Berlin, Berlin (2): Dies & das (2)

Seit über 20 Jahren fahre ich nun im Winter nach Berlin, so warm wie in diesem Jahr war es noch nie. Sehr angenehm, ich erinnere mich an Zeiten, wo ich vom Kachelofen kaum wegzukriegen war, wenn ich meine Freund besuchte.

Auf den Schneemann möchte man natürlich trotzdem nicht verzichten. Muß man ja auch nicht.

„Möchten Sie vielleicht ein paar K.O.-Tropfen?“
„Wieso?“
„Ich weiß noch nicht genau, vielleicht raube ich Sie aus oder mach‘ noch schlimmere Sachen mit Ihnen, aber keine Sorge, Sie merken nichts davon.“
Was sagt man in Berlin darauf?
„Nein danke.“
Das nenne ich ausgesuchte Höflichkeit.

Ein weiteres Geheimnis ist gelüftet: In Berlin werden die Abfallkörbe nicht geleert, sondern ausgetauscht. Ob das effizient ist? Spart auf jeden Fall Plastikmüllbeutel.

Wenn es die Berliner Mauer nicht gegeben hätte, müßte man sie erfinden, ein ganzer Zweig der Tourismusindustrie lebt davon.

Zum Beispiel auch diese Soldatendarsteller am ehemaligen Checkpoint Charlie. Wer sich mit ihnen fotografieren lassen will, soll ein paar Euro zahlen, und gegen noch ein paar Euro mehr gibt es sogar einen Passierschein mit frischen „echten“ Stempeln (die man günstig im Internet kaufen kann). Die Darsteller in Uniform haben sich einfach eingefunden und werden zumindest hier, in Kreuzberg/Friedrichshain, geduldet. Im Bezirk Mitte, in dem der Potsdamer Platz und das Brandenburger Tor liegen, sieht man das anders: An besonders geschichtsträchtigen Orten sei Gewerbe verboten, daher hat man bereits gegen mehrere Darsteller Ermittlungen eingeleitet, ihnen die Uniformen und die falschen Visa samt Stempel abgenommen. Die interessiert das nicht, bereits am nächsten Tag stehen sie in neuer Ausstattung am Platz. Das Bezirksamt spricht von organisierten Gruppen, die Reviere unter sich aufteilen, und schätzt den täglichen Gewinn auf 3.500 Euro. Kann es sein, daß da jemand neidisch ist? Die Touristen jedenfalls sind begeistert.
Die Bude am Checkpoint Charlie ist übrigens auch eine Nachahmung, selbst die Sandsäcke sind mit festem Beton gefüllt.

So geht es auch: Während in Köln schon mal Rollstuhlfahrer auf dem Bahnsteig sitzen gelassen werden, verläßt in Berlin der Busfahrer sogar seinen Führerstand, klappt per Hand eine Rampe aus und hilft den Rollstuhlfahrern ins Gefährt. Vorbildlich!

Dieses Schild ist eine Ausnahme, aber nicht, weil überall woanders nicht geraucht wird – in den Kneipen, in denen ich war, wird gequarzt wie eh und je, als hätte es nie ein Rauchverbot gegeben.

Wie in diesem Haus wohl die Inneneinrichtung aussieht? In so eine Ecke paßt doch kein Schrank. Staubsaugen wird auch schwierig.

In einem der Gebäude am Potsdamer Platz befindet sich das Filmmuseum, in das wir gern gehen, zur Zeit läuft aber keine interessante Ausstellung. Macht nichts, gehen wir halt ins Café „Billy Wilder“.

Hier gibt es einen sagenhaft guten Apfelstrudel: Süß und säuerlich hält sich die Waage, die dicke Vanillesoße paßt perfekt.

