Im Anschluß an die Wanderung erholten wir uns noch ein paar Tage in Freiburg, der schönen Stadt der Bächle (was es damit auf sich hat, habe ich hier schon einmal beschrieben).
Beliebt besonders bei Kindern sind diese kleinen Bächleboote …
… die oft in Behindertenwerkstätten hergestellt werden und die man in speziellen Spielzeuggeschäften kaufen kann (vorsicht: Nicht durch die falsche Tür gehen).
Da treffen sich dann die Generationen und führen interessante Gespräche: „Also: Sollen wir das Boot nochmal zu Wasser lassen, oder sollen wir nicht lieber ein Bier trinken gehen.“ – „Ich … ich weiß nicht …“ – „Aber Du weißt schon, daß Aufklärung der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit ist. Unmündigkeit, sagt Kant, ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn ihre Ursache nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen!“ – “ Ja, aber Kant sagt auch: Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden. Nur die Annäherung zu dieser Idee ist uns von Natur auferlegt. Und außerdem bin ich erst vier Jahre alt!“
Nee – diese Freiburger! Passend dazu haben sie mitten in der Stadt ein neues Gebäude errichtet, das der Vernunftsbildung dienen soll, als Architektur faszinierend ist, aber leider in die Stadt überhaupt nicht hineinpaßt.
Schräge Wände, die sich in alle Himmelsrichtungen neigen …
… und aus dunklem Chromstahl und dunklen Fenstern sind, in die man nur hineinsehen kann, wenn drinnen jemand das Licht anmacht …
… was zu immer neuen Mustern führt, wenn man drumherum geht.
Wenn die Sonne richtig steht, werden Fassaden und Zimmer erhellt, in die sonst kein Sonnenstrahl käme, aber auch motorisierte Teilnehmer des Straßenverkehrs werden zeitweise derart geblendet, daß die Fassade dieses Kolosses im Frühjahr und Herbst teilweise mit Sonnensegeln abgedeckt werden müssen.
Es ist die neue Universitätsbibliothek, die zur Zeit noch im Probebetrieb läuft. Eigentlich sollte sie bereits seit zwei Jahren fertig sein, nun ist die offizielle Eröffnung in den nächsten Monaten – hier wie überall, Hamburg, Berlin, Köln usw., und auch die Kosten sind natürlich nicht bei den Anfangs veranschlagten 32 Mio. Euro geblieben, sondern auf 53 Mio. gestiegen.
Natürlich ist mir sowas lieber, als wenn sie da einen rein funktionalen Kasten hingesetzt hätten. Daß allerdings städteplanerische Aspekte, also die Einbindung eines Gebäudes in sein Umfeld, anscheinend so gar keine Rolle spielen, finde ich merkwürdig.
Innen sieht auf den ersten Blick alles sehr gut aus. Zwar ist die Bibliothek immer noch Magazinbibliothek, d.h., der größte Teil des Bestandes muß bestellt werden (insgesamt 3,6 Mio Medieneinheiten), aber in vier Lesesälen gibt es 1.200 Arbeitsplätze …
… und zusätzlich 500 Arbeitsplätze im sogenannten Parlatorium, das ist ein Bereich ohne Zugang zu Büchern, in dem also auch gegessen und getrunken werden darf und in dem die Studierenden auch mal laut sein dürfen. Kürzlich habe ich gelesen, daß man festgestellt hat, daß immer mehr Studierende und Schüler ihre Bibliothek als Arbeitsplatz nutzen wollen, was zu einem Ansturm führt, den alte Bibliotheken kaum bewältigen können. Mir wäre sowas früher nie eingefallen, ich war nie länger auf dem Campus als nötig und habe die Literatur mit nach Hause genommen, zu Kaffee und Sofa. So ändern sich die Zeiten.
Und bei schönem Wetter sitzt man draußen auch gut.




