Ausverkauf

Der Casino-Betreiber Westspiel hat sechs Standorte, vier davon in NRW, an denen Spielbanken versuchen, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Da die Leute inzwischen lieber übers Internet ihr Geld zum Fenster hinauswerfen, schreibt nur eine der Spielbanken schwarze Zahlen, die anderen verursachen nur Schulden. Was macht ein Unternehmen in einer solchen Situation? Es eröffnet einen weiteren Laden, eine Spielbank im Zentrum von Köln – so funktioniert kapitalistische Logik. Wenn man es schafft, möglichst viele Kölner spielsüchtig zu machen, gibt’s vielleicht bald wieder fette Gewinne. Nur – wie finanziert man sowas? Man verkauft, was man so an wertvollen Sachen herumstehen hat, z.B. zwei Bilder des Pop-Art-Künstlers Andy Warhole, „Triple Elvis“ und „Four Marlons“. Beide Bilder brachten bei der Versteigerung in New York ca. 120 Millionen Euro, wovon nach Abzug der Gebühren 108 Mio. an den ehemaligen Besitzer gehen. Der Bagger kann schon mal bestellt werden.

Das eigentlich skandalöse an der Sache ist, daß die Bilder uns gehören, uns, den Bürgern des Landes NRW, denn Westspiel ist eine 100%ige Tochter des Landes NRW. Der Landtag läßt also zu, daß zur Sanierung von Haushalten Kunstwerke im Besitz der öffentlichen Hand verhökert werden. Gut, mag man jetzt denken, so’n oller Triple-Elvis, man wäre doch verrückt, den für so viel Geld nicht herzugeben. Allerdings muß es ja nicht dabei bleiben: Einmal Blut geleckt, könnte nun jeder Bürgermeister einer Stadt mit einem Museum den begehrten Bestand verkaufen, Dürer, Rembrandt, van Gogh, Picasso, übrig bleibt dann nur das Drittklassige – was für NRW recht ist, muß für andere billig sein.

Der Finanzminister von NRW versteht die ganze Aufregung nicht: Die Firma Westspiel sei ein eigenständiger Betrieb und könne mit ihrem Besitz machen, was sie wolle. Merkwürdig ist allerdings, daß die Adresse der Überweisung für das Geld aus New York die NRW-Landesregierung ist, und noch merkwürdiger, daß das Geld nicht in voller Höhe an die angeblich eigenständige Firma Westspiel weitergegeben wird – 28 Millionen Euro der ersteigerten Summe fließen in den Landeshaushalt NRW.

„Single Elvis“ und „Double Elvis“ oben auf dem Foto hängen im Museum Ludwig in Köln und stehen nicht zum Verkauf – noch nicht. Die Landesregierung behauptet, daß sei jetzt mal eine Ausnahme gewesen. Aber wie man hört, sichten bereits zwei weitere landeseigene Betriebe ihre Kunstbestände auf mögliche Verkaufbarkeit: Die Nachfolgerin der Landesbank WestLB namens Portigon und der öffentlich-rechtliche WDR.

Mesdames et Messieurs, faites vos jeux!

Dezember

Das warme Wetter ist nun endgültig vorbei, an gemütlich draußen sitzen ist gar nicht zu denken.

Arbeiten …

… und am Wochenende konsumieren. Ich habe die paar Weihnachtsgeschenke, die ich brauche, glücklicherweise schon …

… und kann spazieren gehen, auch bei schlechtem Wetter, und mich auf heißen Tee freuen. Hat auch was.

Herr Roters (2)

Daß unser Oberbürgermeister so ein sympathischer Mann ist, daß er einem Obdachlosen eine Hausratversicherung verkaufen könnte, habe ich hier schon mal geschrieben. Aber er kann noch ganz andere Sachen, z.B. kann er …

… ein ganzes Jahr lang unbeweglich, in der selben Position dastehen! Macht nichts, keinen Mucks. Man könnte denken, das ist das selbe Foto, wenn da nicht der neue Abfallkalender wäre, den er in seinen Händen hält. Gut, das kennt man von anderen Politikern auch, die machen auch den Eindruck völliger Untätigkeit, über Jahre hinweg, aber die gehen zwischendurch mal irgendwo hin, in eine Talkshow oder auf eine Gala. Nicht so unser standhafter OB Roters! Toll!

Leider hat er kein zweites Jahr in dieser Position geschafft, aber gut, der Mann ist 65. Die zukünftigen Amtsgeschäfte des OB werden nun offenbar von den Abfallwirtschaftsbetrieben übernommen, das ist nicht schlecht, denn wie heißt es so schön: Neue Besen kehren besser, und wenn es mal schneit im Rathaus, können die Kollegen endlich mal die Fähigkeit unter Beweis stellen, für die vor drei Jahren die Grundsteuer um 3 % erhöht wurde: Schneefegen.

