Riehler Str.

Frisöre gibt es in Köln wie Sand am Meer, viele Ein-Mann/Frau-Betriebe, selten allerdings mit einer solch „einladenden“ Schaufensterdekoration.

Gonzo läßt hier auch frisieren, aber ist das unbedingt eine Empfehlung?

Innen sieht es aber ganz okay aus, also nicht abschrecken lassen.

Als Resultat eines Psychotests in einer Zeitschrift wurde mir jüngst bescheinigt, ich sei ein gefühlskalter egoistischer Romantiker – nicht sehr freundlich, aber ehrlich. Tatsächlich läßt mich diese Behauptung ziemlich kalt, denn ich wurde z.B. gefragt, ob ich immer den selben Friseur besuche oder auch mal wechsel: Ganz egoistisch versuche ich, immer zum selben zu gehen, aber das ist gar nicht so einfach. Hat mir beim letzten Mal noch die leicht sächselnde Mandy die Haare sehr gut geschnitten, ist sie dieses Mal schon nicht mehr da, stattdessen macht der wortkarge Pavel aus Warschau seine Arbeit auch ganz gut, oder ich falle in die Hände von René, der den Tunten-Soziolekt so perfekt beherrscht, daß es eine Freude ist, ihm zuzuhören, jedenfalls für die Dauer eines Haarschnitts.

Maybachstr.

Dieser Café-/Biergarten ist meiner Meinung nach einer der schönsten in der Kölner Innenstadt. Leider sind die Speisen, die man hier im dazugehörigen Restaurant „maybach“ bekommt, allenfalls ganz okay, wenn überhaupt, dafür sind die Preise etwas höher als anderswo. Der Milchkaffee war bei meinem letzten Besuch lauwarm, die Krönung aber war …

… dieser schwäbische Apfelkuchen für stolze 3,90 Euro: Ein Stück stichfester Vanillepuddingteig mit einer Apfelverzierung, die wohl als Beweis für den sprichwörtlichen Geiz der Schwaben dienen soll. Eine Unverschämtheit. Wie ein schwäbischer Apfelkuchen sein sollte, sieht man …

… hier: Reichlich Äpfel in einem Bett von lockerer Vanillecreme, gekauft beim besten Konditor der Stadt, Café Braun, für 2,30 Euro. Im „maybach“ werde ich nur noch Getränke aus der Flasche bestellen, da kann man ja eigentlich nichts falsch machen.

Sommerzeit

18.000 Fans vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan feierten ihn in der rechtsrheinischen Lanxess-Arena, während ca. 45.000 Gegner seiner Politik linksrheinisch über die Ringstraßen demonstrierten und zu einer Kundgebung im inneren Grüngürtel liefen. Die Touristen in der Altstadt störte das nicht, schönes Wetter, keine besonderen Vorkommnisse.

Studenten grillten auf „ihrer“ Wiese (passiv und aktiv), das Bier vom Kiosk ist billiger, außerdem kann man zwischendurch mal Frisbee spielen.

Und wem das alles zu hektisch ist, der trifft sich am Büdchen. „Schwaade“ nennt der Kölner das Quasseln, also das Erzählen von relativ bedeutungslosen Inhalten um des Erzählens willen – kann manchmal ganz gemütlich sein.

Frankenwerft

Gut, an der Signalfarbe konnte man nichts ändern, aber trotzdem atmen die Kollegen und Kolleginnen bei den Abfallwirtschaftsbetrieben auf: Endlich gibt es luftigere Kleidung für den Einsatz bei heißem Wetter. Nur über das Schuhwerk streitet man noch.

Breslauer Platz

Von diesem heimeligen Platz hinterm Hauptbahnhof, den der Oberbürgermeister für einen ganz außerordentlich gelungenen hält, habe ich ja bereits erzählt. Nun geht es um den kleinen Kreisverkehr in der Mitte: Eine große überregionale Bank hat der Stadt ein Kunstwerk dafür gestiftet. Man lobte einen Wettbewerb aus und zusammen mit dem Kunstbeirat der Stadt wurde von sieben Einsendungen ein Siegerentwurf gekürt:


Foto Stadt Köln

Ein Obelisk, neun Meter hoch, aus karbonfasergestärktem Kunststoff mit glänzender Oberfläche, Kosten: 100.000 Euro plus ca. 30.000 Euro Aufstellungskosten, die zur Hälfte von der Stadt übernommen werden sollen. Nun ist die Bezirksvertretung Innenstadt strikt gegen das Kunstwerk, ebenso ein Teil der Ratsmitglieder im Rathaus, von doch auch ganz „schönen Blumenbeeten“ ist hier die Rede. Bei der Bank ist man irritiert und eingeschnappt: Wie kann man so kleinlich ein so großzügiges Geschenk bemängeln!?
Die letzte Entscheidung steht noch aus.

