Gamescom (1)

Videbitis: „Guten Tag. Bin ich verbunden mit dem Ministerium für unnütze Ausgaben?“
Dr. Gibaus: „Guten Tag. Ministerialdirigent Dr. Gibaus am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“
V.: „Ich habe da mal eine Frage zur Gamescom in Köln in der letzten Woche. Da wurden am Rhein an Brücken, Pontons und einigen Häusern blaue Neonröhren angebracht …“
Dr. G.: „Ja, eine sehr schöne Arbeit, das hat viel Spaß gemacht, das für nur fünf Tage umzusetzen.“
V.: „Genau, für nur fünf Tage Neonröhren am Rhein, und der Spaß hat 250.000 Euro gekostet.“
Dr. G: „Wir hätten gern mehr ausgegeben, aber Sie wissen ja, wie das ist.“
V.: „Nein. Woran lag’s? Der Ministerpräsident Erwin Laschet und Oberbürgermeisterin Reker haben sich doch ganz begeistert gezeigt. Und sogar die Staatsministerin für Digitales aus der Hauptstadt war anwesend.“
Dr. G.: „Armin. Armin Laschet. Erwin ist der, der in Wuppertal eine Herrenbutike eröffnen will. Gut, kann man sich für Armin auch gut vorstellen (hehe) … Zu Ihrer Frage: Die Politiker haben natürlich nur die allergeringste Ahnung, worum es da geht, nur irgendwas mit Computern und Spielen. Sie sehen allerdings die steigenden Besucherzahlen: 370.000 in diesem Jahr, mehr als jemals zuvor, über 1.000 Aussteller, 70 Prozent davon aus dem Ausland, und die müssen alle essen und trinken, viele übernachten in der Stadt, alle fahren mit der KVB – was das für Geld in die Stadt spült … sagenhaft! Wie damals mit den Knochen, für die sie den Dom gebaut haben. Und da der Vertrag zwischen der Kölner Messe und den Betreibern demnächst ausläuft und neu verhandelt werden muß, haben die Politiker große Sorge, daß die Gamescom abgeworben wird. Hat Köln ja auch gemacht vor zehn Jahren, vorher war sie in Leipzig.“
V.: „Und die Neonröhren …“
Dr. G.: “ … sind ein Zeichen an alle Besucher, wie gern wir sie haben, und daß wir bereit sind, was für sie zu tun.“
V.: „Ja, aber hätte man das Geld, immerhin eine Viertelmillion, nicht woanders besser … denken Sie doch nur an die vielen maroden Schulen in Köln, wo sogar die sanitären Anlagen dermaßen hinüber sind, daß die Kinder lieber aufs Trinken verzichten oder zum Pinkeln nach Hause gehen.“
Dr. G: „Schlimm. Aber das sollte man nich gegeneinander aufrechnen. Schwimmbäder und Theater werden auch subventioniert, da könnte man auch mit verstopften Klos kommen.“
V.: „Das stimmt, aber Schwimmbäder und Theater dienen der körperlichen und geistigen Ertüchtigung, während die zusätzliche Beleuchtung des Rheinufers reine Dekoration ist.“
Dr. G.: „Und deswegen ist es ja auch eine Aktion unseres Ministeriums. Sonst wäre die Angelegenheit ja bei der Kultur, oder der Gesundheit, oder was weiß ich.“
V.: „Was macht Ihr Ministerium denn sonst noch?“
Dr. G.: „Viel müssen wir nicht machen. Leider erleben wir immer wieder, wie andere Ministerien Ausgaben tätigen, die eigentlich in unser Ressort fallen. Allerdings haben wir einen großen Vorteil: Unsere Vorhandensein rechtfertigt sich durch sich selbst. Oder können Sie mir eine Abteilung nennen, die für uns finanzielle Mittel bereitstellt, außer dem Ministerium für unnütze Ausgaben? Wenn es uns also nicht gäbe, dann gäbe es uns gar nicht. Und das kann ja nun keiner wollen, schließlich verdienen wir unseren Lebensunterhalt hier. Wir fördern den Braunkohleabbau, den Straßen- und Brückenbau durch Naturschutzgebiete, und zur Not haben wir noch ein paar hübsche Autobahnbrücken, die wir anschlußlos in die Gegend stellen können. Und dann müssen wir uns ja wieder Aktionen für die nächste Gamescom ausdenken.“
V.: „Ah ja. Danke für die Auskunft. Auf Wiederhören.“