Lindenstr.

An dieser Ampel habe ich schon oft gestanden, aber eine Umarmung hat mir hier noch niemand angeboten, weder „free“ noch gegen Bezahlung. Ehrlich gesagt: Ich bin auch gar nicht scharf darauf, mich von wildfremden Menschen umarmen zu lassen, zumal man dabei nicht selten ausgeraubt wird: Beim sogenannten Antanztrick wird man von scheinbar gutgelaunten jungen Männern angetanzt, mit viel Gelächter umarmt – und dann ist man seine Portemonnaie oder sein Handy los. Und wenn man sich dagegen wehrt, wird man unter Umständen zusammengeschlagen. Bei angebotenen „free hugs“ sollte man also schnell das Weite suchen, den Leuten ist (leider) nicht zu trauen. Mich aber im Geiste umarmt zu fühlen, das lasse ich mir gern gefallen.

Verfall

Bröckeldom

Oh je! – der Dom bricht zusammen, neulich stand es in der Zeitung: Allein im Monat November sind an zwei verschiedenen Stellen Gesteinsbrocken aus den Wänden gefallen, glücklicherweise ist niemand getroffen worden. Es braucht einen harten Kopf, um von 1,5 Kilo Domgestein, das von einer Höhe von 39 Metern fällt, nicht erschlagen zu werden. „Zufall“, sagt der stellvertretende Dombaumeister, daß das zweimal in so kurzer Zeit passiere – so zufällig, wie die Titanic auf einen Eisberg getroffen ist. Der Zufall macht, was er will, auch fünfmal hintereinander, dann kommt noch das Alter des Bauwerks hinzu, Klimaerwärmung, Vogelkacke, Gottes Zorn über Kardinal Meisners Heucheleien – angeblich brauchen die Besucher des Domweihnachtsmarktes auf dem benachbarten Roncalliplatz sich keine Sorgen zu machen. Ich rate zu einem gewissen Sicherheitsabstand!

Im Schnütgen-Museum (1)

Ich habe ja neulich erzählt, daß in der Darstellung von heiligen Märtyrern gern die Marterinstrumente, mit denen sie gefoltert wurden, dem Heiligen in die Hand gegeben werden, damit man weiß, um wen es sich handelt. Dieser Herr zeigt recht anschaulich, wie er zu Tode gekommen ist. Der Heilige Dionysius wird meistens mit seinem kompletten Kopf in seinen Händen dargestellt (hier ein Beispiel), hier aber – ich vermute, aus ästhetischen Gründen – hat der Bildhauer dieser Figur von ca. 1320 das Gesicht an der richtigen Stelle gelassen. Es ist einfach zu unheimlich, auch für Kinder, wenn da irgenwo in der Kirche eine Figur steht, deren Augen einen aus Hüfthöhe ansehen.
Der Heilige Dionysius war im Jahr 250 erster Bischof von Lutecia (der Asterix-Kenner, weiß, wie die Stadt heute heißt), sofern man das sagen kann, denn die christliche Kirche war von den Römern ja noch nicht anerkannt. Weil er nicht aufhören wollte mit dem Predigen, haben die Römer ihn geköpft, woraufhin der Heilige wieder aufgestanden ist, seinen Kopf unter den Arm genommen hat und zwischen zwei Meilen und sechs Kilometern (je nach Quelle) dahin gelaufen ist, wo er beerdigt werden wollte – durch postmortales Muskelzucken läßt sich das nicht erklären, und Zombies sind eine Erfindung viel späterer Zeit. Also konnte es nur irgendwie ein himmlisches Wunder sein, oder?
Inzwischen ist er einer der Nationalheiligen Frankreichs, deshalb gibt es da so viele Orte und Kirchen mit „St. Denis“ im Namen. Und bei welchem körperlichen Unbehagen wohl soll man den Heiligen um Hilfe anrufen? Bei Kopfschmerzen, was sonst!

Brüsseler Str.

Kommt mir fast so vor, als wäre ich Wochen weg gewesen. Verreisen macht Spaß, aber es ist auch schön, wieder zu Hause zu sein. Ich bin kein rheinischer Spaßvogel, aber ich mag es, wenn Leute etwas gelassener sind, das ist die Grundvoraussetzung für eine zwar oberflächliche, aber sehr angenehme Freundlichkeit im Umgang mit anderen. Wenn ich in den Supermarkt gehe, erwarte ich von der Kassiererin ja gar kein tiefschürfendes Freundschaftsangebot, es reicht mir vollkommen, wenn sie mich anlächelt und mir einen schönen Abend wünscht, ohne daß sie sich groß verbiegen muß.

