Am Bayenturm

Jeder, der schon mal Kreuzworträtsel gelöst hat, kennt das: Schweizer Kanton mit drei Buchstaben: Uri. Und was ist ein Urilift? Ein Schweizer Aufzug, der im mittelalterlichen Bayenturm (über den ich hier schon mal erzählt habe) eingebaut wurde?

Weit gefehlt: Beim Begriff „Urilift“ ist irgendwann ein „n“ verloren gegangen, oder man hat es fallen lassen, weil es ungute Assoziationen weckt, was weiß ich. Es handelt sich dabei um ein Urinal, das tagsüber in der Versenkung verschwindet und nur nachts zum Vorschein kommt. Sehr mysteriös.

Ich folge dem Hinweisschild – ja, wo ist es denn nun? Vielleicht der Rost da unten? Nee, kann doch nicht sein, das wäre ja Erregung öffentlichen Ärgernisses. Außerdem ist in dem Gebäude die „Stiftung FrauenMediaTurm“ und die Redaktion der Zeitschrift „Emma“, wie sähe das denn aus, wenn die Männer da gleich nebenan mitten auf dem Platz …

In der Millionenstadt Köln gibt es übrigens nur 82 öffentliche Toiletten, von denen wiederum nur 21 rund um die Uhr geöffnet sind, kein Wunder, das besonders zu Karneval überall hingepißt wird. Besonders die oppositionelle FDP im Stadtrat setzt sich sehr für die Beseitigung dieses Mißstandes ein, ungefähr einmal im Monat steht was darüber in den Zeitungen. Das finde ich sehr, sehr gut, daß die FDP sich darum kümmert, das verleiht ein kräftiges, strenges Profil, und die Farbe stimmt ja auch irgendwie. Ich finde, die Bundes-FDP sollte das übernehmen und sich mit der flächendeckenden Versorgung mit öffentlichen Toiletten beschäftigen, und zwar nur damit. Dann gibt es für sie vielleicht auch mal wieder eine Erfolgsmeldung, und wenn man dann sagt: „Was für einen Sch… haben die denn jetzt wieder gemacht!“, hat das einen positiven GeschmackBeiklang.

Ich vermute, der Urilift ist hier, aber, klar, nicht zu sehen, ist ja noch hell. Und im Hellen muß man ja nicht. Oder nicht so oft. Jetzt bin ich aber doch neugierig.

Bitte sehr, das ist er! Ich habe mich extra nochmal aufs Fahrrad geschwungen. Die Anwohner sprechen von Erfolg, es würde nun viel weniger stinken, wenn man morgens seine Brötchen holt. Im Stadtrat ist man auch begeistert, nicht nur die strenge FDP fände noch mehr versenkbare Urinale gut. Was machen eigentlich die Frauen? Frauen müssen nicht pinkeln, basta! Und falls doch: Um die Ecke ist der Rost.

0 Antworten zu “Am Bayenturm

  1. Donnerwetter, sehr fortschrittlich, die Kölner. Allerdings sehe ich da im Vergleich zu Wien ein Problem auf ein Urinal zukommen, das man(n) erst suchen muss. Die paar, die es in Wien gibt, die muss man nämlich absolut nicht suchen, man wird schon von sehr, sehr weit olfaktorisch in die richtige Richtung gezogen. Was vermutlich immer wieder mal jemand praktisch findet, alle anderen Menschen (wahrscheinlich jeglicher politischer Coleur) eher nicht so.

    Was Frauen machen, wenn sie dann doch gelegentlich (völlig wider die Natur einer Frau versteht sich) im öffentlichen Raum dringend pinkeln müssen, ist leicht erklärt. Sie suchen die nächste offene Kneipe auf (irgendwas hat ja immer offen), begegnen auf dem Weg zum rettenden Örtchen dem mißtrauisch blickenden Person mit einem möglichst ungelogen klingenden „Mein Begleiter kommt gleich, der bestellt was“ und schmuggeln sich anschließend unauffällig oder wenigstens mit einem erleichtert-dankbaren Lächeln auf den Lippen wieder in die Freiheit ohne Konsumzwänge, aber auch ohne brauchbare öffentliche Toiletten.

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  2. Ja, das stimmt, der Zustand der öffentlichen Toiletten, da müßte auch dringend mal jemand tätig werden. Was machen die von der FDP eigentlich den ganzen Tag!

    Man sagt ja auch, daß Männer lieber zwei Stunden lang sinnlos durch die Gegend irren als mal jemanden zu fragen, wenn sie sich irgendwo nicht auskennen. Ganz anders als Frauen, die sollen kein Problem damit haben, ganz spontan andere Leute anzulügenreden. Aber das weiß ich nur aus zweiter Hand. Aus persönlicher Anschauung hingegen weiß ich, daß Frauen oft noch mal auf Klo gehen, kurz bevor man die Kneipe velassen will: Man hat schon bezahlt und sich mühsam in seine Klamotten gequält, so, Taschen nicht vergessen, haben wir alles, wir sind schon auf dem Weg zur Tür – da dreht sie sich um, zieht sich wieder aus, behängt einen wie einen Kleiderständer („halt mal eben“) und geht pinkeln. Zunehmend in Schweiß gebadet steht man mitten in der Kneipe und weiß nicht, wo man hinkucken soll. Männer dagegen verspüren vielleicht auch einen leichten Drang, denken aber: Das halte ich noch, bis ich zu Hause bin, null Problemo. Kaum ist man weit genug von der Kneipe entfernt, daß man auf keinen Fall zurückgehen kann, droht einem die Blase zu platzen. Tja, mir passiert das natürlich nicht gaanz selten, also kaum jetzt.

