Alle Jahre wieder …

… des Wahnsinns fette Beute: Verkaufsoffener Sonntagnachmittag.

30 Weihnachtsmänner, die auf ihren Rollern kreuz und quer durch die Stadt knattern.

Ein Weihnachtsmarktstand, der Haarakrobatik anbietet. Ich weiß nicht genau, was das ist, frage mich aber, ober der Standinhaber Opfer seiner Kunst geworden ist.

Da will der ungebremste Konsument Weihnachtsgeschenkekäufer mal schön schoppen gehen, da sitzen diese nichtsnutzigen Elemente ausgerechnet vor dem schönen Weihnachtsbaum und verderben die glühweinselige Stimmung! Polizei!!

Zum Ausklang stille Weihnachtsmusik mit gefühlvollen Bildern aus der Hand des Meisterregisseurs Videbitis (keine Angst, es sind nur 44 Sekunden).

Im Schnütgen-Museum (2)

Das Mysterium des Todes ist eine der Hauptantriebsfedern für Religion. In der christlichen Religion ist das „memento mori“ eine Warnung an die Lebenden: Bedenke, daß du sterblich bist, soll heißen: Lebe bescheiden und in Demut, denn der leibliche Tod ist der Beginn des eigentlichen Daseins, und je nachdem, wie du gelebt hast, kommst du entweder in den Himmel oder ins Fegefeuer. Und da der Mensch, das „krumme Holz“ (Kant), das alles gerne mal vergißt und den lieben Gott einen guten Mann sein läßt, hat man so kleine Memento-mori-Figuren gebaut, wie diese drastische Darstellung eines verwesenden Körpers, kunstvoll ca. 1520 aus Elfenbein geschnitzt. Die konnte man sich dann anschauen, wenn man der Meinung war, daß es einem eigentlich ganz gut geht, das holte einen dann auf den Boden der sterblichen Tatsachen zurück. Nee, diese Christen, was die sich so einfallen lassen …

Nett auch diese Paternosterkette aus Mexiko (ca. 1580), die ähnlich funktioniert wie ein Rosenkranz: Bei jedem Totenkopf betet man ein Vaterunser (=Paternoster), und wenn einem nach biblischem Trost zumute ist, klappt man einfach den Schädel auf …

… und kann sich Szenen aus dem Leben Jesu ansehen, der ja angeblich für uns gestorben ist, auch wenn ihn keiner darum gebeten hat und was sich darüber hinaus der Logik verschließt, aber darum geht’s ja nicht, es ist einfach schön, wenn man jemandem dankbar sein darf.

Psychologisch betrachtet haben die Figuren aber auch entlastenden Charakter: Seitdem die Menschen das Bewußtsein ihrer Sterblichkeit haben, haben sie Angst davor. Der Tod ist eine Erfahrung, die man nur einmal macht, das aber mit Gewissheit und nur ganz zum Schluß, bis dahin haben wir nur eine ungefähre angsterfüllte Ahnung davon. Dann kommt noch das Horrorszenario der christlichen Kirche hinzu, das sie uns verspricht, wenn wir nicht nach ihren Regeln leben – da kann es hilfreich sein, wenn wir den Tod in ein Bild, in eine kleine Skulptur bannen können.
Übrigens: Daß das heute häufig zu „memento mori“ erwähnte „carpe diem“ (frei übersetzt: Wenn du schon sterben mußt, genieße um so mehr den Augenblick) nicht christlichen Ursprungs ist, versteht sich fast von selbst, oder?

Das Schnütgen-Museum (für mittelalterliche Sakralkunst) ist sehr schön in der säkularisierten Kirche St. Cäcilien untergebracht. Im Chor fand an dem Abend ein kleines Konzert mit mittelalterlicher Musik statt – es ist mir ein Rätsel, wieso man nur knapp 30 Stühle aufgestellt hatte, was zu unschönen Szenen zwischen älteren Herrschaften führte, die sich um die Plätze stritten.

Ausverkauf

Der Casino-Betreiber Westspiel hat sechs Standorte, vier davon in NRW, an denen Spielbanken versuchen, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Da die Leute inzwischen lieber übers Internet ihr Geld zum Fenster hinauswerfen, schreibt nur eine der Spielbanken schwarze Zahlen, die anderen verursachen nur Schulden. Was macht ein Unternehmen in einer solchen Situation? Es eröffnet einen weiteren Laden, eine Spielbank im Zentrum von Köln – so funktioniert kapitalistische Logik. Wenn man es schafft, möglichst viele Kölner spielsüchtig zu machen, gibt’s vielleicht bald wieder fette Gewinne. Nur – wie finanziert man sowas? Man verkauft, was man so an wertvollen Sachen herumstehen hat, z.B. zwei Bilder des Pop-Art-Künstlers Andy Warhole, „Triple Elvis“ und „Four Marlons“. Beide Bilder brachten bei der Versteigerung in New York ca. 120 Millionen Euro, wovon nach Abzug der Gebühren 108 Mio. an den ehemaligen Besitzer gehen. Der Bagger kann schon mal bestellt werden.

