Berlin, Berlin (7): Potsdamer Platz/Schöneberger Südgelände

Schönes Haus, originelles Kunstwerk – das muß doch eine schöne Gegend sein, könnte man denken.

Weit gefehlt. Das Haus und …

… das Schild sind das einzig Alte, was es hier gibt.

Am Potsdamer Platz spielt der Einzelne keine Rolle mehr, das menschliche Maß ist reduziert auf die Rolle des Konsumenten.

Ein Spielplatz vor den neuzeitlichen Kathedralen des Kapitals – fünf Metallröhren, das reicht ja wohl, hier hält sich eh niemand lange auf. Was haben die Arschitekten (sic!) sich nur dabei gedacht? Ich weiß es: Gar nichts. Denken ist ein Vorgang, der Mühe macht und nichts einbringt außer Sorgen, also, wozu sich damit belasten?

Stadt der Gegensätze: Immer noch mitten in der Stadt, gar nicht weit vom alten Flughafen Tempelhof (direkt an der S-Bahnhaltestelle Priesterstr.) befindet sich der „Naturpark Schöneberger Südgelände“. „Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis“, steht da auf der Mauer, und der Beweis wird offenbar, sobald man das Gelände betritt:

Bevor man einen weitläufigen Birkenwald betritt, kann man einen kleinen Skulpturengarten besuchen.

Dann führen lange Stege durch das Gelände. Im Sommer ist es bestimmt noch schöner.

Überall liegen überwilderte Gleise und führen ins Nichts. Früher sah es hier so aus:

Hier war der Rangierbahnhof von Tempelhof, der bis 1952 stillgelegt wurde. Dann kümmerte sich lange niemand um das Gebiet – die Natur ausgenommen.

Bereits 1980 bildete sich eine Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt einsetzte, und seit 1999 ist der Park Landschafts- und Naturschutzgebiet.

Ein kleines Café gibt es auch, das hatte aber schon geschlossen, als wir da waren.

Im nächsten Berlin-Sommer bin ich wieder hier – garantiert.

Fortsetzung folgt.

Berlin, Berlin (6): Prenzlauer Berg/Kreuzberg

Der Ortsteil Prenzlauer Berg ist das größte erhaltene Gründerzeitgebiet Deutschlands, die relativ einheitliche Bebauung stammt aus der Zeit zwischen 1870 und 1914. Ähnlich wie bei Quedlinburg verdanken wir seinen Erhalt einem Mangel: Wenn es nach dem Willen der DDR-Stadtplaner gegangen wäre, hätte man hier alles platt gemacht, um Plattenbauten hochzuziehen. Allein, es fehlte das Geld. Also verschob man alle Pläne auf später und ließ die Häuser verkommen, was die Bewohner aber nicht daran hinderte, trotzdem das beste daraus zu machen (in den Kommentaren zu meinem letzten Eintrag gibt es ein paar Augenzeugenberichte).

Das Café „Kapitalist (ein scheues Reh)“ ist eines der wenigen Beispiele für eine unverputzte Fassade, seit der Wende Anfang der 90er Jahre hat man alles fix instandgesetzt und saniert, was nicht nur zu einer Verbesserung der Wohnsituation führte, sondern natürlich auch zu einem Anstieg der Mieten, ein Prozeß, der bis heute anhält.

Seit der Wende hat sich über 80% der Bevölkerung ausgetauscht: Ursprünglich ein Arbeiterviertel, gegen Ende der DDR ein bevorzugte Gegend von Künstlern und Intellektuellen, wurde es nach der Wende zu einem Szene-Kiez, Clubs und „wilde“ Kneipen (also ohne Konzession) entstanden, und im Sommer wurden auf den Hinterhöfen Lagerfeuer entzündet. Ein wenig erinnerte die Stimmung an die 68er Zeit. Heute wohnen hier überdurchschnittlich viele Akademiker im komfortabel sanierten Altbau, die ihre Ruhe haben und gut leben wollen und kein Problem damit haben, ein dickes Auto zu fahren und gleichzeitig in der Second-hand-Boutique nachzuschauen, was es Neues gibt.

Volksnah will man natürlich auf eine alte Berliner Spezialität nicht verzichten, aber nur wenn sie gut inszeniert ist.

