Hohenzollernbrücke

Über die inzwischen Tausende Liebesschlösser im Zaun der Hohenzollernbrücke habe ich ja schon öfter berichtet – selten zeigen sich romantische Rituale so deutlich als Massenphänomen wie hier. Völlig unromantich dagegen ist oft die Wirklichkeit hinter Ritualen: Jedes Jahr werden weltweit mehr als 10 Millionen Mädchen und Frauen unter 18 Jahren zwangsverheiratet.

Darauf hinzuweisen ist Zweck der „Initiative gegen Zwangsheirat“ der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. Die blauen Schlösser bildeten ursprünglich den Schriftzug „Free the Forced“ nach dem Titel der Aktion. Wer sie unterstützen möchte, bekommt ein kleines Geschenk dafür: Man kann mit einem Smartphone den QR-Code auf einem Schloß einscannen und spendet damit automatisch 5 Euro, die einem per Telefonrechnung abgebucht werden. Im Gegenzug erhält man die Nummern für das Zahlenschloß gesimst, das man dann öffnen und mitnehmen kann.

0 Antworten zu “Hohenzollernbrücke

  1. Tagchen!

    Die Aktion „Free the Forced“ finde ich sinnvoll und auch
    unterstützenswert. Dagegen sind die „Liebesschlösser“ einfach
    nur albern. Wieviel Pärchen, die dort ein Schloß anbrachten
    wohl noch vereint sind bzw. wieviel schon wieder getrennte
    Wege gehn? Okay, vielleicht bin ja diesbezüglich unromantisch.
    Nicht Liebe sondern Reproduktionsdruck vereint Mann und Frau
    respektive Frau und Mann. (Auch wenn verhütet wird.)
    Nach ein paar Jahren ist die „romantische“ Luft raus. Es bleibt
    die Zweckgemeinschaft. Spätestens dann erwartet Frau hin und wieder,
    dass Mann „Ich liebe dich, Schatz!“ ihr ins Ohr flötet.
    Tja.
    „Die Liebe ist ein rebellischer Vogel“..;-)

    Gruß aus der Musikus-Stube!

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  2. Genau genommen müßte es eigentlich „Verliebtheitsschlösser“ heißen. Und was Verliebte so treiben, wirkt ja für Außenstehende oft etwas albern. Auf jeden Fall scheint das Bedürfnis groß, sich wechselseitig undendliche Treue zu schwören und das auch zu dokumentieren – früher wurde sich verlobt und geheiratet, da ist so ein Schloß die pragmatischere Alternative, das vergißt man einfach, wenn es nicht mehr läuft.
    Interessant finde ich auch, daß man im Zustand der Verliebtheit doch dazu neigt, die eigene Situation für absolut einzigartig zu halten, aber gleichzeitig sich der romantischen Zuneigungsrituale bedient, die alle anderen auch machen.

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  3. Hannover hat inzwischen auch einige Brückengeländer mit Liebesschlössern. Dieses Massenphänomen scheint mir ursächlich im Wunsch nach Beständigkeit zu wurzeln, wo wir doch in einer Welt mit wachsendem Veränderungsdruck leben. Gerade Beziehungen sind heutzutage auch mehr gefährdet als früher durch äußere Einwirkungen, durch räumliche Entfernung aus beruflichen Gründen, Verführungen durch das Internet und vor allem durch die Berufstätigkeit der Frau und die damit einhergehende materielle Selbständigkeit. Das unterscheidet Frauen unseres Kulturkreises von ihren Großmüttern, die noch beim Mann bleiben mussten, weil sie finanziell anhängig waren, und von vielen Frauen weltweit. Heute noch las ich in der SZ, das Frauen in der afghanischen Kultur selbst in den Städten noch überwiegend wie Müll angesehen werden. In Indien ist es nicht anders. Grauenhaft.

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  4. Ja. Und mir fällt noch ein weiterer Aspekt ein. Ich erinnere mich daran, daß es früher (also in den 60ern) im „Gemeinnützigen“, dem Lokalteil der Tageszeitung, Verlobungsanzeigen gab: Zum einen sollte es zeigen, daß das Paar, das da vielleicht bei einem keuschen Kuß auf der Straße erwischt wurde, das Recht dazu hatte und sich nicht etwa sittenlosen Ausschweifungen hingab, zum anderen versicherten sich die Verlobten duch die Veröffentlichung gegenseitig die Ernsthaftigkeit der Absichten. Heute kann allen alles egal sein, da braucht es andere Rituale.

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  5. Das stimmt, gut, daß Du das sagst – da gibt es gar nichts zu kritisieren, im Gegenteil, es sieht sogar imposant aus, diese ganzen Schlösser. Aber interessant – wie so was entsteht und warum – ist es natürlich auch, aus ethnologischer Sicht.

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