Das eigentlich skandalöse an der Sache ist, daß die Bilder uns gehören, uns, den Bürgern des Landes NRW, denn Westspiel ist eine 100%ige Tochter des Landes NRW. Der Landtag läßt also zu, daß zur Sanierung von Haushalten Kunstwerke im Besitz der öffentlichen Hand verhökert werden. Gut, mag man jetzt denken, so’n oller Triple-Elvis, man wäre doch verrückt, den für so viel Geld nicht herzugeben. Allerdings muß es ja nicht dabei bleiben: Einmal Blut geleckt, könnte nun jeder Bürgermeister einer Stadt mit einem Museum den begehrten Bestand verkaufen, Dürer, Rembrandt, van Gogh, Picasso, übrig bleibt dann nur das Drittklassige – was für NRW recht ist, muß für andere billig sein.

Der Finanzminister von NRW versteht die ganze Aufregung nicht: Die Firma Westspiel sei ein eigenständiger Betrieb und könne mit ihrem Besitz machen, was sie wolle. Merkwürdig ist allerdings, daß die Adresse der Überweisung für das Geld aus New York die NRW-Landesregierung ist, und noch merkwürdiger, daß das Geld nicht in voller Höhe an die angeblich eigenständige Firma Westspiel weitergegeben wird – 28 Millionen Euro der ersteigerten Summe fließen in den Landeshaushalt NRW.

„Single Elvis“ und „Double Elvis“ oben auf dem Foto hängen im Museum Ludwig in Köln und stehen nicht zum Verkauf – noch nicht. Die Landesregierung behauptet, daß sei jetzt mal eine Ausnahme gewesen. Aber wie man hört, sichten bereits zwei weitere landeseigene Betriebe ihre Kunstbestände auf mögliche Verkaufbarkeit: Die Nachfolgerin der Landesbank WestLB namens Portigon und der öffentlich-rechtliche WDR.

Mesdames et Messieurs, faites vos jeux!

Dezember

Das warme Wetter ist nun endgültig vorbei, an gemütlich draußen sitzen ist gar nicht zu denken.

Arbeiten …

… und am Wochenende konsumieren. Ich habe die paar Weihnachtsgeschenke, die ich brauche, glücklicherweise schon …

… und kann spazieren gehen, auch bei schlechtem Wetter, und mich auf heißen Tee freuen. Hat auch was.

Herr Roters (2)

Daß unser Oberbürgermeister so ein sympathischer Mann ist, daß er einem Obdachlosen eine Hausratversicherung verkaufen könnte, habe ich hier schon mal geschrieben. Aber er kann noch ganz andere Sachen, z.B. kann er …

… ein ganzes Jahr lang unbeweglich, in der selben Position dastehen! Macht nichts, keinen Mucks. Man könnte denken, das ist das selbe Foto, wenn da nicht der neue Abfallkalender wäre, den er in seinen Händen hält. Gut, das kennt man von anderen Politikern auch, die machen auch den Eindruck völliger Untätigkeit, über Jahre hinweg, aber die gehen zwischendurch mal irgendwo hin, in eine Talkshow oder auf eine Gala. Nicht so unser standhafter OB Roters! Toll!

Leider hat er kein zweites Jahr in dieser Position geschafft, aber gut, der Mann ist 65. Die zukünftigen Amtsgeschäfte des OB werden nun offenbar von den Abfallwirtschaftsbetrieben übernommen, das ist nicht schlecht, denn wie heißt es so schön: Neue Besen kehren besser, und wenn es mal schneit im Rathaus, können die Kollegen endlich mal die Fähigkeit unter Beweis stellen, für die vor drei Jahren die Grundsteuer um 3 % erhöht wurde: Schneefegen.

Lindenstr.

An dieser Ampel habe ich schon oft gestanden, aber eine Umarmung hat mir hier noch niemand angeboten, weder „free“ noch gegen Bezahlung. Ehrlich gesagt: Ich bin auch gar nicht scharf darauf, mich von wildfremden Menschen umarmen zu lassen, zumal man dabei nicht selten ausgeraubt wird: Beim sogenannten Antanztrick wird man von scheinbar gutgelaunten jungen Männern angetanzt, mit viel Gelächter umarmt – und dann ist man seine Portemonnaie oder sein Handy los. Und wenn man sich dagegen wehrt, wird man unter Umständen zusammengeschlagen. Bei angebotenen „free hugs“ sollte man also schnell das Weite suchen, den Leuten ist (leider) nicht zu trauen. Mich aber im Geiste umarmt zu fühlen, das lasse ich mir gern gefallen.

