Angst, weiß ich jetzt.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (2): Marquartstein – Bergen

Der Blick morgens aus dem Hotel verspricht einen schönen, klaren Tag – aber was interessiert den Rest des Tages, was der Morgen für Versprechungen macht. 

Marquartstein ist ein ganz hübsches, kleines Städtchen. Der Hund beißt nicht und bellt nicht und kackt auch nirgendwo hin. Brav. Auf dem Schild wird das Angebot des Tages angepriesen: „Sonnen-Müsli-Brot mit Chiasamen und Chinoa / Himbeersahne“ – topaktuelles Superfood! Gut, über die Zusammenstellung mit der Sahne müssen wir uns nochmal unterhalten … 

Ach – hier lebte für ein paar Jahre der berühmte Komponist Richard Strauss. Er war einer der Lieblingskomponisten von Hitler – gut, seine Fans kann man sich nicht aussuchen, aber daß Strauss dem „Schlächter von Polen“ Hans Frank, dessen Wirken Hunderttausende (wenn nicht Millionen) das Leben gekostet hat, im Jahr 1943 ein von ihm komponiertes und verfaßtes Lied gewidmet hat, ist kaum zu entschuldigen. 

An wen erinnert mich dieses Gesicht? Fängt mit P an. 

Fünf Kilometer Aufstieg bis zur Schnappenkirche, dann, so heißt es in unseren Unterlagen, „bietet sich von oben ein schöner Blick über das Alpenvorland und den Chiemsee“. 

Ach was!

Aber wir sind nicht eingeschnappt, wieso sollen wir vermissen, was wir nicht kennen, und außerdem hat die in Nebel eingehüllte Landschaft einen ganz eigenen Reiz, den die nicht erleben können, die an anderen Tagen die Aussicht genießen. 

Weiter geht’s. Ist doch ganz märchenhaft. 

Bald kommen wir zur ersten von drei Almen, der Staudacher Alm, mit Einkehrmöglichkeit. „Einkehr“ ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn man muß draußen sitzen. Kaffee gibt es leider nicht, aber man bekommt Saftschorle und Nußkuchen, immerhin. 

Der Ausblick durch den Dramafilter (wie gesagt: aufs Bild klicken zur Vergrößerung). 

„Der Herr Bürgermeister gibt bekannt, daß am Mittwoch Bier gebraut wird, und deshalb ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden darf.“ Gut zu wissen. 

Und wissen die Kühe das auch? Unglaublich, was die für riesige Tretminen verlegen. 

Wo geht es lang? Man muß ein bißchen suchen. 

Es regnet, aber wir haben es nicht mehr weit bis … 

… zu einem Parkplatz mit allerlei Schautafeln, wo wir von unserem nächsten Gastgeber mit dem Auto abgeholt werden, zum Hotel sind es noch vier Kilometer an einer kurvenreichen Straße entlang, das will man uns nicht zumuten, wofür ich sehr dankbar bin. 

Der Wetterbericht für den nächsten Tag (die Temperaturen sind für die Morgenstunden), zeigt Sonne in fast ganz Deutschland, ein bißchen Regen in Ostfriesland und eine einzige schwarze Wolke … jetzt ratet, wo wir sind. 

Egal, denn am nächsten Morgen sollen wir mit einer Gondel auf den Berg Hochfelln fahren, die praktischerweise gleich neben unserem Hotel startet. Da können wir die schönste Aussicht genießen, die man sich überhaupt vorstellen kann – der Berg ist mit 1.674 Metern höher als alle anderen in der Gegend –  und dabei auf der Terrasse des Restaurants einen Kaffee genießen, bevor wir uns an den Abstieg zum nächsten Hotel machen. So ist es jedenfalls geplant. Klingt easy. Man macht Pläne, und dann kommt alles ganz anders … 

Das Atomzeitalter habe ich mir auch anders vorgestellt. Der Mensch irrt, wo er geht und steht.

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Salzalpensteig (1): Prien – Marquartstein


Sonntagnachmittag in Prien angekommen, spazieren wir als erstes zum Chiemsee, in 20 Minuten ist man da. Faule Leute nehmen die Bahn.

Im riesigen Chiemsee gibt es große, bebaute Inseln, und auf der größten Insel steht sogar ein Schloß im Stil von Versailles, in Auftrag gegeben von König Ludwig II., der auch Neuschwanstein zu verantworten hat. Wer hat’s bezahlt? Die Bayern. Aber sie lieben ihn trotzdem.
(Bilder vergrößern: Aufs Bild klicken) 

Ah – Berge! Meine Begleiterin kommt ins Schwärmen. 

