Heinrich-Böll-Platz

Der Heinrich-Böll-Platz, zentral gelegen zwischen Dom, Hauptbahnhof, Museum Ludwig, Hohenzollernbrücke und Rhein, hat ein merkwürdiges Schicksal: Man darf ihn oft nicht betreten, besonders nicht dann, wenn viele Spaziergänger unterwegs sind, also am Wochenende. Denn der Platz ist die andere Seite …

… der Decke der Philharmonie. Ein typischer Fall von Fehlplanung, möchte ich behaupten.

Das Ganze muß natürlich kontrolliert werden: Ringsum stehen diese Schilder und sechs Aufpasser, die einen mit bösem Blick zurückpfeifen, wenn man auch nur einen falschen Tritt macht.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß der Tunnel der neue Ubahn, die kein Mensch braucht und deren Bau höchstwahrscheinlich das Stadtarchiv zum Einsturz brachte, zwei Meter unter dem Konzertsaal entlangführt. In Zahlen: 200 Zentimeter! Es ist nicht ganz abwegig, daß während der Aufführungen keine Bahnen fahren dürfen, wenn die Dämmung nicht ausreichend ist. Na bravo! Glück im Unglück: Durch den Pfusch am Bau des Abschnitts am früheren Historischen Archiv verzögert sich die Fertigstellung voraussichtlich bis 2018. Bis dahin braucht man also weiterhin nur auf der einen Seite abzusperren und kann in Ruhe Konzerte hören.

Fort X im Hilde-Domin-Park

Als die Preußen 1815 die Regierungsgeschäfte Kölns übernahmen, war man sich natürlich nicht sicher, ob die wilden Franzosen auch ohne Napoleon nicht eines Tages wieder Eroberungsgelüste entwickeln würden. Also mußte ein Festungsring her. Rund um die Stadt wurden 14 Forts und zusätzlich kleinere Gebäude zur Gefahrenabwehr gebaut. Nachdem dann gut hundert Jahre später die Deutschen ihrerseits an einem brutalen Versuch der Landbesetzung gescheitert waren, forderte der Versailler Vertrag die Schleifung sämtlicher Anlagen. Das war eine kostspielige Angelegenheit, und so ließ man, mit Hinweis auf die historische Bedeutung, ein paar der Forts stehen.

Der Park inner- und außerhalb der Mauern von Fort X wurde 2008 nach der Dichterin Hilde Domin benannt, die ganz in der Nähe geborden wurde und aufwuchs, und dient heute friedlicheren Zwecken: Ein großer Kinderspielplatz lädt die Kinder des Viertels ein, deren Eltern in der Zwischenzeit einen Biergarten besuchen können, in dem auch Veranstaltungen laufen, und zu bestimmten Zeiten gibt es sogar eine Open-Air-Kinoleinwand. Leider ist im Oktober schon alles abgebaut.

Eine leicht versteckte Attraktion hebt dieses Fort von allen anderen ähnlichen Stätten ab: Durch einen kleinen Seiteneingang gelangt man zum hochgelegenen …

… Rosengarten. Man kann sich auf einer der vielen Bänke von der Sonne bescheinen lassen und staunen. Ich habe keine Ahnung von Pflanzen, hätte aber gedacht, die Zeit für Blumen (außer für Herbstpflanzen) sei bereits vorbei. Aber hier ist noch alles in voller Blüte.

So ist es zusätzlich einleuchtend, den Platz nach Hilde Domin zu benennen, denn ihr berühmtestes Gedicht heißt: Nur eine Rose als Stütze. Ich bin sicher, sie hätte sich darüber gefreut, daß ein Kriegsschauplatz, der zu einem Rosengarten geworden ist, ihren Namen trägt.

Brüsseler Platz

Hier heißt es, den Kopf einzuziehen, damit man nicht im Netz hängen bleibt. Vor Spinnen braucht man aber keine Angst zu haben: Im Rahmen der „plan 10„, dem bislang alljährlich stattfindendem „Forum aktueller Architektur“, haben Studierende des Fachbereichs Architektur der Alanus Hochschule in Alfter eine „performative Installation“ geschaffen und einen Baldachin aus Plastikseilen über die Wege zwischen den Hochbeeten vor der Kirche St. Michael am Brüsseler Platz gespannt.

