Roonstr.

Was für ein unerwartet sonniger Tag war das gestern – alle Fenster auf, und was ist? Brüllende Motoren, quietschende Reifen … und Applaus!?

Des Rätsels Lösung: In meiner Straße wird wieder mal ein Film gedreht, „Alarm für Cobra 11“, eine Action-Fernsehserie, von der ich noch nicht eine Folge ganz gesehen habe. Alle Autos, die man oben sieht, gehören zum Drehteam. Die meiste Zeit stehen sie herum, dann gibt irgendjemand ein Signal, ein paar Sekunden Autojagd wird gedreht, dann ist erstmal wieder Pause, alles zurück auf Anfang. Das geht den ganzen Tag so weiter – und ist ziemlich schnell sehr langweilig, wie die Serie selbst auch. Paßt also.

Wir gehen lieber in den nahen Biergarten und genießen das gute Wetter.

Bonner Str.

Avantgarde-Musik liegt naturgemäß meistens außerhalb der Hörgewohnheiten, sonst wäre es ja keine Avantgarde. Auch ich würde mir vermutlich keine CD kaufen, aber sie live zu hören ist fast immer interessant. Das Foto oben zeigt eine Partitur:

Eisenbahn- und Straßengeräusche werden eingefangen und zu einer Röhre von fast 5 Meter Länge geleitet, die daraufhin in Schwingungen gerät und Töne von sich gibt, die wiederum elektronisch verstärkt durch riesige Lautsprechertürme an beiden Enden eines 300 Meter langen Abschnitts der neuen, unbenutzten U-Bahnröhren schallen. Oder brummen.

Während dieser Veranstaltung im Rahmen des „Acht-Brücken“-Festivals für neue Musik wurden kleine Gruppen durch die Röhren geführt. Die Führerin hielt ab und zu ein Schild hoch, alle mußten stehen bleiben und lauschen – ah ja! Es brummt sphärisch. Ja. Aha. – Hm … schade, daß oben gerade keiner hupt. Weiter geht’s, am Chlodwigplatz wird Straßenläm aus New York zugespielt, was man aber nicht erkennt – Wahnsinn! In der anderen Röhre, durch die es zum Ausgang zurück geht, sitzen die Künstler auf einem Podium mit verschmitzten Gesichtern vor großen Mischpulten und drehen ab und zu an Knöpfen, was aber weiter keinen Unterschied macht, während ein Gastinstrumentalist ab und zu mit einem elektronischen Baß zusätzlich einen Ton erzeugt, dem alle lange nachlauschen (müssen). Brummmmmm …

Am Ende bekommen alle Teilnehmer ein Glas frisch gezapftes Kölsch ausgegeben. Das ist doch wirklich nett, Prost!

Der neue U-Bahnabschnitt südlich der Unglücksstelle Stadtarchiv soll nun übrigens doch schon 2016 und nicht, wie ursprünglich beschlossen, erst 2019 oder noch später in Betrieb genommen werden. Das kam so:

SPD und die Grünen bilden im Stadtrat eine Koalition. Nun waren die Grünen schon immer gegen den Bau einer zusätzlichen U-Bahn, sind nun aber für die möglichst rasche Inbetriebnahme. Die SPD war dagegen immer für die U-Bahn, ist nun aber gegen den Teilbetrieb, um Geld zu sparen, so eine laufende U-Bahn kostet ja so einiges. Die zur Zeit oppositionelle CDU war immer für die U-Bahn, muß nun aber aus oppositionellen Gründen dagegen sein, also jetzt nicht gegen die neue U-Bahn, die sie ja selbst mitbeschlossen hat, aber gegen die Grünen und gegen die SPD, was in Bezug auf den Zeitpunkt der Inbetriebnahme ein Dilemma ist. Also hat die SPD der CDU einen Deal vorgeschlagen: Wenn ihr mit uns stimmt, also gegen den Betrieb vor frühestens 2019, dürft ihr mitbestimmen, was mit dem eingesparten Geld passiert.
Große Freude bei der CDU: Au ja, wir stopfen damit die durch den harten Winter entstanden Schlaglöcher (und sichern uns damit die Sympathien der Autofahrer, hehe). Okay, sagte die SPD – jedenfalls am Morgen, im Laufe des Tages dann „na jaaa …“, schließlich „och nö, doch nicht“. Die CDU fühlte sich düpiert – das kann man doch mit uns nicht machen!! – und stimmte nun trotzig gegen die SPD, also mit den Grünen – für einen Betrieb des U-Bahnabschnitts ab 2016 (das heißt natürlich gar nichts, bis dahin kann man ja noch jede Menge Ratssitzungen abhalten).