150.000 Einwohner hat dieser vergleichsweise kleine Ortsteil, da wäre es natürlich Blödsinn zu behaupten, hier sei alles Schickimicki. Die „gehobene“ Lebensweise konzentriert sich auf ein paar Ecken, z.B. auf den zugegeben sehr schönen Kollwitzplatz …

… an dem gerade der Wochenmarkt stattfand, als wir da waren – wie zur Bestätigung des Klischees alles öko, mit veganen Imbissen, fair gehandelte Produkten und einem Protestsänger aus Lateinamerika, zu dessen melancholischen Weisen man einen transfairen Espresso von einem italienischen Barrista trinken konnte. Natürlich kostet das dann auch etwas mehr, für eine kleine Ökobratwurst mußte ich 3,20 Euro bezahlen, konnte dafür aber unter zehn verschiedenen Senfsorten auswählen.
Seit Januar dieses Jahres besteht für Teile von Prenzlauer Berg „Milieuschutz“, es hat sich nämlich herausgestellt, daß immer mehr Wohnungen luxussaniert werden: Mehrere kleine Wohnungen werden zusammengelegt und Kamine und Zweitbadezimmer eingebaut, eine Ende der Mietsteigerung ist nicht abzusehen. Das wird nun vom Bezirk unterbunden, aber ob es langfristig wirkt?

Die Namensgeberin des Platzes, die Künstlerin Käthe Kollwitz, die über 50 Jahre hier gelebt hat.

In der Mitte befindet sich immer noch ein Spielplatz, da geht schon mal was verloren.

Ich befürchte ja, Enok hat sich auch eine Sonnenbrille besorgt und geht mit seinem Kumpel Pu einen saufen – eine erste Lektion für den kleinen Lev: Die Untreue von Kuscheltieren. Hart.

Die Gentrifizierung, die sich hier vollzogen hat und immer noch vollzieht, gibt es auch in anderen Berliner Stadtgebieten. In dieser Kreuzberger Kneipe haben meine Freunde und ich über die Jahre unzählige Stunden verbracht. Seit diesem Jahr hat der alte Pächter aufgegeben. Es gibt nun nur noch eine Sorte Bier, ausschließlich in kleinen Gläsern, und das schmeckt auch noch schal. An der Theke stand ein Pulk von jungen Leuten, offensichtlich Bekannte der neuen Betreiber, und lärmten in der häufig anzutreffenden Sozialinkompetenz, daß man kaum sein eigenes Wort verstand. Schade. Dabei gibt es in dem kurzen Straßenabschnitt neuerdings noch zwei weitere Läden für die gleichen Besucher.

Ea ist noch nicht lange her, daß diese kleine Markthalle in der Nähe der Skalitzer Str. fest in türkischer Hand war. Nun geht es eher edel zu, vegane Speisen, Buchweizencrèpe und handgemachte Chutneys werden angeboten – nicht das ich etwas dagegen hätte, aber ganz billig ist das alles nicht.

Und auch hier: Entmietung, Zwangsräumung, Luxussanierung, leider oft von den Gerichten erlaubt, und verkauft an Leute, die es sich leisten können. Viele Leute wollen das originale Berliner Kiez-Flair genießen, dabei aber auf die Annehmlichkeiten eines gehobenen Wohnkomforts nicht verzichten, sorgen also selbst dafür, daß das verschwindet, weswegen sie hergezogen sind, denn das Flair, das sind die Menschen, die hier wohn(t)en.

Berlin, Berlin (4): Olympiastadion

Nicht viel los hier, von 74.244 Sitzen gerade zwei besetzt.

Ah – dahinten sitzen auch noch zwei – schade, daß sie nichts Rotes tragen.

Wenn man sich dem Olympiastadion nähert, sieht es gar nicht so groß aus. Die Nazis haben es in den 30er Jahren für die Olympischen Spiele 1936 bauen lassen. Auch vorher war hier schon ein Olympiastadion, gebaut für die Spiele von 1916, die dann aber aus bekannten Gründen ausfielen. Nachdem Deutschland die Austragung 1931 erneut zugesprochen wurde, wollte man erst nur das alte Stadion herausputzen, aber Hitler entschied sich für einen Neubau.

