Roonstr.

Weihnachtsgeschenke einkaufen im Dezember kann sehr nervenaufreibend sein, weil viele Leute auf diese Idee kommen und die Straßen und Geschäfte verstopfen, was natürlich auch daran liegt, daß das zusätzliche Weihnachtsgeld zu Anfang des Monats ausgezahlt wird. Wie gut, daß man sich inzwischen auch vieles bringen lassen kann, bleibt nur die Frage: Wo versteckt man den Gorilla fürs Schlafzimmer, damit die Liebste ihn nicht vor Heiligabend entdeckt?

Jülicher Str., Palmstr.

Bei der Sgraffiti-Kunst muß der Künstler schnell arbeiten: Mehrere verschiedenfarbige Lagen Putz werden an einer Hauswand übereinandergelegt, und bevor der Putz aushärtet, müssen die Felder entsprechend des Bildes, das entstehen soll, abgekratzt werden. Sgraffiti gibt es schon seit ein paar hundert Jahren (besonders in der Renaissance waren sie populär).

Der größte Teil der Bebauung der 2000-jährigen Stadt Köln ist allerdings nicht älter als 60 bis 70 Jahre, und auch wenn viele von uns den Leierkastenmann, der im Hinterhof zur Unterhaltung aufspielte und auf eine kleine Spende hoffte, nicht mehr kennen, sind die Sgraffiti, die man hier sehen kann, noch relativ modern.

Hier noch zwei Umgebungsfotos, damit ihr die Größenverhältnisse sehen könnt:

Roonstr.

Da wollte wohl jemand ganz sicher gehen: Falls der Nikolaus nicht hineinkommt in das Mietshaus, müssen die Schuhe eben nach draußen gestellt werden und nicht einfach nur vor die Wohnungstür. Und da es ja regnen kann, nimmt man am besten die Gummistiefel, da paßt auch ordentlich was hinein.

Und wenn Knecht Rupprecht sich mal ausruhen will: Bitteschön, ein Stuhl (- selbst Schuld, wenn er damit auf die Nase fällt, hat ihn ja keiner gebeten, sich da hinzusetzen).

Kyffhäuserstr.

„Sinvoll“ ist eine Mischung aus „sinnvoll“ und „sinfull“, also „sündhaft“ auf englisch. Das ist ja kein Widerspruch – jemand hat mit Kuli darunter geschrieben: „Sex heute“. Das paßt: Sex ist durch sich selbst sinnvoll und braucht keine weitere Begründung, und je nach Auge des (z.B. katholischen) Betrachters ist er zugleich sündhaft.

Eine weitere Antwort, die auf dem Aufkleber steht: „Noch nie, ich bin Politiker“. Hier paßt die doppelte Bedeutung nicht so gut, denn daß ein Politiker sündenlos ist, erscheint mir als Widerspruch in sich – die Sünde der Anmaßung kann man zur Zeit sehr gut bei unserem Innenminister beobachten, der in der Asylpolitik selbstherrlich weitreichende und unbarmherzige Entscheidungen trifft.

Im Zollhafen

Neulich an einem späten Sonntagnachmittag, stolperten wir beim ziellosen Spazierengehen über einen Markt vorm Schokoladenmuseum. Alles war einheitlich weiß, selbst die Stehtische hatten Kleidung, es sah edler aus, als sonst auf solchen Märkten. Es stellte sich heraus, daß hier ein „Festival der Genüsse“ stattfand.

Unter „Genuß“ verstehen die Veranstalter und Standbetreiber offenbar den Verzehr von etwas, was hauptsächlich teuer ist, Austern zum Beispiel. An einem Stand soll auch ein Sternekoch stehen (ich wette, er hat was mit Trüffel gekocht), dessen Antlitz zu erspähen schon allein natürlich jeden Preis rechtfertigt.

Am Käsestand gibt es Käse für 2,90 bis 3,50 Euro pro 100 Gramm. Ich habe mich dazu hinreißen lassen, eine Halbliterflasche Crafts-Bier aus Irland für 3,50 Euro zu kaufen – war okay, aber braucht man nicht.