Im Ort ist gerade ein Fest, der Anlaß ist das Ende des Sommers, wenn ich das richtig verstanden habe.

Es gib vier Bühnen, auf jeder wird bayerische Blasmusik gepielt, es ist unmöglich, sich strategisch so zu setzen, daß man möglichst von keiner Bühne was mitkriegt … 

… aber wenigstens die größte Bühne können wir meiden. 

Es gibt sehr viel zu essen … 

… und man hält sich nicht zurück: Zwischen beiden Aufnahmen liegen ungefähr vier Stunden. Und dann gibt es natürlich noch Haxn, Würste aller Art und Schmalzkuchen. 

Vor der Apotheke gibt es Alltagsmedizin Flüssignahrung. Das ist einer von drei Ständen, in denen pausenlos Bier in große 1-Liter-Gläser gefüllt wird, schon seit dem frühen Nachmittag. Wie kann man soviel saufen? Und was soll das mit den 1-Liter-Gläsern? Das Bier wird doch schal und warm, oder man muß es so schnell trinken, daß man im Nu einen sitzen hat. Ich bestelle also zwei halbe Liter – und erhalte dafür erstmal ein amüsiertes Grinsen. Da es dafür (also für den halben Liter jetzt) keine Gläser gibt … 

… werden die Humpen halb gefüllt. Eine Maß kostet 8,30 Euro, zwei halbe „neini“. Die Benutzung eines Glases schlägt also mit 70 Cent zu Buche, schließe ich messerscharf. Oder es gibt Mengenrabatt auf einen Liter, der beim Kauf von geringeren Mengen natürlich abgezogen werden muß. 

Trotz Blasmusik – mir gefällt’s hier. Ich bin allerdings auch schon beim zweiten halben Liter. Achtung – jetzt wird was aufgeführt: Sechs Männer stellen sich auf Tische und lassen Peitschen knallen. Das hört sich so an:

Keine Sorge, es sind nur 23 Sekunden.

Gegen 21 Uhr leert es sich. Man sieht niemanden wanken, keiner kotzt, alle benehmen sich manierlich – trotz der Biermengen, die hier getrunken wurden, keine Ahnung, wie die das machen. Falls es einen Trick gibt, gebt ihn bitte an die Kölner Karnevalisten weiter. 

Am nächsten Tag geht’s los. Es ist bedeckt, ab und zu fallen ein paar Regentropfen, aber wie sich herausstellt, ist das ganz gut, denn die erste Hälfte der heutigen Etappe von 23 Kilometern wandern wir unter freiem Himmel, und das ist bei 33 Grad unter praller Sonne nicht so angenehm. 

Das ist das Zeichen, dem wir folgen müssen, aber Obacht: Das gibt es auch in Blau (für Salzalpentouren) und Rot (für Zuwege), und besonders blau und grün kann man schnell verwechseln. Der Pfeil zeigt, in welche Richtung wir gehen müssen. Jedenfalls theoretisch. 

Wir landen auf einem Campingplatz und riskieren eine Kreuzigung, aber was soll man machen. 

Schöner Blick auf den Chiemsee – zu dem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, daß das der letzte sein sollte.

Wir irren herum zwischen Wohnwagen und Zelten und suchen das Zeichen, bis uns klar wird: Wir müssen zurück und die verpaßte Abzweigung suchen. 

„Echt wia’s Leben“ – ohne sich zu besaufen hält man die Quatscherei der Anderen kaum aus, oder wie? Stimmt, manchmal ist das so. 

Wieder in der Spur. Man kommt durch kleine Ortschaften … 

… mit Skulpturenpark und … 

… wo man das Handwerk zu würdigen weiß. 

Wenn einer Kuh eine Fliege ins Auge fliegt, was macht sie dann? Filigrane Hufarbeit. 

Ah, Landschaft. Hier läßt sich noch leicht ausschreiten. 

Aber unausweichlich geht’s irgendwann bergauf, hier noch recht moderat. 

Trotz der langen Strecke erreichen wir Marquartstein bereits nach sechseinhalb Stunden. Die Jugend übt sich in der Jagd. Das ist brav.

Auf der Terrasse des „Hotel Weßner Hof“ ist nicht viel los.