Ausflug nach Leipzig (2)

Am Tag unserer Ankunft spielte am späten Nachmittag das Bläserquintett des Gewandhausorchesters ein Willkommenskonzert nur für uns. Das nenn ich Service. Wir hatten nichts dagegen, daß auch ein paar andere Leute zuhören, im Gegenteil: Die Kammermusikinstrumente waren eigentlich zu leise, auch wurde kein Bach gespielt, sondern Mozart, Danzi und anderes Seichtes, und als wir unser Bier ausgetrunken hatten, war uns ein wenig langweilig. Durch die vielen Zuhörer fiel es nicht weiter auf, daß wir uns verdrückten …

… um uns die Thomaskirche anzusehen: Ein großartiges Netzgewölbe. Die Orgel ist allerdings nicht mehr die, an der Bach gesessen hat.

Merkwürdigerweise stehen die ersten Bänke längs zum Chor – sowas habe ich noch nie gesehen, die Kirchenbesucher sitzen sich gegenüber. Das erinnert mich an ein Sartre-Stück, das ich mal in einem kleinen Theater besucht habe, da war die Bühne in der Mitte, und die Zuschauer in zwei großen Blöcken links und rechts mußten die Blicke von gegenüber aushalten – geschickt gemacht, denn die Quintessenz des Stücks war: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Hier liegt er nun, bzw. seine Gebeine, der größte Komponist, den die Welt je gesehen hat, Johann Sebastian Bach (1685-1750). Obwohl, ganz sicher ist man sich da nicht, es bestehen sogar erhebliche Zweifel: Bach wurde erst normal auf einem Friedhof begraben. Nachdem man ca. 100 Jahre später seine Bedeutung erkannt hatte und 1894 ein Umbau des Friedhofs und der angrenzenden Johanniskirche anstand, exhumierte man die Knochen, die da lagen, und ein Gutachter (ein Anatom) bestimmte, welche von Bach sein sollten, um sie in der Kirche unter dem Altar zu deponieren. Nach der Zerstörung der Kirche im 2. WK wurden sie schließlich 1950 zum 200. Todestag des Komponisten in der Thomaskirche beigesetzt. Ich finde, man sollte das nicht weiter untersuchen. Die Ehrung und Verehrung zählt, darauf kommt es an.

In diese Damen habe ich mich fast ein bißchen verguckt – selten, daß eine Frau so forschend, neugierig und selbstbewußt aus einem alten Bild dem Betrachter direkt in die Augen sieht. Der Ausschnitt stammt aus …

… einem merkwürdigen Bild, das relativ unbeachtet an einem Pfeiler der Kirche hängt: Drei Männer, jede Menge Nonnen und Kinder? Was soll das? Wenn ein Kunsthistoriker nicht weiter weiß, sucht er nach einem ähnlichen Bild, das eventuell besser dokumentiert ist, vergleicht und versucht, Schlüsse daraus zu ziehen. Der Fachmann nennt das „vergleichendes Sehen“.  Das habe ich gemacht, herausgekommen ist folgendes:

Höchstwahrscheinlich sind die drei Männer vermögende und hochangesehene evangelische Bürger der Stadt Leipzig – keine Adligen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie verwandt wären und unter einem Dach lebten. Um ihr Seelenheil und das ihrer Familie besorgt, haben sie eine große Summe Geld zum Aufbau oder zur Renovierung der Kirche gespendet. Die Frauen sind keine Nonnen, sondern die Frauen des Hausstands, die (hier wird es wirklich ganz vage) nicht alle so fromm und unterwürfig sind, wie die Herren es gern hätten. Ich vermute, das Bild ist in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert entstanden.

Geholfen hat mir ein Bild, das ich zufällig am nächsten Tag im „Museum der bildenden Künste“ sah:

Es ist von Lucas Cranach d.J. aus dem Jahr 1557. Es ist nicht nur ein typisches Stifterbild, wie es häufig vorkommt, also Christus am Kreuz als Hauptthema, im Hintergrund Szenen aus seinem Leben und vorn unten, bedeutungsperspektivisch verkleinert, der Stifter des Werkes und seine Familie, nein, es ist auch ein antikatholisches Triumphbild.

