Wandern auf dem Goldsteig: 3. Etappe

Die heutige Etappe hat „nur“ ca. 20 km, wieder Felder, Wiesen und Wälder. Bereits nach 10 km durchqueren wir ein etwas größeres Städtchen, Neustadt an der Waldnaab, aber irgendwie werden wir um den Kern herumgeführt, scheint mir, und da es wieder sehr heiß ist, haben wir keine Lust, einen Abtstecher zu wagen, um nach einem Café zu suchen.

Und für pfeifende Gardinen haben wir auch keine Verwendung.

„Fremder, betrittst du diesen Ort, bedenke, daß du alles, was passiert, selbst zu verantworten hast!“

Aber auch hier – kein Mensch zu sehen. Wir passieren den Ort trotz der zwei laut Alarm bimmelnden Kirchen ungeteert und -gefedert.

Unser Etappenziel heißt, so steht es jedenfalls in unseren Unterlagen, Theisseil, aber wir werden aus unserem Google-Ausdruck nicht schlau, irgendwie scheint er nicht dem Ortsplan zu entsprechen. Also fragen wir jemanden. „Der Sparrer-Wirt, na klar, da gehen sie da runter, nochmal in den Wald hinein, dann gleich links, dann sehen sie schon“, sagt eine freundliche Frau, es klingt, als hätten wir vielleicht noch drei Minuten zu gehen. 15 Minuten später wünsche ich die Frau zum Teufel – wir stehen mitten im Wald, der Weg führt ins Nichts, also ins Unterholz. Meine Begleiterin schlitzt sich an einem Ast einen ihrer großen Zehen blutig auf. Fluchend und humpelnd schlagen wir uns durch die Büsche.

Aber wir sind die geborenen Pfadfinder: Nach weiteren 15 Minuten eine Lichtung, ein Weg und ein Schild: Sparrer-Wirt – da entlang. Das Haus oben am Waldrand ist unser Hotel. Als wir erschöpft ankommen, sehen wir, daß das Hotelrestaurant heute – na? was wohl? – Ruhetag hat.

„Aber für Wanderer machen wir eine Kleinigkeit“, heißt es gleich – da freut sich sogar der Schnitzelteller.

Auch mit kalten Getränken können wir uns reichlich eindecken, genießen den Abend auf einem großen Balkon und rekapitulieren nochmal die gefährlichsten Situationen der heutigen Etappe (blutende Wunden sollen ja Haie anlocken).

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Goldsteig: 2. Etappe

Heute liegt eine Doppeletappe vor uns, insgesamt 30 km – puh! Wir rätseln, warum unser Reiseorganisator das so geplant hat, und als wir die Strecke hinter uns haben, können wir uns die Lösung denken: Es gibt kaum Höhenunterschiede, also darf die Etappenlänge ruhig etwas anstrengender sein. Zu Anfang geht es durch jede Menge Teiche, wahrscheinlich züchten sie hier ihre Karpfen. Unser Wanderführer warnt uns vor Mückenschwärmen, aber dafür ist es wohl noch zu früh, in der Vorwoche war es noch arschkalt.

Hier müssen wir rüber und drücken den Hebel. Am anderen Ende sitzt tatsächlich jemand und bittet uns um etwas Geduld, es komme gleich ein Zug. Fünf Minuten später, der Zug ist gerade durchgefahren – nichts passiert. Wir drücken den Hebel nocheinmal, also, was soll man sagen: Es kommt noch ein Zug. Wir hätten fünfzigmal oder öfter hin und her die Gleise überqueren können, als der Zug endlich vorbeirauscht. Was glaubt ihr, passiert jetzt? Nichts. Wir drücken den Hebel ein drittes Mal, der Beamte am anderen Ende kommt ins Plaudern, das sei halt eine vielbefahrene Strecke, auch seine Frau habe schon gesagt, aber was soll man machen, seine Schwägerin hätte was dagegen und der Schorschi, der … ein Zug fährt vorbei, die Schranke geht endlich hoch.

Ein Trimm-Dich-Pfad – alle 50 Meter wird man aufgefordert, irgendwas zu machen. Die Schilder sehen so alt aus, wie sie sind, aber an einer Station hängen Ringe an Ketten in einem hohen Gerüst, mit denen man sich ausschwingen soll, alles macht einen gut gewarteten Eindruck. Gut für den Rücken, machen wir natürlich.

Es ist heiß, 34 Grad im Schatten.