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  3. 82 öffentliche Klos? Wieviel sind denn dat pro Bürger? Ejal, zu wenig!
    Wahr ist: Die Stadt Köln hat Handlungsbedarf, aber schnell! Is ja unerhöhrt, daß frau sich in der Stadt von „Emma“ über einen Rost hocken muß! (Frau Schwarzer berichtete in der BILD darüber *fg*)
    Unwahr ist, daß die Stadt Hannover dieses Problem nicht hat, weil an jeder Ecke Prinz Ernst-August-Gedächtnis-Urinale entstandenn sind.
    In Berlin hießen die Urinale übrigens „Café Achteck“ und sind im Grunde heute nix als Schwulentreffs. Angeblich, so hab ich mir sagen lassen, wimmelt es dort von Telefonnummern mit den wichtigsten Angaben, Länge, Dicke usw..
    Was Sub-Kultur so hochbringt. Und damit schließt sich der Kreis. „Give me a lift, Scotty!“

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  4. Ungefähr 12.195 Bürger pro Klo, da muß man lange anstehen.

    Vielleicht hat sie ja den Kachelmann da unten vor dem Rost stehen sehen, weil der in seiner Not nicht wußte, wo er hinsoll, und hat deswegen in der Bild …

    Super, Urilift ist doch eine irrefürende Bezeichnung, wir nenne die ab sofort „Prinz Ernst-August“, da weiß jeder sogleich, was damit gemeint ist. Obwohl – vielleicht werden die dann auch gemieden, weil man glaubt, man würde da mit einem Schirm auf den Kopf geschlagen.

    Öffentliche Toilette als Schwulenklappe, ich weiß gar nicht, ob es das in Köln noch gibt, hier sind so viele Schwulenkneipen, wo man sich auch ganz normal treffen kann, da ist die Heimlichtuerei nicht mehr nötig, sollte man meinen.

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  5. Oh, vielleicht aber ist das Schmuddelige daran gerade erwünscht, wer weiß?!

    Erst Pinkeln, dann Schirm auf den Kopp und das nach dem man mit 12.195 anderen angestanden hat, ich weiß schon, warum ich auf dem Land lebe, da geht man einfach hinter den nächsten Baum und…

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  6. …haha…ich finde es ja beschämend für unsere „Zivilisation“, dass ausgerechnet so ein offensichtliches und wichtiges menschliches Bedürfnis einfach ignoriert wird…

    Ich als Frau kann ein Lied davon singen, aber nun habe ich mich ja in den Wald gefüchtet…

    Allerdings liegt der Gedanke nicht fern, dass dies symptomatisch für unsere Gesellschaft ist, was die Berücksichtigung menschlicher Bedürfnisse betrifft…vielleicht sogar Programm? Wer bei der Verrichtung seiner Notdurft in der Öffentlichkeit erwischt wird, muss mit Strafen rechnen, allerdings verweigern die Umstande gerade diese Verrichtung…

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  7. Wildpinkeln kostet seit diesem Jahr 100 Euro, aber nur, wenn man erwischt wird. Jedesmal also, wenn du Dich in den Wald hockst, hast Du 100 Euro gespart, da kommt mit der Zeit ein ganz schönes Sümmchen zusammen, mit dem Du Dir dann irgendwas Schönes kaufen kannst. 🙂

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  8. Das mit dem lebendigen Kleiderständer hat weniger mit dringendem Bedürfnis als mich Machisma und/oder obskur-subtilen Vertrauensbeweisen zu tun, habe ich mal als Schlußfolgerung aus einem Gespräch über dieses Phänomen mitgenommen. Und Beispiel Nummer 2 erklärt vielleicht, warum es Männer gibt, die sich tendenziell eher zu sehr mütterlich gestrickten Frauen hingezogen fühlen. Is halt praktisch, wenn jemand da ist, der am Ende der Kneipentour sagt: „Schatz, wir werden jetzt bestimmt zwanzig Minuten unterwegs sein. Wills Du nicht lieber doch noch mal…?“

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  9. Im Brauhaus geh`n die Lichter aus,
    bedüdelt schwankt der Mann nach Haus.

    So lecker ihm das Bier geschmeckt,
    und bevor am Tresen hingestreckt.

    Er quert das schöne Domplateau,
    Gedanken machen ihn ganz froh.

    Der Harndrang macht ihn schon ganz Jeck,
    suchend schaut er nach `ner Eck.

    Doch Dank der Stadt ist das vorbei,
    mit dieser wilden Pinkelei.

    Ein Häuschen dort von Acht bis Acht,
    kommt aus dem runden Aufzugschacht.

    Erstrahlt in mattem Edelstahl,
    ein rundes, teures Urinal.

    Des Nachts da steht`s für Jedermann,
    man Tags nur`n Deckel sehen kann.

    So stolpert er schon freudig hin,
    denn nach erleichtern steht der Sinn.

    Doch hat der Zecher nicht bedacht,
    das die Uhr schon geht auf Acht.

    So senkt sich unser Pissoir,
    samt Pinkler ab ins Trottoir.

    Dort stehend muss er nun verweilen,
    derweil Menschen über ihn eilen.

    Bis es wieder abends Acht,
    und Urilift ihn ans Licht gebracht.

    Andreas Eßer (2008)

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