Alles verstanden? Nein? Also nochmal: Die Grünen … und zum Schluß kommt, wie durch Zufall, der unter den gegebenen Umständen vernünftigste Beschluß heraus. Verrückte Welt.

Ehrenstr.

Das Buchhandelsterben geht weiter: Nach dem angekündigten Ende der Kochbuchhandlung (von der ich erst neulich hier berichtete), schließt nun der Zweitausendeinsverlag und -buchhandlung seine Läden. Eine Ära geht zu Ende – allerdings, wie ich gerade gelesen habe, bereits seit 2006. Angefangen hat Zweitausendeins als reiner Versandhandel, günstige Remittendenexemplare wurden in einer flippig aufgemachten und aus Dünndruckpapier hergestellten Broschüre angeboten, bald kamen eigene Erzeugnisse und Schallplatten zu unschlagbaren Preisen dazu. Für mich und meine Freunde – und überhaupt Menschen in unserem Alter, die in der miefigen Provinz lebten – war das eine Offenbarung, in dem kleinen Städtchen wurde das „Merkheft“ genannte Werbeheft wie ein kleiner Schatz weitergereicht, und dann tat man sich zusammen und gab eine Sammelbestellung auf. Nicht wenige Leute hatten die gesammelten Werke von Brecht, Marx & Engels oder die Gesamtausgabe der Zeitschrift „Akzente“ in ihrem Bücherregal stehen. Charles Bukowski, Robert Crumb, Boris Vian, FW Bernstein, Eckhard Henscheid und etliche Schriftsteller mehr fanden erst durch Zweitausendeins einen größeren Bekanntheitsgrad.

Später, als die Politbücher nicht mehr so gut liefen, beherrschten eine zeitlang Esoterikbücher das Angebot, Kornkreise und solche Sachen, aber irgendwann normalisierte sich das wieder, und die wenigen Läden, die es in einigen Großstädten gab, waren immer einen Besuch wert. Nun also wieder nur als Versandhandel, ich scheue mich nicht, dafür Werbung zu machen: Ein sehr gutes Angebot von Filmen auf DVD, günstige CDs und eine ausgesuchte Auswahl guter Bücher findet man hier immer noch wie sonst nirgendwo:
http://www.zweitausendeins.de/

Fischmarkt am Tanzbrunnen

Auf dem Kölner Fischmarkt gibt es mehr Stände, die irgendwas anderes verkaufen, als solche, die Fisch anbieten – kein Wunder also, daß hier schon ausverkauft ist. Alle alle, so’n Pech!

Bauer’s nietenlose Wurst gibt es aber noch genug: Spielen, gewinnen und eine unbestimmte Menge Wurst nach Hause tragen – dreifaches Glücksversprechen.

In Uruguay haben Forscher Schafen ein Gen von Quallen in die Erbinformationen manipuliert, sodaß sie leuchten, wenn man sie im Dunkeln anstrahlt. Da kann diese rheinische Züchtung mit ganz anderen Ergebnissen punkten.

Heumarkt

„Aber das Barocktor muß erhalten bleiben – und zwar so, daß man durchgehen kann!“, hatte man beim Bauamt dem Bauherren vermutlich ins Gewissen diktiert. Vielleicht hätte man sich doch besser den Bauplan zeigen lassen. Und hinterher hatte natürlich niemand Schuld.

Seidenmacherinnengäßchen, Ecke Heumarkt

Schon 1163 stand hier ein anderes Haus. Ah ja! Das scheint wichtig zu sein, denn das steht da an der Wand. 1568 wurde an dieser Stelle ein neues gebaut, im Renaissancestil, in dem dann im Jahr 1920 ein Johann Zims die Kneipe „Zum Sankt Peter“ eröffnete. Wir erinnern uns: Das war der erste Papst, der nach seinem Tod als Pförtner weiterarbeiten mußte, weshalb er immer (wie auch hier) mit einem Schlüssel dargestellt wird. Ob er auch gern einen getrunken hat, weiß man nicht. Während der Bombenangriffe 1943 blieb außer der Fassade nicht viel übrig von dem Gebäude, aber gleich nach dem Krieg wurde es wieder aufgebaut.