Es gibt keine spezifisch nationalsozialistische Architektur, allerdings gibt es architektonische Formen und Bauelemente, deren die Nazis sich besonders gern bedienten: Klare Linien, geometrische Grundformen, weite Bögen, hochdimensionierte Bauten und ein Material, das wie aus Stein gehauen erscheint, soll eine Verbindung schaffen zu einer Jahrtausende überspannende Kultur, der griechischen Klassik, in deren Tradition sich die Nazis sehen wollten.

Das „edle“ Selbstbild der Rassenfanatiker, erschaffen von den Bildhauern Karl Albiker und Arno Breker. Haben Hitler, Goebbels und Co. sich eigentlich nie im Spiegel angesehen?

Wie gesagt: Mauern, so alt und so stark wie Felsen, diese Anmutung sollte das Gebäude haben. Tatsächlich verraten die Fugen, daß es nur Fassadenplatten sind, die ein Gerüst bedecken.

Aber wenn man nicht so genau hinsieht, kann man sich dem Eindruck antiker Formenstrenge überlassen.

So sah das Stadion 1936 aus …

… und so heute. Man kann gut sehen, wie tief der Kessel in die Erde gegraben wurde.

Vier Stockwerke wurden hier unterirdisch eingerichtet, und auch die Zufahrt, über die Hitler die Räume und seine Tribüne erreichte, war unterirdisch. Heute befinden sich hier Umkleideräume, eine Aufwärmhalle und VIP-Lounges.

Das Dach ist neu. Vor der Fußball-WM 2006 wurde das Stadion aufwendig saniert, Kosten: 242 Millionen Euro, nur wenig mehr, als Herr Hoeneß auf seinem Schweizer Konto gehabt hat. Leider hat der das nicht bezahlt, sondern wir alle, ob wir uns für Brot und Spiele interessieren oder nicht.

Westlich des Stadionovals erstreckt sich das sogenannte Maifeld. Vorher war hier eine Rennbahn. Hitler ließ den Pächter kurzerhand enteignen, um Platz zu haben für Aufmärsche und Kundgebungen – bis zu eine halbe Million Menschen können sich gleichzeitig hier aufhalten, wahrend er am Turm steht und seine menschenverachtenden Reden schwingt, so stellte er sich das wohl vor.

Geradezu gespenstisch der S-Bahnhof, von dem außerhalb der Veranstaltungen nur zwei Gleise benutzt werden.
Insgesamt eindrucksvoll, ein Besuch lohnt sich, auch wenn der Eintritt 7 Euro beträgt.

Berlin, Berlin (3): Tuschkastensiedlung

Die Tuschkastensiedlung heißt offiziell „Gartenstadt Falkenberg“, wird aber wegen ihrer bunten Häuser so genannt. Heutzutage werden ja viele Häuser ohne Ansehen der Umgebung in allen nur erdenkbaren Farben angemalt, damals allerdings, in den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, war das ein kleiner Skandal.

Die Gartenstadt gehört zu den ersten Beispielen eines sozialen Wohnungsbaus in Berlin: Man wollte die Arbeiter herausholen aus den engen, unwürdigen Mietskasernen und Hinterhofwohnungen der Stadt und ihnen ein preiswertes Wohnen mit viel Natur in Stadtrandlage bieten.

Natur, damit waren große Gärten gemeint, die die Anwohner selbst bewirtschaften konnten.

Natürlich durften die Häuser auch in ihrer Herstellung keine hohen Kosten verursachen. So entstand eine Architektur, die man heute das „Neue Bauen“ nennt: Schlichte, funktionale Gebäude, kaum Verzierungen oder anderer Schnickschnack, das Wohnen steht im Vordergrund, nicht das Repräsentieren, wie es bei den Gründerzeitbauten noch der Fall war. Hier sieht man sehr schön Reihenhauselemente, die man sich in England agbgeguckt hat, glücklicherweise nicht in der Monotonie, wie man sie dann später baute.

Gerade, weil die Bauweise aus Kostengründen eine gewisse Uniformität aufwies, war es den Gründern umso wichtiger, Möglichkeiten der Individualisierung zu schaffen, z.B. durch die Farbgebung.

Zusammen mit fünf anderen Vierteln in Berlin, die dem Programm des „Neuen Bauens“ (ca. 1910 bis 1930er Jahre) folgten, steht die Tuschkastensiedlung heute auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes.

