Alfred-Schütte-Allee

Herbstzeit – Drachenzeit.

Lange Zeit habe ich im rechtrheinischen Deutz gewohnt, hatte keinen Garten und Balkon, aber direkt den Fluß vor der Nase, ein paar Schritte, und schon konnte ich über die ausgedehnten Wiesen, wenn sie nicht wie hier überflutet waren, kilometerweit bis in die südlichste Spitze von Köln spazierengehen. Ein bißchen vermisse ich das.

Aber schön zu sehen, daß man sich auch hier brav an mein Dekret hält.

Deutzer Bahnhof

Das Geschäft mit dem Geschäft scheint sich zu lohnen: Vor nicht allzu langer Zeit war hier noch ein WC-Center. As ich die Kamera absetzte, standen zwei wohlbeleibte Bahnpolizisten neben mir und fragten sich offensichtlich, was ich da mache. „Ich … äh, liebe öffentliche Toiletten“ – habe ich sicherheitshalber nicht gesagt. Sie erzählten mir, daß die neue Firma wegen eines besseren Angebots den Zuschlag erhalten habe. Das wundert mich nicht, denn was vorher noch 60 Cent kostete, daür muß man nun 1 Euro bezahlen. Dafür erhält man einen Gutschein in Höhe von 50 Cent für eins der Junk-food-Geschäfte im Bahnhof. Wenn man sich da dann den Bauch vollgeschlagen hat, muß man nochmal aufs Klo – und erhält einen weiteren Gutschein. Man muß also nochwas essen, woraufhin … usw. Ein Perpetuum mobile der Gewinnmaximierung, geschickt.

Kopfzerbrechen bereitet mir nur der Name der gastlichen Stätte: „Bahn-und-frisch-WC“? Wo ist da der Sinn? Vielleicht als Verb, „to rail“ bedeutet „fluchen“: Wenn man mal wieder wegen der üblichen Verspätungen seinen Anschlußzug verpaßt hat, geht man aufs „Fluchen-und-frisch-WC“, schimpft in seiner Zelle wie ein Rohrspatz, schon fühlt man sich besser. Und pinkeln darf man auch noch.

Impressionen

Der Yuppie-Strand an des Rheins Brandung: Verwaist. Unbenutzt stehen die Surfbretter im Sand und träumen vom Pazific.

Auch der Biergarten ist leer, selbst Personal lungert hier nicht mehr herum.

Muß das sein? – abends ist es jetzt wieder dunkel. Keine Frage, ihr habt es vielleicht auch schon bemerkt: Der Sommer ist vorbei.

Macht nichts, der Herbst ist auch schön, solange es nicht tagein, tagaus regnet. Die Kultursaison hat wieder angefangen, Zeit, mal wieder ins Theater oder ins Museum zu gehen. Sissi? Läuft hier als Musical, aber ohne mich. Köbes Underground ist die Hausband der Stunksitzung, wirklich lustig, aber sie erinnern mich an etwas, woran ich lieber nicht denken möchte, die übelste Herbsterscheinung, die ich kenne, die, die am 11.11. beginnt. Könnte Obama hier nicht auch mal was tun? Eine internationale Ächtung von Kamelle und Strüßjer – Putin hätte bestimmt nichts dagegen, wenn er erfährt, daß die Jungfrau ein Mann mit Zopfperücke ist.

Hohenzollernbrücke

Über die inzwischen Tausende Liebesschlösser im Zaun der Hohenzollernbrücke habe ich ja schon öfter berichtet – selten zeigen sich romantische Rituale so deutlich als Massenphänomen wie hier. Völlig unromantich dagegen ist oft die Wirklichkeit hinter Ritualen: Jedes Jahr werden weltweit mehr als 10 Millionen Mädchen und Frauen unter 18 Jahren zwangsverheiratet.

Darauf hinzuweisen ist Zweck der „Initiative gegen Zwangsheirat“ der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. Die blauen Schlösser bildeten ursprünglich den Schriftzug „Free the Forced“ nach dem Titel der Aktion. Wer sie unterstützen möchte, bekommt ein kleines Geschenk dafür: Man kann mit einem Smartphone den QR-Code auf einem Schloß einscannen und spendet damit automatisch 5 Euro, die einem per Telefonrechnung abgebucht werden. Im Gegenzug erhält man die Nummern für das Zahlenschloß gesimst, das man dann öffnen und mitnehmen kann.

Fischmarkt am Tanzbrunnen

Auf dem Kölner Fischmarkt gibt es mehr Stände, die irgendwas anderes verkaufen, als solche, die Fisch anbieten – kein Wunder also, daß hier schon ausverkauft ist. Alle alle, so’n Pech!

Bauer’s nietenlose Wurst gibt es aber noch genug: Spielen, gewinnen und eine unbestimmte Menge Wurst nach Hause tragen – dreifaches Glücksversprechen.

In Uruguay haben Forscher Schafen ein Gen von Quallen in die Erbinformationen manipuliert, sodaß sie leuchten, wenn man sie im Dunkeln anstrahlt. Da kann diese rheinische Züchtung mit ganz anderen Ergebnissen punkten.

