Erftstadt

350,- Euro im Schnitt läßt jeder Übernachtungsgast während der Vorweihnachtszeit in Köln, erzählte der Tourismus-Chef der Stadt der hiesigen Zeitung, und ich stelle mir vor, wie er dabei grinsend seine Hände reibt und denkt: Diese Vollidioten. Ist es nicht Betrug, wenn jedes Jahr zig Tausende in die Stadt kommen und ihnen mit so minderwertiger Ware wie Glühwein aus dem Tetrapack das Geld aus der Tasche gezogen wird? Nun, ethisch betrachtet ist das nicht nur fragwürdig, sondern absolut verwerflich. Wirtschaftlich betrachtet ist das jedoch vollkommen legitim: Wenn jemand für eine Sache über den eigentlichen Wert dieser Sache hinaus etwas bezahlt, so bildet dieses Zuviel den Gewinn des Anbieters. Unser ganzes Wirtschaftsystem fußt darauf. Und wenn die Gäste auf den Weihnachtsmärkten sogar bereit sind, ein Vielfaches von dem zu bezahlen, was ihnen sonst schon abgezockt wird: Das hier ist ein freies Land, sie müssen ja nichts kaufen.

Wenn die Massen in die Stadt strömen, muß es woanders eigentlich leer sein. Tatsächlich, eine Viertelstunde mit dem Nahverkehr nach Erftstadt – kein Mensch zu sehen. Gute Luft, Stille. Und matschige Wege – oh no, diese Natur!

Familie Schwan nimmt die Umstände gelassen, und wir natürlich auch. Besonders, weil wir wissen, was uns noch erwartet:

Mit Einsetzen der Dunkelheit gibt es im Waldbiergarten ein offenes Feuer. Sehr schön!

Und für die riesige Portion von hausgemachtem Rahmkraut, das es hier gibt, würde ich jeden Preis bezahlen.

Breslauer Platz

Im Zuge der Neugestaltung des Breslauer Platzes, des Hinterhofes vom Hauptbahnhof, wurde vor ein paar Tagen der aufwendig umgestaltete U-Bahnhof geöffnet, seit 2004 war man hier am Werkeln.

Die Eingänge haben schon für viel Aufregung gesorgt: Anwohner sind empört über die pompösen säulengesäumten Eingänge, im Volksmund spricht man von der Akropolis von Köln. Die Stadt wünschte sich ein „Entrée“ für die ganze Stadt und Herr Roters findet das nun super gelungen. Ein bißchen wirkt es wie jemand, der sich für die Oper fein machen will und sich einen Zylinder aufsetzt. Aber mal abwarten, wie es wirkt, wenn der ganze Platz fertig ist.

Innen ist die Architektur, verglichen mit der gekachelten Badezimmeranmutung der meisten anderen U-Bahnstationen, großzügig, offen, modern. Ich bin beindruckt.

Nur an den Treppen hat man eine Zwischendecke eingezogen, was dem Raum etwas Kathedralenartiges verleiht. Rechts im Bild werden Live-Videostreams an die Wand geworfen, aber keine Reklamebilder, sondern von den Nistplätzen der Alexandersittiche in einem Kölner Park. Hm … okay, warum nicht. Das Fehlen fast jeglicher Werbung fällt jedenfalls positiv auf, ich hoffe, das bleibt so.
Wenn ich in Zukunft verreisen will, werde ich nur hier aus- und zusteigen, soviel steht fest.

Weihnachtsrummel

In dem phantastischen Roman „Der futurologische Kongreß“ von Stanislav Lem wird von einer Gesellschaft erzählt, die glaubt, in Wohlstand und Luxus zu leben. Tatsächlich werden aber unbemerkt Psychopharmaka in die Luft geblasen und über das Trinkwasser verabreicht, die die Wahrnehmung verändern. Die wenigen, die ein Gegenmittel haben, können sehen, daß die Bewohner in Wahrheit in elenden Hütten leben und kaum was zu Essen haben. Mit anderen Worten: Die Wirklichkeit ist eine Inszenierung.

Immer, wenn ich in der Vorweihnachtszeit durch die Stadt laufe, muß ich an den Roman denken. Kaum ein Schaufenster, das nicht aufdringlich weihnachtlich dekoriert ist, und sei es auch noch so absurd …

… wie z.B. in diesem Fachgeschäft für Rauchmelder, Warnwesten, Feuerlöscher und Lübecker Hütchen, die übrigens nicht aus Marzipan sind und garantiert als Geschenk ein großes Hallo! auslösen.

