Bonner Str.

Avantgarde-Musik liegt naturgemäß meistens außerhalb der Hörgewohnheiten, sonst wäre es ja keine Avantgarde. Auch ich würde mir vermutlich keine CD kaufen, aber sie live zu hören ist fast immer interessant. Das Foto oben zeigt eine Partitur:

Eisenbahn- und Straßengeräusche werden eingefangen und zu einer Röhre von fast 5 Meter Länge geleitet, die daraufhin in Schwingungen gerät und Töne von sich gibt, die wiederum elektronisch verstärkt durch riesige Lautsprechertürme an beiden Enden eines 300 Meter langen Abschnitts der neuen, unbenutzten U-Bahnröhren schallen. Oder brummen.

Während dieser Veranstaltung im Rahmen des „Acht-Brücken“-Festivals für neue Musik wurden kleine Gruppen durch die Röhren geführt. Die Führerin hielt ab und zu ein Schild hoch, alle mußten stehen bleiben und lauschen – ah ja! Es brummt sphärisch. Ja. Aha. – Hm … schade, daß oben gerade keiner hupt. Weiter geht’s, am Chlodwigplatz wird Straßenläm aus New York zugespielt, was man aber nicht erkennt – Wahnsinn! In der anderen Röhre, durch die es zum Ausgang zurück geht, sitzen die Künstler auf einem Podium mit verschmitzten Gesichtern vor großen Mischpulten und drehen ab und zu an Knöpfen, was aber weiter keinen Unterschied macht, während ein Gastinstrumentalist ab und zu mit einem elektronischen Baß zusätzlich einen Ton erzeugt, dem alle lange nachlauschen (müssen). Brummmmmm …

Am Ende bekommen alle Teilnehmer ein Glas frisch gezapftes Kölsch ausgegeben. Das ist doch wirklich nett, Prost!

Der neue U-Bahnabschnitt südlich der Unglücksstelle Stadtarchiv soll nun übrigens doch schon 2016 und nicht, wie ursprünglich beschlossen, erst 2019 oder noch später in Betrieb genommen werden. Das kam so:

SPD und die Grünen bilden im Stadtrat eine Koalition. Nun waren die Grünen schon immer gegen den Bau einer zusätzlichen U-Bahn, sind nun aber für die möglichst rasche Inbetriebnahme. Die SPD war dagegen immer für die U-Bahn, ist nun aber gegen den Teilbetrieb, um Geld zu sparen, so eine laufende U-Bahn kostet ja so einiges. Die zur Zeit oppositionelle CDU war immer für die U-Bahn, muß nun aber aus oppositionellen Gründen dagegen sein, also jetzt nicht gegen die neue U-Bahn, die sie ja selbst mitbeschlossen hat, aber gegen die Grünen und gegen die SPD, was in Bezug auf den Zeitpunkt der Inbetriebnahme ein Dilemma ist. Also hat die SPD der CDU einen Deal vorgeschlagen: Wenn ihr mit uns stimmt, also gegen den Betrieb vor frühestens 2019, dürft ihr mitbestimmen, was mit dem eingesparten Geld passiert.
Große Freude bei der CDU: Au ja, wir stopfen damit die durch den harten Winter entstanden Schlaglöcher (und sichern uns damit die Sympathien der Autofahrer, hehe). Okay, sagte die SPD – jedenfalls am Morgen, im Laufe des Tages dann „na jaaa …“, schließlich „och nö, doch nicht“. Die CDU fühlte sich düpiert – das kann man doch mit uns nicht machen!! – und stimmte nun trotzig gegen die SPD, also mit den Grünen – für einen Betrieb des U-Bahnabschnitts ab 2016 (das heißt natürlich gar nichts, bis dahin kann man ja noch jede Menge Ratssitzungen abhalten).

Alles verstanden? Nein? Also nochmal: Die Grünen … und zum Schluß kommt, wie durch Zufall, der unter den gegebenen Umständen vernünftigste Beschluß heraus. Verrückte Welt.

0 Antworten zu “Bonner Str.

  1. sehr interessant, lieber Blogfreund und insbesondere auch Musikfreund!
    FRÜHER habe ich mir sogar Avantgarde-Platten gekauft und war OFT bei den Donaueschinger Musiktagen der Neuen Musik — das war live immer unglaublich interessant!
    Ist das 8-Brücken-Festival bei euch schon vorbei?! *neugierig guck*
    Viele Grüße
    vom Lu

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  2. Ja, das Festival ist schon wieder vorbei. Seit 2011 wird es jedes Jahr veranstaltet und immer besser angenommen, habe ich gelesen, weshalb viele Konzerte schon bald ausverkauft waren.
    Es wird immer viel Stockhausen gegeben, da er ja hier gewirkt hat, seine Musik finde ich allerdings ganz furchtbar, freiwillig würde ich auf kein Konzert mehr gehen. Und seitdem ich die Autobiographie von Mary Bauermeister gelesen habe („Ich hänge im Triolengitter: Mein Leben mit Karlheinz Stockhausen“), ist er mir auch als Mensch zutiefst zuwider.

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  3. Irgendwie ist da wohl der Geist von Karlheinz Stockhausen aktiv der ja lange in Köln gewirkt hat.
    Kölnische Kommunalpolitik scheint tatsächlich auf interessante Weise zu Ergebnissen zu kommenc – aber ob das immer gut geht??

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  4. Tatsächlich haben sie auch was von Stockhausen gespielt, sogar im Dom. Mich kann man allerdings jagen mit seiner Musik.

    Das wage ich auch zu bezweifeln. Und es ist ja noch genug Zeit bis 2016, da kann man ja noch ein paarmal umentscheiden.

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