Porzer Wanderweg
Wir wollten gerade losschimpfen, wer hier wieder seinen Müll abgeladen hat, den soll doch der Blitz treffen, aber dann …
Das ist eine Katzenfütterstelle, 11 Katze, die man vorsorglich kastriert hat, werden hier verköstigt. Als wir da herumstanden, kam auch gleich eine an und strich um unsere Beine. In der Nachricht vom 31.10. kündigt allerdings jemand seine Mitarbeit auf, nach seiner Ansicht seien die Katzen überfüttert. Tja, manchmal erreicht Tierliebe das Gegenteil von dem, was sie eigentlich möchte. Immer wieder kann man beobachten, daß Eltern ihre Kinder dazu animieren, an Teichen und Weihern die Enten mit Brot zu füttern. Und wenn dann eines Tages Enten und Fische mit dem Bauch nach oben im trüben Wasser treiben, wundern sie sich.
Akazienweg
„Im Rondellchen“ (warum eigentlich nicht „Em Rondällsche“?) heißt diese Kneipe, eine der kleinsten in Köln: Gastwirt und Gäste müssen mit knapp 47 qm zurechtkommen, was den Ort ungeeignet macht, um Geheimnisse zu besprechen, andererseits scheint sozialer Anschluß garantiert. Als man Ende der 20er Jahre diese Arbeiterwohnsiedlung gebaut hatte, sollte ein Café in dem kleinen Gebäude am Ende der Straßenbahnlinie 4 den Wartenden Schutz und Erfrischungen bereit halten. Die Straßenbahn fuhr durch ein Rondell, um auf die Gegengleise zu kommen – daher der Name. Als die Linie 4 unter die Erde und die Ubahnhaltestelle woandershin verlegt wurden, lohnte sich das Café nicht mehr. Die Kneipe wirft so gut wie keinen Gewinn ab, weshalb sie in einer Art Nachbarschaftsinitiative betrieben wird. Ich habe gelesen, sogar Siegmar Gabriel soll hier mal ein Bier getrunken und eine Frikadelle gegessen haben, aber das wird ein einmaliges Ereignis gewesen sein, davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, wenn man mal in der Nähe ist.
11.11. – alles normal
„Polizei! Stehen bleiben! Hände hoch!“ – „Hinlegen! Hände hinter den Kopf!“ – „Hände hinter den Rücken!“ – da kann man ins Schwitzen kommen, wenn einem das von mehreren Seiten fast gleichzeitig entgegengebrüllt wird.
Aber der Reihe nach: Als ich am 11.11. nach Hause kam, mußte ich mich erstmal durch einen dichten Pulk Feiernder durchkämpfen: An „meiner“ Kreuzung gibt es zwei Pizzerien, drei Kioske und drei Kneipen, und die nächsten sind schon in Sichtweite. Eine Kneipe hatte die Lautsprecher nach draußen gedreht, ein paar hundert Leute standen herum, tanzten und gröhlten – alles normal also. Ich beschloß, erstmal in meine Wohnung zu flüchten und den Einkauf auf später zu verschieben. Als ich dann um 21.40 losging und auf dem Weg den Müll im Hinterhof in die Tonne werfen wollte, hörte ich die Sätze, wie oben beschrieben. Auf den Dächern ringsum liefen Polizisten herum, brüllten und wedelten hektisch mit Taschenlampen. „Hier ist er!“ – wohl doch nicht, oder doch? Geräusche, als würde eine Tür aufgebrochen. Vor dem Haus war alles abgesperrt, der Kneipenvorplatz und die große Kneipe leer, überall standen schwerbewaffnete Polizisten.
Wie sich herausstellte, hatte ein 24-jähriger Ziegelsteine vom Dach in die Menge geworfen, wobei man von Glück sprechen kann, daß ’nur‘ zwei Leute getroffen wurden, ein Mann erlitt schwere Kopfverletzungen. Wäre ich eine halbe Stunde früher einkaufen gegangen, hätte es mich auch treffen können. Der Täter hatte mehr Glück als Verstand: Auf der Flucht rutschte er vom Dach, landete aber in einem oberen Balkon, wo er schließlich entdeckt wurde. Die Bewohner waren nicht zu Hause, also brach die Polizei die Wohnung auf und verhaftete den Mann.
Da man nicht sicher war, ob es noch Komplizen gab, wurden die Dächer mit Hilfe eines Leiterwagens abgesucht, die Straße blieb bis tief in die Nacht gesperrt.
Die übrigen Gewalttaten, also sexuelle Übergriffe, Raub und Schlägerein, überstiegen nur leicht die Zahl der Vorkommnisse im Vorjahr. Alles normal also.