Der „Obelisk of Tutankhamun“, wie das Werk genau heißt, ist von der Künstlerin Rita McBride. Nach ihrer Aussage handelt es sich hier um ein ironisches Kunstwerk: „Er [der Obelisk] wird eine Achse implizieren, wo niemals eine solche existiert hat, und den Blick auf ein Chaos urbaner Elemente vorgeben.“ Aaah ja. Das muß man natürlich wissen. Mal im Ernst: Ein ironisches Kunstwerk, dem man die Ironie nicht ansieht, sollte die Künstlerin tatsächlich besser zu Hause im Garten aufstellen, da versteht es wenigstens eine.

Photo by Roman Mensing/EMSCHERKUNST

Außerdem: Wenn ein Obelisk „den Blick auf ein Chaos urbaner Elemente“ vorgibt, was macht dann dieser schwarze Obelisk von Frau McBride im Emscher Park bei Essen? Hier sind nur Bäume und Büsche. Tja, so ein Obelisk ist eben ein echter Tausendsassa. Wenn die Künstlerin einen auf den Mond stellt, versinnbildlicht er wahrscheinlich die kosmische Ordnung in einer Nichtachse des Unendlichen, quasi als ironischer (!) Phallus Gottes! Ist doch naheliegend, oder?

Heinrich-Lübke-Ufer

Dieser kühn geschwungene fensterlose Betonbau unterhalb der Rodenkirchener Brücke erinnert von außen etwas an eine moderne Kirche, wie sie z.B. der Architekt Zumthor hätte errichten können.

Tatsächlich ist das Gebäude nur eine Lagerhalle der Stadtentwässerungsbetriebe (StEB ) für Hochwasserschutzwanddammbalken. Besonders im Kölner Süden kam es bei Hochwasser bis in die 1990er hinein immer wieder zu weitflächigen Überflutungen.

Das Hochwasserschutzkonzept, das man dann realisiert hat, war sicherlich nicht billig: Über eine Länge von 10 km werden in regelmäßigen Abständen Mittelstützen in den dafür vorgesehenen Halterungen aufgestellt, zwischen denen die Dammbalken, die man oben sehen kann, gestapelt werden.

Da die Leute des „8-Brücken-Festivals“ (ein Festival für neuere Musik) immer auch nach ausgefallenen Aufführungsorten suchen, konnten wir hier ein kleines, feines Jazzkonzert besuchen. Das Klavier klang etwas verwaschen, aber es hat trotzdem Spaß gemacht. Es spielte das „Trio Ivoire“, begleitet von zwei Gästen. Somit waren zwei afrikanische Musiker dabei, die mit ihren traditionellen Instrumenten für eine entsprechende Klangfarbe sorgten. Der Gründer des Trios, der Pianist Hans Lüdemann, behauptete gar, die Wurzeln des Blues (und damit natürlich auch die des Jazz) seien in Mali zu finden. Kann man das glauben? Klar, warum nicht?

Florastr.

Da läuft man leicht angenervt durch die Stadt, deren 1 Mio. Bewohner mir alle gleichzeitg im Weg zu stehen scheinen, läuft in eine Nebenstraße, schaut in eine Hofeinfahrt nach rechts – und findet sich unversehens in einer Szene seiner Kindheit wieder. Fast genau so, vielleicht noch ein wenig unaufgeräumter, war die Stimmung in dem Kaff, in dem ich in den 60ern aufwuchs: Langeweile und Geborgenheit, Hand in Hand.

