Sachbeschädigung als Kunst

Heute hat mir ein Kollege einen Witz erzählt: Was grenzt an Dummheit? – Im Norden Kanada, und Mexiko im Süden. Ich befürchte, uns wird das Lachen noch vergehen.

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In letzter Zeit sprechen Journalisten und Politiker öfter mal von einer „postfaktischen“ Zeit, in der wir immer mehr leben. Postfaktisch heißt: Es kommt nicht mehr auf Fakten an, es sind allein die Gefühle, die eine Rolle spielen. Es ist kaum anders zu erklären, wieso der notorische Lügner und rücksichtslose Betrüger Trump bei nachweislich dreiviertel seiner Wahlkampfaussagen die Unwahrheit behaupten kann und trotzdem zum Präsidenten gewählt wird. Die Welt ist ein Gefühl, Vernunft ist lästig und wird ausgeblendet.

In Köln weiß man das schon lange: „Kölle es en Jefööhl!“, den Spruch kann man sogar auf Kaffeetassen kaufen. Der Flyer der Stadtverwaltung (oben) gibt Tipps dafür, wie man sich verhalten soll, wenn verbrecherische Graffiti-Sprayer ihrem verwerflichen Tun nachgehen: „Alarmieren – Fotografieren – Anzeigen – Beseitigen“ sind einige der Überschriften über kurzen Erläuterungen, in denen Sätze auftauchen wie: „Das erste derartige Machwerk ermutigt Nachahmer … Farbschmierereien verstoßen gegen das  Gesetz, verschandeln die Stadt und machen vielen Menschen Angst.“ Machwerk, Schmiererei, Verschandelung, Angst!! Man traut sich kaum noch, seine Wohnung zu verlassen angesichts solcher Verbrechen.

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Dieser Flyer kommt auch von der Stadtverwaltung. Er lud ein zu einer Fotoausstellung des Hobbyfotografen Helmut Nick, der schon seit ein paar Jahrzehnten Kölner Graffiti-Kunst dokumentiert. Die Ausstellung fand im September und Oktober in den Fluren der Volkshochschule statt, die sich wiederum im Bezirksrathaus (!) Lindenthal befinden. Auf dem Flyer steht: „Erkundet hat er [Helmut Nick] das ganze Stadtgebiet und die Graffiti-Kultur in ihren unterschiedlichen Facetten dokumentiert. Die Ausstellung ist ein beeindruckendes Stück Stadtgeschichte und zeigt darüber hinaus eindrucksvoll, wie sich die Kunstrichtung über die Jahrzehnte verändert hat.“ Unten drunter: Das Logo der Stadt Köln, die Oberbürgermeisterin.

Die KASA, ein Zusammenschluß von fast 40 Kölner Einrichtungen, Verbänden und Institutionen, darunter auch die Stadtverwaltung, macht übrigens immer noch Jagd auf die, die diese „eindrucksvolle Kunstrichtung“ hervorbringen, um sie zu kriminalisieren.

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Die Ausstellung mit ca. 150 Werken war ganz schön, nur die Lichtverhältnisse waren schlecht in den Fluren, deshalb habe ich kaum Fotos gemacht. Die beiden Beispiele, die ihr hier seht, sind von dem großartigen Künstler Klaus Paier, der sich auch „Aachener Wandmaler“ nannte.“Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ (von 1995) – eine Aussage, die leider immer noch aktuell ist angesichts der immensen deutschen Waffenexporte. Diese beiden Kunstwerke sind leider schon lange vernichtet, wie auch die meisten anderen, die der Künstler geschaffen hat. In Aachen sind aber sogar zwei seiner Bilder von der Stadt unter Denkmalschutz gestellt worden. Klaus Paier hat zuletzt in Köln gelebt, bevor er 2009 starb. Ein paar seiner Werke habe ich damal fotografiert, ihr könnt sie hier betrachten.

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12 Antworten zu “Sachbeschädigung als Kunst

  1. Schmunzel, es kommt eben immer auf den Blickwinkel an
    Die weiße Wand eines Supermarktes wurde immer wieder …unschön.. bemalt, musste jedesmal aufwändig gesäubert werden . Bis man sich entschied einen Grafittikünstler zu beauftragen das Firmenlogo dort zu interpretieren. Denn der Ehrenkodex gilt Ein Grafitti bemalt man nicht!

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    • Genau, erst verfolgt man sie und bringt sie in den Knast, später schmückt man sich mit ihren Werken, weil es gut ankommt.
      Stimmt, das habe ich auch schon gelesen, daß Graffitikünstler sich wechselseitig respektieren, allerdings auch, daß ein legales Graffito in der Sprayerszene nicht den gleichen Wert hat wie ein illegales.

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  2. Als wir noch jünger waren, unsere Generation meine ich, fanden wir die Welt oft zu kalt und wünschten uns mehr Gefühl. Wenn wir geahnt hätten, wie gründlich so was schief gehen kann…
    Aber vielleicht würde dem Land der Dummheiten ein neues aufwallendes Gefühl helfen: to grab him by the balls and throw him over his new built wall. People on the other side would love to give him what he needs most.

    Und Köln hat anscheinend mit dem Jeföööhl auch gleich sein Hirn verabschiedet. Aber als regelmäßige Leserin deines Blogs ist das allerdings auch nur ein Kapitel von vielen.

