Ehrenstr.

Das Buchhandelsterben geht weiter: Nach dem angekündigten Ende der Kochbuchhandlung (von der ich erst neulich hier berichtete), schließt nun der Zweitausendeinsverlag und -buchhandlung seine Läden. Eine Ära geht zu Ende – allerdings, wie ich gerade gelesen habe, bereits seit 2006. Angefangen hat Zweitausendeins als reiner Versandhandel, günstige Remittendenexemplare wurden in einer flippig aufgemachten und aus Dünndruckpapier hergestellten Broschüre angeboten, bald kamen eigene Erzeugnisse und Schallplatten zu unschlagbaren Preisen dazu. Für mich und meine Freunde – und überhaupt Menschen in unserem Alter, die in der miefigen Provinz lebten – war das eine Offenbarung, in dem kleinen Städtchen wurde das „Merkheft“ genannte Werbeheft wie ein kleiner Schatz weitergereicht, und dann tat man sich zusammen und gab eine Sammelbestellung auf. Nicht wenige Leute hatten die gesammelten Werke von Brecht, Marx & Engels oder die Gesamtausgabe der Zeitschrift „Akzente“ in ihrem Bücherregal stehen. Charles Bukowski, Robert Crumb, Boris Vian, FW Bernstein, Eckhard Henscheid und etliche Schriftsteller mehr fanden erst durch Zweitausendeins einen größeren Bekanntheitsgrad.

Später, als die Politbücher nicht mehr so gut liefen, beherrschten eine zeitlang Esoterikbücher das Angebot, Kornkreise und solche Sachen, aber irgendwann normalisierte sich das wieder, und die wenigen Läden, die es in einigen Großstädten gab, waren immer einen Besuch wert. Nun also wieder nur als Versandhandel, ich scheue mich nicht, dafür Werbung zu machen: Ein sehr gutes Angebot von Filmen auf DVD, günstige CDs und eine ausgesuchte Auswahl guter Bücher findet man hier immer noch wie sonst nirgendwo:
http://www.zweitausendeins.de/

0 Antworten zu “Ehrenstr.

  1. Jemanden mit der (bis heute ungelesenen)Gesamtausgabe „akzente“ im Bücherregal kenne ich auch. Ich glaube 2001 hat von der (sehr) deutschen Neigung „gesammelte Werke“ besser noch „Gesamtausgaben“ noch besser „Historisch-kritische Ausgaben“ zu
    kaufen nicht unwesentlich profitiert.

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  2. Ja, so ist es bei uns auch, in unserem Haushalt schwirrt auch schon lange immer das Merkheft herum und Oldie wählt nicht unselten CDs oder Bücher, die unsere Regale dann füllen. Der günstige Preis machts möglich.
    :yes:

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  3. Oh ja, Zweitausendeins war damals so was von Kult. Früher mußte ich dafür nach Köln fahren, dann gab es das auch in D’dorf (50km gespart). Dann in Berlin schleppte ich selig den tonnenschweren Band von Nan Goldin („I am your mirror“) nach Hause, der dort 50 DM kostete, gegenüber den 120 DM woanders.
    Mittlerweile aber muß ich sagen, der Versand ist mies und das Ganze schon seit mindestens 10 Jahren auf dem absteigenden Ast. Ich habe nach mehrmaligen Enttäuschungen nicht mehr bestellt. Der Gipfel war, daß ich einmal angeraunzt wurde, als ich ein Buch zurück schickte, von wegen, das ginge aber so nicht usw. Ich: und ob das geht: Fernabsatzgesetz. Der Ton der e-mail war so unverschämt, daß ich nie wieder da bestellt habe. Vorher hatte ich Ärger mit falschen Zusendungen oder Büchern, die in schlechtem Zustand waren. Auch entsprachen einige Angaben im Merkheft einfach nicht der Wahrheit. Die Pleite führe ich also jetzt eher mal auf mieses Management zurück als auf das (wirklich traurige) Buchlädensterben.
    Bist du denn jetzt drin gewesen und hast „zugeschlagen“?

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  4. Das stimmt. Die Bücher und Gesamtausgaben wurden in den Merkheften immer mit soviel Begeisterung (man könnte auch sagen: mit einer besonders geschickten Werbestrategie) angepriesen, daß so einige davon später ungelesen in den Regalen verstaubten.

