Breite Str.

Ich interessiere mich nicht für Mode, und wahrscheinlich verstehe ich auch nichts davon. Aber diese Farben passen einfach nicht gut zueinander, sie beißen sich. Wäre ich ein bildender Künstler, würde ich sie vielleicht doch zusammen verwenden, nämlich wenn ich den Bestrachter erschrecken wollte. Aber das kann doch kaum das Motiv von Modedesignern sein, die doch Kleider für die Stange entwerfen, also für den Massenverkauf.

Aber gut, die Geschmäcker sind verschieden, ich kann es kaum jemandem verbieten, in Farben herumzulaufen, die einem Kindergeburtstag alle Ehren machen würden – Kinder lieben es ja schreiend bunt und haben noch keine Ahnung davon, welchen ästhetischen Schrecken sie damit verbreiten können.

Was mich allerdings wundert, ist, daß alle Bekleidungsfirmen und -geschäfte diese Geschmacksverirrung gleichzeitig mitmachen, als hätten sie sich verabredet. Setzen die Manager der jeweiligen Frühlingskollektionen sich in Indien, China und Bangladesh – wo ja die meisten dieser Klamotten zu Billigstlöhnen hergestellt werden – zusammen und beschließen, in einer konzertierten Aktion pinkfarbene Jeans und grellgelbe Tops auf den Markt zu werfen?
Wenn ich mich in den Straßen umsehe, scheinen kaum Frauen sich dem Diktat der Geschmacklosigkeit zu beugen, was aber an der noch zu kalten Witterung liegen kann. Ich sehe den warmen Tagen mit Bangen entgegen.

Weißdornweg

Das ist die typisch kölsche Durchschnittsfamilie, falls ihr solche Leute mal seht, wißt ihr gleich, woher die kommen. „Meine erste Banane!“, scheint das Kind zu sagen, ein Motiv, daß später in einem anderen Landstrich wieder aufgenommen wurde. Die Schale wird selbstverständlich mitgegessen, denn hier wird nichts fottgeworfen. Brav!

Auf dem Rothenberg (lings und zwerch)

Wenn es kalt ist und dunkel in der Kölner Altstadt, kann man sich ungefähr vorstellen, wie im Mittelalter die Stimmung in den Straßen war – vorausgesetzt, man denkt sich jede Menge Müll hinzu und die Neonlichter weg: Enge und schummrige Gassen, menschenleer und unheimlich. Im Sommer schlendern hier Tag und Nacht Touristen durch und machen Lärm.

Bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts gab es hier weder Straßenschilder noch Hausnummern. Straßenbezeichnungen gab es durchaus, allerdings hatten sie halboffiziellen Charakter, schließlich mußte, wenn ein Hausverkauf vertraglich geregelt wurde, der Ort des Hauses genau bezeichnet werden. Die Bezeichnungen richteten sich oft nach markanten Punkten, also Kirchen, Handwerksbetrieben oder wohlhabenden Familien: Seidmacherinnengäßchen, Unter Taschenmacher, Kaygasse (nach den Herren von Keye) usw. findet man heute immer noch.

Erst im Jahre 1785 kam der Stadtrat auf den Gedanken, daß eine Beschilderung vielleicht hilfreich sein könnte: „In mehreren Städten ist es hergebracht, daß die sämtlichen Häuser mit Nummern und Straßen mit einer anzeigenden Vorschrift [d.h. mit einem Straßenschild] bemerkt sind, die hieruntige Befolgung ist in hiesiger Stadt um so nöthiger, als dieselbe känntlich einestheils sehr weitläufig ist, und es anderntheils an Beispielen nicht gebricht, daß Fremde lings und zwerch herum irren und ihren Aufenthaltsort nicht ausfindig machen können; diesem wär inzwischen bald abgeholfen, wenn löblicher Mittwochsrentkammer die sämtliche Häuser mit Nummern, so wie die Straßen mit einer anzeigenden Vorschrift zu bemerken der Auftrag zuginge.“

Lings und zwerch (also kreuz und quer), das war der Mittwochsrentkammer (so nannte man damals die städtische Finanzverwaltung) ganz egal, sie dachte gar nicht daran, dafür Geld auszugeben, auch nicht, als der Auftrag vier Jahre später wiederholt wurde. Kann es sein, daß heute immer noch dieselben Leute in Rat und Amt sitzen?