In Nürnberg waren die freundlichsten Menschen, denen wir begegnet sind, die Bedienungen im Frühstücksraum des Hotels, und die hatten alle, ohne Ausnahme, einen Migrationshintergrund, man konnte es an der Hautfarbe sehen oder an der Sprache hören. Die anderen Nürnberger waren bestenfalls gequält freundlich, ausdruckslos gleichgültig oder muffelig bis unverschämt. Was ist los mit den Nürnbergern? Das ist doch auch nicht gut für einen selbst, wenn man den anderen so die kalte Schulter zeigt. Gut, vielleicht zur Ehrenrettung muß ich zugeben, daß wir fast nur mit Leuten aus dem Tourismusgewerbe zu tun hatten – das ist natürlich keine Entschuldigung, aber eine mögliche Erklärung. Wer in Köln einem Brauhauskellner (=Köbes) in die Hände fällt, der gerade mal keine Lust hat (oder schlimmer), wird auch mit schlechten Eindrücken wieder nach Hause fahren.

Kurzurlaub in Nürnberg (8): Reichsparteitagsgelände

Das Reichsparteitagsgelände, auf dem die Nazis zwischen 1933 und 1938 die jährlichen Reichsparteitage veranstalteten, war ungefähr zehn mal größer als die Nürnberger Altstadt. Das Stadion, das geplant war, sollte einmal über 400.000 Zuschauer aufnehmen können (das zur Zeit größte Stadion, in China, hat 150.000 Sitzplätze), und Platz für Hunderttausende sollte auf den anliegenden Aufmarschplätzen geschaffen werden.

Nach dem 2. WK hat man die Flächen, die nur teilweise fertig bebaut waren, renaturiert, bzw. für eine andere Bebauung und Nutzung freigegeben, einzig das monumentale Kongreßgebäude, daß Hitlers Architekt in seiner Planung an das Colosseum in Rom angelehnt hatte, steht noch und beherbergt ein Dokumentationszentrum, in dem das Luftbild hängt.

39 Meter hoch sind die Wände – 70 Meter sollten es eigentlich werden, außerdem sollte ein riesiges Dach den Innenhof überspannen, was aber der Beginn des Krieges verhinderte.

Die ständige Ausstellung im Dokumentationszentrum ist nicht schlecht gemacht, in der Chronologie der Nazizeit wird man durch die Räume geführt …

… kann sich auf zahlreichen Schautafeln informieren …

… darüber, wie die Reichsparteitage abgelaufen sind. Der (fast schon lächerliche) Monumentalismus der Nazis sollte sich nicht nur in den Gebäuden zeigen, sondern auch in den Aufmärschen, die während der acht Tage dauernden Selbstfeier durchgeführt wurden: Stundenlang standen Hitler und die Parteiführung auf Plätzen und grüßten die verschiedenen vorbeimarschierenden und -fahrenden NS-Organisationen, während das Volk jubelte. Hatte man das hinter sich, wurde gefeiert.

„Die Erfahrungen der Reichsparteitage 1933 und 1934 machten auch beim Reichparteitag 1935 die Absperrung der Nürnberger Dirnenstraße erforderlich. Nach wie vor sind an den Tagen des Reichsparteitages diese Straßen, in denen ungefähr 120 Lohndirnen in einzelnen Häusern beisammen wohnen, das Ziel vieler Reichsparteitagsbesucher. Vor allem mußte beobachtet werden, daß P.O.-Männer [Politische Leiter], die ja am Reichsparteitag die größere Freizügigkeit genießen, immer wieder versuchen, trotz der auffälligen Absperrung durch SS Posten bei Tag und Nacht in diese Straßen einzudringen.“ Sittenpolizei Nürnberg 1935.
„Die Geschlechtskrankenabteilung des städtischen Gesundheitsamtes war während des Reichsparteitages (1937) stark in Anspruch genommen.“ Gesundheitsamt Nürnberg.

Das sieht man natürlich nicht in der Propaganda-Dokumentation „Triumph des Willens“ über die Nürnberger Parteitage von Leni Riefenstahl. Dennoch sollte man sie sich ruhig anschauen (wenn man es erträgt), man sieht ein paar Vorkriegsbilder von Nürnberg, lernt was über den Größenwahn der Nazis und kann dieser aus heutiger Sicht lächerlichen Figur zusehen, wie sie eitel eine Hetzrede herausschreit. Den Film findet man auf youtube.