Und so sieht die „Schöne neue Welt“ der Neuen Gartenstadt Falkenberg aus.

Durchaus in der Tradition des Neuen Bauens, also sachlich und schlicht, hat man hier (bislang) auf Individuelles verzichtet.

Wie ich finde, ein schönes Beispiel dafür, wie man aus einer ursprünglich guten Idee etwas macht, um größtmöglichen ökonomischen Nutzen daraus zu ziehen, hier allerdings schon wieder in der abgeschwächten Form. Wir alle kennen ja die Beispiele des angeblich „sozialen Wohnungsbaus“, Gropiusstadt in Berlin oder Chorweiler in Köln – Brutstätten sozialer Verelendung. Im neuen Falkenberg versucht man gegenzusteuern: Zwischen 11 und 12 Euro soll man pro m² zahlen, wenn man hier zur Miete wohnen will. Das zahlt wohl keine Arbeitsagentur.

Berlin, Berlin (2): Dies & das (2)

Seit über 20 Jahren fahre ich nun im Winter nach Berlin, so warm wie in diesem Jahr war es noch nie. Sehr angenehm, ich erinnere mich an Zeiten, wo ich vom Kachelofen kaum wegzukriegen war, wenn ich meine Freund besuchte.

Auf den Schneemann möchte man natürlich trotzdem nicht verzichten. Muß man ja auch nicht.

„Möchten Sie vielleicht ein paar K.O.-Tropfen?“
„Wieso?“
„Ich weiß noch nicht genau, vielleicht raube ich Sie aus oder mach‘ noch schlimmere Sachen mit Ihnen, aber keine Sorge, Sie merken nichts davon.“
Was sagt man in Berlin darauf?
„Nein danke.“
Das nenne ich ausgesuchte Höflichkeit.

Ein weiteres Geheimnis ist gelüftet: In Berlin werden die Abfallkörbe nicht geleert, sondern ausgetauscht. Ob das effizient ist? Spart auf jeden Fall Plastikmüllbeutel.

Wenn es die Berliner Mauer nicht gegeben hätte, müßte man sie erfinden, ein ganzer Zweig der Tourismusindustrie lebt davon.

Zum Beispiel auch diese Soldatendarsteller am ehemaligen Checkpoint Charlie. Wer sich mit ihnen fotografieren lassen will, soll ein paar Euro zahlen, und gegen noch ein paar Euro mehr gibt es sogar einen Passierschein mit frischen „echten“ Stempeln (die man günstig im Internet kaufen kann). Die Darsteller in Uniform haben sich einfach eingefunden und werden zumindest hier, in Kreuzberg/Friedrichshain, geduldet. Im Bezirk Mitte, in dem der Potsdamer Platz und das Brandenburger Tor liegen, sieht man das anders: An besonders geschichtsträchtigen Orten sei Gewerbe verboten, daher hat man bereits gegen mehrere Darsteller Ermittlungen eingeleitet, ihnen die Uniformen und die falschen Visa samt Stempel abgenommen. Die interessiert das nicht, bereits am nächsten Tag stehen sie in neuer Ausstattung am Platz. Das Bezirksamt spricht von organisierten Gruppen, die Reviere unter sich aufteilen, und schätzt den täglichen Gewinn auf 3.500 Euro. Kann es sein, daß da jemand neidisch ist? Die Touristen jedenfalls sind begeistert.
Die Bude am Checkpoint Charlie ist übrigens auch eine Nachahmung, selbst die Sandsäcke sind mit festem Beton gefüllt.

So geht es auch: Während in Köln schon mal Rollstuhlfahrer auf dem Bahnsteig sitzen gelassen werden, verläßt in Berlin der Busfahrer sogar seinen Führerstand, klappt per Hand eine Rampe aus und hilft den Rollstuhlfahrern ins Gefährt. Vorbildlich!

Dieses Schild ist eine Ausnahme, aber nicht, weil überall woanders nicht geraucht wird – in den Kneipen, in denen ich war, wird gequarzt wie eh und je, als hätte es nie ein Rauchverbot gegeben.

Wie in diesem Haus wohl die Inneneinrichtung aussieht? In so eine Ecke paßt doch kein Schrank. Staubsaugen wird auch schwierig.