Hinter den Köpfen des Stifters und seines mutmaßlichen Schwiegersohnes sieht man, wie Jesus dem Teufel den letzten Stich verpaßt – der Teufel trägt eine Papstkrone, aus seinem aufgeschlitztem Bauch quellen katholische Würdenträger heraus (ich sehe da einen gewissen Humor, aber das liegt vermutlich an mir).

Die Frauen, deren Aufzug auch in diesem Bild an Nonnen denken läßt, sind ganz sicher keine – die Kragen sind ornamentiert, wie es sich für einen Nonne nicht schickte, und überhaupt, die Anwesenheit von Nonnen würden hier gar keinen Sinn machen, da der Stifter ja für seine ganze Familie ein Seelenheilverbesserung wünscht. Daraus schließe ich, daß in einem sittsamen, frommen evangelischen Haus die Frauen sich relativ schmucklos zu kleiden hatten.

Das Bild in der Kirche ist also wahrscheinlich auch ein Spenderbild – die Anordnung der Figuren ist ja die selbe wie hier. Allerdings fehlt dort das gespendete Werk, daher meine Annahme, daß die Spende der Kirche selbst galt. Daß es sich um Leipziger Bürger handelt, sieht man an dem Wappen rechts: Der Löwe ist das Wappentier der Stadt.

Fortsetzung folgt.

Ausflug nach Leipzig (1)

„Wo bleiben die Einträge“, mahnt meine Begleiterin, wir seien schon seit fünf Wochen zurück aus dem Urlaub. Aber 2.000 Fotos, die müssen erstmal in die richtige Reihenfolge gebracht werden, bevor ich sie zeigen kann. Und da die Leser bestimmt nicht alle sehen wollen, muß ich auch ein paar aussortieren, sogar so viele, daß die Leser nicht entnervt aufgeben. Papperlapapp, sagt meine Begleiterin, wer wegklickt, hat seine Gründe, egal, wieviele Fotos gezeigt werden. Hm – da hat sie recht. Ich fang einfach mal an, mit dem Bahnhof, der zwischen 1902 und 1915 geplant und gebaut wurde.

Ein Kopfbahnhof hat den Vorteil, daß er weniger Platz braucht als ein Durchgangsbahnhof, und daher weiter in die Stadt hinein gebaut werden kann. Wenn zur Ausfahrt der Züge erstmal die gleichen Gleise benutzt werden können wie zur Einfahrt, hat man einige Bahntrassen gespart, die sonst städtischen Grund belegen würden. Da hat der Stadtrat doch eine weise Entscheidung getroffen.

Darüber hinaus gab es politische Gründe, deren Folgen man noch heute am Gebäude ablesen kann: Eine schöne, große, protzige Bahnhofshalle. Verrückterweise gibt es davon noch eine zweite, in den gleichen Ausmaßen, beide verbunden durch eine große Querhalle (die heute ein mehrstöckiges Einkaufszentrum beherbergt). Das kam so: Nachdem die Eisenbahn erfunden worden war, erkannten viele Leute, daß man damit viel Geld machen kann, und so entstanden viele private Eisenbahngesellschaften, die miteinander konkurrierten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es allein in Leipzig fünf Fernbahnhöfe. Nach dem üblichen Verdrängungswettbewerb blieben noch zwei Eisenbahngesellschaften übrig, die „Preußische Staatseisenbahn“ und die „Königlich Sächsische Staatseisenbahn“, und da die beiden sich spinnefeind waren und Vernunft als ein Phänomen betrachtet wurde, das irgendwelche Spinner in gelehrten Büchern diskutierten, bestand jede auf eine eigene repräsentative Eingangshalle: In Stein „gemeißelte“ Unvernunft und Geldverschwendung aus nationalistischem Dünkel. Die gleiche Geisteshaltung, die zum 1. Weltkrieg führte – und heutzutage eine Renaissance erfährt, wenn man nach Osteuropa und über den Atlantik blickt.

Fortsetzung folgt.