Deutzer Werft

Wenn man in einer Großstat wohnt, beschleicht einen irgendwann zwangsläufig das Gefühl, daß wir von Außerirdischen beherrscht werden: Wesen, die keine Ahnung von menschlichen Belangen und Notwendigkeiten oder Wünschen haben, sitzen im Stadtrat, beschließen abstruse Sachen und beauftragen Wesen ihresgleichen, sie durchzuführen. Dieser Käfig soll ein Spielplatz sein! Durchaus kein Einzelfall, ich habe eine ganze Reihe ähnlicher gesehen.

Ein bißchen Sand, vermutlich, damit man die Hundekacke nicht gleich sieht. Vor einer kleinen Betonwand steht ein merkwürdiges Gebilde, das auch als moderne Kunst durchgehen könnte, soll aber wohl ein Klettergerüst darstellen. Wer sich sowas ausdenkt, kann doch selbst niemals Kind gewesen sein. Ich stelle mir das so vor: Auf dem Planeten Adult 50 werden seit Tausenden von Jahren immer die selben Stammzellen geklont und bebrütet. Heraus kommt ein fertiger „Erwachsener“, dem man die nötigsten Informationen ins Gehirn impft, bevor man mit ihm eine der Schaltstellen der Behörden besetzt, die unsere Gesellschaften organisieren. Total absurd, denken jetzt vielleicht einige, aber schaut und hört mal genau hin, wenn die Tagesschau läuft – so unwahrscheinlich ist das gar nicht.

Rheinpark

In letzter Zeit studiere ich den Lokalteil unserer Tageszeitung (Kölner Stadtanzeiger) ganz genau, wichtige Ereignisse möchte ich ja auf keinen Fall verpassen, damit ich euch davon erzählen kann. Gestern las ich einen Artikel über eine Veranstaltung im Rheinpark: „Home & Garden“: „Die Besucher dürfen sich im Themengarten mit kleinen Formé-Kiefern aus Asien mit Whirlpool, Außenküche und einer kuscheligen Schattenecke mit Sonnenschirm wohlfühlen“, steht in dem investigativen Artikel. Ich also nichts wie hin – aber oh je: Keine Sonne, und von den 10 Euro Eintritt war in dem Artikel auch nicht die Rede.

„Bei einer Kochshow im Gourmet-Zelt gibt es italienische Vorspeisen, Wein, Lobster und Mango mit frischem Pfeffer.“ Wein für Katzen? Da stimmt doch was nicht. Ob die Journalistin wirklich hier war? Oder hat sie aus den Marketinginfos des Veranstalters abgeschrieben? Gut, ich bin nur Zaungast, vielleicht wird noch woanders gekocht.

„Ein massiver, hochwertiger Stuhl, der an einen Thron für die Gartenkönigin erinnert, kostet 545 Euro. Antik anmutende Brunnen und Bronzefiguren präsentiert ein belgischer Aussteller, die Brunnen stammen allerdings aus England.“ Sieht man alles nicht durch den Zaun, tja, das eben sind die Highlights, für die man dann doch vielleicht die 10 Euro hätte zahlen sollen. So muß ich mich begnügen mit den überaus interessanten Informationen, daß der Händler nicht etwa aus Holland oder Luxemburg, sondern aus Belgien kommt! Wow! Und die Brunnen aus England! Kaum zu fassen.

„Die Bänke, Tische und Schaukeln aus der Werkstatt von Klaus Wolsing sind Unikate: ‚Das findet man in keinem Baumarkt‘.“ Das Zitat bringe ich nur, weil ich just an den Baumarkt denken mußte, weiß auch nicht, warum. „Blühende Kirsch- und Magnolienbäume und Tausende Tulpen im Rheinpark sorgen für ein sinnliches Erlebnis“, schreibt die Journalistin und vergißt auch hier zu erwähnen, daß die Sinnlichkeit leider auch eingezäunt ist. Dabei bin ich sicher, daß ich die eigentlich öffentlichen Anlagen schon einmal mitbezahlt habe. Schade, „Tausende turbulent-tosende Tulpen“, die da bestimmt zu Dutzenden stehen, hätte ich jetzt wirklich gern gesehen.

Tower

Der schönste Arbeitsplatz in Köln … soll ein Büro sein? Kann ich mir gar nicht vorstellen. Oder meinen sie den Job des Kellners, der auf dem Balkon den Kaffee serviert? In dem Turm sollen einmal über tausend Leute arbeiten.

In einem intensiven Auswahlverfahren unter 600 Einsendungen aus der eigenen Belegschaft hat der Hauptmieter des renovierten Lufthansahauses gegenüber der Altstadt, die Chemiefirma „Lanxess“, den Gewinner der Namensgebung für das neue Domizil bestimmt: Das Haus soll nun „Lanxess Tower“ heißen. Wow! Das nenn ich originell.

Die weltweit agierende Firma „Lanxess“ ist eine Ausgründung der Bayer AG in Leverkusen und hat sich bereits die Namensgebung der früheren Köln-Arena erkauft. Man kann es sich leisten: Der Gewinn von 918 Millionen im Jahr 2010 hatte sich im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt, was an der gestiegenen Nachfrage nach Autos liegt: „Lanxess“ stellt u.a. synthetischen Kautschuk und Kunststoffe her.