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  5. Bestellt habe ich da schon lange nichts mehr, war ja nicht nötig mit dem Laden. Aber stimmt, jetzt wo Du es sagst, fällt mir ein, daß auch schon damals immer mal was Falsches in den Päckchen lag, oder sie schickten bei nur einer Rechnung eine Sendung doppelt, was dann die Empfänger freute.
    Gerade beim letzten Merkheft, das ich nach meinem Eintrag durchblätterte, ist mir auch was aufgefallen: Es wird für wenig Geld die „gefeierte Neuübersetzung“ von Flauberts „Madame Bovary“ angepriesen, tatsächlich handelt es sich um eine ältere Übersetzung, die, die in letzter Zeit gefeiert wird, ist von einer anderen Übersetzerin (Elisabeth Edl).
    Als ich neulichda war, hatten sie geschlossen, mal sehen, ob ich es noch schaffe, mal stöbern zu gehen.

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  6. Ja, genau so was meinte ich. Falsche Versprechen etc., teilweise hart am Betrug, wie dein Beispiel oder wie z.B. ein PC-Weltatlas, der ganz erbärmlich war und z.T. nicht mehr auf auch nur halbwegs neuen Betriebssystemen lief, was aber nirgendwo angegeben. bzw. falsch angegeben war. Ärgerlich.
    Es ist ja nun auch leider so: Früher bot Zweitausendeins wirklich was, man bekam die Sachen woanders nicht oder nur teurer und sie hatte teils ganz ausgefallene Dinge. Aber heute? Ja, wie hat sie sich doch verändert, die Welt.
    Erstmal gibt es viele viele moderne Antiquariate im ähnlichen Stil. „Wohlthats“ z.B., das deutlich besser ist. Oder „Jokers“, das ich nicht kenne, aber ein ähnliches Angebot hat. Und dann gibt es eben leider amazon, das alles hat zu guten Preisen. Und Zweitausendeins nimmt ja auch noch Porto für den Versand (jedenfalls noch bis Mitte der 2000ner Jahre, ich glaube 2005 hab ich da zuletzt bestellt, das wundert mich nicht, daß da niemand mehr kauft.

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  7. Bei uns in Frankfurt gibt’s auch eine Zweigstelle, war allerdings schon zwei Jahre nicht mehr dort. Mittlerweile ist es einfach günstiger bei Drittanbietern auf Amazon-Marketplace zu bestellen. Ist aber ein schöner Laden. Das letzte Mal hab ich mir dort nen Kommentar zum Ring des Nibelungen in die Felltasche gesteckt xD

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  8. Jokers hat hier auch einen Laden, leider haben sie im Vergleich zum Anfang stark nachgelassen, und Amazon (Bücher) wird von mir boykottiert. Wohlthat hat keinen eigenen Iternetauftritt. Wußtest Du übrigens, daß sowohl Jokers als auch Wohlthat zu „Weltbild“ gehören? Weltbild wiederum ist ein Betrieb der katholischen Kirche Deutschland (Deutsche Bischofskonferenz). Tze, Sachen gibt’s.

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  9. Bei Amazon kauf ich keine Bücher mehr, ein Ausbeuterladen, der den lokalen Buchhandel kaputtmacht und bei den Marketplaceanbietern ordentlich mitkassiert, obwohl sie nicht die geringste Arbeit damit haben.
    Geh schnell schauen, bald gibt es den Laden in Frankfurt auch nicht mehr.

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  10. Ich habe den Herrn Gemahl, denn er zeichnet für den Warenaustausch mit eben jenem Verlag verantwortlich, in all den Jahren der Geschäftsbeziehung noch nie gereizt erlebt oder gar Klagen gehört, sodass ich davon ausgehe, das alles ohne Schwierigkeiten ablief.
    Ein Ladengschäft gibt es meines Erachtens bei uns im weiten Umkreis nicht.
    🙂

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  11. Hast du’s gut, Amazon würde ich gerne boykottieren, aber ich weiß nicht wie. JPC ist leider keine Alternative, weil ich da auf jedes englische Buch lange warten muß. Und die anderen nützen mir nichts, wo sonst soll ich meine englischen Bücher bestellen?!
    Das ist eine Sache, die mir hier auf dem Land schmerzlich fehlt. Ein Buchladen. 40 km zum nächsten (brauchbaren) Buchladen, das ist doch doof.
    Aber Boykotte bringen ja auch sowieso nichts. Denn wenn man überlegt, was und wen man alles boykottieren müßte, siehe Weltbild (da bestell ich allerdings sowieso nie, denn die haben nix für mich). Oder Nestlé- allein damit fängt es an. Da kannste schon mal den halben Einkaufswagen wieder ausräumen.