Alphons-Silbermann-Weg

Ich bin ganz froh, daß es nun wieder etwas kühler wird: Je größer die Hitze, desto mehr neigen die Leute dazu, sich ihrer Kleidung zu entledigen, womit sie auch in der Öffentlichkeit nicht aufhören. Die Leiblichkeit eines Menschen gehört zu seinen intimen Angelegenheiten, mit denen ich nichts zu tun haben möchte, ich fühle mich davon belästigt. Intimität ist deshalb intim, weil sie intim ist, das braucht keine weitere Begründung. Sie schüzt nicht nur jeden einzelnen von uns in seinen nahesten Tätigkeiten, sondern auch alle anderen davor, mit ihnen konfrontiert zu werden. Nicht, daß ich prüde wäre und einem schönen Körper nichts abgewinnen könnte, aber die meisten sind nicht so, die wenigsten würden einen Schönheitswettbewerb gewinnen (ich auch nicht), und so bin ich dankbar, daß die Bewohner meines Kulturkreises überwiegend bekleidet durch das Jahr laufen. Weiße dünne Beine, die aus viel zu weiten kurzen Shorts herausschauen und unten in Adiletten enden, sind eine Beleidigung fürs Auge. Und wenn dann noch über der Gürtellinie ein praller Bauch von einem durgeschwitzen Unterhemd mehr betont als milde kaschiert wird – das ist wahrlich kein schöner Anblick. Einen solchen Aufzug gibt es übrigens geschlechtsneutral.

Und nun machen sich auch noch die Bäume nackig. Ein merkwürdiger Anblick in einer der eigentlich schönsten Platanenalleen der Stadt. In den Nachrichten hörte ich neulich, man solle aufpassen, die Bäume würfen auch ihre Äste ab. Das hielt ich für übertrieben – bis ich es mit eigenen Augen gesehen habe: Ich saß im Biergarten Rathenauplatz, als plötzlich ein lautes Krachen von splitterndem Holz zu hören war, kurz darauf sah man einen riesigen Platanenast nach unten sausen. Glücklicherweise stand gerade keiner darunter, er wäre gewiss erschlagen worden. Darum, liebe Leute, wenn es über euch kracht, schaut nicht erst neugierig nach oben, dann könnte es bereits zu spät sein – rennt, so schnell ihr könnt, in die Sonne, auch mit dünnen, weißen Beinchen.

Stadt am Strand

 

Niedrigwasser, aber ein paar Schiffe fahren noch, wenn auch nur mit vermindeter Last. Trotzdem sollte man nicht Schwimmen gehen, die Flüsse in Deutschland sind sehr tückisch, an keinem Ort ertrinken mehr Leute.
 

Wer klug ist, setzt sich in den Schatten, wer schön sein will, läßt sich von der Sonne bräunen und bekommt dafür eines Tages den Ehrentitel „Alter Lederstrumpf“ – wenn man nicht vorher von Hautkrebs dahingerafft wird.

Ich weiß nicht, ob das ein Geheimtipp ist, aber man findet fast immer einen schattigen Platz auf den öffentlichen Terrassen der Vereinshäuser an der Alfred-Schütte-Allee, die rechtsrheinisch parallel zum Fluß verläuft.

Meine Begleiterin nennt mich manchmal Kaffeetante – Frechheit! Nur, weil ich auch bei über 30 Grad im Schatten auf meinen Sonntagnachmittagskaffee und -kuchen ungern verzichten würde. Leider macht Café Braun gerade Sommerferien (falls es euch interessiert).

Ausflug nach Basel (6)

Das Museum Tinguely wurde 1996 eröffnet. Es ist ein Geschenk der Pharmafirma Roche zu ihrem eigenen 100-jährigen Jubiläum an die Stadt – und natürlich auch ein Unterbringungsort für die Kunstwerke, die die Firma bis dahin gesammelt hatte. Das kennen wir ja auch schon von anderen Mäzenen: Die Damen und Herren Multimillionäre und -milliardäre finden Kurzweil im Sammeln von Kunst, und da für sie kein Preis zu hoch ist, schaffen sie sich eine meist sehenswerte Bilder- und Skulpturenkollektion an, für deren Unterbringung und Ausstellung dann die Öffentliche Hand aufkommen muß. Letzteres hier nicht: Auch der Betrieb des Museums wird komplett von Roche finanziert. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß Roche ein paar Etagen unter dem Museum, also tief in der Erde, eine Wasseraufbereitungsanlage erbaut hat, wo das Wasser gereinigt wird, das die Firma dem Rhein für eigene Produktionszwecke entnimmt.

Zum Zeitpunkt der Eröffnung war der Schweizer Künstler Jean Tinguely (1925-1991) schon fünf Jahre tot, aber er hatte es noch miterlebt, daß man ihm und seiner Kunst zu Ehren dieses Haus errichten wollte. Das war durchaus keine Selbstverständlichkeit: In seinen frühen Künstlertagen war Tinguely das, was man einen Bürgerschreck nannte (ich weiß gar nicht, ob der Ausdruck heute noch gebräuchlich ist).