„Performativ“ soll bedeuten, daß das Herstellen, also das Knüpfen und Anbinden wichtiger Teil des Kunstwerks ist, man wollte mit den Anwohnern ins Gespräch kommen … ob das geklappt hat und worüber man geredet hat, weiß ich nicht, aber das Resultat ist ganz eindrucksvoll.

Und den Kindern gefällt es auch.

Die Anwohner haben eigentlich andere Sorgen, denn seit ein paar Jahren haben sich junge Leute bei warmem Wetter diesen Platz als Treffpunkt ausgesucht: Hier herrscht unter hohen Bäumen eine schöne Atmosphäre, Kioske, Imbisse und Kneipenrestaurants bieten eine gute Infrastruktur. Rauchen darf man, soviel man will, und trinkt günstiges Bier aus Flaschen – und die von den Anwohnern gepflegten Hochbeete bieten genug Platz, seine Notdurft verrichten zu können. Bis zu 1000 partyfreudige Besucher kommen hier am Wochenende zusammen, haben bis in die Morgenstunden eine gute laute Zeit und sorgen so für jede Menge Müll und Schlaflosigkeit bei zunehmend genervten Anwohnern.

Wer sich dafür interessiert, kann an den aufgestellten Schildern lesen, was das kostet, was er da so macht. Aber ob’s was nützt? Der Platz taucht inzwischen in einigen Reiseführern als „IN-Location“ auf und lockt Touristen an.

Ausnahme-Sonntag

Ist Köln jetzt autofrei? Super!!
Nein? Wenigstens am Wochenende? Auch nicht?
Schade. Nur am letzten Sonntag, weil viele Verrückte engagierte Sportler am jährlichen Marathon-Lauf teilgenommen haben, waren die Straßen abgesperrt.

Gleich hinterm Ziel sah man ihnen die Strapazen an: Kaputt, aber stolz. Über 42 Kilometer, meine Hochachtung!

Der Herbst kam in leuchtenden Farben bei angenehmen 24 Grad, wie hier mitten im Zentrum …

… oder am Rande des Mediaparks im Garten des Filmhauses …

… wo die Leute anscheinend keine Ahnung hatten von den Mühen der Aktiven. Oder sich einfach nicht darum kümmerten. Der Kuchen war lecker.

Ehrenfeldgürtel

Das Café Franck gibt es schon seit 1938, seit 2004 mit neuen Pächtern, die die alte Tradition mit kleinen Neuerungen aber weiterführen, zum Beipiel gibt es manchmal Lesungen oder Kleinkunst.

Die Möbel sind aus den 50ern und 70ern – jedenfalls sehen sie so aus. Aus dem alten Automaten kann man für 2 Euro Kreide, Knetgummi oder Plastiktiere ziehen.

Sehr gemütlich hier. Warme Küche gibt es nicht, aber Kuchen, der lecker aussieht (es war zu spät, ihn zu probieren). Wenn er so gut ist wie Kakao und Kaffee, lohnt ein Besuch unbedingt. Wochentags schließt das Café bereits um 19 Uhr, freitags und samstags allerdings wandelt es sich dann zu einer Lounge: Die Fenster werden abgedunkelt, das Licht gedimmt, die Diskokugel streut atmosphärische Lichtflecken, und es dudelt Lounge-Musik. Wer will, kann Cocktails bestellen. Das stört alles nicht weiter, aber wir sind dann doch lieber nach Hause gegangen. Aber wir kommen wieder – bestimmt.

Schaafenstr.

Hermann Hesse prägte in seinem Roman „Das Glasperlenspiel“ den Begriff des „feuilletonistischen Zeitalters“ – die Kultur ist geprägt durch schier endloses Gequatsche, jeder hat eine Meinung zu irgendwas, wahllos werden den Zuhörern und -sehern Informationen eingetrichtert, daß sie uns aus den Poren wieder herauszukommen scheinen, man weiß gar nicht, wo man die parolenhaft vorgetragenen Neuigkeiten noch unterbringen soll. Wenn man Glück hat, gibt es einen Kommentar, der ungefähr das ausdrückt, was man fühlt, aber gleich geht’s weiter, Aufstände, Bankencrash, Unwetter, Kriege, Arbeitslosigkeit – ist aber alles gar nicht so schlimm, in den Talkshows beruhigt die Ministerin die Massen, allen gehe es gut, jaja, man habe das so beschlossen im Kabinett. Und nun zum Wetter.