Sachbeschädigung als Kunst
Heute hat mir ein Kollege einen Witz erzählt: Was grenzt an Dummheit? – Im Norden Kanada, und Mexiko im Süden. Ich befürchte, uns wird das Lachen noch vergehen.
In letzter Zeit sprechen Journalisten und Politiker öfter mal von einer „postfaktischen“ Zeit, in der wir immer mehr leben. Postfaktisch heißt: Es kommt nicht mehr auf Fakten an, es sind allein die Gefühle, die eine Rolle spielen. Es ist kaum anders zu erklären, wieso der notorische Lügner und rücksichtslose Betrüger Trump bei nachweislich dreiviertel seiner Wahlkampfaussagen die Unwahrheit behaupten kann und trotzdem zum Präsidenten gewählt wird. Die Welt ist ein Gefühl, Vernunft ist lästig und wird ausgeblendet.
In Köln weiß man das schon lange: „Kölle es en Jefööhl!“, den Spruch kann man sogar auf Kaffeetassen kaufen. Der Flyer der Stadtverwaltung (oben) gibt Tipps dafür, wie man sich verhalten soll, wenn verbrecherische Graffiti-Sprayer ihrem verwerflichen Tun nachgehen: „Alarmieren – Fotografieren – Anzeigen – Beseitigen“ sind einige der Überschriften über kurzen Erläuterungen, in denen Sätze auftauchen wie: „Das erste derartige Machwerk ermutigt Nachahmer … Farbschmierereien verstoßen gegen das Gesetz, verschandeln die Stadt und machen vielen Menschen Angst.“ Machwerk, Schmiererei, Verschandelung, Angst!! Man traut sich kaum noch, seine Wohnung zu verlassen angesichts solcher Verbrechen.
Dieser Flyer kommt auch von der Stadtverwaltung. Er lud ein zu einer Fotoausstellung des Hobbyfotografen Helmut Nick, der schon seit ein paar Jahrzehnten Kölner Graffiti-Kunst dokumentiert. Die Ausstellung fand im September und Oktober in den Fluren der Volkshochschule statt, die sich wiederum im Bezirksrathaus (!) Lindenthal befinden. Auf dem Flyer steht: „Erkundet hat er [Helmut Nick] das ganze Stadtgebiet und die Graffiti-Kultur in ihren unterschiedlichen Facetten dokumentiert. Die Ausstellung ist ein beeindruckendes Stück Stadtgeschichte und zeigt darüber hinaus eindrucksvoll, wie sich die Kunstrichtung über die Jahrzehnte verändert hat.“ Unten drunter: Das Logo der Stadt Köln, die Oberbürgermeisterin.
Die KASA, ein Zusammenschluß von fast 40 Kölner Einrichtungen, Verbänden und Institutionen, darunter auch die Stadtverwaltung, macht übrigens immer noch Jagd auf die, die diese „eindrucksvolle Kunstrichtung“ hervorbringen, um sie zu kriminalisieren.
Die Ausstellung mit ca. 150 Werken war ganz schön, nur die Lichtverhältnisse waren schlecht in den Fluren, deshalb habe ich kaum Fotos gemacht. Die beiden Beispiele, die ihr hier seht, sind von dem großartigen Künstler Klaus Paier, der sich auch „Aachener Wandmaler“ nannte.“Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ (von 1995) – eine Aussage, die leider immer noch aktuell ist angesichts der immensen deutschen Waffenexporte. Diese beiden Kunstwerke sind leider schon lange vernichtet, wie auch die meisten anderen, die der Künstler geschaffen hat. In Aachen sind aber sogar zwei seiner Bilder von der Stadt unter Denkmalschutz gestellt worden. Klaus Paier hat zuletzt in Köln gelebt, bevor er 2009 starb. Ein paar seiner Werke habe ich damal fotografiert, ihr könnt sie hier betrachten.
Halloween
Halloween kommt von „all hallow’s eve“, übersetzt: Der Abend vor Allerheiligen. Die Leute laufen verkleidet durch die Straßen und feiern in Kneipen und privat bei lauter Musik und gehen allen anderen damit auf die Nerven. Die Kostümmotive speisen sich hauptsächlich aus dem Horrorbereich, blutige Fratzen, Zombies, Vampire. Zu unrühmlicher Bekanntheit hat es der Horrorclown gebracht, ihr habt ja bestimmt davon gehört: Leute in einem Clownskostüm und zähnefletschender Clownsmaske erschrecken ahnunglose Passanten und gehen scheinbar – aber manchmal auch wirklich – mit Baseballschlägern oder Hämmern auf sie los. Es hat schon Verletzte und Tote gegeben – kaum zu fassen, was es für Idioten gibt!