So hat er z.B. vorm Mailänder Dom eine große verhüllte Skulptur errichten lassen, die sich nach der Enthüllung als erigierter Penis samt Hoden zu erkennen gab (Foto links; die Testikel sind mit vergoldeten Plastikfrüchten behängt – Details können ja manchmal wichtig sein). Als ob das nicht schon reichte, ließ der Künstler die Skulptur noch während der Veranstaltung von innen abbrennen (Foto rechts), ohne vorher die Feuerwehr oder andere offiziellen Stellen darüber informiert zu haben. Der ganze Spaß kostete 12.000 Dollar (damals noch um einiges mehr wert als heute), die aus der eigenen Tasche und von Sponsoren und Freunden aufgebracht wurden.
Die Phase der sich selbst vernichtenden Werke nahm um 1960 allerdings nur eine kurze Spanne im Leben des Künstlers ein – diese (von Ad Petersen dokumentierte) Aktion von 1970 mit dem Titel „La Vittoria“ (Der Sieg) war im späteren Werk eher eine Ausnahme.

Zusammen mit anderen Künstlern gründete Tinguely 1960 die Gruppe „Nouveau Réalisme“ (Neuer Realismus), sozusagen als Gegenbewegung zum den Kunstmarkt beherrschenden „Abstrakten Expressionismus“. Sie wollten wieder Gegenständliches schaffen, aber nicht in der Art traditioneller Bildhauerei. Sie sahen sich eher als Erneuerer und Fortführer der Kunst von Marcel Duchamp mit seinen „ready mades“ und der Dadaisten in den 10er und 20er Jahren. Der Künstler César z.B. presste Autowracks zu neuen Skulpturen zusammen, Arman goß den Inhalt von Abfalltonnen und Papierkörben in gläserne Rahmen, Daniel Spoerri klebte alle Gegenstände, die nach einer Feier oder einem Essen auf dem Tisch verblieben waren (also sämtliches Geschirr, aber auch Flaschen, Brotreste, Servietten und Zigarettenstummel), fest und hängte die Tischplatten an die Wand (=Fallenbilder).
Man verfaßte Manifeste und organisierte gemeinsame Ausstellungen.

Tinguely sammelte Schrott, schweißte und schraubte die Teile zusammen und brachte sie mit kleinen Elektromotoren in Bewegung. So ist im Museum fast jedes Werk mit einem Trittknopf versehen, wenn man ihn aktiviert, bewegt sich was – sehr hübsch, ein großer Spaß, nicht nur für Kinder. Allerdings muß man etwas Geduld mitbringen: Die Kunstwerke sind natürlich sehr verschleiß- und daher wartungsanfällig. Um ihre Funktionsfähigkeit (bis zur nächsten Wartung) zu erhalten, müssen nach einer jeweiligen Aktivierung durch die Besucher erst sieben Minuten vergehen, bevor der Mechanismus erneut in Gang gesetzt werden kann.

Bei den Beispielen oben und unten werden sogar automatisch gezeichnete Kunstwerke erzeugt.

Spätestens in den 70ern war Tinguely nicht nur weltweit, sondern sogar in der etwas gemächlichen Schweiz anerkannt als der bedeutendste Schöpfer kinetischer Kunst, und so wurde er auch auf der Baseler Kunstmesse gehandelt. Ein Galerist erzählte später, daß es manchmal sehr nervig gewesen sei, wenn man einem Kunden feinsinnig von der Qualität eines impressionistischen Gemäldes überzeugen wollte und dann plötzlich am übernächsten Stand eine von Tinguelys Maschinen loslärmte.

In einem dunklen Raum mit unheimlichen Schattenwürfen rattern einige Werke mit Teilen von Tierskleletten bedrückend vor sich hin. Diese Ansammlung von Maschinen heißt „Mengele-Totentanz“. In Tinguelys Nachbarschaft war in einer gewaltigen Feuersbrunst ein Bauernhof komplett abgebrannt, auch die Tiere waren nicht mehr zu retten. Mit Erlaubnis des Besitzers durfte Tinguely sich ein paar Tage später auf dem Grundstück umsehen. Es stank noch immer nach verbranntem Fleisch (wie er später erzählte), während er die Überbleibsel der Maschinen und Tiere einsammelte. Unter anderem fand er eine Herstellungsplakette der Firma Mengele: Der Vater und die Brüder des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele hatten Landmaschinen produziert. Totentanz erinnert an eine aus Basel bekannte mittelalterliche Darstellungsform des Todes: Skelette scheinen die zu Tode Bestimmten anzutanzen (hier sieht man eine Kopie).