In einem der Gebäude am Potsdamer Platz befindet sich das Filmmuseum, in das wir gern gehen, zur Zeit läuft aber keine interessante Ausstellung. Macht nichts, gehen wir halt ins Café „Billy Wilder“.

Hier gibt es einen sagenhaft guten Apfelstrudel: Süß und säuerlich hält sich die Waage, die dicke Vanillesoße paßt perfekt.

Im Jahr 2002 veröffentlichte die linke Tageszeitung „taz“ eine Satire, in der behauptet wurde, der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung Kai Diekmann habe eine mißglückte Penisverlängerung durchführen lassen – der Hintergrund war der, daß gerade die „Bild“ keinerlei Respekt vor den Intimitäten anderer hat. Kai Diekmann entblödete sich nicht, eine Gerichtsverfahren mit einer Entschädigungsforderung von 30.000 Euro anzustrengen (ob er vor Gericht zum Beweis die Hosen herunterließ, ist nicht bekannt). Die Klage wurde abgelehnt, die taz jedoch dazu „verurteilt“, die Satire aus dem Archiv zu nehmen. Sieben Jahre später brachte ein für seine deftige Kunst bekannter Künstler dieses Relief am Verlagshaus der taz an – was sowohl unter den Mitarbeitern als auch den Lesern der Zeitung nicht unumstritten war. Der Penis erstreckt sich über fünf Stockwerke. Tja, was sollen wir davon halten? Männliche Genitalscherze sind nur mäßig lustig, besonders, wenn man eine bestimmte jugendliche Entwicklungsphase bereits hinter sich hat. Aber manche sind ja der Meinung oder machen die Erfahrung, daß Männer eher in hohem Alter das Leben verlassen als die Pubertät.
Über die Geschichte gibt es sogar einen eigenen Wikipediaartikel.

Zum Schluß dieses Allerleis noch ein Tipp für die, die wie wir immer mit einem sicheren Zeitpuffer zum Bahnhof fahren: Am Hauptbahnhof kann man nur im Gewühl frühstücken, kaum ein abgeschlossener Raum, in dem man in Ruhe sitzen kann. Deswegen sollte man immer im Ostbahnhof losfahren, da gibt es wenigstens diese Systemgastronomie, deren Qualität zwar auch jeder Beschreibung spottet, aber immerhin ist jeder zweite Kaffee trinkbar (der erste ging lauwarm zurück), und die Brötchen sind frisch.

Fortsetzung folgt.

Berlin, Berlin (1): Dies & das (1)

Eine Woche in Berlin, und schon sind 1.400 Fotos gekni gemacht – die müßt ihr euch nun alle ansehen, oh je! Wo fange ich bloß an? Am besten mit Allerlei:

Der Bär ist nicht metaphorisch gemeint – könnte man ja denken: Das verrückte, weil auf dem Kopf stehende Berlin; wenn man ordentlich drückt, wird’s süß (wofür das eine Metapher sein soll? – keine Ahnung) usw. Aber nein, das Bild ist eine Warnung: Kauft sowas nicht, man drückt an dieser Flasche herum, es kommt aber kaum Honig heraus, der Kopf ist so hart, der läßt sich überhaupt nicht eindrücken.

Und überhaupt: Diese Bären. Versteh ich ja, Bärlin – Bär, da freut man sich, so ein Kuscheltier an die Touristen verhökern zu können, als Schlüsselanhänger, Abziehbild oder eben Honigflasche. Aber wieso diese riesigen häßlich-kitschigen Bären schon seit Jahren die Stadt verunstalten, frage ich mich jedes Jahr aufs Neue. Hier besonders „schön“ im Verein mit zwei anderen Skulpturen.

Da winkt einer aus dem ehemaligen Ostteil in den Westen hinüber, als wolle er sagen: Schaut nur, wir, die westliche Kultur mit all ihrem überflüssigen Plastikschund, haben gesiegt, ha!