Alle Geschäftsstraßen sind „festlich“ erleuchtet, überall auf den unzähligen Weihnachtsmärkten und in den Geschäften läuft endlos ein schier unerträgliches Weihnachtsgedudel, und will man zu Hause, in einer weihnachtsfreien Umgebung, den schlappen Geist und Körper vorm Fernsehapparat entspannen, läuft auf allen Kanälen und in vielen Sendungen seichter Weihnachtskitsch, oder die Botschaft, daß sich Weihnachten unter dem Christbaum „entscheidet“, wer also das teuerste Geschenk bekommt.

Die Inszenierung „Weihnachten“ ist ein emotionaler Mißbrauch der zwischenmenschlichen Bedürnisse nach Geborgenheit und gemeinschaftsförderdem Ritual, allein zum Zweck der wirtschaftlichen Gewinnmaximierung. Nichts Neues, so manchen langweilt es schon, wenn man auf den „bösen“ Kommerz schimpft. Pastoren pfeifen harte Konsequenzen von den Kanzeln – und machen sich lächerlich, den tatsächlich sind sie nur sauer darüber, daß die wirtschaftliche Inszenierung der eigenen den Rang abgelaufen hat.

Allerdings ist es nicht so, daß die Inszenierung der Wirklichkeit nur die Weihnachtszeit betrifft: Vor ein paar Tagen wurde in den Nachrichten z.B. über irgendeine Brüsseler Finanzentscheidung berichtet. Darauf der Moderator: „Was sagen die Märkte dazu?“ Stimmt, was sagen eigentlich die Märkte? Man will doch wissen, wie es denen geht, die einen beherrschen. Befragt wurde dann aber nicht etwa ein Markt, sondern einer seiner Vasallen, Börsenspezialist Soundso, der freudig erregt wirkte, wieso, habe ich allerdings nicht verstanden. Vielleicht haben die Märkte ihn auf ein Glas Glühwein eingeladen.

Neulich las ich in einem Interview, es reiche doch völlig aus, wenn Weihnachten alle zwei Jahre stattfände. Warum nicht noch seltener? Spekulatius essen kann man auch ohne den ganzen Rummel.

Am Museum

Pinocchio muß lügen lügen lügen – sonst hat er die Spinne auf dem Schoß. Tragisch. Dabei ist er doch gar kein Verkäufer und hat auch sonst mit Wirtschaft und Politik nichts zu tun, das Lügen macht ihm eigentlich keinen Spaß. „Nein, ich bin kein Plagiat,“ hat er gerade einem Journalisten in die Feder diktiert, das hält die Nase für eine kurze Zeit lang.

Die Figur mit dem Titel „Tagedieb“ ist von der Künstlerin Cosima von Bonin, die gerade eine Ausstellung im Museum Ludwig bestückt.

An der Domplatte

Was schenkt man Leuten nur zum Fest, die schon alles haben? Irgendwas „Lustiges“ oder was „Originelles“, was die Beschenkten gleich nach dem Ereignis bei Ebay oder im Müll verkloppen. Damit das nicht passiert, gibt es diesen Artikel: Eine Tasche, die so schwer ist, daß selbst Elefanten sie nicht tragen können. Bei Ebay sucht man sowas vergebens, denn wie will man die verschicken? Mit einem Gabelstapler?

Herr Roters

Das ist der Herr Roters, dessen Abbild zur Zeit auf vielen, vielen Plakaten im öffentlichen Raum zu sehen ist. Der Herr Roters ist so sympathisch, das glaubt man kaum. Wenn der Herr Roters z.B. Versicherungsvertreter wäre, könnte er wahrscheinlich alles verkaufen, einem Eskimo eine Brandschutzversicherung für sein Iglu, oder einem Odachlosen eine Hausratversicherung. Nun hat der Herr Roters schon viel gemacht, aber Versicherungsvertreter war er bisher noch nicht. Z.B. war er schon mal Polizeipräsident in Köln, obwohl er gar nicht in Köln geboren wurde. Das ist seltsam, aber er ist in der SPD, das hilft vermutlich ein bißchen. Danach war der Herr Roters sogar Regierungspräsident, ein mächtiges Amt.

Sein Vorgänger in diesem Amt, Franz-Josef Antwerpes, sagte über seine Gegner – auch im Fernsehinterview – gern Sätze wie: „Das sind so große Arschlöcher, da kann man mit einem LKW reinfahren!“ So etwas käme dem Herrn Roters niemals über die Lippen. Und wahrscheinlich genau deswegen ist der Herr Roters inzwischen Oberbürgermeister der Stadt. Und nun hat er ein Buch geschrieben, auf das er total stolz ist, und das er allen Bürgern verkaufen will. Naja, gut – er hat es nicht selbst geschrieben, es ist auch kein Buch, sondern eher eine Broschüre, und erstmal wird diese Broschüre allen Haushalten kostenlos in den Briefkasten gesteckt. Das macht der Herr Roters natürlich auch nicht selbst, aber stellvertretend für alle anderen nimmt er die Dankbarkeit der Bürger entgegen.