Die größte, sogar begehbare Maschine (ihr werdet gleich im Film noch mehr davon sehen). Tinguely hatte sie für eine spezielle Ausstellung gebaut und geplant, daß die Besucher über sie in das nächste Stockwerk gelangen, aber das wurde aus Sicherheitsgründen nicht gestattet.

Genug geredet: Man muß die Bewegungen sehen und hören, deswegen habe ich einen kleinen Film für euch zusammengestellt. Die ersten Szenen sind vom Fasnachtsbrunnen mitten in der Stadt (die Figuren stammen von Schrottresten des abgerissenen Theaters, das an der Stelle vorher stand), die anderen aus dem Museum. Viel Spaß!

Ende.

 

Ausflug nach Basel (5)

Ich war nicht schon wieder in Basel, sondern es fehlen noch zwei Einträge vom letzten Urlaub, die ich gern nachtragen möchte, bevor ich von unserer diesjährigen Wanderung erzähle. Der Anschluß an die vorherigen Baseleinträge ist hier.

Im Museum Tinguely hatte der belgische Künstler Wim Delvoye (*1965) eine große Ausstellung. Man kann ihn als raffinierten Ironiker bezeichnen, der die Erscheinungen der Konsumgesellschaft und des Kunstmarktes in seinen Werken kritisch und provokativ thematisiert – oder auch als Witzbold und albernen Spaßmacher, falsch liegt man weder in dem einen noch in dem anderen Fall. Weil die Ausstellung eine Retrospektive seines bisherigen Schaffens ist, fängt er folgerichtig mit seinen Kinderbildern an.

Der Architekt und Architekturkritiker Adolf Loos (1870-1933) hat 1908 einen Text vorgetragen: „Ornament und Verbrechen“ (hier nachzulesen), in dem gesagt wird, daß das Ornamentieren, also das Ausschmücken, von Gegenständen ein Verbrechen ist. Der Text ist schwülstig und pamphletartig, läuft aber letztlich nur darauf hinaus, daß es besser ist, daß Hersteller von Gebrauchsgegenständen und Architekten gute Materialien verwenden und sich nach den Wünschen der späteren Benutzer und Bewohner richten sollen, als zu versuchen, sich in der Formgebung selbst zu verwirklichen. Mit Bezug auf diesen Text dreht Delvoye den Spieß nun um und ornamentiert drauflos: Propangasflaschen erhalten eine Bemalung wie Delfter Porzellan, Bügelbretter werden zu Wappenträgern.

Kunstvoll bemalte Porzellanfüße stützen Industrierohre.

Truck-Reifen, durch Schnitzungen reichhaltig verziert.

Eine Doppelhelix, ornamentiert mit dem Schmerzensmann.

Eine schöne Holzarbeit für den Bau …

… dazu passend eine Betonmischmaschine.

Die gibt es auch im Look gotischer Architektur …

… und als solche auch in Groß.

Der zweite große Themenkomplex des Künstlers ist die menschliche Verdauung. Er baut riesige Verdauungsmaschinen, von ihm als menschliche Porträts bezeichnet,  die …

… unter Zugabe entsprechender Chemikalien genau das produzieren …

… was beim Menschen hinten rauskommt. Man kann sich das für Geld in Folie einschlagen lassen und als Kunstwerk mit nach Hause nehmen, habe ich gelesen.

Der Künstler nennt diese Maschinen „Cloaca“ – hier eine Kofferversion für Unterwegs.

Im Shop kann man dann eine Mini-Cloaca samt Action-Figuren für die Kleinen zu Hause kaufen (man achte auf die Schriftgestaltung).

Man kennt das: Eins führt zum anderen – von der Verdauung ist es nicht weit zum Analen …

Wer diesen Figuren (je eine für jede Himmelsrichtung) hinten hineinschaut, blickt durch ein Fernrohr.

Zum Schluß noch ein Werk mit der Materialbezeichnung „Lippenstift auf Hotelbriefpapier“: „Anal Kiss B41“. Tja – das hängt man sich wohl eher auch nicht an die Wand.

Fortsetzung folgt.