Kreuzworträtsel, anderes Wort für „unangenehme Situation“, 5 Buchstaben: Armut.

5 Euro!

5 Euro! 6,7 Millionen alkohol- und nikotinsüchtige „Hilfsbedürftige“ – so nennt man die Hartz-IV-Bezieher – dürfen sich freuen, endlich können sie das Geld mit vollen Händen ausgeben, das sie zum Überleben brauchen. Natürlich nicht für Alkohol und Tabak, das wäre ja wohl noch schöner. Sie sollen davon z.B. die kaputte Waschmaschine reparieren lassen, oder einfach mal wieder ein gutes Buch kaufen – gut, dafür muß man natürlich ein bißchen sparen, für die Waschmaschine sogar ein bißchen länger, aber egal. Man muß es mal so sehen: 5 Euro, das entspricht dem Pfandwert von 20 aus dem Müll geklaubten PET-Flaschen, oder auch 62 Bierflaschen – leere, versteht sich. Super, oder?

Zwei Meldungen später gab es in den Nachrichten noch folgende Nebensächlichkeit zu berichten: „Bei den mit Steuergeldern geretteten deutschen Banken werden wieder Millionengehälter gezahlt.“ (tagesschau 26.09.10, 12 Uhr). 25 Millionen Euro, so heißt es am Abend bei Anne Will, hätten die Vorstände sich gegönnt. Das rechnet allerdings keiner in leere Pfandflaschen um.

Blogfreund Trithemius hat vor einiger Zeit einen sehr guten Text darüber geschrieben, den ich hier der Einfachheit halber und dank seiner Pauschalerlaubnis („Klaut alles“) hineinkopiere:

„Flasche leer – Mutprobe für Beherzte

Eine Mutprobe, und wenn du nicht mitkommen willst, lies nicht weiter. Die Sache ist nicht wirklich gefährlich, aber Mut ist trotzdem erforderlich. Wenn du die Probe erfolgreich absolvierst, erwartet dich am Schluss eine Belohnung. Du brauchst dich für diese Mutprobe auch nicht stylisch anzuziehen. Es würde reichen, wenn du einen einfachen Trainingsanzug hättest. Vermutlich hast du in deinen gewiss umfangreichen Beständen keinen einfachen Trainingsanzug. Darum leihe ich dir einen. Seine vorherrschende Farbe ist Magenta. Die Hose hat an der Naht zwei senkrechte weiße Streifen. Bei der Jacke zieht sich je ein breiter Streifen von den Schultern zum Bund. Vermutlich ist der Trainingsanzug eine billige ostasiatische Nachahmung eines teuren Pitbullsmokings. Leider ist der Anzug ziemlich schmutzig und riecht ein wenig. Die Mutprobe besteht nicht allein darin, diese Teile anzuziehen, das wirklich Schwierige kommt noch. Falls du also noch nachträglich aus der Mutprobe aussteigen willst, …

Entschuldige, wenn ich das sage: Du siehst unmöglich aus. Hab auch Verständnis, dass ich einige Schritte zurücktrete. Das ist eine völlig natürliche Reaktion. Man hat Angst, sich an dir zu beschmutzen und fürchtet Ansteckung. Würdest du jetzt bitte diesen Raum verlassen und auf die Straße gehen? Ich begleite dich in gebührendem Abstand. Und nimm die Alditüte mit! Ja, im Stadtzentrum bist du ziemlich allein in dieser Aufmachung. Durch die hübschen Straßen der Altstadt bummeln die gut situierten Hedonisten, Einheimische wie Touristen, die Unterhaltung suchen und Genüsse. Du gehörst nicht dazu und verdirbst den Leuten durch dein Auftreten die Laune. Sie halten heimlich Abstand von dir, und die meisten sehen dich gar nicht an. Wer noch elender ist als du, hockt in Eingängen oder kniet auf dem Bürgersteig mit hochgerecktem Plastikbecher. Das gibt dir ein wenig Stolz, denn du bist anders als sie, du wartest nicht auf milde Gaben, du arbeitest, wenn auch zu einem Hungerlohn. Schau, der Mülleimer am Laternenpfahl. Schieb mal den Arm durch die schmale Öffnung und taste nach Flaschen. Ach, komm, hab dich nicht so, du kannst ein bisschen Dreck vertragen. Es ist alles eine Frage der Gewöhnung.