Hier in der Niederkirchner Str., wo dieser Mauerrest steht, ist nicht nur der Gropius-Bau mit seinen wechselnden Ausstellungen, sondern auch in einem eigens errichteten Gebäude die Dauerausstellung „Topographie des Terrors“, in der es aber nicht um die Mauer geht, sondern um die Zeit vor 1945: In diesem Viertel waren die Hauptbüros der SS, Gestapo, SD und Luftwaffe usw. der Nazis ansässig. Die Ausstellung ist überschaubar und sehr informativ. Das Grauen wird nicht mit grauenhaften Fotos von Leichenbergen erzeugt, sondern durch die innere Logik der Befehle der Nazigrößen, jenseits aller Moral und Menschlichkeit. Wirklich gut gemacht, ein Besuch lohnt sich.

Die 173 U- und 133 S-Bahnhöfe sind allein schon Grund genug, die Stadt zu besuchen. Man sollte über die schönsten mal einen Bildband herausgeben. Oder gibt es den schon?

Wir sind natürlich auch viel herumglaufen, mit leichtem Gepäck. Solche Koffer wären heute aber nicht mehr angesagt, ohne quietschende oder rappelnde Rollen an der Samsonite-Imitation kommt heute kaum noch ein Reisender aus. Die Schuhe erinnern mich an einen Koffer namens „Truhe“ aus den Scheibenweltromanen von Terry Pratchett, der hatte Füße und konnte selbst laufen. Vielleicht sind das hier ja auch so welche?

Wer viel läuft – wir waren übrigens auch am Reichstagsgebäude, wie man sieht – bekommt schnell Hunger …

… nein, natürlich nicht auf eine schnelle Wurst im Stehen (das letzte Mal, als ich auf den Preis geachtet habe, kostete das Würstchen noch 1 Euro) …

… sondern – wir sind ja auch schon etwas älter – auf eine Apfelkuchen-Création im Glas. Tatsächlich sieht das schöner aus, als es geschmeckt hat, der Kuchen war hauptsächlich süß und hatte wenig Apfel, aber okay, man sitzt ganz nett im bürgerlich-gediegenen Café/Restaurant Ursprung im Kulturkaufhaus Dussmann in der Friedrichstr.

Hier hängt nicht nur ein Garten vertikal an der Wand, auch die Speisen sollen bio sein. Aber ganz billig ist es nicht. Im Kulturkaufhaus gibt es übrigens auf mehreren Ebenen Bücher, Filme und CDs zu kaufen, besonders interessant ist die große Klassikmusikabteilung, wo man in die CDs auch reinhören kann. Allerdings sollte man viel Zeit mitbringen.

Frisch gestärkt machen wir uns wieder auf den Weg und entdecken merkwürdige Erscheinungen der modernen Zeit …

… wie zum Beispiel die Behauptung, daß man ohne Schmerz dumm bleibt, und wer das nicht will, soll sich tätowieren lassen, eine nur logische Schlußfolgerung. Ich glaube den Betreibern ihre Erfahrung durchaus, daß alle untätowierten Leute, die in ihren Laden kommen, nicht die Schlauesten sind. Daß sie aber nach der Behandlung klüger wieder hinausgehen … Funktioniert das auch, wenn man sich mit dem Hammer auf den Daumen haut? Oder den Kopf gegen die Wand? Dabei bleiben einem ja wenigstens die Tattoos erspart.

Pünktlich zum Weltfrauentag hat man sich beim „Kaiser’s“ am Kottbusser Tor gedacht: Es wächst zusammen, was zusammen gehört. Da hat frau nicht so weite Wege, wenn sie das besorgen muß, was Frauen von heute (und gestern) so alles brauchen.

Seh‘ ich auch so: Wenn es Bier gibt, gibt es keinen Grund zur Trauer. Selbst bunte Vögel sind hier willkommen.

Fortsetzung folgt.

Karnevalspause

Die Karnevalsgesellschaften von Köln, Düsseldorf und Bonn haben sich zusammengetan und einen Antrag auf die Aufnahme in die Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes der Menschheit gestellt. Schunkeln, gröhlen, blöde Witze reißen, saufen und exkrementieren, wo man gerade geht und steht, soll nun auf eine Stufe gestellt werden mit z.B. der Bedeutung der mediterranen Küche oder der chinesischen Kalligraphie. Ja, auch deutsche Kultur soll zu ihrem Recht kommen. Ich verzichte lieber darauf und bin bis Ende nächster Woche in Berlin.