Erst als die Franzosen unter Napoleon 1795 die Stadt besetzten, wurde für Ordnung gesorgt: Alle Häuser wurden durchgezählt und entsprechend beschriftet (das Haus 4711 kennt noch heute die ganze Welt), erst später kamen Straßennamen und die straßenweise Zählung hinzu. Das Motiv der Franzosen war allerdings nicht die Erleichterung touristischer Orientierung, sondern entsprang in erster Linie dem Bedürfnis nach Überwachung: „[…] die Polizey wird durch ihn in den Stand gesetzet in einer kurzen Uebersicht des Rechtschaffenen und des Ausschweiffers seinen Aufenthalt-Ort zu übersehen und die nöthige Obsorge mit größerer Bequemlichkeit zu halten; durch ihn wird auch der gröste Vortheil des Staats Intresse bei vielen Vorfällen befördert.“ (Zitate nach Signon/Schmidt, s. rechts)

Der Name „Auf dem Rothenberg“ entstand so: An einem Ende der Straße befand sich das Haus der Familie Rothenburg, das sich durch seine herausragende Höhe besonders gut als Wegmarke eignete.

Heinrich-Böll-Platz

Das Wetter ist schlecht, der Himmel grau, der Winter länger, als erwartet – da gehen mir so langsam aktuelle Fotos aus, demnächst zeige ich euch olle Kamellen aus dem letzten Sommer. Aber diese Kirche (wie heißt die nochmal …) hatte wir noch nicht, oder? Jedenfalls stehe ich hier auf dem Heinrich-Böll-Platz, unter dem sich die Philharmonie befindet, was wir hier schon mal gesehen haben. Und das Gebäude im Vordergrund ist das Museum Ludwig mit seinem Café. Wenn man darin sitzt und hinausguckt, sieht das so aus.

Hohe Str.

Die Hohe Straße (Betonung auf Hohe), die die meisten Besucher Kölns als erstes betreten, sobald sie den Dom passiert haben, ist eine der ältesten Straßen der Stadt. Sie war bereits Teil der römischen Heeresstraße entlang des Rheins von Bonn nach Norden Richtung Xanten vor 2000 Jahren. Gut, streng genommen liegt die ursprüngliche Straße 5,5 Meter tiefer unter der jetzigen Oberfläche, hat sich halt jede Menge Schutt angesammelt wärend der Jahrtausende, aber der Verlauf ist immer noch der selbe. Im Mittelalter war sie die einzige Steinstraße der Stadt, was darauf hinweist, daß hier die eher wohlhabenden Bürger wohnten.

In der frühen Neuzeit, also seit ca. 1500, stand wahrscheinlich auch hier der Müll knöcheltief in den Straßen, da die Bewohner alles, was sie nicht mehr brauchten, aus dem Fenster warfen. Ihren Namen bekam die Hohe Straße erst durch die Franzosen Anfang des 19. Jahrhunderts: Rue Haute nannten sie sie, wahrscheinlich, weil es von ihr zum parallel verlaufenden Rhein abwärts geht. Im 2. WK wurde die Bebauung fast komplett zerstört. Die Stadtplaner hatten danach keinen großen Sinn für einheitliche Neubebauung, was der Straße bis heute ihr häßliches Gesicht verleiht. 1967 war sie eine der ersten Fußgängerzonen Deutschlands, pro Stunde laufen (angeblich) ca. 10.000 Menschen hindurch (gemessen an einem Samstag 2011 zwischen 13 und 14 Uhr).

Dem Besucher, der mit der Bahn kommt und nicht nur touristische Highlights abklappern, sondern einen Eindruck von der Stadt bekommen möchte, empfehle ich genau das: Man geht am Dom los und dann für eine bis anderthalb Stunden immer geradeaus. Wenn man die hektische Hohe Straße hinter sich hat, geht es weiter über die Hohe Pforte und Waidmarkt zur Severinstr., an der auch das eingestürzte Stadtarchiv stand, die aber im weiteren Verlauf das lebendige, vielfältige Zentrum des Severinsviertel bildet. Wenn man die Severinstorburg am Chlodwigplatz durchschritten hat, geht es weiter auf der Bonner Str. in der Südstadt, Cafés, Kneipen, türkische Imbisse, Italiener etc. bestimmen hier das Bild. Je weiter man läuft, desto unwirtlicher wird es, schließlich landet man am Verteilerkreis, wo die Autobahn 555 Richtung Bonn beginnt, deswegen biegt man besser vorher, am Anfang der Bonner Str., in eine der kleinen abzweigenden Straßen ein, hier lernt man die Stadt von einer ihrer schöneren Seite kennen.