Es handelt sich um den neuen Abfallkalender der Abfallwirtschaftsbetriebe Köln, kurz AWB, in dem auch der Winterdienst geregelt, nein, vorgestellt wird. Im letzten Winter hat das gar nicht gut geklappt: Straßen wurden gar nicht oder erst sehr spät geräumt, Bus- und Straßenbahnhaltestellen waren vereist, so daß sich jede Menge Leute hinlegten und sich irgendwas brachen. Gut, das war nun eine völlig neue Erfahrung für den Herrn Roters und die AWB, daß es im Winter kalt werden und Schnee fallen kann. Aber in diesem Jahr wird alles anders! Und weil der Herr Roters sich so darüber freut, überreicht er höchstpersönlich, jedenfalls im übertragenen Sinne, auf dem Plakat allen seinen Bürgern sein Werk!

Die Kalender und Plakate mit dem Herrn Roters waren jetzt nicht so teuer, in anderen Ländern werden für Könige ganz andere Summen ausgegeben. Aber der runderneuerte Winterdienst kostet natürlich so einiges, deswegen hat der Herr Roters zusammen mit seiner Partei eine Grundsteuererhöhung von 3 Prozent beschlossen, jeder, der irgendwo in der Stadt wohnt, muß die zahlen. Das steht jetzt nicht auf dem Plakat, wahrscheinlich reine Bescheidenheit. Besonders freuen sich die Bürger, deren Straßen noch nie geräumt wurden und bei denen das auch in Zukunft so sein wird. Die allgemeine Räumpflicht der Gehwege für die jeweiligen Anwohner entfällt natürlich auch nicht. Und was ist eigentlich, wenn es gar nicht schneit oder eisregnet, werden die zusätzlichen Steuern dann zurückgegeben? Na, ratet mal. Selbst wenn der Herr Roters verschmitzt lächelt – ungeheuer sympathisch, der Mann, der könnte einem sonstwas verkaufen.

Dom, innen

Gestern Abend kam ich auf meinem Streifzug durch die Stadt am Dom vorbei, der tatsächlich noch offene Türen hatte. Klar, 2. Advent, da kann man schon mal ein paar mehr Messen halten als üblich. Der größte Teil der Kirche war für die Gottesdienstbesucher abgesperrt, versteh ich, wenn man seinen religiösen Bedürfnissen nachgehen will, hat man keine Lust, sich von der internationalen Touristenschar dabei beglotzen zu lassen. Der Pfarrer stand gerade auf der Kanzel und verkündete Weisheiten: Die Adventszeit sei mitnichten eine Vorbereitungszeit auf Weihnachten in dem Sinne, daß schon mal ordentlich vorgefeiert werden könne. Diese Feierei, die Abwesenheit der Kontemplation auf den eigentlichen Gehalt von Christi Geburt könne dazu führen, daß die Wiederkunft des Messias sich verzögere … Wie bitte? In den letzten 2000 Jahren wurden Millionen von Menschen hingerichtet, abgeschlachtet oder sonstwie getötet, viele davon in Christi Namen oder mit kirchlichem Segen, der höchste Wert des Lebens, nämlich das Leben selbst, wurde und wird mit Füßen getreten, und der Messias kommt deshalb beleidigt erst später zurück, weil die Leute klebrigen Glühwein saufen, fette Bratwürste in sich hineinstopfen und ihr Geld für Überflußartikel zum Fenster hinauswerfen? Das ist der Grund? Ich glaube, auf so einen können wir gut verzichten, vielen Dank, Herr Pfarrer, für die Aufklärung.

Anna-Schneider-Steig

„Das Key Visual des knapp 400 Quadratmeter großen Stores ist eine spektakuläre überdimensionale DNA-Doppelhelix, die zudem die Fusion professioneller und privater Lichtlösungen visualisiert.“ Das steht auf der Homepage der Firma „Occhio“ (ital. für Auge), die dieses Schaufenster gestaltet hat – und ist ein solcher Blödsinn, daß ich diesen Laden, Verzeihung: Store wohl eher meiden würde. Allerdings gehöre ich auch kaum zur Klientel, denn hier kauft man keine Glühbirnen oder einfache Nachttischlampen, sondern ausgeklügelte Lichtsysteme. Wenn ich mir ihre Beispielfotos ansehe, scheinen sie ihr Geschäft zu verstehen. Aber wer hat sich diesen Mist mit der Doppelhelix ausgedacht? Immerhin funktioniert sie als Key Visual, denn ich war surprised und astonished über die Extensiveness des Embodiments.