Da ist nichts, keine Flasche? Hast du auch wirklich in alle Ecken gefühlt? Es reicht nicht, nur mal die Hand einzutauchen, du musst mit dem ganzen Arm hinein. Wenn du gründlich arbeitest, kannst du heute Abend mit der vollen Tüte zum Kiosk gehen und dein Tagessalär abholen. Kipp aber vorher die sauren Reste aus den Bierflaschen, denn die Händler mögen nicht, wenn ihnen der schimmlige Schleim auf die gewischten Fliesen tropft. Vielleicht findest du sogar ein paar Petflaschen, die sind weniger eklig, leichter und bringen mehr. Ja, gäbe es nur Petflaschen, wäre dein Leben ganz hübsch. Findest du nicht?

Gut, dann kommt jetzt die richtige Belohnung für die bestandene Mutprobe. Du brauchst an menschliches Elend keinen Gedanken mehr zu verschwenden. Der Dreck bleibt zwar, ist eigentlich noch weitaus ekliger als kotige Mülleimer, doch er ist plötzlich unsichtbar, denn du rutschst über Los ans andere Ende der Leiter: Für eine Weile bist du Finanzmanager bei einer amerikanischen Investmentbank, hast ein wunderbares Haus, – man könnte es eine Villa nennen. Zu dir gehört eine wohlgesittete Familie, du bist angesehenes Mitglied in diversen teuren Clubs, … um es kurz zu machen: Du hast nahezu den Himmel auf Erden und freust dich deines Lebens. Es gibt allerdings ein kleines Problem in deinem gut dotierten Job. Du weißt seit einigen Monaten, dass deiner Bank die Insolvenz bevorsteht. Denn du und deine smarten Kollegen, ihr habt mit faulen Krediten gezockt. Über Jahre habt ihr Hypothekenschulden gekauft, von Menschen, die nicht viel mehr hatten als ein Flaschensammler, habt deren Schulden gebündelt, hübsch verpackt und weiterverkauft. Am Handel mit Nichts ließ sich viel Geld verdienen, und eure Erfolgsprämien waren astronomisch. Jetzt ist das anrüchige Geschäft leider aufgeflogen, und weltweit krachen die Banken ein, die sich daran beteiligt haben. Gestern traf es deine Bank. Du musst deine Sachen aus dem Büro holen. Doch wirklich, es ist nicht weiter schlimm für dich.

Im Privathafen deines Segelclubs schaukelt deine stattliche Yacht. Sie liegt in der Reihe mit den vielen anderen Yachten der Mitglieder deiner Diebeszunft. Die beiden Kinder aus erster Ehe sind aufgehoben im Schweizer Elite-Internat „Auf dem Rosenberg“. 70.000 Euro Schulgeld zahlst du aus der Portokasse. Also wirst du das tun, wovon du schon lange träumst, einige Monate in der Weltgeschichte umhersegeln und dich sehen lassen, wo die Reichen der Welt sich gerne aufhalten. Wenn du genug vom Müßiggang hast, wirst du dich wieder dem Markt anbieten, und du kannst sicher sein, dass bald darauf ein Headhunter anruft. Einen kreativen Kopf wie dich kann die asoziale Finanzwelt immer gut gebrauchen.

Ein prächtiges Leben wünscht

Trithemius“

(Quelle)

Deutz-Mülheimer-Str.

Manchmal läuft man irgendwo entlang und rechnet mit gar nichts Besonderem, man hat ein Termin in einer relativ unwirtlichen Gegend, man muß dahin und will es auch, das Denken ist ganz Erwartung, die Aufmerksamkeit schon in der unmittelbaren Zukunft —

und dann sowas. Großstadt macht nicht immer Spaß, überrascht aber oft.

Eigelstein (3)

Das ist das schmalste Haus Kölns: 256 Zentimeter ist es breit, dafür 30 Meter lang, da muß man sich nicht groß den Kopf darüber zerbrechen, wie man die Möbel stellen soll: Hintereinander natürlich. Die Eigentümerin hatte sich das nur provisorisch bebaute Grundstück von einem Makler andrehen lassen, ohne es sich anzusehen (sie wohnte in Süddeutschland). Als der Mieter wechselte, forderte die Stadtverwaltung sie auf, die Baulücke anständig zu schließen. Tja – inzwischen hat die Umsetzung mehrere Architekturpreise gewonnen. In dem Haus befinden sich Appartements und Büros.
(Quelle: Express)