Heute ist „Gilden im Zims“, wie der Name nun lautet, ein Kneipenrestaurant im Brauhausstil am Rande der Altstadt, also in der Touristeneinzugszone, bis zu 1000 Gäste sollen hier gleichzeitig hineinpassen. Ob hier jemals Bier gebraut wurde, war nicht zu erfahren, jedenfalls tut man so, und die Speisen sind entsprechend deftig kölsch: Himmel und Aäd (Blutwurst mit Apfelkompott und Kartoffelpüree), Bratwurst, Schnitzel, Steak, aber auch ganz zeitgemäß Salate und ein vegetarisches Gericht. Man höre und staune: Ich habe hier neulich den besten Sauerbraten meines Lebens gegessen! Gut, an die anderen beiden Male kann ich mich kaum erinnern, aber egal, er war auf jeden Fall sehr gut.

Der Gewölbekeller wurde erst Mitte des letzten Jahrzehnts entdeckt und ausgebaut, er soll sogar auf römischen Fundamenten stehen. Es ist nicht immer so leer wie auf diesem Foto, der Bereich ist für irgendein Fest gebucht. Mein Fall ist es ja nicht, im Keller zu essen, aber jeder wie er mag.
Doch, hier kann man hingehen, jedenfalls besser, als in eine der vielen Touristenfallen direkt in der Altstadt.

Seidmacherinnengäßchen

Die Straße in der Altstadt ist nur ca. 65 Meter lang, hatte aber dennoch bis 1986 gleichzeitig zwei Namen: Unter Seidmacher und Seidmachergäßchen. Kurz vorher war dem frisch gegründeten Kölner Frauengeschichtsverein aufgefallen, daß es gar keine Seidmacher gab, sondern nur Seidmacherinnen, die im Mittelalter die Tätigkeit des Seidestickens ausübten.

Das war so: Kurz nach Adam und Eva Nachdem die Bürgerschaft im Jahr 1288 die Herrschaft der Erzbischöfe in Köln endgültig gebrochen hatte (hier habe ich davon erzählt), lag die Macht in den Händen der Ratsherren, die sich aus den Kreisen der Patrizier rekrutierten, also den wohlhabenden Familien, die sich für was Besseres hielten. Man kennt sich, man hilft sich, das war in Köln schon immer so, so blieb man bei den Geschäften unter sich und wurde dabei immer reicher und fetter, zu Lasten aller anderen.

Das paßte den anderen Bürgern natürlich nicht besonders, und so nutzten sie 1396 die Gunst der Stunde, als sich Patrizierfamilien in den Haaren lagen, die alten Machtverhältnisse ganz abzuschaffen. Es wurden sogenannte „Gaffeln“ gebildet (benannt nach einer zweizinkigen Gabel, die bei Festlichkeiten benutzt wurde), insgesamt 22 Verbünde von Handwerkerzünften und Kaufleuten, aus deren Reihen nun die Ratsherren gewählt wurden. Bettler, Henker, Frauen u.a. waren natürlich nicht zugelassen, aber es gab einträchtige Handwerke, die nur von Frauen gemacht wurden – tja, ein Problem. Man löste es einfach, indem man ihnen die Bildung einer eigenen Zunft zugestand, aber nicht die Zugehörigkeit zu einer Gaffel. Und so kam es, daß die Hut- und Seidenstickerinnen eine Zunft mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern bildeten, das gab es außer in Paris sonst nirgends. Die Seidmacherinnenzunft war sehr erfolgreich, um 1500 gab es kein erfolgreicheres kölnisches Exportgut als ihre Erzeugnisse.

Wen es interessiert, kann hier beispielhaft die Geschichte der Meisterin Fygen Lutzenkirchen nachlesen.

Perlenpfuhl

Ein Pfuhl ist eine Art Tümpel, in den oft Jauche eingeleitet wird. Kein angenehmer Ort also, „feuriger Pfuhl“ wird bei Luther sogar synonym für Hölle benutzt (Dank an Wikipedia). Das namensgebende Haus Perlenberg am Anfang der Straße gibt es schon lange nicht mehr.