Am alten Posthof

Hier feiert die „Geiz ist geil“-Mentalität Triumphe: Anfang des Monats eröffnete die irische Textilkette Primark in Stadtzentrum eine ihrer Filialen, eine der größten in Deutschland: Auf vier Etagen können ca. 5.000 Artikel gekauft werden, zu Preisen, die die Konkurrenten „Hager & Mager“, „Piep & Beclopptenburg“ und die anderen nicht bieten können. „Und das, obwohl wir die selben Näherinnen in Indien und Bangladesh mit Niedrigstlöhnen ausbeuten wie die anderen“, verkündet man stolz (nicht wörtlich, aber dem Sinne nach). Man verzichte auf einen Teil der Gewinnmarge und mache Geld durch höheren Umsatz, außerdem verzichte man auch auf den Dienst am Kunden: Auf eine Beratung werde der Kunde in dem Geschäft vergeblich warten, berichtet freudestrahlend einer der hauptamtlichen Mitarbeiter. Außerdem sind die Klamotten durch den niedrigen Preis natürlich so wenig wert, daß sie schneller entsorgt werden als die teuereren von der Konkurrenz, damit man wieder schnell neue kaufen kann, hier beim Aldi der Modebranche. Welche Auswirkungen das auf die Umwelt und die Arbeitssituation der Herstellerinnen in Fernost hat? „Mein komplettes Outfit heute kostet 42 Euro plus 10 Euro, für das, was man nicht sieht!“, sagt die Primark-Chefin von Köln – mit anderen Worten: „Ist mir doch scheißegal, Hauptsache, wir machen Kohle ohne Ende!“

Willy-Millowitsch-Platz, der neue

Na – das ging ja schneller als erwartet: Dieser kleine Platz zwischen Gertruden-, Aposteln-, Ehren- und Breite Straße ist nun tatsächlich, wie im Dezember 2012 vom Rat beschlossen, der neue Willy-Millowitsch-Platz. Den alten Platz konnte man kaum als solchen bezeichnen, ein Stück Rasen vor einem Hotel, ich weiß nicht, welchen Namen der jetzt bekommt. Am besten gar keinen, denn ehren kann man damit niemanden.

In Köln klappen die Dinge ja meist nie so ganz: Während der Eröffnungsfeierlichkeiten (was man so nennt – ein paar Politker hielten Reden, keine Ahnung, ob es wenigstens Sekt gab) fehlten durch irgendeine Schusseligkeit die Straßenschilder, daß der Platz nun den Namen des Volksschauspielers tragen sollte, war eine reine Behauptung, lesen konnte man das nirgends.

Als die Beschilderung dann endlich da war, fehlte einige Zeit noch die Umsetzung eines anderen Beschlusses: Die Umquartierung der Skulptur vom Eisenmarkt. Nun ist sie also da (habe ich schon gesagt, daß sie künstlerisch mißlungen ist?), der Stadtrat kann sich beruhigt zurücklehen und sich zufrieden die Hände reiben: Wieder ordentlich was abgearbeitet, sehr schön.

Willy Millowitsch verkörperte für mich als norddeutsches Kind übrigens die erste Vorstellung von Köln: Sie war abschreckend, niemals wollte ich in eine Stadt, die solche Menschen hervorbringt: Laut, mit sich überschlagender Stimme, dumm-clever mit grimmassierendem Humor, die unglaubwürdige Übertreibung pur, selbst dann, wenn er nett sein wollte. Grauenhaft.

Sülzgürtel

Vor ein paar Jahren haben australische Forscher untersucht, ob Schafe wirklich so dumm sind wie man ihnen nachsagt. Sie schickten 60 von ihnen in ein Labyrinth und stellten fest, daß die Schafe sich bereits nach drei Tagen immer besser zurecht- und aus dem Irrgarten herausfanden. Nach sechs Wochen trieb man sie wieder in das Labyrinth, und siehe da, die Schafe hatte nichts vergessen. Um nun herauszufinden, ob sich die Tiere nur instinktiv verhielten oder wirklich etwas gelernt hatten, verabreichte man ein paar von ihnen ein Mittel, das die Gedächtnisleistung trübte, mit dem Resultat, daß sie deutliche Orientierungsschwierigkeiten hatten.
Daß das so ist, wissen die selbsternannten Hirten der christlichen Kirchen schon seit Jahrhunderten: Damit die Gläubigen nicht selbst herausfinden aus dem Labyrinth von Schuld und Sühne, muß man ihnen stetig die Vernunftfähigkeit mit der Androhung von Strafe, Verdammnis und ewigen Höllenqualen eintrüben. Das funktioniert immer noch recht gut, weshalb die Pfaffen überhaupt kein Problem damit haben, den Gläubigen mit diesem Kirchenrelief offen zu zeigen, für was sie sie halten: Für dumme, abgerichtete Schafe.