Das folgende Foto der Hohe Straße habe ich bereits 1895 geknipst. (Quelle: Mit der Maus über das Bild gehen)

Hohe-Straße-Köln-1895

Mindestlohn?

Gewandt, elastisch, gelenkig, geschmeidig, beweglich, wendig, flink, leichtfüßig, behände, agil, biegsam, dehnbar, anpassungsfähig, formbar, empfänglich, undogmatisch, beeinflussbar, nachgiebig, aufnahmefähig – all das soll man sein, wenn man flexibel ist, natürlich rund um die Uhr einsetzbar, Wochenendarbeit kein Problem, 1-tägige Kündigungsfrist, 30 Stunden/Woche auf 400 Euro-Basis/Monat, den Rest stockt Hartz IV auf, wenn es denn unbedingt sein muß. Die Kollegen freuen sich schon auf Sie!

Ihre FDP, die „Partei der Leistungsgerechtigkeit“

Willkommen, neue Studierende!

Überall in der Stadt wird man derzeit aufgefordert, jungen Studierenden ein Zuhause zu ermöglichen. Das kann doch nicht so schwer sein, man stellt einfach irgendwo einen Pappkarton auf und läßt sie da schlafen. Dafür kassiert man dann 300 bis 400 Euro pro Monat. Und wenn sie schmutzen oder laut sind, schmeißt man sie eben wieder raus.

Auf die 4.600 zur Verfügung stehenden Kleinstwohnungen in Stundentenwohnheimen kommen jedes Jahr knapp 10.000 Bewerber, und in diesem Jahr rechnet man sogar mit einem Zuwachs von 25 Prozent, denn im Sommer stürmen die doppelten Abiturjahrgänge an die Unis, also die letzten Abiturienten, die nach der 13. Klasse abgehen plus die ersten, die schon mit der 12. Klasse „reif“ sind. Schon im September des letzten Jahres sprach Oberbürgermeister Roters von einer nötigen „Wohnraumoffensive“. Ob damit lediglich dieser Appell an die Bevölkerung gemeint ist – keine Ahnung. Stadt, Land, Bund, Studentenwerk – alle schieben sich gegenseitig die Schuld zu, daß nichts Richtiges passiert ist. Immerhin soll das Land nun 50 Mio. Euro locker gemacht haben für zusätzliche Studentenwohnheime – was meint ihr, ob die bis zum Sommer fertig werden?

Währenddessen steigen auf dem Wohnungsmarkt die Preise. Wo es früher oft noch hieß: „Keine Wohngemeinschaften!“, weil man sich keine Politchaoten ins Haus holen wollte, die nie den Flur fegen, ist diese Wohnform für viele Vermieter heute eher reizvoll als die Vorstellung von jungen Familien mit ihren schreienden Kindern: Dabei wird die Wohnung allerdings nicht mehr komplett an eine WG vermietet, sondern jedes Zimmer einzeln, die Wohngemeinschaft ensteht so eher aus Zufall – und erwirtschaftet viel mehr Mieteinnahmen, da jeder Bewohner einzeln abkassiert wird.

Hohe Str.

Rindfleisch ist in letzter Zeit ja arg in Verruf geraten. Das merkt auch die Gastronomie. Die Gäste wollen eben nicht ein Stück noch blutiges Black Beauty auf dem Teller vorfinden, jedenfalls nicht, wenn sie es gar nicht bestellt haben. Also bleiben sie zur Sicherheit weg. Dieses Steakhaus hat sofort reagiert: Noch am Tisch schneiden die Kellner sich die Steaks aus dem Leib, unter notarieller Aufsicht wird es zur Küche getragen und dort zubereitet. Wenn man Glück hat, ist ein Kellner noch während der eigenen Anwesenheit verbraucht, so daß man sich ein Horn als Trophäe mit nach Hause nehmen kann. Und das Trinkgeld hat man dann auch gespart.