Eine Kölner Boulevardzeitung macht auch mit – es ist aber nicht ganz sicher, ob die Macher den Horroranteil ihrer Werbung absichtlich eingebracht haben.
Was soll das eigentlich mit dem Horror? Die Psychologen sprechen von Angstlust: Man setzt sich in einem kontrollierbaren Rahmen seinen Ängsten aus, um besser mit ihnen umgehen zu können, und das erzeugt Befriedigung und macht Spaß. Das ist auch der Grund, weshalb Leute in Horrorfilme gehen, oder – ein paar Stufen tiefer – Krimis oder Märchen lesen. Eigentlich ist nichts dagegen zu sagen, wenn die Leute das wollen, meinetwegen – was ich allerdings zum Kotzen finde, daß das ein weiterer Termin ist, an dem die Feiernden glauben, sie könnten die ganze Nacht so viel Krach machen wie sie wollen, und wer das anders sieht, ist ein elender Spießer.
Da sind mir diese Gespenster lieber – auch unheimlich, sie hausen in einer Unterführung und sind so leise, daß ich fast achtlos an ihnen vorbei gegangen wäre.
Domumgebung
Es ist noch nicht lange her, da sagte die relativ neue Oberbürgermeisterin Reker über die Stadtverwaltung: Es gebe Mitarbeiter, bei denen denke sie, „die kommen nur, um hier Schmerzensgeld zu bekommen“ – soll heißen: Die tun nichts, sind nur da, und das mit schmerzverzerrtem Gesicht, weil sie nicht zu Hause bleiben dürfen. Ich vermute, das ist gut angekommen bei den 17.000 Mitarbeitern der Verwaltung. Ganz besonders motivierend waren diese Worte offensichtlich für die Kollegen des Ordnungsamtes.
In einigen großen Städten gibt es zentrale Orte, wo sich immer viele Leute aufhalten, Einheimische und Touristen, die ihrerseits Kleinkünstler anlocken, die darauf hoffen, für ihre Darbietungen ein wenig Kleingeld zu bekommen: Jongleure und andere Artisten, Living Dolls, Pflastermaler, die mit Kreide 2×3-Meter große Gemälde aufs Pflaster malen, Musiker aller Art: Streichquartette, Flötisten, Gitarristen, gemischte Ensembles, sogar einen Flügel habe ich schon gesehen und gehört. All das macht die Plätze quirlig und lebendig (wobei man sich natürlich immer vor Taschendieben hüten sollte) und verschafft der ganzen Stadt ein gutes Image.
Auch Köln hat so einen Platz, oder besser, so eine Gegend: Es ist die Domumgebung, also die große Freitreppe, die zum Bahnhof führt, der Domvorplatz mit dem angrenzenden Walraffplatz, der Roncalliplatz im Süden und im Osten der Durchgang vorbei am Museum Ludwig hin zum Heinrich-Böll-Platz. Wenige Tage, nachdem das Ordnungsamt mit einem Auftrittsverbot der Seifenblasenkünstler auf sich aufmerksam gemacht hat, landen seine Mitarbeiter nun einen neuen Coup:

(Google Earth)
Auf genau diesen Plätzen, die ich aufgezählt habe (rot eingekreist), soll jegliche Aktivität von Künstlern ganzjährig und komplett verboten werden, damit Gottesdienste und Kirchenveranstaltungen nicht gestört werden. 10.000 Menschen besuchen täglich den Kölner Dom – gern gesehene Gäste, besonders wenn sie ein wenig Geld dalassen, für eine Kerze oder im Opferstock. Die sind natürlich alle immer mucksmäuschenstill, man könnte eine Stecknadel fallen hören – wenn da nicht die lauten Klickgeräusche der Touristenkameras wären, die auf dem Vorplatz ein Living Doll fotografieren, oder der Geiger, der auf dem Walraffplatz einen Walzer fidelt, und da die Kirchenwände aus Pappe sind … während des Gottesdienstes dröhnt die Orgel, oder alle singen lauthals, oder der Mann im Kleid vorn an der Kanzel schwingt Reden über die Lautsprecheranlage, so daß man ihn sogar hört, wenn man draußen steht, aber das soll natürlich nicht verboten werden.
Von dem Verbot auch ausgeschlossen sind selbstverständlich der Weihnachtsmarkt und andere kulturelle Großereignisse am Dom – solche Veranstaltungen spülen Millionen in die Stadtkasse.
Vielleicht, liebe Frau Oberbürgermeisterin, sollten wir wieder zurückkehren zu der jahrzehntelangen Übung, den Verwaltungsmitarbeitern ein Schmerzensgeld fürs bloße Dasein zu zahlen? Dann denken sie sich wenigsten nicht einen solchen Schwachsinn aus.