Wo Austern geschlürft werden, ist Champagner nicht weit: Ein Gläschen ‚Veuve Clicquot‘ gefällig? Bitte sehr, 12,50 Euro für ein halbes Glas (0,1 l), oder 75 Euro für die ganze Flasche. Meine Begleiterin mußte unbedingt eine Waldmeisterbowle probieren (sie war gar kein Genuß) an einem Stand, dessen Betreiber erkennbar ein langes Gesicht machte. Mitfühlend fragte sie, was denn los sei, worauf er antwortete: Nichts, und genau das sei das Problem, seit drei Tagen seien sie nun schon da, extra aus Düsseldorf angereist, und würden kaum Umsatz machen. Ich dagegen fand, das war der größte Luxus auf diesem Festival der Genüsse: Daß so wenig Leute da waren. Und der Genuß war sogar völlig umsonst.

CityLeaks

Wie wahrscheinlich viele von euch wissen, bin ich ein Freund der Graffiti-Kunst, schon seit Anfang der 90er Jahre fotografiere ich sie, wenn ich sie sehe, und manchmal mache ich mich sogar auf die Pirsch, durchstreife Straßen und Viertel und schaue in jeden Winkel, um neue „Beute“ zu machen.

Immer öfter darf man den Blick aber nicht zu sehr in die Winkel fallen lassen, sondern sollte den Kopf heben, damit einem solche Meisterwerke nicht entgehen. „Murals“ nennt der Fachmann solche großen, wandüberspannenden Bilder. Alle zwei Jahre findet in Köln das sogenannte CityLeaks-Festival statt, nun schon zum dritten Mal, zu dem weltweit Streetart-Künstler eingeladen werden. Es wird ein Kongreß abgehalten, es werden Aktionen durchgeführt, und vor allem: Es entstehen viele neue Murals. Das Bild oben ist von 2013, wenn man heute zu der Stelle geht, offenbart sich leider eine Eigenheit vieler Graffiti-Kunstwerke …

… sie sind vergänglich. Manchmal sorgen die Künstler allerdings auch selbst dafür, daß ihr Werk verschwindet:

Wahrscheinlich wollte der Künstler genau diese Vergänglichkeit thematisieren, als er erst dieses Bild sprayte …

… und es kurz darauf von einem anderen Künstler mit diesem QR-Code übermalen ließ. Wenn man den Code nun mit seinem Smartphone und einer entsprechenden App einscannt, erscheint auf dem Bildschirm wieder das Originalbild. Letzteres wußte ich gar nicht, ich habe ja kein Smartphone, aber neulich erzählte eine begeisterte Moderatorin im Fernsehen so aufgeregt davon, daß ich schon dachte, sie näßt sich gleich ein. Ich hoffe nur, das macht keine Schule (also jetzt nicht das Einnässen), denkbar ist ja, daß in den Museen demnächst nur noch QR-Codes hängen, die man dann einscannen muß, um sich die Originale auf dem Handy ansehen zu können.

Ich werde also in der nächsten Zeit zeigen, was es für neue Kunstwerke gibt in der Stadt, und zwar auf meinem Streetart-Blog, der nun ebenfalls bei WordPress zu finden ist:
https://koelnstreetart.wordpress.com/
Wer sich das nicht merken will: Oben in der rechten Spalte unter „Neuste Einträge im Blog: Streetart“ werden automatisch immer die letzten fünf Einträge verlinkt, ein Klick genügt.

Merkel-Spuckies

Mit einem martialischen Klebebildchen ruft uns ein „Revolutionäres Bündnis“ dazu auf, den G7-Gipfel zu stürmen – Bundeskanzlerin Merkel wird darauf „entlarvt“, daß auch sie unter ihrem Gesicht nur einen Schädel hat. Ja – und? Haben wir alle. Oder denken die Kampfgenossen, man könnte meinen, sie sei eine knochenlose Außerirdische?
Vielleicht (wahrscheinlich) ist aber auch etwas anderes gemeint: Obacht, Leute, Kanzlerin Merkel ist der personifizierte Tod unter der Maske einer Biederfrau – der Tod wird in der bildenden Kunst ja oft als Gerippe dargestellt. Man kann viel über Frau Merkel sagen, aber diese Assoziation wäre mir wahrscheinlich als letzte eingefallen. Wenn überhaupt. Aber wenn man sich als revolutionär versteht, braucht man starke Bilder, sonst guckt ja wieder keiner.

„War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: ‚Ich revolüzze!‘
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.“
Erich Mühsam, 1907

Da finde ich das Klebebildchen passender: Biederfrau als Brandstifter. Eine an sich harmlose Geste, eine spöttisch-verniedlichende Bezeichnung verdecken einen weitreichenden Angriff auf demokratische Grundwerte.