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    • Er weckt die niedrigsten Gefühle bei denen, wo sie sowieso schon dicht unter der Oberfläche schlummern: Haß, Neid, Gier, Mißgunst. Die Leute fühlen sich glänzend verstanden: Endlich mal einer! Wer fragt da noch nach Fakten?

      Wenn man in Köln täglich Zeitung liest, regt man sich bald über gar nichts mehr auf, der tägliche Irrsinn stumpft einen ab;-)

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  3. „Postfaktisch“ ist so ein Modewort. Ich glaube, es erstmals in der NZZ gelesen zu haben. Der Autor meinte aber ausdrücklich nicht die Opfer von Politik, sondern die politische Klasse, zitierte einen Berater von Bush, dass man beliebig Wahrheiten schaffe, und während der Journalist sich noch mit der Suche nach den Fakten, dem Entlarven der Lüge beschäftige, habe man schon neue Wahrheiten geschaffen, abseits der Fakten, allein weil man die Macht habe. Dass es so ist, scheinen viele Menschen zu spüren. Sie sind nicht einverstanden damit, wie ihre Welt vor ihren Augen umgebaut wird und wünschen sich andere Verhältnisse zurück. Dem Journalismus trauen sie auch nicht mehr, weil er zu offen mit den Mächtigen paktiert. Dass sie aber ihr Heil gerade bei Leuten wie Trump suchen, ist ein Phänomen. Aber ähnlich wie die rechten Populisten in Europa verspricht er den Leuten ja eine Politik als Alternative zum politischen Establishment.. Dass er aber nicht anders verlogen handeln wird als seine Vorgänger, merken sie wohl zu spät.
    Über den Witz musste ich schmunzeln. Doch die „Dummheit“ der Wähler ist die dumpfe Ahnung, von Leuten wie den Clintons verarscht zu werden, was ja auch schon wieder Einsicht voraussetzt.
    Schön übrigens, dass du an Klaus Paier erinnerst, den ich vermutlich persönlich kannte. Er saß manchmal bei uns Kunststudenten in der Cafeteria und schwieg. Dass er der Aachener Wandmaler war, wussten wir damals nicht. Ich erkannte ihn Jahre später in einem TV-Interview. Vorher allerdings hatte einer meiner Profs in einer Kunstzeitschrift ein Interview mit Paier und seinem Freund Stöhr veröffentlicht, dort Max und Moritz genannt.

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    • Das ist wirklich ein Phänomen: Er lügt unverfrorener und offener als die etablierten Politiker, aber genau das schätzen seine Anhänger so an ihm, diese hemdsärmlige Offenheit und Durchschaubarkeit. Daß sie letztendlcih gar nichts davon haben, im Gegenteil, das merken sie dann irgendwann später, wenn sie unsanft auf dem – ganz faktischen – Boden der Tatsachen landen.
      Ah ja – mal sehen, ob ich das Interview finde. Wenn Du wieder in Aachen wohnst, mußt Du die beiden denkmalgeschützten Graffiti für mich fotografieren, wenn Du mal Zeit hast, die fehelen mir in meiner Sammlung.:-)

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      • Das Interview stand glaube ich Anfang der 1980er Jahre in der Zeitschrift Kunst & Unterricht. Ich habs noch irgendwo in meinem Papierarchiv, aber vermutlich im Keller. Was man über Paiers Arbeitsweise weiß, stammt meines Wissens daraus. Interessanter Weise war der Interviewer der Deutsch-Didaktiker Ernst Nündel, ein interessanter Mann, der sich auch viel mit Schwitters beschäftigt hat. Einer meiner Schüler hat als Projektarbeit auch Anfang der 80er Paiers Wandbilder dokumentiert, leider nur S/W. Aus der Dokumentation stammt das Foto „es eilt“, das ich in diesem Texthttps://trittenheim.wordpress.com/2016/11/02/husch-husch-vom-ueberschlag-der-ereignisse/ veröffentlicht habe. Dir geht es vermutlich um „Zwischen den Jahren“ und „Liebespaar.“ Die habe ich leider nicht. Meinen Umzug habe ich jetzt auf den Frühling nächsten Jahres verschoben. Also dauert es noch was, bis ich die Bilder fotografieren kann.

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        • Danke für die Informationen, mal sehen, ob ich das finde.
          Ja, genau, Dein Eintrag mit dem Wandbild von Paier hat mich erst daran erinnert, daß ich ja immer noch von der Ausstellung erzählen wollte.

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  4. die kölner stadtoberen scheinen an einer störung in der wahrnehmung zu leiden.
    zum einen werden sprayer kriminalisiert, zum anderen als künstler geehrt.
    damit machen sie sich prima unglaubwürdig.
    „postfaktisch“ ist mir beim zeitunglesen auch schon aufgefallen.
    es wurde in den kommentare schon gut beschrieben, erst wird eine lüge in die welt gesetzt, die fakten werden dann später zurechtgebastelt, meist bleibt die lüge.

    ich frage mich ja wie man mit gefühlen regieren kann, mir wurde das nämlich zum verhängnis, du kennst ja meinen aussteig aus der linken, war wohl doch in der falschen partei… harhar.

    wie gut, dass ich nicht in köln lebe, denen würde ich gepfefferte leserbriefe ob der spayerkunst und kriminalisierung schreiben.

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