Berlin, Berlin (6): Prenzlauer Berg/Kreuzberg

Der Ortsteil Prenzlauer Berg ist das größte erhaltene Gründerzeitgebiet Deutschlands, die relativ einheitliche Bebauung stammt aus der Zeit zwischen 1870 und 1914. Ähnlich wie bei Quedlinburg verdanken wir seinen Erhalt einem Mangel: Wenn es nach dem Willen der DDR-Stadtplaner gegangen wäre, hätte man hier alles platt gemacht, um Plattenbauten hochzuziehen. Allein, es fehlte das Geld. Also verschob man alle Pläne auf später und ließ die Häuser verkommen, was die Bewohner aber nicht daran hinderte, trotzdem das beste daraus zu machen (in den Kommentaren zu meinem letzten Eintrag gibt es ein paar Augenzeugenberichte).

Das Café „Kapitalist (ein scheues Reh)“ ist eines der wenigen Beispiele für eine unverputzte Fassade, seit der Wende Anfang der 90er Jahre hat man alles fix instandgesetzt und saniert, was nicht nur zu einer Verbesserung der Wohnsituation führte, sondern natürlich auch zu einem Anstieg der Mieten, ein Prozeß, der bis heute anhält.

Seit der Wende hat sich über 80% der Bevölkerung ausgetauscht: Ursprünglich ein Arbeiterviertel, gegen Ende der DDR ein bevorzugte Gegend von Künstlern und Intellektuellen, wurde es nach der Wende zu einem Szene-Kiez, Clubs und „wilde“ Kneipen (also ohne Konzession) entstanden, und im Sommer wurden auf den Hinterhöfen Lagerfeuer entzündet. Ein wenig erinnerte die Stimmung an die 68er Zeit. Heute wohnen hier überdurchschnittlich viele Akademiker im komfortabel sanierten Altbau, die ihre Ruhe haben und gut leben wollen und kein Problem damit haben, ein dickes Auto zu fahren und gleichzeitig in der Second-hand-Boutique nachzuschauen, was es Neues gibt.

Volksnah will man natürlich auf eine alte Berliner Spezialität nicht verzichten, aber nur wenn sie gut inszeniert ist.

150.000 Einwohner hat dieser vergleichsweise kleine Ortsteil, da wäre es natürlich Blödsinn zu behaupten, hier sei alles Schickimicki. Die „gehobene“ Lebensweise konzentriert sich auf ein paar Ecken, z.B. auf den zugegeben sehr schönen Kollwitzplatz …

… an dem gerade der Wochenmarkt stattfand, als wir da waren – wie zur Bestätigung des Klischees alles öko, mit veganen Imbissen, fair gehandelte Produkten und einem Protestsänger aus Lateinamerika, zu dessen melancholischen Weisen man einen transfairen Espresso von einem italienischen Barrista trinken konnte. Natürlich kostet das dann auch etwas mehr, für eine kleine Ökobratwurst mußte ich 3,20 Euro bezahlen, konnte dafür aber unter zehn verschiedenen Senfsorten auswählen.
Seit Januar dieses Jahres besteht für Teile von Prenzlauer Berg „Milieuschutz“, es hat sich nämlich herausgestellt, daß immer mehr Wohnungen luxussaniert werden: Mehrere kleine Wohnungen werden zusammengelegt und Kamine und Zweitbadezimmer eingebaut, eine Ende der Mietsteigerung ist nicht abzusehen. Das wird nun vom Bezirk unterbunden, aber ob es langfristig wirkt?

Die Namensgeberin des Platzes, die Künstlerin Käthe Kollwitz, die über 50 Jahre hier gelebt hat.

In der Mitte befindet sich immer noch ein Spielplatz, da geht schon mal was verloren.

Ich befürchte ja, Enok hat sich auch eine Sonnenbrille besorgt und geht mit seinem Kumpel Pu einen saufen – eine erste Lektion für den kleinen Lev: Die Untreue von Kuscheltieren. Hart.