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  12. Du hast ganz recht mit Amazon, ABER eines muß man fairerweise sagen, wann immer ich dort ein Buch reklamiert habe von Drittanbietern, hat Amazon mir das ohne wenn und aber erstattet.
    Mach das mal bei ebay….das ist der viel ätzendere Laden: Sie verdienen sich dumm und dämlich und da gehen ganz miese Dinge vor! Nicht nur daß man da ungestraft irgendwelche bedenklichen Schriften und Dinge verticken kann, sie kümmern sich einen Dreck darum, ob Richtlinien eingehalten werden. Aber wehe, du bezahlst mal die Gebühr zu spät, dann steht direkt der Gerichtsvollzieher vor der Tür.

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  13. Ob Boykotte etwas bringen oder nicht, weiß man vorher nicht, man kann es nur ausprobieren. Aber neben einer größeren Boycottwirkung kommt es natürlich auf die eigene Haltung an, die man vor sich selbst vertreten muß. Ich habe dabei leicht reden, erstens lese ich keine englischen Bücher, zweitens kann ich mir ohne zusätzliche Mühe aussuchen, in welchen Buchladen ich gern gehe.

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  14. Ich habe neulich mal in meiner Anti-Amazon-Haltung ein Gerät im Karstadt-Kaufhaus gekauft, das dann aber nicht richtig funktionierte. Als ich es dann umtauschen wollte, war das ein Gang von Pontius zu Pilatus, ich wurde immer höher gereicht, keiner wollte es zurücknehmen, erst der oberste Abteilungsleiter ergnadete sich, mir nach einem langen Vortrag („Wo kommen wir hin, wenn wir alle gebrauchten Geräte wieder zurücknehmen!“ – „Aber es funktioniert nicht richtig!“ – „Aber sie haben es benutzt!“ etc.) eine Gutschrift auszustellen. Bei Amazon wäre ein Umtausch gar kein Problem gewesen. Als ich dem Abteilungsleiter genau das vorhielt, daß nämlich seine starre Haltung die Kunden geradezu in die Arme von Amazon treibe, meinte er, daß deren großzügige Rücknahmepolitik auf dem Rücken der Mitarbeiter lande, denn wenn Amazon bei den Waren weniger Umsatz mache durch vergleichsweise größeren Rücklauf, würden sie das durch miese Bezahlung der Mitarbeiter ausgleichen. Tja. Ist beides nicht das Wahre.

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  15. Und jetzt kommen die Haferkekse auf den Tisch und wir beiden fangen eine nächtlange Diskussion an zum Thema: Kann es überhaupt irgendeine Art von Kapitalismus geben, so daß niemand drunter leidet?
    Und vermutlich kommen wir zu dem Ergebnis NEIN und auch gleich dazu, daß wir aber auch nicht wissen können, wie das zu ändern ist.
    Also rauchen wir noch Eine (von glücklichen Hanfpflanzen oder fair trade Indianerspirit-Tabaken), beißen in einen Hafer(100% Bio, kein Genhafer!!!)Keks und seufzen.
    Bis das Thema auf angenehmere Dinge kommt. Musik, damals, heute und ach für immer…

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  16. Genau. Und bevor wir dann ganz hinüber sind, muß ich Dir noch eben schnell die Sätze vorlesen, die Adorno über Popmusik gesagt hat, moment, irgendwo muß ich hier doch noch die Gesamtausgabe von Zweitausendeins …

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  17. Dafür fährst du so gut wie nie Auto, also wieder im Gleichgewicht.

    Und jetzt kommt’s!!!