Die Dörfer, durch die wir kommen, machen einen ausgestorbenen Eindruck. Zombiefilme fangen so an: Man kommt nichtsahnend aus dem Wald zu einem Ort, in dem man Menschen erwartet, aber man trifft keinen, und unvermutet wankt plötzlich jemand in einem derangierten Zustand auf einen zu und will einen beißen. Tatsächlich sitzen die Bewohner wahrscheinlich in ihren Häusern, sehen uns durch die Fenster und fragen sich, was das für Volldeppen sind, die in dieser Affenhitze über die Felder laufen – das können nur Städter sein! Stimmt.

Wenn man an einer Straße wohnt, die Kirchsteig heißt, hat man den Drang, dem was entgegenzusetzen, ich versteh‘ das. Tierliebe Menschen wohnen hier, „Reservat“ steht da auf Portugiesisch, und auf Italienisch: „Jagdverbot“, das paßt zu „No Shooting“. Da frage ich mich: Muß man in Bayern damit rechnen, daß jemand in fremde Gärten schießt? Und kennt der Bazi, dem man das zutraut, diese Fremdsprachen?

Falkenberg – uff! – die Hälfte ist geschafft. Die Gaststätte macht Mittagspause, bei dieser Hitze vernünftig, aber blöd für uns. Also gleich weiter.

Anfang August spielt Manfred Mann’s Earth Band hier – welch ein Niedergang, denke ich sofort, aber eigentlich habe ich überhaupt keine Ahnung, in welchem Rahmen das Konzert stattfindet. Und Manfred Mann ist inzwischen auch schon 75, da ist es wahrscheinlich viel besser, durch die bayerische Provinz zu touren als im Altersheim zu sitzen. Aber wenn ich ehrlich sein soll: Ich bin ein bißchen bestürzt.

Der folgende Abschnitt ist, wie ich finde, der schönste des ganzen Wanderweges: Man läuft – immer im Wald – parallel zum Flußlauf der Waldnaab. Die drei älteren Herren haben wir mehrmals überholt, weil wir immer wieder zum Fotografieren stehen geblieben sind, und nachdem sie uns das dritte Mal eingeholt hatten, sagte einer von ihnen gutmütig, wir sollten doch nicht alles wegfotografieren, da wäre ja bald gar nichts mehr übrig. Genau das habe ich mir auch schon oft vorgestellt: Der Apparat fängt die Wirklichkeit, die abgebildete Szene ist dann weg und existiert nur noch in meinem Computer. Zum Glück ist es nicht so.

„Der Wald des Herrgotts gute Stube … zur üblen Abfallgrube … der Mensch … aus dem Paradies.“ Man kann ahnen, was da mal gestanden hat. Wer hier seinen Abfall entsorgt, kann wirklich nicht ganz dicht sein. Das macht auch keiner mehr, inzwischen landet der ganze Plastikmüll im Meer, da sieht es keiner.

Wilde Tiere gibt es hier: Ein Wildschwein schaut versonnen aufs Wasser …

… und aus den Felsen droht uns ein Dinosaurier anzugreifen.

Noch mal gut gegangen: Wir erreichen wohlbehalten ein Ausflugslokal. Kein Ruhetag, wir entscheiden uns für Kaffee und Kuchen – herrlich!

„Nein heißt nein!“ Wer das nicht wahrhaben will, soll zu Stein erstarren. Ich bin dafür.

Nichts für Rollstuhlfahrer – gutes Schuhwerk ist von Vorteil.

Geschafft! – Etappenziel Neuhaus bei Windischeschenbach erreicht. Acht Stunden, wie der Wanderführer veranschlagt hat, haben wir nicht gebraucht, aber wir sind froh, das wir die Strecke geschafft haben, und werden mit einem erstklassigen Hotel belohnt. Auf der Restauranterrasse gibt es Zoigl-Bier, eine Spezialität der Gegend, der halbe Liter für 2 Euro, das ist günstiger als Wasser. Wikipedia weiß dazu:

„Der Zoigl (auch Zeugl oder Kommunbier) ist ein untergäriges Bier, das vor allem in der nördlichen Oberpfalz verbreitet ist und von Privatpersonen gemeinschaftlich gebraut wird. Die Maische für den Zoigl wird im so genannten Kommunbrauhaus gekocht und gehopft. Die gewonnene Würze nehmen die einzelnen Zoiglbrauer mit nach Hause, und versetzen sie im Gärkeller mit Hefe. Da dabei jeder Zoiglbrauer nach seinem eigenen Rezept verfährt, sind Schwankungen im Geschmack des Zoigl von Ortschaft zu Ortschaft, aber auch von Wirt zu Wirt üblich und für das Zoiglbier geradezu typisch. Neben diesem traditionellen Zoigl wird heute auch von kommerziellen Brauereien Bier unter dem Namen Zoigl angeboten.“

Meine Begleiterin war neugierig und hat eins bestellt, ich hab’s probiert und muß leider sagen: Scheußlich!