Im Jahr 2002 veröffentlichte die linke Tageszeitung „taz“ eine Satire, in der behauptet wurde, der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung Kai Diekmann habe eine mißglückte Penisverlängerung durchführen lassen – der Hintergrund war der, daß gerade die „Bild“ keinerlei Respekt vor den Intimitäten anderer hat. Kai Diekmann entblödete sich nicht, eine Gerichtsverfahren mit einer Entschädigungsforderung von 30.000 Euro anzustrengen (ob er vor Gericht zum Beweis die Hosen herunterließ, ist nicht bekannt). Die Klage wurde abgelehnt, die taz jedoch dazu „verurteilt“, die Satire aus dem Archiv zu nehmen. Sieben Jahre später brachte ein für seine deftige Kunst bekannter Künstler dieses Relief am Verlagshaus der taz an – was sowohl unter den Mitarbeitern als auch den Lesern der Zeitung nicht unumstritten war. Der Penis erstreckt sich über fünf Stockwerke. Tja, was sollen wir davon halten? Männliche Genitalscherze sind nur mäßig lustig, besonders, wenn man eine bestimmte jugendliche Entwicklungsphase bereits hinter sich hat. Aber manche sind ja der Meinung oder machen die Erfahrung, daß Männer eher in hohem Alter das Leben verlassen als die Pubertät.
Über die Geschichte gibt es sogar einen eigenen Wikipediaartikel.

Zum Schluß dieses Allerleis noch ein Tipp für die, die wie wir immer mit einem sicheren Zeitpuffer zum Bahnhof fahren: Am Hauptbahnhof kann man nur im Gewühl frühstücken, kaum ein abgeschlossener Raum, in dem man in Ruhe sitzen kann. Deswegen sollte man immer im Ostbahnhof losfahren, da gibt es wenigstens diese Systemgastronomie, deren Qualität zwar auch jeder Beschreibung spottet, aber immerhin ist jeder zweite Kaffee trinkbar (der erste ging lauwarm zurück), und die Brötchen sind frisch.

Fortsetzung folgt.

0 Antworten zu “Berlin, Berlin (2): Dies & das (2)

  1. Schöne Ansichten eines Besuchers von Berlin ! 🙂
    Es freut mich immer, mal andere Sichten auf „meine Stadt“ zu sehen,
    denn wir Berliner sind ja manchmal schon etwas „betriebsblind“ 😉

    Das Papierkorb-Austauschen ist aber nicht die Regel !

    Liebe Grüße aus Berlin
    Bärlinerin

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  2. Die Original-Checkpoint-Charly-Bude steht im AlliiertenMuseum: http://www.alliiertenmuseum.de/sammlung/sammlungsbereiche.html. Und das mit dem Austauschen der Abfallbehälter… Ich vermute, das machen die nicht immer, sondern nur, wenn die Behälter turnusmäßig dran sind, gereinigt zu werden. Wobei ich mir wünschte, das geschähe öfter, denn wenn ich einen Abfallbehälter benutze, bin ich meistens sehr darauf bedacht, nicht mit dem Behälter selbst in Berührung zu kommen, und meine Mülltonnen öffne ich auch nur mit spitzen Fingern, was natürlich nicht funktioniert, wenn sie zugefroren sind. Aber damit ist in diesem herrlichen Vorfrühling ja nicht zu rechnen.

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  3. Ich weiß nicht, was ich furchtbarer finden soll: Pimmel die über 5 Stockwerke gehen (egal ob Satire oder nicht) sind eigentlich an Sinnfreiheit nicht mehr zu überbieten, aber Touris, die sich an Orten, die für andere Menschen Leid und Tod bedeutet haben mit Scherzfotos unterhalten (lassen) sind eigentlich noch perverser.

    Daß Berliner Busfahrer die unfreundlichsten Menschen auf Gottes Erdball sind, ist anscheinend dir nach vielen Reisen noch nicht aufgefallen, was ja noch hoffen läßt. Schön, daß mal ein Beweisbild für das Gegenteil zu sehen ist. Das macht Hoffnung.

    Ich wundere mich allerdings immer noch und wieder daß dir die vielen Touri-Ecken nie zum Hals raushängen und bin gespannt, wann du mal die andere Seite Berlins entdeckst. Ok, verstehe schon, mehr Satire gibt es natürlich dort…

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  4. Danke! Betriebsblind ist man ja oft in der eigenen Stadt, aber ein kurzer Blick in Dein Blog zeigt schon, daß auch Du immer genauer hinsiehst, sehr schön. Ich werde in den nächsten Tagen mal ein bißchen in Deinen Berichten stöbern. 🙂

    Danke für den Hinweis, so richtig konnte ich es mir auch nicht vorstellen.

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  5. Danke für den Link. Warst Du schon mal da? Lohnt sich ein Besuch?