Am Bayenturm

Jeder, der schon mal Kreuzworträtsel gelöst hat, kennt das: Schweizer Kanton mit drei Buchstaben: Uri. Und was ist ein Urilift? Ein Schweizer Aufzug, der im mittelalterlichen Bayenturm (über den ich hier schon mal erzählt habe) eingebaut wurde?

Weit gefehlt: Beim Begriff „Urilift“ ist irgendwann ein „n“ verloren gegangen, oder man hat es fallen lassen, weil es ungute Assoziationen weckt, was weiß ich. Es handelt sich dabei um ein Urinal, das tagsüber in der Versenkung verschwindet und nur nachts zum Vorschein kommt. Sehr mysteriös.

Ich folge dem Hinweisschild – ja, wo ist es denn nun? Vielleicht der Rost da unten? Nee, kann doch nicht sein, das wäre ja Erregung öffentlichen Ärgernisses. Außerdem ist in dem Gebäude die „Stiftung FrauenMediaTurm“ und die Redaktion der Zeitschrift „Emma“, wie sähe das denn aus, wenn die Männer da gleich nebenan mitten auf dem Platz …

In der Millionenstadt Köln gibt es übrigens nur 82 öffentliche Toiletten, von denen wiederum nur 21 rund um die Uhr geöffnet sind, kein Wunder, das besonders zu Karneval überall hingepißt wird. Besonders die oppositionelle FDP im Stadtrat setzt sich sehr für die Beseitigung dieses Mißstandes ein, ungefähr einmal im Monat steht was darüber in den Zeitungen. Das finde ich sehr, sehr gut, daß die FDP sich darum kümmert, das verleiht ein kräftiges, strenges Profil, und die Farbe stimmt ja auch irgendwie. Ich finde, die Bundes-FDP sollte das übernehmen und sich mit der flächendeckenden Versorgung mit öffentlichen Toiletten beschäftigen, und zwar nur damit. Dann gibt es für sie vielleicht auch mal wieder eine Erfolgsmeldung, und wenn man dann sagt: „Was für einen Sch… haben die denn jetzt wieder gemacht!“, hat das einen positiven GeschmackBeiklang.

Ich vermute, der Urilift ist hier, aber, klar, nicht zu sehen, ist ja noch hell. Und im Hellen muß man ja nicht. Oder nicht so oft. Jetzt bin ich aber doch neugierig.

Bitte sehr, das ist er! Ich habe mich extra nochmal aufs Fahrrad geschwungen. Die Anwohner sprechen von Erfolg, es würde nun viel weniger stinken, wenn man morgens seine Brötchen holt. Im Stadtrat ist man auch begeistert, nicht nur die strenge FDP fände noch mehr versenkbare Urinale gut. Was machen eigentlich die Frauen? Frauen müssen nicht pinkeln, basta! Und falls doch: Um die Ecke ist der Rost.

Rheinauhafen

„An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand …“ sitzen die Möwen in den Laternen und warten auf Fisch, …

… der abends von den Fischerbooten gebracht wird. Tatsächlich aber …

… beherbergt der Rumpf eine Glühweinbude auf dem Weihnachtsmarkt am Schokoladenmuseum.

Eigentlich war ich am Rhein, um für euch den Tiefstand des Wassers zu dokumentieren, als mir der maritime Weihnachtsmarkt über den Weg lief, oder ich ihm, besser gesagt. In den letzten Jahren fanden hier immer mittelalterlich gestaltete Weihnachtsmärkte statt, diesmal wollte man wohl etwas anderes machen.

Ganz ehrlich? Es ist absurd: Der Platz wird statt mit Weinachtsliedern mit lahmen Shantychören und Seemannsschlagern beschallt („Junge, komm bald wieder …“). Neben Fischständen …

… gibt es die üblichen Buden, an denen man den üblichen überflüssigen Kram kaufen kann.

Beim Piraten-Grill gibt es auch Champagner – das ist doch nicht das richtige Getränk für einen Freibeuter der Meere. Gibt’s keinen kräftigen Grog? Ich opfere mich für euch und probiere einen Glühwein – vielleicht mit Rum? Besser nicht, sonst bin ich gleich knülle. Mein Urteil: Uah! – laßt die Finger davon, viel zu süß.

Die Jugend wundert sich, weshalb an der Weihnachtsfichte Rettungsringe und Strandstühle statt Schokolade hängen. Ach ja:

Hier kann man sehr schön sehen, wie hoch der Rhein sein sollte.

Aber die Ausflugsschiffe fahren trotzdem noch.