Verfall

Bröckeldom

Oh je! – der Dom bricht zusammen, neulich stand es in der Zeitung: Allein im Monat November sind an zwei verschiedenen Stellen Gesteinsbrocken aus den Wänden gefallen, glücklicherweise ist niemand getroffen worden. Es braucht einen harten Kopf, um von 1,5 Kilo Domgestein, das von einer Höhe von 39 Metern fällt, nicht erschlagen zu werden. „Zufall“, sagt der stellvertretende Dombaumeister, daß das zweimal in so kurzer Zeit passiere – so zufällig, wie die Titanic auf einen Eisberg getroffen ist. Der Zufall macht, was er will, auch fünfmal hintereinander, dann kommt noch das Alter des Bauwerks hinzu, Klimaerwärmung, Vogelkacke, Gottes Zorn über Kardinal Meisners Heucheleien – angeblich brauchen die Besucher des Domweihnachtsmarktes auf dem benachbarten Roncalliplatz sich keine Sorgen zu machen. Ich rate zu einem gewissen Sicherheitsabstand!

Im Schnütgen-Museum (1)

Ich habe ja neulich erzählt, daß in der Darstellung von heiligen Märtyrern gern die Marterinstrumente, mit denen sie gefoltert wurden, dem Heiligen in die Hand gegeben werden, damit man weiß, um wen es sich handelt. Dieser Herr zeigt recht anschaulich, wie er zu Tode gekommen ist. Der Heilige Dionysius wird meistens mit seinem kompletten Kopf in seinen Händen dargestellt (hier ein Beispiel), hier aber – ich vermute, aus ästhetischen Gründen – hat der Bildhauer dieser Figur von ca. 1320 das Gesicht an der richtigen Stelle gelassen. Es ist einfach zu unheimlich, auch für Kinder, wenn da irgenwo in der Kirche eine Figur steht, deren Augen einen aus Hüfthöhe ansehen.
Der Heilige Dionysius war im Jahr 250 erster Bischof von Lutecia (der Asterix-Kenner, weiß, wie die Stadt heute heißt), sofern man das sagen kann, denn die christliche Kirche war von den Römern ja noch nicht anerkannt. Weil er nicht aufhören wollte mit dem Predigen, haben die Römer ihn geköpft, woraufhin der Heilige wieder aufgestanden ist, seinen Kopf unter den Arm genommen hat und zwischen zwei Meilen und sechs Kilometern (je nach Quelle) dahin gelaufen ist, wo er beerdigt werden wollte – durch postmortales Muskelzucken läßt sich das nicht erklären, und Zombies sind eine Erfindung viel späterer Zeit. Also konnte es nur irgendwie ein himmlisches Wunder sein, oder?
Inzwischen ist er einer der Nationalheiligen Frankreichs, deshalb gibt es da so viele Orte und Kirchen mit „St. Denis“ im Namen. Und bei welchem körperlichen Unbehagen wohl soll man den Heiligen um Hilfe anrufen? Bei Kopfschmerzen, was sonst!

Brüsseler Str.

Kommt mir fast so vor, als wäre ich Wochen weg gewesen. Verreisen macht Spaß, aber es ist auch schön, wieder zu Hause zu sein. Ich bin kein rheinischer Spaßvogel, aber ich mag es, wenn Leute etwas gelassener sind, das ist die Grundvoraussetzung für eine zwar oberflächliche, aber sehr angenehme Freundlichkeit im Umgang mit anderen. Wenn ich in den Supermarkt gehe, erwarte ich von der Kassiererin ja gar kein tiefschürfendes Freundschaftsangebot, es reicht mir vollkommen, wenn sie mich anlächelt und mir einen schönen Abend wünscht, ohne daß sie sich groß verbiegen muß.

In Nürnberg waren die freundlichsten Menschen, denen wir begegnet sind, die Bedienungen im Frühstücksraum des Hotels, und die hatten alle, ohne Ausnahme, einen Migrationshintergrund, man konnte es an der Hautfarbe sehen oder an der Sprache hören. Die anderen Nürnberger waren bestenfalls gequält freundlich, ausdruckslos gleichgültig oder muffelig bis unverschämt. Was ist los mit den Nürnbergern? Das ist doch auch nicht gut für einen selbst, wenn man den anderen so die kalte Schulter zeigt. Gut, vielleicht zur Ehrenrettung muß ich zugeben, daß wir fast nur mit Leuten aus dem Tourismusgewerbe zu tun hatten – das ist natürlich keine Entschuldigung, aber eine mögliche Erklärung. Wer in Köln einem Brauhauskellner (=Köbes) in die Hände fällt, der gerade mal keine Lust hat (oder schlimmer), wird auch mit schlechten Eindrücken wieder nach Hause fahren.

Urlaub

Ich bin für eine Woche nicht da, Urlaub mit der Deutschen Bahn. Hinkommen scheint kein Problem zu sein, die Rückkehr ist allerdings ungewiß. Mal schauen, wieviele Nächte wir in Nürnberg auf dem Bahnhof verbringen müssen. Drückt mir die Daumen.

Bis bald!