    Wahrscheinlich wird das in Köln auch so gemacht, und ich sehe es bloß nie. Wenn ich mich nicht irre, werden hier tatsächlich noch Plastikmülltüten in die Behälter gehängt.

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  6. *lach* Also ich finde den Penis ziemlich dämlich, das mit den Fotos finde ich nicht so schlimm, der Kommerz hat den ganzen Ort okkupiert, da stören mich so ein paar unregulierte Trittbrettfahrer nicht. Soldatendarsteller in einem Land ohne Wehrpflicht in einer Simulation von geschichtlicher Bedeutung, die der Ort aber schon längst verloren hat durch den Rummel drumherum, das finde ich fast anrührend lächerlich. Im CC-Museumsshop kann man sich Betonbrocken von der Mauer in einer durchsichtigen Plastikkugel kaufen. Leider ohne Schnee.

    Ich glaube, das ist wirklich besser geworden mit der (Un-)Freundlichkeit der Busfahrer.

    Hängt mir nicht zum Halse heraus, als Tourist fühle mich mich da ganz wohl, es gibt viel zu entdecken und zu beobachten. Wenn ich da wohnen würde, wäre es vielleicht anders. Aber es kommen noch ein paar Einträge, die Dir wahrscheinlich besser gefallen.

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  7. … das mit den Busfahrern hat sich radikal gewandelt, die meisten sind geoutsourced, arbeiten zu sehr viel schlechteren Konditionen/Preisen als bei der BVG und sind daher nur sehr selten noch mit biodeutschem Hintergrund …

    liebe Grüsse
    der Mülleimer muß kaputt gewesen sein, normalerweise werden die von unten geleert …
    Karen

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  8. Hi Videbitis,

    eine gelungene Fortsetzung, danke… 🙂
    Mit Einblicken, die mich sehr interessiert und gefesselt haben.

    Aber der Penis…öhm, jaa… MUSS ich jetzt nicht zwingend haben. Also, als Kunstform bzw. Satire.

    LG mosi

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  9. Als Besucher hat man schon einen anderen Blick auf eine Stadt, aber Danke für das Kompliment ! 🙂
    Mein Foto-Blog ist ja noch relativ neu, aber ich arbeite daran 😉

    In Köln war ich nur einen Tag,
    und da konnte ich nicht solche schönen Schnappschüsse machen, wie Du von Berlin.

    Kommst Du her, weil Dir Berlin gefällt, oder beruflich ?

    Liebe Grüße nach Köln
    Bärlinerin

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  10. Ich war im AlliiertenMuseum relativ kurz nachdem es eröffnet wurde. Ich kannte das Outpost ja noch als Kino, und gleich daneben befand sich der PX. Ich glaube, damals fand ich es einfach nur deprimierend, dass das, was als Realität einen großen Teil meines Lebens begleitet hatte, jetzt Museum war. Die Dinge kommen zu früh ins Museum. Dafür gibt es Beispiele ohne Ende, und für die Zeitzeugen ist das nicht unbedingt angenehm. Man fühlt sich ja selbst wie zum alten Eisen gehörig. Ich finde es also schwierig zu sagen, ob ein Besuch für Dich interessant/unterhaltsam wäre.

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  11. Salve!

    Du solltest mal das „Phallus Longus“-Foto in einem Feministen-Forum verlinken.
    Da würdest sicherlich Beifall ernten..;-D
    Ich finde derart provokative Kunst weder dämlich noch lächerlich.
    Radikales Sinnbild von überzogener Männlichkeit..;-)

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  12. Provokative Kunst zu einer überzogenen Männlichkeit finde ich auch gut. In diesem Fall ist aber das Niveau sehr niedrig, finde ich, die Größe des Penis von Kai Diekmann ist an sich total uninteressant, und as Metapher für den unwürdigen Umgang der Bild-Zeitung mit den intimen Dingen anderer vielleicht ein Schmunzeln wert, mehr nicht. Am interessantesten finde ich es noch, wie Diekmann auf die Satire reagiert hat.

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  13. Karnevalsflucht ?
    Dann bist Du hier ja genau richtig ! (siehe mein Blogeintrag dazu)

    Berlin ist im Sommer doch viel zu heiß 😦
    Ich mag da eher den Frühling und den Herbst.

    Grüße aus dem stürmischen Berlin
    Bärlinerin

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