Fortsetzung folgt.

Wandern auf dem Goldsteig: Ankunft und 1. Etappe

Bayern besteht aus sieben Regierungsbezirken: Niederbayern, Oberbayern, Schwaben, Mittel-, Ober- und Unterfranken und die Oberpfalz. Der Goldsteig führt durch die Oberpfalz, ungefähr parallel zur tschechischen Grenze. Der Startpunkt Marktredwitz liegt aber noch – oh Wunder!- in Franken.

Wieso ‚oh Wunder‘? Unser Hotelgastgeber klärt uns auf: Die da in Bayern hätten nur keinen Ort mit Bahnanschluß gefunden, sonst hätten die eine Stadt in Franken niemals nicht berücksichtigt. Franken und Bayern, das passe einfach nicht zusammen, die einen seien evangelisch, die anderen katholische, die einen wählten SPD und trinken Wein, die anderen CSU und Bier usw.
Ich erinnere mich: Nach der Neuordnung der Länder 1803 durch Napoleon wurde die Region Franken, die heute ungefähr ein Drittel der Fläche von Bayern ausmacht, größtenteils dem Königreich Bayern angegliedert. Die Bewohner wurden natürlich nicht gefragt. Aus dieser Zeit rührt die wechselseitige Antipathie, die allerdings auf fränkischer Seite größer und bitterer ist, vermute ich, denn die Landeshauptstadt München, wo das Geld für Investitionen herkommt (oder eben auch nicht), liegt im alten Bayern.

Der Ort hat nette Ecken, leider Ruhetag. Macht nix, wir müssen eh früh ins Bett.

Am nächsten Morgen geht’s los: Wir müssen dem gelben Zeichen folgen. Allerdings gehen wir nicht bis Passau, sondern ’nur‘ ca. 180 km. Danach gibt es auch keinen Gepäcktransfer mehr, die weitere Strecke ist also eher was für Profis. Goldsteig, die Bezeichnung stammt nicht wie bei Schluchtensteig, Siegsteig, Eifelsteig usw. von einer topografischen Beschreibung, sondern, wie unser leicht boshafter Hotelier weiß, von einer Käserei mit dem Namen „Goldsteig“, die den Wanderweg gesponsert hat. „Ham Sie GPS dabei? Seins bloß vorsichtig, da ham sich schon welche verlaufen“, gibt er uns noch mit auf den Weg – tatsächlich bin ich noch nie auf einem besser ausgeschilderten Weg gewandert.

Der Ort entläßt uns dagegen mit Küßchen in einem kleinen Park …

… und lustig angemalten Häusern.

Das erste von dutzenden Kreuzen, die am Wegesrand stehen, immer in dieser Paarung: Oben der Gekreuzigte, unten drunter seine meist händeringende Mutter. Scheint eine Spezialität der Gegend zu sein.

Gut, daß es nicht regnet.

Nach dem ersten anstrengenden Anstieg ein Ausflugslokal, unser Wanderführer hatte es schon angezeigt, hurra, Kaffee, Kuchen …

… „Mittwoch Ruhetag“ – oh no! – ratet, welcher Tag gerade ist.

Man kann nicht immer Glück haben … nanu, wie kommen die Externsteine hierher?

Natürlich sind sie es gar nicht, auch wenn die Wollsackverwitterung und die steilen Treppen an sie erinnern. Das hier war mal eine Burg, Burg Weißenstein, fast 1.000 Jahre alt, aber bereits seit 500 Jahren dem Verfall überlassen. Erst vor ein paar Jahren hat eine Initiative dafür gesorgt, daß man über steile Treppen wieder auf den Turm steigen kann …

… von dem man einen schönen Ausblick in die Gegend hat. Manchmal werden hier Musik- und Theaterstücke aufgeführt – also jetzt natürlich nicht auf dem Turm …

… sondern auf dem Gelände, wo auch diese imposante, überlebensgroße Bronzeplastik steht, die die Erde verkörpern soll.

Wenn man in Friedenfels, unserem Etappenziel nach moderaten 17 km, auf den Bus wartet, kann man sich auf diese kommunikativen Bänke setzen, um schnell anderen Leuten nahe zu kommen. Allerdings ist niemand zu sehen.