Kürzlich sah ich im TV ein Interview mit einem Sternekoch, der sich darüber beschwerte, daß die Gäste immer Extrawünsche hätten und die wohlkomponierten und fein ausgewogenen Kreationen auf dem Teller kaputtmachen würden. Der Ansicht scheint man hier auch zu sein, obwohl es nur gutbürgerliche Küche gibt: Ich mag keinen Kartoffelstampf, möchte dagegen Bratkartoffeln als Beilage – kommt gar nicht in die Tüte, steht nicht auf der Karte, Salzkartoffel kann ich haben, oder Fritten, aber nur gegen eine zusätzlich Strafgebühr von 1,50 Euro. Okay, ich sehe ein, das ist ein Zumutung für den Koch, die Salzkartoffeln anzubraten, also nehme ich Fritten zur Rindsroulade. Mal was Neues. Und ich verspreche, daß ich den Koch zukünftig nicht mehr beleidigen werde mit meinen Wünschen, denn hier esse ich garantiert nie wieder. Tja, Sachen gibt’s …

Fortsetzung folgt.

 

Wandern auf dem Salzalpensteig

Der Salzalpensteig ist ein Wanderweg von Prien am Chiemsee (südöstlich von München) bis hinein nach Oberösterreich und hat eine Länge von 233 Kilometern. Da uns das zuviel war, haben wir nach ca. 130 Kilometern aufgehört, acht Etappen haben uns gereicht – obwohl, meine Begleiterin hätte gewiß noch weiter gehen können, aber so bucht man das vorher: Eine Wanderung mit Gepäcktransport von Hotel zu Hotel zwischen Prien und Schönau am Königssee, sodaß man nur seinen Tagesrucksack mitschleppen muß und sicher sein kann, daß bei der Ankunft abends ein gemütliches Zimmer und ein reservierter Tisch im Restaurant auf einen wartet.

In den nächsten Tagen zeige ich euch ein paar Bilder von Bäumen im Nebel, vielleicht ein paar ohne Nebel, von großartigen Aussichten, die keine waren, weil alles vernebelt war, und erzähle Geschichten von Schweiß und Tränen und unendlicher Anstrengung. Ha, das wird lustig. An wenigstens ein lustiges Foto kann ich mich spontan erinnern, da stand auf einem Schild, daß man sich besaufen soll. Ihr dürft gespannt sein.

Spielplatz Straßenverkehr

Nach Verkehrsminister Dobrindt dachte man: Schlimmer kann es nicht werden – die personifizierte Inkompetenz. Und dann kam Andreas Scheuer. Wo kriegt die CSU solche Leute her? Oder sind die in Bayern der politische Normalfall? Ausbau des öffentlichen Personentransports (Busse, Bahnen), Ausbau der Fahrradinfrastruktur und bessere, sicherere Fußwege, Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs – pah, alles Quatsch, was wir brauchen, sind neue Verkehrsmittel, die Spaß machen. Also lassen wir die Benutzung von Tretrollern im Straßenverkehr zu, da die nicht so viel Platz brauchen, können sie sich schön durchschlängeln zwischen den Autos. Und damit das auch richtig Spaß macht, werden sie elektrisch betrieben und erreichen mit 20 km/h eine Geschwindigkeit, die über der Durchschnittsgeschwindigkeit eines Fahrradfahrers liegt. Abenteuer Großstadt! Tretroller gegen SUVs, das ist spannender als ein Kampf in einer römischen Arena. Helmpflicht? Gut, mindert das Risiko, aber wer risikolos leben will, kann ja gleich ganz zu Hause bleiben. In Köln vergeht kaum ein Tag, an dem kein Unfall passiert, bei dem ein E-Scooterfahrer beteiligt ist.

Die  E-Scooter stehen in der Stadt überall herum und können schnell mit dem Smartphone entsperrt werden. Eine Stunde kostet ungefähr 12 Euro. Besonders am Wochenende sieht man viele Leute damit über Bürgersteige, Fahrradwege und vierspurigen Straßen kreuz und quer und gegen die Fahrtrichtung durch die Gegend brausen, gern auch in angetrunkenem Zustand und/oder zu zweit.
Ich bin gespannt, was Herr Scheuer sich als nächstes einfallen läßt. Autoscooter, wie man sie vom Jahrmarkt kennt? Ein Riesenspaß …

Morgen fahre ich, aber ganz traditionell mit der Eisenbahn, ausgerechnet ins CSU-Land. Ein paar Blogfreunde kommen da her, deswegen weiß ich, daß da nicht nur Dumpfbacken leben. Wanderurlaub – in zwei Wochen bin ich wieder da – wünscht mir gutes Wetter.