Ende.

Kurzurlaub in Nürnberg (7): Albrecht-Dürer-Haus

Ein echter Dürer, gezeichnet von seiner Hand, keine Ahnung, ob es eins seiner berühmten Selbstbildnisse ist. Albrecht Dürer gilt als einer der bedeutendsten Maler aus deutschen Landen, man findet keinen zu seinen Lebenszeiten um 1500, der seine Fähigkeiten hatte – es sei denn, man blickt nach Italien (Michelangelo, Leonardo) oder nach Holland.

Wohl jeder, der älter ist als ca. 20 Jahre, hatte schon mal eine Abbildung eines Dürer-Gemäldes in seiner Hand, nämlich in Form eines 5- oder 20-DM-Scheins. Am bekanntesten sind allerding der Dürer-Hase und die betenden Hände. Die Hände, habe ich neulich gehört, erfreuen sich neuerdings in der Tattoo-Szene großer Beliebtheit, besonders bei amerikanischen Knastinsassen.

Dies ist das erste bekannte Selbstbildnis eines Malers, das in einer Art gemalt wurde, die vorher Jesus und Königen vorbehalten war: Frontal und bildfüllend. Als erster Maler signierte er seine Bilder durchgehend mit seinem Monogramm „A.D.“, als erster malte er Aquarelllandschaften, er revolutionierte den Holzstich und den Kupferstich und betrieb in Nürnberg eine eigene Werkstatt, in der er ohne Auftrag Abzüge herstellte, um sie zu vermarkten, was damals noch ziemlich unüblich war.

Der für viele „größte“ deutsche Maler war ein Mann mit Migrationshintergrund und gehörte zur zweiten Generation. Sein Vater war ein ungarischer Goldschmied, der sich in Nürnberg niederließ und ein wohlhabender und angesehener Bürger wurde. Er stammte aus dem Dorf Ajtós, ein Wort, das man auch mit „Thürer“ (das ist ein Türmacher) übersetzen kann.

Dürer war eins von 18 Kindern, von denen nur drei überlebten – was für eine Tortur für die arme Mutter, die hier von ihrem Sohn kurze Zeit vor ihrem Tod mit Kohle gezeichnet wurde. Auch hier wieder: Das erste Porträt eines todkranken Menschen.

Das Dürer-Haus am Fuße der Kaiserburg, in dem der Künstler mit seiner Frau, der Mutter und Angestellten bis zu seinem Tod 1528 wohnte, ist heute ein Museum. Es hat als eines der wenigen Nürnberger Altstadthäuser den 2. WK fast unbeschadet überstanden.

Ein Druckstock. Drucke sorgten dafür, daß ein Künstler auch über die Grenzen seines kleinen Bereichs hinaus bekannt wurde, und da sie sich reproduzieren ließen, brachten sie auch höheren Gewinn als Gemälde. Dazu kommt, daß gerade erst, um 1450, der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden worden war. Eins der herausragenden Erzeugnisse aus der Zeit der Wiegendrucke (so nennt man die ersten Druckerzeugnisse bis zum Jahr 1500, auch „Inkunabeln“) ist die in Nürnberg hergestellte Schedel’sche Weltchronik, die natürlich mit Holzschnitten illustriert werden mußte – man nimmt an, das Dürer auch hieran beteiligt war.

Neben den Wohnräumen gibt es einen kleinen Ausstellungssaal, natürlich nur mit Repliken von ein paar seiner Werke, die Originale hängen vielfach in Wien und München.

„Melencolia 1“ von 1514. Wenn man jeweils die vier Zahlen in einer Reihe in dem magischen Quadrat zusammenzählt, horizontal, vertikal oder auch überkreuz, kommt immer die selbe Summe heraus.

Ach, übrigens: Das Strichmännchen auf dem ersten Bild stammt aus einem Brief Dürers an einen Freund.

Fortsetzung folgt.

Kurzurlaub in Nürnberg (6): Interimseintrag

Ich habe im Moment wenig Zeit, deshalb hier nur eine Ankündigung: Zwei (geschichtliche) Einträge über Nürnberg folgen noch nächste Woche; der erste über den berühmtesten Sohn …

… und der zweite über eine nicht minder berühmte, aber nicht so ehrenvolle Zeit der Stadt, die Zeit der Reichsparteitage.

Und damit ihr euch nicht langweilt, zeige ich euch ein Stilleben aus einem Schaufenster der heutigen Zeit.
Schönes Wochenende!