Immerhin, das Restaurant hat geöffnet. Einmal im Monat wird hier sogar Slowfood angeboten. Der Koch, gleichzeitig der Besitzer und Kellner, hat einen etwas eigenen Humor, den man einfach hinnehmen sollte: „Ein Pils wollen Sie? Ja, dann gehen Sie doch nach drüben!“ Gemeint ist die Tschechische Republik ein paar Steinwürfe weiter. Schließlich bringt er doch ein Pils aus der ortseigenen Brauerei, die sich übrigens im selben Haus befindet. Das war nur ein Witz von vielen, die wir über uns ergehen lassen mußten, aber als Koch ist er ein Meister seines Fachs.

Eine saisonale Biersorte heißt „Friedenfelser Karpfentrunk“ – ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich trinken möchte.

Fortsetzung folgt.

Neue Verkehrssündenahndung in Köln

Verkehrssünder, die in Köln ihre Knöllchen nicht bezahlen wollen, enthalten dem städtischen Haushalt fest eingeplante Einnahmen vor. Nun hat man sich entschlossen, mit drastischen Mitteln dagegen vorzugehen – die Parkkralle war vorgestern. Gestern habe ich zufällig diese Szene aus dem Fenster gefilmt:

Der fuhr nur einmal bei rot über die Kreuzung, das nächste Mal wird er geschoben – im Rollstuhl. Aber Fußgänger sollten auch vorsichitg sein:

Immerhin wird eine Matratze hingelegt – man will ja nicht, daß sich jemand ernsthaft verletzt. Nee nee – hier geht’s zu wie in der Serie „Alarm für Cobra 11“.

Der Sound vom Goldsteig und von Würzburg

Auch in diesem Jahr waren wir, meine Begleiterin und ich, wieder wandern, auf dem Goldsteig in der bayerischen Oberpfalz, 180 Kilometer in acht Etappen. Hinterher waren wir noch ein paar Tage in Würzburg. Bevor ich euch anhand von 2.000 Fotos genauestens in Flora und Fauna der Gegend einführe, zeige ich euch ein paar Filmeindrücke mit Originalsound, viel Spaß:

Rheinufer / Brüsseler Str.

Hochwasser im Sommer, das gibt es auch nicht so oft.

Freie Plätze vor den gemütlichen Cafés – gut, das kann auch daran liegen, daß hier kein Fernsehgerät steht, in dem Ballspiele stattfinden.

Ab morgen bin ich für drei Wochen in Urlaub – Wanderurlaub. Drückt mir die Daumen. Der Schirm ist eingepackt.

Bürgerstr.

Da hat jemand sein Herz verloren. Vielleicht hat er es auf der Zunge getragen und eine Windböe hat es erfaßt, oder es ist ihm in die Hose gerutscht und durchgefallen. Kann beides passieren, hier vorm Rathaus, wo das Aufkommen von Frischvermählten überdurchnittlich hoch ist. Da liegt es nun im Dreck und wird naß. Immerhin, gebrochen scheint es nicht zu sein.

In Herzensdingen unberührt bleiben die, die sich auf keinerlei Werbung einlassen. Dafür gibt’s dann irgendwann auch keine Blumen mehr. Auch keine Lösung.

Rochusstr.

LitfaßsäuleDrebusch

Litfaßsäulenkunst, die dritte (hier und hier habe ich bereits über die anderen beiden Werke berichtet): Seit mehreren Wochen wird nun an über 100 Litfaßsäulen in der Stadt dieses Bild von Vera Drebusch gezeigt. Bei den anderen beiden war ich ja eher skeptisch, dieses finde ich ganz schön, im besten Sinne dekorativ: Erdige Farben, organische Formen, dynamische Landschaften – meine Wohnung würde ich damit nicht tapezieren, aber als Stadtschmuck, für eine gewisse Zeit, ist es doch nicht schlecht.