Karneval

Auch in diesem Jahr gibt es wieder eine Sperrzone für Glas um bestimmte Feierherde in der Stadt. Sehr vernünftig. Damit die vernunftbegabten Karnevalisten das auch verstehen, bedient der Oberbürgermeister sich einer für die Jugendlichen verständlichen Sprache. „Scherben! Krass Blut, aua aua!“, möchte ich vielleicht noch vorschlagen. Als Botschafter dieser ‚Message‘ hat sich offensichtlich die Rockband „Brings“ bereit erklärt, ich hoffe, sie haben eine ordentliche Gage ausgehandelt. Brings war einst angetreten als „ehrliche“, bodenständige Rockband, die nicht so einen Kommerzscheiß machen wollte wie Bläck Föös, die Höhner und andere Schunkelliedproduzenten. Inzwischen haben sie sich schon längst an den Sitzungskarneval verkauft (Sitzungskarnval, das sind diese drögen Veranstaltungen, von denen man zwei bis drei im TV ansehen kann; in Köln und Umgebung gibt es davon jährlich Hunderte) – das ist richtig viel Geld, was man da verdienen kann. Tja.

Kurz vor Zwölf, die Jungs sehen meine Kamera und stellen sich in Positur. Noch sind sie gut drauf. Bevor sie auf die Zülpicher Str. können, müssen sie noch ein paar Flaschen Bier trinken, denn auch da dürfen die Kioske kein Glas mehr herausgeben, und gezapftes Bier in Plastikbechern ist teurer. Vorglühen nennt man das.
In einem TV-Bericht habe ich gehört, daß trotz Vorglühen z.B. in der Traditionsgaststätte „Haus Unkelbach“ zu Weiberfastnacht 20.000 Gläser Bier ausgeschenkt werden (ich dachte, ich hätte mich verhört und habe es in der WDR-Mediathek nochmal überprüft: Zwanzigtausend, an nur einem Tag, in nur einer Kneipe! Ein Glas kostet übrigens 1,50). Und entsprechend sah das dann auch aus, als ich um 18 Uhr nochmal auf die Straße ging: Mehr lärmende Betrunkene sieht man nie in Köln, und jede Menge Alkohlleichen, die in Hauseingängen vor sich hin brüten. Alaaf!

Zu Karneval ist es hier Brauch, Berliner zu essen, keine Ahnung, warum. Bitteschön, bedient euch. Ich bin jetzt jedenfalls erstmal ein paar Tage weg, nämlich da, wo man vermutlich schräg angekuckt wird, wenn man beim Bäcker einen Berliner bestellt: In Berlin.

Im Maritim

Als ich neulich mal durchs Maritim-Hotel lief, wurde in der großen Halle gerade eingedeckt. Offenbar war im Festsaal eine Veranstaltung mit vielen Leuten, die in einer Pause verköstigt werden wollten. Ich war neugierig …

Ah ja, ihr habt es schon erraten: Parteitag der FDP! Rainer Brüderle hatte lässige Bekleidung angeordnet, Dirndl-Trägerinnen habe ich aber nicht gesehen. Auch Brüderle hatte sich geschmückt und sich ein großes A auf die Stirn gemalt. „Ich bin ein Alpha-Tierchen“, sagte er mit dem ihm eigenen spitzbübisch-charmanten Lächeln einer Interviewerin ins Dekolleté. „Moment mal“, warf Dirk Niebel sauertöpfisch ein. „Wir habe hier aber noch einige A***-Gesichter mehr in der Partei.“ Stimmt.

In der Bütt stand der große Vorsitzende und brachte den Saal zum Toben mit Anekdoten über die „Zicke“ Guido, Angela als Barbiepuppe und das laue Leben in Berlin (O-Ton). Besonders gut an kam jedoch die Geschichte mit seinem alter ego als Frosch – ein hurmorvolles Gleichnis biblischen Ausmaßes. Zu witzig! Also, da kommt ein Frosch ins Badezimmer … nee, ein heißer Frosch kühlt sich in kaltem Wasser ab, und dann fällt das Thermomter … Quatsch! Ach, hört einfach selbst.