Übrigens: Auch der „Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks e.V.“ hat einen Antrag gestellt, wegen der weltweit einzigartigen Brotkultur Deutschlands. Von den 480 Bäckereien, die es vor 20 Jahren noch in Köln gab, bieten allerdings gerade noch 105 täglich ihre Brötchen an. Stattdessen haben die Bäckereiketten stark zugenommen, die die Backwaren zum Teil in Polen industriell herstellen, also z.B. Brötchen, die halb gar schockgefrostet und in den Filialen fertig aufgeblasen gebacken werden. In kaum einem deutschen Lebensmittel findet man so viel Zusatzstoffe, die nicht deklariert werden müssen. Na dann, Prost Mahlzeit.

Dabei ist es so einfach, gutes und gesundes Brot selbst zu backen. Man nehme:
1 Kilo Dinkelvollkornmehl (wer nicht selbst mahlen kann, nimmt die Bioqualität von Allnatura, gibt’s bei dm), 1 Würfel frische Hefe, mit ein bißchen Zucker in wenig warmem Wasser aufgelöst, eine 0,5l-Flasche (alkoholfreies) zimmerwarmes Weizenbier, 2 Eßlöffel (Walnuß-)Öl, 3 Teelöffel Salz, 2-3 Teelöffel gemahlenen Kümmel, 150 g Sonnenblumenkerne. Gut durchkneten und 1 Stunde in der Schüssel gehen lassen. Dann 100 g Walnüsse dazu (bitte ohne Schale, ich übernehme keine Verantwortung), nochmal ordentlich durchkneten, in die gefettete Backform geben, nochmal 20 Minuten gehen lassen, während der Backofen auf 200 Grad aufheizt, dann für 40 Minuten backen. Voilà – schon fertig, ein echter Kandidat fürs Weltkulturerbe. Zur Sicherheit klopft man auf den Boden des Brotes, wenn es hohl klingt, ist es garantiert gut. Ich lasse das Brot nach dem Auskühlen einen Tag in einer Plastiktüte ruhen, schneide es dann komplett auf und friere die Scheiben ein. Wem das zu mühsam ist, kann auch von allen Zutaten die Hälfte nehmen. Guten Appetit!

Leverkusener Brücke, Abb. ähnlich

„Abb. ähnlich“ liest man ja manchmal in Werbeblättern unter einem Produkt, das in Wirklichkeit nicht genau so aussieht wie gezeigt. Das Foto oben ist gar nicht die Leverkusener Brücke, sondern die Zoobrücke, um die es hier aber gar nicht geht.

Die Leverkusener Brücke ist weiter im Norden und verbindet nicht nur Leverkusen mit Köln, sondern den Nordosten Europas mit dem Westen – alle Autos und Laster, die aus Polen, Skandinavien oder Varel (Jadebusen) nach Belgien, Frankreich, Spanien oder durch den Tunnel nach England wollen, überqueren auf der A1 diese Brücke. Und da man in Deutschland Kfz- und Benzinsteuern nicht für den Straßenverkehr einsetzt, sondern für Diätenerhöhungen und andere wichtige Sachen, werden die Straßen und Brücken nicht ausreichend gewartet, und irgendwann hat man dann den Salat. Während man bei fehlerhaftem Straßenbelag noch sagen kann, daß die Fahrzeughalter ihre Fahrweise eben entsprechend anpassen müssen, sieht das bei Brücken schon anders aus, die müssen in Ordnung sein, sonst geht gar nichts mehr. Also hat man beschlossen, eine neue Leverkusener Brücke zu bauen, aber vor 2023 frühestens wird die nicht fertig sein. Was tun angesichts eines maroden Bauwerks, das unbedingt gebraucht wird? Man stellt Schilder auf mit Geschwindigkeitsreduzierung, 60 km/h darf man hier in beiden Richtungen nur noch fahren.