Die Gentrifizierung, die sich hier vollzogen hat und immer noch vollzieht, gibt es auch in anderen Berliner Stadtgebieten. In dieser Kreuzberger Kneipe haben meine Freunde und ich über die Jahre unzählige Stunden verbracht. Seit diesem Jahr hat der alte Pächter aufgegeben. Es gibt nun nur noch eine Sorte Bier, ausschließlich in kleinen Gläsern, und das schmeckt auch noch schal. An der Theke stand ein Pulk von jungen Leuten, offensichtlich Bekannte der neuen Betreiber, und lärmten in der häufig anzutreffenden Sozialinkompetenz, daß man kaum sein eigenes Wort verstand. Schade. Dabei gibt es in dem kurzen Straßenabschnitt neuerdings noch zwei weitere Läden für die gleichen Besucher.

Ea ist noch nicht lange her, daß diese kleine Markthalle in der Nähe der Skalitzer Str. fest in türkischer Hand war. Nun geht es eher edel zu, vegane Speisen, Buchweizencrèpe und handgemachte Chutneys werden angeboten – nicht das ich etwas dagegen hätte, aber ganz billig ist das alles nicht.

Und auch hier: Entmietung, Zwangsräumung, Luxussanierung, leider oft von den Gerichten erlaubt, und verkauft an Leute, die es sich leisten können. Viele Leute wollen das originale Berliner Kiez-Flair genießen, dabei aber auf die Annehmlichkeiten eines gehobenen Wohnkomforts nicht verzichten, sorgen also selbst dafür, daß das verschwindet, weswegen sie hergezogen sind, denn das Flair, das sind die Menschen, die hier wohn(t)en.

0 Antworten zu “Berlin, Berlin (6): Prenzlauer Berg/Kreuzberg

  1. … im Prenzlauer Berg sind weit über 90 Prozent seit der Wende ausgetauscht …
    viele vergessen mit der Zeit, dass sie auch die ursprünglichen Bewohner garnicht sind …

    liebe Grüsse
    so spielt eben das Leben und das Wesen der Stadt … 🙂

    Karen

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  2. Ja, das ist alles schon sehr übel, was da vor sich geht. Wehe dem Stadtteil, der sich vom alternativen zum schicken wandelt. Einmal angefangen gibt es kein Halten mehr.
    Schwäbisch an jeder Ecke und all diese Jungeltern und ihre Bälger mit kuriosen Doppelnamen, naaajaaa.
    Ich bin dennoch gerne dort ab und an zu Gast und genieße den bunten Kiez und die Offenheit der Leute dort.
    Auf dem Markt am Kolle gibt es einen herrlichen Stand mit wunderschönen Fellen, sehr empfehlenswert und das leckerste Brot Berlins.

    Verlorenes Stofftier ist ganz schlimm für ein Kind. Zum Glück hat unser Kind auf ihres immer gut aufgepaßt. Einmal wurde an der Eberswalder eine Puppe „aus Weichplast“ gesucht. Ebenfalls verloren. Herrlicher Ausdruck.

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  3. Hi Videbitis,

    wenn ich das so sehe (die Cafes), möchte ich mich gleich in eins setzten und die Leute einfach beobachten… 🙂

    Danke auch für diesen Teil und die schönen Fotos… 😀

    Oh oh… verlorenes Stofftier… :no:
    Kenn ich auch. Ist die Hölle für ein Kind. Wünsche dem Würgel, dass jemand es findet!!!

    LG mosi

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  4. Ja, wenn man es sich leisten kann, kann man hier ganz bestimmt gut wohnen, ich selbst hätte nichts dagegen. Wenn ich durch die Straßen laufe, befällt mich auch ein wenig Wehmut, denn genau so könnte der breite Streifen der Neustadt, der um die selbe Zeit um die Altstadt von Köln gelegt wurde, heute aussehen. Leider stehen (geschätzt) nur noch ein paar hundert Häuser, der Rest ist Billigbau seit den 50ern:
    http://koelnbilder.blog.de/2008/04/25/lutticher-str-4090600/

    Das habe ich auch schon miterlebt bei Nichten und Neffen, daß ohne das Kuscheltier an z.B. schlafengehen gar nicht zu denken ist.

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  5. Ich möchte dort nicht wohnen, wo kaum einer in meinem Alter ist, nee danke. Dann lieber etwas außerhalb, billiger und gezielt hinfahren. Aber selbst Neukölln wird jetzt gerade trendy. :crazy:

    Ich kann ohne mein Kuschelkissen auch nicht schlafen, deswegen kommt es auch mit nach London.

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