    DAS End-70er-Jahre-Feministinnen-Totschlag-Argument: „Aber als Schwanzträger bist du natürlich halt irgendwo auch Mitschuld an der grundsätzlichen Gewalt gegen Frauen, halt irgendwie so, du, nicht?“

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  18. Du, das macht mich echt betroffen du, wie schön, daß du das selbst auch so siehst. Weißt du, wir haben ja auch echt an uns arbeiten müssen. Und nur so wird echte Partnerschaftlichkeit möglich, von gleich zu gleich, ganz offen und frei, du, nicht?
    (Sag mal, Karl-Heinz, ist das nicht der mit den breiten Schultern und dem coolen Gang, der immer so niedlich „Süße“ zu allen Mädels sagt. Ach, was gäb ich drum, wenn der mir mal auf den Hintern hauen würde! *kicher* Kannste mal unauffällig rauskriegen, was der so gerne ißt, vielleicht kann ich dem mal was kochen, hm, du, was meinst du denn?)

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  19. Ja, du, toll. Darf ich dir ein Tofuvollkornbrötchen schmieren?

    (nee, den verwechselst du mit Kalle, dem Tennislehrer, der kommt nicht mehr, der hat jetzt total wichtige Termine mit den Frauen aus der Selbstfindungsgruppe, alles Einzeltermine, finde ich ja hochanständig von ihm, daß er sich bereit erklärt hat, denen zu helfen.)

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  20. Nee, du, ich schmiere mein Tofubrötchen immer selber, halt voll emanzipiert, weißt du. Außerdem finde ich es irgendwo echt nicht gut, daß die ganzen armen Sojapflanzen für Tofu so ausgebeutet werden, du. Ich esse das schon seit Jahren nicht mehr.

    (Ach so, der ist das. Stimmt, der hat neulich noch gesagt, daß er sich so schuldig fühlt, daß er ein Dreibein ist, daß er dafür Frauen bei der Muttermundselbstuntersuchung mit helfender Hand zur Seite stehen will. Fanden wir alle sehr knuffig von Kalle. Du siehst, es tut sich was!)

    (PS: Und glaub bloß nicht die Stories von Uschi, die behauptet hat, daß Kalle sie auf dem Frauenklo von der Teestube vergewaltigen wollte. Die denkt sich so was nur aus, du weißt ja, wie Weiber so sind.)

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  21. Jarr, ich find auch, dass sich die Zustände bei Amazon in den letzten Jahren deutlich verschlechtert haben. Auf Amazon-Marketplace verkaufe ich mittlerweile nichts mehr. Die Zahl meiner Einkäufe (vor allem bei Büchern) ist auch runtergegangen, aber bei DVDs und CDs halte ich nach wie vor an Amazon fest, weil die Ladenpreise in der Innenstadt (im Schnitt) deutlich höher sind :/

    War vorhin bei 2001. Gab 20% Rabatt auf alles wegen „Inhaberwechsel“. Hab mich nicht getraut zu fragen, ob der Laden weiter Bestand haben wird.

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  22. Ich bin in dieser Hinsicht ein gebranntes Kind. In den frühen 70ern gab es im dtv Taschenbuch-Verlag den Artemis-Goethe als Taschenbuchausgabe.42 Bände einzeln zu kaufen, je nach Umfang 2,80Dm, 3,80DM, 4,80 DM. Der arme Schüler der ich damals war kaufte sich vom Taschengeld die Hälfte der Ausgabe. Dann wurde sie von dtv eingestellt. Nach dem ersten Zorn fragte ich mich dann aber: Hättest du jemals im Leben Lust und Zeit gehabt Goethes Farbenlehre zu lesen? Von da ab war ich ein Fan von reclam-Einzelausgaben.
    Meine letzten Käufe bei 2001: Laurel Canyon = Geschichtliches über die Pop-Musik in Kalifornien und „Das Buch vom LSD“ des tragisch ums Leben gekommenen Günter Amendt –
    beides lesenswerte Bücher – falls noch erhältlich.

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  23. Danke für die Tipps.

    Ich war vor zwei Tagen drin: Sämtliche Erzählungen von Philip K. Dick in 5 Bänden lachten mich an – aber würde ich die wirklich lesen? Quatsch, ich habe mich zurückgehalten.

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  24. Philip K. Dick war mir bisher kein Begriff. Muss mal schauen ob es Kurzgeschichten gibt.
    Nach Lektüre des wikipedia-Eintrages erscheinen mir 5 Bände jedoch als gefährlich starke Dosis ;).

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  25. Ja, schade, finde ich auch. Wie ich inzwischen gelesen habe, würde 2001 die Läden gern als Franchise-Unternehmen weiterführen, also ohne eigenes unternehmerisches Risiko. Vielleicht findet sich ja jemand, im Laden hier war immer gut was los, wenn ich da war.

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