Nun hat man festgestellt, daß sich kaum jemand an die Reduzierung hält – ein Grund ist ja auch nicht ersichtlich, keine Baustelle, keine Fahrbahnverengung, stattdessen frei Bahn, warum soll man da langsam fahren? Das brachte die beiden Stadtverwaltungen auf einen guten Plan: Wir stellen Blitzgeräte auf, sogenannte Starenkästen, zwei in jeder Richtung, aber nicht, wie man meinen könnte, um die Geschwindigkeit zu reduzieren, sondern um den Stadtetat zu bereichern. In Köln erhofft man sich 640.000 Verstöße im Jahr allein auf den drei Fahrspuren Richtung Osten, das bringt zusätzliche Einnahmen von 12,7 Millionen Euro. Die Prognose für Leverkusen, das für die Fahrspuren in die andere Richtung abkassieren darf, ist nicht ganz so gut, aber auch dort reibt man sich die Hände, ca. 500.000 erwartete Verstöße bringen auch hier gutes Geld. Nun laufen die Starenkästen seit knapp zwei Wochen, und was ist: Die Autofahrer fahren tatsächlich langsamer. Mist! Lange Gesichter in den Verwaltungen. Wegen der ausbleibenden Einnahmen erwägt man in Leverkusen – kein Witz – Schadenersatzforderungen an die Kölner Regierungspräsidentin zu stellen, die die ganze Sache ins Rollen gebracht hat. Dabei hat die doch wirklich keine Schuld daran, daß die uneinsichtigen Autofahrer sich der Planung so entgegenstellen und sich einfach weigern zu rasen.

Die Idee ist doch aber noch ausbaufähig: Man könnte z.B. in der Stadt bei Einbahnstraßen in unregelmäßigen Abständen die Fahrtrichtung ändern, das bringt Bußgelder ohne Ende. Oder Sackgassen zu Einbahnstraßen deklarieren – wer da wieder raus will, begeht automatisch eine Ordnungswidrigkeit.

In diesem Sinne findig war auch der Leiter des Ordungsamtes: Im Stadtteil Nippes gibt es seit ein paar Jahren eine autofreie Siedlung. Besonders die Bewohner finden das gut. Nun muß aber ein Ehepaar hoch in den 70ern in ein Seniorenheim umziehen, weil sie es allein nicht mehr schaffen. Die Ausnahmebewilligung für den Umzugswagen beträgt genau 1 Stunde. Auf Nachfrage, wie das denn gehen soll, sagte der Amtsleiter wörtlich: „Das sind halt die Nachteile, wenn man unbedingt in einer autofreien Siedlung leben möchte.“ Mit anderen Worten: Ätsch, selbst Schuld, ihr blöden Ökos. Ich vermute ja, der spekuliert auf Bußgeld, entweder für die Überschreitung der Frist, oder für zurückgelassenen Hausrat, oder für das ungenehmigte Abfackeln von Möbeln, die man wegen der Frist nicht mehr transportieren kann.

PS: Wahrscheinlich aufgrund der Berichterstattung wurde die Frist auf drei Stunden verlängert. Wie großzügig.

Konrad-Adenauer-Ufer

Dieser Turm wird noch heute im Volksmund „Weckschnapp“ genannt, die Bezeichnung basiert auf einer alten Sage: Im Turm befand sich eine Gefängniszelle für zum Tode Verurteilte. Die Gefangenen bekamen nichts zu essen, stattdessen wurde ein Weck, also ein kleines Brot, unter die Decke gehängt. Wenn der hungrige Insasse nun hochsprang, um sich den Weck zu schnappen, landete er unweigerlich auf einer Falltür, die in einen Schacht mündete, der mit Messern bestückt war. Der Delinquent fiel praktischerweise zerkleinert in den Rhein und nährte die Fische. Nur einmal soll einem Gefangenen die Flucht gelungen sein: Er war so dünn, daß er unverletzt durch die Messer hindurchfiel.


Stich: Arnold Mercator

Tatsächlich hatte das Türmchen nie eine Öffnung zum Rhein. Man nimmt an, daß der Inhalt der Sage sich von einem anderen Gebäude der Kunibertstorburg „verschoben“ hat, da das Türmchen als einziges Gebäude der Wehranlage erhalten ist. Die Weckschnappsage bezog sich ursprünglich vermutlich auf den im Bild oberhalb des Türmchens gelegenen Kunibertsturm, der Teil der mittelalterlichen Stadtmauer war und einen Ausleger zum Rhein hatte, eine sogenannte Ark. Im Turm fanden „peinliche“ Verhöre statt, also Befragungen unter Pein, eine Methode, der sich besonders gern u.a. die katholische Kirche bediente. Und die Angst vor diesen Folterungen beflügelte die Fantasie der Bürger. So entstand die Weckschnappsage.