Rheinpromenade
In Köln ist Umweltverschmutzung ab sofort verboten, vom Ordnungsamt. In der Stadt dürfen nur noch Elektroautos fahren, alle Hausbesitzer sind verpflichtet, auf erneuerbare Energien umzusteigen, die unfallanfällige chemische Fabrik in Leverkusen wird geschlossen und südlich von Köln, in Wesseling, wird die große Erdölraffinerie, die durch marode Leitungen einen riesigen unterirdischen Ölsee erzeugt hat, zur Verantwortung gezogen, die Fabrik wird abgebaut.
Und außerdem werden natürlich die Seifenblasenkünstler verboten, also das, was sie machen, bei Zuwiderhandlung droht eine Buße von 510 Euro – daß die benutzte Seifenlauge biologisch abbaubar ist, spielt keine Rolle.
Was glaubt ihr, welche von den Aussagen ist geflunkert, und welche ist wahr?
Nicht nur die Kinder, alle Zuschauer sind wütend über das Spektakel, man sieht es in ihren Gesichtern, und Pegida überlegt, ein deutschlandweites Seifenblasenverbot in ihren Forderungskatalog aufzunehmen. Ein Glück, daß das Amt endlich für Recht und Ordnung sorgt! Köln – eine Stadtverwaltung ist Avantgarde!
Urlaub in Würzburg (2)
Fast ein Drittel der 125.000 Einwohner Würzburgs sind Studenten, von denen viele Mitglieder von Studentenverbindungen sind, die Stadt gilt als eine Hochburg von Burschenschaften, von denen ca. die Hälfte schlagende Verbindungen sind, d.h., ihre Mitglieder versuchen, sich mit Säbeln gegenseitig Schmisse ins Gesicht zu schneiden, die dann mit Stolz getragen werden. Tja, es gibt idiotische Rituale, die nie eingehen.
Gesoffen wird bei diesen Veranstaltungen wahrscheinlich auch wie seit eh und je, aber man bleibt unter sich. Hier ist (noch) nicht viel los …
… am nächsten Tag um so mehr: Ein Weinfest, getrunken wird natürlich der berühmte Frankenwein.
Da man für den Rest des Jahres nicht auf das Getränk verzichten will – einen guten Grund, das Glas zu heben, gibt es immer – ist es inzwischen Brauch, sich auf der steinernen Brücke gegen Abend ein, zwei Schoppen zu genehmigen. Der „Abend“ beginnt bereits am frühen Nachmittag, der Wein kommt aus einer Zapfanlage – eine Goldgrube für die beiden Weinstuben.
Wir haben es auch ausprobiert, aber wirklich abends – nicht übel, eine angenehme Stimmung.
Wer keinen Wein mag, kann auch Seelen kaufen, im Angebot. Es soll ja immer wieder Leute geben, die ihre Seele verkaufen, in der Politik häufig anzutreffen – hier gibt’s billig Nachschub. Tatsächlich sind hier Bioeiskugeln gemeint. Merkwürdig, aber lecker.
Eine „living doll“ zählt die mageren Einkünfte, ich befürchte, es wird nicht reichen, weder für Seelen noch für Wein.
Etwas weiter stomabwärts, beim „Alter Kranen“ (ist klar, wieso das so heißt, oder?), sitzen die Studenten gern, so erzählt man uns, trinken Bier aus Flaschen und …
… verputzen wagenradgroße Pizzas, die man oberhalb der Promenade in einem weitläufigen Biergarten kaufen kann.
Wer seine Ruhe haben will, findet hier einen Platz: Die Altstadt ist von einem Grüngürtel umgeben, da, wo früher die Stadtmauer stand, hat man nach der Schleifung Parks angelegt, allerdings, ähnlich wie in Köln, in unterschiedlicher Breite und sehr oft von Ausfallstraßen durchbrochen, so daß kein sehr einheitlicher Eindruck entsteht (das schönste Beispiel eines solchen Grüngürtel habe ich in Krakau gesehen).
Aber trotzdem schön. An einer Stelle gibt es mehrere Stelen, mit denen die Stadt ihren Stolz auf die vielen Nobelpreisträger ausdrückt, 14 an der Zahl, die hier an der Universität gelehrt haben.
Wilhelm Conrad Röntgen war 1901 der erste von ihnen, der den Nobelpreis bekommen hat. Das Zitat braucht einen nicht zu wundern, wenn man weiß, daß Röntgen nie einen Schulabschluß gemacht hat – daß er später in Zürich studieren konnte, verdankte er den dortigen Zulassungsbestimmungen: Er bestand eine Aufnahmeprüfung.