Und mit den Begriffen Tapete und Landschaft ist man auch schon nahe dran: Die Vorlage für das Plakat ist ein Teppich (2 x 1,40 m), den die Künstlerin selbst hergestellt hat. Ich zitiere aus der Pressemitteilung der Kunsthochschule für Medien Köln: „Die Farbflächen des Teppichs beziehen sich auf eine Luftansicht von bunten Feldern am Hang eines Vulkans, wo Ackerbau betrieben wird. Aus der todbringenden Lava ist eine blühende, aber prekäre Landschaft entstanden, die zwar jederzeit unter dem nächsten Ausbruch zu verschwinden droht, zunächst aber Leben spendend ist.“ Das würde mir als Erklärung völlig reichen, aber ein bißchen Drama (Baby!) soll das Werk wohl noch würzen: „Mit dem extrem körperlichen Herstellungsverfahren des Teppichs […] erlebte die Künstlerin einen Bruchteil der tellurischen Vulkankräfte nach und ging dabei bis an ihre physischen Grenzen.“ – sie hat mit einer Garnpistole Garn in ein Trägergewebe geschossen. Das ist natürlich nicht ungefährlich.

Der Kollege, der diese Version geklebt hat, wurde vermutlich schon im Kindergarten gehänselt, weil er das Puzzle nie fertig gekriegt hat – manche Traumata verfolgen einen ein Leben lang. Dabei ist es doch auch ganz schön. Anders eben.

Rosige Zeiten …

… für die einen, für die anderen eher nicht: Die „obersten“ 10% der deutschen Haushalte besitzen 51,9% des Nettovermögens, die „untere“ Hälfte der Bevölkerung besitzt davon zusammen gerade 1%. Im Jahr 1998 betrug das Verhältnis noch 45,1% zu 2,9% – auch schon skandalös, aber das, was man ruhig Kapitalismus nennen kann, kennt keine Moral und arbeitet ständig weiter an diesem unanständigen Verhältnis: Reichtum wächst nur für wenige, Armut und Armutsgefahr wachsen auch, aber für viele. Besonders schlecht sind die Aussichten für die Rentner der nächsten Jahrzehnte: Bereits in den letzten elf Jahren ist die Armut hier um das zehnfache im Vergleich zur sonstigen Bevölkerung gestiegen. Schon als die letzte Rentenreform beschlossen wurde, die realitätsfremd stark auf freiwillige private Vorsorge setzte, war abzusehen, daß dieses Modell zu einer massenhaften Altersarmut führen wird, um das zu sehen, brauchte man wirklich kein Wirtschaftsspezialist zu sein: Wer sowieso schon wenig hat, kann kein Geld erübrigen für eine private Vorsorge, und viele derer, die es sich leisten könnten, brauchen sie gerade deswegen nicht. Angeblich hat man das nun inzwischen in allen Parteien erkannt, aber ich würde mich wundern, wenn sich irgendetwas in absehbarer Zeit änderte.
Da oben rechts vor dem Schaufenster ist noch ein Platz frei …

PS: Die 62 reichsten Geschäftsleute auf der Erde besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, das sind immerhin 3.500.000.000 Menschen. Wer kann da wirklich behaupten, wir hätten ein gut funktionierendes Wirtschaftssystem?

Joseph-Roesberg-Platz

Die „Schnüsse Tring“ (es würde mich nicht wundern, wenn der Kölner „dat Schnüsse Tring“ sagt) war Mitte des 19. Jahrhunderts eine junge Dienstmagd namens Katharina (kölsch: Tring) mit einem großen Mundwerk (kölsch: Schnüss), mit anderen Worten: Sie war selbstbewußt und konnte sich artikulieren. Über den Rand des heutigen Stadtteils Ossendorf hinaus wurde sie durch ein Karnevalslied bekannt, das der Heimatdichter und Senator Joseph Roesberg 1859 schrieb – Katharina arbeitete auf dem Hof seiner Schwester. In dem Lied werden ihre Forderungen aufgezählt: Sie will nur als Köchin arbeiten, für Putzen, Wäschewaschen und Wasser- und Kohlenholen sollen noch andere Knechte und Mägde eingestellt werden; außerdem möchte sie neben einem freien Wochentag jeden zweiten Sonntag frei haben, jeden anderen halb frei, eine Woche Urlaub zu Kirmeszeit, bei Herrenbesuchen die Erlaubnis, das Gästezimmer zu benutzen, und das alles bei überdurchschnittlich guter Bezahlung – zur damaligen Zeit ungeheuerliche Forderungen, die der jungen Frau nicht nur Empörung, sondern auch belustigte Bewunderung einbrachten. Heute dagegen wird sie auch als Beispiel einer emanzipierten Frau gefeiert.

Das Lied wurde gleich zu einem Hit (hier kann man es hören, ich möchte es aber nicht empfehlen). 1901 nannte sich eine Ossendorfer Karnevalsgesellschaft „Schnüsse Tring“, und in den 80ern ließ sie diesen Brunnen errichten.